Krzysztof Penderecki - Vol 3: Die Streichquartette

  • Der lebende polnische Komponist Krzysztof Penderecki ist vor allem für seine Sinfonien (gibt es eine thread hier) und seine Chorwerke bekannt. Seine Streichquartette kannte ich bisher nicht bewusst, das erste ist auf einer der berühmten LaSalle Quartett Platten drauf, habe ich aber nie bewusst gehört.
    Hier nun - vorgelegt vom jungen polnischen Royal String Quartett, das schon durch eine sehr schöne Szymanowski CD positiv aufgefallen ist - die drei Streichquartette von 1960, 1968 und 2008. Die ersten beiden sind kurz (7 bzw 8) Minuten und stammen aus der frühen experimentellen Phase, sind also in erster Linie Geräuschmusik ohne große Entwicklung des Tonmaterials. Das erste nutzt vor allem die perkussiven Möglichkeiten des Streichquartetts, das zweite arbeitet mit allen erdenklichen Techniken und ist als Vorläufer zu den Quartetten von Lachenmann zu sehen.
    Mit dem 40 Jahre später geschriebenen 3. Quartett (Leaves of an Unwritten Diary) betreten wir eine ganz andere Welt, das Quartett ist wesentlich länger (19`04) und postmodern im besten Sinn. Die schnellen Teile erinnern entfernt an DSCH, die überwiegenden ruhigen ein wenig an die Musik von Peteris Vasks. Die Musik des 3. SQ ist also eher meditativ gestimmt.
    Die Umsetzung durch das RSQ (merkwürdiger Name für ein polnisches Quartett) ist hervorragend, dieses Quartett spielt schon ganz oben mit. Für das 3. SQ würde ich mir wünschen, dass es auch von anderen SQs ins Repertoire übernommen wird, denn es ist wirklich hörenswert und gut zugänglich.
    Den 3 SQs von Penderecki ist das einzige von Witold Lutoslawski beigestellt. Das kennt man ebenfalls am ehesten von der Einspielung der LaSalles. Das habe ich jetzt noch nicht gehört, dessen Welt ist mir bisher auch verschlossen geblieben.


  • Durch die obengenannte Einspielung des LaSalle Quartetts habe ich das erste Penderecki-Quartett kennengelernt. Ich habe die abgebildete CD mit eben diesem Cover. Ich sehe es so wie lutgra: Der damals ungefähr 27-jährige Komponist scheint sich klanglich ausprobiert zu haben. Als Geräuschmusik empfinde ich das Stück jedoch nicht so sehr; es wird weniger geschrammt, gekratzt oder geclustert als vielmehr gezupft und gemäßigt auf die Saiten geschlagen. Die LaSalles spielen dies ziemlich deutlich und klar, sodass der Verlauf des Stückes gut nachvollziehbar ist. Das Prinzip bzw. das Wesen der Komposition kann ich bisher nicht so recht erfassen.


    Übrigens beinhaltet die CD auch tolle Einspielungen der großen Quartette von Lutoslawski und Cage sowie das kleinere Stück von Mayuzumi.



    Uwe

    Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

  • Übrigens beinhaltet die CD auch tolle Einspielungen der großen Quartette von Lutoslawski und Cage sowie das kleinere Stück von Mayuzumi.

    Darf ich das Bild aktualisieren. Da es sich um einer meiner alten Lieblings-CDs und -Platten (auch, wenn bei der Platte hier auch der Penderecki fehlt :)) handelt, finde ich den Verlust des Links und damit des Covers und auch des Inhaltes unschön



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  • Das dritte Streichquartett von Krzysztof Penderecki hat vor kurzem (in den Jahren des Threads gezählt :)) eine Neueinspielung erfahren. Das rein weiblich besetzte junge polnische Ātma Quartet gab 2019 eine CD heraus mit Werken von Penderecki, Szymanowski und Panufnik, die IMO hervorragend ist und für die Quartette von Panufnik und Penderecki auch eine willkommene diskografische Erweiterung darstellt.




    Eingespielt sind:


    Karol Szymanowski: Streichquartett Nr. 2 Op. 56 (1927)

    Andrzej Panufnik: Streichquartett Nr. 3 (1990)

    Krzysztof Penderecki: Streichquartett Nr. 3 (2008)

  • Für das 3. SQ würde ich mir wünschen, dass es auch von anderen SQs ins Repertoire übernommen wird, denn es ist wirklich hörenswert und gut zugänglich.

    lutgra mit der Einspielung des ãtma Quartettes in #5 ging der Wunsch in Erfüllung. :)

  • lutgra Die guten Nachrichten hören gar nicht mehr auf :jubel:


    Das Tippett-Quartett spielt das komplette Streichwerk von Penderecki für 2 Violinen, Viola und Violoncello ein. Erstaunlicherweise gibt es nicht nur das dritte, sondern auch ein viertes Streichquartett aus dem Jahre 2016 8-). Das Erscheinen der CD ist für den 11.6. geplant.


  • Mal sehen, wann ich meinen Penderecki mit dem Tippett Quartett erhalte! In der Zwischenzeit habe ich eine weitere Einspielung aus dem Jahre 2020 entdeckt. Es spielt das Quatuor Molinari. Leider ist die Einspielung nicht beim Sponsor erhältlich (2020?)


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    Hier taucht das vierte Streichquartett nicht auf, dafür aber neben dem Streichtrio noch ein Klarinettenquartett und ein "unterbrochener Gedanke für Streichquartett" aus dem Jahre 1988.


    Auf jeden Fall ist das dritte Quartett zu finden.

  • Die in #8 angekündigte Scheibe ist angekommen und gehört.




    Die Aufnahmen sind vorgestern erschienen, stammen aus dem Jahr 2020 und sind technisch (akustisch und auch musikalisch) hervorragend :)


    Das erste Streichquartett von Penderecki aus dem Jahre 1960 ist etwas provokativ und arbeitet am Anfang viel mit befremdender Arbeit auf den guten Holzteilen. Wer die Aufnahme vom LaSalle noch in den Ohren hat, kann das nachvollziehen. Das ganz wirkt dort durchaus auch ein bisschen theoretisch, ohne eine meiner Lieblingsscheiben in Misskredit bringen zu wollen.


    Hier nun, mag es am Verständnis des Tippett Quartettes oder einfach auch an der Zeit zu liegen, kommt das Ganze skurril, aber keineswegs provokant 'rüber. Es hat was mit dem Gezupfe, Gestreichel und Gehämmere, was eine eigene Atmosphäre erzeugt. Ich bin mir ziemlich sicher, beim Hören Ohrenzeuge eines Mordes an einer Mücke geworden zu sein. Das Summen und die Klatsche sind klar zu vernehmen. So klingt das nicht beim LaSalle und provozieren kann das nur noch einen Mückenfreund! ;)


    Das zweite Streichquartett aus dem Jahre 1968 ist immer noch experimentell und nimmt mit seiner "Mikrotonalität", so klingt es in meinen Ohren, einiges von den Streichquartetten von Georg Friedrich Haas vorweg.


    Das Streichtrio aus dem Jahre 1991 ist von ganz anderer Machart. Elegische Klänge, hämmernde Rhythmen, hier wurde ganz schon mal in Mimimalmusik eines Glass und die Klangflächen eines Vasks, aber auch eigenwillige Kontrapunktik als additive Inspirationsquelle verwendet... Das Stück ist aber für meine Ohren durchaus etwas Neues und scheint auch als Blaupause für die kommenden Streichquartette zu dienen.


    Das oben von lutgra besprochene dritte aus dem Jahre aus dem Jahre 2008 ist natürlich auch darauf. Das Elegische und Meditative wird hier im Verhältnis zum Streichtrio weiter ausgedehnt. Allerdings ist die Verwandschaft mit dem Trio ohrenfällig. Eventuell bekommt der rhythmische Teil einen leicht volkstümlichen Charakter, den es im Trio noch nicht gab.


    Das vierte Streichquartett aus dem Jahre 2016 hat dem Ganzen musikalisch nicht viel Neues beizugeben. Ich hätte Schwierigkeiten, es vom dritten zu unterscheiden :(. Aber in solchen Fällen wirken die Zeit und wiederholtes Hören Wunder.


    Klanglich ist das hier ein Traum. Man hört wirklich jedes Detail und ist fast "live" bei der Aufnahme dabei.

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  • Der Kollege astewes trägt die Schuld, dass dieser Penderecki bei der nächsten Partnerbestellung mitgeht. :thumbup:


    Bislang kenne ich nur das erste Quartett in einschlägiger Darstellung:


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    So einschlägig riesig sollte das Cover nicht erscheinen, aber ich kriege das technisch erst mal nicht anders hin ...


    :) Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!