Was bedeutet "Romantik"?

Felix Meritis · 40 Beiträge · letzte Antwort von Dr. Holger Kaletha

40 Beiträge

  • Kann das daran liegen, dass hier die Unterschiede deutlicher hörbar sind? Oder, sind sie es vielleicht gar nicht?

    Warum sollte das immer so sein? Das barocke Gestaltungsprinzip ist schließlich das ältere - das "klassische" hat sich historisch erst später durchgesetzt. Auch da gibt es Übergänge und entsprechend ein Abgrenzungsproblem, ähnlich wie zwischen Klassik und Romantik.


    Beste Grüße
    Holger

  • Puh. Ich versuche die Beschreibung der "Romantik" nicht zu verkopft zu sehen, da ich glaube, dass es sehr subjektiv und damit emotional belegt ist. Eine genaue Jahresangabe oder ein architektonisches Winkelmaß verbinde ich damit weniger. Zumal gesellschaftliche Vorlieben, Definitionen und Beschreibungen immer nur punktuelle Momentaufnahmen sein können, ein Komponist aber durchlebt von einem ersten bis zu einem letzten eben viele Momente. Während dem einen endlich nach Jahren ein romantisches Konzertstück gelungen ist, tüftelt der andere bereits an völlig neuen Hörgewohnheiten. Da beides gleichzeitig im selben Jahr passiert, sind doch nicht beide Werke über dieses zu definieren.


    Wenn ich das Wort "Romantik" vernehme, befinde ich mich gedanklich sofort im Italien des "Aus dem Leben eines Taugenichts". Diese Bilder verbinde ich emotional mit dem 3. Satz der 9. Sinfonie Beethovens. Das ist seit 35 Jahren so und wird sich nicht durch Wortneudefinitionen bei mir ändern.
    Mein Banknachbar verbindet mit "Romantik" vielleicht "die Schottische" von Mendelssohn mit Novalis oder E.T.A. Hoffmann.
    Ich halte Romantik daher für eine Bauchsache, zumindest im Kontext eines sich verwischenden Zeitfensters.

  • darf ich folgenden Ansatz anbieten: http://www.pohlw.de/literatur/epochen/romantik.htm


    zuerst war die literarische Strömung, danach wurde der Begriff in die Musik übernommen.


    ich möchte auch technische Merkmale der Romantik aufzeigen:


    Vereinfachung der Form - die strengen Modulationen der Sonatenform, bzw. die Einschränkungen wurden bereits von Beethoven immer wieder durchbrochen. Formale Freiheit ist ein Charakteristikum.


    Verwendung aller Tonarten und neue Modulationsweisen, Beginn der Enharmonik. ich vermute, dass die gleichschwebende Stimmung (also jenes System, bei dem nur die Oktaven reine Intervalle sind!) erst um 1800 wirklich verwendet wurde. und zwar, weil ich einmal die Werklisten der klassischen Komponisten durchsucht habe... es fällt auf, dass Tonarten mit 5 und 6 Vorzeichen sehr selten sind, aber ab Schubert, Chopin etc. sehr häufig auftreten.


    in Frankreich wurde ein neues Musikschulsystem eingerichtet, dessen Grundlagen in ganz Europa Fuss fassten. Statt der alten Handwerksschulen wurde eine neue Pädagogik entwickelt, die auch grossen Einfluss auf die Aufführungspraxis hatte. (Übergang zum Legatospiel und hohe technische Ansprüche.)
    um 1800 entstehen sehr viele Lehrwerke, die alle denselben stufenartigen Aufbau besitzen... das Üben mit Metronom hat damals begonnen (Mälzels Erfindung war 1815) und eine neue Virtuosität, die an die menschlichen Grenzen ging wurde auf allen Instrumenten entwickelt.


    in der deutschen Romantik gab es den Bruch zwischen jenen Komponisten, die dem Inhalt alles unterordneten (Liszt, Wagner...) und anderen, die versuchten, die herkömmlichen Formen weiterzuentwickeln bzw. beizubehalten.
    Der Einfluss Wagners in anderen Ländern Europas war gross, aber ich würde daraus keine Einteilungen ableiten.


    Charakteristisch für die Romantik ist auch die Bedeutung der Volksmusik. Klassische Kompositionen sind eher davon abgegrenzt oder abgehoben.
    Klassik ist eher Musik der Adeligen, Romantik Musik des Bürgertums.

    Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
    (frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

  • Mit Tastenwolfs Punkten stimme ich weitgehend überein. Auslöser dieses Threads war eine Diskussion andernorts über "Klassizismus", einen der für mich schwammigsten Begriffe überhaupt. Ich halte in der Musik Klassik und Romantik weiterhin für eine einzige Epoche (analog dem vielgestaltigen Barock), innerhalb derer er es zu gewissen ästhetischen Verschiebungen kam. Den Begriff Klassizismus, der ja einen Rückgriff auf die Klassik impliziert, sehe ich vor allem deshalb kritisch, weil eine nähere Beschäftigung mit der Musik des 19. Jahrhunderts zeigt, dass Komponisten, die sich von den klassischen Leitlinien des Komponierens abwandten eine relativ kleine Minderheit waren (hauptsächlich Wagner, Berlioz, der frühe Schumann und Liszt) während die der Klassik verbundenen Komponien eine klare Mehrheit bildeten, und zwar nicht nur im deutschsprachigen Raum. Für mich sind Mendelssohn, der spätere Schumann, Brahms und etwa Saint-Saens keine "Klassizisten" sondern eher Klassiker im eigentlichen Sinne. Was allerdings mit Mendelssohn beginnt ist ein gewisser "Barockismus", der vor allem auf Bach zurückgreift.

  • Charakteristisch für die Romantik ist auch die Bedeutung der Volksmusik. Klassische Kompositionen sind eher davon abgegrenzt oder abgehoben.

    Haydn und Beethoven haben hunderte von Volksliedern arrangiert...



    Zitat

    Klassik ist eher Musik der Adeligen, Romantik Musik des Bürgertums.

    Dieser Übergang beginnt schon um die Mitte des 18. Jhds. Das Scheitern der italienischen Oper und der Siegeszugs von Händels Oratorien in den 1740ern wird oft als ein Anzeichen für eine eher bürgerlich dominierte Musikszene gesehen.
    Zwar waren auf dem Kontinent noch zu Beethovens (und gar Wagners) Zeiten Adlige wichtige Mäzene. Aber die Musik ist sozial weit eher in der Hausmusik des Bürgertums und dem öffentlichen Konzert verankert als in der Hofmusik der Fürsten wie im Barock.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Haydn und Beethoven haben hunderte von Volksliedern arrangiert...



    Dieser Übergang beginnt schon um die Mitte des 18. Jhds. Das Scheitern der italienischen Oper und der Siegeszugs von Händels Oratorien in den 1740ern wird oft als ein Anzeichen für eine eher bürgerlich dominierte Musikszene gesehen.
    Zwar waren auf dem Kontinent noch zu Beethovens (und gar Wagners) Zeiten Adlige wichtige Mäzene. Aber die Musik ist sozial weit eher in der Hausmusik des Bürgertums und dem öffentlichen Konzert verankert als in der Hofmusik der Fürsten wie im Barock.


    Diese Einwände hätte ich auch vorgebracht, allerdings lässt sich nicht leugnen, dass das Bürgertum in der "Romantik" eine viel größere Rolle für die Kunstmusik spielte als im 18. Jahrhundert, sogar in England, das - so wie in allen soziokulturellen Bereichen - Vorreiter war. Die Volkskunst gewinnt im 19. stark an Einfluss gegenüber früheren Epochen, vor allem beflügelt durch Projekte wie "Des Knaben Wunderhorn".

  • Die Volkskunst gewinnt im 19. stark an Einfluss gegenüber früheren Epochen, vor allem beflügelt durch Projekte wie "Des Knaben Wunderhorn".


    Das sehe ich auch so. Die Romantik hat natürlich viele Motive aus dem 18. Jhd. aufgenommen. Die Wertschätzung des Volkslieds geht letztlich zurück auf Rousseau - der einen immensen epochalen Einfluß hatte. In der Romantik steigert sich das - man komponiert im Volksliedton, fälscht sogar ganze Volksliedsammlungen oder gibt - wie in "Des Knaben Wunderhorn" neu komponierte Gedichte im Volksliedstil als Volkslieder aus und mischt sie unter die originalen bzw. bearbeiteten.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Die Strömungen in den verschiedenen Künsten (und die soziale/politische) Entwicklung laufen eben nicht synchron. Das Interesse am "Volkston" gab es schon um 1770 mit Herder oder auch den Ossian-Fälschungen. Und als exotische Elemente gibt es Dudelsack-Imitationen u.ä. schon im Hochbarock.


    Und "populär" musste in gewisser Weise schon Mozarts und Haydns Musik weitaus eher sein als die Kirchen- und Hofmusik des Barock, weil sie eben zahlendes Publikum ziehen sollte.
    Andererseits gibt es auch eine Entwicklung, die spätestens bei Beethoven deutlich wird, zu radikaler Musik, die sich erstmal sehr wenig um Popularität schert.
    Dennoch kann man wohl auch mit Recht geltend machen, dass die Klassik weit eher "aufklärerisch" an ein Publikum gewendet ist: Mozarts "viva la libertà", Zauberflöte, Beethovens Eroica, Fidelio und 9. Sinfonie. Dagegen zeigen sich in der Romantik in gewisser Hinsicht sowohl die Resignation der politischen Restauration als auch die allgemeineren Zweifel am "kalten Rationalismus" der Aufklärung.


    Bei vielen Künstlern durchdringen und überlappen sich solche Einflüsse, dass man kaum pauschale Antworten geben kann. Und wie sich so etwas in musikalischem Ausdruck oder gar Technik niederschlägt, ist noch mal eine andere Sache.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Dennoch kann man wohl auch mit Recht geltend machen, dass die Klassik weit eher "aufklärerisch" an ein Publikum gewendet ist: Mozarts "viva la libertà", Zauberflöte, Beethovens Eroica, Fidelio und 9. Sinfonie. Dagegen zeigen sich in der Romantik in gewisser Hinsicht sowohl die Resignation der politischen Restauration als auch die allgemeineren Zweifel am "kalten Rationalismus" der Aufklärung.


    Das stimmt teilweise sicher, aber Komponisten der Romantik, die viel für Laienchöre und Amateure geschrieben haben, für die breite bürgerliche "Masse" also, sehe ich auch in der Tradition der Aufklärung. Mendelssohn, Schumann und Brahms gehören da für mich auf jeden Fall dazu (ganz zu schweigen von den zahllosen Komponisten, die heute nicht mehr allgemein bekannt sind). Ansonsten ist anzumerken, dass die "nicht-klassischen" Romantiker nur in Ausnahmefällen wegen der poitischen Restauration "resignierten". Eigentlich fiele mir nur Wagner ein. Andere waren entweder apolitisch (Liszt) oder sogar ultrareaktionär (Berlioz, Mussorgsky). Dafür war Spohr - der bürgerlichste aller Romantiker - ein richtiger Revolutionär. Schumann und Mendelssohn, obwohl von gegensätzlichem Temperament, waren beide gemässigt liberal.

  • Man vergißt immer leicht, daß sich die Romantiker selbst nie im Gegensatz zur Klassik definiert haben. Die Alternative klassisch-romantisch, isbesondere der Beethoven-Kult, die Auffassung seiner Musik als antidekadente, antiromantische Klassizität, ist eine Geburt der neuen Sachlichkeit des 20. Jhd. Die Romantiker selbst haben die Klassiker dagegen aufs Podest gehoben - für E.T.A. Hoffmann war Beethoven ein "rein romantischer" Komponist! Daß die Romantik irrational sei, ist ein zwar verbreitetes, aber falsches Klischee. Die Romantik ist nicht gegen Rationalität, sondern nur gegen eine besondere Form von Rationalität, das zweckrationale Denken der Aufklärung, etwa Musikhören als Mittel zum Zweck moralischer Erbauung oder zum Genuß und Vergnügen zu betrachten.


    Schöne Grüße
    Holger

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