CHARPENTIER, Gustave: LOUISE

  • Gustave Charpentier ( 1860 – 1956 )
    Louise


    Musikalischer Roman in vier Akten
    Libretto: Gustave Charpentier
    Originalsprache: Französisch


    Uraufführung: Paris 1900


    PERSONEN DER HANDLUNG
    Louise, Sopran
    Vater, Bass
    Mutter, Alt
    Julien, Tenor
    Aufseherin, Mezzosopran
    Nachtschwärmer, Tenor
    Näherinnen und Lehrmädchen, Dichter, Maler, Bildhauer, Philosophen, Studenten, Zeitungsmädchen Lumpen- und Kohlensammler, Straßenkehrer, Straßenhändler, Verkäuferinnen, Schutzleute, Bohémiens


    Ort und Zeit der Handlung: Paris um 1900


    INHALTSANGABE


    ERSTER AKT
    Mansardenzimmer in einem Arbeiterviertel mit Balkon, gegenüber, etwas höher eine Terrasse vor einem Künstleratelier.
    Louise und Julien, ihr Nachbar und Künstler, lieben sich. Aber die erwachsene Louise wird von ihren Eltern, einem armen Arbeiterpaar, das die Tochter nicht loslassen will, wie eine Gefangene gehalten.
    Julien tritt auf die Terrasse. Er zitiert aus einem Brief, in dem sie ihn um Geduld gebeten hat, er solle doch noch einmal an ihren Vater schreiben. Wenn dieser sich weiterhin weigere, werde sie mit ihm fliehen.
    Louise, die erst ängstlich an der Tür gehorcht hat, ob sich niemand nähert, tritt auf den Balkon. Sie bereut, ihm das geschrieben zu haben und erklärt, dass sie ihre Eltern genauso liebe wie ihn.
    Danach fragt sie ihn über die Gründe für seine Liebe aus und er bekennt, dass der zündende Funke ihr Lächeln war, als sie auf den Balkon in die Sonne trat.
    Plötzlich öffnet sich die Tür und die Mutter tritt herein. Sie belauscht eine Weile das Gespräch zwischen Louise und Julien. Dann erblickt Louise ihre Mutter. Diese packt sie und drängt sie in die Küche. Anschließend gebietet sie Julien, der das Verschwinden von Louise noch nicht begriffen hat, zu schweigen.
    Als die Mutter in ein anderes Zimmer geht, kann Louise, die noch einmal aus der Küche heraus gekommen ist, gerade noch sehen, wie Julien ihr den Brief zeigt, den er an ihren Vater schreiben wolle, dann verschwindet sie schnell wieder in der Küche. Julien singt ein Lied. Die Mutter schließt das Fenster zum Balkon.
    Louise kommt zitternd aus der Küche. Die Mutter packt sie, die Worte Juliens nachahmend, bei der Hand und erklärt ihr dann, dass ihr Vater sterben werde, wenn er von ihrem Lebenswandel erfahre. Sie lehne eine Verbindung mit diesem "Tagedieb" ab. Einen Verteidigungsversuch Louises beantwortet die Mutter, indem sie auf Louise losgeht, die schnell den Tisch zwischen sich und die Mutter bringt.
    In diesem Augenblick kehrt der Vater mit einem Brief in der Hand heim.
    Louise deckt den Tisch und er liest den Brief, legt ihn dann auf den Tisch und sieht seine Tochter nachdenklich an.
    Während des Essens wird über die schwere Arbeit des Vaters geredet. Dies nutzt die Mutter dazu, auf die Faulenzer und Tagediebe zu schimpfen, die überall herumlaufen. Der Vater beschwichtigt, sie seien doch auch so ganz glücklich, denn sie hätten doch ein liebevolles Familienleben, nimmt seine sich sträubende Frau und tanzt mit ihr ein paar Runden durchs Zimmer. Danach setzt er sich zufrieden in seinen Sessel.
    Dann entdeckt die Mutter den Brief. Als sie danach fragt, erklärt der Vater, dass der Nachbar erneut um die Hand Louises anhalte. Der Brief sei sehr nett, und man möge ihn doch einmal einladen. Man müsse ja Louise nicht sofort weggeben.
    Das bringt die Mutter so in Wut, dass sie erklärt, das Haus zu verlassen, wenn dieser "Taugenichts" eingeladen werde. Die Entgegnung des Vaters, das sei doch Kinderei, macht sie noch ungehaltener. Als dann auch noch Louise Julien gegen die Bezeichnungen, die die Mutter für diesen braucht, zu verteidigen sucht, erteilt sie ihr eine Ohrfeige.
    Der Vater schiebt seine Frau verärgert in die Küche und versucht, Louise zu trösten. In ihrem Alter sähe man die Liebe noch zu rosig. Das Herz sei ein schlechter Ratgeber. Und Liebe macht blind. Ihr fehle einfach die Erfahrung. Er bittet sie sogar um das Versprechen, Julien zu vergessen. Währenddessen ahmt die Mutter spöttisch das Lied Juliens nach und läuft einige Male mit Drohgebärde durchs Zimmer.
    Der Schmerz werde schon vergehen, sagt der Vater und bittet sie dann, ihm aus der Zeitung das Neueste aus Paris vorzulesen. Der Akt endet mit einem Seufzer Louises: „Paris“.


    ZWEITER AKT
    1. Bild: Straßenkreuzung am Montmartre. Früher Morgen.
    Händler und Verkäufer öffnen ihre Stände. Eine junge Lumpensammlerin unterhält sich mit einer Kohlensammlerin. Ein Nachtschwärmer kommt vorbei und umschwärmt die Mädchen. Er dreht einige Pirouetten. Dann vertreibt ihn die Milchfrau mit ihrem Besen. Im Fortgehen stößt er gegen einen Lumpensammler. Dieser kennt ihn und beklagt sich, dass dieser Mensch ihm die Tochter genommen habe. Sie sei auf seine schönen Worte hereingefallen. Ein Handwerker spottet, das sei doch in jeder Familie dasselbe.
    Das Leben am Montmartre beginnt zu pulsieren. Zwei Schutzleute loben den schönen Frühlingstag, und die Jahreszeit der Liebe. Eine Straßenkehrerin erzählt, dass sie einmal die Königin von Paris gewesen sei. Welch ein Sturz! Aber sie bereue nichts und lebe von der schönen Erinnerung.
    Ein Straßenjunge bittet um die Adresse ihres Paradieses.“ Aber, mein Kleiner, das ist Paris.“ Die Schutzleute jagen ihn fort.
    Julien kommt mit einigen Bohémiens. Er erklärt, er werde jetzt entscheiden, Louise, die zur Arbeit bis zu der Näherei von ihrer Mutter begleitet werde, zu entführen. Alle zollen ihm Beifall. Dann werfen sie den an verschiedenen Fenstern erscheinenden Frauen Kusshände zu und vollziehen Clownerien. Nach einiger Zeit entfernen sie sich.
    Julien bleibt allein zurück und ist im Zweifel, ob Louise ihm folgen wird. Einige Händler kommen vorbei und preisen ihre Waren. Julien schwärmt vom Pariser Leben, an dem seine Seele hängt. Dann treffen die Arbeiterinnen der Näherei ein und unterhalten sich über ihre letzten Erlebnisse. Julien fragt sich, ob auch sie kommen wird und freut sich, als sie sich endlich mit ihrer Mutter nähert. Er verbirgt sich in einem Schuppen und wartet.
    Louises Mutter verabschiedet sich vor dem Eingang zur Näherei, nicht ohne ihr vorher bedeutet zu haben, dass sie den Vater bitten werde, dass sie künftig zu Hause arbeiten solle.
    Louise tritt ein. Nachdem die Mutter verschwunden ist, eilt Julien ihr nach und zerrt sie wieder heraus. Im folgenden Gespräch erklärt die ängstliche Louise dem drängenden Julien, dass sie ihren Eltern gehorchen müsse. Dazwischen hört man die Händler und weitere Arbeiterinnen gehen lachend vorbei.
    Schließlich macht sich Louise los, vertröstet ihn auf später und verschwindet durch die Tür. Unter dem Marktgeschrei der Händler verlässt Julien traurig den Platz.
    2. Bild: Im Atelier der Näherei.
    Die Arbeiterinnen singen, lachen oder unterhalten sich über ihre Arbeit bis die Aufseherin Ruhe gebietet. Einige Mädchen entdecken, dass Louise heute sehr nachdenklich ist und gruppieren sich um sie. Ob ihre Mutter sie wohl wieder geschlagen hat? Ob sie wohl verliebt ist? Mit dieser Frage treten sie an sie heran, versuchen, sie anzuregen, ihre Abenteuer zu erzählen, aber sie versucht, sie abzuschütteln, bis die Aufseherin gebietet, sie in Ruhe zu lassen. Dann schwärmt eines der Mädchen von den Freuden des Pariser Lebens.
    In diesem Augenblick hört man in den Kulissen Musik und die Arbeiterinnen lauschen gebannt. Die Stimme Juliens ertönt, der zum Applaus der Arbeiterinnen (ohne Louise) ein Lied von Liebe und Entführung singt. Endlich finden auch die anderen das Lied langweilig und spotten nur noch darüber. Dann fordern sie von den Musikanten andere Musik und tanzen dazu, bis Louise aufspringt und den Raum verlässt. Die Musik entfernt sich. Vom Fenster aus beobachten die Arbeiterinnen, wie Louise sich mit den Musikanten entfernt.


    DRITTER AKT
    Gärtchen am Wohnhaus auf dem Hügel von Montmartre. Abenddämmerung.
    Louise lebt seit einiger Zeit mit Julien in einem kleinen Häuschen am Montmartre. Sie schwärmt von ihrem neuen Leben in Freiheit. Als Julien sie fragt, ob sie die Flucht aus dem Haus ihrer Eltern bereue, verneint sie. Ihr Vater habe sie immer wie ein kleines Kind behandelt und ihre Mutter nie Zeit für sie gehabt. Eine Zeit lang noch kreisen beider Gedanken um die Vergangenheit. Dann schwärmen sie in Betrachtungen über ihre Liebe, die Freiheit und das schöne Leben von Paris. Unter entfernten Trompetenklängen begeben sie sich ins Haus.
    Einige Bohémiens erscheinen vor dem Haus und beginnen, die Fassade zu schmücken. Von fern ertönt Musik und Gesang. Nach und nach füllt sich der Hügel mit Schaulustigen. Einige Grisetten erscheinen und gehen der Gruppe voran, die sich langsam dem Haus nähert. Die verschiedenen Gruppen der Väter, Mütter, Töchter und Söhne lassen ihre Gesänge erklingen. Künstlergruppen mit Bannern treffen ein. Der Nachtschwärmer tritt als Narrenkönig auf. Auch die Arbeiterinnen sind anwesend.
    Louise erscheint auf der Außentreppe und wird zur Muse des Montmartre ernannt.
    Der Narrenkönig führt eine Tänzerin vor und auch die Grisetten nehmen am Tanz teil. Danach krönt die Tänzerin Louise und die Grisetten hängen ihr einen Königsmantel um. Ein alter Bohémien nähert sich und ruft sie als Königin aus, die die Freiheit verteidigen soll. Julien und Louise bekennen sich gegenseitig noch einmal ihre Liebe und die Anwesenden stimmen enthusiastische Lieder an.
    Plötzlich erscheint Louises Mutter im Garten. Die Menge tritt überrascht zur Seite. Beim Anblick der Mutter flieht Louise in den Hausflur. Julien aber tritt ihr entschlossen entgegen.
    Die Mutter gibt vor, nicht in feindlicher Absicht zu kommen. Sie hätten Louise vergessen wollen. Aber, heuchelt sie ihm vor, der Vater sei seelisch so zerbrochen, dass ihn nur eine Freude retten könne. Der Lumpensammler erscheint auf der Szene und trägt noch einmal seinen Schmerz um die eigene Tochter vor. Als dieser sich entfernt, ist Julien so gerührt, dass er auf die Mutter zugeht und ihr das Versprechen abnimmt, dass Louise zu ihm zurückkehren dürfe, was sie scheinheilig verspricht. Dann bittet er Louise, die Glücksbotin zu spielen, er werde aber die Stunden bis zu ihrer Rückkehr zählen.


    VIERTER AKT
    Mansardenwohnung wie im ersten Akt. Der Vorbau mit der Terrasse von Julien ist abgerissen worden. Man sieht in Hintergrund Paris. Später Abend..
    Vater und Mutter freuen sich über die neue Aussicht. Der Vater beklagt sich über das Los der armen Leute, bei dem selbst die Kinder sich von den Eltern lossagen. Sie hätten ausgedient, wir wollen keine Bevormundung mehr. Sie erwarten nur noch, dass der Tod sie von denen befreit, die für ihre Kinder gestorben wären.
    Louise, die nun schon seit Längerem bei den Eltern festgehalten wird, muss sich noch einmal auftischen lassen, was Eltern alles für ihre Kinder tun, die sie dann für die schnöde Liebe verlassen und deren Leben sie zerstören würden.
    Die Mutter fordert sie auf, in der Küche zu helfen. Dort macht auch sie ihr weitere Vorwürfe.
    Als Louise wieder ins Zimmer tritt, begrüßt sie den Vater, den sie vorher ignoriert hatte, und der nun noch einmal versucht, sie zum Bleiben zu überreden. Ihre Argumente, er könne ihr und sein Glück nur retten, wenn er sie nicht wie einen Vogel im Käfig hielte, stoßen auf taube Ohren, im Gegenteil, die Mutter versucht noch einmal, sie zu schlagen, was der Vater aber verhindert. Sie würden ihr das Recht auf eine Heirat zugestehen, aber nicht auf freie Liebe. Diese Freiheit entehre sie und ihre Eltern.
    Der Vater versucht es noch einmal mit Zärtlichkeit, aber sie entzieht sich ihm.
    Da tönen ferne Stimmen durch das geöffnete Fenster. Paris ruft und Louise träumt vom freien Leben, was den Vater noch wütender macht. Er schließt das Fenster. Aber Louise träumt weiter davon, dass ihr Liebhaber sie erlösen möge. Schließlich bewegt sie sich zur Tür, aber der Vater stellt sich ihr in den Weg. Da singt sie und tänzelt wie halluziniert durchs Zimmer. Als der Name Julien fällt, will der Vater zunächst auf sie eindringen, um sie zu schlagen. Doch dann reißt er die Tür auf und weist sie an, zu verschwinden. Er treibt sie zum Geschrei der Mutter durchs Zimmer, ergreift sogar einen Stuhl, um ihn gegen sie zu schleudern. Louise entflieht durch die geöffnete Tür.
    In diesem Augenblick besinnt sich der Vater und ruft in den Flur Louise beim Namen. Doch es ist zu spät. Schwankend kehrt er zurück. Mit einer Drohgeste verflucht er Paris.


    © Copyright by Gerhard Wischniewski

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

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  • Anmerkungen zu Louise:
    Die eigentliche Hauptrolle in dieser Oper spielt die Stadt Paris mit ihrem bunten Leben und Treiben, vor allem dem Leben der Bohémiens am Montmartre. Dies schildert auch die Musik in ihren impressionistischen Farben.
    Eingewoben ist die Geschichte einer Arbeiterfamilie, die aus ängstlicher Elternliebe, aber auch aus viel Egoismus ihrer erwachsenen Tochter, ein zunächst schüchternes Mädchen, das ihre Eltern liebt, aber im dritten und vierten Akt Leidenschaft entwickelt, das Recht auf Eigenleben mit Gewalt vorenthält.
    Über weite Strecken beschränkt sich die Handlung auf Gespräche über vermeintliche Elternrechte, Liebe, aber auch die Wonnen des Pariser Lebens und auf dessen Darstellung. Charpentier nennt deshalb auch seine Oper einen „musikalischen Roman“.
    Ich habe nicht herausgefunden, ob es eine deutsche Übersetzung des Textes gibt und habe deshalb zum besseren Verständnis nach dem französischen Originallibretto auch einen großen Teil des Inhalts aus den Unterhaltungen der vielen Darsteller in diesem musikalischen Roman und der Atmosphäre ausführlicher zu schildern versucht.

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)