Tveitt, Geirr - Komponist aus Norwegen

  • Hallo,


    zum Lebenslauf usw. der Verweis aus Wikipedia. Wer hier im Forum unter "Suchbegriff, Erweiterte Suche" Tveitt eingibt, stößt auf eine ganz erstaunlich große Anzahl von Beiträgen- weshalb ich nun einen extra Thread eröffnet habe und damit einen Hinweis geben kann, sich die Beiträge zusätzlich durch zu lesen, da diese große Detailkenntnis und Vertrautheit mit der Musik von Tveitt verraten.


    Die Suiten Nr. 1 + 2 basieren auf norwegischen Volksweisen der "Hardanger Vidda", die Tveitt gesammelt hat und "recht frei" (so mein Eindruck) verarbeitet und dabei auch sehr "lautmalerische Töne anschlägt". Das betrifft nicht nur die Übertragung von textlichen Überschriften der einzelnen kleinen Sätze, sondern auch die klangliche Wiedergabe norwegischer Volksinstrumente (z. B. Hardangerfidel) durch entspr. Orchestrierung bzw. musikalischen Gestaltungselementen, wie Bordun, Ostinati, Arpeggien.


    Sehr oft ist dabei Bitonaliät zu hören, also die Gleichzeitigkeit von 2 Tonarten. Das gibt einen oft ungewohnten (herben, für mich etwas abweisenden) Klangeindruck, wer von Romantik (und früher) herkommt. Dieser nicht gewohnte Klangeindruck verbindet sich bei mir mit dem ebenso ungewöhnlichen optischen und emotionalen Eindrücken einer Reise durch die Hardanger Vidda, einer weit ausgedehnten Hochfläche im südl. Norwegen.


    Auch wer diese Reiseeindrücke nicht hat, kann sich weite felsige, wenig bewachsene "Fluren" vorstellen, damit in die ungewohnte Harmonik eintauchen und die Einsamkeit von wenig besiedelten Gegenden nachempfinden.


    Viele Grüße
    zweiterbass



    Nachsatz: Ich habe es wieder nicht geschafft, den Text neben dem Cover beginnen zu lassen - wer erteilt mir bitte Nachhilfeunterricht?

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Liebe Taminos,


    fast mit Schrecken sehe ich, dass dieser Thread über Geirr Tveitt noch keine Antwort erfahren hat - Grund genug dies schnell zu ändern und erst einmal das Leben des Komponisten vorzustellen.


    Geirr Tveitt wurde als Nils Tveit (was ihm nicht nordisch genug klang) am 19. Oktober 1908 im norwegischen Bergen als Sohn eines Lehrers geboren. Im Sommer fuhrt Tveitt mit seinen Eltern immer zur Farm in der norwegischen Region Hardangen und genoss das Landleben wie auch das Leben in der Stadt. Während dieser Sommermonate bekam der junge Mann zahlreiche Eindrücke von der Volksmusik, die ihn sehr beeindruckte und dazu veranlasste selber musikalisch aktiv zu werden. So begann er Klavier und Violine zu spielen und auf Anraten Christian Sindings auch zu Komponieren. Bis zu seinem Eintreten im Leipziger Konservatorium 1928 komponierte er autodidaktisch ohne jegliche Kenntnisse auf dem Gebiet. In Deutschland jedoch machte er schnell Fortschritte, nicht zuletzt wegen seiner hervorragenden Lehrer Hermann Grabner und Leopold Wenninger. Diese sahen seine gewagten harmonischen Spielereien und seine Vorliebe für Kirchentonarten zwar oft kritisch, waren aber trotzdem stolz auf ihren Schüler, als erste Werke bei Breitkopf und Härtel veröffentlicht und 1931 sein erstes Klavierkonzert aufgeführt wurde. 1932 ging Tveitt nach Paris und kam in Kontakt Arthur Honegger und Heitor Villa-Lobos, die ihm Kompositionsunterricht erteilten. Bereits hier zeigt sich Tveitt's typische Tonsprache - bitonal, impressionistisch angehaucht, auf Volksmusik basierend und sphärisch zugleich. Nach dem 2. Weltkrieg reiste der nun immer mehr anerkannte Komponist mit seinen Werken durch Europa und präsentierte sie in Klavierabenden und Konzerten. Insbesonders eine Aufführung des 4. Klavierkonzerts "Aurora Borealis" in Paris wurde zu einem großen Triumph. Während seine Werke im Ausland durchaus Erfolg hatten, war seine Anerkennung in der Heimat recht dürftig. Die nach dem 2. Weltkrieg aufkommende Ablehnung sämtlicher nationalistischer Elemente, machte seine Musik sofort unmodern und ließen Tveitt zu einem finanziell unsicheren Isolierten werden. Er komponierte jedoch immer weiter, lagerte seine zahlreichen Manuskripte in dem Farmhaus in Kvam. 1970 kam es dann zur Katastrophe - das Haus brannte ab, und 300, zum größten Teil unveröffentlichte Werke mit ihm. Dies war ein harter Schlag für Tveitt, dessen künstlerisches Vermächtnis zu 4/5 nun für immer verloren war. Die verbrannten Überbleibsel nahm das Norwegian Music Information Centre auf. Nach diesem Schicksalsschlag war Tveitt nur noch sporadisch imstande zu komponieren und verfiel dem Alkohol. Er starb verbittert am 1. Februar 1981 in Norheimsund.


    Unter Tveitt's Werken treten seine Klavierkonzerte (von denen sechs beim Feuer zerstört worden sind), seine Konzerte für Hardanger-Fidel, sowie seine vier erhaltenen Suiten aus "Einhundert Hardanger Melodien" heraus, in denen er schlichte Volksmelodien kunstvoll verarbeitet. Tveitt selber ist heute in Deutschland recht unbekannt. In Norwegen jedoch, wird alle paar Jahre ein Werk von ihm aufgeführt. Das Norwegian Music Information Centre kümmert sich rührig um seinen Nachlass und versucht mit Hilfe alter Aufnahmen und den verbrannten Partiturresten seine Werke zu rekonstruieren. Das Label BIS nahm viele dieser Rekonstruktionen auf.


    LG
    Christian

  • Hallo zusammen,


    Geirr Tveitt (1908-1981)
    Hardanger-Suiten Nr.4 & 5

    Stavanger Symphony Orchestra, Ole Kristian Ruud
    BIS, DDD, 01


    Ich hörte gerade diese wunderbare CD als Erstkontakt mit der Musik von Geirr Tveitt und bin schlicht begeistert und allenfalls ein bisschen traurig, an dieser Musik so lange vorbeigeschlendert zu sein. Die Scheibe gibt es aktuelle noch bei jpc für 6,99 EUR. Das Anhören veranlasste mich zum Kauf der Klavierkonzerte 1 und 4 aus der selben BIS-Serie.


    Viele Grüße
    Frank

  • Geirr TVEITT - Klavierkonzert Nr 1

    Havard Gimse, Piano

    Royal Scottish National Orchestra

    Bjarte Engeset

    NAXOS 8.555077



    Geirr TVEITT ? Nie gehört !!!

    Muss man sich dafür schämen ? - Nicht wirklich.

    Denn der selbsternannte Marktführer unter den Konzertführern , der Harenberg macht es vor, er kennt ihn auch nicht,

    genausowenig wie der "Csampai/Holland" Konzertführer.

    Lediglich Der Covertext der geeigten Naxos-CDbehauptet kühn, es handle sich bei Tveitt um einen der individuellsten und profiliertesten Komponisten Norwegens.

    Gehört habe ich heute das Klavierkonzert Nr 1 von 1928, das dann 1931 uraufgeführt wurde.

    An dieser Stelle vermute ich einen Fehler im Text von Christian Biskup: Bei dem Brand 1970 wurden nicht 6 Klavierkonzerte zerstört, sondern 2 seiner 6.

    Das Konzert ist IMO äusserst beeindruckend, teilweise Geheimnisvoll, lyrisch, dann wieder spielerisch lebendig, stellenweise auch infernalisch (im 3. Satz) aber immer hörenswert, interessant und auf eine eigenwillige Weise "schön" - und "norwegisch - was immer man darunter versteht. Bemerkenswert fand ich auch, wie Tveitt das jeweilige Satzende gestaltet - nämlich eigentlich gar nicht, die Musik bricht abrupt ab. Alles in allem: A MUST !!!

    Kostprobe:


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Denn der selbsternannte Marktführer unter den Konzertführern , der Harenberg macht es vor, er kennt ihn auch nicht,

    genausowenig wie der "Csampai/Holland" Konzertführer.

    Na immerhin "Propyläen - Welt der Musik" widmet ihm einen kurzen Artikel.

    Erstaunt mußte ich fesstellen, daß die von Dir erwähnte CD ungehört in meinem CD-Schrank steht. Das werde ich wohl mal ändern müssen...

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

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  • Erstaunt mußte ich fesstellen, daß die von Dir erwähnte CD ungehört in meinem CD-Schrank steht. Das werde ich wohl mal ändern müssen...

    Bei mir sicher mindestens zweimal gehört und für gut befunden! :thumbup:

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!


  • Auch diese zwei Aufnahmen sind absolut hörenswert. Tveitt ganz eigene Musiksprache verblüfft mich jedesmal. Eigentlich kein Wunder bei Lehrer wie Wellesz, Honegger oder Villa-Lobos. Seine Sprache ist auch hier klar norwegisch geprägt, seine Orchestrierung mehr als interessant.

    Geleitet werden die Einspielungen von Bjarte Engerset, der das Royal Scottish National Orchestra zu einem wunderbaren Ergebnis führt. Das das Ganze auch klanglich überzeugen kann, liegt am hervorragenden Toningenieur Tim Handley und der tollen Akustik der Henry Wood Hall, Glasgow.

  • Geirr TVEITT - Klavierkonzert Nr 5

    Havard Gimse, Piano

    Royal Scottish National Orchestra

    Bjarte Engeset

    NAXOS 8.555077



    War das erste Klavierkonzert von 1928 ein Versprechen, so war das fünfte von 1954 die Erfüllung. Es ist umfangreicher, komplexer und dunamischer und wird zu einem der bedeutendsten Klavierkonzerte eines Noewegischen Komponisten gezählt. Ich würde hier sogar noch einen Schritt weitergehen: Ich halte es für eines der eindrucksvollsten Klavierkonzert der Musikgeschichte. Neben dem norwegischen Grundton sind immer Einflüsse des französischen Impressionismus zu hören. Gewisse Stellen erinnern auch an Holsts "Die Planeten" (Uranus) Stellenweise mit Brachialgewalt finden wir im Mittelsatz lyrische Passagen pur. Tveitt spielte bei der Uraufführung am 12. Mai 1954 im Théâtre des Champs-Elysées, Paris selbst den Solopart, begleitet vom Orchestre Lomourex unter Jean Martinon.

    Der Kritiker von "Le Monde" schrieb damals:"Blitze zucken, ein Orkan wird von seinen Fingern entfesselt"

    Dieses Konzert - und speziell diese Aufnahme davon , möchte ich speziell unserem Mitglied "teleton" ans Herz legen....


    mfg aus Wien

    Alfred


    (Texte teilweise dem Werbetext entnommen)

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Geirr TVEITT - Klavierkonzert Nr 4 "Aurora Borealis"

    Havard Gimse, Piano

    Royal Scottish National Orchestra

    Bjarte Engeset

    NAXOS 8.555077



    Hier das letzte völlig erhaltene Klavierkonzert von Tveit. Es gibt also 3 von den 6: Nr 1-4-5

    Die Nr 3 ist rekonstruierbar, da davon eine Rundfunkaufnahme mit TVEITT am Klavier gibt.

    Ich zweifle an, daß man es je hören wird, ist man doch schon derzeit drauf und dran alles vorhandene

    konsequent zu streichen.....;(

    Das Klavierkonzert Nr 4 -komponiert 1947 - befasst sich mit dem Nachthimmel, der Tveitt schon von jeher fasziniert hat. -und somit auch mit dem Nordlicht.

    Es ist dreisätzig, wobei jedem der Sätze ein Titel verliehen wurde:


    1) Das Nordlicht erwacht über den Herbstfarben,

    2) erstrahlt am Winterhimmel und

    3) verblasst in der hellen Frühlingsnacht.....


    Bemerkensenwert, bis erschreckend ist der hohe Kontrastumfang.

    Von extrem lyrischer Einsamkeit und geheimnisvoller Stille

    bis hin zu extatischen Ausbrüchen der Superlative.


    Hier nun ein Videoclip:



    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Auf der im vorigen Beitrag gezeigten CD finden wir als "Füller" die

    "Variationen über ein Volkslied aus Hardanger"

    für 2 Klaviere und Orchester


    Hier wäre es nützlich sich darüber zu informieren was "Hardanger überhaupt bedeutet. Hier hilft WIKIPEDIA:

    Hardanger ist der Name einer Region im Süden der Provinz Vestland in Norwegen. Hardanger umfasst die Kommunen Ullensvang, Eidfjord, Ulvik, Kvam sowie die Teile von Voss Herad, die früher die Gemeinde Granvin bildeten.


    Das eindrucksvolle Bild ist nur ein Aspekt der wunderbaren Landschaft, man muss nur ein bisschen recherchieren....


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    Zurück zur Musik: eigenartigerweise sind die Variationen mit über 30 Minuten Spielzeit eine Hauch länger als das Klavierkonzert Nr 4. Prinzipiell ist es - von der Einsätzigkeit abgesehen - durchaus als Klavierkonzert für 2 Klaviere zu betrachten, Tveitt bezeichnet es gelegentlich als "Doppelkonzert" Es gilt als von orwegischer Tonsprache geprägt, das Volkslied sollte man kennen um die Variationen erkennen zu können. Indes - die Wirkung ist phänomenal, mit ihrer großen Dynamik, der genialen Orchestrierung, und den perfekt gesetzten Effekten.


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



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