Beethoven: Klaviersonate in C-dur Nr.21 op.53 "Waldstein" - CD-Rezensionen und Vergleiche (2013)

  • Ich setze die in der Vorwoche gestartete Serie von Beethoven Klaviersonaten im Vergleich fort und bin gespannt zu welchen Ergebnissen unsere Mitglieder diesmal kommen. Die Waldstein.Sonate ist meine Lieblingssonate, was für Interpretationsvergleiche nicht gerade von Vorteil ist, man lässt sich allzugern von der Musik mitreissen..... Um der Frage zuvorzukommen: Es ist geplant maximal EINE Sonate pro Woche zu besprechen - ob ALLE drankommen hängt natürlich von Interesse und Beteiligung der Mitglieder ab....
    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Vielleicht haben einige erwartet ich würde wieder mit Alfred Brendels Aufnahmen beginnen - ich habe mich aber für jene legendäre Einspielung von Friedrich Gulda entschieden, welche er seinerzeit für das Wiener Klassiklabel "Amadeo" machte und deren Reputation bis heute ungebrochen ist.
    Diese Aufnahme der Beethoven-Klaviersonaten von Friedrich Gulda machte bei ihrem Erscheinen Furore, sie wurde schnell als „Referenz“ gehandelt. Auffallend an der Interpretation der Waldsteinsonate ist hier das Vorwärtsdrängen, das stakkatoartige im ersten Satz, und die Attacke, bzw leichte Härte, welche die ebenfalls allgemein geschätzte Aufnahmen des gleichen Werks von Wilhelm Backhaus oder Alfred Brendel dagegen eher konventionell und brav erscheinen lässt. Das eher forsche Tempo wurde vonn Kritikern gleichermaßen bejubelt, wie beanstandet
    Gulda selbst betrachtete die Aufnahme Jahrzehnte später als „gelungen“, wenngleich er einige Details doch anders gestaltet haben würde als in dieser hier vorgestellten.
    Der Mittelsatz ist ebenfalls recht flott, kommt nie in die Gefahr des Erliegens.
    Der Finalsatz ist gut ausbalanciert, zwischen Aufblühen des Klanges und nervösem Vorwärtsdrängen – ich konnte nicht eindeutig eruieren für welche Linie Gulda sich eigentlich entschieden hat. Der Unterschied zu Brendels Interpretationsansatz ist indes signifikant.
    Die Aufnahme ist ein „muß“, nicht zuletzt auch wegen des superben Klavierklanges für eine Aufnahme aus den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts...

    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Eine kurze organisatorische Anmerkung. Auch wenn es sicher mehr Resonanz auslöst, mit sehr bekannten Sonaten zu beginnen, anstatt stur chronologisch vorzugehen, halte ich es für suboptimal, nun in kurzer Folge die allerbekanntesten Sonaten aufeinander folgen zu lassen.


    Erstens kommen die, die dann wirklich vielleicht ein dutzend oder mehr Einspielungen (die sie eher von der "Waldstein" haben als von op.54) im Vergleich hören wollen, nicht hinterher. Zweitens ist das Pulver schnell verschossen und weniger bekannte Stücke haben einen zusätzlichen Nachteil, wenn dann noch ein dutzend Sonaten "übrig" sind, die keinen so recht zu interessieren scheinen.
    Ich würde das eher ungefähr abwechselnd machen. Also nach der Mondschein z.B. eine eher unbekannte wie op.27/1 oder eine mittelbekannte wie op.28, nach op. 53 z.B. op.54 oder so ähnlich.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ähnliche Gedanken hatten mich auch schon beschlichen, zumal ich mit meinen geplanten Postings bei op. 27 Nr. 2 noch nicht durch bin.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

    Einmal editiert, zuletzt von William B.A. ()

  • Die Waldsteinsonate war schon immer eine meiner großen "Lieblinge". Solche Interpretationsvergleiche sind spannend - vor allem, wenn man den Notentext mitliest. Aber das kostet Zeit, die man leider nicht immer hat! :) Mit Chopins Sonate b-moll bin ich schon zwei Jahre beschäftigt....


    Ich werde einzelne Berichte einstreuen. Die Threadidee jedenfalls finde ich gut - und die Beiträge (gerade auch im anderen Thread über op. 27,2) sehr schön und berreichernd zu lesen! :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Zitat

    Eine kurze organisatorische Anmerkung. Auch wenn es sicher mehr Resonanz auslöst, mit sehr bekannten Sonaten zu beginnen, anstatt stur chronologisch vorzugehen, halte ich es für suboptimal, nun in kurzer Folge die allerbekanntesten Sonaten aufeinander folgen zu lassen.


    Ich pflichte Dir hier bei - und ich werde eine "gesunden Mix" machen, Derzeit ist es aber so, daß die Sollzahlen (Anzahl der Postings)
    mehr als unbefriedigend sind (trotzdem wir im Augenbklich mehr aktive Mitglieder haben als vor einem Jahr)- und ich versuche hier auszublancieren. Das funktioniert - wenn überhaupt - nur mit "Rennern" - daher meine Entscheidung für die Waldstein-Sonate.
    Gruß aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Eine kurze organisatorische Anmerkung. Auch wenn es sicher mehr Resonanz auslöst, mit sehr bekannten Sonaten zu beginnen, anstatt stur chronologisch vorzugehen, halte ich es für suboptimal, nun in kurzer Folge die allerbekanntesten Sonaten aufeinander folgen zu lassen.


    Erstens kommen die, die dann wirklich vielleicht ein dutzend oder mehr Einspielungen (die sie eher von der "Waldstein" haben als von op.54) im Vergleich hören wollen, nicht hinterher. Zweitens ist das Pulver schnell verschossen und weniger bekannte Stücke haben einen zusätzlichen Nachteil, wenn dann noch ein dutzend Sonaten "übrig" sind, die keinen so recht zu interessieren scheinen.
    Ich würde das eher ungefähr abwechselnd machen. Also nach der Mondschein z.B. eine eher unbekannte wie op.27/1 oder eine mittelbekannte wie op.28, nach op. 53 z.B. op.54 oder so ähnlich.

    Vollste Zustimmung.

  • Ich habe schon mal einen Probelauf gemacht und die Waldsteinsonate in den Noten verfolgt, mich auf ein mühsames Vorgehen einstellend. Vorsorglich habe ich mir eine relativ moderate Einspielung, die von Gilels, ausgesucht.
    Was soll ich sagen, ich bin erstaunlicherweise auf Anhieb durchgekommen und habe trotz meiner Hauptabsicht, den musikalischen Ablauf verfolgen zu können, unterwegs doch Einiges entdeckt, was mir Laien vorher unbekannt war, z.B. dass beide Hände im Bassschlüssel notiert waren, oder dass Bass- und Violinschlüssel vertauscht waren, weil der Bass die Melodie hatte oder dass beide Hände im Violinschlüssel notiert waren.
    Wie war dies möglich, dass ich, ohne den Faden zu verlieren, dynamische Notierungen wie "dolce e molto ligato" in Takt 15 des Kopfsatzes entdeckte und die wunderschönen Legatobögen Gilels bewundern konnte, die vielen Sforzati, die Trillernotierungen usw.? Ich kann es mir nur so vorstellen, dass die Waldstein-Sonate schon seit Guldas Zeiten eine meiner Lieblingssonaten war, die ich damals am häufigsten hörte und ich speziell das Finale so liebte.
    So lernte ich allmählich das Hauptthema des Finales in all seinen Schattierung in- und auswendig und wusste nun, beim ersten notenbegleiteten Hören immer, wo ich garade war und konnte schon Einiges vom musikalischen Gehalt der Gilels-Interpretation erfassen. Dass es sich hier m. E. um eine Referenzeinspielung handelt, war schon hier deutlich.
    In einer ersten Recherche habe ich die Spielzeiten der drei Brendel-Versionen mit Gilels verglichen und gesehen, dass beide grundsätzlich nicht weit auseinander sind, wobei Brendel in seiner letzten Einspielung wieder nahe bei seiner ersten ist und dort auch im Kopfsatz am nächsten bei Gilels ist. In der mittleren Einspielung ist er im Kopfsatz am weitesten von Gielels entfernt und im Adagio molto am nächsten. Hier die Vergleichszeiten:


    Gilels 1972: 11:04-4:38-9:19 -- 25:01 min.;
    Brendel 1962-64: 11:10-3:43-9:50 -- 24:43 min.;
    Brendel 1977: 10:43-4:22-9:57 -- 25:02 min.;
    Brendel 1993: 11:15-3:48-9:51 -- 24:54 min.;
    Nach den Spielzeiten müssten die Brendelaufnahmen auch wohl in den Noten mitverfolgt werden. Ich habe es geschafft, "und Sie schaffen das auch".


    Liebe Grüße


    Willi :D:yes:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich kann es mir nur so vorstellen, dass die Waldstein-Sonate schon seit Guldas Zeiten eine meiner Lieblingssonaten war, die ich damals am häufigsten hörte und ich speziell das Finale so liebte.


    Lieber Willi,


    aufregend finde ich unvermindert trotz vielen Hörens, wenn nach dem kurzen 2. Satz die Melodie des finalen Sonatenrondos wie aus dem Nichts entsteht. Gilels gestaltet das auch besonders aufregend! Michael Korstick schrieb übrigens: Als er zum ersten Mal Gilels im Konzert hörte mit der Waldsteinsonate, fuhr ihm durch den Kopf, daß er sie eigentlich immer genau so spielen wollte. Gilels kannte er auch persönlich - nach einem Konzert bedankte er sich bei ihm für die bleibenden Einsichten in Beethoven...


    Ich finde die Gilels-Aufnahme einfach mustergültig. In Ossiach hat er op. 53 auch gespelt - das komplette Konzert (dabei auch op. 101 und sein unglaublicher Mozart) gibt es auf DVD - für 10 Euro, habe ich gerade gesehen:




    Beim intensiven Musikhören lese ich eigentlich wenn es geht immer die Noten mit - das ist ein ganz anderes Musik-Erleben! Schön, daß Du das für Dich entdeckt hast. :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Schönen Dank für den Tipp mit der DVD, lieber Holger. Sie ist schon bestellt und muss nun nur noch von Kanada aus den Weg über den großen Teich zu mir finden. Ich meine, ich hätte den Inhalt dieser DVD auch schon einmal als Konzert auf Classica gehört und gesehen.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Den Nachmittag habe ich mich heute einmal nicht der sog. Mondschein-, sondern der Waldsteinsonate gewidmet , die ich – nach langer Zeit – einige Male (mit und ohne Notentext) durchgehört habe. Warum ich sie so lange nicht gehört habe? Ich weiß es nicht, denn von den bekannten Beethoven Sonaten ist sie mir besonders lieb. Gewählt habe ich zwei Einspielungen (nein diesmal – noch – nicht Brendel :)), deren Tempovorstellungen im Allegro übereinstimmen, in den anderen Sätzen dagegen abweichen: Kempff und Gilels.



    Wilhelm Kempff
    DGG 1965, eingespielt 1964
    Spielzeit 10'55, 3'05, 9'47


    Ein wenig verwirrend ist zunächst, daß die Einteilung auf der CD nicht dem Urtext der Noten entspricht, da das Prestissimo nicht eigens ausgewiesen ist, sondern unmittelbar ans Rondo angehängt wurde: daher auch die abweichenden Spielzeiten.
    Kempff drängt mit seinem Spiel im ersten Satz nach vorn (allerdings nicht so stark wie Gilels, s. u.), sein pp ist mir jedoch eindeutig zu laut (oder die Aufnahmetechnik läßt es so klingen), auch ebnet er an einigen Stellen die Dynamik der Notation ein (so macht er in Takt 28 kein descrescendo, sondern steigert noch). Ein Konzept, nach dem diese Eingriffe vorgenommen werden, habe ich nicht erkennen können. Seine sforzati sind mit großer Wucht, aber auch viel Einsatz des Pedals gespielt, so daß manchmal ein wenig Transparenz des Spiels verloren geht. Die „dolce“ gespielten legato Bögen sind von großer Klangschönheit. Ich hätte mir einfach ein wenig mehr Dynamik gewünscht, so wirkt der Satz insgesamt etwas unauffällig.
    Wunderbar gestaltet Kempff das Adagio: es ist sehr flüssig und hier ist Kempf imO auch notentreuer.
    Im Rondo nimmt Kempff einen sehr schönen, lyrischen Anfang, der anschließende furiose Teil hätte imO noch ein wenig krachender ausfallen können, um mehr Spannung zu erzeugen. Kempffs Ansatz ist mir hier nicht dynamisch genug. Im Prestissimo habe ich an einigen (wenigen) Stellen den Eindruck, daß die Hände nicht immer synchron sind, hier wirkt mir das Spiel nicht ganz souverän. Insgesamt liegt mir diese Einspielung aufgrund der in einigen Passagen fehlenden Spannung nicht so sehr – vielleicht auch weil ich sie zusammen mit Gilels gehört habe. Gegenüber diesem ist Kempffs Spiel bei weitem nicht so drängend und dynamisch. Aber Gilels stellt zugegebenermaßen auch eine besonders gute Aufnahme dar.




    Emil Gilels
    DGG 1986, eingespielt 1972
    Spielzeit 11'04, 4'39, 7'34, 1'45


    Die Einteilung auf der CD erfolgt wie im Urtext der Noten: Allegro con brio, Introduzione. Adagio molto, Rondo. Allegretto moderato, Prestissimo


    Um es gleich vorweg zu nehmen: ich finde die Einspielung ist grandios!!! Bereits im ersten Satz kann Gilels nicht nur seine Virtuosität ausspielen, er gestaltet ihn zugleich sehr spannungsreich (über den Notentext hinausgehende Spannung erzeugt Gilels etwa durch das crescendo in Takt 110, das er früher beginnen läßt und länger zieht als in der Notation vermerkt. Die sforzati spielt er mit unglaublicher Wucht, sie „donnern“ regelrecht aus dem Nichts. Der Gegensatz zu den Passagen mit langen Legato Bögen, bei denen er die Anweisung „dolce“ ganz auskostet, ist wunderbar.
    Im Kontrast zu diesem furiosen Beginn steht der zweite Satz, den Gilels langsamer spielt als Kempff, er kostet das Adagio vollends aus, ohne daß es ihm zerfällt oder langweilig wirkt (phantastisch finde ich den pp Anfang). Dadurch bildet er ein schönes Bindeglied zum Rondo, dessen Anfang sehr lieblich gestaltet ist, bevor er ab etwa Takt 63 eine unglaubliche Wucht in seinem Spiel entfaltet. Insbesondere die krachenden sforziati bilden zu den langen legato Bögen (mit pp und screscendi) einen tollen Kontrast: liebliche und „wilde“ Passagen folgen in einem gelungenen Wechsel. Das Prestissimo bildet den furiosen Schluß, in dem Gilels noch einmal seine gesamte Virutosität einbringt. Die rasantesten Passagen erklingen in einer unglaublichen Leichtigkeit. Dabei verläßt Gilels sich nicht auf das technisch perfekte Spiel (ich habe keinerlei unsynchrone Stellen entdecken können), sondern schöpft die die im Text notierte Dynamik vollkommen aus. Auch wenn ich ja ein bekennender Anhänger des Brendelschen Ebenmaßes bin, weiß ich auch, daß es eine Reihe weiterer grandioser Pianisten gibt :). Diese Gilels Einspielung ist – auch aufgrund der hervorragenden Qualität des Klangs – imO unbedingt eine Empfehlung.


    So viele meine Höreindrücke, mein Eindruck von Brendel folgt zu einem späteren Zeitpunkt :)
    Herzliche Grüße
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Das "prestissimo" ist kein eigener Satz, sondern die Coda des Rondos. Es ist weder richtig noch falsch, dafür einen eigenen Track zu spendieren, sondern Ermessenssache (ich kenne die Sonate auf CD normalerweise in drei tracks).

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Es ist schon klar, daß es kein eigener Satz ist, aber im Urtext der Noten ist es mit eigener Überschrift vermerkt, nur darauf wollte ich hinweisen, eine Wertung, ob richtig oder falsch wollte ich eigentlich nicht äußern: man kann das übernehmen, muß es aber nicht. Mir ging es um die Spielzeit, bei deren Vergleich man das berücksichtigen muß.


    Beste Grüße
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Das Prestissimo ist wie ein 600-m-Endspurt in einem 10000-m-Lauf, wo es mit einem atemberaubenden Tempo dem Ziele zugeht.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Das ist ein schöner Vergleich, mir ist bei diesem Stück allerdings immer schon im allerersten Satz die Puste ausgegangen :)


    Beste Grüße
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Interessanterweise habe ich von dieser Sonate nur fünf Aufnahmen, obwohl sie zu den bekanntesten Klaviersonaten Beethovens überhaupt gehört. Wider Erwarten fand ich die Unterschiede zwischen den Interpretationen fast weniger deutlich als in der viel kürzeren Mondscheinsonate.


    Gulda, 1968 (9:26/2:43/8:16): Diese Aufnahme wurde schon von Alfred ausführlich besprochen. Gulda ist mMn sehr nahe an Beethovens Vorgabe dran, außer in der Einleitung zum zweiten Satz - die ist etwas schneller gespielt als die Vorschreibung "Adagio molto" erwarten ließe. Klarer Anschlag, dynamisch kontrastreich und technisch perfekt. Gulda macht nichts falsch - aber es gibt auch wenig, das für mich wirklich hervorhebenswert wäre.


    Ähnlich gestaltet es sich bei den Interpretationen Buchbinders aus 1980 (9:16/3:37/8:58) und Jean-Bernard Pommiers 1991 (10:34/4:36/10:01). Buchbinder I. klingt ziemlich ähnlich wie Gulda, Pommiers ist etwas langsamer, aber sehr kontrolliert und klar. Bei beiden Einspielungen bekommt man tadelloses Spiel geboten, aber wiederum gibt es nichts, was ich besonders hervorheben würde.


    Bei Brendel 1972 (10:40/4:21/9:51) sieht das allerdings anders aus. Ähnlich wie in der 1972er Interpretation Mondscheinsonate ebnet Brendel viele von Beethoven gesetzte Kontraste ein. Die Sechzehntel im ersten Satz klingen wie in Watte gepackt, das wunderbare sforzato in den Takten 22 und 23 der Introduzione ignoriert Brendel absolut vollständig und nimmt damit für mich dem Abschluss des Satzes den Wind aus den Segeln. Im dritten Satz sind die Sechzehntel der Begleitung durchgehend schlecht zu hören und die "Janitscharenmusik" des B-Teils (Takte 70 - 97) gerät Brendel viel zu lasch (da denke ich eher an Döner "ohne Scharf", denn an Janitscharen...). Das Dämonische des Rondos wird von Brendel schlichtweg ignoriert. Mit dieser Interpretation kann ich leider nichts anfangen. Auf Berichte der 1994 Einspielung wäre ich aber sehr gespannt!


    Für mich - bei weitem - die interessanteste von den fünf Einspielungen ist die Buchbinders aus 2011 (10:34/4:36/10:01). Hier findet sich sehr viel eigenwilliges. Auffällig ist, dass Buchbinder beinahe den ganzen ersten Satz staccato spielt, dynamische Kontraste aber oft in ein Rubato umformt. Buchbinder äußert sich im Begleitheft zu seiner Rubatowahl, allerdings eher allgemein gehalten und nicht spezifisch im Hinblick auf die Waldsteinsonate. Von den dynamischen Angaben setzt Buchbinder erstaunlich wenige um - er spielt auch die Akkorde im Bass niemals pp. Der zweite Satz gelingt Buchbinder ganz hervorragend, allerdings spielt er die sforzati in den Takten 22 und 23 nicht ganz aus. Umso beeindruckender gerät ihm aber der Anfang des Rondos! Buchbinder spielt die Arpeggien der rechten Hand mit leichtem Rubato, sodass tatsächlich der Eindruck entsteht, es spielte eine Harfe (einen ähnlichen Effekt kenne ich aus Mendelssohns Sonate ecossaisse). So erzeugt er einen wirklich berückend zarten Eindruck, der den Übergang von der Introduktion zum Rondo besonders eindringlich macht. Später schlägt er nach allen Regeln der Kunst in die Tasten, wo von Beethoven gefordert.

  • Zitat von Felix Meritis

    Brendel 1972 ... Auf Berichte der 1994 Einspielung wäre ich aber sehr gespannt!

    Lieber Felix Meritis,


    habe ich mir vorgenommen, weil ich momentan häufiger Brendel 1970er und 1990er Jahre im Wechsel höre, habe aber noch Barenboim für den "Monscheinsonaten" thread und brauche für die Vergleiche immer ein wenig Ruhe :) Aber ich kann jetzt schon sagen, daß diese Sonate Brendel m. E. nicht ganz so gut liegt, weil ich diese Sonate lieber in einem etwas kernigeren Vortrag höre.


    Ich habe momentan als Aufnahmen der Waldstein-Sonate:
    Kempff und Gilels (siehe oben),
    Brendel 1972
    Brendel 1994
    Perl
    Horowitz
    Mehr nicht, meine Lieblinge sind nämlich die "Appassionata" und Sonate für das Hammerklavier :)
    Aber vielleicht werde ich noch einmal tätig und kaufe noch etwas nach: Badura-Skoda oder Schirmer wären zwei Kandidaten.

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Ich finde, die Sonate gibt verhältnismäßig wenig für das Vergleichhören her, denn sie besitzt definitiv nicht jene "Untiefen", die die Appassionata oder die späten Sonaten auszeichnen. Dementsprechend konnte ich bei drei der fünf Aufnahmen (Gulda, Buchbinder 1980 und Pommier) die Unterschiede mit der Lupe suchen. Aber vielleicht sehen das andere ja anders und überraschen uns!


  • Beethoven, Sonate Nr. 21 C-dur op. 53 “Waldstein-Sonate”
    Wilhelm Backhaus, Klavier,
    AD: September 1958
    Spielzeiten: 8:48-3:12-9:41 – 21:41 min.;


    Wilhelm Backhaus stellt keinen neuen Geschwindigkeitsrekord im Allegro con brio auf, sondern er lässt die Wiederholung der Exposition (Takt 1 – 85) aus, sonst wäre er, ähnlich wie Gilels oder Brendel in seiner ersten und dritten Einspielung, bei über 11 Minuten ausgekommen. Das ist auch der einzige Wermutstropfen in dieser Interpretation, zumindest im Kopfsatz. Ansonsten lässt er große Sorgfalt in seinem Vortrag walten, beachtet die dynamischen Vortragsbezeichnungen, bewältigt m. E. die Schwierigkeiten der Partitur ohne Mühe, obwohl er zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits 74 Jahre alt ist. Zwar reitet er nicht solche Attacken wie ein Friedrich Gulda oder ein Emil Gilels, aber sein Spiel ist wunderbar fließend und perlend.
    Das Adagio molto ist ein ganz besonderes Kleinod, und obwohl Wilhelm Backhaus hier von den Genannten signifikant am schnellsten ist, habe ich nicht das Gefühl, als wenn das hier zu schnell wäre, so ruhig und abgeklärt kommt es daher. Natürlich ist dieser langsame Satz nicht mit anderen aus Beethovens Sonatenoeuvre zu vergleichen, wie z. B. mit zweien aus dem Opus 10, dem Adagio molto aus der Sonate Nr. 5 c-moll und dem berühmten Largo e mesto aus der Sonate Nr. 7 in D-Dur oder gar dem gewaltigen Adagio sostenuto aus der Sonate Nr. 29 B-dur op. 106, der „Hammerklavier-Sonate“, die alle die weitaus ausgedehntesten Sätze der Sonate sind; sondern es ist ein wunderbares Bindeglied zwischen zwei ausladenden Sonatensätzen, mit einer für Beethoven so typischen genialen Attaccaanbindung an das Finale.
    Im Finale ist nun alles enthalten, was das Herz des Klavierfreundes enthält, vom wunderbar lyrischen Gesang des Allegro moderato-Teils mit den weit ausschwingenden Legato-Bögen, über die ff-Einsätze und die Staccato-Passagen mit den Sechzehntel-Pausen, alles virtuose Teile eines der schönsten Finalsätze in der ganzen Klavierliteratur hin zu dem atemberaubenden Prestissimo-Schluss, quasi einer enormen Coda. Selbstverständlich, dass Wilhelm Backhaus auch hier den dynamischen Faden nicht verliert. Sicherlich gehört diese Interpretation mit in die obere Hälfte der verfügbaren Aufnahmen.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Dementsprechend konnte ich bei drei der fünf Aufnahmen (Gulda, Buchbinder 1980 und Pommier) die Unterschiede mit der Lupe suchen. Aber vielleicht sehen das andere ja anders und überraschen uns!

    Bei meinen drei Aufnahmen mit Gulda (amadeo/Decca), Gilels (DG) und Ashkenazy (Decca) sehr ich aber erhebliche Unterschiede. :!: Damit möchte ich erstmals bei den Sonaten-Beiträgen auch Vladimir Ashkenazy´s GA ins Spiel bringen dessen glänzende kraftvolle Sonaten-GA mir ganz ausgezeichnet gefällt (und der fabelhafte Klavierklang dort sowieso).



    Decca, 1971-1980, ADD/DDD


    Ashkenazy ist vom Tempo her auch eher mit 11:19 - 4:33 - 9:29 im "Normalbereich" unterwegs, etwa gleich mit Emil Gilels. Ganz grosse Aufnahmen ! Dennoch muss ich bei der Sonate Nr.21 feststellen, dass mir Guldas zügigere Attacken hier geschmacklich am besten liegen: 9:26 - 2:43 - 8:16.



    ;) Wenn das Wetter schlechter wird, werde ich auch bei den anderen Sonaten noch näher auf Ashkenazy eingehen. Ich verfolge die Sonaten-Threads bereits mit grossen Interesse ... weiteres Vergleichshören steht an. ( :) Jetzt ist bei diesem Super- September Sommer ist bei mir nicht an längere Beiträge zu denken.)

    Gruß aus Bonn, Wolfgang


  • Beethoven
    Sonate Nr. 21 C-dur op. 53 “Waldsteinsonate”

    Michael Korstick, Klavier


    AD: August 2003
    Spielzeiten: 9:50 - 4:23 - 9:18 – 23:39 min.;


    Dieser erste Satz, das Allegro con brio, ist eine Sensation, nicht, weil Korstick das so schnell spielt. Gulda spielt es noch etwas schneller, und ich werde bei Gulda, zumindest über diesen Satz Ähnliches schreiben. Nein Korstick spielt es so schnell, weil dort Allegro con brio steht, und die Sensation besteht darin, dass er den Satz so extrem spielt, weil nach seiner Lesart das Extreme das Normale ist. Die durchgehenden Sechzehntel in beiden Händen, die z. B. in Takt 23 bis 28 entgegenlaufen, oder auch die verschachtelten Achtel in Takt 54 bis 57, die in diesem hohen Tempo extrem exakt gespielt werden, klingen so natürlich, dass es geradezu atemberaubend ist, und in dieser Vortragsweise fließen die permanenten dynamischen Veränderungen so organisch in den musikalischen Ablauf ein, dass man nur vor Staunen den Mund offen hält.
    Ich habe nun Michael Korstick ja auch etliche Male live erlebt, leider noch nicht mit Beethovensonaten, aber mit allen Beethovenkonzerten und in dem legendären Konzert auf dem Klavierfestival Ruhr mit beiden Brahmskonzerten an einem Abend, dass ich immer wieder fasziniert bin, wenn ich ihn spielen höre und sehe. Was nun die Waldstein-Sonate betrifft, so habe ich ja schon etliche mit der Partitur probegehört, aber noch in keiner ist mir bisher die musikalische Faktur so kristallin entgegengetreten wie in der Interpretation Michael Korsticks.
    In der Introduzione – Adagio molto – kommt dann ein weiteres Glanzstück Korsticks zum Vorschein. Wer seine Interpretation der Hammerklaviersonate kennt, auf dieser CD auch enthalten und im gleichen Konzert 2004 in Pforzheim aufgezeichnet, weiß, wovon ich spreche. Hier ist ein Adagio molto, dass er selbstverständlich sehr langsam spielt. Was bei Beethoven steht, nimmt Korstick als selbstverständlich hin, und da gibt es nichts, was ihm zu schnell ist oder zu langsam. Auch im Adagio molto ist es für einen Laien wie mich gar nicht so einfach, die Struktur zu erkennen, weil die Notierungen des Bass- und Violinschlüssels ständig wechseln. Aber wenn man den Boden einmal raus hat, treten die wunderbaren Strukturen auf einmal glasklar zu Tage. Und so wird klar, dass dieser offensichtliche Verbindungssatz, der so sehr von anderen langsamen Sonatensätzen Beethovens abweicht, ein hochkomplexes Gebilde ist, das man nicht so im Vorübergehen spielt, sondern dem man, hier in der Person Michael Korsticks, seinen gebührenden Platz zuweist.
    Natürlich ist in der Waldstein-Sonate das Finale der Höhepunkt, zumal in dieser stringenten Interpretation Michael Korsticks. Es beginnt alles so harmlos in einem Allegro moderato, und dieser Satz mit 543 Takten steht in den ersten 175 Takten, also dem ersten Drittel, quasi unter einem permanenten Legatobogen, und dieses erste Drittel ist so schön, so klar, dass man sich wünscht, es möge so weiter gehen, und die vielen dynamischen Wechsel zwischen pp und ff, die vielen Sforzati, aus denen dieser großartige Satz aufgebaut ist, fließen bei Michael Korstick ganz natürlich in den Vortrag ein.
    In der Durchführung ab Takt 176 geht es dann mächtig zur Sache. Da muss sich der blutige Laie dann erst mal an die Wahnsinnspausen in der rechten Hand gewöhnen, sie lesen. Ab Takt 221 kehrt dann Gott sei Dank das Hauptthema zurück, wo aber nichtsdestotrotz ein dynamischer Aufruhr herrscht zwischen ff, sf, p und eingeworfenen Crescendi, bis wieder für die rechte Hand ein sempre pp auftaucht, und wenn das da steht, kann man sich darauf verlassen, dass Korstick das auch spielt. So plätschert es dahin, bis plötzlich das Sforzato dazwischen fährt und die Reprise ankündigt. Diese wird ab Takt 344 von einer atemberaubenden Passage mit sich abwechselnden und später gegenlaufenden Dreierfiguren in der rechten und linken Hand abgelöst, die langsam zur in meinen Augen beispiellosen Prestissimo-Coda hinführen.
    Wie Korstick dieses Prestissimo spielt, das ist schon ganz große Pianistik. Da sitzt jeder Ton, da stimmt jede noch so kleine dynamische Einzelheit, jede rhythmische Rückung.


    Dieses ist eine ganz große Interpretation der Waldstein-Sonate.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup::thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven, Sonate Nr. 21 C-dur op. 53 “Waldstein-Sonate”
    Friedrich Gulda, Klavier
    AD: 1967
    Spielzeiten: 9:26-2:45-8:18 – 20:19 min.;


    In der Tat spielt Gulda den Kopfsatz noch etwas schneller als Korstick, aber bei aller Virtuosität und technischem Vermögen scheint mir seine Interpretation musikalisch doch nicht so in die Tiefe zu gehen wie die von Michael Korstick. Die jederzeit bei Korstick spürbare Spannung scheint mir bei Friedrich Gulda ncit so permanent spürbar, die Achtelpausen im Decrescendo in Takt 12 etwas hastig, das „dolce e molto ligato“ in Takt 35/36 etwas zu rasch, um nur einige Stellen zu nennen. Das ist alles virtuos musiziert, doch der Spannungsbogen scheint mir doch etwas unter dem Tempo zu leiden.
    Ein ähnliches Gefühl habe ich beim Adagio molto, das m. E. bei Friedrich Gulda keines ist, bestenfalls ein Adagio, in dem auch nicht alle Sforzati so kommen, wie ich sie bei Korstick gehört habe. Sehr schön gelingt ihm der große Legatobogen mit dem Crescendo aus dem sehr gut gespielten pp von Takt 21 an bis zum Schluss-Dcrescendo zum Takt zum Takt 29. Leider spielt er dann das letzte Sforzato unter der Fermate nicht, im Gegensatz zu Korstick.
    Im Rondo ist dann wieder der Virtuose gefragt, und ich finde, dass ihm dieser Satz am besten gelungen ist. Doch auch hier scheint mir ab Takt 31 das sempre pp in der linken Hand zu laut. In der Wiederholung ab Takt 144 gelingt ihm das besser. Gulda ist im Finale am eindrucksvollsten, wo es keiner von ihm erwartet, da, wo er die Pianissimi oder gar dreifache Piani mustergültig spielt. Die Fortissimi klingen bei Korstick, aber auch bei Gilels eindrucksvoller. Die vielen schnellen Sechzehntelfiguren schüttelt er sich allerdings wie nichts aus dem Ärmel. Auch mit den Achteln unter dem großen Legatobogen von Takt 465 bis 476 mit den sich anschließenden langgezogenen Trillern und die Schlusssequenz gelingen ihm.
    So ganz kann ich das, was ich zu Beginn der Korstick-Besprechung über Gulda und den Kopfsatz gesagt habe, ja doch nicht bestätigen.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven, Sonate Nr. 21 C-dur op. 53 “Waldstein-Sonate”
    Claudio Arrau, Klavier
    AD: 1986
    Spielzeiten: 12:21-4:25-10:50 – 27:36 min.;


    Nach den beiden schnellen Gangarten von Michael Korstick und Friedrich Gulda ist hier heute eine langsame, aus gutem Grund, ist doch der Pianist, Claudio Arrau, zum Zeitpunkt der Aufnahme, bereits 83 Jahre alt, im Gegensatz zu der Aufnahme der Mondschein-Sonate, als er 59 Jahre alt war. Ich bin übrigens zu der Auffassung gelangt, dass die Arrau-Heritage-Box der Beethoven-Sonaten doch eher mit der o. a. identisch ist, denn sie enthält die Mondschein- und Hammerklavier-Sonaten von 1962 und die Diabelli-Variationen von 1952 sowie das Andante favori F-dur WoO 57 von 1964und die 32 Variationen c-moll WoO 80 von 1985.
    Dass Arrau nun angesichts seines hohen Alters etwas langsamer spielt, bedeutet jedoch nicht, dass sein Spiel nun fehlerhaft oder schluderig geworden sei. Nach wie vor entlockt der dem Flügel den typischen, dunklen, sonoren Klang, pflegt sein edles, fließendes Spiel, beachtet die dynamischen Feinheiten und lässt durchaus bei den vielen f oder ff-Stellen die Muskeln spielen und beachtet auch die Sforzati. Das ist technisch alles noch außergewöhnlich und interpretatorisch sowieso.
    Der langsame Satz ist endlich wieder ein veritables Adagio molto, das diesen unendlich tiefen Ruhepunkt zwischen den beiden enormen Ecksätzen sehr deutlich macht, und da treten dann die dynamischen Unterschiede besonders deutlich hervor, bei aller Ruhe ist das aber sehr spannungsvoll musiziert, und dazu gehört auch das deutliche Sforzato auf der letzten Achtel.
    Dieses wunderbare Fließen aus dem Kopfsatz setzt sich von ersten Ton des Allegretto moderato an fort, auch die abgeklärte Ruhe des Vortrags. Auch die hämmernden Staccati von Takt 71 bis 81 klingen sehr eindrucksvoll, ebenso die massiven ff-Schläge in Takt 102 und 106 auf der „Eins“, dann im weiteren Verlauf das Thema im pp mit den perlenden tiefen Sechzehnteln in der rechten Hand, bevor das Ganze im ff wiederholt wird, bevor die Durchführung in moll beginnt mit den originellen Sechzehnteln in der rechten Hand, die sich mit Sechzehntel-Pausen abwechseln und gleichzeitigen Achtel-Stakkati in der linken Hand. Faszinierend ist im Gefolge die weitere Ausgestaltung der Durchführung, wie die Fortführung des Themas in den Achteln und die Begleitung in den Sechzehnteln ständig von der rechten Hand in die linke wechselt und umgekehrt, und weiter ändert sich die Form. Nach der mehrmaligen Wiederholung des Hauptthemas in ff in den Takten 221 bis 232 und dem anschließenden Decrescendo diese herrlich wiegenden Figuren von Takt 236 bis 242 geht es im sempre pp weiter, von einigen f und sf unterbrochen, bis in Takt 313 die Reprise einsetzt, die dann, nach den fort- und gegenlaufenden Sechzehnteln in beiden Händen mit dem fabelhaften Decrescendo ab Takt 386 in die „Prestissimo-Coda“ mündet. Auch davor macht sich der Altmeister nicht bange und liefert eine wirklich überzeugende Interpretation ab.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Aufgenommen wurde die Sonate – wie die Mondschein Sonate – zu Hause bei Horowitz (New York City, Aufnahmedatum im Mai/ Juni 1956). Klangtechnisch sind ein paar Abstriche zu machen, das Grundrauschen hält sich im ersten Satz noch in Grenzen, ist im Adagio aber deutlich zu hören. Im zweiten Satz hört man mitunter das Knarzen des Klavierhockers oder Fußbodens.


    Vladimir Horowitz
    Label: Sony
    Spielzeiten: 10'28, 4'01, 9'42 = gesamt 24'11



    Das Allegro con Brio bewältigt Horowitz etwas schneller als Perl, Kempff, Gilels. Auffallend ist, daß er an nahezu keiner Stelle ein wirkliches pp spielt, was aber auch an der Aufnahmetechnik liegen kann. Durch die nicht ganz ausbalancierte Aufnahme geht auch der Baß an einigen Stellen etwas unter. Horowitz greift im ersten Satz durchgehend kräftig zu, die linke Hand treibt das Spiel heftig nach vorne. Insbesondere in den Takten 145-154 entfesselt er ein gewaltiges Klangrauschen, ja, das Spiel selbst gewinnt an einigen Stellen geradezu rauschhafte Züge. Auch die Legatobögen gestaltet er kräftig, nach meinem Geschmack aber insgesamt zu kräftig, erst zum Ende hin (ab Takt 284) entfaltet er ein wirklich zartes dolce.
    Wer nach diesem Beginn erwartet, daß Horowitz nun die anderen Sätze entsprechend schnell gestaltet, der sieht sich getäuscht. V. a. das Adagio molto kostet er als ruhenden Pol zwischen dem gewaltigen Kopf und Schußsatz richtig aus und setzt damit einen deutlichen Kontrast. Auch hier ist der Anfang allerdings nicht pp gestaltet. Die eher schwermütig sanfte Grundstimmung wird immer wieder durch sehr kräftige sforzati unterbrochen, die mir für eine spannungsreiche Gestaltung allerdings zu wenig sind.
    Für das Rondo/Prestissimo wählt einen Ansatz, der nur etwas langsamer als Gilels ist (hier ist Kempff ganz gut vergleichbar). In diesem Satz entfaltet Horowitz stellenweise ein schönes Legatospiel, er läßt die Töne wunderbar fließen (am Beginn vermißt man allerdings erneut ein pp, das mehrfach verzeichnete dreifache Pianissimo ebenso), dazu gelingen ihm etwa in den Takten sehr schön die notierten dynamischen Kontraste. In den ff Passagen läßt es Horowitz dann wirklich „krachen“, wie entfesselt gestaltet er z. b. die Takte 175-215, 344-385, hier ist die unglaubliche Virtuosität dieses Pianisten wirklich hörbar. Die dolce Passagen sind imO dagegen weniger gelungen, hier konnte oder wollte er sich anscheinend nicht zurücknehmen, was einige dynamischen Spannungen einebnet. Insgesamt liegt mir die Einspielung durch den sehr kräftigen Zugriff bis auf den letzten Satz nicht so sehr. In den schnellen ff Passagen vermag Horowitz mit seiner Virtuosität allerdings eine Gewalt zu entfesseln, die ihresgleichen sucht. Trotz der Klangqualität, von der man keine heutigen Standards erwarten darf, ist die Einspielung auf jeden Fall ein sehr hörenswertes Dokument in Horowitz’ Auseinandersetzung mit den Beethoven-Sonaten.
    Mit besten Grüßen
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Zitat

    William B.A.: Nach den beiden schnellen Gangarten von Michael Korstick und Friedrich Gulda ist hier heute eine langsame, aus gutem Grund, ist doch der Pianist der Aufnahme, Claudio Arrau, zum Zeitpunkt der Aufnahme, bereits 83 Jahre alt...

    Da muss ich mich wohl selbst korrigieren, habe ich doch heute einfach mal interessehalber in meine EMI-Icon-Box geschaut, um zu erfahren, ob sie eine früher entstandene, schnellere Version der Waldstein-Sonate enthält:

    doch weit gefehlt. Zwar war eine frühere Waldstein-Aufnahme in der Box, sogar eine 28 Jahre frühere, aus 1956, aber die Spielzeiten sahen so aus:
    Arrau 10/1984: 12:21 - 4:25 - 10:50 -- 27:36 min.
    Arrau 10/1956: 12:10 - 4:17 - 10:39 -- 27:06 min.
    Die Spielzeiten der beiden Aufnahmen sind nahezu deckungsgleich, also kann man davon ausgehen, dass Arrau auch schon als "jüngerer" Pianist die Waldstein-Sonate breiter angelegt hat als die meisten seiner Kollegen, wollen mal schauen, wer ihm im Laufe der Vorstellungen in diesem Thread am nächsten kommt.
    Noch eine weitere Korrektur muss ich anmerken: die spätere Aufnahme wurde 1986 herausgegeben, aufgenommen wurde sie im Oktober 1984, als er "erst 81 Jahre alt war.

    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven, Sonate Nr. 21 C-dur op. 53 “Waldstein-Sonate”
    Claudio Arrau, Klavier
    AD: 12/1956 und V/1957
    Spielzeiten: 12:10-4:17-10:39 – 27:06 min.;


    Wie ich oben schon anführte, ist auch diese relativ Frühe Aufnahme fast genauso breit angelegt wie die späte aus dem Oktober 1984, ist aber leider Gottes noch in Mono, wenn ich mich nicht verhört habe. Wie später, so kostet er auch hier die dynamische Spannweite voll aus. Positiv fiel mir auf, dass er die Crescendi und Decrescendi vielleicht noch stärker herausstellte als in der späteren Aufnahme. So exakt nach dem Notentext hört man das selten. Das wog den Mono-Nachteil bei mir eigentlich schon aus. Es ist also in den Tat die breite Anlage keine Frage des Alters, sondern der Auffassung Arraus. Nun, die Musik lässt das zu.
    Das Adagio molto gelingt Arrau hier fast noch eindrucksvoller als in seiner späteren Aufnahme. Vor allem tief beeindruckt hat mich die Passage mit den aufsteigenden Vierer-Figuren in der rechten Hand ab dem Crescendo in Takt 21, die von Vierer-Figuren in 32-tel Noten in der linken Hand mit angehängter Viertel wirkungsvoll kontrastiert werden. Da meißelt er die Spitzentöne in den Vieren der rechten Hand regelrecht wie in Stein, und er beendet den Satu natürlich mit dem Sforzato auf der letzten Achtel in der rechten Hand.
    Das Finale, Allegro moderato, beginnt zauberhaft, wie überhaupt Arrau durchaus pp herausragend spielt, ebenso wie die Fortissimi, und, was natürlich auch vor allem für den Kopfsatz gilt: die Legatobögen sind berückend. Stellvertretend darf ich hier den Bogen über den Takten 23, ja eigentlich bis 50 nennen, bevor der Triller anhebt. Aber auch sonst fließt es vorbidlich. Ansonsten könnte ich alles wiederholen, was ich zu der späteren Aufnahme gesagt habe, vielleicht eines noch: im Prestissimo, das man auch etwas langsamer spielen kann, dann ist es im Vergleich zum vorhergehenden Moderato immer noch ein Prestissimo, sind mir wieder die herrlichen Decrescendi aufgefallen sowie die „Traumpassage“ von Takt 465 bis 476, die er beinahe „jenseitig“ spielt. Und vor den Tastendonnerern aus der „Russischen Klavierschule“ braucht sich Claudio Arrau wahrlich nicht zu verstecken. Er greift voll zu.
    Eine Spitzenaufnahme.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven, Sonate Nr. 21 C-dur op. 53 “Waldstein-Sonate”
    Rudolf Serkin, Klavier
    AD: September 1975
    Spielzeiten: 11:18-4:19-10:44 – 26:21 min.;


    Rudolf Serkin, der zweite aus dem sehr fruchtbaren Pianistenjahrgang 1903, der bei der Aufnahme 72 Jahre alt war, war fast 20 Jahre älter als Arrau bei der vorher von mir besprochenen Aufnahme von 1956/57, war aber fast 10 Jahre jünger als Arrau bei der späteren Aufnahme. Die Spielzeiten sind auf den ersten Blick sehr ähnlich.
    Dennoch scheint Serkins Allegro con brio signifikant schneller als das Arraus aus beiden Aufnahmen, obwohl nur ca. eine Minute dazwischen liegt. Dennoch scheint Serkins Interpretation heller, klassischer und noch etwas flüssiger als die Claudio Arraus, und das liegt m. E. nicht zuletzt daran, dass Serkin die dynamische Spannweite nicht so extrem ausnutzt wie Arrau. Zwar befolgt auch er die dynamischen Vorschriften sehr gewissenhaft, aber die ff-Stellen sind nicht so wuchtig wie bei Arrau, und dadurch wirkt das Ganzem graziler, ja beinahe luzider, mit der feineren Feder gezeichnet und letztendlich schneller.
    Das Adagio molto legt Erkin auch etwas ruhiger an als Arrau. Wieder beachtet er die dynamischen Vorschriften, deutet sie aber nicht so extrem wie Arrau. Auch diese Wahnsinnspassage von Takt 21 bis 24 ist nicht so in Stein gemeißelt wie bei Arrau. Alles gerät etwas moderater, etwas, ja ruhiger. Auch er spielt natürlich den letzten Sforzato-Ton korrrekt.
    Das Allegro moderato gerät am Anfang noch entspannter als bei Arrau, mit etwas moderateren Steigerungen, beseeltem pp-Spiel. Nach den bewegten Dreierfiguren der Exposition wird diese in wunderbarem pp-Spiel wiederholt und nach dem wunderbaren legatobogen von Takt 136 bis 144, auf den er ein atemberaubend dezentes Crescendo setzt, nach dem Decrescendo in sempre pp weiter ausgeführt, bis die Durchführung ab Takt 176 einsetzt mit diesen herrlich hüpfenden Sechzehntel-figuren mit den Sechzentel-Pausen, alles in einer Art Fugato. Nun greift auch Serkin beherzt zu und spielt die entsprechenden Stellen im Fortissimo, und dann die herrliche Passage zwischen Takt 235 und 242. Dann kommen diese scheinbar endlosen auf- und absteigenden Sechzehntelfiguren in der rechten Hand, ebenfalls im sempre pp. Nun folgt das Thema in der Reprise im Fortissimo, die zu dieser schier nicht enden wollenden Folge der gegenläufigen Dreierfiguren führt, bis das neuerliche Hauptthema im ff zur „Presto-Coda“ führt, auch hier die herrliche Bewegung in den Takten 465 bis 475, anschließend kraftvoll zupackend, beendet Rudolf Serkin diesen herrlichen Satz, den ich mit jedem Hören mehr mag.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Beethoven: Sonate Nr. 21 C-dur op. 53 “Waldstein-Sonate”
    Maurizio Pollini, Klavier
    AD: Juni 1988
    Spielzeiten: 9:59-4:17-8:59 min.;


    Pollini gestaltet den Kopfsatz und das Finale zügiger als andere. Er gestaltet von Anfang an die Pianissimi sehr sorgfältig und besticht durch sein sehr exaktes Spiel. Der Klang seines Vortrags ist heller, lucider, leichter als das mancher seiner Kollegen und technisch überlegen. Seine gegenläufigen Vierfiguren ab Takt 14 fließen ganz natürlich, und seine Crescendi und Decrescendi sind vorbildlich ausmusiziert, lassen aber immer noch etwas Spielraum in der dynamischen Spannweite. Die dolce-Legatobögen ab Takt 35 mit den eingewobenen Crescendi und Decrescendi sind berückend, und munter geht es mit den Sechzehntel-Viererfiguren weiter, in den ff-Schlägen ab Takt 62 bleibt immer noch etwas Luft nach oben. Nach der Wiederholfung der Expedition wird auch die Durchführung exzellent musiziert, bis es in den tiefen pp-Figuren geht es der Reprise zu, und die sich weiter fortspinnenden Sechzehntel-Figuren werden in einem Atemholen wieder von der dolce-Passage abgelöst und von den von Pollini grandios gespielten Legatobögen, bis die kunstvollen auf und ab perlenden Sechzehntel dem Satzende zustreben, ein letztes Mal dolce, ein letztes Mal das Anfangsmotiv mit einer knappen ff-Coda.
    Auch die Anfangstakte des Adagio molto, dem Pollini die notwendige Zeit lässt, nimmt er nicht so schwer und dunkel wie manch anderer, in schönem pp, selbst das rinforzando nimmt er maßvoll. Selbst die schon äußerst schroff gehörte Passage von Takt 22 bis 24 klingt bei Pollini weniger schroff.


    Das Allegro moderato beginnt etwas zügiger als bei Arrau oder Serkin, getreu seinem Tempokonzept aus dem Kopfsatz. Das heißt, nur weil der Kopfsatz und das Finale etwas rascher genommen werden, muss das beim Adagio molto nicht der Fall sein. Das Umgekehrte werden wir auch noch erleben, dass Kopfsatz und Finale breiter genommen werden und das Adagio molto schneller. Der ganze erste Teil mit den Legatobögen in den perlenden Sechzehnteln der Begleitfiguren und dem Hauptthema in den Vierteln ist wieder sehr lucide, ja kristallklar musiziert mit gelegentlichen Crescendi, die kaum über das pp hinausgehen bis zum ff in Takt 55, wo es dann energisch weitergeht. Nun kommen auch die ff-Schläge in Takt 46/47 und Takt 50/51 kräftig genug, bis die Wiederholung des Hauptthemas einsetzt. Auch die Durchführung ist nur im sempre f, nicht mehr. Auch die wiegende Stelle ab Takt 231 spielt Pollini wieder ganz vorzüglich, und so geht es weiter zu den auf- und absteigenden Figuren und den folgenden Dreier- und Vierergruppen bis zu Reprise in Takt 313, die im ff beginnt und schwungvoll zur Prestissimo-Coda hinführt, über die neuerlichen Dreier und eine abschließende vom ff ausgehende lange Decrescendo-Passage hinweg bis ins ppp versinkend:
    Hier im Prestissimo ist Pollini in seinem Element, jetzt lässt er es laufen zur kurzen „Coda in der Coda“ hin.
    Pollinis Interpretation ist m. E. ein Beispiel dafür, dass man die Waldstein-Sonate auch spannungsvoll vortragen kann, ohne die ganz große Pranke auszupacken.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbsup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • In meinem letzten Beitrag hatte ich ganz vergessen, dass ich die Waldstein auch von Kempff habe. Das Hören habe ich jetzt nachgeholt und möchte noch ein paar Bemerkungen zu der Aufnahme (welche von JLang in Beitrag 11 schon einmal besprochen wurde) machen: die Interpretation ist tatsächlich eher auf der zarten Seite, was mir aber durchaus gut gefällt. Die Klangschönheit der ersten beiden Sätze finde ich bemerkenswert und das verhältnismäßig rasche Tempo (3:05) der Introduzione der Wirkung nicht abträglich. Was mich aber befremdet, ist die Phrasierung des Hauptthemas des Rondos, denn Kempff spielt die ersten beiden Töne (zweimal G) mit gleich starker Betonung, statt die Betonung auf das zweite G zu legen. Dadurch wird aus "hum-ta" ein "ta-ta", was meiner Meinung nach den Fluss der Musik stört. Da das zweite G am Taktanfang steht, ist, denke ich, ziemlich klar, dass die Betonung auf dem zweiten G liegen sollte und das erste G ein Vorschlag ist. Was also Kempff dazu bewogen hat, hier anders zu phrasieren, weiß ich nicht. Insgesamt handelt es sich aber um eine sehr schöne und zarte Einspielung.


  • Beethoven, Sonate Nr. 21 C-dur op. 53 “Waldsteinsonate”
    Vladimir Horowitz, Klavier
    AD: Mai/Juni 1956
    Spielzeiten: 10:28-4:01-9:42 – 24:11 min.;


    Horowitz macht der Satzbezeichnung Allegro con brio im Kopfsatz alle Ehre. Nahezu unerbittlich treibt er das musikalische Geschehen voran und weitet das dynamische Spektrum vor allem in Richtung f-ff bis zum Anschlag aus. Das p-pp kommt dagegen, wie JLang schon ganz richtig bemerkte, nicht so zum Tragen, aber das könnte tatsächlich mit den Aufnahmegegebenheiten in der Wohnung Horowitz zu tun haben. Dennoch ist die Interpretation des Allegro con brio ein aufregendes Erlebnis.
    Das Adagio molto gestaltet Horowitz hörbar ruhiger und auch moderater als den Kopfsatz, quasi als Innehalten. Dennoch kommen die Sforzati kräftig, die Rinforzandi kräftiger als die mancher anderer und der Legatobogen mit den Spitzentönen von Takt 21 bis 24 schärfer als bei manch anderem. Aber auch seine Decrescendi sind bemerkenswert und der attaca-Übergang mit dem Sforzato auf dem letzten Achtel erstaunlich zurückhaltend- das Ganze ist wirkungsvoller Gegensatz zum Kopfsatz.
    Die für Horowitz friedliche Eröffnung des Finales ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Das sempre pp ist in Takt 55 endgültig vorbei. Im Fortissimo lässt Horowitz die Fäuste wieder fliegen. Nicht zu vergessen, dass er zum Zeitpunkt der Aufnahme ja erst 53 ist. In einer Einlassung von Heinrich Neuhaus heißt es, dass Horowitz als junger Mann so „auf den Flügel eingedroschen habe“, dass es für das Publikum nahezu unmöglich gewesen sei, seinem Vortrag im gleichen Raum zu lauschen. Jedenfalls geht es in der Durchführung dann so richtig los. Das ist wirklich pures Fortissimo.
    Um so erstaunlicher die herrlich wiegende Stelle ab Takt 231, wo es innerhalb von 2 Takten vom ff zu einem herrlichen Pianissimo kommt, das er wirklich herausragend spielt. Auch die längere Passage mit den auf- und absteigenden Tönen im sempre pp klingt traumhaft, bis es dann im ff in die Reprise geht. Auch die Passage mit den auf- und abgehenden Dreierfiguren rockt richtig. Dann die Prestissimo-Coda, so richtig nach Horowitz‘ und meinem Geschmack.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).