Musiktheater der Gegenwart

  • Die Hamletmaschine, Oper in fünf Teilen, von Wolfgang Rihm (Jahrgang 1952), in den Jahren 1983-1986 komponiert, halte ich für die am schwersten verständliche Oper des zeitgenössischen Musiktheaters.


    In der Regel hat ein Komponist das Anliegen, seine Botschaft vielen zugänglich und verständlich zu machen. Der Tonschöpfer gerät ins Schleudern, wenn er selbst nur eine vage Vorstellung von dem hat, was er eigentlich übermitteln will. Diese Unsicherheit wird offenkundig, wenn einer der bedeutendsten Klassiker der Weltliteratur als Orientierungshilfe herhalten muss. Ein surrealistisches Libretto trägt zum besseren Verständnis auch nicht bei, besonders wenn die Wortgestaltung ständig ins Läppische abrutscht, sobald der Librettist mit seiner Weisheit am Ende ist. Ich denke schon, dass Rihm seine Komposition als „Gesamtkunstwerk“ verstanden wissen wollte, in dem die weltanschauliche Idee, die Ausformulierung des Librettos, die optimale Bandbreite der Instrumente und die Strapazierfähigkeit der menschlichen Stimme gleichen Stellenwert haben und miteinander verschmelzen sollen.


    Was mich an der Einspielung aus Mannheim im März 1987 so maßlos gewundert hat, ist die Bereitschaft von Gabriele Schnaut zu diesem Spektakel ihre kostbare Stimme zur Verfügung zu stellen. Sie singt die Partie der Ophelia, die aus dem Grab aufsteht, im Rollstuhl sitzt und sich noch wahnsinniger gibt, als sie vorher schon war.


    Wolfgang Rihm zelebriert in dem Werk Überdruss und Nihilismus. Der Kommentator im Textheftchen beginnt „Nichts ist sicher, selbst der doppelte Boden könnte vierfach oder gar nicht existieren“ Rihm schießt in seiner Musik und in der Wahl des Textes von Heiner Müller, welchen der Komponist sich für seine Zwecke zurecht gestutzt hat, weit über diese Formulierung hinaus, weil er die Ordnung des Universums infrage stellt.


    Für mich ist das Universum auch ein Chaos, aber ein geordnetes, welches unabänderlichen Regeln unterworfen ist; den Gesetzen von Ursache und Wirkung, von Werden und Vergehen und dem Fakt des Dualismus. Rihm entwirft akustisch eine Kraterlandschaft, die von seelisch und körperlich zerstörten Lebewesen erfüllt ist, die in Verzweiflung und Schrecken planlos herumschreien. Allerdings behält der Komponist seine Konsequenz nicht bei, die „Hamlet-Maschine“, die zu Ende des dritten Bildes in die Ausweglosigkeit tackert – rhythmisch und musikalisch ist diese Szene das unangefochten orchestrale Prunkstück der Oper - stürzt ab.


    Das Textbuch hat keinen linearen Handlungsablauf und es unterliegt surrealistischen Gepflogenheiten. In der Handlung, soweit man von einer solchen sprechen kann, geht es von Hölzchen auf Stöckchen, die einzelnen Verszeilen haben häufig keinen Bezug zueinander und gefallen sich in ausgefallenen Wortkombinationen und Schaubildern. Nicht alles ist Shakespeare was da blubbert und stört, sondern zu Beginn des vierten Bildes wird ein Volksaufstand geschildert, der Witz und Horror zusammenfügt und tatsächlich zum Zuhören einlädt.


    Musikalisch wird die menschliche Stimme auf das Äußerste strapaziert, ob sie nun singt oder deklamiert, Geschrei oder Gelächter produziert. Das Personenverzeichnis sieht 3 Schreiende, 4 Lachende und zusätzlich „3 Schreiende aus dem Sarg“ vor. Hinzu kommt „Die Madonna am Trapez.“


    Den Darstellern gehört weniger mein Applaus, sondern eher mein Bedauern, dass sie sich dieser Prozedur unterziehen mussten, doch künstlerisch geben sie wirklich alles..


    Positiv beurteile ich das kompositorische Gesamtbild. Rihm zieht alle Register und geht auf die Erfordernisse des abstrusen Textes sensibel ein. Der Einsatz der Schlaginstrumente ist meisterhaft koordiniert. Abwechslung wird geboten und die Spannung ständig wach
    gehalten. Man kann die Musik wegen der ständigen Dissonanzen als ätzend empfinden; manche mögen das und sehen darin ein positives Attribut. Jeder Mensch hat eine andere Wahrnehmung. Dem Konsumenten wird die Entscheidung aufgezwungen, ob er sich von dem Bühnenwerk angetörnt oder verschaukelt fühlt.



    Zweifellos ist es ein bedeutendes Werk des zeitgenössischen experimentellen Musiktheaters. Wer sich einen lückenlosen Überblick über die Musikgeschichte der Gegenwart verschaffen will, kommt nicht umhin, „Die Hamletmaschine“ zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn sich keinerlei Affinität entwickeln sollte.


    Engelbert

  • Al gran sole carico d’amore, (zu deutsch: Unter der großen Sonne, von Liebe beladen,)
    hat Luigi Nono (1924-1990) sein Bühnenwerk benannt. Es besteht aus sieben Szenen und einem Finale. Uraufgeführt wurde es am 4. April 1975 an der Mailänder Skala.


    Das Stück hat kein Libretto. Noni verwendet Dokumente revolutionären Inhalts unterschiedlicher Zeiten und Zonen, nimmt Gedichte u. a. von Cesare Pavese, setzt diese in ein Gefüge mit Bezug zueinander und nennt die Collage „Bewusstseinstheater“ Der Avantgardist verwendet Gedankengut von Marx, Brecht, Lenin, Castro und Guevara; die Schauplätze sind Paris, Turin, Russland und Vietnam. Texte in spanisch, aber auch französisch und deutsch verbinden sich zu einem politischen Glaubensbekenntnis des engagierten Italieners



    Die Stuttgarter Staatsoper hat im Jahre 1999 das Stück aufgegriffen und auf das Sorgfältigste inszeniert und ausgestattet. Das bibliophile Textbüchlein zeigt Szenenbilder von der Aufführung, die auf leidenschaftliches Engagement der darstellenden Personen schließen lassen. Man fragt sich allerdings, ob die Zeitgeschichte über die Weltanschauung Nonos und seine gescheiterten Ideale, angebunden an eine untergegangene Clique nicht längst ihr abschließendes Urteil gesprochen hat.


    Die Musik ist so schräg wie die Geschichten, die sie illustrieren soll. Nono verwendet keine rückwärtslaufenden Tonbänder in dieser Collage wie ehedem, kommt mit dem klassischen Sinfonie-Orchester zurecht Die
    musikalische Wiedergabe ist expressiv und leidenschaftlich. Die weiblichen Stimmen behalten in der Stuttgarter Aufführung auch bei außergewöhnlichen Verrenkungen und blitzartigen Höhenflügen ein angenehmes Timbre. Der Chor hat großen Anteil am musikalischen Geschehen. Zagrosek als Dirigent hat mit hypermodernen Werken seine Routine, kaum Konkurrenz und entzieht sich damit jeder alternativen Beurteilung.


    Aus großer emotionaler Distanz kann ich mich nach dem dritten Abhören einer gewissen Faszination nicht verschließen, die sich aber nur auf den Klang, nicht auf die Philosopie bezieht. Luigi Nono gehört weltweit zu den führenden Komponisten der radikalen Moderne. Wer sich ernsthaft mit ihr auseinandersetzen will, kann den Erwähnten nicht ausklammern.

  • Hallo Engelbert,


    nur ein kurzer Nachtrag zu Nonos` "al gran sole...". Das Stück wird in dieser Spielzeit in Hannover wieder aufgenommen. Premiere war in der vergangenen Spielzeit, ich habe es zweimal geschafft dorthin zu fahren und mußte zweimal in der Pause gehen. So ein Unglück ist wirklich selten und deswegen fahre ich diese Spielzeit mit Sicherheit noch einmal und kann den Besuch hier nur jedem empfehlen!


    Grüße
    Sophia

  • Hallo Sophia,


    Vielen Dank für Deinen Hinweis. Deine positive Erfahrung, und das
    Signal, weches Du aussendest, haben mich sehr gefreut. Ich denke
    auch, man muss dieses Stück sehen, um ein gültiges Urteil angeben
    zu können. Als Kommentator hat man es dann auch etwas leichter,
    der Phrasenschatz zur Beurteilung des akustischen Bereiches ist
    schnell erschöpft. In der Produktwerbung, die nur positiv sein darf, geht es manchmal besonders banal zu "Also Lothar, dein Orchester
    war mal wieder besonders farbenprächtig"


    Wenn ich ein Werk der Avantgarde beschreibe, habe ich immer
    das Gefühl, dem Komponisten nicht gerecht zu werden.
    Auf der anderen Seite kann ich mich nur soweit aus dem Fenster
    lehnen und mich in die Sache einlassen, wie der Zugang zu einem Stück sich mir erschließt. Nicht immer kann ich das Thema restlosl ausschöpfen und da freut es mich, wenn als Ergänzung eine kontroverse oder
    abwägende Meinung oder gar eine Gegendarstellung hinzukommt.


    Ich halte es für wichtig, auch die Postmoderne zu beschreiben und
    werde die Rubrik auch fortsetzen. Nicht alles ist schwer verständlich,
    an Opern die nach 1950 komponiert wurden, nur unbekannt. Die
    Libretti sind fast immer sorgfältig ausgewählt und genügen intellektuellen Ansprüchen.


    Auf zwei Titel, liebe Sophia, möchte ich Dich besonders hinweisen,
    Margret Wolf (Jahrgang 1960) hat einen Stoff von dem kirgisischen
    Dichter Aitmatow gewählt und dir Oper: Kirisk, Der Junge und
    das Meer, komponiert Es geht um den Existenzkampf in einer rauhen Wirklichleit. Das zweite Werk stammt von dem Latino Daniel Catán und heißt: Florence auf dem Amazonas. Eine Frau reist nach Manaus, um ihren Mann zu suchen, ein Schmetterlingsjäger der im brasilianischen
    Urwald verschollen ist. Das Schiff kommt an, kann aber nicht landen. Soviel nur andeutungsweise. Beide Werke werde ich ausführlich beschreiben.


    Bei Donizetti fühle ich mich viel wohler, aber es geht nicht an, dass
    die Moderne übersehen und mißachtet wird. Beängstigt, das
    Barocktier könnte das zarte Grün zertrampelt, werde ich mich nun opfern, um einen Kontrast zu setzen.


    Es ist nicht so, daß ich alter Musik abholt gegenüberstehe. Nur, wenn ich mir das wohltemperierte Cembalo von Couperin oder eine Harfensonate von Dussek anhöre, habe ich das Gefühl, ich laufe über eine Wiese, wo nur Gänseblümchen blühen.


    Herzlichst


    :angel:

  • Hallo Engelbert!


    Ich finde, auch eine Gänseblümchen-Wiese ist etwas Wunderschönes.


    Aber im Ernst, mich hat in der modernen Opernliteratur in der letzten Zeit am meisten beeindruckt: Cerha, Der Riese vom Steinfeld. Das ist die Geschichte eines Aussenseiters, durch einen Drüsendefekt auf eine Größe von 2,58 m gewachsen, mit einfachem Gemüt, von der Mutter beschützt, von den übrigen Leuten im Dorf als außerhalb der Norm empfunden, von einem profitgierigen Schneider ausgebeutet und als Monstrum in ganz Europa präsentiert, er verliebt sich in die "kleine Frau", aber diese Beziehung scheitert auch an den gesellschaftliche Normen, die seine Umgebung festsetzt (und wohl auch daran, dass bei diesem Drüseneffekt der sexuelle Akt nicht vollzogen werden kann), letztlich kommt er verarmt und krank zu seiner Mutter nach Hause und stirbt.
    Die Oper hat sehr ausgeprägte musikalische Charaktere, wunderschöne Musik und eine berührende Geschichte. Was will man mehr? So interessant kann moderne Oper sein, wer sich nicht darauf einlässt, versäumt sehr viel und kennt nicht alle Seiten des Wunders Musik, was ich als sehr schade empfinde.

  • Lieber Engelbert,


    Dein Ansinnen hier unterstütze ich und will gerne dort ergänzen und helfen, wo ich, dem Wissen nach und der knappen Zeit), kann.


    Nonos "Al gran sole" hat mich lange nicht mehr beschäftigt, Dein Beitrag nun lässt mich schon länger geplantes zu Dvorak und zu Ives zurückstellen....


    Zitat

    Original von Engelbert
    Al gran sole carico d’amore, (zu deutsch: Unter der großen Sonne, von Liebe beladen,)
    hat Luigi Nono (1924-1990) sein Bühnenwerk benannt. Es besteht aus sieben Szenen und einem Finale. Uraufgeführt wurde es am 4. April 1975 an der Mailänder Skala.


    Man verschweige nicht: Der Dirigent dieser Aufführung was Claudio Abbado, ein enger Freund Nonos und gemeinsam mit Maurizio Pollini der Widmungsträger von "Al gran sole...". Regie führte der Russe Juri Ljubimov, dessen Theaterästhetik nicht unwesentlichen Anteil an der ungewöhnlichen Erzählweise des Stückes haben dürfte.


    Zitat


    Das Stück hat kein Libretto. Noni verwendet Dokumente revolutionären Inhalts unterschiedlicher Zeiten und Zonen, nimmt Gedichte u. a. von Cesare Pavese, setzt diese in ein Gefüge mit Bezug zueinander und nennt die Collage „Bewusstseinstheater“ Der Avantgardist verwendet Gedankengut von Marx, Brecht, Lenin, Castro und Guevara; die Schauplätze sind Paris, Turin, Russland und Vietnam. Texte in spanisch, aber auch französisch und deutsch verbinden sich zu einem politischen Glaubensbekenntnis des engagierten Italieners


    Ich würde bei der Textcollage durchaus von einem "Libretto" sprechen, und zwar im Sinne eines Textbuches, auch im Sinne einer erzählten Geschichte bzw, mehrerer erzählter Geschichten. Es ist ja nicht so, dass die Collage, die Nono anfertigte, völlig beliebig vorangeht. Nono nennt das Stück "Azione scenica", szenische Aktion. Zwei Dinge, auch wenn es banal klingt, sind ihm wichtig: Dass das Stück eine Aktion ist, eine künstlerische freilich, und dass dies szenisch passiert, ergo: rein musikalisch ist das Stück nur die halbe Miete (das ist eigentlich bei fast jeder Oper so, aber man vergisst es ganz gerne mal). Zwei Teile hat Nonos Stück (die in Stuttgart pausenlos durchgespiel wurden): Der erste befasst sich mit der Geschichte der Pariser Commune, der zweite mit der revolutionären Situation in Russland um 1905, um es historisch zu verankern (Geschichten in dieser Oper heisst immer auch: Historie). Die Textcollage nun ermöglicht es, auf verschiedene Geschichten unterschiedliche Blicke zu werfen, damit stellt die Dramaturgie sowohl an den szenisch umsetzenden Künstler als auch letzten Endes an den Zuschauer eine nicht uninteressante Aufgabe: Nämlich das Mitverfolgen und das Nachvollziehen, Nachdenken, Widersprechen des Gesagten. "Al gran sole" ist - bei aller musikalischen Qualität betörenden Klanglichkeit (Nono liebte Frauenstimmen, das merkt man diesem Stück in jeder Minute an) - keines, das zur Berieselung, auch nicht zur Weltflucht taugt.


    Zitat


    Die Stuttgarter Staatsoper hat im Jahre 1999 das Stück aufgegriffen und auf das Sorgfältigste inszeniert und ausgestattet. Das bibliophile Textbüchlein zeigt Szenenbilder von der Aufführung, die auf leidenschaftliches Engagement der darstellenden Personen schließen lassen. Man fragt sich allerdings, ob die Zeitgeschichte über die Weltanschauung Nonos und seine gescheiterten Ideale, angebunden an eine untergegangene Clique nicht längst ihr abschließendes Urteil gesprochen hat.


    Das ist zweifellos eine Frage, die das Stück selbst schon stellt. Die Stuttgarter Aufführung verstärkte das durch eine gerade nicht sorgfältige Bebilderung der Historie, sondern durch szenische Aktion, die oft scheinbar gegenteilig zum Stück war - und sich als sehr deckungsgleich erwies. Die ganze Aufführung, vom Regisseur Martin Kusej szenisch betreut, stellte das Stcük nicht in den Kontext der Utopien Nonos von 1975, sondern der Wirklichkeit des Jahre 1999. Ich denke, Nonos starke Musik verlangt und verträgt solch starke szenische Gegensätze, sie braucht einen Regisseur, der sich nicht als "Nacherzähler", sondern als "Miterzähler" versteht.


    Abschließend hingewiesen sei auf Nonos häufiger gespielte "Intolleranza 1960", sein erstes Bühnenwerk, das noch näher an traditionellen Erzählweise steht als "Al gran sole" und der spätere, nunmehr auf das theatrale außerhalb des reinen Klanges verzichtende "Prometeo - tragedia dell'ascolto".


    Beste Grüsse,


    C.

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Hallo Engelbert,


    viel kann ich z. Zt. zu dem Thema nicht beitragen. Ich habe aber die alten Unterlagen der Vorstellung noch einmal herausgesucht und mit dem Programmheft sogar die Kritiken aus FAZ, FR und SZ aufgehoben. WA in Hannover ist erst im Mai 2006, bis dahin ist ja noch viel Zeit und ich hoffe vorher noch ausgiebig Zeit für das Stück zu haben. Der 1. Teil des Abends hat damals ziemlich große Beklommenheit hervorgerufen sowohl was die Musik als auch die Szene betraf, die Presse jubelte damals aber vor allem wegen der Darstellung des 2. Teils. Ein zeitgenössisches Werk ist mir jedenfalls leichter zugänglich im Theater oder Konzertsaal als auf CD. Das letzte Werk des 20. Jahrhunderts daß ich auf einer Bühne sah war in Wuppertal "The death of Klinghoffer" von John Adams. Durch ihn habe ich die minimalistische Musik kennengelernt, Garrick Ohlsson war vor 2 oder 3 Jahren beim Klavierfestival Ruhr mit einigen seiner Stücke und den schätze ich sehr. Die Oper von Adams beruht ja auf einer wahren Begebenheit und die Darstellung in Wuppertal fand ich gelungen. Die nächste zeitgenössiche Oper ist "Cosi fan tutte", ich hoffe jedenfalls zeitgenössisch interpretiert :D


    Grüße
    Sophia

  • Liebe Erna,


    ich habe nachgeblättert. Ich kann mir vorstellen, daß die Aufführung
    der Cerha-Oper in Wien allgemein gut gefallen hat, zumal Thomas Hampson die Hauptrolle gesungen hat.


    Von Cerha habe ich noch garnichts, hatte den "Baal" vornotiert und
    jetzt wird die Notiz aufgrund Deiner Empfehlung gegen den "Riesen" ausgewechselt. Friedrich Cerha ist "Wiener", habe ich gelesen.


    Bei JPC ist die CD zu bekommen, allerdings ein bisschen teuer. Solche
    Sachen tauchen in Hamburg öfters im Antiquariaten auf. Ich muß
    also ein bisschen Geduld haben.


    Herzlichen Gruss
    Engelbert

  • Hallo, liebe Sophia,


    da Du John Adams erwähnst, ich habe von ihm den "Nixon in China"
    Es ist schon ein bisschen kurios, wenn der damals lebender Politiker
    Henry Kissinger zum Opernhelden wird. Neben Nixon selbst haben
    auch Präsident Tschou en lai und Mao Tse-Tung ihren Auftritt.


    Wenn Du von Minimal-Musik sprichst, fällt mir als erstes Philipp Glass
    ein. Seine Oper "Akhnaten" greift in die Geschichte des ägyptischen
    Altertums und erzählt Begebenheiten am Hofe des Pharaos
    Echnaton und seiner Familie. Das Textheftchen von SONY
    erschöpft sich in ganz sparsamen Notizen. Die Musik stellt keine Anforderungen und gefällt auf Anhieb.


    Herzlichen Gruß
    Engelbert

  • Die Ausführungen des Forianers C. Huth haben mich sehr beeindruckt, und ich freue mich, dass mein Beitrag über die „Gran sole“ eine solch tiefschürfende Resonanz ausgelöst hat. Unser Verfasser dringt pädagogisch in die Problematik ein und transportiert Zuneigung und positives Verständnis zu Nonos Bühnenwerk, was ich mit Beifall quittiere.


    C. Huth erwähnt das freundschaftliche Bündnis zwischen Nono, Abbado
    und Pollini, welches ihren künstlerischen Niederschlag aber nicht in der
    „Gran sole“, sondern in den Werken: „Como una ola fuerza y luz“ und
    “Y entonces comprendido” fand. Diese beiden Schöpfungen werden im
    Studio am Mischpult reproduziert und weisen die Eigenart auf, dass neben Symphonie-Orchester, Vokalbesetzung und Klavier auch rückwärtslaufende Tonbänder eingesetzt werden. Das ergibt einen interessanten Sound und wäre als Lautmalerei für eine Kinoproduktion interessant, aber mit Musik im klassischen Sinn, hat das nichts mehr zu tun. In „Y entonces comprendido“ geht Nono noch einen Schritt weiter, und malträtiert die menschliche Stimme in einem solchen Maße, so dass das akustisch Zumutbare überschritten wird.


    Nono bleibt mir daher suspekt.


    :angel:

  • Hallo Engelbert,


    nur relativ selten schaue ich in das Opernforum, aber diese Beiträge können wirklich anregen, mal wieder in die Oper zu gehen! Ich habe sie mit wachsender Begeisterung gelesen.


    Bei einem meiner ganz seltenen Opernbesuche hatte ich 1987 in Mannheim die Hamletmaschine gesehen. Rihm „zelebriert in dem Werk Überdruss und Nihilismus“: Das ist sehr gut getroffen. Der unvorbereitete Zuhörer wurde konfrontiert mit einer Fülle von Effekten, wobei ich mich an die „Strapazierfähigkeit der menschlichen Stimme“ nicht mehr so erinnern kann. Es gab die verschiedensten Schockwirkungen, zum Teil in ohrenbetäubender Lautstärke, die auf die Dauer eine Veränderung des Hörgefühls hervorriefen, das nicht mehr auf einzelne Melodien, Sätze oder Aussagen achtete, sondern sich in einem verwirrenden Rauschen zu orientieren versuchte. Jedenfalls habe ich so die Wirkung und wohl auch die Absicht verstanden, wobei nach fast 20 Jahren die Erinnerung ein wenig trüben kann. Ich habe die Oper seither nicht mehr im Radio oder von CD gehört.


    Hamletmaschine als Thema fand ich interessant: So wie Hamlet bei Shakespeare irgendwann den Versuch aufgibt, sich in der Fülle der Intrigen zurecht zu finden, in der praktisch keine offene Verständigung mehr möglich ist, er niemandem mehr zu trauen vermag und sich seinerseits immer verwirrender verhält (etwa gegenüber Ophelia), so hatte ich als Botschaft einer „Hamletmaschine“ erwartet, dass es nun die vielen maschinell erzeugten Eindrücke und Vorstellungen sind, die nicht mehr auf das innere Maß der menschlichen Sprache passen (ihrer Fähigkeit, Erzählungen herauszuhören und die eigenen Gedanken in Erzählungen zu fassen und zu äußern), und dadurch eine ähnliche Verunsicherung erzeugen. Das Technische und auf seine Art Unmenschliche der Maschine wäre dann an die Stelle des Höfischen getreten („es ist etwas krank im Staate Dänemark“).


    Im Ergebnis entstand aber nicht der Eindruck, wie die Hilflosigkeit gegenüber einer solchen Situation mit entsprechenden Gefühlen des Rückzugs, der Verweigerung oder inneren Leere, gezeigt werden soll, also eher eine Sehnsucht nach Stille, sondern das auf seine Art etwas triumphierend zur Schau gestellte Vermögen des Komponisten, diesen Leerlauf zu „zelebrieren“.


    Das war sicher ein Abend, der zum Nachdenken anregte, mir aber weder den Komponisten noch die Oper näher gebracht hat. Um so mehr freue ich mich auf andere Anregungen, die aus diesem Thread hervorgehen mögen.


    Viele Grüße,


    Walter

  • Im Jahre 1949 wurde Daniel Catán in Mexiko City geboren.
    Über sein Leben ist wenig bekannt. Er komponierte, dichtete
    und war auch pädagogisch tätig. Auf Tonträger greifbar sind
    die Kantate: „Obsidian Butterfly“ aus dem Jahr 1984 und die im
    Jahre 1988 entstandene und im Palacio de Bellas Artes in
    Mexiko-City uraufgeführte Oper „Rappacini’s Tochter.“ Sein
    großer Wurf gelang ihm mit „Florencia en el Amazonas“.


    Die Musik ist voller Spannung und geht auf die Psyche der
    einzelnen Reisenden ein. In der musikalischen Erfassung des
    Regenwaldes und der Stromlandschaft bedient sich Catán
    eines Stiles, den man als Neoimpressionismus bezeichnen
    könnte, fein ziseliert von ungeheurer Dichte und Dramatik.
    Die Oper ist ein Juwel unter den Tonschöpfungen des
    gegenwärtigen Latino-Amerika und betört auf Anhieb.



    Florencia Grimaldi ist eine junge Sängerin, die in Europa
    Karriere gemacht hat und nun nach 20 Jahren Abwesenheit
    ihre Heimat Brasilien wiedersieht.





    Ihr Reiseziel ist Manaus, die Urwaldstadt, in der die Kautschuk-Barone ein wundervolles Opernhaus errichtet haben. Hier hat die Diva ihren ersten Auftritt und benutzt den Linien-Dampfer El Dorado, um nach einer abenteuerlichen Reise mit einem geheimnisvollen Eingeborenen an Bord, ans Ziel zu kommen. In der Stadt wütet jedoch die Cholera, so dass die Passagiere das Schiff nicht verlassen dürfen. Ein weiteres Pech kommt hinzu. Ihren einstigen Geliebten Christobal, ein Schmetterlingsjäger, den sie dort wiederzusehen hofft, ist bei der Jagd auf die „Smaragdmuse“ im Urwald verschollen


    (mehr zum Inhalt im neuen Tamino-Opernführer)


    Die Oper wurde im Jahre 1996 von der Grand Oper in Houston
    uraufgeführt. Eine Produktion in Seattle folgte später nach.


    Wer von den Forianern hat die Uraufführung in Heidelberg gesehen? ?(


    :angel:


    Dort wo der Rio Negro in den Amazonas mündet liegt die nordbrasilianische Metropole Manaus. In der Mitte des 17. Jahrhunderts
    errichteten die Portugiesen die wirtschaftliche Basis. Der Handel mit Holz, Kautschuk und Gewürzen brachten den gigantischen Aufschwung. Zunächst begann man mit dem Ausbau des Hafens. Die Infrastruktur erweiterte man um eine elektrische Straßenbahn. Es entstanden Plätze mit prachtvollen Bauten. Zum Schluss baute man das herrliche Opernhausen mit der großartigen Kuppel. Am 31.12.1896 wurde es mit Ponchiellis "La Gioconda" eröffnet. Caruso und die großen Sänger ihrer Zeit, auch Florencia Grimaldi, besuchten das "Paris des Regenwaldes"


    Und dann war da noch Klaus Kinski, der sich magisch angezogen fühlte.
    :P

  • Lieber Engelbert,


    danke für die Blumen ;) Du gestattest sicher, dass ich die von Dir so gekonnt in den Raum geworfenen Anregungen etwas mehr aufnehme, wenn auch zunächst hier nur sporadisch, denn wir werden uns vom Thema "Musiktheater der Gegenwart" zumindest ein Stück weit entfernen....


    Zitat

    Original von Engelbert
    C. Huth erwähnt das freundschaftliche Bündnis zwischen Nono, Abbado
    und Pollini, welches ihren künstlerischen Niederschlag aber nicht in der
    „Gran sole“, sondern in den Werken: „Como una ola fuerza y luz“ und
    “Y entonces comprendido” fand.


    "Y entonces comprendido" kenne ich leider gar nicht, hast Du da einen Tipp hinsichtlich Aufnahme?


    Ich denke aber, Du irrst und meinst als künstlerischen Niederschlag der Freundschaft Nono/Pollini neben "Como una ola de fuerza y luz" das Stück "...sofferte onde serene...." für Klavier und Tonband von 1976.


    Zitat

    Diese beiden Schöpfungen werden im
    Studio am Mischpult reproduziert und weisen die Eigenart auf, dass neben Symphonie-Orchester, Vokalbesetzung und Klavier auch rückwärtslaufende Tonbänder eingesetzt werden.


    Hier wird es etwas undeutlich, und zwar insofern, als dass beide Kompositionen (ich spreche jetzt von "Como una ola..." und "....sofferte onde serene....", bei "Y entences..." verhält es sich eventuell wirklich anders, das weiss ich nicht) nicht im Studio am Mischpult reproduziert werden, sondern durchaus Kompositionen für den Konzertsaal sind, die ausführende und aktiv musizierende Musiker fordern: In "Como una ola..." agieren live eine Sopranistin, der Pianist und das Orchester, in "....sofferte onde serene...:" agiert der Pianist live. *Daneben*, also neben der Live-Eben wird ein vorproduziertes Tonband verwendet, in beiden Werken, das parallel zum Live-Geschehen abläuft (ein Verfahren, das in der Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so ungewöhnlich nicht ist). Das unterscheidet beide Stücke von "reinen" Tonbandkompositionen Nonos wie "Contrappunto dialettico alla mente" oder "Riccorda cosa ti hanno fatto a Auschwitz".


    Zitat

    Das ergibt einen interessanten Sound und wäre als Lautmalerei für eine Kinoproduktion interessant, aber mit Musik im klassischen Sinn, hat das nichts mehr zu tun.


    Darüber kann man trefflich diskutieren, was in diesem Forum ja auch schon erfolgte....


    Um den Bogen zum Musiktheater wieder zurückzuschlagen: Auch in "Al gran sole" läuft abschnittsweise ein Tonband mit. Diese ersten Versuche, das Klangspektrum mittels elektronischer Elemente zu erweitern, haben Nono bis zum Ende seines Lebens nicht losgelassen. Ohne sie wäre die "Tragedia dell ascolto", ein wirklich reines "Musiktheater" nicht denkbar.


    Beste Grüsse,


    Claus

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Noch nachgetragen:


    Bei der Deutschen Grammophon gab es die beiden Stücke, welche Nono für Pollini schrieb, einstens in einer exzellenten Aufnahme. Inzwischen ist sie samit ihres schönen Covers vom Markt verschwunden, bzw. in der "Pollini-Edition" wieder aufgetaucht. Wer sich mit den beiden Stücken befassen will, wird nicht an der "Ureinspielung" von "Como una ola de fuerza y luz" vorbeikommen. Zweifellos kein Stück, dass man jeden Abend hören mag - aber wer kann schon Verdis "Requiem", ernsthaft gehört, jeden Abend ertragen.



    Über den Prometeo wird sicher hier im Thread das Gespräch noch ausführlicher kommen: Auch er liegt in einer exzellenten Aufnahme vor, die freilich keineswegs fähig ist, das ganz wesentliche des Stückes, nämlich die Bewegung von Klang im Raum, zu übertragen. Hier ist die Stereotechnik überfordert, das Liver-Erlebnis unerlässlich....



    Beste Grüsse,


    C.

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Also, lieber Claus,
    wegen der "y entonces comprendido" habe ich im Internet geblättert, aber keine Einspielung auf CD gefunden. Die Kopplung mit "Como una ola fuerza y luz" ist nur auf LP bei DGG zu haben. Falls Du einen Plattenspieler hast, rege ich an, in den Frankfurter Antiquariaten nach einem gelb-roten Cover mit Nono-Kopf Ausschau zu halten.


    Der "Prometeus" ist ein wertvoller Tipp, zumal Ingo Metzmacher
    dirigiert. Für die Hamburger ist Metzmacherr ein Begriff, weil er in der
    Hansestadt jahrelang das Musikleben geprägt hat, aber vor einiger
    Zeit durch Frau Young abgelöst wurde. Ich glaube, der Prometeus
    ist das einzige, was es von dem Österreicher auf Tonträger gibt.



    Carl Orff hat den Prometeus als Opern-Oratorium angelegt.
    Er wird in altgriechisch gesungen, wäre etwas für Dich.
    Was Dir bestimmt auch gefallen wird,ist die Vertonung des
    Gilgamesch-Epos von Per Noergard.


    Ansonsten bin ich Deinen Ausführungen aufmerksam gefolgt.


    Vor einiger Zeit habe ich in den Medien verfolgt, daß man
    den Gesang der Buckelwale auf Band aufgenommen hat. Ein
    Zeitgenosse hat auf dem Klavier etwas dazu komponiert und beides
    im Studio gemischt. Die Walfisch-Sonate soll beim Publikum
    gut angekommen sein. 8o


    Herzlichen Gruss
    Engelbert

  • LIeber Engelbert,


    ich hatte auch recherchiert und bedauerlicherweise ebenfalls keine Aufnahme von "Y entonces..." auf CD gefunden...


    Vielen Dank für den Hinweis auf Orffs "Prometheus", den ich nur ausschnittsweise kenne. Freilich etwas ganz und gar anderes als Nonos Werk gleichen Titels.


    Was die Kombination von Tierstimmen und Orchester angeht, wäre mir nur Rautavaaras "Cantus arcticus" eingefallen - da singen freilich keine Buckelwale, sondern Vögel ;-)


    Metzmacher ist als Dirigent immer eine Bank für Neuere Musik, wie ich finde. Gottseidank gibt es einiges mit ihm auf CD, so etwa die kompletten Hartmann-Sinfonien. Auf sein Buch wurde hier ja gelegentlich auch hingewiesen...


    Beste Grüsse,


    C.

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Hallo Engelbert,


    der Name kam mir doch gleich bekannt vor.... :


    Zitat

    Original von Engelbert


    Wenn Du von Minimal-Musik sprichst, fällt mir als erstes Philipp Glass
    ein.


    Und als ich gestern abend in der Bonner Oper das Plakat sah wußte ich auch warum: Bei der Biennale vor 1 oder 2 Jahren wurde seine Oper "Satyagraha" aufgeführt. Ich weiß nur noch, daß das wirklich ein Werk zum `ertrinken, versinken` war ;). Nächstes Jahr soll es wieder aufgenommen werden, mit Mark Rosenthal als Gandhi. (Der sang gestern einen großartigen Jacquino im Fidelio, ohne Erklärung im Programmheft ist man bei dieser Produktion allerdings aufgeschmissen.)


    Grüße
    Sophia

  • Hallo,


    "Como una ola de fuerza e luz" ist momentan auch in einer Einspielung mit dem RSO Leipzig unter Herbert Kegel erhältlich (zusammen mit "Epitaffio" 1 und 3):



    Nono ist bei Kegel in besten Händen (siehe auch die großartige "edel"-Box zur 2. Wiener Schule), im Vergleich zur Abbado-Einspielung ist die Aufnahme noch ein wenig härter. Das Stück könnte ich mir allerdings beim besten Willen nicht jeden Abend anhören. Ich hatte 1999 die Gelegenheit, "Como una ola..." live mit dem NDR SO unter Zender (mit Aimard am Flügel) zu hören. An anderer Stelle in diesem Forum habe ich ja bereits geschrieben, daß die Aufführung für mich so etwas wie ein gestreckter Tritt in die Magengrube war (allerdings saß ich auch viel zu weit vorne, so daß ich die Klangballungen ziemlich direkt abbekommen habe).


    Da steht es mit dem "Prometeo" schon ganz anders. Allerdings hat Claus Recht, wenn er schreibt, daß die CD den Live-Eindruck nur ungenügend wiedergeben kann. Deshalb bin ich Metzmacher auch sehr dankbar, daß er auf dem letzten von ihm verantworteten Hamburger Musikfest weder Kosten noch Mühen gescheut hat, das Stück in der dafür sicher nicht optimal geeigneten Musikhalle aufzuführen.


    Ebenfalls ein Werk, das man live erlebt haben muß, um es wirklich würdigen zu können:



    Insofern gäbe ich es hier mal wirklich ein Stück, das von einem Surround-System (und einer Mehrkanal-Aufnahme à la SACD) wirklich profitieren würde.


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Zitat

    Original von Engelbert
    Die Ausführungen des Forianers C. Huth haben mich sehr beeindruckt


    Über die Suchfunktion habe ich gerade diesen Thread entdeckt, da ich höchstwahrscheinlich am Sonntag in die Intolleranza 1960 gehen werde. Habe noch nie etwas von Nono angehört und bin mir, nach dem hier gelesenen, nicht so sicher, ob ich das verkrafte. Las von sich überschlagenden Stimmen usw.. Bin allerdings schon von Neuinszenierungen im Gärtnerplatz-Theater infiziert =), die ich gut aushalten konnte, mich sogar schwer beeindruckten und begeisterten (Majakowskis Tod und das Beben). Herr Prof. Klemm wird wieder dirigieren und vielleicht auch die Einführung halten, also sicher eine spannende Angelegenheit.
    Hat nun jemand auch mit dieser Komposition von Nono schon Erfahrungen gesammelt und kann ich mich, so unbeleckt, darauf einlassen oder sollte ich doch lieber spätere Termine abwarten und mich einhören, denn dazu wird es jetzt zu spät sein. Hätte ich eigentlich früher dran denken können, aber irgendwie ist mir die Ankündigung auf diese Premiere entwischt. :no: Bin leider zu sehr auf die BSO fixiert.
    Gruß Ingrid

  • Hallo Ingrid,


    ich kann nur sagen: Keine Angst vor "zeitgenössischeren" Klängen. Mir sind einige Werke Nonos bekannt - und es ist ein Komponist, der mich immer wieder beeindruckt, aber das bringt Dich natürlich nicht weiter. Die Frage dürfte eher sein, ob Du insgesamt schon Erfahrung mit neuerer Musik hast und wie Dir diese gefällt. Das Stück selbst hat von seiner Aktualität nichts verloren und ist von der Handlung her keine leichte Kost. Wenn das Theater eine Einführung anbietet, wäre der Besuch sicher empfehlenswert, auch um einen einfacheren Zugang zum Werk zu finden.


    Es gibt eine CD-Einspielung der letzten Stuttgarter Aufführung, die kann ich empfehlen (ich glaube, die ist auch mit einem informativen Booklet ausgestattet) und zur Vorbereitung lässt sich sicher auch das Internet befragen.


    Die Fassung von "Intolleranza" vom Anfang der 60er Jahre dauert etwas mehr als eine gute Stunde - ich würde den Versuch mit Nono an Deiner Stelle einfach wagen.

  • Lieber Alviano,


    herzlichen Dank für die Ermunterung, mich doch an Nono heranzuwagen. Habe gerade auch die Premierenberichte gelesen (der Zeitungsleser ist natürlich ein großes Plus im Wagner- wie BSO-Forum ;)) und die klingen so, wie es wohl werden wird, ein Wagnis für den Zuhörer, der sich darauf einläßt, aber sicher auch eine große Bereicherung. Schade ist bestimmt, dass einzelne Chorteile nur vom Band kommen und dieser immer nur aus dem Hintergrund heraus wirken darf, obwohl er eigentlich die Hauptrolle spielen sollte.
    Sehr hat mir natürlich diese Passage aus der SZ gefallen (hoffentlich darf ich die hier spiegeln :untertauch: )


    "Statt seiner (Stahl) steht, wie schon so häufig, der fabelhafte Ekkehard Klemm am Pult, und Regisseurin Florentine Klepper hat ihn endlich einmal dort hingestellt, wo er hingehört: ins Zentrum, oben auf die Bühne, wo sich Orchester und Chor befinden. Klemm ist ein mitreißender Handwerker, einer, der Rossini so ernst nimmt wie Nono, der federnd befeuern, sensibel begleiten kann, der sich vor nichts fürchtet und neugierig ist, aber nie unkritisch. Der ideale Musiker für solch ein Haus. Nonos lyrisch verzweifelte und hochexpressiv romantische Klage dirigiert er wie die einfachste Sache der Welt. Schlicht und genau schafft er mit den Musikern "atmendes Klarsein", das elegant betörend vom Stillstand sich aufschwingt in gellende Verzweiflung, sich dann entspannt, verflüchtigt. Dazu lässt sich dieses Hausorchester verführen, zu dieser Brillanz kann es fähig sein."


    Auch beim Beben stand er soz. im Mittelpunkt, denn Chor und Orchester waren um und über ihm verteilt (das überbaute Parkett ist Bühne und Orchestergraben zugleich und auch in den Rängen singt der Chor). Wie schon geschrieben, kam ich mit Beben und Majakowski gut klar und deshalb werde ich wohl erst einmal ins kalte Wasser springen und später nacharbeiten, denn so schnell komme ich hier auf dem Land an keine passende CD.


    In der Festspielzeit im Juli wird Herr Klemm dann ja noch einmal so richtig gefordert werden (alle drei Opern kommen dicht hintereinander, Idomeneo ist auch noch mit dabei) und damit einen würdigen Abschied von, wie er schrieb 11 Jahren Arbeit mit dem Ensemble des GPT in München, feiern. Wird nicht so ganz einfach für ihn sein, obwohl er ja inzwischen in Dresden auch mehr als reichlich beschäftigt ist.


    Herzliche Grüße
    Ingrid