Johann Paul Friedrich Richter alias Jean Paul zum 250. Geburtstag

  • Jean Paul (* 21. März 1763 in Wunsiedel; † 14. November 1825 in Bayreuth; eigentlich Johann Paul Friedrich Richter) war ein deutscher Schriftsteller. Er steht literarisch gesehen zwischen Klassik und Romantik.
    Gleich seinen skurrilen Figuren wie dem Armenadvokaten Siebenkäs aus Kuhschnappel steht der Autor Jean Paul etwas abseits in heutigen Bücherregalen.
    Aber vielleicht ändert sich das jetzt anläßlich seines 250. Geburtstages!
    Mehrfach war er zu Lebzeiten zum "Lieblingsdichter der Deutschen" ausgerufen worden. Zu den begeisterten Lesern gehörten auch viele Komponisten wie Schumann oder Mahler, der seine "Erste" nach dem Jean Paul-Roman "Titan" benannt hat.
    Umgekehrt hatte auch der Dichter selbst eine besondere Beziehung zur Musik und spielte gerne auf dem Pianoforte.


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Zit.: "Aber vielleicht ändert sich das jetzt anläßlich seines 250. Geburtstages!"


    Schön wäre es! Aber es ist höchst unwahrscheinlich. Jean Paul ist der größte Fabulierer deutscher Sprache. Einer, der in das erzählerische Chaos regelrecht verliebt ist. Es ist nahezu unmöglich, von einem Werk wie "Flegeljahre" oder "Titan" eine das Wesentliche erfassende Inhaltsangabe zu machen. Man muss, wenn man zum Leser dieser Erzählkunst werden will, dazu bereit werden, sich ins phantastische Detail zu verlieben und Vergnügen an den Sprach- und Formulierungskünsten, denen man auf jeder Seite die Hülle und Fülle begegnet, zu entwickeln. Und man braucht genügend eigenes imaginatives Vermögen, um mit den wunderlichen Käuzen, die die Romane und Erzählungen bevölkern, lesend leben zu können. Gelingt einem das, dann ist Jean Pauls Werk eine wahre Fundgrube an Lesevergnügen.


    Aber es wird einem noch mehr abverlangt. Jean Paul ist ein romanhaft fabulierender Philosoph, der in seinem Werken eine ganz philosophische Ästhetik untergebracht hat. Nicht ohne Grund bezeichnete Robert Schumann die "Flegeljahre" als "seine Bibel". Die dortigen Protagonisten "Vult" und "Walt" sind die Vorlagen für "Florestan" und "Eusebius". Dieser Roman ist ganz und gar von Musik durchpulst. Novalis schwärmte: "Richter poetisiert musikalische Phantasien". Der Einfluss, den dieser Poet des Skurrilen, Phantastischen und der Seelentiefe auf Schumann hatte, kann kaum überschätzt werden. Und im übrigen: Er war der meistgelesene Autor seiner Zeit.

  • Der größte Prosaist deutscher Zunge: Trotz kompositorischer Schwächen (wobei seine Abschweifungen Kunstmittel sind) und metaphorischer Übertreibungen bislang der deutsche Dichter mit dem größten Wortschatz, der abwechslungsreichsten Syntax und vor allem der farbigsten und tönendsten Prosa voller Sentiment und Ratio - er steht um Lichtjahre höher als etwa Goethe und immer noch Gebirge über anderen Prosameistern wie Nietzsche oder Kleist oder Thomas Mann! Seinerzeit viel gelesen, heute nur noch selten - zu anspruchsvoll, zu komplex, zu vorausetzungsvoll sein Werk: Der belesene und gebildete Kenner aber schätzt ihn höher selbst als Wieland oder Fontane. Es gibt einige Einführungen und Lesebücher, unübertroffen aber ist die Auswahl von Stefan George:


  • Der „größte Prosaist deutscher Zunge“ ist Jean Paul ganz bestimmt nicht. Ohnehin ist das eine im Grunde nichtssagende Qualifizierung: An welchen Kriterien könnte sie sich sachlich orientieren?


    Vergleicht man ihn mit anderen großen Erzählern und Romanschriftstellern, so stellt man fest: Ihm mangelt es an einer für erzählerische Prosa ganz entscheidenden Fähigkeit: Der sprachlich-gestalterisch ordnenden Kraft und Disziplin. Der Faktor „konsistente Handlung“ wird allzu oft zugunsten der Faktoren „Emotionalität“ und „phantastisch schweifende Intellektualität“ vernachlässigt. Man kann sich als Leser im narrativen Dschungel seiner Romane und Erzählungen regelrecht verirren und verlieren.


    Darin liegen aber auch wiederum die Stärke Jean Pauls und der ganz eigentümliche Reiz seiner Dichtung. Sie wirkt, so man sich denn ihrer Phantastik, ihrer Skurrilität, ihrem subtil-versponnenen Humor und ihrem nahezu unglaublichen Witz überlässt, in hohem Maße vergnüglich, anregend, beflügelnd und begeisternd. Auf der anderen Seite dürfte eben dieses Überborden der fabulierenden Phantasie einer der wesentlichen Gründe dafür sein, dass es - aus heutigem Blickwinkel - eben nichts ist mit jenen "Lichtjahren höher als Goethe und Thomas Mann" , - Fontane könnte man übrigens hier hinzufügen. Es gibt gute - aus der formalen Struktur seines Werkes herleitbare - Gründe dafür, dass er heute zu jenen Autoren gehört, die in der Rezeption von historischer Literatur nicht mehr präsent sind. Das ist bedauerlich, aber durchaus verständlich.


    Aber wir sind hier in einem Musikforum. Und deshalb noch ein Wort zu Jean Pauls Bedeutung für Robert Schumann. Man übertreibt nicht, wenn man sagt: Jean Pauls literarisches Werk, insbesondere die „Flegeljahre“, war so etwas wie das künstlerische Biotop, in dem der Komponist Schumann heranwuchs und zu dem wurde, was er für uns heute ist.


    Man muss sich einmal vorstellen, wie der junge Schumann, noch unsicher, ob er in seiner Einschätzung der Bedeutung von Kunst und Musik richtig liegt und also darin eine Berufung für sich selbst sehen darf, eine solche Szene aus den „Flegeljahren“ in sich aufnahm und sich darin wieder- und bestärkt fand:


    Vult fragt Walt nach einem Konzert, das diesen zu Tränen gerührt hatte:
    „Aber wie hörtest du? Voraus und zurück, oder nur so vor dich hin? Das Volk hört wie das Vieh nur Gegenwart, nicht die beiden Polar=Zeiten, nur musikalische Silben, keine Syntax. Ein guter Hörer des Worts prägt sich den Vordersatz eines musikalischen Perioden ein, um den Nachsatz schön zu fassen.“


    Das meinte ich, als ich oben von einer regelrechten philosophischen Ästhetik sprach, die sich in Jean Pauls Werk in vielerlei Ausarbeitungen findet. Aber für Schumann war im lesenden Erleben der „Flegeljahre“ noch eine andere Erfahrung wichtig, - und konstitutiv für seinen komponistischen Werdegang:
    Dass aus imaginativer Versponnenheit und Phantastik künstlerisch gültige Aussage hervorgehen kann. Und dass dies durchaus –jenseits der klassischen Vorgaben – immer noch musikalische Form zu konstituieren vermag.


    Man könnte es auch so sagen: Jean Paul ermunterte Schumann – und ermutigte ihn zugleich - , ganz und gar auf seine innere Stimme zu hören und all das, was er aus der Klassik als formstiftende Vorgaben übernehmen zu müssen meinte, zu ignorieren, - oder zu transzendieren.
    Solch ein Werk wie die „Humoreske“, - das ist Jean Paul musikalisch!

  • Der „größte Prosaist deutscher Zunge“ ist Jean Paul ganz bestimmt nicht. Ohnehin ist das eine im Grunde nichtssagende Qualifizierung: An welchen Kriterien könnte sie sich sachlich orientieren?


    Vergleicht man ihn mit anderen großen Erzählern und Romanschriftstellern, so stellt man fest: Ihm mangelt es an einer für erzählerische Prosa ganz entscheidenden Fähigkeit: Der sprachlich-gestalterisch ordnenden Kraft und Disziplin. Der Faktor „konsistente Handlung“ wird allzu oft zugunsten der Faktoren „Emotionalität“ und „phantastisch schweifende Intellektualität“ vernachlässigt. Man kann sich als Leser im narrativen Dschungel seiner Romane und Erzählungen regelrecht verirren und verlieren.


    Darin liegen aber auch wiederum die Stärke Jean Pauls und der ganz eigentümliche Reiz seiner Dichtung. Sie wirkt, so man sich denn ihrer Phantastik, ihrer Skurrilität, ihrem subtil-versponnenen Humor und ihrem nahezu unglaublichen Witz überlässt, in hohem Maße vergnüglich, anregend, beflügelnd und begeisternd. Auf der anderen Seite dürfte eben dieses Überborden der fabulierenden Phantasie einer der wesentlichen Gründe dafür sein, dass es - aus heutigem Blickwinkel - eben nichts ist mit jenen "Lichtjahren höher als Goethe und Thomas Mann" , - Fontane könnte man übrigens hier hinzufügen. Es gibt gute - aus der formalen Struktur seines Werkes herleitbare - Gründe dafür, dass er heute zu jenen Autoren gehört, die in der Rezeption von historischer Literatur nicht mehr präsent sind. Das ist bedauerlich, aber durchaus verständlich.

    Seltsam, dann liegen also Stefan George, Thomas Mann, Friedrich Nietzsche oder Hermann Hesse falsch?! Na ja, die haben eh keine Ahnung von Dichtkunst! Wenn man die im 2. Absatz genannte ordnende Kraft zu Grunde legen wollte; wären übrigens Fischart, Rabelais, Sterne oder Joyce auch keine großen Dichter. Goethes Prosa ist natürlich Lichtjahre entfernt von Jean Paul, zuweilen stümperhaft, unordentlich und schlecht komponiert; dazu sprachlich gravitätisch bis langweilig; wer sich hier vom Namen nicht schrecken lässt und nachliest, wird mir beipflichten. Thomas Mann natürlich eine andere Kategorie, aber im Vergleich zu meinem Nachbarn Friedrich Richter natürlich bar der vor allem metaphernreichen Fabulierkunst - wo Thomas Mann ironisiert und konstruiert; schreibt Jena Paul frisch und lebendiger und vor allem origineller. Auch hier reichen Vergleichslesungen aus dem "Dr. Faustus" und dem "Titan", um mein Urteil zu verifizieren! Es ist immer gut, selbst zu lesen und nicht uralte Wertungen aus längst überholter Sekundärliteratur nachzubeten!

    2 Mal editiert, zuletzt von Yorick ()

  • Eine nachträgliche Anmerkung zu meinem letzten Beitrag möchte ich noch machen. Sie ist zwar auf den ersten Blick eine persönliche, auf den zweiten – und genaueren – aber doch wieder nicht.


    In mir kam, während ich so schrieb, der Gedanke auf:
    Könnte man nicht aus einer solchen These, wie der oben formulierten:


    "Ein Werk wie Robert Schumanns „Humoreske“, - das ist Jean Paul musikalisch!"


    …einen Thread machen?


    Das wäre doch eine wunderbare Gelegenheit, Literatur und Musik in einem Diskurs miteinander zu verschränken und hinsichtlich bestehender Interdependenzen vielleicht interessante Einsichten zu gewinnen.

  • Eine Verbindung des literarischen Schaffens von Jean Paul mit der klassischen Musik stellt eine Sendung des Norddeutschen Rundfunks - NDR Kultur - her, die morgen abend ausgestrahlt wird:


    Zitat

    Samstag, 23. März 2013 - 20:05 Uhr - NDR Kultur
    Prisma Musik
    Thema: Jean Paul zum 250. Geburtstag
    Eine Sendung von Gerhard Müller
    Robert Schumann hat an Schuberts großerC-Dur-Sinfonie vor allem ihre Unabhängigkeit von Beethoven und ihren „novellistischen Charakter" gelobt. Schumann verglich das Werk, ganz im Sinne der Romantik,mit einem vierbändigen Roman von Jean Paul. Bezugnehmend auf diesen Dichter, den er außerordentlich verehrte, bezog Schumann auch die beiden Alter Egos Florian und Eusebius in seine Musikbetrachtungen ein. Jean Paul, der 1763 in Wunsiedel als Johann Paul Friedrich Richter geboren wurde, setzte noch in der nächsten und übernächsten Generation Maßstäbe in der musikalischen Welt. So verglich der Wiener Kritiker Eduard Hanslick den jungen Brahms „mit seinem langen blonden Haar, seinen Vergißmeinnichtaugen und einer Gesichtsfarbe wie Milch und Honig“ mit einem „Jean Paulschen Idealjüngling". Und aus der Lektüre des Romans „Titan“ bezog noch Gustav Mahler wichtige Impulse für die Komposition seines sinfonischen Erstlings, der in Budapest einfach „Symphonische Dichtung“ geheißen hatte und wenig später in Hamburg als „Tondichtung in Symphonieform“ den von Jean Paul entlehnten Titel „Titan“ trug.


    im Anschluß folgt dann noch zum gleichen Thema:
    Robert Schumann:
    Papillons op. 2
    Murray Perahia, Klavier,


    Blumenstück op. 19
    Claudio Arrau, Klavier,


    Gustav Mahler:
    Sinfonie Nr. 1 D-Dur – Der Titan -
    Concertgebouw Orchester Amsterdam
    Ltg.: Leonard Bernstein


    LG

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)


  • Lieber Helmut,


    eine schöne Idee, die aber ganz schön in "Arbeit" ausarten wird... :) Jean Pauls Ausführungen über den Humor sind so ziemlich das Tiefste, was es gibt. Und den Beziehungen zu Gustav Mahler z.B. nachzugehen, ist ungemein erhellend. Ohne Jean Paul ist Mahlers Verständnis von Humor (insbesondere die 3. und 4. Symphonie) gar nicht zu verstehen.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Zit.: "eine schöne Idee, die aber ganz schön in "Arbeit" ausarten wird..."


    Das ist mir nach einem Nachdenken darüber auch bewusst geworden. Der Gundgedanke war: Einmal aufzuzeigen, wie Literatur inspirierend und strukturierend auf die musikalische Komposition einwirkt, - sozusagen auf dem schwierigen, weil komplexen Feld über das Lied hinaus, wo dies ja unmittelbar vorliegt und relativ leicht nachweisbar ist. Mir schwebten zunächst Schumann und Gustav Mahler vor. Das würde aber einen riesigen analytischen Aufwand unter ständiger Bezugahme auf literarische Passagen mit sich bringen.


    Ein verlockender Gedanke zwar, - ist aber wohl nicht zu schaffen. Jedenfalls für mich nicht!

  • Mir schwebten zunächst Schumann und Gustav Mahler vor. Das würde aber einen riesigen analytischen Aufwand unter ständiger Bezugahme auf literarische Passagen mit sich bringen.


    Ein verlockender Gedanke zwar, - ist aber wohl nicht zu schaffen. Jedenfalls für mich nicht!

    Vor allem werden wir dann alleine diesen Thread gestalten, wie es aussieht! :) Das ist dann so etwas wie ein Seminar ohne Teilnehmer! Das wäre eher etwas für einen Musikkreis, wo man sich mal an einigen Abenden trifft und etwas vorbereitet - bei einem schönen Gläschen Wein und mit Musik. Nur leider sind dazu die Entfernungen etwas zu groß! ;)


    Schöne Grüße
    Holger

  • wo Thomas Mann ironisiert und konstruiert; schreibt Jena Paul frisch und lebendiger und vor allem origineller. Auch hier reichen Vergleichslesungen aus dem "Dr. Faustus" und dem "Titan", um mein Urteil zu verifizieren!

    ... wobei man fairer Weise sagen muß, daß der "Dr. Faustus" ein Alterswerk ist mit seinen typischen Eigenschaften - einer gewissen Sprödigkeit im Stil. Das war beim jungen Thomas Mann ja auch mal anders. Trotzdem ist der "Dr. Faustus" ein faszinierendes und wichtiges Buch. Ich persönlich kann mit solchen Rankings nicht viel anfangen. Schon in meinem Studium nicht. Ist Hölderlin oder Goethe der größere Dichter? Beethoven oder Brahms der größere Komponist? Rembrandt oder Rubens der größere Maler? Daß es nicht wenige Menschen gibt, die für den einen oder anderen plädieren, zeigt doch nur, daß beide etwas Unverzichtbares zu sagen oder zu zeigen haben. Meine Wertschätzung bekunde ich dadurch, daß ich mich mit diesen Autoren intensiv beschäftige - und das nicht wegen ihrer eventuellen Schwächen, sondern ihrer Stärken und ihrer Unvergleichlichkeit. Darauf kommt es doch letztlich an, oder? Deshalb finde ich braucht man sich darüber auch nicht ernsthaft zu streiten. Da gibt es sicher produktivere Gespräche.


    Beste Grüße
    Holger