Edward Elgar (1857 - 1934)

  • ... ist hier eigentlich ein nicht so bekannter Komponist.
    Vor Jahren bin ich über eine Bernsteinplatte an das Pomp und Circumstance gekommen. Und über das an seine Oper (?)
    The Starlight Express, die heute noch zu meinen Lieblingsopern (neben Bernsteins Candide) gehört. Kennt ihr die auch?
    (Habe übrigens auch mehrere Platten mit Elgar dirigiert Elgar)

  • Lieber Daskalos,


    ich gebe Dir insofern recht, dass nur einige Werke von Elgar auch einem breiteren Publikum bekannt zu sein scheinen. Neben "Pomp and Circumstances" wären dies: Das Violinkonzert, das Cellokonzert, die Enigmavariationen und vielleicht noch der "Gerontius". Oder habe ich hier was vergessen?


    Herzliche Grüße,


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Hallo Daskalos,


    Nicht zu vergessen wären da noch die drei Symphonien, die Elgar verfasst hat, insbesondere seine erste.


    Eine ausgezeichnete Aufnahme dieser Symphonie ist IMHO die im LSO Live Label erschienene des London Symphony Orchestra unter Sir Colin Davis (Übrigens mal ein interessantes Label-Konzept: die Aufnahmen sind in der Regel aus einer Mehrzahl von Live-Aufführungen zusammengeschnitten - deswegen i.d.R. keine Probleme mit Hustern, etc. und die aufführenden Musiker des LSO verzichten, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, bei diesen Aufnahmen auf eine Vorab-Gage zu Gunsten eines Anteils am Verkauferlös, der gleichzeitig zur Verbesserung der Finanzlage des Orchesters als Ganzes beiträgt):



    Erwähnen sollte man vielleicht auch noch die zwei Aufnahmen der ersten Symphonie des großen Elgar-Dirigenten (und Freundes) Sir Adrian Boult, beide mit dem London Philharmonic Orchestra, zum einen eine Aufnahme aus dem Jahr 1949, erschienen bei Testament, zum anderen eine Aufnahme aus dem Jahr 1976 erschienen bei EMI.


    Gruß


    katlow

  • Ja! Die 1. Sinfonie, z. B. in Soltis Aufnahme - die Einleitung des ersten Satzes ist einfach wundervoll, vielleicht mit einer kleinen Anlehnung an "Pomp and Circumstance".


    Grüße

  • Zitat

    Original von Daskalos
    ... ist hier eigentlich ein nicht so bekannter Komponist.


    Das möchte ich bei der Qualität des Forums stark anzweifeln. ;)



    Sehr gut gefallen mir übrigens die Pomp & Circumstance-Märsche (die berühmten 1 + 4) von der Naxos-Einspielung mit Adrian Leaper.




    Gruß, Peter.

  • Zitat

    Original von petemonova


    Das möchte ich bei der Qualität des Forums stark anzweifeln. ;)


    Lieber Peter,


    ich könnte mir vorstellen, dass Daskalos das nicht auf das Forum bezog, sondern auf den allgemeinen Bekanntheitsgrad Elgars, oder irre ich daß


    Grüße,


    Christian

    Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

  • Hi :-)


    Nigel Kennedy sagt auch einiges Interessantes über Elgar.


    Zitat ( aus Buch "Spielen ist alles", Nigel Kennedy ):


    "Elgar war ein Typ, der sich immer von der Landschaft hat inspirieren lassen. Wenn das Hauptthema zum ersten Mal erklingt [Anm.: gemeint ist wohl "Salut d'amour"] , könnten es vielleicht ein paar allgemein stimmungsvolle Bilder sein, etwa von einem Bahngleis und Wiesen und Hügeln; bei der Wiederholung des Themas sollte dann nachdrücklicher gezeigt werden, worum es ihm geht; diesmal könnte sich der Blickwinkel verengen und sich auf ein Liebespaar auf einer Wiese richten, das ganz offensichtlich sehr glücklich ist und sehr verliebt, mit allem, was sonst noch dazu gehört, eine Flasche Wein und die Reste eines Picknicks. Und, natürlich, kein Glück dauert ewig, was ja stets ein Grundthema ist von Elgars Musik.[...] Genau darum geht es Elgar: er gehört zu den zartfühlendsten, innigsten Komponisten; und diese Szene darf denn auch keinesfalls in der heutigen Zeit spielen, denn ganz viel von dem, was Elgar schreibt, gehört der Zeit an, in der er gelebt hat. Es geht darin so oft um das, was er anderen gegenüber empfindet und was er von der Menschheit überhaupt hält. So ist die Großherzigkeit, die an dieser Stelle seiner Musik aufscheint, mit ein wenig Traurigkeit über die Zukunft übermalt, und das ist in seiner Musik immer wieder so; das macht sie auch so großartig."


    Lord meint: Vielleicht mal Nigel Kennedy + London Philharmonic Orchestra (Vernon Handley ) "Edward Elgar: Konzert für Violine und Orchester in h-moll, op. 61" besorgen.


    Scheint interessant zu sein.


    greetz, Olli.


  • Nobilmente? Was heißt das eigentlich? Ich habe eine starke Vermutung, nämlich daß Nobilmente etwas mit nobel zu tun hat. Wiegesagt nur eine Vermutung, denn italienisch kann ich leider nicht. Jedenfall ist nobilmente bei Elgar eine der verbreitetsten Vortragsbezeichnungen, in der 2. Sinfonie, auch im Violinkonzert. Und nobel ist die Musik von Edward Elgar, sogar sehr nobel, die Noblesse ist sozusagen sein Markenzeichen.


    Edwar Elgar. Kennt man den? Nun ja, er ist immerhin ein Kandidat für das berühmteste klassische Musikstück überhaupt, nämlich seine Pomp und Circumstances Nummer 3. Ich glaube das Stück ist auch unter dem Titel "Land of hope and Glory" bekannt. Ich finde das Stück, das jedermann kennt, gut, mögen auch die Klassikliebhaber darüber die Nase rümpfen. Ich war vor einiger Zeit wieder bei der "Nokia Night of the proms" in Hamburg( weil ich die Karten dort umsonst kriege) und was spielten sie? Rossinis "Diebische Elster" und das Stück von Edwar Elgar. Beim mal davor spielten sie übrigens genau dasselbe und machten zur diebischen Elster dieselben Faxen wie davor. Na ja solche Veranstaltungen in Riesenarenen sind natürlich mehr ein Volksvergnügen und ehrlich gesagt bin ich auch nur wegen der Popmusik hingegangen. Und weil ich die Karten da halt immer umsonst kriege.


    Aber wenn ein Stück eines Komponisten nun so bekannt, berühmt und tausendmal abgespielt ist, verwundert es doch, daß dieser Komponist nicht mehr bekannt ist. Warum, muß man sich fragen, interessiert sich kaum jemand näher für die Musik Edward Elgars, obwohl dieses eine Stück doch so weltberühmt ist?


    Ich mag Edward Elgar sehr. Diese Musik hat Schönheit und Noblesse. Allerdings ist sie nicht gerade einfach, das dürfte ihrer Verbreitung im Wege stehen. Man macht sich eben nicht die Mühe, einen "zweitklassigen" Komponisten näher kennen zu lernen. Und ein bißchen "einhören" muß man sich in seine Werke schon. Und das steht seiner Popularität schon im Wege, denn ich denke, Wagners Tristan hören manche Menschen schon 20 mal, in immer derselben Hoffnung, nun endlich "Zugang" zu dieser Musik zu finden, aber wer macht sich diese Mühe mit Elgar?


    Und seine Sinfonien sind nun mal eindeutig "lang", etwa eine Stunde, enthalten sehr viel Information, und man muß sie öfter hören. Ich würde als Einstieg die erste empfehlen. Hier habe ich die Einspielung mit James Judd, die mir gefällt und die mir vom Penguins Guide empfohlen wurde ( na ja, die Engländer werden ihren Elgar wohl kennen). Die 2. ist aber auch schön, dort habe ich die Einspielung mit dem Downes auf Naxos.


    Das Cellokonzert ist sehr schön. Ich habe eine Doppel CD mit Holst und Elgar, da ist die drauf. Und die Enigmavariationen mit Jochum, obwohl ich in einem Laden mal eine andere Version hörte, die mir sehr gut gefiel, die ich mir aber leider nicht kaufte.


    Das Violinkonzert enthält sehr schöne Themen, aber ich finde es zu lang. Ich habe folgende Aufnahme:



    Vor einiger Zeit hörte ich von Elgar die Sea pictures im Radio, die ich mir auch mitschnitt, nur daß ich vergaß wer die Interpreten waren. Sehr schön.


    Dann habe ich noch das Klavierquartett und das Streichquartett von Naxos ( ich glaube es spielen die Magginis). Das Klavierquartett ist großartig, ich höre es sehr gern.


    Schließlich habe ich noch eine CD mit Elgarschen kleineren Werken. Es handelt sich um unter anderem das Introduktion und Allegro Opus 47, die vom London Festival Orchestra unter Ross Pople auf Arte Nova dargeboten werden. Bei manchen dieser Stücke muß ich dann allerdings schon sagen, daß sie teilweise schon recht triefender Kitsch sind.


    Was sind Eure Erfahrungen mit Elgar? Gibt es da noch großartige Werke die mir unbekannt geblieben sind? Gibt es hier Elgarfans unter uns, die für mich weitergehende Tips haben?


    Gruß Martin

  • Hallo Martin,


    zunächst möchte ich dich auf zwei Threads im Forum hinweisen:


    Sir Edward Elgar: Pomp & Circumstance - 5 Militärmärsche


    Edward Elgar (1857 - 1934) (ich überlege noch, ob wir deinen hier nicht an diesen heranhängen)



    Nun zum Thema.
    Viel kenne ich noch nicht von Elgar, ich habe nur eine Doppel-CD von ihm. Da ist seine 1. und 2. Symphonie drauf, die Konzertouvertüre 'In the South' und zwei der fünf Militärmärsche.
    Die Einspielung ist mit Sinopoli.


    Wie du schon sagtest, sind seine Symphonien nicht ganz einfach und auch ich gehöre zu denen, die Probleme mit ihnen haben. Vielleicht enthalten sie bei meinem/r derzeitigen Stand/Verfassung einfach zu viele Informationen und ich bin zu überfordert und komme mit den Symphonien deshalb nicht so recht klar.


    Ganz anders die Konzertouvertüre 'In the South', welche mir sehr gut gefällt. Allerdings habe ich sie eine Weile nicht mehr gehört und kann nicht näher darauf eingehen. Es lohnt sich für dich aber sicher, dieses Stück kennen zu lernen.


    Das von dir gelobte Cellokonzert habe ich erst gestern live im Konzert gehört, am Cello saß David Geringas.
    Nun, von den ersten Tönen an merkte ich, dass es unglaublich melancholisch ist. Und mir war dies zu extrem! Es gab hin und wieder ein paar Stellen, die mir gefallen haben, aber insgesamt sagte mir das Werk eher weniger zu. Diese Melancholie hat mich einfach erschlagen - das war nicht gut...


    Nun verbleiben noch die zwei Märsche (1 und 4).
    Wie ich finde recht eingängige Werke, birgen keine Schwierigkeiten bei der Aufnahme und sind immer in der Lage mich zu begeistern!



    Liebe Grüße, Maik

    Wie ein Rubin auf einem Goldring leuchtet, so ziert die Musik das Festmahl.


    Sirach 32, 7

  • Der britische Komponist Sir Peter Maxwell Davies war bei einer "Last Night of the Proms" mit einem seiner leichteren Werke vertreten, ich ich glaube, es war die "Orkney Wedding". Danach stand als traditioneller Abschluss einer von Elgars "Pomp and Circumstance"-Märschen auf dem Programm. Davies dankte auf der Bühne für den Applaus - aber vor dem Elgar verließ er demsotrativ das Auditorium. In England war das ein kleiner Eklat. Als Davies vor einigen Jahren in Wien war, fragte ich ihn, was er gegen Elgar habe, so schlecht sei dessen Musik doch auch wieder nicht.
    Darauf erzählte mir Davies, der eine zutiefst pazifistische Einstellung vertritt, dass Elgar nicht nur in sämtlichen Konflikten für die bewaffnete Auseinandersetzung war, sondern auch die britische Polizei dazu aufrief, einen friedlichen Bergarbeiter-Streik mit Waffengewalt zu beenden. Davies' Vater war damals unter den Streikenden. Und Davies hat sich aus diesem Grund geschworen, nur unter Zwang Musik von Elgar zu hören.


    Warum erzähle ich das? - Nun: Weil ich finde, dass diese Geschichte vieles an Elgars Musik erklärt. Sie entwächst IMO einem blinden Patriotismus, zu dem "British Ale" ebenso gehört wie "British Beef" und, geringfügig gefährlicher, "British Arms". In Elgars Musik drückt sich unreflektiert Glanz und Glorie des Empires aus, ohne auf die Opfer Bezug zu nehmen, auf denen dieses Empire errichtet ist.


    So ein Komponist muss fast zwangsläufig Nationalkomponist werden - angesichts dessen, dass vorher nur der etwas zu komplizierte Purcell und der schwächelnde Balfe vorhanden waren.
    Elgars Zeitgenossen waren wohl ebenfalls ungeeignet: Delius, nie ein echter Engländer, sondern von der Abstammung her Deutscher mit großer Liebe zur französischen Kultur, schrieb eine für das Empire zu differenzierte Musik. Und Gustav Holst, der IMO genialste der drei, war mit seiner Hypernervosität und seinem Hang zum Experiment ungeeignet -abgesehen davon, dass er die Indische Kultur verehrte, und zwar nicht auf die Weise, die man seitens des "Herrenvolkes" an den Tag legte (sprich: Kolorit), sondern diese Kultur wirklich in sich aufnahm (Holst lernte sogar Sanskrit, um indische Dichtung lesen zu können!).


    Elgar hingegen war geeignet: Er konnte ein einzigartig hohles Pathos schreiben, das von jedem verstanden wurde. Englands Musik suggerierte: England ist die Herrin der Welt. Elgars Musik ist der Ausdruck des weit über den Tod von Königin Victoria hinausreichenden Victorianismus.


    Dennoch gibt es bei Elgar einige Werke, die hörenswert sind.
    Nicht zu ihnen gehören IMHO seine Oratorien. Sie sind zwar schön, aber die britische Begeisterung für sie ist nicht ganz verständlich, wenn man ihnen Werke wie Franz Schmidts "Buch mit sieben Siegeln", Pfitzners "Deutsche Seele" oder Schönbergs "Gurrelieder" gegenüberstellt. Auch die beiden Symphonien (ebenso wie die aus Fragmenten aufführbar gemachte dritte) erscheinen gegen die Symphonik eines Mahler drittklassig; der schon eher vergleichbare Schmidt erhebt sich ebenfalls zumindest in seiner Zweiten und Vierten weit über Elgars rhetorische Uferlosigkeit, der man freilich einige fabelhafte Formulierungen nicht absprechen kann.
    Überhaupt ist es ein Fehler Elgars, Melodien zwar schön anheben zu lassen, sie dann aber entweder einfach zu wiederholen oder sie in ein zielloses Mäandern zu verwandeln.


    Frei von diesen Nachteilen ist ein in meinen Ohren wunderbarer Orchesterliederzyklus namens "Sea Pictures", die auch duftiger instrumentiert sich und die meisten Orchesterlieder von Richard Strauss (wenn auch nicht die "Vier letzten Lieder") bei weitem - auch an Geschmack - übertreffen.
    Fast ebenso schön ist die Ouvertüre "In the South" ("Alassio"), deren leuchtende Höhepunkte ebenfalls an Strauss erinnern.
    Weiters müssen unbedingt die Ouvertüre "Cockaigne" erwähnt werden, ein färbiges Bild Londons, das in seinem affirmativen Gestus vergessen macht, dass diese Stadt damals nicht nur eine der blühendsten Großstädte Europas, sondern auch eines der größten Armenhäuser des Kontinents war. Für den Höhepunkt von Elgars Schaffen halte ich jedoch die relativ unbekannte Symphonische Dichtung "Falstaff", ein erstaunlich differenziertes Portrait des dicken Ritters, voller Komik, aber auch voller Bitterkeit - niemals scheint Elgar seine Figur zu verspotten oder auszulachen. Viel eher scheint es mir, als würde er mit Falstaff (vielleicht sogar etwas wehmütig) über die missglückten Liebesabenteuer lächeln. Sollte auch über diesen Stellen die Vortragsbezeichnung "nobilmente" stehen, dann ist das der richtige Platz dafür.

    ...

  • Lieber Maik,


    ich habe nichts dagegen, wenn Du meinen Thread an den alten ranhängst. Allerdings fühle ich mich unschuldig, daß ich einen neuen aufmachte, denn ich hatte selbstverständlich im Threaddirectory nachgesehen, ob es einen alten schon gab, und dort gab es zwar Elgarthreads, aber einen allgemeinen eben nicht!


    Schon zusammengefügt - MOD 007 Pius


    Aber ein neuer Thread schadet ja auch nichts. Ich kann Dir nur dringend raten, bei Deinen Problemen mit Elgar, Elgar einfach öfter zu hören. Ich habe Elgars 2. in der letzten Zeit viermal gehört und ich muß sagen, daß ich diese Musik bei jedem Wiederhören immer großartiger fand! Dolles Ding, wobei vielleicht gerade der Anfang doch nicht das Stärkste ist. Wobei ich nicht weiß, ob Sinopoli als Elgardirigent was taugt, ich habe da meine Zweifel. Die Naxos CDs sind sehr billig, der Downes ( den ich habe, mit den BBC Philharmonics) wird hoch gelobt, der Hurst ( bei der ersten) soll auch sehr gut sein, obwohl der Penguins Guide ( der sicher auch viel Müll erzählt) dort den Judd vorzieht.


    Dieses Teil ( die 2.) hat ja übrigens auch zu meinem Thread: "Was sitzen die da wie die vollgefressenen Schweine", genauer zitiert: "Sie sitzen da wie ein Haufen vollgefressener Schweine." den Anlaß gegeben.


    Gruß Martin

  • Lieber Edwin,


    es wird Dich nicht wundern, daß ich doch nicht so ganz Deiner Meinung bin.


    Also Pazifist bin ich selber ( habe immerhin den Wehrdienst verweigert), aber diese Vereinnahmung der Elgarschen Musik unter "imperialistische Musik" kann ich denn doch nicht nachvollziehen. Nicht zu vermachlässigen ist bei der ganzen Angelegenheit m.E. zum Beispiel die Tatsache, daß Elgar Katholik war und schon von daher sozusagen dem britischen Mainstream entzogen.


    Jedenfalls kann ich ein solches Diktum wie "gegenüber Mahler drittklassige Musik" schlicht und ergreifend nicht nachvollziehen. Mahlers Musik ist gut, ganz ohne Frage, ich höre sie gerne, mit ihr bin ich aufgewachsen, aber Elgars Musik hat ihre Qualitäten, möglicherweise sogar Qualitäten, die ein Mahler eben gerade nicht hat. Elgar als "Imperialisten" oder "Komponisten der viktorianischen Epoche" abzutun, empfinde ich als eine reichlich durchsichtige "Deutschtümelei" oder meinetwegen auch "Österreichtümelei". Elgar war in England immer ein großer Name, auch zu einer Zeit, wo - zumindestens in England - sich die "musikalischen Experten" einig waren, daß Mahlers Musik nun ganz und gar nichts taugte.


    Ehrlich gesagt mag ich diese ganzen politischen Diskussionen überhaupt nicht. Wagner war Antisemit, Pfitzner glaube ich sogar Nazi, trotzdem halte ich deren Musik für gut und habe keine Lust, über ihre politischen Verirrungen groß zu diskutieren. Und Elgar ist auf jeden Fall ein großer Komponist, und ihn sich aus "politischen Gründen" nicht anhören zu wollen, empfinde ich als nicht nachvollziehbar.


    Gruß Martin

  • Zitat

    Und Elgar ist auf jeden Fall ein großer Komponist, und ihn sich aus "politischen Gründen" nicht anhören zu wollen, empfinde ich als nicht nachvollziehbar.


    Da hast Du nicht sehr genau gelesen, lieber Martin. Ich habe versucht zu verdeutlichen, dass Elgars Musik eine nationale Befindlichkeit ausdrückt. Pfitzner war zwar NSDAP-Parteimitglied, aber seine Musik drückt nicht die Deutschdümmelei dieser Verbrecherbewegung aus - auch nicht in der "Deutschen Seele". Wenn schon, dann wäre der Vorwurf eher Schmidt zu machen - aber das auszudiskutieren (vor allem, inwiefern Schmidt wirklich wusste, was er tat), würde jetzt zu weit führen.


    Dass ein Komponist in einem Land als nationaler Heiliger verehrt wird, ändert nichts daran, dass er im internationalen Vergleich mäßig abschneiden kann. Weißt Du, dass beispielsweise in Griechenland neben Theodorakis ein Zwölftöner Nationalkomponistenstatus hat? - Nämlich Nikos Skalkottas, ein Schüler Schönbergs.
    Die Ungarn verehren wiederum Zoltan Kodaly - zurecht. Nur international hat ihm Bartók den Rang abgelaufen. (Damit verehren die Ungarn übrigens zwei zu ihrer Zeit relativ avancierte Komponisten als Nationalkomponisten - Hut ab!)
    Bei den Tschechen gesellt sich zum Duo Smetana-Dvorák seit geraumer Zeit Leos Janácek als dritter im Bunde. Und Bohuslav Martinu ist sozusagen der kleine vierte Bruder.
    Island wiederum verehrt einen ziemlich verrückten Karl namens Jon Leifs, der eine karge, auf Quintenharmonik basierende, oft kühn dissonante Musik schrieb.
    Du siehst also, dass nationale Befindlichkeiten auf internationale Bedeutung keine Rücksicht nehmen.


    Ich werde mich nun hüten, Elgar gegen einen Janácek oder gegen einen Kodály oder einen Bartók auszuspielen. Das wären Vergleiche, bei denen er nur verlieren kann.
    Ich lasse es dabei bewenden: Elgar war ein tüchtiger Komponist, der sehr viele Handwerksstücke, einige große Talentbeweise und vier IMO wirklich erstrangige Werke geschrieben hat. Und ich kenne etliche Komponisten, die nicht einmal ein wirklich erstrangiges Stück zuwege gebracht haben...!


    LG

    ...

  • Lieber Edwin,


    das kann ja auch alles Deine Meinung sein und diese Meinung sei Dir unbenommen. Ich wehre mich nur dagegen, wenn Du Deine ganz persönliche Meinung in einer Art hinsetzt, als seist Du die letzte Instanz in diesen Dingen.


    Zitat

    Ich werde mich nun hüten, Elgar gegen einen Janácek oder gegen einen Kodály oder einen Bartók auszuspielen. Das wären Vergleiche, bei denen er nur verlieren kann.


    Das ist Deine ganz persönliche Meinung. Ich sehe es eben anders. Bartok ist ein sehr guter Komponist, den ich sehr hoch bewerten würde, ohne daß er zu meinen Lieblingskomponisten zählt. Janacek ist sicher auch sehr gut. Von Kodaly kenne ich die sehr eingängige Harry Janos Suite ( sonst nichts). Von diesem Stück zu urteilen war Kodaly jemand, der durchaus fetzige Musik machen konnte. Diese Eigenschaft ist nicht zu verachten, aber den Elgar finde ich als Komponisten schon eine Nummer größer ( fallls mir von Kodaly nicht noch was begegnet, was mich vom Gegenteil überzeugt).


    Wiegesagt, Deine Herablassung gegenüber den Elgarschen Sinfonien kann ich wiegesagt nicht nachvollziehen. Das sind sehr ambitiontierte Werke, die auch sehr gut sind. Du kannst darüber eine andere Meinung haben, nur noch mal gesagt: Du bist hier nicht die letzte Instanz in diesen Dingen.


    Zitat

    Da hast Du nicht sehr genau gelesen, lieber Martin. Ich habe versucht zu verdeutlichen, dass Elgars Musik eine nationale Befindlichkeit ausdrückt.


    Das habe ich schon gelesen, nur kann ich mit einem solchen Statement überhaupt nichts anfangen. Du rennst bei mir offene Türen ein, wenn Du sagst, das Elgar auch "populären Kitsch" geschrieben hat. Aber inwiefern die Sinfonien und Konzerte oder auch die Enigmavariationen, auch das Klavierquintett, also die ambitionierten Werke Elgars "nationale Befindlichkeiten ausdrücken", wird mir ewig ein Geheimnis bleiben.


    Gruß Martin

  • Lieber Martin,
    wenn ich etwas schreibe, so ist es immer meine völlig subjektive Meinung. Objektiv über ein Werk schreiben, ist meiner Meinung nach unmöglich. Künstlerische Qualität lässt sich nicht messen, also nicht festlegen. Das einzige, was bleibt, ist, das eigene Urteil so gut als möglich zu begründen.


    Was nun Elgar angeht: Dass seine Werke ambitioniert sind, würde ich niemals bestreiten. Ich persönlich ziehe freilich Komponisten vor, bei denen Form und Inhalt übereinstimmen, d.h. Komponisten, die das ausdrücken, was notwendig ist und weniger Komponisten, die lange Werke schreiben wollen, ohne die Ausdehnung wirklich mit Inhalt zu erfüllen.


    Wenn ich nun schreibe, Elgar drücke die nationale Befindlichkeit des Empire aus, so meine ich damit eine Art Musik, die prinzipiell affirmativ ist und auf die dunklen Seiten der menschlichen Existenz kaum eingeht.
    Prinzipiell würde mich das nicht stören - wenn es in einem Werk oder einigen Werken so wäre. Bei Elgar habe ich allerdings das Gefühl, dass der überwältigenden Vielzahl seiner Werke eine gewisse schöne Oberflächlichkeit zu eigen ist.


    Wenn man von den bei den meisten Musikliebhabern unbestritten großen Komponisten der Elgar-Zeit ausgeht, so schreiben Janácek, Mahler, Nielsen, Sibelius etc. eine Musik, die sich auf ganz andere Weise mit der menschlichen Existenz auseinandersetzt, bei denen es wirklich um innere Erschütterungen und mitunter auch tiefste Verzweiflung geht (auch Schmidts 4. ist ein Werk, das in solcher Verzweiflung wurzelt), während Elgars Musik in meinen Ohren meistens die Glorie von "Best British Brawn and Beef" verkündet. Man fühlt sich einfach wohl bei Elgar - für mich: Zu wohl.


    Ich glaube auch nicht, dass das "typisch englisch" ist: Hör' Dir einmal die Musik von Frank Bridge an, vor allem die Kammermusik, aber auch Werke wie "Rebus", "Oration" oder "Phantasm". Oder Holst: Die Choral Symphony und die Hymn to Jesus sowie einige andere Werke offenbaren, dass Holst dank seiner Sensibilität die Spannungen erkannte, die in der Zeit lagen. Und seine Oper "Savitri" ist nicht nur ein schönes, sondern auch ein zutiefst berührendes Werk.


    Oder denke an Vaughan Williams (wie Du weißt, stehe ich auch ihm etwas kritisch gegenüber): Seine "London Symphony" ist keineswegs ein rein affirmatives Werk, zumindest der Satz über Bloomsbury enthält auch viel Bitterkeit.


    Und diese andere Seite, deren Integration ins Schaffen einen guten Komponisten für mich zu einem großen Komponisten macht, fehlt mir bei Elgar.


    LG

    ...

  • Lieber Edwin,


    bei Deiner Kritik an Elgar fällt mir nur ein, daß Maik in seinem Posting folgendes geschrieben hat:


    Zitat

    Das von dir gelobte Cellokonzert habe ich erst gestern live im Konzert gehört, am Cello saß David Geringas.
    Nun, von den ersten Tönen an merkte ich, dass es unglaublich melancholisch ist. Und mir war dies zu extrem! Es gab hin und wieder ein paar Stellen, die mir gefallen haben, aber insgesamt sagte mir das Werk eher weniger zu. Diese Melancholie hat mich einfach erschlagen - das war nicht gut...


    Ja, also, wenn Maik das so empfindet, scheint es mit der von Dir so beschriebenen


    Zitat

    Glorie von "Best British Brawn and Beef"


    dann doch nicht so weit her zu sein. Also sei mir nicht böse, Du breitest hier über Elgar eigentlich nur ziemlich sattsam bekannte Klischees aus. Und wenn Du über Elgar schreibst als einen von jenen


    Zitat

    Komponisten, die lange Werke schreiben wollen, ohne die Ausdehnung wirklich mit Inhalt zu erfüllen

    .


    dann sehe ich dies eben nicht so. Diese langen Sinfonien sind schon sehr dicht gearbeitete Werke.


    Ich sehe jedenfalls Elgar nicht als einen bloßen Optimismushansel, als einen Verkünder "positiven Denkens" ( seine Musik ist gar nicht so positiv), sondern allerdings als einen spirituellen Musiker, dem die Spitualität, wie ich gelesen habe, in späteren Jahren allerdings dann doch wohl abhanden gekommen sein muß. Diese Spiritualität macht einen nicht geringen Teil der Faszination von Elgar aus und ich sehe ihn in dieser Tradition des Spirituelllen und in diesem Sinne als konservativen, aber keinesfalls als oberflächlichen Komponisten.


    Ich kann nur hoffen, daß Dich mein Plädoyer für Elgar mal dazu bringt, den Elgar neu und frisch zu hören, vielleicht ändert sich Deine Meinung ja noch mal. Würde mich freuen.


    Und gerade diese Musik die


    Zitat

    sich auf ganz andere Weise mit der menschlichen Existenz auseinandersetzt, bei denen es wirklich um innere Erschütterungen und mitunter auch tiefste Verzweiflung geht


    ist letzlich auch nur eine Musik, die bei den größten vielleicht überzeugend ist, aber bei den kleineren doch nur zur Platitüde wird. Elgar dagegen gehört als 1856 geborener vielleicht doch noch einer anderen Generation an als meinetwegen Mahler ( auch wenn's nur vier Jahre Differenz sind). Elgar ist wirklich kein Optimismushansel, sondern europäisch gesehen ein ausgesprochener Spätling, den ich zum Beispiel trotz veränderter Klangsprache, sehr auch in der Tradition eines Johannes Brahms sehe, dessen Musik auch keine durchweg optimistische ist, die aber auch nicht existientialistisch zu deuten wäre.


    Gruß Martin

  • Zitat

    Du breitest hier über Elgar eigentlich nur ziemlich sattsam bekannte Klischees aus


    Wobei ich nur anmerken möchte, dass die meisten Komponisten an Klischees nicht unschuldig sind. Es kommt nur darauf an, wie der Zuhörer mit diesen Manierismen, die den Nährboden für Klischees abgeben, umgeht.


    Wenn Du meine Einträge gelesen hast, wirst Du ja merken, dass ich vier Werke Elgars durchaus gut finde. Und wenn Du einen Satz wie etwa den langsamen der 2. Symphonie wirklich konzentriert und durchgearbeitet findest und ihn hören kannst, ohne auf die Uhr zu schauen, dann hast Du einen Zugang zu Elgar gefunden, der mir - zumindest bisher - versperrt ist.


    Zum Cellokonzert hingegen kann ich nur eines sagen - und bitte, es ist nur mein persönlicher Geschmack: Für mich ist es nicht melancholisch (und schon gar nicht tragisch) sondern abgrundtief langweilig. Vielleicht kenne ich es deshalb nicht gut genug, um seine Schönheiten mitzubekommen.

    ...

  • Zitat

    Wenn man von den bei den meisten Musikliebhabern unbestritten großen Komponisten der Elgar-Zeit ausgeht, so schreiben Janácek, Mahler, Nielsen, Sibelius etc. eine Musik, die sich auf ganz andere Weise mit der menschlichen Existenz auseinandersetzt, bei denen es wirklich um innere Erschütterungen und mitunter auch tiefste Verzweiflung geht (auch Schmidts 4. ist ein Werk, das in solcher Verzweiflung wurzelt), während Elgars Musik in meinen Ohren meistens die Glorie von "Best British Brawn and Beef" verkündet. Man fühlt sich einfach wohl bei Elgar - für mich: Zu wohl.


    Mit Ausnahme von Janacek alles jüngere Komponisten, wodurch der Vergleich etwas hart ausfällt. Ich würde eher Dvorak, Tschaikowsky, Grieg, Fauré und d'Indy heranziehen, wenn man die Enigma-Variationen (1899) mit Werken von Zeitgenossen vergleichen will. (Elgar kann ja auch nichts dafür, dass er nicht schon 1910 gestorben ist ...)

  • Mahler *1860 - vier Jahre jünger
    Sibelius *1865 - neun Jahre jünger
    Mit Ausnahme von Schmidt, den ich wegen der Nähe zu Brahms und Strauss nannte, ist also keiner so wesentlich jünger, dass er für einen Vergleich nicht in Frage käme.


    Den Vergleich Elgars mit Dvorák, Tschaikowskij, Fauré und Grieg fände ich Elgar gegenüber etwas unfair - aber Vincent d'Indy finde ich extrem passend. Eine Parallele, die mir in ihrer Stringenz bisher noch gar nicht aufgefallen ist!

    ...

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Mit Ausnahme von Janacek alles jüngere Komponisten, wodurch der Vergleich etwas hart ausfällt. Ich würde eher Dvorak, Tschaikowsky, Grieg, Fauré und d'Indy heranziehen, wenn man die Enigma-Variationen (1899) mit Werken von Zeitgenossen vergleichen will. (Elgar kann ja auch nichts dafür, dass er nicht schon 1910 gestorben ist ...)


    Naja. Janacek ist 3 Jahre älter, Mahler 3 Jahre jünger, Debussy 5, R. Strauss 7, Sibelius und Nielsen 8. Tschaikowsky dagegen 17 Jahre älter. Die erstgenannten gehören daher doch eher zu Elgars Generation. Einige Werkdaten: Mahler 2. Sinfonie 1895, 3. Sinf. 1902; Prelude a'la apres-midi... 1894, Strauss: Don Juan 1889, Heldenleben 1899, Salome 1905...


    Ich kenne von Elgar zu wenig gut genug, um in das bashing einstimmen zu können, aber die scheinbare Unzulässigkeit dieser Vergleiche zeigt, dass er den Vergleich eben nicht besteht.
    Ich glaueb aber, dass die Einordnung als "affirmativer Viktorianer", obwohl sie sicher wahres enthält zu einfach ist. Elgar hatte bekanntlich ziemliche Probleme mit der viktorianisch-edwardianischen besseren Gesellschaft, da er aus der unteren Mittelschicht stammte und sich sehr mühsam hocharbeiten mußte (mag die ressentiments indes auch verstärkt haben).
    Ich fühle mich bei Elgars Musik auch nicht "gut". Die Sea Pictures mag ich sehr gerne (obwohl sie auch an der Kitschgrenze anzusiedeln sind), Cellokonzert und Enigmas finde ich ganz o.k., aber nicht weiter bemerkenswert, die 2. Sinfonie hat mich derartig gelangweilt, dass ich auf weitere Exploration verzichtet habe. Ich bin auch kein Fan von R.Strauss sinf. Dichtungen. Aber die sind wenigstens farbig und z.t. ganz unterhaltsam. Elgars 2. Sinfonie schien mir ein fades Grau-in-Grau, erinnerte an die bösartigsten Klischees über britisches Essen.


    Ich glaube auch nicht, dass es Zufall ist, dass z.B. Sibelius, der es in der deutschen Rezeption ja auch nicht leicht hatte, sich inzwischen auch in Mitteleuropa einigermaßen durchgesetzt hat, während Elgar ein Außenseiter bleibt. Ich fürchte ebenfalls, ein deutscher, österreichischer oder russischer Elgar wäre weitestgehend vergessen...


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich finde auch, daß man Elgar nicht mit späteren Komponisten vergleichen sollte. Es ist ja im übrigen auch so, daß wir alle unsere Präferenzen haben. Ich habe mich zwar bei der Frage nach der musikalischen Lieblingsepoche verweigert, aber es ist doch ganz eindeutig so, daß ich eigentlich völlig von der spätromantischen Sinfonik herkomme. Da kenne ich sehr viel, diese Musik ist mir eigentlich immer zugeflogen. Das ist gewissermaßen in der klassischen Musik meine Muttersprache, diese Musik hat mich in meiner Jugend fast ausschließlich begeistert.


    Menschen mit ähnlichen Präferenzen werden den Elgar sicher sehr interessant finden, sie werden sich vielleicht auch die Mühe machen, sich in diese Musik "einzuhören". Und werden sich am Ende vielleicht sogar für sie begeistern. Allen anderen möchte ich vielleicht gar nicht raten, sich mit Elgar auseinanderzusetzen, auch wenns mir weh tut, das sagen zu müssen. Die klassische Musik ist einfach ein sehr weites Feld, da wird man wohl damit leben müssen, daß der Elgar bei dem einen oder anderen "unter die Räder kommt". Es ist im übrigen aber trotzdem auch schön, daß wir verschiedene Präferenzen habe, auf diese Weise geht doch eigentlich nichts, was des "Aufbewahrens" und auch des "Lebendighaltens" würdig ist, verloren.


    Trotzdem möchte ich doch noch mal der hier geäußerten These widersprechen, daß Elgar "nur für die Engländer interessant" ist. Ich denke in solchen nationalen Kategorien sollten wir nicht mehr denken. Für einen Engländer, dessen Präferenz die Frühromantik, oder möglicherweise sogar die Moderne ist, wird Elgar möglicherweise gar nicht so interessant sein. Umgekehrt wäre es jammerschade, wenn Menschen, die keine Engländer sind, die aber für diese Musik "eine Ader" haben, den Elgar nicht kennen lernen würden.


    Gruß Martin

  • Hallo Johannes!
    Sag mir nichts über englisches Essen! Ein zart geräucherter Schinken in einer Sauce aus eigenem Saft, Knoblauch und Orangensaft gegart,ist einfach eine Sensation. Ich weiß, dass es pervers klingt, aber es gehört zum besten, was ich je aß. Angeblich ein sehr altes Rezept (was ich wegen der Verwendung von Knoblauch durchaus zu glauben gewillt bin). Und die Seezunge in Zitronensauce...


    Aber lassen wir das, reden wir über Elgar.


    Deiner Bemerkung "deutscher, österreichischer, russischer Elgar" stimme ich begeistert zu. Ich behaupte, dass jedes Land seinen Elgar hat. Manchmal wird er allerdings im eigenen Land nicht wahrgenommen, weil es noch bedeutendere Komponisten gibt - ich denke etwa an den Italiener Giuseppe Martucci.
    Der deutsche Elgar ist für mich der etwas ältere Felix Draeseke: Ein glänzender Komponist, dessen 3. Symphonie ein echtes Meisterwerk ist. Er hatte nur das Problem, dass er Bruckner und Brahms nichts wirklich Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte.
    Der österreichische Elgar ist für mich der Komponist, der IMO wirklich ein enger stilistischer Verwandter Elgars ist: Franz Schmidt. Ein unglaublich guter Handwerker, kann die kompliziertesten harmonischen Verbindungen aushören. Und seine immer geschmackvolle Melodik hat genau diesen Nobilmente-Charakter, den auch die Elgars hat. Und, ebenfalls wie Elgar, hat Schmidt den Hang, Werke etwas länger auszudehnen, als das Material trägt. Ich mag Schmidt wirklich sehr, ich halte ihn für einen der am sträflichsten vernachlässigten Komponisten des deutschsprachigen Raums; aber ich würde niemals Schmidt auf die Stufe eines Mahler, eines Janácek oder eines Sibelius stellen.


    Und das ist auch mein Ansatz bei Elgar. Nun glaube ich, dass ich die Musik Großbritanniens ganz gut kenne. Und ich weiß sehr wohl, welche Meisterwerke britische Komponisten der Nachromantik hervorgebracht haben.
    Wenn wir nur die drei großen im selben Jahr verstorbenen Komponisten Englands betrachten: Holst schenkte uns "Savitri" und die "Hymn to Jesus", Delius die "Messe des Lebens" und "A Village Romeo and Juliet" und Elgar "Falstaff" und "Cockaigne".
    Ich halte das nicht für eine Abwertung eines genialen Komponisten, sondern für die richtige Einschätzung eines sehr guten Komponisten. Elgar zu überschätzen, tut ihm IMHO nichts Gutes. Eingereiht unter Riesen, ist er ein Zwerg. Eingereiht unter Komponisten normaler Statur ist er IMO einer der größeren. Und unter die Zwerge würde ich ihn niemals stecken.


    LG

    ...

  • Lieber Edwin,


    ich denke, wir bewegen uns wieder aufeinander zu. Ich will Elgar nicht unter die Riesen einreihen. Ich will ihn ehrlich gesagt überhaupt nicht einordnen. Vielleicht gefällt es mir hier nicht, wie seine Sinfonien niedergemacht werden. Aber mit einem Vergleich Elgar und Franz Schmidt kann ich schon leben. Wobei ich mit Franz Schmidts 2. und 3. Sinfonie nicht so viel anfangen konnte ( ohne mich allerdings, und vielleicht war das ja auch ein Fehler, intensiv mit ihnen auseinandergesetzt zu haben), aber die 1. Sinfonie fand ich gar nicht schlecht ( wiewohl doch schon "fast Kitsch", aber trotzdem toll) und die 4. ist natürlich ein Klassiker ( und überragt seine anderen Sinfonien wohl weit). Da ist es nicht unehrenhaft für Elgar mit Franz Schmidt verglichen zu werden, ganz im Gegenteil.


    Franz Schmidt ist unbedingt ein Komponist, der, wie Elgar, im Schatten größerer steht, aber unbedingt interessant ist, aber vermutlich nicht mit jedem Werk. Nur alle Vergleiche hinken, Elgar hat schon besondere Qualitäten, die ihn über andere auch hinausheben. Auch der Vergleich Elgars mit Mjaskovski ( den du anderswo brachtest) muß nicht ehrenrührig sein, nur daß mich die 24. und 25. neulich sehr enttäuscht haben, aber muß ein nicht ganz erstklassiger Komponist auch 27 Sinfonien schreiben? Elgar hat 2 geschrieben und die sind gut. Oder hat Elgar doch 3 Sinfonien geschrieben, da geistert ja immer diese unvollendete 3. herum, die aber glaube ich auch auf Naxos herausgekommen, was ist von der zu halten?


    Wir müssen uns im übrigen über Kategorien nicht herum streiten. Wichtig ist für mich nur zu betonen, daß Elgar eben nicht zweitklassiger Mahler oder zweitklassiger Bruckner ist, sondern erstklassiger Elgar. Und trotzdem ist erstklassiger Elgar doch nicht erstklassiger Mahler. Jedoch mag ich Elgar nicht deklassieren, einen Komponisten, den ich wirklich so schätze, den ich in seiner Eigenart lieben gelernt habe, kann ich einfach nicht deklassieren. Elgar ist für mich schlicht kein "normaler Komponist" sondern ein Herausragender, ich würde ihn immer in die erste der drei von Dir genannten Kategorien setzen.


    Der Name Draeseke ist mir schon gelegentlich begegnet. Es erstaunt mich, daß Du ihn so hoch ansiedelst. Vielleicht sollte ich dem auch irgendwann mal meine Aufmerksamkeit widmen.


    Gruß Martin

  • Hallo Martin,


    mir geht es bei den Elgar-Sinfonien ähnlich wie maik. Die beiden Sinfonien können mioch nicht richtig begeistern, obwohl ich mit der Solti-Decca-Aufnahme eigendlich eine Aufnahme habe, die den beiden Werken die Langatmigkeit durch ihre Länge austreibt.
    Die Ouvertüre In the South ist natürlich wegen ihrer Länge/Kürze schon irgenwie symphatischer anzuhören.
    Die Solti-Aufnahmen der Sinfonien sind IMO wesentlich interessanter als Deine NAXOS-Aufnahmen und lassen wenigstens noch an einigen Stellen aufhorchen.


    :)Ganz anders bei den
    Enigma-Variationen und den Pomp und Circumstances Nr.1-5,
    natürlich auch mit
    Solti / LSO und Chicago SO auf DECCA.
    Diese Werke schätze ich sehr hoch ein. Die wunderbaren Enigma-Variationen höre ich sehr gerne, die sind intzeressant, farbig und abwechslungsreich gestaltet und für die TOP-Ohrwurm-Stücke wird man wohl kaum etwas vergleichbares finden.


    Elgar´s Violinkonzert ist mir auch zu lang und mit zu wenig Kontrasten,
    da ziehe ich sein Cellokonzert eindeutig vor. Hier ist die du Pre-Aufnahme wohl referenzwürdig, aber es gibt auch noch andere lohnenswerte Alternativen.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Das mit den Abständen der Geburtsjahre ist mir bekannt. Dennoch ist ein Vergleich mit älteren Komponisten manchmal sinnvoller als mit gleich alten und jüngeren Komponisten, vorausgesetzt, dass die Werke zeitlich zusammenpassen und der Stil des zu Betrachtenden eher zu den Stilen der älteren passt.
    So würde ich Elgar lieber mit Dvorak kombinieren als mit Schmidt und Schmidt lieber mit Sibelius als mit Varese.
    (und Korngold lieber mit Berg als mit Cage :D )
    Dass Elgar kein "großer" ist, ist hier, glaube ich, unbestritten, ebenso dass Schmidt und d'Indy keine "großen" sind. Dass er aber auch kein "Kleinmeister", sondern eher ein "mittlerer" ist, wäre mir ein Anliegen ...
    Denn die Enigma-Variationen sind mit den späten Werken von Grieg und d'Indy wohl schon vergleichbar, oder? Sonst kenne ich nichts von Elgar, woran sich so bald auch nichts ändern wird.

  • Hallo Martin!
    Natürlich hat Schmidt massenhaft Mist produziert, aber, wie bei Elgar, sind ein paar Meisterwerke darunter, etwa die 4. Symphonie, mit kleinen Abstrichen die 2., die Variationen über ein Husarenlied (gibt's in einer sensationellen Aufnahme mit Hans Knappertsbusch) und das Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln".
    Was Mjaskowskij anlangt: Ich habe nicht alle Symphonien jetzt im Gedächtnis präsent, aber die 6. habe ich neulich gehört - und die ist schon ein gewaltiges Werk.


    Nur (seltsam, dass es anderen auch so geht) Elgars Symphonien und seine anderen Versuche in Großformen sind und bleiben für mich problematisch. Übrigens habe auch ich die sehr guten Solti-Aufnahmen, aber auch Sir George schafft's nicht, mich für diese in meinen Ohren ziellos sich ausbreitende Musik einnehmen zu können.
    Hör Dir einmal den "Falstaff" an - es würde mich sehr wundern, wenn Du dieses Stück nicht höher einschätzt als die Symphonien. Mir ist eine brillant erfüllte kleinere Form jedenfalls bedeutend sympathischer als eine schwächelnde und nur in der Ausdehnung erfüllte Großform.

    ...

  • Hallo,


    vielleicht ist mit mir ja etwas nicht in Ordnung :D,
    aber ich habe die 2.Elgar-Sinfonie immer sehr geschätzt, allerdings vornehmlich in der Einspielung von Vernon Handley(wer sonst..).


    Es ist mir aber nie in den Sinn gekommen, diese jetzt mit irgendwelchen Sinfonien anderer Komponisten zu vergleichen, auch vergeht mir langsam die Lust, sie wieder einmal zu hören, da diese ganzen Klassifizierungsversuche mir irgendwann dieselbe verderben.


    Zum Cellokonzert muß ich sagen, daß es sich hier um eines der größten Meisterwerke der Gattung handelt(nicht nur Cellokonzert, sondern Konzert i.a.) und Elgar alleine wegen dieses Werkes zu den ganz großen gezählt werden muß(Ok, diese meine Äußerung ist natürlich ganz schnell auseinandergenommen, aber ich persönlich bleibe dabei).


    Schön, daß einmal der Name Misakowsky genannt wird!
    Sicher, es ist auch für mich problematisch, daß dieser Komponist eine derartige Menge an Sinfonien u.a komponierte.


    Es gibt halt den Typus des Komponisten, der sich wirklich jeden Tag hinsetzt und schreibt, oft sich dabei auch an einen rigiden Stundenplan hällt-ganz wie ein Arbeiter, der seinen normalen 8 Stunden Tag abliefert.
    Der Spanier Turina gehörte m.W. zu dieser Kategorie(wie natürlich viele andere auch) und höchst warscheinlich auch Miaskowsky.


    Bei dieser Arbeitsweise kommt dann zwar durchaus ein großes Oeuvre heraus, allerdings oft von ziemlich durchwachsender Qualität, da es nicht jedem gegeben ist, jeden Tag "die" zündende Idee zu haben(von Ausnahmen halt abgesehen, aber diese Komponisten sind eben auch wirklich genial gewesen).


    Schostakowitsch arbeitete ähnlich.
    Als er bei einem Studenten einmal bemerkte, daß dieser mit dem 2.Satz seiner Sinfonie nicht weiterkam und dieser ihm erklärte, ihm wäre noch keine Idee gekommen, antwortete Schostakowitsch nur ärgerlich, er solle den Satz einfach komponieren...............


    Jedenfalls gibt es auch von Miaskowsky eine größere Anzahl von Werken, die imo jedem Vergleich standhalten, u.a. die Sinfonien Nr.6,21 oder 22 sowie sein herrliches Cellokonzert.Ich habe 20 Jahre davon geträumt, es einmal aufzuführen, bis es endlich so weit war......


    Zum Elgar-Violinkonzert muß ich sagen, daß dessen Ausmaße auch von mir als problematisch empfunden werden.
    Eigenartigerweise gefällt mir dieses Konzert nur in der historischen Aufnahme von 1928 mit Albert Sammons.


    Diese Aufnahme ist ein tolles Dokument eines der großen Geiger des letzten Jahrjunderts, der dieses Konzert sich ganz zu eigen machte und für mich nicht zu toppen ist.
    Alle anderen mir bekannten Aufnahmen sind für mich dagegen sämig bis langweilig, wobei ich die neue Hillary Hahn-Aufnahme noch nicht kenne.


    Vielleicht bin ich zu nett. :)
    Ich neige halt dazu, von einem Komponisten seine überzeugendsten Werke gelten zu lassen, dann ist er für mich in jedem Falle erstklassig.
    Dies ist hier ja schon beschrieben worden im Falle von Franz Schmidt.
    Obwohl ich einen größeren Teil seiner Werke schlicht langweilig finde, ragen aber solch enorme Werke wie die 4.Sinfonie oder "Das Buch mit sieben Siegeln" so heraus, daß er für mich erstklassig ist.


    Es ist übrigens ein ziemlich irres Gefühl, in einer großen Kirche mitten im Orchester zu sitzen und "Das Buch mit sieben Siegel" oder-von Elgar-"The Dream of Gerontius" spielen zu dürfen, das sind für mich die Momente, wo der Beruf Spaß macht.


    Im übrigen haben mich Edwins Äußerungen zu Elgars "Waffenbereitschaft" schon nachdenklich gemacht, auch war er schon zu Lebzeiten der Repräsentant einer verloschenden Epoche, da kam seine 2.Sinfonie einfach auch zu spät.
    Aber wer so zärtliche Musik wie den langsamen Satz aus dem Cellokonzert schreiben konnte, kann im tiefsten Inneren kein böser Mensch gewesen sein....... :(


    Schönen Tag noch,


    Michael

  • hallo, michael, du sprichst mir mit deinen bemerkungen aus dem herzen.


    und noch eine kleine anmerkungen für die allgemeinheit: jeder darf natürlich schreiben was er will, doch ich fände es vorteilhafter, anstelle der nun wirklich erschöpfend ausgebreiteten meinungen über rang oder nicht-rang sich lieber mit den einzelnen werken auseinanderzusetzen und diese zu analysieren oder zu bewerten. ...


    so long


    :hello:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Zitat

    Original von klingsor
    hallo, michael, du sprichst mir mit deinen bemerkungen aus dem herzen.


    und noch eine kleine anmerkungen für die allgemeinheit: jeder darf natürlich schreiben was er will, doch ich fände es vorteilhafter, anstelle der nun wirklich erschöpfend ausgebreiteten meinungen über rang oder nicht-rang sich lieber mit den einzelnen werken auseinanderzusetzen und diese zu analysieren oder zu bewerten. ...


    Also mein aufrichtiger Wunsch war es hier nur, meine Begeisterung von der Musik Elgars zum Ausdruck zu bringen. Aber wenn Elgar dermaßem der Zweitklassigkeit bezichtig wird, daß man bei Elgars 2. immer zur Uhr schaut (Edwin), oder sie mit dem schlechten Essen in England vergleicht ( Johannes), muß ich den Elgar einfach in Schutz nehmen.


    Wenn Michael hier schreibt:


    Zitat

    vielleicht ist mit mir ja etwas nicht in Ordnung ,
    aber ich habe die 2.Elgar-Sinfonie immer sehr geschätzt


    weiß ich nicht, warum er das schreibt, denn ich habe in den letzten Tagen immer wieder geschrieben, wie gut ich Elgars Sinfonien und auch gerade seine zweite finde. Nur schien es in den letzten Tagen beim "bashing" gegenüber Elgar ( wie Johannes es geschrieben hat), daß ich hier allein auf weiter Flur stünde ( zumindestens was Elgars Sinfonien anbetrifft). Ich freue mich, daß dies offensichtlich doch nicht so ist!


    Mich würde halt sehr interessieren, welche Werke Elgars ich denn noch kennen lernen sollte ( welche ich kenne, hatte ich gesagt). Ich hätte mich da schon sehr gefreut, wenn auf meine Vorstellung von Elgar ein Feedback derart gekommen wäre wie: Hör Dir doch mal den "Dream of Gerontius" ( den kenn ich zum Beispiel noch nicht) an, der ist sehr gut, vielleicht auch mal mit einer möglichst günstigen CD empfehlung ( Naxos hat ihn glaube ich eingespielt, ist diese Einspielung lohnenswert)? Das hätte mich halt sehr gefreut. Ich selber habe es ja auch so gemacht, daß ich hier Elgars Sinfonien, Konzerte und Kammermusik vorgestellt habe, in der Hoffnung, hier Menschen auf die große Schönheit der Elgarschen Musik hinzuweisen.


    Gruß Martin

  • Martin, sozusagen mein letztes Posting vor der Abfahrt nach Erding, und ohne viele Stücke beim Namen zu nennen: Die kleineren Orchesterwerke von Elgar solltest Du Dir mal näher anschauen. Bei jpc wirst Du sicher etliche Aufnahmen finden, wo Du reinschnuppern kannst, zB. In the South op. 50, Enigma-Variations op. 36, Serenade op. 20, Cockaigne op. 40. Falstaff op 68 wurde schon genannt, siehe auch mal Introduction & Allegro op. 47. Da ist manches schöne Stück dabei!