Nur Pulverdampf und Schlachtenlärm? Die 1812 - Ouvertüre

  • Kaum ein anderes weltbekanntes Orchesterwerk eines seriösen Komponisten dürfte soviel Missfallensbekundungen auf sich vereinen können, wie Tschaikowskys Ouverture solenelle 1812, op. 49.


    Es ist eine Festouvertüre zur Erinnerung an Napoleons Vertreibung aus Russland im Jahre 1812. Es kann freilich kein musikalisches Kriegstagebuch sein, aber der Höhepunkt ist natürlich eine musikalisch dargestellte Schlacht, in der die französische Hymne auf die Zarenhymne prallt, das ganze mit (möglichst echtem !) Kanonendonner und in den Freudentaumel am ende mischt sich möglichst reales Glockengeläut. Ach in unseren Tagen nicht einfach zu realisieren.
    Während einer Aufführung im Züricher Hauptbahnhof, so war vor einiger Zeit in den Zeitungen zu lesen, zogen sich einige Musiker wegen der echten Kanonenschläge ernsthafte Gehörschädigungen zu...


    Was haltet Ihr von der 1812?


    Ich habe meine Probleme mit der Form. Da wechseln sich "gefühlsduselige", langsame, reflektierende Stellen ab mit lärmenden Schlachtenschilderungen. Letztere finde ich durchaus mit Genuß anhörbar. In beiden Teilen nerven mich die penetranten wiederholungen gewisser kurzer Phrasen, gar endlos scheinende Tonrepetitionen.


    Wie will man nun die "beste" Aufnahme küren - und welchen wichtigen Stellenwert haben dabei die unvermeidlichen Soundeffekte???
    Ist wegen der langweiligen Teile eher die schnellstmöglichste Aufnahme anzuraten?
    Ich besitze die Aufnahmen von Ozawa (15:01 - DG, DDD); Karajan (15:26 - DG, ADD) und Bernstein (15:29 - Sony, ADD)

    Mich würden die Aufnahmen von Neeme Järvi, Stokoski, Abbado und einigen anderen noch interessieren...


    Von meinen drei Aufnahmen finde ich Ozawa am schönsten und auch die Effekte sitzen dort überzeugend.


    Zu der Karajanaufnahme ist noch zu erwähnen, daß sie auch sehr interessant ist, da Karajan die Streichereinleitung (ein orthodoxer Choral) nicht etwa von den Streichern spielen lässt, sondern dafür den Don Kosaken Chor Serge Jaroff angeheuert hat. (Angeblich sei Karajan während der Aufnahmesitzung verrückt geworden, da der Chor nicht zu zügeln gewesen sei und die westliche Tonalität auf seine Weise ignoriert hätte...)


    So, gespannt auf Euere werte Meinung harre ich der Dinge, Markus

  • Hallo


    ich halte das Werk nicht unbedingt für einen großen Wurf Tschaikowskys, was der Komponist selber so formulierte: "Die Ouvertüre wird sehr laut und lärmend sein, ich habe sie mit wenig Wärme und Liebe geschrieben, sie wird daher nur geringen künstlerischen Wert besitzen"


    Nun, wo er Recht hat, hat er Recht, allerdings ist es doch einfach schön, wenns zwischendurch mal richtig kracht (eigentlich auch ein Stück für den entsprechenden Thread)


    Aufnahmen: -Samuel Friedmann auf Arte Nova, kein bleibender Eindruck
    - Neville Marriner, ich glaube echte Kanonen, ziemlich viel Bumms dahinter
    einmal gehört: Erich Kunzel und das Cincinatti Pop Orchestra auf SACD, arme Boxen :D


    Gruß, flo

    "Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik"


    Wise Guys 2000

  • Hallo,


    eine kleine Ergänzung zur Aufnahme von Erich Kunzel. Diese Aufnahme wurde 1979 eingespielt und machte eine kleine Plattenfirma über Nacht weltberühmt. Es handelt sich um eine Digitalaufnahme(!) der Firma Telarc. Ich besitze eine derartige LP (könnte ich fast in der Rubrik "wertvolle Platten" anführen), die damals als der ultimative Lautsprecherkiller galt. Die aufgenommenen Kanonenschüsse stellten schon bei der Herstellung der Pressmatrizen spezielle Anforderungen. So musste im Finale in der Gegend der Kanonenschüsse die radiale Vorwärtsbewegung des Schneidstichels etwa um den Faktor 5 erhöht werden, um die abartigen Auslenkungen unterzubringen (man kann in diesem Bereich die einzelnen Rillen mit freiem Auge auseinanderhalten, da sind einige Rillen fast im Millimeterabstand zu sehen). Diese bislang bei Schallplatten unbekannten Auslenkungen im untersten Frequenzbereich führten dazu, dass es kaum eine Tonabnehmer/Tonarmkombination gab, die das Signal sauber abtasten konnte, da sie bis in ihren Resonanzbereich betrieben wurden.
    Schon das Originalsignal war bei etwas höherer Zimmerlautstärke für die meisten Tieftöner absolut lebensgefährlich, in Verbindung mit den zusätzlich erzeugten Überschwingern war die Platte für viele Lautsprecher der letzte Einsatz...

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo Theophilus und 1812-Freunde,


    die TELARC-Aufnahme der Ouvertüre 1812 mit Kunzel ist nicht schlecht, die habe ich auch seit vielen Jahren. Kunzel hat die Idee von Antal Dorati´s Aufnahme von 1960 wiedererweckt, die Ouvertüre 1812 mit Kanonen aufzunehmen. Das Ergebnis klingt effektvoll und hat wohl auch Erfolg gehabt.


    :) Doch wer die Dorati-Aufnahme von 1960 auf MERCURY kennt, der wird wohl erkennen wer eine Tschaikowsky-Interpretation liefert, die Referenzqualität hat, denn so eindrucksvoll wird man diese Ouvertüre kaum irgendwo hören können. Diese Aufnahme hatte ich schon in den 80er Jahren auf LP und beim Erscheinen auf der sehr gut klingenden CD natürlich direkt gekauft. Der Streichersound ist von Mercury unglaublich schön und natürlich eingefangen.
    Die gleichen positiven Worte gelten für Beethoven´s Wellington Sieg auf der Mercury-CD, ebenfalls ein Werk für das die gleiche Wertschätzung gilt - geringer künstlerischer Wert, aber es macht letztendlich doch Spaß diese beiden "Machwerke" zu hören.


    Auf der Mercury-CD sind neben der fantastischen Dorati-Aufname des Capriccio Italien auch zwei interessante Kommentare zu den Aufnahmen der "Kanonenwerke" vorhanden.


    Beide CD´s, die MERCURY und die TELARC sind Lautsprecher-Test-CD´s der Extraklasse; egal ob DDD oder ADD !


    :] Das Dorati ein TOP-Tschaikowsky - Dirigent war zeigt er auch auf der DECCA-Doppel-CD (Ovation) mit Tschaikowsky´s sinf.Dichtungen. Hier ist die Ouvertüre 1812 mit dem Detroit SO auch ohne Kanonen enthalten. Dorati zeigt hier das er auch ohne den "Kanonen-Kick" eine fantastische 1812 zaubern kann.
    Die CD ist momentan nicht bei jpc zu finden.


    :) Die angesprochene Karajan-Aufnahme auf DG mit dem DonKosaken-Chor habe ich auch. Beim Ersthören war diese für mich etwas ungewohnt (ich hatte ja Dorati im Ohr) doch auch diese ist, ohne Effekthascherei, eine als klassisch zu bezeichnende TOP-1812.
    Interessant was T.Bernhard über die Zusammenarbeit mit dem DK-Chor schreibt.


    @T.Bernhard
    Man kann aber bei der 1812 nicht über die Spielzeiten auf eine mehr oder weniger gute Interpretation schließen, denn die sind alle um die 15/16 Minuten lang. Und was Du als langweilige Teile bezeichnest solltest Du Dir mal bei dem wunderschönen Streichersound der Dorati-Mercury-Aufnahme hören - dann ist nichts mehr langweilig.


    ;) Es gibt eine Unmenge an weiteren 1812-Aufnahmen - das Stück ist eben Populär - so was kommt an :

    Zitat

    "Die Ouvertüre wird sehr laut und lärmend sein, ich habe sie mit wenig Wärme und Liebe geschrieben, sie wird daher nur geringen künstlerischen Wert besitzen"

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Nach anderthalb Jahren darf hier durchaus mal wieder etwas geschrieben werden: Die in diesem Thread empfohlene CD habe ich jetzt für wenig Geld bei Ebay ersteigert.


    [jpc]7589921 [/jpc]


    Peter Iljitsch Tschaikowsky:
    1812 Ouvertüre op. 49
    +Capriccio Italien
    +Beethoven:Wellington's Sieg
    London SO, Dorati


    Mein Urteil kann ich in drei Worten zusamenfassen:


    Einfach nur genial! :jubel::yes::jubel::yes:


    Zitat

    Der Streichersound ist von Mercury unglaublich schön und natürlich eingefangen.


    Ja, da muss ich Dir hundertprozentig Recht geben. Ein sensibler, schöner Streicherklang. Vielleicht ist diese Dorati-Einspielung einer der wenigen Fälle, wo nicht nur eine Referenzeinspielung vorgenommen wurde, sondern eine - ich weiß, das klingt sehr vollmundig :rolleyes: - ultimative Einspielung, die bisher unerreicht ist.


    Und ein weiteres Plus hat diese CD. Darum poste ich hier überhaupt :yes:: Endlich mal ein Booklet, in dem nicht zum vierhundertausendsten Mal die Lebensgeschichten von Tschaikowsky und Beethoven herunternudelt werden, sondern neben den Infos zur Werkgeschichte (geschenkt ...) vor allem sehr interessante und detaillierte Einblicke (in englischer Sprache) in die Entstehung dieser Aufnahme gibt: von der Aufnahmetechnik bis hin zur Beschreibung der verwendeten Kanonen. Diese Infos gibt es auch auf zwei Bonus-Tracks auf der CD. Wellingtons Sieg und Capriccio sind übrigens ebenfalls wunderbar musiziert.


    Wie schön wäre es, wenn sich daran viele ein Beispiel nähmen und über die Entstehung der eingespielten Aufnahme berichteten.


    Freundliche Grüße aus Nordwest, Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Die 1812-Ouvertüre - für mich deutlich mehr als Pulverdampf und Schlachtenlärm. Gefällt mir besser als Beethovens "Wellingtons Sieg". Ich finde es bewundernswert, wie zwischen dem weihevollen Choral und den schmetternden, ausgezeichnet abgestimmten Trompeteneinsätzen der Marseillaise vermittelt wird. Die Aufnahme unter Marriner finde ich sehr gut, Kunzels Experimente kommen auf meiner 0815-Anlage leider nicht zur Geltung.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Hallo Forianer,


    hier sind meine 1812-Aufnahmen:


    Chicago Symphony Orchestra, Sir Georg Solti
    Wiener Philharmoniker, Lorin Maazel
    Royal Philharmonic Orchestra, Leopold Stokowski
    Royal Concertgebouw Orchestra, Igor Markevitch
    Chicago Symphony Orchestra, Fritz Reiner
    Cincinnati Symphony Orchestra, Erich Kunzel
    Philadelphia Orchestra, Eugene Ormandy
    Minneapolis Symphony Orchestra, Antal Dorati
    Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan
    Berliner Philharmoniker, Seiji Ozawa
    Boston Pops Orchestra, Arthur Fiedler
    Staatliches Russisches Sinfonie-Orchester, Jewgeni Swetlanow
    Royal Philharmonic Orchestra, Adrian Leaper
    London Symphony Orchestra, Yuri Ahronovitch
    Oslo Philharmonic Orchestra, Mariss Jansons
    Russian National Orchestra, Michail Pletnev



    Herzliche Grüße
    von LT :hello:

  • Hallo Liebestraum,

    Zitat

    Staatliches Russisches Sinfonie-Orchester, Jewgeni Swetlanow


    Auf CD oder auf Schallplatte? Wenn Schallplatte, dann schau doch einmal nach, ob der Klappentext ausschließlich russisch ist.
    Sollte es so sein, hast Du ein Kuriosum in Deinem Besitz.


    In "1812" kommt bekanntlich die Zarenhymne vor. Da die Kommunisten aber jede Erinnerung an Erfolge der Romanows ausmerzen wollten, mußte Swetlanow das Werk zweifach einspielen: In einer West-Version, die den Notentext Tschaikowskijs nicht antastet und auf sämtlichen CDs des Werkes mit Swetlanow vorliegt, und in einer UdSSR-Version, in der ein harmonisch passendes Volkslied die Zarenhymne ersetzt.
    Bitte auf den Kalender schauen - der 1. April kommt erst, dieses ist kein vorgezogener Scherz, sondern sozialistischer Realismus in Reinkultur!
    :hello:

    ...

  • Hallo Edwin,


    ich habe die Swetlanow-Aufnahme der Ouvertüre 1812 auch.
    Bei mir ist es eine schön bebilderte EURODISC-Doppel-LP-Tasche in der die Sinfonischen Dichtungen von Tschaikowsky auf den 4Schallplattenseiten enthalten sind. Da meine Version für Deutschland war, habe ich natürlich das von Dir angesprochene Kuriosum nicht.



    Hallo Liebestraum,
    Du scheinst ja ein richtiger 1812-Fan zu sein, bei so vielen Aufnahmen.
    Naja, die wichtigsten sind dabei: Dorati, Swetlanow !

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Zitat

    Original von ThomasBernhard
    [...] das ganze mit (möglichst echtem !) Kanonendonner [...]


    In welcher Aufnahme wird das eurer Meinung nach am besten verwirklicht?


    Und: Ist dies die angesprochene Karajan-Aufnahme? Von wann ist die?

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Zitat

    Original von ThomasBernhard
    Was haltet Ihr von der 1812?


    Für mich ist sie ein Stück Musik, bei dem nur wenig Polemik dazugehört um zu behaupten, dass es oft das Beste ist, die ersten 12, 13 Minuten zu überspulen, um sich möglichst laut das Finale anzuhören.


    Alles was davor kommt, mag zum Stimmungsaufbau beitragen und das Ende besonders intensiv zur Geltung bringen, besondere Wertschätzung verdient es aber nicht.

    Wenn ich mir vorstelle, was es für Deutschland bedeuten würde, wenn die heilige Kuh zu uns käme, welches Glück und welcher Segen ginge von allgegenwärtigen heiligen Kühen aus!

  • Zitat

    Original von Felipe II.Und: Ist dies die angesprochene Karajan-Aufnahme? Von wann ist die?


    Hab die Aufnahme zwar in einer anderen Veröffentlichung ("Karajan-Edition. 100 Meisterwerke" (ADD) :rolleyes: ) aber es dürfte sich um die gleiche Aufnahme mit dem Don Kosaken Chor aus dem Jahr 1966 handeln.


    Der Einsatz des Chors ist hörenswert, ob man nun unbedingt die Aufnahme haben muß, wenn man auchschon andere hat, weiß ich nicht.


    Ich meine es gibt noch ein oder zwei andere Aufnahmen, die für den Choral-Einleitungsteil einen Chor an die Front werfen? Fält mir aber gerade nicht ein, welche Aufnahmen das waren..

  • Aus aktuellem (Hör-) anlass möchte ich auf eine noch unerwähnte Aufnahme hinweisen, die ich sehr gelungen finde.


    Daniel Barenboim, Chicago Symphony Orchestra, DDD, 1982



    Der für (sehr gelungene) Effekte immer zu habende Dirigent interpretiert das Werk sehr schlüssig und in innerm Zusammenhang der einzelnen Abschnitte und lässt an den entsprechenden Stellen der Spielfreude von Orchester und Kanonieren (ich denke, es sind echte) freien Lauf.
    Eine wunderschöne Choraleinleitung (die Streicher sind spitze!), ein durchaus kurzweiliger Mittelteil und dann ein großartiges Finale, das einfach nur richtig viel Spaß macht.
    Zudem ist die Klangqualität erstaunlich gut (für DGG), ein Phänomen, das teleton schon an anderer Stelle, ich glaube, es war die Orgelsymphonie, für USA-Aufnahmen dieses Labels angeführt hat.

    'Architektur ist gefrorene Musik'
    (Arthur Schopenhauer)

  • Ganz neu ist eine Aufnahme mit Valery Gergiev und dem Orchester des Marijnsky-Theaters (und meines Wissens auch dort aufgenommen), die unter deren neu gegründetem Eigen-Label verlegt ist.



    Eine herrliche unspektakuläre Aufnahme ohne viel Tschinderassabumm und so.
    Freilich ist die große Trommel immer noch präsent, aber meilenweit weg vom (zugegebenermassen herrlichen :stumm:) Telarc-Stil. Die Kanonen sind recht unspektakulär integriert und das Glockengeläut gegen Ende ist ein solches und nervt endlich mal nicht.
    Eine erstaunlich kurzweile Interpretation.


    Endlich wieder mal eine (für mich) vergnügliche Gergiev-Einspielung. Und bei iTunes für schlappe 1,47 Euronen als 256 kbit/s-Download zu haben.

  • Zitat

    Original von Thomas Knöchel
    [quote] ... und das Glockengeläut gegen Ende ist ein solches und nervt endlich mal nicht.


    Das nehm ich mal teilweise zurück: hab gerade bemerkt, dass der Kirchturm bei mir in der Nachbarschaft mitgemischt hat - das obligatorische bayrisch-katholische 12 Uhr Kampfgeläut.
    Hat gut gepaßt
    :hahahaha: :hahahaha: :hahahaha:

  • Ich liebe die "1812-Ouvertüre". Für mich kein banales Werk. Eher eines, mit dem man schon so manchen Laien zur klassischen Musik gebracht hat. Wer kann sich auch dem Finale entziehen?


    Bei den Aufnahmen würde ich mal generell unterscheiden zwischen solchen mit und solchen ohne Chor. Persönlich ziehe ich eindeutig die Variante mit Chor (und Kanonen) vor. Leider sind die meisten Aufnahmen "konventionell".


    Wenn schon ohne Chor, dann am liebsten die späte Bernstein-Aufnahme mit dem Israel Philharmonic Orchestra von 1984:



    Hier klingen die Glocken mal wirklich nach Kathedrale!


    Toll auch die Ormandy-Aufnahme mit dem Philadelphia Orchestra von 1959, die anfangs einen (englisch singenden!) Chor hat, allerdings leider nicht am Ende bei der Zarenhymne; dafür umso gewaltigerer Kanonendonner zuletzt:



    Wer einen russischen Chor will, ist gut bedient mit der recht neuen Aufnahme von Pappano mit dem Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia von 2005 (wo aber die Kanonen sehr im Hintergrund bleiben):



    Gespannt bin ich auf meine neueste Erwerbung unter Buketoff mit dem New Philharmonia Orchestra von 1968. Er hat als erster die Fassung mit orthodoxem Chor rekonstruiert und auch selbst aufgenommen. Hier ist auch die Artiellerie dabei. Die Aufnahme gilt als Geheimtipp:



    Die Aufnahme von Kunzel von 1978 finde ich bei den Chor-Stellen irgendwie etwas zu gehetzt. Aber sicher noch eine interessante Alternative:



    Übrigens soll es noch folgende Aufnahmen mit russischem Chor geben:


    Wiener Philharmoniker und Chor der Wiener Staatsoper/Lorin Maazel, 1982:



    Dallas Symphony Orchestra and Chorus/Andrew Litton, 1995:


    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Hallo Joseph,


    bei Deinem Kanonen-Park, den Du für die 1812 auffährst vermisse ich die Dorati-Aufnahme mit dem Mineapolis SO (Mercury), die ich in Beitrag 4 vorgestellt habe. Im Prinzip hätte ich nach dieser LP, die ich jetzt als CD habe nie eine weitere Aufnahme benötigt.


    Aber die Ouvertüre 1812 ist ja in allen GA und sonstigen Tschaikowsky-CD´s als Filler mit dabei, so dass ich auch Dorati /Detroit SO (Decca) , Karajan mit dem Kosaken-Chor (DG), Swetlanow (Melodiya/Eurodisc), Bernstein / New Yorker PH (SONY) und den Effekthascher Kunzel (Telarc) habe.


    :!: Brauche ich nach Dorati alle nicht ! Höre Dir mal diesen Streichschmelz an und dann das Finalgewitter mit echten Kanonen an.
    :thumbsup: Das ist IMO die Jahrhundertaufnahme dieser 1812-Ouvertüre und auch Beethovens Wellingtons Sieg.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Hallo Wolfgang,


    ich hörte mir gerade die Aufnahmen von Buketoff [RCA, 1968] und auch Dorati [Mercury, 1958] an.
    Ich bin wirklich sehr positiv überrascht von allen beiden!
    Buketoff war, wie gesagt, der erste, der den russisch singenden Chor einbaute (die Transkription stammt von ihm). Klingt noch mächtiger als bei Kunzel und Pappano, würde ich beinahe sagen, auch wenn die Tonqualität leider bei weitem nicht so gut ist.
    Dorati auch 1A! Auch tontechnisch unglaublich, zumal für das extreme Alter. Die Kanonen hier und bei Ormandy am eindrucksvollsten, klar.
    Daß du den Ormandy (scheinbar) nicht kennst, wundert mich wiederum. :D


    Fazit: Es gibt durchaus einige Spitzenaufnahmen der "1812". Einen absoluten Favoriten zu benennen ist sehr schwierig für mich. Bei den Aufnahmen mit Chor würde ich fast zu Buketoff tendieren.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ich musste auf Wikipedia die historischen Ereignisse des Jahres 1812 nachlesen. Unermessliches menschliches Leid ist auf dem Russlandfeldzug des französischen Herres auf russischem Boden entstanden. Von anfänglich 475'000 Soldaten der französischen angreifenden Seite kehrten 10'000 zurück.


    https://de.wikipedia.org/wiki/Russlandfeldzug_1812


    Die Darstellung zeigt die Grösse des französischen Heeres in den beiden Jahren 1812 und 1813 auf dem Weg nach Moskau und während des Rückzugs bis zum Überschreiten der Niemen. Das sind etwa 2700 km Fussmarsch. Auf dem Marsch nach Moskau herrschte grosse Hitze. Die Temperaturen der Rückuges sind vom 18. August bis 07. Oktober in Reamure angegeben, welche die Soldaten ertragen mussten. (Für Celsius zähle man 7,5 ab.)


    Die Witterung mit Hitze, Regen, Schnee und Kälte, eine miserable Logistik und die Schlachten dezimierten das Heer erbarmungslos.


    Minard.png

    I think laughter is preferable to tears. John Cage


    Jede Hörerin und jeder Hörer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat Anspruch darauf, wenigstens einmal am Tag überfordert zu werden. Hans Winking

  • Sehr lesenswert zu diesem Thema ist das Buch von Adam Zamoyski: 1812



    Mit freundlichen Grüßen von der Nordseeküste, Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Bis 28.03.2022 in der ARD Mediathek ist Peter Tschaikowskys Ouverture Solennelle 1812 mit der NDR Radiophiiharmonie und einem riesigen Chor (Mädchenchor Hannover, Herren des Knabenchores Hannover, Johannes-Brahms-Chor Hannover, Camerata Vocale Hannover) und dem Dirigenten Andrew Manze abrufbar.


    Die Aufnahme entstand 2017 anlässlich der Hannover Proms im vollbesetzten Kuppelsaal in Hannover.


    Die Grösse des Orchesters und die Stimmgewalt der Chöre ist gewaltig. Die Kanonen fehlen, doch mit einer passenden Lichtregie wird in dieser Aufführung auch Dramatik erzeugt.


    https://www.ardmediathek.de/vi…3ci5kZS9hZXgvbzE0MzQzMjg/

    .

    I think laughter is preferable to tears. John Cage


    Jede Hörerin und jeder Hörer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat Anspruch darauf, wenigstens einmal am Tag überfordert zu werden. Hans Winking

  • Lieber moderato, herzlichen Dank für den Link zur Ouvertüre 1812, die ich wegen ihres überbordenden Pathos sehr gern höre. Leider habe ich sie noch nie live erlebt. :( Ich bin natürlich über die dargebotene Fassung mit großem Chor entzückt. Wer sein Wissen über das Werk auffrischen möchte, dem sei diese Mitteilung der Tchaikovsky-Gesellschaft empfohlen.

    Es grüßt Rheingold1876

  • ... die ich wegen ihres überbordenden Pathos sehr gern höre.

    Ich habe Tschaikowskis Ouverture Solennelle 1812 unter Andrew Manze bei den Hannover Proms im Kuppelsaal live gehört. Der Eindruck war in der Tat überwältigend.

    Überbordendes Pathos gab es bei Manze allerdings zum Glück nicht. Ihm war vielmehr die eigentümliche Dramaturgie der "Ouvertüre" wichtig: Die liturgisch gefasst Ergriffenheit des Chores am Anfang, die Unsicherheit vor der Schlacht, die prahlerischen Aufzüge der verfeindeten Truppen, die Dramatik des Kampfes, die utopische Vision des tanzenden Volkes, die Eskalation der Schlacht, die offene Situation ihres Ausganges und schließlich die erhabene Feierlichkeit, die majestätisch-pompös mit den Glocken überhöht wird. Das alles war bei Manze streng kalkuliert und geformt, farbenprächtig, mit emotionaler Rhetorik und Kraft. Da bordet nichts über - wie bei manchem russischen Dirigenten. Gerade darin lag die Größe der Aufführung, die das Werk nicht billig verramschte sondern wirklich ernst genommen hat!

    Das Publikum war hingerissen!


    Die Aufführung stand übrigens in einem recht bunten Programm. Es gab den Säbeltanz aus Gayaneh von Chatschaturjan, Borodins Polowetzer Tänze und Märsche von Elgar, es wurde die "schöne blaue Donau" von Strauß besungen und ein Tenor und eine Sopranistin sangen Arien und Duette aus italienische Opern. Ja so sehen die Programme der "Last Night" of the Proms aus! Der Höhepunkt war schon die Ouverture Solennelle.


    Casruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Lieber Caruso41


    Den Engländer Andrew Manze hatte ich bisher als Barockgeiger und Dirigenten der HIP Szene auf dem Radar. Man lernt immer wieder etwas dazu.


    Das Stück ist ein effektvoller Reisser. Das meine ich im besten Sinne. Dem Komponisten war das auch bewusst, auch wenn er dem Werk einen geringen musikalischen Wert beimass. Tschaikowsky hatte die Ouvertüre Solennelle 1812 zwischen 1887 bis 1993 neunmal dirigiert: in Petersburg, Moskau, Berlin, Prag, Brüssel, Tiflis, Kiev, Odessa und Har'kov, wie man im Link aus Beitrag 23 erfährt. Die originale Partitur sieht keine Chöre vor.


    Andrew Manzes Dirigat hat mir mit seiner klaren Gestik und Unaufgeregtheit gefallen. Zu den Sängerinnen und Sängern der Chöre hatte er trotz der riesigen Distanzen eine gute Verbindung.

    Wie du es beschreibst, folgt dieser Dirigent dem, was in der Partitur steht, sieht man davon ab, dass Chöre zum Einsatz kommen.


    Bei allem Effekt dieser Musik muss ich an die historischen Ereignisse und die Opfer und das Leid der Jahre 1812 und 1813 denken.

    .

    I think laughter is preferable to tears. John Cage


    Jede Hörerin und jeder Hörer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat Anspruch darauf, wenigstens einmal am Tag überfordert zu werden. Hans Winking

  • Also,


    ich empfinde das Werk als sehr impressiv, aber da muss ich nicht mehr als eine Aufnahme haben - und meine ist die schon genannte CD von Dorati, schon unglaublich wie gut die klingt.


    Kalli

  • Lieber Moderato!

    Den Engländer Andrew Manze hatte ich bisher als Barockgeiger und Dirigenten der HIP Szene auf dem Radar. Man lernt immer wieder etwas dazu

    Andrew Manze hat in den zurückliegenden Jahren die Radiophilharmonie Hannover zu einem großartigen Orchester geformt und damit das Musikleben der niedersächsischen Landeshauptstadt auf ein anderes Niveau gebracht. Inzwischen ist das auch auf einigen CDs zu hören. Besonders empfehlenswert:


    - -


    Eines seiner beeindruckendsten Konzerte in Hannover war Das WAR REQUIEM von Benjamin Britten.



    Im übrigen nimmt er gerade mit dem Deutschen Sinfonie Orchester Berlin Werke von Beethoven auf.
    Auch diese Aufnahmen sind von der Kritik begeistert gelobt worden.

    - -


    Es lohnt sich, auf den Dirigenten Andrew Manze zu achten!!!

    Vielleicht hilft dabei der Andrew-Manze-Thread hier im Forum

    Andrew Manze – the mad scientist


    Beste Grüße

    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • PS.: ....noch ein Hinweis

    Wie du es beschreibst, folgt dieser Dirigent dem, was in der Partitur steht, sieht man davon ab, dass Chöre zum Einsatz kommen.

    Die Chöre hatte Tschaikowski selbst vorgesehen.
    Kanonen wollte er hingegen wohl im Saal nicht einsetzen, deshalb steht in der Partitur :

    „Ein Instrument, das im Theater zur Simulation von Kanonenschüssen verwendet wird.“

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Die Chöre hatte Tschaikowski selbst vorgesehen.

    Lieber "Caruso41",


    kannst du diese Aussage belegen? "Rheingold1876" hat oben einen sehr interessanten Artikel der Tschaikowski-Gesellschaft verlinkt, aus dem mir das Gegenteil hervorzugehen scheint. Der ist freilich von 2003, wenn ich mich nicht irre. Vielleicht gibt es inzwischen neue Erkenntnisse? :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Ich habe kürzlich beim Durchhören von dieser Box

    seit Ewigkeiten wieder das mir nur extrem flüchtig bekannte Stück gehört, und nachdem ich von Tschaikowskys Hauptwerken wie den Sinfonien (inklusive Manfred) sehr angetan war, war dieses Stück eine Enttäuschung - dass es ein minderes ist, hatte ich erwartet, aber das fiel bei mir jetzt komplett durch, kein Wunder, dass Tschaikowski sehr unglücklich damit war.