Paul Badura-Skoda - Hommage an einen großen Pianisten

  • Ich haben nun den Kopfsatz der o. a. 1993er-Aufnahme gehört und gesehen und viele Dinge bemerkt, die ich bei den bisherigen 44 besprochenen Aufnahmen gar nicht mitbekommen habe, und so habe ich mich entschlossen, am Wochenende (morgen muss ich ins Konzert) die ganze Aufnahme (von der ich nicht weiß, wo sie entstand, ich weiß wohl, dass es ein edles Gemäuer ist) zu besprechen, so dass dann Paul Badura-Skoda schließlich der Einzige ist, der diese wunderbare Soante schesmal aufgenommen hat. Ich glaube nicht, dass er darin jemals übertroffen werden wird. Er war sowieso in mancher Hinsicht, wie man auch aus verschiedenen Beiträgen hier ersehen kann, unübertroffen.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Wir müssen - bei aller Trauer - einerseits dankbar sein, daß er so lange gelebt hat - und zudem noch gerade in den letzten Jahren relativ viel aufgenommen hat, teilweise für Gramola , teilweide rfür ein anderes Label, wo er teilweise sogar als Produzent fungiert hat. Es waren als gezielt für die Nachwelt gemachte Aufnahmen....

    Ein weiterer Glücksfall war der Beethoven Zyklus der vor einigen Jahren bei Gramola erschien, Es waren Aufnahmen von 1969/70 die in den Archiven des Wiener Konzerthauses schlummerten und plötzlich gefunden wurden . in technisch einwandfreiem Zustand....


    mfg aus Wien


    Alfred

    Ich bitte alle Mitglieder, die über 25 Beiträge verfasst haben und noch keinen AVATAR besitzen

    sich im Thread Baustelle Avatarpool neu einen auszusuchen und am Threadende (gaaaanz weit untenI zu bestellen

  • Die Aufnahmen aus den 1950ern sind meines Wissens von "Westminster" gemacht worden, deren Katalog DG/Universal irgendwann Jahre später übernommmen und eben leider oft auch eher im Archiv belassen hat. Für DG i.e.S. hat Badura-Skoda meines Wissen nur eine Platte mit Schubert vierhändig (mit Demus) gemacht.

    Das könnte so sein, lieber Johannes - bei EMI ist es ja nicht anders, wie Thomas Pape ausgeführt hat. Es steht allerdings ein anderes Kürzel - nicht WST, das z.B. bei CD 14 angegeben ist, das ist wohl "Westminster". Bei CD 15 ist Folgendes zu lesen:


    "Mono/Original LPs: XWN18893 (1-5), XWN18281 (6-13)

    Recordings: 1957 (1-5), 1953 (6-13)

    "P" 1954 (6-13)/1958 (1-5) Deutsche Grammophon GmbH Berlin"


    Man müsste also rauskriegen, was das Kürzel XWN bedeutet.


    Das Programm:


    (1-5) : Brahms Rhapsodie op. 79 Nr. 2, Mozart Alla Turca (auf historischem Instrument mit deutlich hörbaren technischen Mängeln (Klirren, Scheppern)), Chopin: Minutenwalzer op. 64 Nr. 1 u. Nocturne op. 27/2, C. M. v. Weber Aufforderung zum Tanz


    (6-13): Schubert Moment musical D 780/3, Liszt Liebestraum Nr. 3, Chopin Etüde op. 25 Nr. 7, Ravel Toccata (Schlussstück aus "Le Tombeau de Couperin"), Liszt Ungarische Rhapsodie Nr. 2, Chopin Etüde op. 10 Nr. 3, Schulhoff Pizzicato Polka (Bearbeitungen nach Motiven von Johann Strauss op. 9), Beethoven Polonaise op. 89


    Das macht mich ganz besonders traurig, auch weil ich ihn noch vor knapp zwei Jahren persönlich kennengelernt habe, als er bei einem Konzert bei uns im Münsterland kurzfristig für den erkrankten Brundo Leoanrdo Gelber eingesprungen war und ein grandioses Beethoven-Programm spielte, das mit der "Pastorale" op. 28 begann, dann mit der "Appassionata" weiterging und nach der Pause sinnigerweise mit dem op. 111 endete. Nach dem Konzert hatte ich Gelegenheit, mich mit ihm zu unterhalten und lernte mit ihm einen äußerst bescheidenen und sehr liebenswürdigen Menschen kennen. Ich werde diese Begegnung nie vergessen.

    Lieber Willi,


    das Konzert hatte ich eigentlich vor zu buchen, habe es dann aber als Nicht-Autofahrer leider nicht gemacht wegen der Verkehrsverbindungen. Hätte ich es mal getan! ;(



    Österreichische Interpreten neigen dazu nicht nach überproportionalem Ruhm zu trachten. Das liegt auch daran, daß die Musikstadt Wien ihnen mehrAuftritte ermöglichte, als sie bewältigen können.


    Täglich in einer anderen Stadt aufzutreten, in fremden Bettenzu schlafen und das Risiko von Flugreisen auf sich zu nehmen ist nicht jedermann Sache.

    Das kann ich sehr gut nachvollziehen, lieber Alfred.

    Badura-Skoda war nicht nur Pianist, sondern auch Musikwissenschafter und Experte für alte Klaviere. Viele Booklets zu seinen Aufnahmen hat er selbst verfasst, er hat Kadenzen geschrieben und andere Texte.


    Er war mit der Musikwissenschafterin Eva Badura-Skoda verheiratete, ebenfalls Mozart Expertin und mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichnet. Sie ist nun 90 und lebt nich. die Ärmste...

    https://de.wikipedia.org/wiki/Eva_Badura-Skoda

    Das wusste ich gar nicht. Es könnte auch sein, dass Badura-Skoda seine Tätigkeit als Musikwissenschaftler und akademischer Lehrer dem Konzertieren mindestens gleichrangig angesehen hat und nicht alles nur auf eine Konzertkarriere angelegt hat. Die Mechanismen, weswegen man "berühmt" wird, sind sowieso mehr als fragwürdig. Lazar Berman schreibt darüber - als Warnung für junge Pianisten - in seiner Autobiographie. Ohne eigene Schuld als Repressalie des Sowjetsystems durfte er plötzlich nicht mehr ausreisen, musste eine Einladung von Jimmy Carter ins Weisse Haus absagen und eine Plattenaufnahme mit Claudio Abbado. Als Gorbatschow dann den Bann nach Jahren löste, wollte Niemand mehr etwas von ihm wissen, der sich vorher darum gerissen hat, mit ihm zu musizieren oder Sachen aufzunehmen. Berman schrieb immer wieder Briefe und bekam einfach keine Antwort. Erst war er überall begehrt - dann wurde er schlicht ignoriert. Berman, einst "in", war nun vollkommen "out".


    Schöne Grüße

    Holger

  • Ich habe gegoogelt und meine herausgefunden zu haben;

    Ws sind Westminster Matrizen, bzw Plattennummern

    Gib mal ein: XWN18893

    Dann siehst Du - wir sind noch immer beim Thema Paul Badura Skoda - eie Reihe verööffentlichungen mit iihm zum Vorschein - teilweise mit Abbildung des einstigen Originalcovers....

    Mit der Angabe der Plattennummer gibt sich DGG eriös:

    Der Kenner weiss sofort daß es sich um Westminster Produkte handelt, dem desinteressierten Laien bleibt das indes verborgen........


    Clever !


    mfg aus Wien

    Alfred

    Ich bitte alle Mitglieder, die über 25 Beiträge verfasst haben und noch keinen AVATAR besitzen

    sich im Thread Baustelle Avatarpool neu einen auszusuchen und am Threadende (gaaaanz weit untenI zu bestellen

  • Ich habe gegoogelt und meine herausgefunden zu haben;

    Ws sind Westminster Matrizen, bzw Plattennummern

    Gib mal ein: XWN18893

    Dann siehst Du - wir sind noch immer beim Thema Paul Badura Skoda - eie Reihe verööffentlichungen mit iihm zum Vorschein - teilweise mit Abbildung des einstigen Originalcovers....

    Super Alfred! :thumbup:


    Und auf der Badura-Skoda-Webseite sind sie alle verzeichnet! :)


    http://www.badura-skoda.cc/diskographie_7_anthologien.html


    Schöne Grüße

    Holger

  • Im Booklet zu der Box steht auch, dass es sich um die alten Westminster-Aufnahmen handelt (teilweis tritt er ja auch mit andern Westminster.-Künstlern auf, wie etwa Hermann Scherchen, Beethoven KK 1-5, oder dem Barylli-Quartett). Brendel hat übrigens auch bei dem versdiesntvollen Label VOX angefangen, das leider auch kein Major war. Es machte durchaus Sinn, bei diesen kleinen Labeln aufzunehmen, da die den Künstlern hohe Freiheiten, auch mit Blick auf die Repertoire-Auswahl einräumten. Ich bezweifle, ob die DGG den jungen Badura-Skoda 1951 hätte das Skriabin-Konzert aufnehmen lassen. Immerhin sind die Westminster-Schätze gehoben und zugänglich. Ich hoffe, dass das auch in Zukunft für die Aufnahme der Beethoven-Sonaten für Astré auf historischen Flügeln der Fall sein wird.


    Der Tod von Paul Badura-Skoad hat auch mich sehr betrübt, ungeachtet seines hohen Alters. Allerdinsg wurde er bereits vor einigen Tagen für tot erklärt und sein Management beeilte sich festzustellen, dass es ihm zwar schlecht ginge, er aber noch lebe.


    An PBS hat mich fasziniert, dass er gleichermßen auf dem modernen und den historsichen Flügeln zuhause war. Tatsächlich konnte auch ich ihn live erleben, im Dortmunder Opernhaus anlässlich des 100jährigen Orchesterjubiläums, wo er das 5. Beethoven-Konzert spielte. Vielleicht ist gerade dieses nicht nach breitestmöglicher Wahrnehmung Drängen das Faszinierende an diesem Pianisten, dem es immerhin beschieden war, gemäß seinem Werkverständnis aufzunehmen und immer wieder an Werken zu arbeiten, ohne sich von Label-Verantwortlichen ein bestimmtes Image aufdrücken zu lassen, oder, noch schlimmer, in seine künstlerische Überzeugung hineinreden zu lassen (wie es dem jungen Tzimon Barto und wohl auch dem jungen Ivon Pogorelich erging).


    In seinen Platten wird er weiterleben, mögen er in Frieden ruhen. Ich gedenke seiner in Dankbarkeit.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Hallo


    Ich verehre in auch sehr. Ich habe mit ihm Beethovens 4 letzte Klaviersonaten, sämtliche Mozartschen Klaviersonaten und einige Violinsonaten von Mozart mit David Oistrach.


    RIP


    Siamak

  • Es machte durchaus Sinn, bei diesen kleinen Labeln aufzunehmen, da die den Künstlern hohe Freiheiten, auch mit Blick auf die Repertoire-Auswahl einräumten. Ich bezweifle, ob die DGG den jungen Badura-Skoda 1951 hätte das Skriabin-Konzert aufnehmen lassen.

    Lieber Thomas,


    immerhin hat Walter Legge mit Solomon das Scriabin-Konzert 1949 in London aufgenommen! Wenn nicht bei der DGG - bei der EMI ging das also! Aber Du hast Recht - das ist der Vorzug der kleinen Labels! :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • immerhin hat Walter Legge mit Solomon das Scriabin-Konzert 1949 in London aufgenommen! Wenn nicht bei der DGG - bei der EMI ging das also!

    Lieber Holger,


    da werden andere Gründe ausschlaggebend gewesen sein. Im Gegensatz zur DGG, die sich nach dem Zusammenbruch 1945 erst wieder im Aufbau befand, war der EMI-Konzern unbeschadet durch den Krieg gekommen und hatte weltweit andere Beziehungen und Möglichkeiten. Walter Legge konnte bereits 1946 von London über die Schweiz nach Wien reisen, um dort, quasi an der Quelle (aber immer noch in "Feindesland", wie seine Kritiker ihm vorwarfen), Künstler für seine berühmten Nachkriegsaufnahmen anzuwerben.

    Ohne das Geld und das private Engagement von Ernst von Siemens hätte die Deutsche Grammophon Gesellschaft noch größere Hürden zu nehmen gehabt, um wieder ins internationale Geschäft zu kommen. Kaum ein ausländischer Künstler war wenige Jahre nach Ende des Krieges und angesichts der ungeheuren Greueltaten der Nazis, die damals noch in frischer Erinnerung waren, bereit, bei einer Plattenfirma Aufnahmen zu veröffentlichen, die das Wort "deutsch" im Firmenlogo hatte. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, daß sowohl Ernst v. Siemens als auch seine Produktionschefin, Prof. Elsa Schiller (als Jüdin Theresienstadt-Überlebende), viel Geld in die Hand genommen hätten, um einen Künstler vom Range Solomons im Katalog führen zu können. Doch Solomon (eigentlich Solomon Cutner) hätte sich in seinem Heimatland England damit um jede Reputation gebracht. Paul Badura-Skoda hatte als Österreicher da selbstverständlich keine Probleme.


    Der erste namhafte ausländische Künstler, den die DGG nach dem Krieg präsentieren konnte, war der Ungar Ferenc Fricsay. Der hatte erstens keine Berührungsängste mit Deutschland und war selber wegen des kommunistischen Regimes aus seiner Heimat geflohen. Für ihn war die DGG aus diesem Grunde ein ideales Sprungbrett ins internationale Musikgeschäft, nachdem er bei den Salzburger Festspielen 1947 die Uraufführung von Gottfried von Einems Oper "Dantons Tod" für den erkrankten Otto Klemperer übernommen hatte. So bekam er kurz später das Angebot, das RIAS Symphonie-Orchester Berlin aufzubauen und zu leiten, das von den USA finanziert wurde, und Frau Prof. Schiller war glücklich, einen jungen, aufstrebenden Dirigenten für die DGG zu gewinnen. Die erste Langspielplatte der DGG, Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5, wurde 1949 aufgenommen, und Fricsay war der Dirigent:

    Sie fand zu Recht Eingang in die "Centenary Collection" der DGG von 1998.


    Das hat jetzt alles nichts mit Paul Badura-Skoda zu tun, soll aber erklären, warum die DGG 1949 für die Scriabin-Aufnahme nicht infrage kam.


    LG Nemorino



    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Ob es so dramatisch um die DGG nach dem Kriege stand wage ich zu bezweifeln. Zunächst einmal sollten wir nicht vergessen, dass die Plattenlabel zunächst in nationalen Märkten aufgestellt waren. Das gilt auch für EMI, deren französiche Künstler bei Pathé unter Vertrag waren, die britischen nahmen für Columbia auf - was in den Staaten unter dem Label "Angel" erschien und in Deutschland war EMI als Electrola, Columbia oder Odeon vertreten. Die DGG hatte, seit sie nach dem WK I in England nicht mehr als Grammophon Gesellschaft auftreten durfte, das Label Polydor am Start. Als Klassiklabel. In Deutschland selbst war Polydor das Label für Schlager und Tanzmusik, auch schon während der frühen Kriegsjahre, als noch Platten produziert wurde (was 1943 mehr oder weniger aufhörte). Dieses Label spülte nach dem Krieg kräftig Geld in die Kassen der DGG, alles, was im Unterhaltungssektor Rang und Namen hatte, war bei Polydor unter Vertrag. Und bei der Klassik waren die alten Stars weiter verfügbar, und man wird kaum in der Form international gedacht haben, dass man a tout prix ausländische Stars hätte verpflichten wollen. Das Trio Santoliquido war auch während und nach dem Krieg bei der DGG, ist dann durch das anpassungswilligere Trio die Triest abeglöst worden). Nein, die DGG war clever aufgestellt, die hatten kein Problem, Künstler zu bekommen und das gewünschte Repertoire abzudecken. Zumal die ja auch vorhandene Altbestände vinylverfügbar machen konnten.


    In de USA durften die übrigens auch nicht als Grammophon Gesellschaft auftreten, da nannten sie sich DECCA, während die brtische DECCA in den USA unter dem Label London auftrat.


    Und nun kommen wir zu Paul Badura-Skoda. Der hatte sich gezielt für einen Vertrag mit Westminster entschieden. Das amerikanische Label war Anfang der 1950er durchaus ein Star, die Klangqualität der Platten war superb. Vor allem hatte ein Künstler wie PBS seine Freiheit. Aber: Westminster war ein amerikanisches Label und der Plattenmarkt alles andere als globalisiert. Die DGG ihrerseits aktivierte Anfang der 1950e ein bereits 1914 auf sie eingetragenes Label, Heliodor. Heliodor Singles standen zunächst für Budget-Singles, die für Stars wie Udo Jürgens, Hazy Osterwald oder Lolita Steigbügelfunktion hatten. Jazz-Liebhaber werden Heliodor schätzen, da über dieses Label amerikanischer Jazz und Rockablly auf deutsche Plattenteller kam. Heliodor wurde allerdings auch ein Klassiklabel. Auf dem Wege des Lizenzerwerbs wurden Ostblock-Aufnahmen zunächst über Heliodor verfügbar gemacht, und es gab eine Vereinbarung mit Westminster. Und so schließt sich der Kreis zu Paul Badura Skoda. Später wurden über Heliodor alte DGG-Aufnahmen zweitverwertet. Paul Badura Skoda schreibt über die DGG-Box, dass es eine Auswahl seiner Westminster-Aufnahmen sei. Anzunhemen also, dass es sich hier um die PBS-Aufnahmen handelt, an denen die DGG die Lizenzerechte erworben hatte. Wohl nicht alle, was schade ist. Alles in allem ein faszinierende Box.


    Und damit bin ich auch spekulativ wieder bei Paul Badura-Skoda. Ich unterstelle, dass ihm seine künstlerische Integirtät wichtiger war als der Ruhm. Westminster, weniges für DGG, Astré/Harmonia Mundi, zuletzt Genuin, mir scheint, dass das der wahre Weg für einen integren Künstler ist. Während ich das schreibe, lief zunächst aus der Westminster/DGG-Box die Schumann-CD mit ihrer wunderbaren Aufnahme der Symphonischen Etuden und nun von CD 15 ein unglaubliche kaum beschreibliche Aufnahme von Liszt Ungarischer Rhapsodie Nr. 2, als Virtuosenstück odt genug zu Tode gehechelt, bei Tom und Jerry verulkt und hier in einer wunderbaren Erzählung vorgetragen. Ganz gewiss die wohl ultimative Aufnahme des Stückes, weil PBS sich hier nicht virtuos abarbeitet, sondern eine libenswürdige Geschichte erzählt.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Ob es so dramatisch um die DGG nach dem Kriege stand wage ich zu bezweifeln.

    Lieber Thomas,


    dramatisch würde ich die Nachkriegslage der DGG auch nicht nennen, aber es gab schon erhebliche Probleme, wieder auf den internationalen Märkten Fuß zu fassen. Nicht ohne Grund hat Ernst von Siemens sich Elsa Schiller, eine jüdische Überlebende des Holocaust, als Produktionschefin ins Haus geholt.

    Natürlich stand der deutsche Markt weiterhin zur Verfügung, einschließlich Österreich. Aber dieser Markt war doch arg zusammengeschmolzen, halb Deutschland lag hinter dem Eisernen Vorhang, und im Westen hatten die Menschen in den ersten Nachkriegsjahren andere Sorgen, als sich Platten zu kaufen.

    Meine Informationen stammen aus einer undatierten und nicht gezeichneten Zeitungsnotiz, ich denke aus den 80er Jahren. Danach waren die Produktionsstätten der DGG in Berlin und Hannover zerstört, und Ernst von Siemens, ein Musik- und Kunstkenner, der während des Krieges (in einem Tauschgeschäft mit AEG) die DGG erworben hatte, war als Chef des SIEMENS-Konzerns schwer belastet, weil er ab 1941 von der SS Zwangsarbeiter für seine Betriebe angefordert und auch in großem Ausmaß erhalten hatte. Er selber gehörte während des Krieges dem Direktorium der Firma an, aber man konnte (oder wollte) ihm keine Mitschuld zusprechen, während sein Cousin Hermann, der dem Aufsichtsrat vorstand, von den Amerikanern verhaftet und interniert wurde.

    In der Folge widmete Ernst v. Siemens sich vornehmlich dem Wiederaufbau der DGG, den er mit großem Engagement und viel Geld nach Kräften förderte.

    Der englische Musikschriftsteller Norman Lebrecht schreibt dazu in seinem Buch "Ausgespielt": " …. dieses moralisch schwer belastete Unternehmen nahm bei der Wiederherstellung der deutschen Musiksszene eine führende Stellung ein (….) Da kein ausländischer Künstler für eine Firma, die sich "Deutsche" nannte, arbeiten wollte, brauchte Ernst v. Siemens eine unbelastete Mittelsperson …. Elsa Schiller (fand sich) in seinem Salon ein. Sie hatte 2 Jahre Theresienstadt überlebt …. im Musikzimmer der Siemens-Villa in Berlin nahm sie zunächst Liederabende auf …."

    Vorerst fanden sich fast nur deutsche Namen unter den DGG-Künstlern, doch nachdem Frau Schiller sich von Ernst v. Siemens als Musikchefin einstellen ließ (zuvor hatte sie in gleicher Position für den RIAS gearbeitet), warb sie in der Folge, neben Ferenc Fricsay, mit viel Überredungskunst die ersten ausländischen Künstler an, u.a. Markevitch und Monique Haas, eine junge französische Pianistin. Auch das Amadeus-Quartett, das aus drei emigrierten Österreichern und einem britischen Juden bestand, wurde von Schiller engagiert. Siegmund Nissel, der zweite Geiger, sagte: "In Deutschland habe ich mich immer gefragt, wem ich gerade die Hand reiche … doch die DGG war die beste Firma für uns. Sie stellten Platten von hervorragender Qualität her und ließen uns viel Zeit für die Produktion."

    Am Ende seines Kapitels über die DGG schreibt Lebrecht: "..... Elsa Schiller brauchte ein Jahrzehnt, um das deutsche Label zu rehabilitieren und international wieder hoffähig zu machen."


    Ich weiß, das hat jetzt alles nichts mit Paul Badura-Skoda zu tun, aber ich wußte nicht, wo ich sonst antworten könnte. Vielleicht gibt es einen Thread, in den man das verlagern kann?


    LG Nemorino



    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Der erste namhafte ausländische Künstler, den die DGG nach dem Krieg präsentieren konnte, war der Ungar Ferenc Fricsay.

    Das wusste ich gar nicht, lieber Nemorino! Was Du alles weißt! In solchen Sachen habe ich eine Bildungslücke! :):hello:

    Zunächst einmal sollten wir nicht vergessen, dass die Plattenlabel zunächst in nationalen Märkten aufgestellt waren.

    Hochspannend, Deine Ausführungen! :) Wie sehr vor 1945 die Nationalkulturen noch abgeschlossen waren, zeigt mir die Familiengeschichte: Obwohl meine Großeltern mütterlicherseits es sich hätten leisten können, sind sie nie verreist in andere Länder. Der Großvater hat es gerade mal geschafft, zweimal in seinem Leben nach Karlsbad zur Kur zu fahren.

    Während ich das schreibe, lief zunächst aus der Westminster/DGG-Box die Schumann-CD mit ihrer wunderbaren Aufnahme der Symphonischen Etuden und nun von CD 15 ein unglaubliche kaum beschreibliche Aufnahme von Liszt Ungarischer Rhapsodie Nr. 2, als Virtuosenstück odt genug zu Tode gehechelt, bei Tom und Jerry verulkt und hier in einer wunderbaren Erzählung vorgetragen. Ganz gewiss die wohl ultimative Aufnahme des Stückes, weil PBS sich hier nicht virtuos abarbeitet, sondern eine libenswürdige Geschichte erzählt.

    :thumbup: Schau mal hier (wenn Du es nicht schon getan hast! ;) ):


    Wozu Interpretationsvergleiche? (I) Antworten auf die Frage am Beispiel von Franz Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 2


    :hello: Einen schönen Sonntag wünscht

    Holger

  • Ihr Lieben, ich hoffe, ihr lest das, auch wenn ich niemanden zitiere. Ich beginne mit Holger. Ich habe Deinen Eintrag zu Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 2 nun gelesen und freue mich sehr, dass wir hier absolut einer Meinung sind (ist ja nicht so oft der Fall, da ich eher emotinal höre, nicht wirklich abstrakt, was daran liegt, dass ich ein besessener Konsument bin, der die mangelnde Notenkenntnis durch eine Vielzahl von Vergleichseinspielungen kompensiert). Das Erzählende bei PBS ist auffällig, wenn man sich durch die Box seiner frühen Aufnahmen hört, auch bei der Kammermusik. Da haben sich offenbar gleichgesinnte Seelen getroffen, die wundervoll Schubert, Haydn und Beethoven spielen. Die Ungarische Rhapsodie ist durch ihre Verhunzungen ein fragwürdiges Machwerk geworden. Dass die pianistisch faszinierend sein kann, habe ich durch die alte Aufnahme eines meiner Pianisten-Idole, Samson Francois, erfahren (war nicht ganz einfach, an die LP-Box ranzukommen; der Verkäufer war Israeli und nicht unbedingt willens, einem Deutschen etwas zu verkaufen. Hab's dennoch geschafft). Samson Francois spielt das Werk nicht wirklich effektheischend, gleichwohl ausgesprochen virtuos. Bei PBS ist das spür- und hörbar, was Du schreibst, lieber Holger: der erzählt eine Geschichte. Mit seiner Demut vor dem Werk reiht er sich ein in die Reihe der Pianisten, die ich schätze: wie Backhaus, Ciccolini oder Kempff ist PBS ein Musiker, der dem Werk dient.


    Und nun zu Dir, lieber Nemorino. Hab' herzlichen Dank für Deine Auführungen. Für die Geschichte der Plattenlabels haben wir keinen eigen Thread, Erörterungen dazu tauchen immer wieder auf. Die von Dir genannten Sachverhalte zur DGG waren mir nicht bekannt, danke für die interessanten Informationen. Indes bleibt der Sachverhalt bestehen, dass das Unternehemen über sein Unterhaltungsgeschäft genügend Geld verdiente. Auch direkt nach dem Krieg. Für mich als 1963 Geborenen ist es in der Rückschau immer wieder erstaunlich, wie vergnügt die Unterhaltungsmaschienerie direkt nach dem Krieg funktionierte, im Westen wie im Osten, die rabiate Trennung kam erst Jahre später. Der Bedarf an Klassikplatten dürfte sich proportional ähnlich verhalten haben wie vor dem Krieg. Die Anschaffung kompleter Sinfonien oder anderer Werke war auch zu Vorkriegszeiten ein Unterfangen, das sich nur wenige leisten konnten und das durch die Unterhaltungsmusik quersubventioniert wurde. Das änderte sich erst, als LP und Vinyl-Single erschienen. Das heißt aber auch, dass mit dieser Technik die großen Unternehmen alle in einer Stunde Null neu starten mussten. Auch die nationalen EMI-Töchter. Elektrola in Berlin-Novaes war zerstört, man siedelte sich in Köln-Braunsfeld an. Und buhlte wechselseitig um Künstler. Lass' mal viele Produktionsstätten zerstört gewesen sein, nach dem Krieg gab es genug Möglichkeiten, Musik in Rillen zu pressen, hüben wie drüben. Die wahre Herausforderung war die Erfindung der LP. Da waren alle Label tatsächlich gleichzeitig am Start. Die DGG hat sich vor allem in West-Deutschland als wichtiger Player etabliert mit Electrola als schwergewichtigem Gegenspieler. Bertelsmann mit Ariola und Eurodisc war noch ein wichtiger Gegenspieler, der sich auf das Geschäft mit Aufnahmen aus dem Osten verstand. Und alle schauten sie auf den deutschen Absatzmarkt.


    Und die Zeit war fruchtbar für Künstler: Label wie Westminster, Concert Hall und VOX waren über Abos zu beziehen. Und vor allem: die haben alle nicht an die Ewigkeit gedacht. Sondern nur an die perfekte Aufführung eines Werkes.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Zurück zum Pianisten Paul Badura-Skoda


    Wienerisches hatte er auf einem Bösendorfer Imperial aufgenommen, der Sammler historischer Instrumente, Tänze von Franz Schubert, und Strauss Sohn / bearbeitet von Otto Schulhof.


    Etwas Wehmut ist ein Bisserl drin, wenn ich sie höre.



    .

    Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer


    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
    .

  • Ich habe Deinen Eintrag zu Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 2 nun gelesen und freue mich sehr, dass wir hier absolut einer Meinung sind (ist ja nicht so oft der Fall, da ich eher emotinal höre, nicht wirklich abstrakt, was daran liegt, dass ich ein besessener Konsument bin, der die mangelnde Notenkenntnis durch eine Vielzahl von Vergleichseinspielungen kompensiert). Das Erzählende bei PBS ist auffällig, wenn man sich durch die Box seiner frühen Aufnahmen hört, auch bei der Kammermusik. Da haben sich offenbar gelichgesinnte Seelen getroffen, die wundervoll Schubert, Haydn und Beethoven spielen. Die Ungarische Rhapsodie ist durch ihre Verhunzungen ein fragwürdiges Machwerk geworden. Dass die pianistisch faszinierend sein kann, habe ich durch die alte Aufnahme eine meiner Pianisten-Idole, Samson Francois, erfahren (war nicht ganz einfach, an die LP-Box ranzukommen; der Verkäufer war Israeli und nicht unbedingt willens, einem Deutschen etwas zu verkaufen. Hab's dennoch geschafft). Samson Francois spielt das Werk nicht wirklich effektheischend, gleichwohl ausgesprochen virtuos. Bei PBS ist das spür- und hörbar, was Du schreibst, lieber Holger: der erzählt eine Geschichte. Er eiht sich ein in Reihe der Pianisten, die ich schätze: wie Backhaus, Ciccolini oder Kempff ist PBS ein Musiker, der dem Werk dient.

    Lieber Thomas,


    ich habe gerade nochmals den Klappentext der Jubiläumsbox gelesen. Badura-Skoda meinte, was einen wirklich großen Pianisten ausmache sei das "Ethos". Was das heißt, genau das spürt man bei der Ungarischen Rhapsodie. Wir - und viele Pianisten - haben zumeist unseren Geschmack durch die - natürlich genialisch-exzentrische - Horowitz-Aufnahme "verdorben" :D . Man muss eine Geschichte erzählen bei diesem Stück, genau. Wer das kann finde ich ist außer Badura-Skoda Alfred Cortot (ich habe die große Box mit all seinen Aufnahmen!), dann Cziffra besonders in der ersten Aufnahme, die viel episch breiter ist als die spätere und dann würde ich noch Grigory Ginsburg nennen. Das sind eigentlich die "schönsten" Versionen. Samson Francois hätte ich auch sehr gerne - aber die ist wohl auf CD nicht veröffentlicht? :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Da kann ich aushelfen; schreib doch mal an tp@thomasjoachimpape.de

    Das ist lieb! Ich melde mich nachher gleich! :)


    Ich habe übrigens heute von der CD 11 die Symphonischen Etüden gehört - überragend. Auch die "Kinderszenen" sind wunderbar natürlich gespielt. Allein wie er behutsam und organisch die 1. Variation an das Thema anschließt ist schon toll! Nochmals gehört habe ich auch von CD 15 Ravel, Liszt (die Rhapsodie) und Chopin. Die Aufnahmetechnik von Westminster ist schon sagenhaft - wo ich das mit meiner kristallklar klingenden AVM-Anlage gehört habe, realisiere ich das erst richtig. Das ist so gut, da können sich von der Klangqualität her etliche neuere Stereoaufnahmen eine Scheibe abschneiden! :)


    Auch die drei Klavierstücke auf dem historischen Graf-Flügel (auf der Paltte mit den drei Aufnahmen von D 960) sind toll gespielt und toll aufgenommen. Eindrucksvoll, wie er die Register des Instruments einsetzt. Wenn man so einen Hammerflügel dermaßen sachkundig präsentiert, ist das schon ein Erlebnis, auch wenn man kein HIP-Fanatiker ist! :hello:


    Liebe Grüße

    Holger