Resteverwertung oder Meisterwerk ? - - - Bachs "Brandenburgische Konzerte"

  • Die Aufnahme, die Reinhard Goebel mit der Musica Antiqua Köln Mitte der 80er Jahre veröffentlicht hatte, kommt im Beitrag 2 von BigBerlinBear vor.

    Wie sagt der Dirigent und Nicht-mehr-Geiger (Er bekam wegen der Lähmung der linken Hand aufgrund einer neurologischen Erkrankung Probleme) die Leute fielen vom Sofa wegen der gewählten hohen Tempi.



    Reinhard Goebel hat zu allen sechs Brandenburgischen Konzerten auf SWR Kultur aus seinem reichen Erfahrungsschatz je eine Sendung konzipiert.


    https://www.swr.de/swrkultur/m…hes-konzert-nr-1-100.html


    https://www.swr.de/swrkultur/m…hes-konzert-nr-2-100.html


    https://www.swr.de/swrkultur/m…hes-konzert-nr-3-100.html


    https://www.swr.de/swrkultur/m…hes-konzert-nr-4-100.html


    https://www.swr.de/swrkultur/m…hes-konzert-nr-5-100.html


    https://www.swr.de/swrkultur/m…hes-konzert-nr-6-100.html


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  • ohne durch HIP oder NON-HIP Diskussionen abgelenkt

    Bei Bach stört mich die HIP oder NON-HIP-Frage kaum bis gar nicht. Mir ist eine Matthäuspassion von Klemperer oder Karajan auf ihre andere Art genauso lieb wie eine von Gardiner oder Koopman auf deren andere Art. Manchmal brauche ich da geradezu die Wucht der älteren, romantisierenden Machart. Bach ist irgendwie "unkaputtbar".

    Bei anderen Barockkomponisten verhält sich das dann mitunter etwas anders. Karajan z.B. hat auch Vivaldi-Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern gemacht. Das empfinde ich mitunter als ziemlich schwergängig. Bei Vivaldi würde ich eher in Richtung HIP drängen; Neville Marriner würde ich als Ausnahme aber immer einen Platz einräumen. Der hatte immer ein Händchen für barocke Musik. Er hat sie verstanden.


    Grüße

    Garaguly

  • Hier eine Einlassung von Reinhard Goebel:


    Nonplusultra der Musikgeschichte


    Liest sich recht gut, naja ...


    Zitat

    Das Konzert hat nur zwei Sätze, die nur durch zwei Akkorde getrennt sind. Goebel vermutet, dass selbst Johann Sebastian Bach keinen befriedigenden Mittelsatz für neun Solostimmen schreiben konnte.

    Dein Ernst jetzt? :/


    Zitat

    Dafür kann man an diesem Konzert gut die unterschiedlichen Aufführungspraxen im 18. Jahrhundert im Vergleich zur Gegenwart betrachten: Heute braucht man für die kuriose Besetzung der Brandenburgischen Konzerte viele gute Solisten.

    Wäre das einer KI auch passiert? Praxen gab es sicher einige, gemeint sind aber wohl die Praktiken, denn zu Aufführungspraxis gibt es keinen Plural.


    :thumbup:

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Oha Ulli,


    du kennst dich also besser aus als Goebel ? Allen Respekt. Ich hatte alle Folgen im Radio gehört. Mir erschien Goebel sehr positiv und launig. KI wäre also besser gewesen als Goebel ? Donnerwetter....

    Gruss aus Bruchsal


    Karl-Heinz

  • Moin,


    was die deutsche Sprache angeht, ganz offensichtlich: ja. So mache Formulierung ist für mich irritierend, z.B.

    Zitat

    Das Konzert Nr. 5 war das Einzige, was zum Spielen vorgesehen war.

    Die anderen für die Schublade zum Studium? Aber der Text stammt ja ganz offensichtlich nicht von Goebel selbst: zwar steht einleitend „Von Reinhard Goebel“, doch weiter unten: „Zwar wiederholen sich Motive doppelt im Zweiten Konzert, doch Goebel glaubt nicht an solche Scherze.“ - das widerspricht sich.


    Was Bach anlangt, bin ich sicher nicht besser als Goebel: ob die KI hinsichtlich der „Aufführungspraxen“ besser gewesen wäre, war ja gerade meine Frage ... :/


    Die Sache „Für die einen sind es zwei Akkorde, für die anderen der kürzeste langsame Satz der Welt“ wäre mal eine genauere Betrachtung wert. :S

    Der Glaube kann Sätze verbergen.

  • Die Aufnahme, die Reinhard Goebel mit der Musica Antiqua Köln Mitte der 80er Jahre veröffentlicht hatte, kommt im Beitrag 2 von BigBerlinBear vor.

    Wir sollten sie hier noch einmal erwähnen. Leider bietet unser Werbepartner sie momentan nicht an



    aber diese spritzige Aufnahme hat es verdient, gehört zu werden. Hier das fünfte Brandenburgische Konzert aus dem Sendesaal des Deutschlandfunks in Köln. Andreas Staier spielt den Cembalopart, der anfangs fast schon etwas virtuos ist


  • Eine kurze scheinbare Themenabweichung - und eigentlich beim "wirklichen" Thema:

    Der von mir gewählte - scheinbar despektierliche - Titel kam auf Grund einer in einem der unzähligen Booklettexte enthaltenen Mitteilung zustande, wo erwähnt wurde, daß die dem Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt (1677–1734) gewidmeten Werke aus "alten Beständen stammten. Die Hoffnung auf einen wie immer gearteten Vorteil erfüllte sich indes nicht. der Markgraf bezahlte oder honorierte die ihm gewidmeten Werke (nach heutigem Wissensstand) nicht.


    Im Rahmen der Threadrestaurierung und der damit verbundenen Recherche, sowie Inventur meiner in der Sammlung enthaltenen Aufnahmen des Werks, bin ich draufgekommen, daß mir Die Konzerte 4-6 mit "The English Concert" unter Pinnock fehlen.

    Meine Trauer darüber schlug indes in Freud um, als ich folgende Aufnahme aus dem Jahre 2019 fand. Ein zweiter Aufguß ? -keineswegs

    Ein neu formiertes Orchester, ein wunderbarer Klang- gute Kritiken (schlechte werden ja meist nicht veröffentlicht).Fazit: Die Aufnahme ist an mich unterwegs: Ich werde bei Gelegenheit berichten.....



    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Gestern ist die hier gezeigte Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte bei mir eingelangt. Es ist die zweite Aufnahme Trevor Pinnocks dieser Werke. Wenn man die englische Wikipedia anwählt bekommt man wesentlich mehr Informationen, als bei der Deutschen. Hier wird erstmals der Grund für sein Ausscheiden aus "The English Konzert genannt" - er wollte sich (so stehts zumendest dort geschrieben) wieder mehr dem Cembalospiel widmen. Die nun hier gezeigte aufnahme entstand mit dem "European Brandenburg Ensemble", einer Formation, die 2006, anlässlich des 60. Geburtstags von Pinnock gegründet wurde, ein Kurzzeitprojekt bestehend aus Musikern aller Herren Länder und Generationen, nicht für die Ewigkeit bestimmt, aber man wollte sich 2011 wieder treffen. Darüber ist nichts näheres bekannt, deshalb gehe ich davon aus, dass es nicht stattgefunden hat. Es gab einige Tourneen und das Orchester erzielte mit der gezeigten Aufnahme einen "Gramophone-Award"

    Ich habe die Aufnahme nun kritisch gehört - und sie har zweifellos ihre Meriten. Allerdings vermisse ich das, was ich an Pinnocks erster Aufnahme mit "The English Concert" so geliebt habe: den eleganten leicht geschönten Klang (was nicht jedermanns Geschmack ist, wie wir wissen) Hier wird wieder "naturbelassen" gespielt, nicht unbedingt wie Harnoncourt - aber doch ein wenig in die Richtung hin tendierend. Hier will ich nicht urteilen, denn "The English Concert" ist mein absoluter Favorit unter ALLEN "historisch informierten" Orchestern....


    Hier eine Kostprobe aus der gezeigten Aufnahme (Konzert Nr 6)



    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Hier eine Kostprobe aus der gezeigten Aufnahme (Konzert Nr 6)



    Es wundert mich ehrlich gesagt etwas, dass diese Kostprobe Dir so zusagt. Ich finde, dass hier die Balance zwischen themenführenden Instrumenten und Begleitung nicht ganz stimmt und man die polyphonen Strukturen recht schlecht hört (ich habe nur in den ersten Satz reingehört). Insgesamt wirkt das fast wie ein Streicher-Brei, klanglich ansprechend, aber ohne rechte Textur.


    Ich habe spontan mal mit einer anderen Aufnahme verglichen (vom FBO), in der ich die Durchhörbarkeit weitaus besser finde (bitte ggf. draufklicken, das sechste Konzert beginnt ca. bei 1:17):



    LG :hello:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

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  • Es wundert mich ehrlich gesagt etwas, dass diese Kostprobe Dir so zusagt.

    Eigentlich war mein Text eher neutral, wobei ich der Aufnahme des English Concert den Vorzug gab. Die "Kostprobe" wurde auch nicht positiv kommentiert, sondern als Hörprobe - passend zur gezeigten Aufnahme - verlinkt..

    LG

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Die Brandenburgischen Konzerte sind ja eine recht uneinheitliche Gruppe. Mein Einstieg war seinerzeit das vermutlich bereits 1714 komponierte 3. Konzert G-Dur BWV 1048, dessen erster Satz nach wie vor eine soghafte Wirkung ausübt. Wie mir erst heute bewusst wurde, gibt es gewissermaßen eine spätere Alternativfassung dieses Satzes, den Bach der Kantate "Ich liebe den Höchsten von ganzem Gemüte" BWV 174 (entstanden für den Pfingstmontag 1729) als einleitende Sinfonia voranstellte. Dazu erweiterte er den Streicherbesetzung um zwei Hörner (Corni da caccia) und einen Ripieno-Chor von zwei Oboen und einer Oboe da caccia. Stellenweise gibt es auch neues musikalisches Material.



    Einige wenige Aufnahmen der Brandenburgischen Konzerte berücksichtigen diese Sinfonia zur Pfingstkantate und fügen sie als Bonus hinzu. Die 2003 entstandene Einspielung des australischen Orchestra of the Antipodes (erschienen bei ABC Classics), die ich ganz allgemein für künstlerisch und klanglich erstrangig erachte, ist erfreulicherweise so ein Fall. Nachfolgend zum Nachhören zunächst der Kopfsatz von BWV 1048 und dann die Sinfonia zu BWV 174.



    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • den Bach der Kantate "Ich liebe den Höchsten von ganzem Gemüte" BWV 174 (entstanden für den Pfingstmontag 1729) als einleitende Sinfonia voranstellte.

    Bach hat auch in der Kantate BWV 52, "Falsche Welt, dir trau ich nicht" zum 23. Sonntag n. T., eine Sinfonia aus den BBK gewonnen. In diesem Fall ist es der Kopfsatz des 1. BBK, ebenfalls - wie von dir bei BWV 174 erwähnt - in einer anderen Fassung (BWV 1046a). Es geschieht definitiv zum Gewinn der Kantate, die mit einem Rezitativ beginnt und dadurch einen stimmigen und mitreißenden Beginn erhält.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)



  • https://www.discogs.com/releas…rgische-Konzerte-Nr-1-4-6




    Ich liebe die Brandenburgischen Konzerte unabhängig davon, wie diese zustande kamen. Sie unterscheiden sich aber zum Teil sehr deutlich voneinander, was sie aber noch interessanter macht. Eben deshalb würde ich mir diese Werke nie zusammen in einer Box mit der gleichen Besetzung kaufen, da schon von der zum Teil unterschiedlichen Orchesterbesetzung her EIN Orchester nicht die Idealbesetzung für alle 6 Werke sein kann. So habe ich für jedes diese 6 Konzerte sehr ausgiebig und kritisch nach der Besetzung gesucht, die meinen Vorstellungen von den einzelnen Konzerten am meisten entsprächie. So entschied ich mich unter den zahlreichen Einspielungen bei den Konzerten Nr. 1, 4 und 6 für die Aufnahme mit der KONZERTGRUPPE DER SCHOLA CANTORUM BASILIENSIS unter der Leitung von AUGUST WENZINGER, der wohl als einer der Pioniere der historischen Aufführungspraxis gelten kann Er galt als einer der besten Instrumentalisten und Kenner der Aufführungspraxis alter Musik, und die ARCHIV-PRODUKTION der DGG veröffentlichte viele seiner Schallplattenaufnahmen. Er wurde 1934 Lehrer der SCHOLA CANTORUM BASILIENSIS und Leiter ihres Gambenquartetts. Er selbst war ein ausgezeichneter Cellist und war auch im Konzert Nr. 6 der Violoncello-Solist neben WALTER KÄGI und MARIANNE MAJER Bratsche. WALTER KÄGI war auch im Konzert Nr. 4 Violin-Solst,und der exzellente GUSTAV SCHECK war in diesem Konzert der Solo-Blockflötist zusammen mit VALERIE KÄGI. Im Konzert Nr. 1 war der reputable Oboist HELMUT WINSCHERMANN Solist, zusamme mit RODOLFO FELICANI Violine piccolo, und den beiden Hornisten UNMBERTO BACCELLI und CESARE EXPOSITO. Die 3 Aufnahmen durch AUGUST WENZINGER und seine Konzertgruppe bestechen durch Stil- und Klangtreue.

    Für das besonders mitreißende Konzert Nr. 3 für 3 Violinen, 3 Violen, 3 Violoncelli und Basso Continuo in G-dur ist die Aufnahme durch das COLLEGIUM AUREUM mein absoluter Favorit. Sein prominenter Konzertmeister FRANZJOSEF MAIER spielt auf einem Instrument des 18. Jahrhunderts. Das COLLEGIUM AUREUM wurde 1962 gegründet und setzt sich aus einer Vereinigung renommierter Instrumentalisten zusammen, deren Ziel es war, Musikwerke des 17. und 18. Jahrhunderts - später auch des 19. Jahrhundets - klanggercht auf alten Instrumenten mit alter Spieltechnik zur Wiederbelebung der historischen Aufführungspraxis aufzuführen und für die Schallplatte einzuspielen. Prominente Künstler wie HANS-MARTIN LINDE, GUSTAV LEOHNHARD, REINHARD GOEBEL und FRANZ BEYER gehörten zu dem Ensemble, das sich leider in den 1990er Jahren auflöste. Die Aufnahme dieses 3. Konzertes besticht durch Ausgewogenheit und Klangkultur, Es beweist, daß auch auf alten Instrumenten mit Lebendigkeit und Frische - und auch mit Präzision - musiziert werden kann. Alles ist stimmig, und die Wiedergabe ist von beeindruckender kammermusikalischer Klarheit und Transparenz.

    Einen interessanten Kontrast zu diesr Spielweise bietet das MÜNCHENER BACH-ORCHESTER unter KARL RICHTER mit der Einspielung der Konzerte 2, 4 und 5, mit so erstklassign Solisten wie HANSHEINZ SCHNEEBERGER, PIERRE THIBAUD, AURELE NICOLET, HANS-MARTIN LINDE, MANFRED CLEMENT, GÜNTHER HÖLLER und HEDWIG BILGRAM. Auch in den gewählten Tempi des Konzetes Nr. 4 ist KARL RICHTER wesentlich langsamer als AUGUST WENZINGER. aber gerade bei diesem Konzert nehmen beide der so unterschiedlichen Aufnahmen für sich ein, und so lege ich mir je nach Stimmung mal die eine, mal die andere Platte auf. Auch wenn KARL RICHTER's BACH-INTERPRETATIONEN von Puristen heute oft als zu opulent und romantisch abgelehnt werden, so erweist sich der von RUDOLF MAUERSBERGER, KARL STRAUBE und GÜNTHER RAMIN geprägte KARL RICHTER dennoch immer wieder als genialer Musiker und leidenschaftlichr BACH-Exeget, und er feierte jahrzehnelang international größte Erfolge und erzielte Bewunderung für seine Stil- und Klangvostellungen. Wer KARL RICHTER und sein Orchester, wie ich, bei den ANSBACHER BACHWOCHEN erlebt hat, der konnte sich der Wirkung, die von ihm und seinem Orchster ausgaing, kaum entziehen.


    wok

  • da schon von der zum Teil unterschiedlichen Orchesterbesetzung her EIN Orchester nicht die Idealbesetzung für alle 6 Werke sein kann.

    Diese Aussage halte ich für nicht haltbar, lieber wok, da jedes halbwegs fähige Barock-Ensemble natürlich problemlos jede der geforderten Besetzungen aufbieten kann. Solche Ensembles, oft mir großer SPielfreude ausgestattet, haben auch den Vorteil, dass ihnen der Duktus dieser Musik in den Genen liegt und sie sich nach Romantikorchester anhören.

    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Diese Aussage halte ich für nicht haltbar, lieber wok, da jedes halbwegs fähige Barock-Ensemble natürlich problemlos jede der geforderten Besetzungen aufbieten kann. Solche Ensembles, oft mir großer SPielfreude ausgestattet, haben auch den Vorteil, dass ihnen der Duktus dieser Musik in den Genen liegt und sie sich nach Romantikorchester anhören.

    Andererseits habe ich selten Gesamtaufnahmen erlebt die alle Werke ideal einspielen. Egal ob alle Beethoven Sinfonien, Mozarts Klavierkonzerte oder eben die Brandenburger; irgendwo wird es das eine oder andere Werk geben, das mit einem anderen Ensemble besser eingespielt ist. Selbst bei Werken die sich mehr ähneln, wie zum Beispiel ein Quartett Opus von Haydn, gibt es oft einzelne Werke die anderswo besser aufgeführt werden.

    LG aus Wien.:hello:

  • Ich kann u.a. die Einspielung mit dem Zefiro Barockorchester unter der Leitung von Alfredo Bernardini wärmstens empfehlen:


    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Diese Aussage halte ich für nicht haltbar, lieber wok, da jedes halbwegs fähige Barock-Ensemble natürlich problemlos jede der geforderten Besetzungen aufbieten kann. Solche Ensembles, oft mir großer SPielfreude ausgestattet, haben auch den Vorteil, dass ihnen der Duktus dieser Musik in den Genen liegt und sie sich nach Romantikorchester anhören.

    Lieber Tristan,


    Ich will mir aber nicht eine Aufnahme mit einem "halbwegs fähigen Orchester" zulegen, sondern strebe natürlich bei jeder Anschaffung eines Werkes danach, die nach meiner Meinung beste Aufnahmen unter oft vielen Einspielungen zu finden. Das beste Orchester kann wohl nicht alle Sinfnien von MOZART oder alle Quartette von HAYDN optimal wiedergeben. Da ist es allein schon von Belang, ob es sich um das Frühwerk oder Spätwerk eines Komponisten handelt. Für ein Frühwerk würde man z. B. wohl nicht eine KLEMPERER-Aufnahme wählen, und für ein Spätwerk nicht ein Orchester, das mehr einen kammermusikalischen Charakter hat. Auch liegt nicht jedem Orchester jedes Werk eines Komponisten gleich gut, und es kann ja auch sein, daß ein Orchester bei einer einzelnen Aufnahme nicht in Bestbesetzung spielen konnte, vielleicht auch einmal nicht in Bestform war, oder daß ein Werk besonders viele Solopartien für verschiedene Instrumente aufweist, für das auch ein gutes Orchester nicht immer die besten Solisten in seinen Reihen hat. Gerade die 6 Brandenburgischen Konzerte sind in ihrer Anlage und Besetzung zum Teil so unterschiedlich, daß es auch unterschiedliche Anforderungen an ein Orchester stellt. Nicht jedes Orchester kann wie im Falle der Brandenburgischen Konzerte mit so exzellenten Solisten aufwarten, wie sie einige der von mir genannten Orchester dieser Konzerte zu bieten haben, seien es nun die Violonisten FRANZJOSEF MAIER, HANSHEINZ SCHNEEBERGER und WALTER KÄGI, der Cellist AUGUST WENZINGER, die Oboisten HELMUT WINSCHERMANN und MANFRED CLEMENT, der Flötist AURELE NICOLET, der Trompeter PIERRE THIBAUD, die Blockflötisten HANS-MARTIN LINDE, GUSTAV SCHECK und GÜNTHER HÖLLER, oder die großartige Cembalisten des Münchener Bachorchesters HEDWIG BILGRAM. Diese Besetzzungsauswahl für die 6 Konzerte habe ich nach vielen Vergleichen vor dem Kauf dieser Aufnahmen für mich persönlich getroffen, und natrülich wird jeder bei so unterschiedlichen Konzerten seine eignene Referenzauswahl getroffen haben.


    wok


    PS Eine Frage: Ist Chrissy nicht mehr Mitglied unseres Forums? Ich habe schon länger von ihm keine Berichte mehr gesehen. Er interessierte sich immer besonders auch für ältere Aufnahmen und unbekanntere Interpreten


    Chrissy ist nicht mehr Mitglied bei uns. Sein letzter Beitrag stammt vom 26. Juli 2023 - MOD 001 Alfred

  • Ich will mir aber nicht eine Aufnahme mit einem "halbwegs fähigen Orchester" zulegen, sondern strebe natürlich bei jeder Anschaffung eines Werkes danach, die nach meiner Meinung beste Aufnahmen unter oft vielen Einspielungen zu finden.

    Ich gehe mal davon aus, dass du mich nicht mit Absicht missverstehen möchtest ;). Die Aussage "jedes halbwegs fähige Barockorchester" beinhaltet logischerweise auch die vielen richtigen guten Spezialensembles.


    Wenn man sich die BBK mit Enembles wie Musica Amphion, Concerto Köln, Niederländische Bachvereinigung, Freiburger Barockorchester, Akademie für Alte Musik Berlin, Zefiro Barockorchester und viele anderen anhört, dann kann man da leicht die "best mögliche" Interpretation finden. Das sind Ensembles, die sich mit Barockmusik, mit authentischen Instrumenten und wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Musik der Entstehungszeit auskennen und das Ganze atemberaubend umsetzen. Man erhält ein mitreißendes, spielfreudiges nach besten Wissen um das Wesen der Barockmusik gestaltetes musikalisches Erlebnis. Die Erkenntnisse der HIP-Bewegung incl. ihrer musikwissenschaftlichen und historischen Erkenntnissgewinne um Spielweise und Instrumente etc. lässt in der Praxis bei Barockmusik immer mehr Orchester und Ensembles die entsprechenden Konsequenzen ziehen und damit viel eher "bestmögliche" Ergebnisse erzielen, als früher.


    Eure Einwände, dass die jeweils "bestmögliche" Interpretation vielleicht nicht bei allen sechs Konzerten vom gleichen Ensemble kommt, sind natürlich berechtigt. Die Unterschiedlichkeit der Werke - trotz ihrer unterschiedlichen Besetzungen - ist dabei ja doch eher gering. Barocke Instrumentalkonzerte aus der Werkstatt eines Komponisten, entstanden innerhalb von etwa sechs Jahren. Sie weisen stilistische Ähnlichkeiten und gelegentlich sogar untereinander ähnliche Hauptthemen, nur eben für verschiedene Besetzungen auf. Die sechs BBK sind damit wesentlich homogener, als z.B. 9 Beethoven-, Bruckner- und Mahler-Sinfonien, wo ich eher unterschreiben würde, dass es keine GA geben kann, die vollständig zufriedenstellt.


    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Auf die Idee, mir für jedes der sechs Konzerte ein anderes Ensemble zu suchen, wäre ich nie gekommen. Der Ansatz liegt mir fern. Ich verstehe die Konzerte als zusammengehörenden Zyklus - was sie historisch freilich nicht sind! - der heutzutage in der Regel geschlossen, als Ganzes, präsentiert und auch rezipiert wird. Ich versuche immer, die bestmögliche Gesamteinspielung eines Werkzyklus' oder einer ganzen Werkgruppe mit denselben Interpreten zu bekommen, für ein möglichst rundes und homogenes Gesamtbiid.


    Die von wok genannten Ensembles stammen meines Erachtens eher noch aus der Findungs- und Experimentierphase der historisch-informierten Praxis und haben dabei, nach breiter Auffassung, wohl eher nicht Referenzstatus mit ihren Aufnahmen erreicht. Das haben Andere allerdings schon früh:


    Ein ganz früher Vorgriff auf die HIP-Bewegung war die revolutionäre Einspielung des Hamburger Kammerorchesters unter Harry Newstone aus dem Jahre 1959 (!) für das Label SAGA (zuletzt bei HERITAGE).



    Ein großer Meilenstein, ja Durchbruch, war dann die Aufnahme des Concentus Musicus Wien mit Nikolaus Harnoncourt vom April 1964 im Palais Schönburg für Teldec (Produzent: Wolf Erichson). Natürlich klingt die zweite Aufnahme Harnoncourts von 1981 geschliffener und schwungvoller, und wird heutigen Hörerwartungen, auch aufnahmetechnisch, eher gerecht. Diese zweite Aufnahme würde ich wählen, wenn ich aus der gesamten Interpretationshistorie der Konzerte nur eine Aufnahme wählen müsste. Es mag inzwischen Aufnahmen geben, die unter einigen Aspekten mehr gefallen oder gelungener sind, doch was ihren interpretatonsgeschichtlichen Impakt angeht, ist und bleibt die 1981er-Einspielung die Referenz!


    1964:




    1981:


    Nur das LP-Cover gefunden.


    Als nächstes muss unbedingt die Aufnahme von Gustav Leonhardt, zusammen mit Lucy van Dael, Frans Brüggen, den Kuijken-Brüdern, Paul Dombrecht und Anner Bylsma - diese klangvollen Namen bilden das absolute Dream-Team der HIP-Bewegung jener Zeit! - aus den Jahren 1976/1977 für das Label Seon (dann Philips, später SONY) erwähnt werden.




    Mein persönlicher Favorit, auch wenn nicht ganz HIP, ist die Einspielung, die der dirigierende Peter Schreier mit dem Kammerorchester CPE Bach, u.a. mit Håkan Hardenberger (trumpet), Irene Grafenauer (flute), Eckart Haupt (flute), Maurice Bourgue (oboe), Thorsten Rosenbusch (violin), Simon Preston (organ) 1991/1992 für das Label Philips gemacht hat. Allererste Güte sind übrigens auch Schreiers Einspielungen der drei Passionen (ja, auch der rekonstruierten Lukas-Passion), der H-Moll-Messe, der vier kleinen Messen, des Weihnachtsoratoriums und des Magnificats für Philips!




    Das Münchener Bach-Orchester mit Karl Richter oder das Collegium Aureum mit Franzjosef Maier kann man - aus heutiger Sicht - ruhig links liegen lassen. Aus historischer Sicht vielleicht noch interessant, doch haben die zuvor genannten besser abgeliefert.


    Unter den jüngeren Einspielungen ist - neben der schon erwähnten mit Zefiro und Berardini von 2017 für Arcana (Outhere Music) - auch die des Concerto Italiano unter Leitung von Rinaldo Alessandrini für das Label naìve (erschienen 2005) eine ganz heiße Nummer.


    Zitat

    FonoForum 03/06: "Schon das erste Konzert ermöglicht ganz neue Hörerlebnisse: Alessandrini sieht in ihm ein Jagdkonzert und kostet die einkomponierten Jagdszenen weidlich, aber zugleich auch mit allergrößter Natürlichkeit aus. Eine derartige geschmeidige Eleganz ist auch sein Trumpf bei den übrigen, weniger bildhaften Konzerten."



    Und noch frischer: Der Dunedin Consort mit John Butt für das Label Linn (2013). Mit Pamela Thorby (Blockflöte), Jonathan Manson (Cello) und John Butt am Cembalo.



    Ein tolles Musikvideo mit den sechs Konzerten, gespielt im Jahre 2021 vom Collegium 1704 unter Václav Luks im Spiegelsaal des Köthener Schlosses, also an einem passenden historischen Ort, gibt es beim Label accentus music (eine Co-Produktion des MDR mit Arte). Das ist mein heißer Tipp für alle, die die Werke bestmöglich audiovisuell genießen möchten.



    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

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  • Ein tolles Musikvideo mit den sechs Konzerten, gespielt im Jahre 2021 vom Collegium 1704 unter Václav Luks im Spiegelsaal des Köthener Schlosses, also an einem passenden historischen Ort, gibt es beim Label accentus music (eine Co-Produktion des MDR mit Arte). Das ist mein heißer Tipp für alle, die die Werke bestmöglich audiovisuell genießen möchten.

    Das stimmt! Die Werke sind zudem hier durchgehend in einer bezwingenden Interpretation auf der Höhe heutiger Bachpflege zu erleben - auch rein auditiv! Aber die filmische Umsetzung und die 'Kulisse' lohnen natürlich ebenfalls:


    Beste Grüße von Tristan2511


    "Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?"

    (Beethoven zu Schuppanzigh)

  • Das Münchener Bach-Orchester mit Karl Richter oder das Collegium Aureum mit Franzjosef Maier kann man - aus heutiger Sicht - ruhig links liegen lassen. Aus historischer Sicht vielleicht noch interessant, doch haben die zuvor genannten besser abgeliefert.

    Ich habe in meinem Beitrag immer zum Ausdruck gebracht, welches der 6 Brandenburgischen Konzert-Aufnahmen MEINE Referenzaufnahmen sind, und ich würde mir nie anmaßen, zu urteilen, welche der unzähligen Einspielungen dieser Konzerte generell die beste sei. Es war mir klar, daß ich mit der Nennung des Namens KARL RICHTER von einigen Forum-Mitgliedern Widerspruch ernten würde. Trotzdem finde ich es etwas despektierlich zu schreiben, daß man diese Aufnahme links liegen lassen könne. Ich vermerkte ja auch, daß das Spiel des MÜNCHENER BACH-ORCHESTERS vor allem von HIP-Puristen wohl keinen Beifall ernten würde. Besonders ältere Musikliebhaber, die KARL RICHTER und sein ORCHESTER noch persönich erlebten oder so häufig im Rundfunk hörten, haben diese Spielweise sehr geschätzt und für gut befunden. Sofern man kein Musik-Historiker ist, finden sicher viele Melomanen diese Aufnahmen auch heute noch als interessanten Kontrast zu Aufnahmen der historischen Aufführungspraxis.


    wok

  • Die Aufnahmen der Schola Cantorum Basiliensis unter Leitung von August Wenzinger halte ich für großartig und bewerte diese als für ihre Zeit pionier- und referenzverdächtig. Sie stammen von 1953, sind also noch sechs Jahre älter als die von mir zitierte Hamburger Aufnahme mit Harry Newstone. Schade, dass die Aufnahmen durch jene Richters in den Hintergrund gerieten. Richter wurde dann plötzlich zum Zugpferd der DGG erkoren und verdrängte Besseres, das zuvor schon da war. Zum Glück nahm die DGG später Reinhard Goebel mit der Musica Antiqua Köln und Trevor Pinnock mit The English Concert unter Vertrag, welche in der Bach-Discographie absolute Glanzlichter gesetzt haben.


    Die Aufnahmen der Brandenburgischen mit dem Münchener Bachorchester unter Karl Richter von 1967 - immerhin auf demselben Label veröffentlicht, wie die Wenzingers (DGG Archiv Produktion) - und wohl ein Verkaufsschlager für die folgenden Jahrzehnte, gefallen mir bei erneutem Reinhören sogar leidlich.

    An den Tempi und an der Artikulation bei den Brandenburgischen gibt es hier absolut nichts auszusetzen. Die Aufnahmen sind auch technisch gut realisiert. Zittrige Solovioline und quäkende Oboe zeigen allerdings dann doch das Alter der Aufnahme und die noch nicht erreichte heutige Spielkultur an.


    Leider ist das Bach-Dirigat Richters so inkonsistent.

    Ich hatte Karl Richter vor allem negativ in Erinnerung für seine "Zerstörung" der Ouvertüren-Suiten BWV 1067 bis 1069 von 1960 bis 1961 (und entsprechender und ähnlicher Kantateneinleitungen), bei welcher er vorführt, wie man aus zackigen französischen Ouvertüren mit ihren scharf punktierten Rhythmen unendliche Kaugummis herstellen kann. Vielleicht hat er in den sechs bis acht Jahren zwischen den Aufnahmen aber auch gelernt. Es gab vor ihm schon Interpreten, die wussten, wie man eine franzörische Ouvertüre anzugehen hat. Interessanterweise haben zeitgleiche Cembalisten so etwas nicht veranstaltet; man höre etwa Ralph Kirkpatrick in seiner Aufnahme von Bachs Ouvertüre im französischen Stil BWV 831 aus dem Jahre 1959. Kirkpatrick spielt den Eingangssatz zwar auch recht langsam, doch mit scharfer Punktierung, die ja im Barock meist nicht als solche notiert wurde. Das Wissen um die korrekte Ausführung musste sich in der modernen Zeit erst wieder rumsprechen. Viele Aufnahmen noch bis zum Anfang der 90er Jahre zeugen von mangelnder Kenntnis.


    Auch Helmut Koch mit dem Kammerorchester Berlin wusste es noch nicht besser. Seine Aufnahmen für das DDR-Label ETERNA, die ansonsten sehr hörenswert sind - und wohl doch klangschöner und "gesungener" als die Richters, ohne die dortige zittrige Violine und quäkende Oboe, besonders in den langsamen Sätzen - stammen aus dem Jahre 1975 (Brandenburgische Konzerte und vier Orchstersuiten). Wie Karl Richter, mit Einschränkungen zu empfehlen.



    Im Zuge der Entwicklung historisch-informierten Musizierens kamen auch Marotten auf, die man zunächst für authentisch hielt, später aber wieder verwarf. So lässt sich in den Aufnahmen Neville Marriners mit der Academy of St. Martin in the Fields (1984) und auch Peter Schreiers mit dem Kammerorchester CPE Bach beobachten, dass Sechzehntel, wenn der Basiswert laut Taktangabe Viertel sind, oft staccato, mindestens jedoch non-legato, ausgeführt werden, auch in diatonischen Läufen! Man vergleiche die Einspielungen der Bachschen vier Ouvertüren-Suiten beider. Ich erinnere mich auch an Pianisten, die mit Bach solches veranstaltet hatten. Heute ist es fast andersherum: Man ist sich darin einig, dass Sechzehntel-Passagen, insbesondere Läufe, legato zu spielen sind, wenn nicht explizit staccato notiert ist (was sehr selten vorkommt). Achtel hingegen, wenn es keine diatonischen Tonfolgen sind, werden meist abgesetzt. Je größer die Tonsprünge, desto mehr wird abgesetzt gespielt. Diatonische Tonschritte sind eigentlich immer zu binden.

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Ich höre sehr gerne auch die schon angerissene Einspielung der Six Concerts avec Plusieurs Instruments mit Neville Marriner und der Academy of St Martin in the Fields für die EMI von 1985. Einfach, weil sie mir - trotz einiger Schwächen aus heutiger Sicht - musikalisch gefällt und ich - aus großer Sympathie für den Dirigenten und sein Orchester einfach alles höre, was sie aufgenommen haben. Leider habe ich Marriner nicht selbst in Aktion erlebt. Dennoch würde ich - weder für mich noch allgemeingültig - postulieren, dass diese Aufnahmen außergewöhnlich gut wären. Ich höre sie explizit nicht, weil ich sie für die besten hielte. Aber Marriner verstand es mehr als viele andere Universal-Dirigenten, Barockmusik zu spielen.



    ~~~


    Einer weiteren Einspielung, die sich durch schlanke Leichtfüßigkeit und Frische auszeichnet, würde ich - auch wenn ich sie persönlich nicht oft höre - allerdings durchaus Referenzstatus zubilligen:


    Concerts avec plusieurs instruments Vol. 1-6

    Café Zimmermann

    Brandenburgische Konzerte Nr. 1-6; Orchestersuiten Nr. 1-4; Cembalokonzerte BWV 1052, 1055, 1056; Konzert für 2 Cembali & Streicher BWV 1061; Konzerte für 3 Cembali & Streicher BWV 1063 & 1064; Konzert für 4 Cembali & Streicher BWV 1065; Oboenkonzerte BWV 1053 & 1055; Violinkonzerte BWV 1041 & 1042; Konzert für 2 Violinen & Streicher BWV 1043; Konzert für Oboe, Violine & Streicher BWV 1060; Tripelkonzert BWV 1044

    6 CDs, Alpha



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    Es gibt nur wenige Einspielungen sämtlicher Konzerte (einschließlich der vier Ouvertüren-Suiten) Bachs mit demselben Ensemble.

    Eine zweite dieser raren Gesamteinspielungen, die ich sehr schätze, zumal ich Helmut Müller-Brühl mit dem Kölner Kammerorchester selbst in Brühl und in Köln erlebt habe, und die ich wegen ihrer jugendlichen Frische immer wieder höre, ist die für NAXOS in Co-Produktion mit DeutschlandRadio von 1995 bis 1999 aufgenommene Einspielung des Orchesterwerkes auf 8 CDs. Für die Solisten hat sich Müller-Brühl aus dem ersten Rang bedient: Christian Hommel (Oboe), Daniel Rothers (Blockflöte), Karl Kaiser (Traversflöte), Robert Hill (Cembalo), um nur einige zu nennen. Müller-Brühl bietet HIP vom Feinsten in Mischbesetzung (moderne Streicher, ergänzt um authentische Soloinstrumente). Übrigens sind kaum woanders die Konzerte für Oboe und Oboe d'Amore (BWV 1055, 1056, 1059, 1053, 1060) so schön zu hören, wie hier:


    Johann Sebastian Bach

    Das vollständige Orchesterwerk

    Originale - Transkriptionen - Rekonstruktionen. 35 Konzerte und Suiten

    Kölner Kammerorchester - Helmut Müller-Brühl

    8 CDs im Schuber, Naxos, 1999


    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Seit seiner Zeit mit Hugh Wolff als Chefdirigenten hat das hr-Sinfonieorchester seine Kompetenz in Sachen historisch-informierten Spielens von Musik des Barocks und der Klassik stark entwickelt. In der Konzertreihe Barock+ wurden immer wieder Größen der HIP-Szene wie Christopher Hogwood oder Emmanuelle Haïm als Gastdirigenten eingeladen. Ich hatte in Frankfurt viele dieser Konzerte miterlebt. Diese Konzertreihe gibt es immer noch.


    Hier zwei wunderbare Beispiele:


    Zunächst der Video-Mitschnitt des zweiten Brandenburgischen Konzertes mit dem hr-Sinfonieorchester, natürlich in werkgemäß reduzierter Besetzung, stehend musizierend, aus dem HR-Sendesaal vom 28. März 2025. Am Dirigentenpult: Maurice Steeger, der auch den Blockflötenpart spielt.



    Sodann noch das Video mit dem vierten Brandenburgischen aus demselben Konzert:



    Leider gehen nicht viele Sinfonieorchester diesen Weg, indem sie die Untergruppe eines Barockorchesters, quasi als "Orchester im Orchester", aus ihren eigenen Reihen entwickeln. Die Staatskapelle Halle (vor 20 Jahren entstanden durch die Fusion der beiden großen Halleschen Orchester, bestehend aus 115 Musikern) ist ein weiteres der raren Beispiele. Neben ihrem Auftreten als großes Sinfonieorchester stellt sie zugleich auch das Festspielorchester Halle für die Händelfestspiele, dort regelmäßig historisch-informiert und auf authentischen Instrumenten spielend!

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Die außergewöhnlichen Qualitäten von NEVILLE MARRINER's ACADEMIY OF ST MARTIN-IN-THE-FIELDS dürfte wohl niemand in Zweifel ziehen. Ganz besonders schätze ich seine DECCA-Einspielung der beiden Hornkonzerte Nr. 1 und 2 von JOSEPH HAYDN mit dem großen Könner auf diesem Instrument BARRY TUCKWEL, mit seinem nahezu unerschöpflichen Atem, neben dem mit 36 Jahren durch einen Autounfall ums Leben gekommenen legenaären DENNIS BRAIN und HERMANN BAUMANN wohl der beste Hornist seiner Zeit. In dieser Aufnahme sind gleich 12 renommierte Violinisten, 3 Cellisten, 1 Kontrabassist, 2 Oboisten, 1 Fagottist, ein weiterer Hornist, und eine Cembalisten die Mitwirkenden, darunter NEVELILLE MARRINER selbst und IONA BROWN, eine großartige Geigerin, die 1964 zu diesem Orchester kam und dieses von 1974 - 1980 leitete. Besonders die Steicher des Orchesters sind durchaus berühmt durch ihre vorbildlichen Einspielungen barocker Musik. Auf der selben LP wurden auch HAYDN's 6 Deutsche Tänze, und die Ouvertüre zu Acide e Galatea aufgenommen. Für mich ist dieses Kammerorchester auch bei dieser Aufnahme Spitze und eine klare Referenzaufnahme.

    Ich schätze auch noch sehr eine weitere Aufnahme dieses Orchesters unter NEVILLE MARRINER mit den bei L'OISEAU-LYRE erschienenen Werken mit TELEMANN's Konzert für Viola und b.c. in G-dur, GABRIELIS Canzona noni toni, VIVALDIS Concerto für 4 Viiolinen, Streicher und b.c. in h-moll, und HÄNDEL's Concerto grosso op. 6,4 .

    Mit der Meinung von querstad über HELMUT MÜLLER-BRÜHL, Leiter des KÖLNER KAMMERORCHESTERS/ORCHESTER DER BRÜHLER SCHLOSSKONZERTE, stimme ich voll überein. Es wird auf Original-Instrumenten, z. T. aus HAYDN's Zeit, musiziert - musikantisch frisch, und die klanglichen Proportionen innerhalb der Solisten und des Orchesters stimmen. Von seinen vielen Aufnahmen reizte mich besonders seine Einspielung der Sinfonia CONCERTANTE für Violine, Violoncelle, Oboe, Fagott und Orchester B-dur H I:105 von JOSEPH HAYDN, und zwar mit der CAPELLA ACADEMICA WIEN - ENSEMBLE mit historischen Instrumenten und der künstlerischen Leitung von EDUARD MELKUS, dem bekannten österreichischen Violinisten, Bratschisten und Dirgenten, über den es auch viel zu erzählen gäbe. In dieser HAYDN-Aufnahme wirken hochkarätige Instrumentalisten mit wie EDUARD MELKUS selbst als Violinist, MICHEL PIQUET, Oboe, WATER STIFTNER, Fagott und VERA SCHWARZ Cembalo. Ich habe den Eindruck, daß MÜLLER-BRÜHL einen ganz besonderen inneren Draht zur Musik HAYDN's hat.


    wok

  • Herbert von Karajan hat mit den Berlinern ja nicht nur Vivaldis Vier Jahreszeiten gemacht, sondern auch Bachs Brandenburgische, letztere sogar zweimal: Einmal in Sankt Moritz (Konzerte 1-5) bzw. in der Berliner Jesus-Christus-Kirche (Konzert 6), und sodann nochmal 1978 in der Berliner Philharmonie.


    Eigentlich rollen sich mir schon beim bloßen Gedanken an Bach mit Karajan die Fußnägel hoch. Indes muss ich feststellen, dass es schlechtere Einspielungen gibt und sich die Aufnahme vom 2. und 3. Juli 1978 aus der Berliner Philharmonie, abgesehen von etwas verkleistertem Klang wegen zu großer Besetzung, ganz gut anhört.

    Zwei Dinge sind mir allerdings sehr negativ aufgefallen:

    • 2. Konzert, 4. Satz: Menuett: Was veranstaltet Karajan da? Er scheint nicht zu wissen, was ein barockes Menuett ist. Seine Interpretation geht nicht einmal als langsamer Wiener Walzer durch.
    • 6. Konzert: Hier verschwimmen alle Stimmen in einem einzigen Wischi-Waschi-Klang.

    Einspielung von 1978:

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Herzlichen Dank, lieber querstand , für den Hinweis auf Gustav Leonhardt mit der sehr prominenten Restbesetzung. Diese Produktion ging an mir bisher unverständlicherweise vorbei. Nun hörte ich bereits mit großem Gewinn hinein.


    Werden in der ebenfalls erwähnten frühen Einspielung von Harry Newstone aus Hamburg denn historische Instrumente verwendet?

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Und abschließend meine Meinung zur Frage im Thread-Titel: Meisterwerk!

    Die Six concerts avec plusieurs instruments haben in der Musikgeschichte nicht Ihresgleichen. Sie bilden eine große Vielfalt ab: Es sind nicht nur einfach nur Concerti Grossi, wie sie en masse produziert wurden, vielmehr zeichnen sie sich durch unterschiedlichste Besetzungen aus, die das bis dahin Gewohnte sprengen oder gar an das Unmögliche grenzen (Beispiel: 1. Konzert: Violino piccolo mit Hörnern).


    Zitat

    Ich halte die Brandenburgischen Konzerte für sehr starke Stücke – aber manche von Ihnen sind eigentlich zu stark.

    - Reinhard Goebel


    Hier ein paar O-Töne Goebels zum ersten Brandenburgischen Konzert.

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Werden in der ebenfalls erwähnten frühen Einspielung von Harry Newstone aus Hamburg denn historische Instrumente verwendet?

    Nein, diese Einspielung verwendet noch keine historischen Instrumente. Sie findet aber als früher Wegbereiter auf dem Weg zur historisch-informierten Spielpraxis Erwähnung. Die musikalische Rhetorik lässt schon deutlich erahnen, was Harnoncourt, Leonhardt und andere später entwickelt haben.

    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

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