Hamburg: Staatsoper, Walküre am 28.05.2013: Auch im 18 Anlauf brennt es nicht

  • Es war doch etwas hetzig. Nicht nur, dass ich mit normaler Arbeitszeit nicht um 17:00 Uhr in der Staatsoper sitzen kann, ich hatte am Abend vorher noch Sitzung und lag erst um 23:00 Uhr im Bett.


    Egal. Ich wollte die Walküre unbedingt sehen und vor allem hören. Und da habe ich auch Falk Struckmann als voirgesehenen Wotan hingenommen. Ja, ich weiß, das ist ein Weltstar. Ja. Er spielt großartig. Aber ich habe ihn inzwischen 7 mal gesehen und davon hat er nur einmal tadelos gesungen und einmal hat er gar nicht gesungen und der Wotan kam von der Seitenbühne. Egal. Dann eben Falk Struckmann. Dann geht das "Nie" in "Wer meines Speeres Spitze fürchte duchschreiten das Feuer NIE" eben wieder flöten...


    Aber nein: ich hatte Glück. Falk Struckmann kann nicht singen: Es springt Egils Silins ein. Kannte ich bis gestern nicht. Aber gestern 22:00 ist er mein Lieblingswotan. Der kann was. Singen, spielen (obwohl er nur wenige Stunden zur Vorbereitung hatte) und Personality hat er auch noch.


    Was ist noch bemerkenswert? Ich dachte bis gestern Wagner singt man textverständlich und ohne Vibrato. Und was heißt eigentlich "Sügfrüd, schau auf müch. Üch büns, der bald Dü fölgst". Na Bravo. Das wir am Sonntag ja eine tolle Götterdämmerung, dabei ist Linda Watson doch ein Top-Star im deutschen Fach. Ok. Ich will gerecht sein. Sie hat gut gesungen.
    Gut waren auch zwei andere: Peter Rose als Hunding. Ein guter kann eben aus dem Hunding wirklich eine gute Partie machen. Das war ausgezeichnet. Besonders gefreut hat mich aber Yvonne Naef, die ich auch schon in der Premiere als Fricka gesehen habe und sie dort eher mäßig fand. Diesesmal das komplette Gegenteil. Aus dem Abonenntenschläfchen, wie in der Einführung der Fricka-Wotan-Dialog genannt wurde, ist ein musikdramatischer Dialog geworden. Wann bekommt eine Fricka schon mal mehr Applaus als eine Sieglinde? Und das übrigens völlig zurecht. Das war toll.


    Es war meine erste Walküre in der die Sieglinde nicht bejubelt wurde. Auch Michelle DeYoung war nicht zu verstehen und vibratote ziemlich. Das erste mal "oh hehrstes Wunder, göttlichste Maid" ohne das ich Tränen in den Augen hatte. Dabei trifft genau dieser Ton genau mitten in mein Gemütszentrum.
    Ne. Das hat mir nichts gegeben. Vielleicht sind beide eben auch neben Christian Franz einfach eine Fehlbesetzung - oder auch andersherum.
    Christian Franz ist absolut immer glasklar textverständlich und unglaublich präzise im Rhythmus. Das er darüberhinaus auch noch ein phantastischer Schauspieler ist, läßt über kleine und mittlere Fehler hinwegsehen. (Ich habe das erstemal in eienr Oper die Soufleuse gehört. ich weiß nicht, was Franz da singen wollte. Aus dem ersten Aufzug der Walküre war das jedenfalls nicht. Aber egal: Wie souverän er wieder da war und wie überirdisch er danach gespielt hat, läßt alles verzeihen.) Ich habe das "Winterstürme" noch nie so zart und lyrisch gehört und dazu im Pianissimo!.


    Ich denke zu Christian Franz passen nicht textverständliche Soprane eben einfach nicht. ABER: Die Todesverkündigung war auch im Duo Watson/ Franz ausgesprochen gelungen. Da stört es im Regiekonzept auch nicht, das Watson am liebsten steht, wenn sie singt.


    Was für ein Gegenteil dagegen Egils Silins. Für einen Wotan und noch dazu einer, der gerade erst das Rollenkonzept gelernt hat, sprang er quasi über die Bühne. Man sah ihm an, das die herumsteh und herumschreit- Inszenierung Claus Guths mit leben füllen wollte und es auch tat. Watson schreitet und steht herum. Bei Egils Silins ist stehen etwas ganz aktives. Stärkstes Element der Inszenierung ist das Ende des dritten Aufzugs, in dem sowohl Brünhilde als auch Wotan in einen Spiegel singen. Das war bei Struckmann schon gut. Egils Silins macht das in einer Intensität als ob man selber in den Spiegel blickte. Das war ganz großes Theater. Und als danach dann auch noch das "Lebwohl" so gut wie ich es noch nie auf der Bühne gehört habe (Sorry an Thomas Meyer, Stefan Heidemann und Falk Struckmann). Das war einfach eine andere Liga.


    Und das hätte alle "Sügfrüds" vergessen lassen, wenn die Waberlohe nicht auch beim 18. mal in die Hose gegangen wäre. Ich begreife einfach nicht, wieso die Bühnentechnik es einfach nicht hinbekomt das Feuerchen die paar Minuten flackern zu lassen. Das ist einfach nur peinlich.


    Und das Dirigat? Schwungvoll und voller elan, nur selten zu laut und eben echt Simone Young. Als Wagnerdirigenten werden wir sie in Hamburg noch schmerzlich vermissen. Zurecht erhielt sie nach Egils Silins den größten Schlußapplaus.


    Da fehlte übrigens Christian Franz. Der hatte nämlich schon den Tristan, den Loge und den Siegmund hinter und noch zwei Siegfrieds vor sich. Da sei ihm die Pause gegönnt. Und auf seinen Siegfried freue ich mich schon am Sonntag in der Götterdämmerung.

  • Danke für den Bericht!


    Egils Silins ist wirklich einer der besten heutigen Wotan-Sänger. Er fiel mir bereits in der "Walküre" unter Sir Mark Elder sehr positiv auf. Ich verweise in diesem Zusammenhang auch auf den Thread zu diesem Sänger: Egils Silins, Bassbariton aus Lettland

    »Und besser ist's: verdienen und nicht haben,

    Als zu besitzen unverdiente Gaben.«

    – Luís de Camões

  • Er war wirklich großartig. Wobei es schon Angst macht: Freitag Wien, Sonntag Riga und Dienstag Hamburg? (so sagte jedenfalls die Dame bei der Einführung) Ist das nicht ein bisschen viel?