Neue Streichquartette

  • Ich hatte in Musik des 20./21. Jahrhunderts - gerade gehört - kurz kommentiert #237 schon einmal auf eine CD des Quartetto Cremona hingewiesen mit den ersten vier Streichquartetten des italienischen Komponisten Fabio Vacchi (*1949). Sein nunmehr sechstes Streichquartett "Brief an Johann Sebastian Bach" wurde vom selben Ensemble am 21. Februar 2021 im Mailänder Konservatorium im Saal "Giuseppe Verdi" uraufgeführt. Es basiert auf Bachs Kunst der Fuge, von der im Anschluss einiges zu hören ist.



    Die Uraufführung ist das erste Quartett im folgende youtube - Stream. Dann ab ca. 22:48 Bach BWV 1080 Kunst der Fuge:




  • Eben durch Zufall bei meiner Suche nach David Philip Hefti (*1975) bei unserem Sponsor gefunden:




    Neben anderen Werken Heftis fünftes Streichquartett, eingespielt vom Amaryllis Steichquartett. Erscheint am 4. Juni 2021. Die ersten vier finden sich in Neue Streichquartette Beitrag #79 besprochen....



    PS Hier wäre ein etwas größeres Cover recht schön :(

  • Zitat von astewes

    PS Hier wäre ein etwas größeres Cover recht schön

    Bitte......


    Hefti_Light_and_Shade_Cover-300x269.jpgKlick


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Ein fast neues Streichquartett. Der mittlerweile von mir schon häufiger gehörte östereichische Komponist Gerald Resch (*1975) aus dem schönen Linz an der Donau schrieb 2019 sein drittes Streichquartett attacca, was auf der zitierten CD vom Frankfurter Aris Quartett mit Schwung und Präzision eingespielt wird.



    Die Aufnahme erschien im Mai 2021, ist also noch nicht sooooo alt. :)


    Das Streichquartett entstand in enger Zusammenarbeit mit den Musikern des Aris Quartettes und auch das Erscheinen von Beethovens Rasumowsky-Quartett Op. 59 Nr. 1 ist nicht zufällig, sondern ursächlich. Alle vier Sätze von Reschs Werk gehen attaca ineinander über. Der zweite Satz Perpetuum mobile zitiert das Thema des zweiten Satzes des Beethovenschen Quartettes.


    Der Booklettext von Resch selbst ist nett zu lesen und hilft eventuell ein bisschen beim Verständnis. Das Quartett ist aber anders, als sein in einem anderen Thread besprochenes Klaviertrio nicht schwierig zu hören, wenn man nicht krampfhaft nach Grundakkorden sucht und wissen möchte, ob es nun in Dur oder in Moll geschrieben ist :).


    Das Beethovensche Quartett setze ich mal als bekannt voraus. Es ist auch für den konzertanten Vortrag mit dem Resch-Quartett geplant , nicht von Beethoven allerdings. ;)


    Das Aris Quartett spielt beide Stücke in hervorragender Manier.

  • Ja - was ist "Avantgarde" und wie setzt man sie fort, nachdem alles, was "überwunden" werden konnte, "überwunden" war?

    Das betrifft ja nicht nur das Steichquartett.



    Nachdem ich mich nun mit dem Begriff Avantgarde immer schwerer tue, je mehr Musik ich aus dem Umfeldern meiner bisherigen Schwerpunkte höre. tue ich mich mit dem Begriff "überwinden" noch schwerer, den Du, wie ich finde, völlig zu Recht in Anführungszeichen gesetzt hast.


    Aus irgendeinem Grund versuchen wir das uns Umgebende einer einfach zu bestimmenden Menge von Schubladen zuzuordnen. Das hat im Alltag einen Sinn. Wenn ich in ein Konzert gehe und ich sage einem wenig an Musik Interessierten, dass es um musikalische Avantgarde geht, kann derjenige mit einer hohen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es für ihn wie Geräusch klingt :P. Er wird mir schelmisch viel Vergnügen wünschen. Damit hat sich der Sinn des Begriffes dann auch erschöpft. Diese Schubladen helfen, den Alltag zu strukturieren, mehr nicht.


    Im Ende ist die Frage, ob Musik Avantgarde ist, nicht schlauer, als die Frage, wie ein "Teilchen" gleichzeitig Welle und Korpuskel sein kann oder wann nun der erste Mensch in der Evolution der Lebewesen aufgetaucht ist. Es ist ein untauglicher Versuch. Die angewendete Sprache reicht nicht aus, der Sache auf den Grund zu gehen, sondern dient eben nur dem oben angegeben Zwecke.


    Auch die Vokabel "überwinden" hat etwas, wie ich meine, der Musik künstlich Aufgesetztes. Ein Komponist meint damit für sich eventuell die Suche nach einer für seine Ideen adäquaten musikalischen Sprache. In diesem Sinne "überwindet" er die vorherige Sprache. Ein Kritiker meint eventuell, dass eine musikalische Sprache nicht in eine (diese) Zeit passe und verknüpft das mit philosophischen oder soziologischen Überlegungen. Ein Fahrstuhlbesucher freut sich, dass er jetzt im Fahrstuhl keine Pression von Lachenmann hören muss, die ihm das Kaufvergnügen verdirbt, sondern computergenerierte, akustische Stimulanzien, die klarerweise das vorherige Unwohlsein überwinden! Jaja, das zum Schluss ist nur ein weithergeholte Phantasie ;).


    Im ersten Fall überwindet eine neue musikalische Sprache eine alte. Hier macht der Begriff Sinn, allerdings nur für den Komponisten persönlich. Für den Rezipienten ist es in meiner Sichtweise unerheblich, was ein Komponist für sich überwindet, solange ich seine Musik hören und hörend aufnehmen kann. Im zweiten Beispiel werden soziologische oder philosophische Erkenntnisse, die selbst wieder einer Überprüpfung bedürfen, zur Bewertung von Musik herangezogen. Das erscheint mir ziemlich sinnfrei, es sei denn, man bewerte die gesellschaftliche Wirkung von Musik. Das dritte Beispiel ist eine psychologische Form der Überwindung, die gegebenenfalls nicht einmal zur Bewusstheit kommt ;(.


    Musik hat interne Gesetzmäßigkeiten, die für den Rezipienten nur insoweit Bedeutung haben, als sie hörbar sind. Was hörbar ist und was nicht, hat im wesentlichen mit der Hörerfahrung zu tun.


    Da ich Musik, wie auch alle Kunst, als wesentlich zweckfrei ansehe, gibt es in diesen Bereichen keine "Überwindung" sondern nur einen Wandel, der in einem komplexen, nicht wirklich verstehbaren, Wechselspiel zu einer ebenso nicht wirklich verstehbaren Realität steht.


    Langer Rede kurzer Sinn ist: Hören was Spaß macht, neugierig sein auf Neues (und Altes ;)). Wir sind in dieser Welt Dreijährige, für die es dauernd etwas zu entdecken gilt :huh:


    Beste Grüße von astewes

  • Ja - was ist "Avantgarde" und wie setzt man sie fort,

    Zur Fortsetzung der Avantgarde:


    Nachdem, was ich eben versucht habe zu sagen, müssen wir uns keine Sorgen machen, solange es Menschen gibt, die das Bedürfnis haben, sich mit Musik auszudrücken, welche, die diese interpretieren wollen und welche, die das dann hören wollen ......:jubel:

  • Du hast Dich jetzt allerdings gar nicht damit beschäftigt, was "Avantgarde" eigentlich bedeutet. Wenn man Fachbegriffe alle nur als Schubladen auffasst, dann verwendet man sie vielleicht wirklich besser nicht. Du kannst ja auch sagen, Du gehst in ein Konzert mit Geräuschen.

    :P

  • Du hast Dich jetzt allerdings gar nicht damit beschäftigt, was "Avantgarde" eigentlich bedeutet.

    Ich bin da ganz offen. Wenn "Avantgarde" in der Musik ein Fachbegriff sein sollte, der über eine Schublade hinausgeht, wäre ich interessiert, mehr zu erfahren.


    Ich habe einfach nur vom Wort her gedacht. In diesem Falle habe ich eine Art Vorfront, was aber für mich nur dann Sinn macht, wenn ich eine Entwicklungsrichtung als gegeben auszeichne. Sonst verwechselt man eventuell vorne mit hinten :). Und diese Richtung finde ich tatsächlich mittlerweile schwer zu bestimmen.

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  • In Bezug auf Musik ist das aus österreichischem Blickwinkel hier schön zusammengefasst:

    https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_A/Avantgarde.xml

    Vielen Dank für diesen wirklich guten Hinweis.


    Zwei Zitate daraus fände ich sehr wichtig, bzw. interessant


    Deshalb sei sie eine „avant-garde zur Erweckung der Kunst“, welche die ganze „alte Welt“ mit ihrer „passeistischen“ Kultur und gesellschaftlichen Ordnung kompromisslos vernichten werde. Museen seien in die Luft zu sprengen und an die Stelle von Wagners Parsifal habe der Tango und das Lärmen von Flugzeugen und Geräuschmaschinen zu treten.Marinette

    und

    Alle genuinen „A.n“ des 20. Jh.s – neben dem Futurismus in erster Linie der „Suprematismus“ und die „Produktionskunst“ in Russland, der Dadaismus und der Surrealismus in Frankreich – sind Konzepte, die nicht bloß eine grundsätzliche Erneuerung der Kunst, sondern eine gleichzeitige radikale Veränderung von Leben und von Kunst zum Ziel hatten.


    Da werde ich mit meiner Ästhetik des Zwecklosen natürlich in Probleme kommen. Dieser gesellschaftspolitische Aspekt gibt der Kunst eine Richtung, wo dann der Begriff der Avant-Garde tatsächlich Sinn macht.


    Auf der anderen Seite zeigen dann die Zusammenhänge, die in dem Artikel erwähnt werden auch gleich die historischen Bezüge auf, die wie ich finde, es schwer machen, diesen Begriff als einen einer zeitlosen Ästhetik zu sehen. Und für die heutige Zeit stellt sich dann Deine oben angegebene Frage.


    Gibt es so etwas wie eine Avantgarde denn in einer Zeit, die so gut wie alles subsumieren kann. Von Lachenmann bis Einaudi (für mich momentan die stärksten Extreme 8-)) ist hier nichts mehr Avantgarde. Alles kann konsumiert werden.


    Und dann die Frage: Ist das nicht auch okay so?

  • Ich nehme ja die Bedeutung der historischen Avantgarde-Bewegungen zur Kenntnis, aber ich finde das alles furchtbar naiv, der Betrachter soll durch den Unsinn in der Kunst so provoziert werden, dass er erkennt, dass seine eigene bürgerliche Denkweise unsinnig ist - das funktioniert natürlich nicht. Und Marinetti halte ich einfach nicht aus, mit seiner Begeisterung für Krieg, Zerstörung, Unterdrückung und seiner Herrenmenschenmasche, da sind mir die dadaistischen Kollegen schon lieber. Musik gibt es fast keine aus der Avantgarde-Richtung, am ehesten André Souris

    der ja verblüffend unbekannt ist, und das eine oder andere von Satie (z.B. der eine Takt, der endlos wiederholt wird). Außer, man nimmt die Äußerungen von Schwitters als Musik

    (Ursonate)


    Bei aktuellen Streichquartetten - vielleicht ist Lachenmann auch in dem Sinn Avantgardist, als er den bürgerlichen Konzertbetrieb entlarven will und die Hörer provozieren? Aber ich habe das immer nur als anregende und verblüffend "neue" Musik gehört, ganz ohne Avantgarde-Hintergedanken.

  • Vielen Dank für die Hinweise. Schwitters ist bestellt.


    Der einzige wirkliche Avant-Gardist, der mir momentan so sponatn einfällt ist John Cage mit 4'33", das irgendwie immer noch zu Problemen führt, wie man an der Diskussion hier im Forum sehen kann, und den zum Teil lustigen Späßen, die aber ein, wie ich finde, grundlegendes Missverständnis dieser Aktionskunst offenbaren. Hier hätten wir noch den Bruch, der für die Avant-Garde ja wichtig sein muss (sieh Artikel)

  • Klar, ich glaube, dass Cage bei Bürgers Theorie der Avantgarde dann schon zu der "Neo-Avantgarde" gehört oder so, ist schon etwas her, dass ich das gelesen habe.

  • Konstantia Gourzi (Jg. 1962) ist eine griechische Komponistin und Dirigentin. Kürzlich erschien ihre zweite CD beim ECM Label. Das Titelstück ist das 3. Streichquartett mit dem Namen, Anajikon, The Angel of the Blue Garden. Das knapp 20-minütige Werk besteht aus 3 Sätzen


    1. The Blue Rose

    2. The Blue Bird

    3- The Blue Moon


    Die Musik ist tonal, eher ruhig und kontemplativ und der von anderen weiter nördlich angesiedelten osteuropäischen Komponisten nicht unähnlich. Das Minguet Quartett spielt wieder famos.

  • Ja, den kenne ich auch. Aber wir sollten wieder zu den Streichquartetten zurückfinden ...

    Ein guter Hinweis. Ich habe gerade etwas gehört, was vor kurzem herauskam. Mark Andre (*1964) hat 2017 ein Streichquartett veröffentlicht mit dem Titel iv 13 (Miniaturen). Das Arditti Quartett spielte die Uraufführung, die nun in der Reihe musica viva im Juni auf CD erschienen ist.




    Auch, wenn es etwas OT ist, das Orgelstück und auch das Orchesterwerk lohnen sich. Diese Musik bietet sich vielleicht auch in der Diskussion über Avantgarde an (Beurteilen kann ich das, wie schon gesagt, nicht wirklich)


    Mark Andre kommt tatsächlich, wie ich finde vom "Geräuschhaften" her. Allerdings scheinen die von Streichquartett verursachten Geräusche nicht wirklich zu provozieren. Die Musik beginnt ausgesprochen ruhig und vermittelt ungeheuer viele Assoziationen, völlig anders als zum Beispiel Lachenmann. Ich höre (und das ist sicher völlig subjektiv) wie durch einen Filter Geräusche der Großstadt (U-Bahn, Baustelle aber auch Besuch ruhiger Orte, ein paar Insekten. Es ist eine Art virtueller Spaziergang), wirklich faszinierend. Die Techniken sind für das Streichquartettensemble sicher avanciert, aber irgendwie vermittelt alles eine wirklich erstaunliche Ruhe, die man gefühlsmäßig der Hektik der Zeit entgegenstellen kann, also völlig anders, als damals die Futuristen, die gerade diese Hektik als ästhetisches Prnzip mit eingebaut haben in ihre Musik.....


    Seinen musikalischen Ursprung würde ich naiverweise in der Nähe von Edgard Varèse suchen, dessen Stück Désert mich damals noch in der Schule umgehauen hat. Ich würde mich freuen, wenn sich vielleicht noch jemand zu diesem Streichquartett äußern könnte.

  • Gerade bei jpc erstöbert und interessiert. Dietrich Fischer-Dieskau hatte einen Bruder, der sich wohl hauptsächlich der Chormusik gewidmet hat. Es gibt aber 9 (in Worten neun) Streichquartette, von denen das mir unbekannte Albis Quartett nun die Nummern eins und vier eingespielt hat. Seit dem 11.8 beim Sponsor erhältlich.


  • Maarten Ter Horst ist ein niederländischer Komponist Jg. 1987. Dies ist die erste CD mit seiner Musik und wohl auch die erste des Helikon Quartetts, das aus vier jungen Damen besteht.


    Der Werbepartner schreibt:

    Die Musik verwendet eine zeitlose, melodische Sprache, eine überraschend neue Perspektive auf die klassische Streichquartett-Tradition. Für Ter Horst ist das Streichquartett das ultimative Ensemble: Instrumente, die unterschiedlich und doch gleich sind und eine Musiktradition repräsentieren, die sowohl Komponisten als auch Instrumentalisten wirklich herausfordert. Für Maarten ter Horst ist das Komponieren von Musik ein wirksames Mittel, Emotionen zu kanalisieren und zu teilen. Er geht von erkennbaren Melodien aus und schreibt Sätze, die sich gegenseitig verstärken auf einer Suche, bei der Träume und Sehnsüchte mit der Realität in Einklang gebracht werden wollen. Das Helikon Quartett ist ein abenteuerlustiges und vielseitiges Streichquartett.


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