Zeitgenössische Musik im Schmollwinkel (?)

  • Ich halte mich für einen etwas mehr als gelegentlichen Hörer moderner (nach dem Krieg) und zeitgenössischer Musik. Nun musste ich gerade in diesem Forum erfahren, dass meine Kenntnisse doch eher sporadisch und wenig systematisch sind. Manches höre ich häufiger und vielles kenne ich nicht. Das versuche ich nun langsam (schneller geht es halt bei mir nicht) auszugleichen.


    Der Threadtitel, von Alfred_Schmidt noch vor über 15 Jahren ins Rennen geworfen, trifft zumindest in meiner jetzigen Wahrnehmung den Zustand nicht richtig. Klar, kommt man sich mit diesen Interessen ein wenig einsam vor, aber "mal Hand auf's Herz", wo nicht. So manches Forumsmitglied jammert hier, seit ich hier aktiv bin, über zu geringes Interesse am jeweiligen Thema. :)


    Ich glaube zudem, dass die zeitgenössische Musik sich einem Wandel unterzogen hat, nach dem Motto "Alles ist möglich", was ihr in meinen Augen (Ohren) ausgesprochen gut tut. Dogmata sind meistens das Zeichen geistiger Verarmung.


    Ich würde diesem Thread gerne wieder etwas Leben einhauchen und mich über Beiträge freuen, wo jemand über seine Erfahrungen berichtet.


    Auch Kommentare finde ich ausgesprochen gut und wertvoll. Wer hört in welcher Situation welche moderne oder zeitgenössische Musik? Und wenn, hat sie gefallen oder nicht? Wenn nicht, was habe ich eigentlich erwartet?


    Kommentare, die sich in der rhetorischen Frage erschöpfen "Ich verstehe gar nicht, wie man das hören kann", sind allerdings wenig konstruktiv und bringen keinen weiter. In meiner Welt ist Unverständnis nichts, mit dem man Werbung machen sollte, sondern etwas, wo man sich auf den Hosenboden setzt, und dann lernt zu verstehen. :)


    Was anderes ist natürlich eine Frage nach echtem Verständnis. Hier darf man aber auch nicht gleich schlüssige Antworten erwarten. Irgendwo sind wir wahrscheinlich alle Suchende :)

    Einmal editiert, zuletzt von astewes ()

  • Zeitgenössisches, sagen wir, im Abseits, ist ein interessantes Thema. Das Panorama an Zeitgenössischem, was sich mir jetzt wieder seit etwa 3 Jahren intensiverer Suche auftut, scheint mir ziemlich durchwachsen. Da gibt es Musik, die durchaus das Publikum sucht, das sich nicht anstrengen möchte und auch diejenige, die scheinbar (oder auch anscheinend) exklusive Zirkel anstrebt. Für mich sagt das a priori nichts über die Qualität von Musik aus.


    Musik, die gemeinhin mit der Exklusivität verbunden wird, ist die von Helmut LAchenmann. Um so interssanter fand ich Äußerungen von ihm, die seine intensive Auseinandersetzung mit der Rezeption des Publikums bekunden.


    Hier vom Bayerischen Rundfunk ein Bericht über Donaueschingen 1980 inklusive Tonspur ....


    https://www.br-klassik.de/them…ute-geschah-1980-100.html


    Das war vor über 40 Jahren. Könnte das heute immer noch so vorkommen. Ist das Publikum aufgeschlossener geworden, hat es sich diversifiziert. Will der Komponist nicht mehr alle erreichen, ist er mit einer kleinen Gruppe Interessierter zufrieden?


    Lachenmann auf jeden Fall scheint immer noch das große Publikum zu suchen, wie man hier nachlesen kann:


    https://klassikfavori.de/helmu…-zweimal-mit-gutem-grund/


    Lustig die Anekdote über Günter Wand, eine faszinierende Mischung aus Humor und Belehrung ...

  • Lieber astewes, ich lese deine Berichte immer gern, auch wenn sie mir wie aus einem fernen Land erscheinen, das ich nicht besuchen will. Verstehen kann ich deine Leidenschaft dort wohl, denn auch mein musikalisches Heimatland ist ferne, und zwar in der Vergangenheit: die Vokalpolyphonie. Entscheidend ist dabei, dass ich einige dieser Werke selbst gesungen habe und dort eine Spiritualität und musikalisch eine große Herausforderung gefunden habe, die ich bei anderen Epochen nicht erlebt habe. Der Startschuss war damals die berühmte Missa Papae Marcelli von Palestrina. Bestrickend ist dabei, dass jede Stimme den gleichen Wert hat.

    Noch ein Tipp für dich. Ich denke, dass du genug Humor hast, um dir auch eine Satire gefallen zu lassen, die allerdings nur die prätentiösen Titel der zeitgenössischen Musik aufs Korn nimmt. Der thread heißt "Musik ist ein ganz besonderer Saft...", der Beitrag ist Nr. 9 (Eine Reise von Witten...)

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  • Jetzt habe ich beide Links durchgelesen, aber nichts über ein "großes Publikum" gefunden.

    Beide Werke sind übrigens um die 30 Jahre alt. Ich habe vor ca. 25 Jahren die Tanzsuite mit Deutschlandlied live im Wiener Musikverein gehört, auch da sind viele Leute währenddessen rausgegangen. Ich denke aber, dass Lachenmann inzwischen viel bekannter ist, nicht zuletzt wegen seiner Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern", die seine Geräusche nicht mehr abstrakt sondern illusionistisch verwendet, also tatsächlich ein Schritt auf das große Publikum zu war. Die "zwei Gefühle" hat er ja merkwürdigerweise in die Oper integriert.


    In den 30 Jahren seither sind Legionen an Komponisten bekannt geworden, die Lachenmanns Klangwelt plündern, während damals seine Werke verblüffend anders waren, sind sie nun eine Art Mainstreambewegung in der Neuen Musik geworden. Insofern ist der Kommentar zu dem Konzert aus Köln auch ein Witz. Es zeigt jedenfalls, dass die Zeitungskritiker keine Ahnung von der Musik der letzten Jahrzehnte mehr haben, das ist mir auch bei einer Uraufführung eines Ablinger-Werks bei Wien Modern 2019 aufgefallen - die Kritiken fast alle negativ, und es war herauszulesen, dass die Autoren mit dem Oeuvre des Komponisten überhaupt nicht vertraut waren! Dabei ist Ablinger einer der führenden "alten Meister" nicht nur regional auf Österreich beschränkt! Die Neue Musik ist also so sehr zur Nische geworden, dass nichtmal mehr Konzertkritiker eine Ahnung davon haben.

  • Es gibt auf der anderen Seite natürlich zeitgenössische Komponisten, die tatsächlich für ein breites Publikum schreiben, ich würde das dann nicht "Neue Musik" nennen, schätze es aber durchaus auch. Da habe ich zugegebenermaßen wenig Überblick, ein Star dürfte Eric Whitacre (*1970) sein, der um 2000 in den USA populär wurde:

    Auch Osvaldo Golijov (*1960) kann große Säle problemlos mit einem begeisterten Publikum füllen:

    Fazil Say (*1970)

    Bei diesen Komponisten kenne ich ihren Werdegang nicht.


    Anders in China, dort hat nach Ende der Kulturrevolution in den 80ern eine Reihe junger Komponisten die westliche Avantgarde entdeckt und nachgeahmt, dann aber sich zu einem gefälligen Stil umorientiert, am bekanntesten Tan Dun (*1957)

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  • Jetzt habe ich beide Links durchgelesen, aber nichts über ein "großes Publikum" gefunden.

    Vielleicht eine dumme Metapher von mir. Ich bin aber der Meinung, wenn jemand das Stück zweimal spielen lässt und zwischendrin noch erläutert, dass ihm am Publikum gelegen ist. Die andere Haltung wäre die, dass es einem egal ist: die, die verstünden, verstehen auch so und die anderen interessieren einen dann nicht.


    So erzählt in einer Anekdote aus Bonn noch von meinem Schullehrer, als ihm sein Mathe-Prof damals (ich habe eine dunkle Ahnung, wer das gewesen sein könnte) erläuterte, dass ihm die Studenten, die nicht von alleine verstünden eben nicht interessierten. .....


    In den 30 Jahren seither sind Legionen an Komponisten bekannt geworden, die Lachenmanns Klangwelt plündern, während damals seine Werke verblüffend anders waren, sind sie nun eine Art Mainstreambewegung in der Neuen Musik geworden.


    Das ist wohl etwas, was der Komponist eben nicht will, wenn ich seine Äußerungen richtig verstanden habe. Natürlich ist aber die Gefahr von Imitation groß und immer gegeben (nicht nur bei Lachenmann)


    Dabei ist Ablinger einer der führenden "alten Meister" nicht nur regional auf Österreich beschränkt! Die Neue Musik ist also so sehr zur Nische geworden, dass nichtmal mehr Konzertkritiker eine Ahnung davon haben.


    Das wäre dann doch eher der Effekt, dass etwas so etabliert ist, dass wir positive Kritiken auch ohne Inhalt und Verständnis bekommen. Der Physiker Richard Feynman berichtet in einem seiner sehr lesbaren Bücher darüber, dass in einem Ausschuss zur Bewertung von Physikbüchern für die Schule dasjenige von allen am besten bewertet wurde, dessen Inhalt aus leeren Seiten bestand. Er war später nicht mehr in solchen Ausschüssen präsent ... :)

    Einmal editiert, zuletzt von astewes ()

  • Entscheidend ist dabei, dass ich einige dieser Werke selbst gesungen habe und dort eine Spiritualität und musikalisch eine große Herausforderung gefunden habe, die ich bei anderen Epochen nicht erlebt habe. Der Startschuss war damals die berühmte Missa Papae Marcelli von Palestrina. Bestrickend ist dabei, dass jede Stimme den gleichen Wert hat.

    Ich habe zugegebenermaßen nur eine einzige CD mit Musik von Palestrina .... Und dort ist die ganze Vokalpolyphonie für Saxophonquartett arrangiert


    Es beinhaltet noch eine ganze Menge anderer Kompositionen aus der Renaissance ...



    Ich bhabe den Eindruck, dass diese Musik von der neueren gar nicht soooooooooo weit entfernt ist , zumindest was tonale Freiheiten manchmal angeht ...

  • Die Komponisten, die Lachenmanns Klangwelt "plündern" sind natürlich nicht nur Imitatoren, ebenso, wie die Legionen Zwölftöner nicht nur Schönberg-Imitatoren waren.


    Bei Ablinger sollte der Kritiker zumindest wissen, wofür der so bekannt ist, er muss ja deshalb keine Lobeshymnen schreiben, aber wenn er offenbar gar nichts weiß, dann ist das schon eher peinlich.

  • Das ist dann ein Missverständnis, das daher rührt, dass man die Regeln der Tonalität aus dem 18./19. Jahrhundert auf Musikstücke des 14.-16. Jahrhunderts anwendet ...

    Wobei Palestrina einer der Komponisten mit den klarsten Regeln überhaupt sein dürfte, weshalb sein Stil ja auch Grundlage der Kontrapunkt-Lehrbücher war.

    Das hat jedenfalls alles mit zeitgenössischer Musik gar nichts zu tun.

  • Das ist dann ein Missverständnis, das daher rührt, dass man die Regeln der Tonalität aus dem 18./19. Jahrhundert auf Musikstücke des 14.-16. Jahrhunderts anwendet

    Diese Tonalität prägt aber doch alle unsere Populärmusik. Wenn ich an die ganzen Diskussionen hier über Atonalität denke, schent mir doch die tonale Akzeptanz von Renaissancemusik ind diejenige bei Stücken aus dem 20.Jahrhundert beim Rezipienten ähnliche Entwicklungen vorauszusetzen. Dass man nun diese Ähnlichkeiten in den Anforderungen Ähnlichkeiten der Musik zuschreibt ist natürlich nicht zulässig.

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  • Na, ich weiß nicht, ich habe in letzter Zeit versucht, mich zu bilden, und einige Rockmusik um 1970 gehört, das hat nicht viel mit der Tonalität der klassischen Musik zu tun. OK, es werden Akkorde gereiht, und es gibt eher keine Polyphonie, also eher Cavalli und Donizetti als Palestrina und Bach, hm ...


    Freilich gibt es einige Stücke aus der Renaissance, die einigermaßen "schräg" klingen, vor allem, wenn die Interpreten die Uneindeutigkeiten alter Notation allesamt so ausnützen, dass ein möglichst ungewohnter Zusammenklang entsteht, und in der viele Jahrhunderte langen Geschichte der "Alten Musik" gibt es immer wieder Phasen, wo viel Chromatik und Dissonanz Mode war, sodass Solages "Fumeux fume par fumée" um 1400 oder Gesualdo um 1610 an Max Reger um 1900 erinnern können. Aber das sind Ausnahmen.

  • Na, ich weiß nicht, ich habe in letzter Zeit versucht, mich zu bilden, und einige Rockmusik um 1970 gehört, das hat nicht viel mit der Tonalität der klassischen Musik zu tun.

    Die Rockmusik der 70-ger Jahre scheint mir eine Ausnahme darzustellen. Gruppen wie Soft machine, Genesis oder Led Zeppelin und viele andere kamen zum Teil mit halbstündigen Werken zu Gehör, die das Publikum goutierte. Heute scheint die durchschnittzliche Aufmerksamkeitsphase bei 3-5 Minuten zu liegen (habe ich in irgendeinem Nicht-Fachblatt gelesen :)) Basis des Rocks, wie beim Blues, ist nach Schulbuch immer das harmonische Schema Tonika-Subdominante-Dominante-Tonika. Ich gebe aber zu, dass ich bei Jimi Hendrix und seinen musikalischen Nachfahren so meine Schwierigkeiten habe, das herauszuhören. Beim Rockabilly scheint mir das noch einfacher zu sein ....


    Aber iuch hatte auch weniger den Rock im Visier, sondern den Schlager. Aber vielleicht hast Du recht, wer weiß, ob der überhaupt populär ist .... Auch wenn der Name natürlich das Gegenteil ausdrückt :)

  • Basis des Rocks, wie beim Blues, ist nach Schulbuch immer das harmonische Schema Tonika-Subdominante-Dominante-Tonika.

    Ich dachte, die Basis ist, ein paar Akkorde, die in kein Schema gehören, nebeneinanderzustellen - wie bei Satie vielleicht, das bringt einen schönen Effekt.

    Angenehmerweise gibt's ja jetzt alles im Internet.

    The Who: Behind Blue Eyes:

    Em - G - D - C - A

    Em - G - D - C - A

    C - D - G - C - D - E

    Bm - C - D - A

    usw.

    I - IV - V - I sehe ich da nicht.

  • The Doors: Light My Fire

    (ohne Intro)

    Am - F#m

    Am - F#m

    Am - F#m

    Am - F#m

    G - A - D -> OK, hier ist eine Kadenz

    Aber doch nicht so wirklich als "Basis", denn das davor hat ja nichts damit zu tun - eher wie eine Collage zusammengeklebt.

  • Der wesentliche Unterschied zur Renaissance-Musik ist, dass diese sozusagen linear die Stimme entlang gedacht ist und die klassisch-romantische Musik vertikal als Folge funktionaler Harmonien. In beiden Fällen geht es von einem Zentrum aus, Grundton oder Tonika, es gibt nebengeordnete Stationen = Kadenzen auf anderen Stufen, wobei die Kadenzen in der Renaissancemusik bspw. in zwei Stimmen stattfinden können, während die anderen weiterlaufen, während in der klassisch-romantischen Musik die Harmonik in jedem Moment quasi als Ganzes gemeint ist - und am Ende kommt es zum Ausgangsort zurück.


    In der Rockmusik ist dann wohl eine Harmoniefolge aber ohne Zentrum, von dem es ausgeht und in das es zurückgeht als architektonischer Spannungsbogen, sondern kontrastierende Bereiche mit spezifischer formeller Funktion (Strophe, Refrain, Bridge, etc.). In "Light my Fire" wird offenbar der erste Formteil (nach der Intro) nicht durch eine Kadenz harmonisch "fixiert".

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  • Light my fire wird tasächlich von einigen schon dem Jazzrock zugeordnet und weist sicher diese

    In der Rockmusik ist dann wohl eine Harmoniefolge aber ohne Zentrum, von dem es ausgeht und in das es zurückgeht als architektonischer Spannungsbogen, sondern kontrastierende Bereiche mit spezifischer formeller Funktion (Strophe, Refrain, Bridge, etc.). In "Light my F

    beschriebene Eigenheit auf. Manzarek hat wohl früher mal auch mit klassischem Klavier zuhause angefangen.


    Ich möchte aber ein Beispiel geben, wo meines Erachtens das harmonische Gerüst sehr klar zu hören ist.


    Led Zepellin mit dem Titel Rock'n Roll


  • Na das ist harmonisch genauso ultra-primitiv wie der Rock'n'Roll, also I-IV-V-I bis zum Umfallen, das gibt es in Kunstmusik kaum, eher in der Salon-/Kitschmusik wie dem "Gebet der Jungfrau" von Badarzewska.

    Intro: ADAEA

    Verse 1: ADAEDA

    usw.


    Ich hasse Rock'n'Roll. Genau deshalb.

  • Ich suche nicht harmonische Herausforderung, Vivaldi und Vinci können auch mit sparsamer Harmonik tolle Musik machen ...

    Aber mit dem Rock'n'Roll warte ich noch etwas zu, vielleicht geht's besser, wenn ich schon etwas debil sein werde.

    :untertauch:

  • OK, Du meintest, Rockmusik der 70er kennt keiner mehr.

    Gabaliers "Lederhosenrock" Hulapalu (2015) kennt in Österreich jeder.

    Harmonischer Ablauf:

    Am - F - C - G

    (in Dauerschleife)

    Also: VI - IV - I - V

    Quasi ständig Halbschluss. OK, das basiert schon sehr auf der I - VI/IV - V - I -Hörgewohnheit.

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  • Freilich gibt es einige Stücke aus der Renaissance, die einigermaßen "schräg" klingen, vor allem, wenn die Interpreten die Uneindeutigkeiten alter Notation allesamt so ausnützen, dass ein möglichst ungewohnter Zusammenklang entsteht, und in der viele Jahrhunderte langen Geschichte der "Alten Musik" gibt es immer wieder Phasen, wo viel Chromatik und Dissonanz Mode war, sodass Solages "Fumeux fume par fumée" um 1400 oder Gesualdo um 1610 an Max Reger um 1900 erinnern können. Aber das sind Ausnahmen.

    Ich hatte mal eine CD, auf der Stücke, z.B. auch Fumeux fume par fumée", von Solage und Zeitgenossen drauf waren, alle aus dem Codex Chantilly, das war schon sehr kühn. In seinem "Spem in alium" hat Tallis an mindestens 2 Stellen richtige Dissonanzen verwendet, bei den meisten Ensembles werden die untergebügelt. Ich werde in meinem Schreibtisch die Version von der Oxford Camerata einstellen.

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  • Je länger ich über die Frage nachdenke, desto sicherer werde ich, dass der Sachverhalt so nicht stimmt, zumindest heute nicht mehr. Es gab und gibt halt Musik, die vom Hörer mehr abverlangt und die war sicher zu jeder Zeit unbeliebter als Musik, die formal einfach gestrickter ist.


    Das doch eher kleine Publikum, das dann anspruchsvollere Musik genießt, hat sich sicher vor zweihundert Jahren anders verteilt als heute. Logischerweise war die Bildungschicht vor zweihundert Jahren in großen Anteilen adelig und wohlhabend. Diese Korrelation ist heute weitgehend aufgehoben. Reichtum ist heute ein deutlich geringerer Garant für Bildung als damals und den Adel lassen wir mal ganz 'raus.


    Wenn wir heute von einem kleinen Kreis Gebildeter sprechen, dann ist die Grundmenge die Gesamtbevölkerung. Nähme man vor zweihundert oder dreihundert Jahren dieselbe Grundmenge, sähe der Spiegel IMO sicher deutlich schlechter aus. Die Schulpflicht hat bevölkerungsweit doch eher für einen Anstieg an Bildung gesorgt.


    Zu einer weiteren hier im Thread diskutierten Frage:


    Was würde nun passieren, wenn die Subventionen gestrichen würden?


    1. das Management würde sicher bleiben. Für Verwaltung lassen sich immer Argumente aus jedem System zaubern. Bürokratien erzeugen ihre eigenen Managementanforderungen. Man denke an die berühmten parkinsonschen Gesetze ;)


    2. Opernhäuser, Theater, Konzerthäuser und allgemein teure Kulturstätten würden gestrichen


    So denke ich mir das aus meiner mittlerweile doch nicht mehr so jungen Erfahrung


    Würde die Kunst verschwinden?


    Das glaube ich eigentlich nicht. Viele Veranstaltungsräume, gerade bei Kammermusik oder Jazz zum Beispiel waren schon immer klein und intim. Der Aufwand für Kammermusik ist gering. Die benötigten Örtlichlichkeiten sind klein und überall zu finden. Was ist mit großen Opernwerken, Mahlers Symphonie der 1000? Hier könnte es knapp werden, überhaupt solche Mengen an Ressourcen noch zusammenzubekommen. Die Auftraggeber gingen dann eher für kleinere Werke zu den Komponisten, wenn man von reichen, privaten Förderern der Kunst absieht.


    Die Konsequenz wäre letztendlich, dass es moderne Musik und wahrscheinlich auch alte Musik noch gäbe, aber die Aufführungen beschränkten sich auf Veranstaltungsorte wie das Bonner Schumannhaus und die Musik auf das dort Aufführbare...


    Schadet das der Kunst? Da bin ich mir ehrlicherweise nicht sicher.

  • Es gibt diejenigen, die Musik hören, diejenigen, die Musik aufführen und diejenigen, die Musik komponieren.


    Es sind die zeitgenössischen Komponisten, und ich meine nicht die arrivierten Herren, sondern solche, die daran arbeiten, bekannt zu werden: die junge Generation.


    Es gibt einen Wikipedia-Eintrag mit Komponisten, die nach 1970 geboren wurden. Das gibt das Intro an. Beim Surfen erkennt man, dass auch solche dabei sind, die davor geboren wurden.


    Was schätzt ihr, wie viele sind es? Googelt


    Kategorie: Komponist klassischer Musik (21. Jahrhundert)


    Das sich die Komponisten und Komponistinnen im Schmollwinkel befinden, davon kann man nicht sprechen. Sie nutzen andere Kanäle der Verbreitung ihrer Werke als die gängigen. Im Thread der zeitgenössischen Flötenmusik bin ich auf Namen gestossen, die mir gänzlich unbekannt waren. Das ist eine lebendige Szene. Das Internet eröffnet ihnen ein weites Feld.


    Ein Fakt: Der Drang sich musikalisch ausdrücken zu wollen, besteht immer noch. Das war in der Vergangenheit so, jetzt wird komponiert, während ich das schreibe und es wird auch in Zukunft so sein.

    .


  • Zitat von Moderato

    Es gibt einen Wikipedia-Eintrag mit Komponisten, die nach 1970 geboren wurden. Das gibt das Intro an. Beim Surfen erkennt man, dass auch solche dabei sind, die davor geboren wurden.

    ich habe in der englischen Wikipedia nachgezählt


    # Komponisten (mit Geburtsjahr >= 1970 ) = ~380


    Das sich die Komponisten und Komponistinnen im Schmollwinkel befinden, davon kann man nicht sprechen. Sie nutzen andere Kanäle der Verbreitung ihrer Werke als die gängigen. Im Thread der zeitgenössischen Flötenmusik bin ich auf Namen gestossen, die mir gänzlich unbekannt waren. Das ist eine lebendige Szene. Das Internet eröffnet ihnen ein weites Feld.


    Ich hatte auch durch eigene Erfahrungen den Eindruck, dass man den medienwirksamen Teil der Kmponistenszene nicht gleichsetzen darf mit der Musikszene allgemein. Wenn es im Untergrund brodelt kommt soweiso immer neue Musik mit einem Publikum. Irgendwann werden halt manche Leute dann so bekannt, dass die umsatzorientierte Medienlandschaft das Phänomen nicht mehr ignorieren kann.

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  • Die Studierendenstatistik der Musikhochschule Wien spuckt 78 aktuelle Kompositionsstudenten für diese eine Hochschule aus. Wenn wir jetzt Konservatorien und Musikhochschulen sammeln und entsprechende Lehrgänge und Studienrichtungen anschauen, kommen wir schon für Komponisten geboren nach 1990 auf eine wesentlich höhere Zahl als 380 ...

  • Bei Wikipedia soll es, glaube ich, zumindest 3 Publikationen geben, anhand derer man nachweist, dass eine Person lexikonwürdig ist. Kompositionsstudenten haben daher in der Regel dort nichts zu suchen. Andererseits ist wikipedia zwar schon sehr ausführlich, aber es ist doch recht zufällig, welche Artikel es gibt, und welche Leute in den Listen zu finden sind.

    Ich habe die "Komponistenchronik" um zahlreiche Einträge vergrößert, um das Mißverhältnis von manchen Nennungen völlig irrelevanter Namen und dem Fehlen Bedeutender abzumildern. Inzwischen ist von mir mehr als ein Drittel der Liste.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Chronik_der_Komponisten

  • ich kann nur sagen: Verdankenswert ist dein Einsatz für die zeitgenössische Komponisten.


    Ich habe mir die Seite gleich unter den Lesezeichen abgespeichert.


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