Neue Streichquartette


  • The Wind in High Places ist ein Streichquartett des amerikanischen Komponisten JL Adams (nicht zu verwechseln mit dem Minimalisten John Adams). Es versucht den Klang einer Äolsharfe auf ein Streichquartett zu übertragen. Das ca. 17-minütige Werk besteht aus drei Sätzen, die alle ähnliches formulieren. Die Streicher spielen langgezogene Passagen auf leeren Saiten bzw zwischen Steg und Saitenhalter. Der Klang kommt ausschliesslich durch Veränderung des Bogendrucks und der Überlagerung der Töne zustande. Das Griffbrett wird nicht benutzt. Die Musik hat etwas ganz urtümliches und ist irisierender Klang pur.
    Das New Yorker JACK Quartet (Amerikas Antwort aufs Arditti SQ) interpretiert diese Musik auf höchstem Niveau.


  • Wenn man das 1. SQ von Brett Dean von 2003/2004 hört, fragt man sich unwillkürlich, warum dieser Mann so lange Zeit bei den Berliner Philharmonikern verbracht hat und ob er nicht in einem Streichquartett viel besser aufgehoben gewesen wäre. Das was er hier abliefert, ist IMO eines der gelungensten Beiträge zu diesem Genre im 21. Jahrhundert, im Augenblick fällt mir nur das 11. Streichquartett von Wolfgang Rihm ein, das mich ähnlich beeindruckt hat. Eine 20-minütige Reise durch zeitgenössische Klangwelten, absolut spannend, ganz eigen und keinem "Ismus" verhaftet. Toll.

  • Juozas Sirivinskas ist ein litauischer Komponist Jahrgang 1943. Er hat bei Eduardas Balsys Komposition studiert. Sein 1984 entstandenes 2. Streichquartett schrieb er anlässlich des 100. Geburtstages von Juozas Gruodis, der mit der Gründung der Musikakademie Kaunas als Begründer der litauischen klassischen Musik gilt. Das 18-minütige, dreisätzige Werk ist in einer gemässigten, postmodernen Tonsprache verfasst. Zwei langsame Sätze umschliessen ein kurzes Alla toccata, das als ein leicht angeschrägter Volkstanz daher kommt. Das abschliessende Largo verklingt zunehmend im Nichts. Ein nicht unorigineller Beitrag, kompetent vorgetragen vom Art Vio Quartet. Die CD kann man recht günstig über discogs beziehen. Den 1. Satz gibt es auch auf youtube zu sehen und zu hören.
    Von dem gleichen Quartett gibt es übrigens auf Toccata eine CD mit den Klavierquintetten von Friedrich Gernsheim, die im ARG sehr gelobt wurde.

  • Stacy Garrop hat auch schon eine Reihe von Streichquartetten komponiert, das vierte kann man in einer Live-Aufnahme bei youtube hören, starkes Stück.


    ttps://www.youtube.com/watch?v=URG9KMV5c5c

  • Patrick De Clerck ist ein belgischer Festival Director und Music, Communication & Business Consultant. Er leitet Neue-Musik-Projekte in Brüssel, Shanghai, am Marinsky Theater usw. In einem früheren Leben war er auch Komponist und es gibt eine CD mit Kammermusik von ihm, die das seinerzeit gerade berühmt werdende Danel Quartett 1994 eingespielt hat.


    Der Booklet-Text erinnert etwas an Erleuchtungslyrik der 1970er Jahre wie sie auch auf Platten von Carlos Santana und John McLaughlin zu finden war. Kostprobe: "The cult of music is a cult of admiring the higher with the acceptance of its inaccessibility. The musical performance is the ritual of turning towards the higher world, the ritual of linking the terrestrial and superterrestrial worlds."


    Die auf der CD versammelten Stücke sind ein Klavierquintett, ein Streichtrio und ein Streichquartett dazu ein kurzes Solostück für Geige. Die längeren Stücke sind jeweils 5-sätzig mit vier mehr oder weniger langsamen Sätze die ein mittleres kurzes Allegro umrahmen.


    Das Streichquartett "Sferen" hat nichts mit Weltraumsphären gemein, die Musik ist weitestgehend tonal und ich würde sie der Richtung "Neue Einfachheit" zuordnen. Das 18-minütige Werk klingt ähnlich wie einiges was zeitgleich im Baltikum oder im Westen der USA komponiert wurde, die Kronos-Leute haben auch solche Stücke eingespielt. Das Stück ist gut zu hören und dürfte in Sandwich-Konzerten auch ältere Hörer kaum verstören. Das Danel Quartett spielt diese Musik auf höchstem Niveau.

  • Gestern wurden in Donaueschingen zwei neue Streichquartette uraufgeführt und ein drittes erlebte seine deutsche Erstaufführung:


    Nathan Davis: Echeia
    für Streichquartett und Elektronik (UA)


    Daniel Wohl: radiance
    für Streichquartett und Elektronik (UA)


    Peter Eötvös: The SIRENS CYCLE
    für Streichquartett, Koloratursopran und Elektronik


    Alle drei Quartette waren durch die Hinzunahme von Live-Elektronik gekennzeichnet. Die beiden Stücke von Nathan Davis und Daniel Wohl klangen vergleichsweise ähnlich, bestanden jeweils in erster Linie aus Streicher-Klangflächen, die durch Elektronik unterstützt wurden, bei Nathan Davis begann das Stück erst einmal mit 2-3 Minuten reiner Elektronik, die archaische Klänge evozierte. Das Stück von Daniel Wahl war das etwas eingängigere und erinnerte teilweise an Experimente der frühen avancierten Rockmusik (Pink Floyd, Tangerine Dream). Beides Stücke, die man auch im Repertoire des Kronos Quartet finden könnte.
    Peter Eötvös 45-minütigen Sirenengesang konnte ich nicht durchhören, zu sehr ging mir der Koloratursopran auf die Nerven. Sicher höllisch schwer zu singen und von Audrey Luna sicher phantastisch wiedergegeben, aber diese Musik ist einfach nicht mein Ding.
    Das Konzert kann man noch einige Zeit auf swr2 nachhören, allerdings mit zahlreichen technischen Macken, weiß Gott warum.
    Interpreten des Abends waren das kalifornische Calder Quartett, das nicht nur experimentelle Musik spielt, sondern auch klassisches und romantisches Repertoire.

  • Der Name des chinesisch-amerikanischen Komponisten Chou Wen-chung ist neu für mich, aber eine kurze Recherche belegt, dass er im amerikanischen Musikleben eine durchaus prominente Rolle spielt. Der heute 93-jährige kam 1946 in die USA. Er studierte zunächst an der Yale University Architektur und dann Komposition am New England Conservatory of Music in Boston, unter anderen bei N. Slonimsky. In New York studierte er an der Columbia University als auch bei Bohuslav Martinů und Edgard Varèse. Mit Varese freundete er sich so intensiv an, dass dieser ihn zu seinem Nachlaßverwalter bestimmte. Wen-chou hat in der Folge auch zwei Werke über den Komponisten verfasst. Für 12 Jahre war er Full Professor of Musik an der Columbia University und gründete 1978 das Center for U.S.-China Arts Exchange, das sich dem kulturellen Austausch zwischen den USA und China widmet. 1982 wurde er in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen und er gründete 1984 das Fritz Reiner Center for Contemporary Music, das er bis 1991 leitete.


    Sein Streichquartett Nr. 1 "Clouds" entstand 1996. Das fünfsätzige knapp 30-minütige Werk ist zu 70% von Bartok und zu 30% von der 2. Wiener Schule beeinflusst, allerdings in einer eher meditativen, denn aggressiven Variante. Dabei gelingen dem Komponisten durchaus auch berückende Momente und insgesamt wäre das ein Stück Musik, dem ich gerne auch mal im Konzert begegnen würde. Das Brentano String Quartet ist bei uns wenig bekannt, den Cineasten aber vielleicht als "Soundtrack"-Lieferant für den Streichquartettfilm "Saiten des Lebens" auf den WoKa kürzlich noch einmal hinwies. Von dem Quartett gibt es eine phantastische Aufnahme von Beethoven op 127 und auch dieses Quartett spielen sie - ohne das ich einen Vergleich hätte - erstklassig.

  • Wer mal auf eine akustische Extremerfahrung aus ist, dem kann ich das knapp 40-minütige 7. Streichquartett von Leif Segerstam empfehlen. :D Das 1974/75 "komponierte" Werk dürfte die meisten Hörer nach spätestens 5 min den eject Knopf drücken lassen, ich habe es immerhin bis zum letzten Satz also auf gut 30 min gebracht. Die Sätze lauten Free-but-secure-pulsatively - Adagissimo - Free-and-secure-pulsatively. Ob es zu dieser Komposition eine Partitur gibt oder nur ein paar Notizzettel mit ungefähren Anweisungen, weiss ich nicht, aber für mich klingt das meiste spontan improvisiert. Es ist kein reinen Chaos aber nicht weit davon entfernt, wobei vor allem expressive sich reibende Klangflächen gespielt werden, weniger zahlreiche Einzeltöne. Der zweite Satz erfordert ein bewusstes Verstimmen der Instrumente und auf einem derartig falsch intonierten Instrument spielt jemand eine an Bach erinnernde aber eben verstimmte Melodie.


    Der Booklet-Kommentar des Komponisten zu seinem Stück: "Diese meine Musik spricht für sich selbst, und sie kommuniziert aus ihren Interpreten in ihrer Kette aus Motivationen für ihre Äußerungen in Klang in ihren Musizier-JJJJJEEEEEEETTTTTTZZZZZZZZZTTTT-en, wo die Musik wirklich IIIIIIISSSSSST. Wie war sie, und was war sie, jetzt? Diesmal?" Da hatte er wohl gerade ein bisschen zuviel Gras geraucht. :D

  • Wenn man sich über den aktuellen Stand der avantgardistischen Strömungen in der Neuen Musik informieren will, ist Donaueschingen immer eine gute Adresse. Ich war bisher nur einmal dort 2010, als das Streichquartett im Zentrum des Geschehens stand. Auch 2006 war wohl ein Jahrgang mit viel Beiträgen zu diesem Genre, jedenfalls gibt es eine CD mit vier dort uraufgeführten Stücken für Streichquartett mit und ohne zusätzliche Solisten, die - wen wundert es - vom Arditti Quartett bestritten wird.


    Das erste Stück auf dieser CD stammt vom norwegischen Komponisten Ole-Henrik Moe (Jg. 1966) und heisst Lenger. Es ist Teil eines Triptychons für Streichquartett. Der Komponist schreibt über sein Stück:


    Das Stück Lenger ist als eine Folge von beinahe-statischen "Icons" komponiert, die (inspiriert durch Theorien des Neuropsychologen David Marr über primitive Visionen) auf eine einfache Art eher Ähnlichkeit mit der visuellen Wahrnehmung haben als mit der rein akustischen. Diese "Icons" werden sich nach und nach in Sequenzen auflösen, die die Elemente der Icons erkunden, und dann, an einem bestimmten Punkt, zum nächsten "Icon" führen. Um es musikalischer zu sagen: Das Stück enthält eine Reihe von mikropolyphonen Zellen farbigen Rauschens, die durch Abschnitte mit Übergangscharakter verbunden sind; vom weichen, sich wandelnden Charakter zum mehr "katastrophalen" (katastrophal im mathematischen Sinne). Während das Stück fortschreitet, werden die Icons immer stabiler und, hoffentlich, auch klangfarblich reicher.


    Was hört man? Nun, man hört Geräusche, die wohl dadurch entstehen, dass die Bögen schnell nicht quer sondern längs der Saitenrichtung bewegt werden und ein schabendes Geräusch entsteht. Die Tonhöhe wird dabei kaum variiert, wenn, dann klingt es ähnlich wie atmosphärisches Rauschen im Kurzwellenradio nur wesentlich lauter. Das geht mit kleinen Abweichungen über knapp 7 Minuten. Dann kommt eine Passage, da klingt es, als wenn ein grosser Hummelschwarm umherfliegt. Nach 11:30 bricht die Geräuschwand abrupt ab und es folgen noch 2 Minuten sphärischen Rauschens. Der Komponist, der auch Geiger ist, verstärkt die Ardittis bei Ihren Ausführungen.

  • Die aktuelle CD des französischen Quatuor Diotima widmet sich den Streichquartetten des Mexikaners Arturo Fuentes (*1975). Dessen Musik ist irgendwo zwischen Klang und Geräusch angesiedelt und evoziert häufiger Erinnerungen an eine Glasharfe. Inwieweit selbige auch teilweise eingesetzt oder nur instrumental bzw elektronisch imitiert wird, wird aus dem Booklet nicht ganz klar. Die vier Stücke sind durch ihre bildhaften Titel ganz gut charakterisiert. Ähnlichkeiten zur Musik von John Luther Adams (Beitrag 61) sind nicht zu überhören.


  • Banner Interviebanner 1 Gelbe Rose
  • Toshio Hosokawa (*1955) ist einer der bekanntesten japanischen Gegenwartskomponisten. Er hat bei Isang Yun und Klaus Huber studiert. Hosokawa hat sich immer wieder dem Streichquartett zugewandt, die vorliegende CD enthält sechs Werke, die zwischen 1980 und 2009 entstanden. Dabei ist sich der Komponist stilistisch treu geworden. Seine Werke sind Klangkompositionen, die weniger den Ton als solchen sondern seine ständige Veränderbarkeit im Mittelpunkt haben.


    "Kein Klang in diesen Streichquartetten, dessen Gestalt nicht unaufhörlich modifiziert würde, durch Glissandi, Triller, Tremoli, Flageolotts und Vibrati verschiedenster Ausprägung, unentwegtes dynamisches An- und Abschwellen sowie feinste Abstufungen von sul ponticello, sul tatso und arco Spiel,...", so charakterisiert Dirk Wieschollek die Musik im Booklet.


    Der Komponist selbst beschreibt seine Musik so: „Es ist als wenn man langsam durch einen Garten ginge."


    Die Stücke tragen dementsprechend Titel wie Blossoming, Floral Fairy, Kalligraphie, Landscape 1 und Silent Flowers.


    Das ist eine ganz eigene Klangwelt, die ich faszinierend finde und jedem empfehlen kann, der die Klangvielfalt von Streichinstrumenten liebt. "Home turf" fürs Arditti Quartett.


    ,,Was wir hier hören, ist nichts weniger als ein exemplarisches Beispiel für Quartettmusik heute." (FONO FORUM, Dezember 2013)

  • Indra Riše ist eine lettische Komponistin *1961, die seit 1993 in Dänemark lebt. Deshalb erschien die vorliegende CD vermutlich auch bei dacapo, obwohl sie vom lettischen Rundfunk eingespielt wurde.
    Das Streichquartett ist von 1991 und wird aus ähnlichen Quellen gespeist wie die Quartette von Peteris Vasks. Leider werden die Bemühungen des Riga SQ weitestgehend durch eine völlig missratene Aufnahmetechnik konterkariert. Die Aufnahme klingt als sei sie in einer Garage gemacht worden, in den hohen Tonlagen klingt sie schrill und schmerzt am Ohr. Für mich kaum anhörbar. Das ist sehr schade, denn die Musik ist gut. ;(



  • Hängebrücken sind zwei Streichquartette und ein Doppelquartett, die Adriana Hölszky 1989/90 komponiert hat. "Streichquartett an Schubert" sind alle untertitelt, ohne dass da irgendetwas auch nur entfernt nach Schubert klingt. In der Rezension beim Werbepartner wird zu dieser Hommage Stellung genommen.


    Bisher habe ich nur das erste Quartett gehört, 15 min extrem avantgardistisches Zeug irgendwo zwischen Lachenmann und Ferneyhough, faszinierende Klänge - wenn man auf so etwas steht - und phänomenal dargeboten vom Nomos Quartett. Warum cpo die CD nicht mehr im Programm führt, erschliesst sich mir nicht.

  • Wem die Streichquartette von Brian Ferneyhough zu extrem sind, es gibt auch zeitgenössische Werke, die deutlich zugänglicher sind. Dafür stehen derzeit vor allem amerikanische Komponisten, die inzwischen mehr oder weniger alle Musik für einen "größeren Hörerkreis" komponieren.


    An exponierter Stelle tut das z.B. Jennifer Higdon, die vermutlich erfolgreichste amerikanische Komponistin gegenwärtig. Sie hat gerade ihren 3. Grammy gewonnen.


    Ihre Streichquartette sind erkennbar zeitgenössisch, aber trotzdem zugänglich.


    Gerade erschienen:


    Jennifer Higdon

    Voices

    Pacifica Quartet


    Außerdem:




    und

    Southern Harmony

    Ying Quartet




  • Wem die Streichquartette von Ferneyhough gefallen, der könnte mal in die neue CD des JACK Quartett mit 4 Werken der jungen in Berlin lebenden Carla Iannotta hineingehören. Geräuschhafte Musik oft am Rande der Hörbarkeitsschwelle. Die Dame hat kürzlich den Siemens-Kompositionspreis gewonnen.



    Eines der Werke kann man auf youtube hören: Dead Wasps in the jam-jar

  • Dieter Ammann

    Streichquartett Nr. 1 "Geborstener Satz" (2003)

    Casal Quartett


    Schöner Titel für ein 11-minütiges Streichquartett. Warum es so heißt, muss ich noch herausfinden (s.u.)



    FonoForum 01 / 11: "Intenso" nennt das Casal-Quartett seine aktuelle CD - und das ist nicht zu viel versprochen. Denn erstens vereint das Programm drei Werke aus drei Jahrhunderten von geradezu berstender Ausdruckskraft - und zweitens bürstet das schweizerisch-deutsche Ensemble die Stücke auch mit hitzigem Furor in die Saiten."

  • Das bisher letzte (zumindest eingespielte) 7. Streichquartett von Pascal Dusapin von 2009 ist ein sehr klangstarkes Werk. In einigen der 21 Variationen, bei denen die Ardittis auch ordentlich zulangen, klingt es fast wie Heavy Metal für Streichquartett.



    Deutlich ruhiger, aber auch klanglich interessant geht es bei den "Toten Wespen im Marmeladeglas" der in Berlin lebenden kürzlich mit dem Ernst-von-Siemens-Preis gekührten Italienerin Clara Iannotta zu. Ein Art Weiterentwicklung des Stils von Helmut Lachenmann, den die Komponistin wohl auch verehrt.


  • Deutlich ruhiger, aber auch klanglich interessant geht es bei den "Toten Wespen im Marmeladeglas" der in Berlin lebenden kürzlich mit dem Ernst-von-Siemens-Preis gekührten Italienerin Clara Iannotta zu. Ein Art Weiterentwicklung des Stils von Helmut Lachenmann, den die Komponistin wohl auch verehrt.


    Ja, diese Parallele sehe ich auch. Das Quartett scheint mir bildhafter, fast filmischer geartet als bei Lachenmann, dem es doch stärker um die experimentelle Materialerkundung geht. Gut - vielleicht wird man auch ein wenig irritiert durch den spielerischen Titel. Quasi gemäß der surrealen Devise: So könnten die Insekten bei ihrem Ableben nachklingen. :D


    Ich möchte noch den Vergleich mit den Quartetten von Ferneyhough anstellen - im Zweifelsfall (Tagesstimmung ...) wäre mir Iannotta lieber. Sie fordert physisch weniger vom Hörer. ;):)


    Vielleicht hat noch jemand eine zuverlässigere Idee, ob elektronisch verfremdet wird? Ich kenne das Stück, besitze aber die CD (noch) nicht.


    Gruß an Lutz von Wolfgang

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • lutgra Die Streichquartette von Carla Iannotta habe ich mir geholt und bin tatsächlich sehr glücklich damit, auch wenn vielleicht der eine oder andere überrascht sein mag.


    Quasi gemäß der surrealen Devise: So könnten die Insekten bei ihrem Ableben nachklingen.

    Über die Titel hatte ich so noch nicht nachgedacht. Ich fand das eigentlich mit der Wespe ganz einleuchtend in meiner etwas naiven Art ;(


    Ich würde gern auf Streichquartette des schweizer Komponisten David Philip Hefti (*1975) hinweisen. Den ersten Satz des ersten Quartettes hatte ich schon einmal in unserer Traumabteilung verwendet, aber eigentlich finde ich alle seine Quartette hörenswert. Die Musik ist schon modern und auch die Klangmöglichkeiten eines Streichquartettes werden durchgehend ausgeschöpft. Trotzdem ist die Musik insgesamt wesentlich ruhiger und organischer als zum Beispiel diejenige Hölszkys, die mir überraschenderweise schwer zugänglich ist.


    Das erste Quartett stammt aus dem Jahr 2007. Es wurde vom Merel Quartett (?) bestellt, um es zusammen mit Streichquartetten von Schumann und Janaček aufzuführen. Die vielen literarischen Bezüge sagen mir leider nichts. Der Titel Ph(r)asen bezieht auf eine Äußerung Clara Schumanns an ihren Mann, wo sie zweifelt, dass er die Instrumente überhaupt versteht. Die Frauen machen einem manchmal das Leben nicht einfach :). Und Janačeks intime Briefe kann ich in der Musik leider auch nicht wiederfinden. Heftis Guggisberg Variationen aus dem Jahre 2008 haben Bezüge zu des Knaben Wunderhorn (auch hier komme ich über den Titel nicht hinaus) und das dritte sind sieben Interludien, die Hefti zu den sieben Teilen von Brahms Deutschem Requiem komponiert hat.


    Trotzdem ist die Musik (in meinen Ohren) leicht zu hören und macht auch nach dem siebten Male noch Spaß.


    Es spielt das Leipziger Streichquartett in der Besetzung, die mehrfach aus verschiedenen unerfreulichen Gründen in die Schlagzeilen gekommen ist. Trotzdem ist das Spiel musikalisch überzeugend.


  • Über die Titel hatte ich so noch nicht nachgedacht. Ich fand das eigentlich mit der Wespe ganz einleuchtend in meiner etwas naiven Art ;(

    ^^ Ich glaube nicht, dass man naiv oder das Gegenteil sein muss, um mit den Titeln nichts oder doch etwas anfangen zu können oder zu wollen. Da habe ich nur gespöttelt. Ich halte das eher für eine Taktik der Komponistin ... Einen Blickfang oder Aufhänger quasi, also Werbung. Überdies nichts Besonderes, wie mir scheint, gerade in der Avantgarde. Siehe auch zum Beispiel Meister Poppe Enno.


    Bitte also nicht weinen! ;)


    Hefti ist mir bereits irgendwo über den Weg gelaufen. Ich glaube aber nicht, dass ich etwas in der Sammlung finde.


    Es grüßt Wolfgang.

    Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • Banner Interviebanner 1 Gelbe Rose
  • Eigentlich keine direkte Empfehlung für ein modernes Streichquartett, aber ein interessanter Artikel über einige Kompositionen aus dem 21. Jahrhundert. Vielleicht ergeben sich ja mit der Zeit hier Empfehlungen.


    Einen Thread, wo man das passender positionieren könnte habe ich leider nicht gefunden.


    Die Quadratur des musikalischen Kreises von Rainer Nonnenmann


    Es scheint übrigens ein neues Streichquartett von Enno Poppe zu geben, Buch aus dem Jahre 2015/16. Eine Einspielung habe ich nicht gefunden.

  • Hier nun eine CD mit Einspielungen von Streichquartetten aus dem 21. Jahrhundert, erschienen im Februar 2021. Man darf sie also mit Fug und Recht neu nennen. :) Die Einspielungen umfassen Werke der Zeitspanne von 2002 bis 2017. Es sind die vier Streichquartette des spanischen Komponisten Mauricio Sotelo (*1961 in Madrid). Es spielt das mittlerweile bekannte und ausgezeichnete französische Streichquartettensemble Quatuor Diotima, die sich witzigerweise nach einer Streichquartett-Komposition von Luigi Nono benannt haben und nicht etwa nach einer Romanfigur Friedrich Hölderlins. Die CD lässt sich momentan wohl nur streamen. Es sollte aber nicht lange dauern, bis sie auch käuflich zu erwerben ist.




    71b17FuQ5mL._SS500_.jpg


    Sotelo scheint ein Komponist der Integration zu sein.


    Man hört im dritten Streichquartett Diotima: La mémoire incendiée aus dem Jahren 2008/9 oberflächlich viel Lachenmann, aber im Hintergrund Rock n' Roll und auch einfache Harmonien. Das Ganze ist eine interessante Melange. Die Komposition entstand für das Diotima Quartett.


    Im zweiten Quartett kann auch mal eine Streichergruppe mit ihren Instrumenten atmen hören, wohlgemerkt die Instrumente "atmen". :) Dieses Quartet mit dem Titel "artemis" ist dem gleichnamigen Streichquarettensemble gewidmet, die Diotima-Truppe meistert aber das Quartett ebenso brilliant. Persönlich empfinde ich aber die Anforderungen an das Hören höher.


    Auch sein erstes Streichquartett mit dem Titel degli eroici furori wurde vom Artemis uraufgeführt. Es nimmt auf die Leiden Giordano Brunos Bezug, was, wenn man denn unbedingt will, in der klanglichen Entwicklung nachvollziehbar sein könnte. Schön ist es also nicht ;).


    Das vierte und letzte Quartett mit dem Titel Quasals-vB131 ist dem bekannten baskischen Cuarteto Casals gewidmet, dass seinen Namen ....:). vB131 hat einen ziemlich offensichtlichen Bezug auf Beethovens formal ungewöhnliches Streichquartett op. 131 und das Ganze soll noch einen Bezug auf die Quasare im Universum haben :hail:. Was will man mehr, beliebig viele Metastrukturen durch die Widmungen, Beethoven und das Universum und eine der größten Lieben der Literatur......


    Ich verstumme und lasse Sotelo sprechen....

  • Erkki Sven Tüür

    Streichquartett Nr. 2 "Lost Prayers"

    Signum Quartett


    Die Musik von Erkki Sven Tüür findet bei mir immer offene Tüüren äh Ohren. So auch das 2. Streichquartett, ein klanglich abwechslungsreiches Werk. Das Signum Quartett erhielt gerade einen Preis für die Einspielung. Schade dass das 1. Quartett nicht auch eingespielt wurde, das gibt es aber auf einer alten BIS-CD.


  • Erkki Sven Tüür

    Streichquartett Nr. 2 "Lost Prayers"

    Signum Quartett

    Vielen Dank für den Tipp. Ist bestellt! Da habe ich aber auch noch was...:), wenn's nicht schon bei Dir zur Tüür hereingerollt ist:


    "Lost Prayers" Streichquartett Nr. 2 von E.S.T. (:)) gespielt vom Armida Quartett, auch nicht schlecht. Ich hatte mir die CD wegen Wolfgang Rihm gekauft. Ist mir mittlerweile bei einigen CDs aufgefallen, dass ich manchmal zu selektiv höre....:( Umso schöner allerdings die positiven Überraschungen :jubel:




    4035719007152.jpg

  • Und gleich meine aktuelle Bestellung:


    Das Arditti Quartett spielt Streichquartett 4 und 7 von Georg Friedrich Haas ein. Wenn ich die CD habe, kommt weiteres :)


  • Das von mir sehr geschätzte JACK Quartett hat eine neue CD mit Werken von John Luther Adams herausgebracht (noch letztes Jahr!). Ich habe diese Formation über Werke von Xenakis kennengelernt. Das hier ist eine vöööölig andere Welt!


    Der Titel ist Lines by Walking und tatsächlich wandern wir im ersten Streichquartett auf einen Berg, gehen entlang von Graten und dann auch wieder runter :). Irgendwie faszinierend! Diese langsamen organischen Klangwandlungen, die das Quartett wundervoll wiedergibt, haben etwas Beruhigendes.



    trm8k565mcafb_600.jpg



    Leider ist die CD bei unserem Sponsor nicht zu finden.

  • Der Titel ist Lines by Walking und tatsächlich wandern wir im ersten Streichquartett auf einen Berg, gehen entlang von Graten und dann auch wieder runter :) . Irgendwie faszinierend! Diese langsamen organischen Klangwandlungen, die das Quartett wundervoll wiedergibt, haben etwas Beruhigendes.

    Gefällt mir auch die CD, weiteres von JL Adams. siehe #61

    :hello:

  • wie in #85 versprochen. CD ist vom freundlichen Boten übergeben worden:



    Die Quartette sind anders als die Aufnahme (Releasedatum 21. Mai 2021 :)) nicht mehr ganz aktuell. Georg Friedrich Haas hat mittlerweile laut Wikipedia 2016 sein 10. Streichquartett geschrieben. Arditti hängt also ein bisschen hinterher :P. Aber was nicht ist, ...


    Auf der CD befinden sich das vierte Streichquartett aus dem Jahre 2003 und das siebte aus dem Jahre 2011. Beides sind Kompositionen mit elektronischer Unterstützung. Im Begleitheft steht allerlei zu mikrotonaler Komposition und derlei Dingen, die wahrscheinlich für den Komponisten Bedeutung haben, mir aber beim Verständnis leider nicht wirklich weiterhelfen. Sowohl Streichquartett Nr. 4, wie auch Nr. 7 kommen ziemlich meditativ 'rüber, wobei tatsächlich die mikrotonalen Reibungen für eine gewisse Spannung sorgen. Vom Charakter hat die Musik, obwohl nirgendwo beschrieben, schon eine leichte Ähnlichkeit mit den Werken von JL Adams. (siehe #86 oder auch #61), wobei die Geschöpfe von Adams insgesamt organischer wirken. Während Haas' beide Streichquartette Nos. 1+2 noch einen etwas steril konstruktiven Eindruck hinterlassen, hat hier die Musik unüberhörbaren Ausdrucksgehalt. Die Penetranz des zweiten fehlt vollständig und man kann sich versenken.


    Erstaunlich ist selbstverständlich der Klang eines Streichquartettensembles; das ergreift einen aber auch schon bei den oben aufgeführten Werken von Adams. Das Obertonale dieser Musik schafft aber eine Art geografischen hörbaren (Innen-)Raum, anders als bei JL Adams, wo man sich klarerweise im Freien bewegt. :pfeif:Jetzt reicht es aber auch mit den Assoziationen ^^. Hören muss man die Musik schon noch selbst (bei Interesse). Das spätere Werk ist noch einmal assoziationsreicher und damit auch leichter rezipierbar. Ob das eine Tendenz ist? Das wäre vielleicht wirklich interessant festzustellen.


    Haas taucht in den Fragestatistiken als einer der bedeutendsten Vertreter moderner, insbesondere dann der mikrotonalen Musik auf. Dazu kann ich überhaupt nichts sagen. Anregung zu dieser Musik kam vom kurzstueckmeister, der vielleicht noch ein paar Worte zu mikrotonaler Komposition sagen könnte, die bei der Rezeption hülfen.