Die Vielfalt der Klassik ist erdrückend - (?)

  • Dies soll ein entspannter Wochenend-Thread mit wenig Streitpotential und Tiefgang werden. Ein "Tritsch-Tratsch-Thread" mit vorgebenem Klassikthema - gewissermaßen. Freie Assoziation ist angesagt.
    Die Idee (der Fachmann sagt: "Inspiration") dazu bekam ich soeben beim surfen bei cpo, wo ich nach Aufnahmen von Spohr sichte, dann aber aus unerfindlichen Gründen bei Penderecki gelandet bin und den unverzeihlichen Fehler machte auch noch hineinzuhören. Ich war überrascht - Vieleicht hatte ich heute auch nur einen guten Tag. Mozart ist er zwar keiner, der Herr Penderecki - aber INTERESSANT sind seine Werke (hineingehört hab ich in die Sinfonien) allemal. Auf meinem Rogramm stehen die nächsten Wochen jedoch auch Pleyel, Vanhal und Gyrowetz - ebenso wie Joseph Haydn. Und immer wenn mein Vorsatz lautet: Jetz mal 6 Monate keine Plattenkäufe mehr, dann entdeckt cpo irgendeinen Komponisten des 18. Jahrhunderts von dem selbst ich noch nichts gehört habe. Derzeit versuche ich auch Spohr wieder für mich zu entdecken, vermutlich wird mir seine Kammermusik besser gefallen als seine Sinfonien. Leider muß ich die erst anschaffen. Seltene Opern aus 3 Jahrhunderten liegen auch auf einem Stapel und warten darauf gehört zu werden.
    Die in der Krise befindliche Tonträgerindustrie greift in die Archive und veröffentlicht massenhaft Aufnahmen der Vergangenheit, auch solche, die zu Lebzeiten des Interpreten als nicht akzeptabel galten. Heute stürzen wir uns auf diese "Schätze"
    Wenn wir auch immer jammer, was alles aus den Katalogen verschwunden ist - vieles kehrt doch am "Grabbeltisch" oder in einer "Premium Edition" zum Dumpingpreis wieder zu uns zurück.
    Es gibt auf jeden Fall mehr Klassikaufnahmen als ein Mensch in seinem Leben hören kann....


    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Als erdrückend würde ich die Vielfalt nicht bezeichnen. Man kann sich ja entspannt zurücklehnen und nur das wahrnehmen, was man wahrnehmen möchte, insbesondere dann, wenn es noch weitere Hobbies außer Musik gibt, die die knappe Zeit beanspruchen.


    Ich habe nicht ein Ziel wie: alles gehört zu haben, was wert ist, gehört zu werden. Die Verfolgung eines solchen Ziels würde zu viel Zeit kosten.


    Ich muß nicht alles kennenlernen und strebe kein enzyklopädische Wissen über Musik an. Aber es gibt immer wieder tolle Musik, über die man stolpert, und sich freut, dieser Musik begegnet zu sein.

  • Ich persönlich empfinde die Vielfalt der Klassik nicht als erdrückend, sondern als beglückend. Man lernt auch hier gleichsam nie aus. Es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken. Es ist ein geradezu unendlich erscheinender Fundus vorhanden, den vermutlich selbst ein Hundertjähriger kaum insgesamt durchhören könnte. Das ist nun freilich, wenn man so will, ernüchternd.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Gern begebe auch ich mich in den Irrgarten der Kataloge, Listen, Ankündigungen, Foren und der wenigen verblieben Läden, immer auf der Suche nach neuen Erlebnissen. Ist da nicht noch was? Ich muss mich doch endlich mit Raff beschäftigen oder mit Mercandante. Das sind nur zwei Namen von vielen, die mir durch den Kopf gehen. Ich fürchte mich manchmal in diesem Labyrinth. Kaum ist ein Raum durchschritten, tut sich eine neue Tür auf. Soll das wirklich die Krise der Musikindustrie sein? Eine schöne Krise ist das allemal. Auf der Suche nach Vielfalt verweile ich am Ende am liebsten bei der Musik, die mir mit den Jahren unverzichtbar geworden sind, ohne die ich gar nicht leben könnte. Das ist auch ein Stück meiner eigenen Sicherheit. Das ist wie Heimat. Werke, die ich sehr gut zu kennen glaube, höre ich in neuer Deutung und Interpretation - und plötzlich stellt sich das beglückende Gefühl ein, als höre man sie zum allerersten Mal. So geht mir im Moment mit Aufnahmen mir wichtiger Werke von Babirolli, die mir ein Musikfreund, auf dessen Urteil ich sehr viel gebe, nahe gebracht hat. Es sind nicht allein die vielen Angebote und Neuerscheinungen um uns herum ob nun von cpo oder sonst wem, die unser Leben mit Musik bereichern, es sind vor allem die Anstöße, die wir durch andere Menschen empfangen. Deshalb bin ich auch hier bei TAMINO. Von Ernüchterung kann auch bei mir nicht die Rede sein. Dennoch: Dein Thema, lieber Alfred, ist sehr anregend. Ich habe nur einen ganz kleinen Teil dessen aufgeschrieben, worüber ich nachsinne.


    Liebe Grüße in die Runde von Rheingold

    Rheingold 1876

  • Der neue am 21. März herausgekommene Bielefelder Klassik Katalog listet 78500 Medien auf. Ein Leben wird nie ausreichen, alle Aufnahmen sich anhören zu können, wie Alfred_Schmidt in Beitrag 1 bemerkt. Das Internet bietet noch eine grössere Anzahl Auswahlmöglichkeiten mit You Tube und Downloads an. So gesehen mag die Vielfalt erdrückend sein. Wir können auf eine mehrere Jahrhunderte umfassende, reiche musikalische Geschichte zurückblicken.


    Hier bietet mir das Tamino-Forum Orientierung an, die ich dankbar annehme.
    .

    „Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines Dudelsacks. – Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott liedersingend.“ Friedrich Nietzsche

  • Die Idee (der Fachmann sagt: "Inspiration") dazu bekam ich soeben beim surfen bei cpo

    ... und eine ganz ähnliche Idee hatte ich am letzten Wochenende als ich in der kleinen Hamburger Kulturzeitschrift "concerti" ein Interview mit Boris Berezovsky (dem Pianisten, nicht dem gerade gestorbenen Kreml-Kritiker) las:


    "Ich finde, wir leben in einer wunderbaren Zeit. Ein Menschenleben dauert siebzig, achtzig, vielleicht neunzig Jahre. Die Musik, die geschrieben worden ist, ist mehr als genug, um diese Zeitspanne zu füllen. ... Irgendwann stößt das menschliche Gehirn an eine Grenze, wo es nichts mehr aufnehmen kann und behalten kann. Wir haben diese Grenze erreicht. Und das ist schön. Wir brauchen nichts mehr. ... Man kann so viel schönere Dinge tun außer komponieren."


    Ich hatte mich nicht getraut, dies hier zur Debatte zu stellen, weil mir (immer noch nicht) klar ist, ob das ernstzunehmen ist; deshalb bin ich Alfred dankbar, einen Thread zu diesem Thema doch in Gang gesetzt zu haben. Die Haltung Berezovsky ist meiner Ansicht nach zutiefst unkünstlerisch; oder besser: von einem Künstler dieses Formats hätte ich so etwas nicht erwartet. Es passt zu der Ansicht, es könne heute keine Universalgelehrten mehr geben, selbst in der Naturwissenschaft gäbe es nur noch Spezialisten, da niemand mehr das Ganze überblicken könne, und das Internet zeige deutlich, dass wir ein "Überangebot" des Wissens haben.


    In unserer Zeit surfen die Meisten aber nicht nur im Internet durch das Leben. Sie ziehen es vor, auf der Oberfläche hin und her zu schwanken, trauen sich nicht in einer schönen Bucht mal einen Anker zu werfen, weil man ja im Nachbarhafen etwas verpassen könnte. Auf die Idee, an Land zu gehen, weil von der nächsten Anhöhe die Welt ganz anders aussehen könnte und die Chance besteht, gerade dadurch seinen Horizont zu erweitern, kommen nur noch Wenige.
    Es macht natürlich Mühe, einen Berg heraufzukraxeln ("ein Meisterwerk bekommt man nicht über Nacht geschenkt" (Oskar Werner)) -- aber es macht auch Spaß, vorausgesetzt, man kann sich für etwas begeistern lassen. So manchen "Berg" schafft man nicht beim ersten Mal. Aber wenn es etwas gibt, das einen dermaßen fesselt und zu einem neuen Versuch anspornt ... erschließt sich manchmal eine wunderschöne Landschaft, die der Wanderer kennenlernen will.


    Wie kann es dann "zu viel Musik" geben? Es kann gar nicht genug geben! Ein "Zuviel" kann es doch nur für denjenigen geben, der sich nirgendwo niederlassen kann, oder der sich -- wie gesagt -- aus Angst etwas zu "verpassen" hierhin und dorthin treiben lässt. Vielleicht aus Sammelleidenschaft oder -- noch problematischer -- um ein "Experte" zu sein.


    Was vor allem zu dem Unsinn vom "letzten Universalgelehrten" führt, sind die verqueren Wertvorstellungen unserer Gesellschaft. Allein in der alltäglichen Auffassung des Wortes Experte, ob auf künstlerischem oder wissenschaftlichem Gebiet, schwingt für mich unverbesserlicher Aristotelismus mit. Die Wiederentdeckung der ursprünglichen Bedeutung des Wortes "Dilettant" ist mehr als angesagt, denn jeder gute Profi muss auch im weiten Rahmen "Dilettant" im besten Sinne des Wortes sein (was ja nicht heißt, dass er bei der Ausübung seiner Profession durch den Dill tanzen darf). Aber das Geseiher der "Gesellschaft", man sei auf diesem oder jenen Gebiet "Experte", obwohl es gar nicht der wirklichen Profession entspricht, dieses schale Lob kann Einem gestohlen bleiben.


    Mozart ist er zwar keiner, der Herr Penderecki

    Wer aber ist denn ein Mozart? ^^ Doch eigentlich nur "die Sonne" :) .



    Leider muß ich die erst anschaffen.

    Wenn ich mich daran erinnere, wie sich einst mein nahezu "vollständiger" Dvorak zu Stande gekommen ist, ging das über Jahrzehnte, aber nicht mit dem Wunsch, alles "haben" zu wollen. Es entwickelte sich im Laufe der Zeit. Wollte man alles "durchhören", könnte das Einen auch ein ganzes Leben beschäftigen, denn jedes gute Werk führt ja eine Monade funkelnder Interpretationen mit sich, die für sich genommen ja schon eine eigene Welt sind. Eine Sammlung verpflichtet für mich nicht zum "Durchhören", sondern sie ermöglicht das Entdecken in den vielfältigsten Bereichen und lässt manchmal die Berge in einem anderen Licht erscheinen.



    Die in der Krise befindliche Tonträgerindustrie

    ... die sich ihren Niedergang zum Teil auch selbst zuzuschreiben hat. Jetzt wird der Markt mit vermeintlichen Raritäten "vollgeplempert" und die Kultur weiter gepflegt, den Kunden CDs ohne jegliches Inlet um die Ohren zu klatschen. Das ist an Lieblosigkeit oft nicht zu überbieten.



    Es gibt auf jeden Fall mehr Klassikaufnahmen als ein Mensch in seinem Leben hören kann

    Es gibt auch mehr Literatur, die ein Mensch je lesen könnte, mehr Orte auf der Welt, die je ein Mensch bereisen könnte. Und es gibt auch Menschen, die nicht reisen können, aus welchem Grund auch immer, und dennoch in Kiel-Möltenort so viel als fotografische Künstler entdecken, dass dafür normalerweise auch kein Menschenleben ausreicht.


    Viele Grüße von Heiko

    Heiko Schröder
    Ahrensburg


    "Wer sich im Ton vergreift, sucht nur in den glücklichsten Fällen nach neuen Harmonien."

  • Die Vielfalt der Klassik finde ich schon erdrückend. Wenn ich einen Katalog in die Hand bekomme oder im Internet stöbere, muß ich immer wieder feststelllen, daß da Namen sowohl als Komponist als auch als Interpret gehandelt werden, die ich noch nie gehört habe. Mein Wissen scheint also doch bescheiden zu sein. Da ich erst vor etwa 10 Jahren - nach dem Niedergang meines Operninteresses durch die hinlänglich bekannten Gründe - mit der Orchestermusik begonnen habe, hat sich mein Interesse auf die "Renner" konzentriert. Komponisten, die im Konzertsaal selten erklingen wie Raff, Nielsen uva. habe ich durchaus wohlwollend zur Kenntnis genommen. Aber in meinem Plattenschrank finde ich sie nicht. Ich habe echte Bedenken, wo ich da anfangen soll.


    Meine Bestände an CD, Platten und DVD sind so dimensioniert, daß ich täglich ca. 8 Stunden Musik machen könnte und in etwa einem Jahr durch wäre. Ich will einfach nicht zum Sammler werden und mein Zimmer mit CD´s tapezieren, die ich vielleicht gar nicht hören werde. Deshalb ist für mich die Vielfalt schon zu groß. Wenn ich meine Sammlung erweitere, dann nur, wenn ich ein Stück höre, was ich aus musikalischen Gründen unbedingt haben will.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Lieber La Roche,
    die Schwierigkeiten kann ich nicht ganz teilen.



    Die Vielfalt der Klassik finde ich schon erdrückend.

    Eine Vielfalt kann für einen Menschen doch erst dann erdrückend sein, wenn er die Vielfalt in irgendeiner Form "beherrschen" will. Was wäre denn das Gegenstück? Eine Beschränktheit, die auf menschliche Maßstäbe zugeschnitten ist? Mit der Vielfalt, die sich auf einer Frühlingswiese findet kann sich immer noch keine vom Menschen geschaffene Vielfalt messen. Abgesehen davon finde ich eine Einfalt viel erdrückender -- und manch Einer kommt auch mit der Dreifaltigkeit nicht zurecht. ;)



    Wenn ich einen Katalog in die Hand bekomme oder im Internet stöbere

    Ja, das ist doch gut. Auf diese Weise gelangst Du doch viel schneller ans Ziel als je zuvor. Vorausgesetzt, Du suchst nach etwas, was Du im Radio gehört hast oder irgendwo gelesen hast, das Dich fasziniert. So geht das bei mir. Nicht umgekehrt. Es gehört zwar nicht in die Klassik, aber zum Beispiel (Einige kennen sicher die Story): Auf einer Bahnfahrt von Prag nach Hamburg las ich im Spiegel etwas von einem gewissen Rodriguez, der 1970/71 zwei großartige Alben rausbrachte, dann aber von der Bildfläche verschwand. Während der nächsten 20 Jahre aber wurde er in Südafrika zu einem Superstar -- und wurde nun wiederentdeckt. Der ungemein kurze Artikel war so gut geschrieben, dass in den nächsten zwei Wochen die Scheiben bei mir im Schrank waren: Risiko, natürlich. Aber es hat sich gelohnt! So läuft das bei mir. Kataloge sind allenfalls Anregung, und dann höre ich erstmal rein.



    in etwa einem Jahr durch

    Dieser Gedanke steht mir völlig fern, etwas in diesem Sinne zu "schaffen". Was hätte ich davon? Es ist für mich sogar fraglich, ob es sinnvoll ist, die Sinfonien von Joseph Haydn in vier Monaten auf diese Weise durchzuhören.


    wenn ich ein Stück höre, was ich aus musikalischen Gründen unbedingt haben will.

    Ich wüsste nicht aus welchen Gründen ich etwas haben wollte, wenn nicht aus musikalischen ...


    Viele Grüße von
    Heiko

    Heiko Schröder
    Ahrensburg


    "Wer sich im Ton vergreift, sucht nur in den glücklichsten Fällen nach neuen Harmonien."

  • In unserer Zeit surfen die Meisten aber nicht nur im Internet durch das Leben. Sie ziehen es vor, auf der Oberfläche hin und her zu schwanken, trauen sich nicht in einer schönen Bucht mal einen Anker zu werfen, weil man ja im Nachbarhafen etwas verpassen könnte. Auf die Idee, an Land zu gehen, weil von der nächsten Anhöhe die Welt ganz anders aussehen könnte und die Chance besteht, gerade dadurch seinen Horizont zu erweitern, kommen nur noch Wenige.
    Es macht natürlich Mühe, einen Berg heraufzukraxeln ("ein Meisterwerk bekommt man nicht über Nacht geschenkt" (Oskar Werner)) -- aber es macht auch Spaß, vorausgesetzt, man kann sich für etwas begeistern lassen. So manchen "Berg" schafft man nicht beim ersten Mal. Aber wenn es etwas gibt, das einen dermaßen fesselt und zu einem neuen Versuch anspornt ... erschließt sich manchmal eine wunderschöne Landschaft, die der Wanderer kennenlernen will.


    Davon würde ich nahezu jedes Wort unterschreiben!


    Die Beschäftigung mit klassischer Musik macht mir nun seit 30 Jahren auch gerade deshalb soviel Spaß, weil immer wieder Neues auftaucht. Jetzt vor Kurzem (im "Was hört ihr gerade?"-Thread hat man's, glaube ich, gemerkt) habe ich die Klaviermusik von Prokofieff für mich zum ersten Mal wirklich 'erhört'. Das war eine Bereicherung für mich, mein Horizont hat sich erweitert. Und die Sache ist noch nicht beendet. Weitere Aufnahmen sind im 'Anrollen'.
    Und so tut sich ständig etwas Anderes auf, dem ich vorher keine oder kaum Beachtung geschenkt hatte.


    Gäbe es nur Beethoven, Brahms, Bruckner usw. (also nur die echten Giganten mit ihren Gigantenwerken - was eigentlich unmöglich ist - aber nehmen wir einmal an, es wäre so), dann wäre das Leben als Klassikliebhaber doch deutlich ärmer. Ich finde, dass die großen bis größten Meisterwerke auch dadurch gewinnen, dass man sie auch einmal eine Zeit ruhen lassen kann, sich derweil mit anderen Komponisten beschäftigt, neue Wege sucht, um dann doch immer wieder zu ihnen zurückzukehren.


    Also - ich sehe in der Vielfalt keine Überforderung. Ich muss halt mit dem Gedanken leben, in meinem einen Leben, das mir zur Verfügung steht, nicht alles hören zu können, was theoretisch denkbar ist. Natürlich ist dies traurig und schade. Aber Überforderung - nein!


    Grüße,
    Garaguly

  • Was heikos in den vorangegangenen Beiträgen schrieb, gefällt mir ausgesprochen gut. Ich frage mich, inwieweit diese Überzeugungen nicht aber vielleicht der Ergebnis einer ehemals als erdrückend empfundenen Menge von Musik sind. 8-)


    Persönlich stehe ich der Vielzahl der Kompositionen schon etwas resignierend gegenüber. Mein Anspruch ist es nicht, alles gehört zu haben, aber in meiner noch nicht zehnjährigen Laufbahn als Klassikhörer habe ich schon so viele Werke kennengelernt, die mir Grund zu der Vermutung geben, dass auch die anderen des jeweiligen Komponisten hörenswert sind. Ja nun bedarf es aber nicht nur der Zeit, diese zu hören, sondern auch der Muße, um dies mit Genuss zu tun. Im Februar wollte ich mich dem Don Giovanni widmen, habe es aber bisher lediglich zweimal geschafft, diesen auch komplett zu hören. Mittlerweile stellt sich heraus, dass mindestens dreimaliges Hören für mich unabdingbar ist, um ein Werk in seinen Grundzügen zu erfassen und genießend hören zu können und danach soll es ja nicht im Regal verschwinden, sondern die Stücke wollen ausgekostet werden. Notwendigerweise bleiben somit andere Werke zunächst auf der Strecke. Dies ist es, was ich als einigermaßen "erdrückend" empfinde: Nicht, dass ich nicht alles hören kann, sondern dass ich den verhältnismäßig kleinen Anteil des Ganzen, der mir hörenswert erscheint, nicht bewältigen kann.

    "Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin." (W.A. Mozart)

  • Dieser Gedanke steht mir völlig fern, etwas in diesem Sinne zu "schaffen". Was hätte ich davon? Es ist für mich sogar fraglich, ob es sinnvoll ist, die Sinfonien von Joseph Haydn in vier Monaten auf diese Weise durchzuhören.


    Ja, da haben wir uns mißverstanden. Es liegt nicht in meinem Wesen, jeden Tag einige Stunden Klassik zu hören. Dazu muß ich in Stimmung sein, denn nebenher kann ich Klassik nicht rieseln lassen. Klassik bedeutet bei mir bewußtes, zielgerichtetes Hören. Da ich auch noch andere Hobbys und eine Frau habe (die auch bestimmte Erwartungen in meine häuslichen Pflichten hat), bleiben je nach Stimmungslage, max. 10 Stunden pro Woche. Da genießen wir beide gemeinsam Mahler oder Bruckner, Strauß oder Beethoven. oder hören Oper von Wagner, Verdi oder Puccini u.a.


    Bei dieser Zeiteinteilung würde mein Musikvorrat sicher für 10 Jahre reichen, nicht nur für eines. Ich will das auch nicht "schaffen", aber bereits jetzt muß ich feststellen, daß ich etwa die Hälfte meiner Musiken noch gar nicht gehört habe. Bevor ich mir nun weitere Anschaffungen mache und in die Ecke stelle, praktisch auf die Warteliste, zähme ich meine Kauflust und warte auf die Eingebung: Was mußt Du unbedingt haben. Dabei lasse ich mich von Konzerten, von Tamino-Meinungen leiten, weniger vom Radio. Das Radio habe ich zum Dudeln, beim Frühstück z.B. oder im Auto. Da bin ich aus Konzentrationsgründen weniger für Klassik zu haben. Ich habe also in meinem Bestand ausreichend Musik zum Hören, zumal manche Stücke jährlich 5-6 mal auf dem Teller liegen.


    Naja, und ein Stück, z.B. eine Oper, kann man auch haben wollen aus optischen Überlegungen. Anna Moffo als Violetta oben ohne z.B. Aber da geht es weniger um die Musik.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • Für mich ist jede Vielfalt erdrückend! Sei es bei Klassik, bei Büchern oder im richtigen Leben! Ich leide an einem Vollständigkeitswahn und Erledigungsfanatismus, der mir beispielsweise das wissenschaftliche Arbeiten irgendwann verleidete, weil ich wirklich alles an Sekundärliteratur zu einem Thema lesen wollte und das geht natürlich nicht. Vielfalt kann beglückend sein, für mich ist sie erdrückend ...

  • Zitat heikos: "In unserer Zeit surfen die Meisten aber nicht nur im Internet durch das Leben. Sie ziehen es vor, auf der Oberfläche hin und her zu schwanken, trauen sich nicht in einer schönen Bucht mal einen Anker zu werfen, weil man ja im Nachbarhafen etwas verpassen könnte. Auf die Idee, an Land zu gehen, weil von der nächsten Anhöhe die Welt ganz anders aussehen könnte und die Chance besteht, gerade dadurch seinen Horizont zu erweitern, kommen nur noch Wenige."


    Das liest sich sehr schön, lieber heikos, ich frage mich aber, woher Du Deine Erkenntnisse beziehst. Wer sind die Meisten, wer die Wenigen? Wie viele sind das? Trage es mir nicht nach, dass ich nachhake, aber mit derlei Verallgemeinerungen, die ich für sehr gefühlt halte, kommen wir nicht sehr weit. Und wenn es so wäre wie Du schreibst, meinst Du wirklich, früher sei es anderes, besser gewesen? Wann früher? Als es noch kein Internet gab? Ich glaube nicht einen Moment daran. Im Übrigens möchte ich auch nicht mit fünftausend anderen Menschen in einer schönen Bucht einkehren. Das haben wir doch schon an allen Enden der Welt.


    Dir mein bester Gruß! Rheingold

    Rheingold 1876

  • Für mich ist jede Vielfalt erdrückend! Sei es bei Klassik, bei Büchern oder im richtigen Leben! Ich leide an einem Vollständigkeitswahn und Erledigungsfanatismus, der mir beispielsweise das wissenschaftliche Arbeiten irgendwann verleidete, weil ich wirklich alles an Sekundärliteratur zu einem Thema lesen wollte und das geht natürlich nicht. Vielfalt kann beglückend sein, für mich ist sie erdrückend ...


    irgendwie war ich erstaunt. Wolltest Du nicht das Handtuch schmeißen?


    trotzdem habe ich mich auch ein wenig gefreut! Wenn mir auch Dein mitunter aggressiver Ton nicht zugesagt hat (in gewissen Grenzen kann ich auch aggressiv werden), so waren Deine Beiträge doch oft von großer Sachkenntnis getragen und stellten eine Bereicherung des Forums dar.


    Vielleicht hört man noch öfter voneinander? Du kannst das ruhig als versöhnenden Handschlag auffassen, nur nicht weinerlich werden.


    La Roche

    Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte!

    Zitat des Theaterdirektors La Roche aus Capriccio von Richard Strauss.

  • aus optischen Überlegungen... Anna Moffo als Violetta oben ohne z.B.

    Mein lieber La Roche


    Man o man, da tun sich ja Abgründe auf... :yes: Die Moffo, früher zwar ein bischen mager, aber wo gibt es denn diese Aufnahme? :jubel:


    Herzliche Grüße
    CHRISSY


    Zitat La Roche betreffs eines anderen Mitglieds: irgendwie war ich erstaunt. Wolltest Du nicht das Handtuch schmeißen?

    Ich bin nicht erstaunt und manch ein anderer ganz sicher auch nicht. Das war doch jedem klar, Teil 3 oder 4 und Fortsetzung folgt...

    Jegliches hat seine Zeit...

  • Zitat La Roche betreffs eines anderen Mitglieds: irgendwie war ich erstaunt. Wolltest Du nicht das Handtuch schmeißen?

    Ich bin nicht erstaunt und manch ein anderer ganz sicher auch nicht. Das war doch jedem klar, Teil 3 oder 4 und Fortsetzung folgt...


    Ende März! Da ist noch eine Woche Zeit! Mein Entschluss steht fest; es wäre aber schön, man würde bis dahin nicht in der 3. Person über mich sprechen! Zu Freude besteht kein Anlass!

  • Der Bielefelder Katalog listet angeblich 17.217 Komponisten. Mein Server sagt, dass ich gerade mal Musik von 240 Komponisten besitze. Aber das frustiert mich nicht. Mich deprimiert lediglich, wieviel Zeit offensichtlich andere Taminos finden, um Musik zu hören. Wie soll man denn da parallel auch noch alle Tamino-Threads lesen und u.U. noch einen den einen oder anderen eigenen Beitrag einstellen?


    Gruß enkidu2

    Nach Schlaganfall zurück im Leben.

  • Das liest sich sehr schön, lieber heikos, ich frage mich aber, woher Du Deine Erkenntnisse beziehst.


    1. Thema Medien und Schüler: Grundsätzlich, bei jeder, aber auch wirklich jeder, an der ich teilgenommen habe (und zum Teil auch musste): Wir leiden unter Wissensüberflutung und unsere Kinder müssen dies und das, um "später" mithalten zu können. Angeblich ein ständiger Kampf gegen die Vielfältigkeit. Wer sind die Meisten: Nun, ich mache vor allem meiner Generation, der 70-er Fernsehgeneration den Vorwurf, denn sie selbst hat nur wenig gelernt, auszuwählen. Wenn ich allein schon dieses Gequatsche höre: Man muss heute Word oder Excel "können", um mitzuhalten. Wichtig sind Problemlösestrategien, für die sich die Programm sinnvoll einsetzen lassen.


    2. Mache mal eine Umfrage zum Thema Musikunterricht und Schule. Wir hatten diesen Punkt schon einmal in einem anderen Thread.


    3. Wie oft höre ich, dass in der Physik ohnehin "keiner" mehr den Überblick haben kann. Wie hat es dann ein Richard Feynman angestellt?


    4. Und unser Radio? Was ich in den 70-ern an Radiosendungen (das Radio hat mich viel mehr begeistert als das Fernsehen) in mich hineingefuttert habe, kann meine CD-Sammlung heute gar nicht wettmachen. 1980 war es damit vorbei: Abstieg zum Radio Tralala. Kein Schulfunk mehr, großartige Unterhaltungskünstler wie Hermann Hofmann (vielleicht kennt ihn jemand noch; Sender Zitrone) verschwanden sang und klanglos. Lediglich der Deutschlandfunk hielt noch die Fahne hoch.


    5. Facebook -- muss ich dazu irgendetwas sagen?


    6. Wir leben in einer Zeit, viel Geld für Schallschluckwände ausgegeben wird, um Züge in Betontrögen fahren zu lassen, während man sich nicht geniert, Anderen das jämmerliche Handygebimmel zuzumuten. Ich sehe jeden Morgen Mütter, denen ihr Händy wichtiger ist als das Kleine daneben.


    Unsere Wertvorstellungen haben sich verschoben, lieber Rheingold. Wir fühlen uns global, und sind nirgendwo wirklich "zu Hause". Ich hatte diese Beispiele in der ersten Version meines Textes gestrichen, weil die ohnehin lange Reply nicht noch länger werden sollte.



    aber mit derlei Verallgemeinerungen, die ich für sehr gefühlt halte, kommen wir nicht sehr weit.

    Fortschritt setzt immer eine Verallgemeinerung voraus. Wenn es irgendetwas gibt, was unseren engeren Nachbarn (Tschechen), und sicherlich nicht nur diesen, höllisch auf die Nerven gehen kann, ist das leider für Deutschland so typische Denken in niedrigem Kontext: Wenn ich sage "Spanier" lieben Gazpacho, heißt das nicht, dass mein Nachbar, der auch Spanier ist, automatisch darin eingeschlossen sein muss.


    Wann früher?

    Im 19. Jahrhundert wurde wesentlich mehr im Familienkreis musiziert als heute. In den 50-er Jahren und noch zu meiner Kindheit waren die sozialen Kontakte intensiver als heute und man war viel mehr bereit, sich auf etwas zu konzentrieren (auf ein Hörspiel etwa). Der musikalische Kommerz war bei weitem noch nicht so fortgeschritten wie heute.


    Im Übrigens möchte ich auch nicht mit fünftausend anderen Menschen in einer schönen Bucht einkehren.

    Hier verstehe ich den Zusammenhang mit meinem Text nicht. Wenn ich davon spreche, dass sich jeder seine Buch suchen sollte, wie kommst Du dann auf ein Kollektiv?


    Gruß Heiko

    Heiko Schröder
    Ahrensburg


    "Wer sich im Ton vergreift, sucht nur in den glücklichsten Fällen nach neuen Harmonien."

  • inwieweit diese Überzeugungen nicht aber vielleicht der Ergebnis einer ehemals als erdrückend empfundenen Menge von Musik sind

    In keiner Weise, Lynkeus. Ich empfand sie nie als erdrückend, weil ich -- wie ich glaube -- auf der Suche war. Einen "Anker" hatte ich zunächst bei Tschaikowski, vor allem aber bei Beethoven, dessen Pastorale für mich der eigentliche Startschuss war. NDR III, wann immer es die Zeit (meistens abends) hergab. Irgendwann entdeckte ich Smetana, und dann ging es erst richtig los. Ich las (meistens im Konzertführer), merkte mir Interessantes, und versuchte bei der nächsten Gelegenheit von diesem Komponisten etwas zu hören. Sehr viel verdanke ich auch meinen Eltern. Beide haben viel musiziert, es wurde sehr viel gesungen (mein Vater vor allem) und -- es gab noch keine Spülmaschine. Also genügend Gelgenheit, sich bei jener unvermeidlichen Tätigkeit nach dem Mittagessen ausgiebig zu unterhalten.


    Das war eine sehr schöne Zeit. Wie gesagt, in den 80-ern ging es dann mit dem Radio bergab. Aber das hatte ich mir schon einen ganzen Stiebel zusammengehört.


    Gruß Heiko

    Heiko Schröder
    Ahrensburg


    "Wer sich im Ton vergreift, sucht nur in den glücklichsten Fällen nach neuen Harmonien."

  • Ich leide an einem Vollständigkeitswahn und Erledigungsfanatismus,

    Damit könnte ich nicht leben, Yorick. Wer hat denn etwas von dieser Vollständigkeit? Man selbst setzt sich unter Druck und für die Anderen gäbe es nichts zu ergänzen, wenn dann die Vollständigkeit erreicht ist. Ich halte Vollständigkeit für überhaupt nicht erstrebenswert.


    Gruß Heiko

    Heiko Schröder
    Ahrensburg


    "Wer sich im Ton vergreift, sucht nur in den glücklichsten Fällen nach neuen Harmonien."

  • Ich danke Dir sehr für Deine ausführliche Antwort, lieber Heiko, die gewiss auch andere gelesen haben. Jetzt verstehe ich Deine Gedanken besser. Mich nerven auch Handys in der U-Bahn oder gewisse TV-Sendungen - um nur zwei Deiner Beispiele aufzugreifen. Aber ich kann mich deshalb nicht in Teilen der Gegenwart verweigern. Ich lebe jetzt, und ich lebe sehr gern JETZT. Auch TAMINO gehört zu dieser Wirklichkeit. Es bleibt immer die Möglichkeit, gegen Handys Kopfhörer aufzusetzen. Auch das ist nur heute so möglich. ;)


    Obwohl das 19. Jahrhundert mein liebstes Jahrhundert ist - es wurde aber nicht nur Hausmusik betrieben. Die Armut und das Elend waren so grassierend, dass sich die meisten Menschen nicht mal eine Blockflöte leisten konnten. Die hatten ganz andere Sorgen. Und die 50er-Jahre? Da habe ich meine Zweifel, ob da die sozialen Kontakte enger waren. Das war auch eine fürchterlich muffige Zeit der Verdrängung, in der Frauen nicht die gleichen Rechte hatten wie Männer. Minderheiten wurden verfolgt. Wer hätte es gewagt, gegen die Väter aufzustehen? Es war auch die Zeit, in der der Kindesmissbrauch grassierte, der uns nach den mutigen Enthüllungen so tief ins Mark getroffen hat.


    Word gar! Hätte ich dieses Programm nicht beherrscht, ich hätte beruflich einpacken können und kündigen müssen. Das ist nun wirklich wie ABC. Dass ich aber immer noch schöne Füllfederhalter mit feiner Tinte auf dem Schreibtisch habe und auch benutze, ist ein anderes. Auch das ist nur jetzt so möglich. Und lass mal Facebook Facebook sein. Du musst Dich ja dort nicht beteiligen.


    Ich grüße Dich in bester Laune, auch wenn ich in fünf Minuten wieder hinaus muss in diese Welt voller Handys und Facebook. :)


    Rheingold

    Rheingold 1876


  • Damit könnte ich nicht leben, Yorick. Wer hat denn etwas von dieser Vollständigkeit? Man selbst setzt sich unter Druck und für die Anderen gäbe es nichts zu ergänzen, wenn dann die Vollständigkeit erreicht ist. Ich halte Vollständigkeit für überhaupt nicht erstrebenswert.


    Gruß Heiko

    Damit lässt es sich auch nicht gut leben ... 8-)

  • La Roche schrieb in Beitrag 7 v. 24. März 2013


    Zitat

    Da ich erst vor etwa 10 Jahren - nach dem Niedergang meines Operninteresses durch die hinlänglich bekannten Gründe - mit der Orchestermusik begonnen habe, hat sich mein Interesse auf die "Renner" konzentriert. Komponisten, die im Konzertsaal selten erklingen wie Raff, Nielsen uva. habe ich durchaus wohlwollend zur Kenntnis genommen. Aber in meinem Plattenschrank finde ich sie nicht. Ich habe echte Bedenken, wo ich da anfangen soll.


    Ja - wo fängt man da an ?
    Man suche sich seine 3 oder 4 Lieblingskomponisten und halte dann nach ihren "Epigonen" oder (korrekter) "stilistisch Verwandten" Ausschau. Damit sind Enttäuschungen weitgehend ausgeschlossen, aber Dein Horizont wird dennoch erweitert - und zwar "auf angenehme Art"


    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Seit einigen Tagen wurschtl ich mich als Anfänger durch die Seiten des Tamino Klassikforums und versuche eine Linie zu finden, was mir nicht so ganz leicht fällt. Ich könnte zu hunderten der angebotenen Themen Stellung nehmen, auch wenn ich als "Anfänger" im Laufe von fünfundfünfzig Jahren Klassik sicher so manchen "Meister" von seinem Schild heben könnte. Doch interessant ist ganz besonders, dass so manche Forenteilnehmer gegen Kritik scheinbar sehr empfindlich reagieren können und eine Art Absolutismus ihrer eigenen Meinung vertreten.


    Da, wo viele Meinungen aufeinandertreffen, ist eines ganz besonders wichtig "Freiheit ist immer die Meinung des Andersdenkenden". Nach diesem Grundsatz möchte ich auch hier mit Euch diskutieren. Wir sind schon eine eigene Spezies, wir Klassikliebhaber! Wir neigen aber auch zur Überheblichkeit, weil wir uns als Kulturdenkmäler betrachten, die das Abendland retten wollen. Für die "Junge Generation" gelten wir eher als versteinert. Und gerade deshalb ist es für mich besonders wichtig, nicht versteinert, sondern lebendig zu sein und den jungen Menschen Begeisterung für die klassische Musik zu vermitteln.


    Ein wunderbarer Übergang zum Thema....Die Vielfalt der Klassik Angebote ist erdrückend. Richtig! Etwas weniger ist manchmal mehr. Trotzdem schöpfe ich gern aus dem Vollen. Ich trauere den sechziger und siebziger Jahren nach, die doch eine so große Künstlervielfalt offenbarten, das man aus dem Staunen nicht mehr heraus kam. Leider hat sich dies nach dieser Zeit in´s Gegenteil vekehrt und man kann heute nicht mehr von der gleichen Qualität sprechen. Neue Talente werden von den Plattenfirmen so brutal vermarktet, dass sie nach kürzester Zeit wie eine "Ausgepresste Zitrone weggeworfen werden" (Übrigens ein Zitat von Lisa della Casa) Was hoffnungsvoll begann, endet meistens schnell, da die Verlockungen des Geldes und der all zu schnelle Erfolg die Substanz und die Begabung eines Künstlers unterminieren.


    Man sollte also die Vielfalt der Klassik Angebote hoch halten und sich an ihr erfreuen.


    Liebe Grüße

    Keine Kunst wirkt auf den Menschen so unmittelbar, so tief wie die MUSIK,
    eben weil keine uns das wahre Wesen der Welt so tief und unmittelbar erkennen lässt



    Arthur Schopenhauer

  • Lieber Amadeus 45, einiges hast Du sehr treffend geschildert. Und ich habe auch mitbekommen, daß dich der Status "Anfänge" wurmt. Das hat durchaus Methode - denn speziell Leute mit viel Hintergrundwissen - welcher Art auch immer fühlen sich dadurch ins falsche Fach gestellt. Ich weiß noch als ich bei einem Forum angemeldet war (Tamino war noch nicht existent) wie emsig ich Beiträge verfasst habe um dem Stigma "Anfänger" zu entkommen. Denn: Wer 100 Beiträge geschrieben hat steigt in der "Hierarchie" um eine Stufe. Auswirkungen hat das allerdings keine....
    Daß man als "Kenner mit Fachwissen" in einem Klassikforum, welcher Art auch immer - einen schärferen Wind ins Gesicht geblasen bekommt als der "freundliche Kontakteknüpfer" - das ist eine uralte Weisheit,. Schön, wenn da ein Zerberus in der Form eines Administrators seine schützende Hand über einen hält :stumm: :baeh01:


    Zu den "ausgepressten Talenten" werde ich noch heute einen neuen Thread starten - Du hast mich inspiriert.


    Und nun viel Freude an der Vielfalt der klassischen Aufnahmen UND der Forenthemen.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Ob ein Angebot, bzw. eine Vielfalt als erdrückend empfunden wird, hängt in erster Linie von der eigenen inneren Einstellung ab. Wer bei der Ausführung seines Hobbies den Anspruch erhebt, möglichst alles und das möglichst schnell kennen zu lernen, der macht sich nur Stress. Und den bei einer Freizeitbeschäftigung? Nein, danke!
    Ich sehe meine Beschäftigung mit der klassischen Musik als lange Reise an, die mich durch viel Genres führt, mich vorbeiziehen oder auch verweilen lässt.
    Zur Zeit verweile ich bei den Sinfonien, den Klavierkonzerten und dem Solo-Klavier. Hier fühle ich mich sauwohl und werde noch lange dort verweilen. Das Opern-Genre habe ich in der letzten Zeit auch mal kurz besucht - es lädt ebenfalls zum Verweilen ein. Allerdings zu einem späteren Zeitpunkt, sonst wird es mir zu viel. Und was sich da alleine an sinfonischen und pianistischen „Meisterwerken“ und „Referenzeinspielungen“ auf dem Tonträger-Markt tummelt, reicht mir für viele Jahre Hörvergnügen.
    Also ein Überangebot haben wir auf jeden Fall – im positiven Sinne!

  • Ich lebe seit vielen Jahren nach dem Luhmannschen Prinzip der "Reduktion von Komplexität"; der ergänzende Begriff heißt in der Soziologie "Optionsstress". Beispiel Supermarkt: Wein, Wurst, Käse usw.: alles zuviel! Optionsstress führt dazu, dass man dann gar nichts kauft. Mein Vater war Bibliothekar, er hatte 5000 Bücher, ich habe nur die 50, die ich nochmal lesen will.
    Unnötig zu sagen, dass ich nicht bei facebook bin. Am PC habe ich ein Stehpult. Nach 30 Minuten ist Schluss. Mein Handy kann nicht mal telefonieren und im Wald oder auf einer Wanderung wird es ausgeschaltet. Nur Dienstpersonal ist immer erreichbar.
    Für die Musik heißt das: zu Hause habe ich eine eigene Musikgeschichte angefangen, die nach Epochen gegliedert ist. 1. Kapitel: die Ars Nova (Dufay, Machaut), jetzt ist die flämische Polyphonie dran (Ockeghem, Josquin). Ich habe von allen schon CDs und kaufe einige dazu, die ich wo finde? Natürlich bei uns hier.
    Von allen Komponisten stelle ich dann eine eigene CD her, die meine Lieblingsstücke enthält.
    Im Auto höre ich mich dann durch die ganze Musikgeschichte, auf langen Fahrten gerne eine Oper.
    Ein Grundsatz gilt immer: man muss die Musik, die man lieben und kennenlernen will, oft hören. Und wann kenne ich ein Stück? Wenn ich weiß, wie es weitergeht.

    Ich habe noch nicht alle Musik gehört. Aber sie steht auf meiner Liste (frei nach Susan Sontag)

  • Ein Grundsatz gilt immer: man muss die Musik, die man lieben und kennenlernen will, oft hören. Und wann kenne ich ein Stück? Wenn ich weiß, wie es weitergeht.


    Lieber dr.pingel,


    minimal möchte ich Deinen Grundsatz ändern: Ich muss die Musik, die mich emotional erfasst hat, oft hören um sie auch kennen zu lernen (Musik die mich nicht emotional erfasst hat kann ich nur versuchen rational zu begreifen - ob sie mich dann auch emotional erfassen kann ist damit nicht unbedingt gesagt).
    Und wann..., ja, ja: Das unterscheidet den Menschen, der gerne Musik hört (und für den Musik unendlich ist) von dem Menschen, der nur Tonträger sammelt.


    LG
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Zitat

    Für die Musik heißt das: zu Hause habe ich eine eigene Musikgeschichte angefangen, die nach Epochen gegliedert ist.

    So etwas ähnliches habe ich auch. Bei mit stehen die Aufnahmen nach Geburtsjahr des Komponisten geordnet. Haben 2 Komponisten das gleiche Geburtsjahr, dann kommt der mit dem späteren Sterbejahr später dran.


    Oper steht extra - aber nach dem selben Prinzip geordnet.


    Dann gibt es noch weitere Spezialgebiete, wie zB: Historische Stimmen etc....


    Aber mit ein paar Aufnahmen findet man da nicht das Auslangen. Ich hatte schon an die 1200 CDs, da musste ich feststellen daß mir vereinzelte Mozart Klaviersonaten fehlten (Ich kaufte damals noch keine Gesamtaufnahmen sondern Einzelausgaben) oder einige zig Haydn Sinfonien, von Kammermusik erst gar nicht zu reden.
    Und heute fehlen noch immer einige grundlegende Werke der Klassik, von interpretationen rede ich erst gar nicht:


    Wie sieht das mit dem Hören aus ?
    Ursprünglich habe ich jede CD, die ich gekauft habe prinzipiell 2 mal gehört, bevor sie in die Datenenbank eingegeben und ins Archiv eingefügt wurde. Das geht bei der heutigen Frequenz meiner Käufe nicht mehr. Es hat sich ein ungeordneter CD-Stapel angesammelt, von CDs die ich noch nicht gehört habe. Wenn man oft nicht schnell zugreift, dann ist es gestrichen bevor man bis 3 zählen kann.
    Seit einiger Zeit ist es aber so, daß mich Aufnahmen, die ich schon lange besitzt, mehr interessieren als meine Zukäufe.
    Das hat dazu geführt, daß ich wieder langsamer nachsortiere. Um hier ein Lösung zu schaffen, hatte ich die Idee, die neuen Aufnahmen in anderen Regalen nach den selben Regeln zu ordnen, wie die "Primärsammlung" - So finde ich wieder alles. Wird etwas aus der Sekundärsammlung gehört (Ich höre Aufnahmen sowieso meist mehrfach en bloc) dann wandert es in einen Pufferbereich der auf den Eintrag in die Datenbank und die endgültige Einsortierung wartet.....


    Der "Sammler" oder "Komplettist" sammelt ja nicht nur um zu besitzen (das ist natürlich AUCH SEHR WICHTIG) sondern um eine gewünschte Aufnahme jederzeit zur Verfügung haben können.


    Das alles hängt natürlich auch mit meinem erlernten Beruf zusammen, den ich aber seit Ewigkeiten nicht mehr ausübe:
    Ich bin gelernter Buch- und Musikalienhändler.
    Da gab es damals Zusatzfächer wie Kulturkunde, Literaturkunde und Bibliothekarkunde. Letztere macht mir den Umgang mit unserer Suchfunktion zum Kinderspiel.....


    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !