Sigrid Kehl - vom Mezzo zur Hochdramatischen

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    Sigrid Kehl (* 23. November 1932 in Berlin) ist eine deutsche Opernsängerin.
    Debütierte 1956 an der Staatsoper Berlin und kam ein Jahr später an die Leipziger Oper, wo sie sich zur führenden hochdramatischen Sopranistin der damaligen DDR entwickelte. Sie war 1974 Brünnhilde in dem von Joachim Herz inszenierten Ring des Nibelungen in Leipzig.
    Gab zahlreiche Gastspiele, v.a. in den ehemaligen Ostblockländern, auch in Wien (Ortrud, Venus) und Venedig. 1988 erfolgreiche Herodias in R. Strauss' Salome an der Dresdner Staatsoper.
    Sigrid Kehl beendete 1989 ihre Karriere und unterrichtete in Leipzig. Sie wurde zum Ehrenmitglied des Leipziger Opernhauses ernannt.

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

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    Anlässlich des 90. Geburstages von Sigrid Kehl am 23. November 2019 möchte ich diesen Thread hervorholen, der in den zurückliegenden zehn Jahren ein unbeachtetes Dasein gefristet hat. Es sind zunächst einige Ergänzungen notwendig. Nach ihrem Studium an der Berliner Musikhochschule wurde die Sängerin in das Nachwuchsensemble der Lindenoper aufgenommen. In diesem Rahmen erfuhren besondere Bergabungen zusätzliche Förderung. Zuerst ist sie 1957 an diesem Haus als eines der Plowetzer Mädchen im zweiten Akt von "Fürst Igor" aufgetreten. Es folgte im selben Jahr eine Verpflichtung ans Opernhaus Leizpzig, dem sie bis zum Bühnenabschied verbunden blieb. Mit dem von Joachim Herz inszenierten "Ring des Nibelungen" erweiterte sich ihr Rollenspektrum. Im "Rheingold", das am 7. April 1974 Premiere hatte, sang sie noch die Fricka. In der "Walküre", die erstmals am 9. September 1974 über die Bühne ging, war sie dann die Brünnhilde. In dieser Rolle wirkte sie auch in "Siegfried" (25. Oktober 1975) und in der "Götterdämmerung" (28. März 1976) mit. Der Erfolg war groß. Kein Glück hatte das Haus mit dem Sänger des Siegfried, dem Australier Jon Weaving (1931-2011), der stimmlich der Partie nicht gewachsen war. Einmal sang für ihn Herbert Becker aus dem Orchestergraben.


    Vorschlag an die Moderatoren: Vielleicht könnte die Überschrift in "Sigrid Kehl - vom Mezzo zur Hochdramatischen" geändert werden. Danke.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Reinhard

    Hat den Titel des Themas von „zum 80. Geburtstag von Sigrid Kehl“ zu „Sigrid Kehl - vom Mezzo zur Hochdramatischen“ geändert.
  • Vielleicht könnte die Überschrift in "Sigrid Kehl - vom Mezzo zur Hochdramatischen" geändert werden. Danke.

    Guter Vorschlag - und deshalb sofort ausgeführt.

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Sigrid Kehl hat in ihrer langen und überaus erfolgreichen Karriere realaiv wenige Tondokumente hinterlassen, die nicht einmal alle auf CD gelangt sind. Ihre etwas herbe, schnörkellose Stimme ist auf einer LP aus der Reihe "Opernabend mit ..." des DDR-Labels Eterna umfassend eingefangen. Nach meinen Informationen sind die Aufnahmen 1970 gemacht worden. Paul Schmitz, der Dirigent, wirkte damals als Generalmusikdirektor am am Opernhaus Leipzig.


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    Höhepunkt des Programms ist der Schlussgesang der Brünnhilde aus Wagners "Götterdämmerung". Diese Szene war der Vorgriff auf die Gestaltung der Parie in der "Ring"-Inszenierung durch Joachim Herz in Leipzig, die in vielen Punkten die spektakuläre Deutung von Patrice Chéreau 1976 in Bayreuth vorwegnahm. Mit der "Götterdämmerung" fand der Leipziger "Ring" am 28. März 1976 seinen krönenden Abschluss. Die Kehl drückte gemeinsam mit Fritz Hübner als eiskaltem Hagen der Aufführung ihren Stempel auf. Es dirigierte Gert Bahner, der vor gut einem Monat - nämlich am 9. Dezember 2019 - gestorben ist. Die Wirkung auf der Bühne ist mit der Platte nicht zu vergeichen. Man musste die Kehl auch sehen. Sie war eine hoheitsvolle Erscheinung. Ihre Brünnhilde war kontrolliert und kühl. Sie ließ sich niemals gehen, auch stimmlich nicht. Der Schlussgesang ist für diese Box der Platte, die bisher nicht komplett auf CD vorgelegt wurde, entnommen worden:



    Inzwischen auch in dürftigem Sound bei YouTube zu hören:



    Was ist noch zu hören? Zwei Szenen aus der "Frau ohne Schatten" von Richard Strauss. Die Kehl hatte die Amme in Leipzig gesungen und wurde in dieser Rolle auch in der Neuinzsnierung des Werkes durch Harry Kupfer an der Ost-Berliner Staatsoper gefeiert. Ich halte die Amme für ihre beste Leistung, weil sich die ursprüngliche Altistin auf dem Weg zur Hochdramatischen damit überaus wirungsvoll entfalten konnte. Schließlich singt sie noch die Arie der Lady "Nun sinkt der Abend" aus "Macbeth" sowie die Szene der Azucena "Die Hände in schweren Ketten" aus dem "Troubadour" und die große Szene der Küsterin aus "Jenufa" von Janacek in deutscher Textfassung.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Sigrid Kehl ist mir nur dem Namen nach bekannt. Live habe ich sie nie erlebt. In meinem Besitz ist eine Schallplatte von Eterna mit einem Opernquerschnitt aus Don Carlos, da singt sie die große Eboli-Arie "Verhängnisvoll war das Geschenk":



    Beim Hören dieser Aufnahme muß ich Rüdiger zustimmen, daß man ihre Wirkung auf der Bühne besser beurteilen sollte als bei reinen Plattenaufnahmen. Auf Platte und bei deutschen Interpretationen dieser Arie würde ich Margarete Klose bevorzugen.


    Herzlichst La Roche

    Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!

  • Liebe 'Taminos',


    auch mir ist die Sängerin Sigrid Kehl nur durch Rüdigers im Beitrag Nr. 5 genanntes Recital von 1970 und den Querschnitten aus „Die Macht des Schicksals“ (mit Hanne-Lore Kuhse, Martin Ritzmann, Dan Jordachescu, Günther Leib und Theo Adam unter George Singer) und aus dem von 'La Roche' oben gezeigten „Don Carlos“ bekannt; beide Querschnitte erschienen in der BRD seinerzeit auf 'Philips'-LPs. In der Tat hören wir hier eine große, helle und jugendlich klingende Sopranstimme, der die Vergangenheit als Mezzosopran kaum anzuhören ist und die mich im Timbre stark an Marianne Schech erinnert. Die Bekanntheit Sigrid Kehls wäre aber unzweifelhaft größer, wäre die international beachtete und hochgelobte Inszenierung von Wagners „Ring des Nibelungen“ (mit ihr als 'Brünnhilde') an der Leipziger Oper in den Jahren 1973 bis 1976 akustisch und visuell dokumentiert worden.


    Vielen, die diese Produktion von Joachim Herz und Rudolf Heinrich kannten, erschien der sogenannte „Jahrhundert-Ring“ von Patrice Chéreau und Richard Peduzzi bei den Bayreuther Festspielen 1976 fast wie eine Kopie der Leipziger Inszenierung. Denn vor Chéreau siedelte auch Herz das Werk in der Mitte des 19. Jahrhunderts an – also zur Zeit der Entstehung von Wagners Tetralogie – mit der beginnenden Industrialisierung und den daraus resultierenden sozialen Konflikten und geistigen Umbrüchen. Und wie Peduzzi brachte auch Heinrich wesentliche Architektur-Elemente jener Zeit und riesige Maschinen auf die Bühne. Sogar das Finale der „Götterdämmerung“ mit dem überlebenden, ratlos dastehenden 'Volk' auf nahezu leerer Bühne war fast identisch. Die Umsetzung konnte in Leipzig auch deshalb so großartig gelingen, weil man auf ein über die Jahre 'gewachsenes' Ensemble verfügen und ausgiebig ausprobieren konnte - im Gegensatz zu den nur für die Zeit der Proben und Aufführungen zusammen kommenden internationalen Sängern in Bayreuth.


    Ein solches unverzichtbares Element der Leipziger 'Kollektive' war Sigrid Kehl, 1929 in Berlin als Tochter eines Ingenieurs geboren und von 1949 bis 1951am Thüringischen Landeskonservatorium in Erfurt ausgebildet mit anschließendem Studium (Gesang und Klavier) bis 1956 an der Deutschen Hochschule für Musik 'Hanns Eisler' in Ost-Berlin. Danach war sie Mitglied im Nachwuchsensemble der Deutschen Staatsoper, bevor sie 1957 an das Leipziger Theater wechselte und sich dort als genuine Mezzosopranistin sukzessive das Fach des hochdramatischen Soprans 'erarbeitete', was allerdings in ihren letzten Bühnenjahren zu stimmlichen Beeinträchtigungen geführt haben soll. In den Kritiken wurde aber auch stets ihre starke darstellerische Ausstrahlung hervor gehoben; zu den großen Rollen Sigrid Kehls gehörten die 'Eboli', die 'Amneris', die „Fidelio“-'Leonore', die 'Isolde', die 'Brünnhilde' und die 'Elektra'. 1989 nahm sie als 'Küsterin' in der „Jenufa“ in Leipzig ihren Bühnenabschied und gab danach privat Gesangsunterricht. Leider habe ich sie nie live gehört, aber bei Gesprächen mit Hagener Gesangsfreunden wurde ihre 'Elektra' (als Einspringerin in letzter Minute in der Premiere einer Neuinszenierung 1977) noch immer begeistert gerühmt.


    Ein Bekannter von mir, der bis zur Wende Chorist an der Leipziger Oper war und die Sängerin sehr oft auf der Bühne sah, hat mir einige Programmhefte dieses Hauses geschenkt, u. a. auch von Aufführungen mit Sigrid Kehl. Ich möchte daraus nachstehend die Besetzungen des „Rings“ und von „Tristan und Isolde“ nennen, um zu dokumentieren, über welche gesanglichen Kräfte die Leipziger Oper in der Intendanz von Joachim Herz verfügte. Vielleicht ist ein weiterer 'Tamino' unter uns, der diese oder ähnliche Vorstellungen mit Sigrid Kehl gesehen hat und darüber berichten kann.


    „Der Ring des Nibelungen“ (Wagner): Dirigent: Gert Bahner / Bühnenbild und Kostüme: Rudolf Heinrich / Kostüme zur „Götterdämmerung“: Reinhard Heinrich / Inszenierung: Joachim Herz. (Die Premierendaten sind dem ausführlichen „Ring“-Essay im „Opernwelt“-Jahrbuch 1976 - mit zahlreichen Szenenfotos - entnommen.)


    „Das Rheingold“: Wotan – Rainer Lüdeke / Donner – Ekkehard Wlaschiha / Froh – Edgar Wählte / Loge – Günter Kurth* / Alberich – Karel Berman / Mime – Guntfried Speck / Fasolt – Thomas Thomaschke / Fafner – Michael Ludwig / Fricka – Sigrid Kehl / Freia – Jitka Kovariková / Erda – Renate Härtel / Woglinde – Venceslava Hruba (-Freiberger) / Wellgunde – Anne-Kristin Paul / Floßhilde – Liliana Nejtschewa (Premiere vom 7. 4. 1973).


    „Die Walküre“: Siegmund – Günter Kurth* / Hunding – Ekkehard Wlaschiha (Fritz Hübner) / Wotan – Rainer Lüdeke (András Faragó) / Sieglinde – Ursula Brömme (Els Bolkestein) / Brünnhilde – Sigrid Kehl / Fricka – Renate Härtel / Gerhilde – Dimitra Pitsilou / Ortlinde – Irene Tzschoppe / Waltraute – Gerda Hannemann / Schwertleite – Renate Härtel / Helmwige – Wilfriede Günschel / Siegrune – Ruth Asmus / Grimgerde – Rosemarie Lang / Rossweisse – Anne-Kristin Paul (Vorstellung vom 23. 1. 1976) (In Klammern die Sänger der Premiere am 9. 2. 1974.)


    „Siegfried“: Siegfried – Jon Weaving / Mime – Guntfried Speck / Der Wanderer – Rainer Lüdeke / Alberich – Karel Berman / Fafner – Thomas Thomaschke (Bernd Elze) / Brünnhilde – Sigrid Kehl / Erda – Renate Härtel / Stimme des Waldvogels – Inge Uibel (Venceslava Hruba (-Freiberger) (Vorstellung vom 27. 12. 1975) (In Klammern die Sänger der Premiere am 25. 10. 1975.)


    „Götterdämmerung“: Siegfried – Jon Weaving / Gunther – Ekkehard Wlaschiha / Hagen – Fritz Hübner / Alberich – Karel Berman / Brünnhilde – Ingeborg Zobel (Sigrid Kehl) / Gutrune – Ursula Brömme (Hanna Lisowska) / Waltraute – Renate Härtel (Gertrud Oertel) / Erste Norn – Gertrud Oertel (Renate Härtel) / Zweite Norn – Gisela Pohl / Dritte Norn – Irene Tzschoppe / Woglinde – Jitka Kovariková / Wellgunde – Ruth Asmus (Rosemarie Lang) / Floßhilde – Anne-Kristin Paul / Wotans Erscheinung beim Tode Siegfrieds – Rainer Lüdeke / Chorleitung: Andreas Pieske (Vorstellung vom 5. 2. 1978) (In Klammern die Sänger der Premiere am 28. 3. 1976.)


    „Tristan und Isolde“: Isolde – Sigrid Kehl / Brangäne – Ruth Asmus / Tristan – Heribert Steinbach / Kurwenal – Ekkehard Wlaschiha / König Marke – Konrad Rupf / Melot – Rudolf Riemer / Ein Hirt – Helmut Klotz / Ein junger Seemann – Dieter Schwartner / Ein Steuermann – Bernd Siegfried Weber / Chorleitung: Andreas Pieske / Dirigent: Wolfgang Wappler / Bühnenbild und Kostüme: Bernhard Schröter / Inszenierung: Uwe Wand (Vorstellung vom 2. 9. 1984).


    LG


    Carlo


    P. S.

    Der Tenor Günter Kurth (*) ist auch als 'Manrico' zu hören in der (italienisch gesungenen) Erzählung der 'Azucena' im „Troubadour“ auf dem Sigrid Kehl gewidmeten 'Eterna'-Recital. Diese Platte enthält ausserdem noch aus „Die Frau ohne Schatten“ die Eingangsszene 'Amme' – 'Geisterbote' (mit Paul Glahn) und die Szene der 'Amme' mit der 'Kaiserin' im 2. Bild des 1. Aktes (mit Elisabeth Breul), die Arie der 'Lady Macbeth' ('La luce langue') aus „Macbeth“ sowie den Monolog der 'Küsterin' im 2. Akt, 5. Szene, der „Jenufa“ (in tschechischer Sprache). In 'Brünnhildes' Schlussgesang singt Paul Glahn die Worte des 'Hagen': 'Zurück vom Ring!'.

  • ... auch mir ist die Sängerin Sigrid Kehl nur durch Rüdigers im Beitrag Nr. 5 genanntes Recital von 1970 und den Querschnitten aus „Die Macht des Schicksals“ (mit Hanne-Lore Kuhse, Martin Ritzmann, Dan Jordachescu, Günther Leib und Theo Adam unter George Singer) und aus dem von 'La Roche' oben gezeigten „Don Carlos“ bekannt; beide Querschnitte erschienen in der BRD seinerzeit auf 'Philips'-LPs.

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    Diese LP ist bisher nicht auf CD herausgekommen. Sigrid Kehl singt die Preziosilla. Mir ist allerdings rätselhaft, warum auf der westdeutschen Pressung wie ich sie rechts abgebildet habe - es gibt noch mindestens eine andere Ausgabe - die so genannte Einkleidungsszene der Leonore "Die Himmelsjungfrau gnadenvoll den Mantel um mich breite", fehlt.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

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    Zwei Aufnahmen in der Diskographie vin Sigrid Kehl verdienen besondere Erwähnung: Mitschnitte von "Salome" und "Tannhäuser" aus dem La Fenice. Sie sind in der Reihe von Mondo Musica herausgekommen, deren Erlös in den Wiederaufbau des abgebrannten Opernhauses der Lagunenstadt geflossen ist. Der Klang ist nicht berauschend. Die Kehl ist als Herodias und als Venus zu hören, Rollen, die sie auch an ihrem Stammhaus in Leipzig gesungen hat. Beide Dokumenten sind aber auch aus anderen Gründen interessant. Ernst Kozub gibt den Tannhäuser, während René Kollo, der sich die Partie ebenfalls erarbeiten sollte, den Walther singt. Da die so genannte Dresdener Fassung gespielt wird, bleibt Walthers schönes Solo im Sängerkrieg erhalten.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."