Otto Klemperer — Zeitlose Monumentalität?


  • Wenn ich mich nicht verzählt habe, gibt es sage und schreibe 21 Threads über Herbert von Karajan, zwölf über Karl Böhm und immerhin noch sechs über Leonard Bernstein. Dagegen sieht Otto Klemperer mit mageren zweien fast schon alt aus. Zeit also, das ein wenig richtigzustellen.


    Klemperer und Monumentalität — für viele ein Synonym. Sieht man genauer hin, wird deutlich, dass der Dirigent noch bis in die 50er Jahre hinein oft rasend schnell unterwegs war. Insofern sprechen wir hier eigentlich primär über die Zeit von ca. 1955 bis 1971, als er seine letzten Aufnahmen machte.


    Klemperers Beethoven, für den er so berühmt war, dass ihn die Leute ständig hören wollten, wird oft das Attribut "wie in Marmor gemeißelt" verliehen. Meist bezieht man sich auf die berühmten Studioaufnahmen für EMI (1955—1960); in den späteren Aufnahmen wird dies sogar noch deutlicher. Klemperer stellt Beethoven wie einen Titan dar, erschafft regelrecht Monumentalbauten. Gleichwohl war sein Stil nüchtern-sachlich, ohne Sentimentalität. In einem Interview von 1960 meinte Klemperer, sein Kollege Bruno Walter sei ein Romantiker, er dagegen überhaupt nicht. Vielmehr sei er ein Immoralist.


    Während sein Beethoven gewissermaßen auf einem heiligen Sockel steht, ist bereits sein Mozart umstrittener. Die einen meinen, er rücke auch diesen mit seinem Monumentalstil in Beethoven-Nähe, die anderen sprechen von "Verfehlungen auf hohem Niveau". Etwas Ähnliches ließe sich über einen Haydn sagen.


    Noch kontroverser wird seit seinem Erscheinen Klemperers Schumann-Zyklus diskutiert. Hier muss angemerkt werden, dass dieser über einen Zeitraum von neun Jahren, zwischen 1960 und 1969 entstand, und besonders die "Frühlingssymphonie" (1965), die Zweite (1968) und die "Rheinische" (1969) unbestreitbar vom Spätstil des Dirigenten geprägt sind. Verträgt Schumann keine Monumentalität?


    Deutlich unumstrittener sind dann die von Klemperer interpretierten Spätromantiker, besonders Brahms, Bruckner und natürlich Mahler. Begeisterungswürdig aber auch sein Dvořák und Tschaikowskij. Sibelius liegt leider nicht auf Tonträger vor, wurde aber von Klemperer dirigiert (etwa 1935 die Zweite zum 70. Geburtstag des Komponisten).


    Ein ganz eigenes Thema wären Klemperers Barock-Aufnahmen (etliches von Bach, Händels "Messiah").


    Ist Klemperers Monumentalität nun zeitlos oder mittlerweile doch schon etwas antiquiert? Passt sie nur zu bestimmten Komponisten, und wenn ja: warum? Schließlich: Was sind eurer Meinung nach treffende Aufnahmen-Beispiele für diesen Monumentalstil Klemperers?

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Zu Klemperers Aufnahme von Mahlers Neunter will der Begriff des Monumentalstils gar nicht richtig passen. Dies ist eine kühle, intellektuell geschärfte, alles potentiell larmoyante, sentimentale vermeidende Einspielung. Faszinierend in seiner Unerbittlichkeit. Nicht der einzige mögliche Zugang zu diesem Stück (Bernstein und Karajan fanden einen ganz anderen, ebenso Levine und Giulini), aber für mich nach wie vor einer der überzeugendsten.


  • Ich denke, daß Klemperer in gewisser Weise aus der Not eine Tugend gemacht hat. Er hat die gesundheitlichen Einschränkungen seiner Physis, die notgedrungen mit einer Verlangsamung der motorischen Bewegungsabläufe einhergingen, für eine Intensivierung des Ausdrucks verwandt, die Strukturen der Komposition offengelegt, sie gewissermaßen skelettiert und einsehbar gemacht. Mir fiel dies neulich wieder beim Anhören seiner Mahler-7 auf, eine Aufnahme, die ja nicht unumstritten ist.
    Der Ausdruck "Unerbittlichkeit", den lutgra verwendet, trifft dies m.E. recht gut. Man kann dies auch im Endergebnis als monumental empfinden, wobei ich diesen Ausdruck im Rahmen der heute weit verbreiteten stromlinienartigen Anpassungsbereitschaft durchaus nicht als negativ aufgefasst wissen möchte.


    Viele Grüße


    J.Schneider

  • Ich habe vorhin auch überlegt, welche Aufnahme ich denn als Beispiel für die "zeitlose Monumentalität" Klemperers als erstes erwähnen soll. Auch ich dachte an die Aufnahme von Mahlers 7. Symphonie mit dem New Philharmonia Orchestra von September 1968. So umstritten sie sein mag: Für mich ist sie genau richtig. Und monumentaler wurde das gewiss niemals dirigiert (Spielzeiten der einzelnen Sätze: 27:47 - 22:08 - 10:28 - 15:42 - 24:15).



    Mittlerweile befindet sie sich auf dieser neu erschienen Box sämtlicher Mahler-Aufnahmen, die Klemperer aufnahm, und ist dort günstiger erhältlich als gebraucht einzeln.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Wie in den anderen Threads schon erwähnt, war Klemperer ja gar nicht durchweg "monumental".
    Er war wohl schon immer ein zwar "expressionistischer", aber auch "strenger" und moderner Dirigent. Der romantisch-subjektive, agogisch flexible Zugang scheint ihm eher fern gewesen zu sein. Es gibt leider sehr wenig aus den 30er Jahren (und davon kenne ich auch nichts). Von dem, was ab ca. 1950 vorliegt, gibt es einige Aufnahme, die zu den zügigsten der Diskographie gehören: Mahlers 2., Bruckners 4. und 7., selbst die Studioaufnahmen dieser Werke aus den 1960ern sind noch auf der flotteren Seite. Ebenso Brahms-Sinfonien und Requiem und sogar einzelne Mozart-Sätze (die "kleine" g-moll zB, immer noch eine meiner favorisierten Einspielungen).
    Andererseits sind schon einige Beethoven-Sätze in den 1950ern ziemlich breit genommen, wenn auch meist noch im Rahmen. Meiner Erinnerung nach ist die Strenge, die manchmal an Steifheit grenzen kann, aber auch schon in diesen Einspielungen vorhanden. Streng und wuchtig passt meistens, außer vielleicht bei einigen späten Aufnahmen, bei denen die Konzentration nachzulassen scheint, aber die Tempi werden größtenteils erst Anfang der 1960er ungewöhnlich breit.
    Die Mozart-Sinfonien (die Opern kenne ich nicht) sind alles andere als elegant, die Werke werden als "große" Werke genommen, die Transparenz und die präsenten Holzbläser sind ein Bonus. Ich kenne davon auch nicht alle und manche, wie die große g-moll sind mir zu lahm, aber mitunter übersehene Werke wie die "Pariser" und die Nr. 34 C-Dur profitieren von diesem "wuchtigen" Zugang.


    Ich finde es schwierig, das pauschal zu beurteilen; man kann sicher ohne weiteres bei einigen Klemperer-Aufnahmen leicht Defizite ausmachen (eben ein Mangel an "Eleganz". Spritzigkeit u.a.)
    Die Stärken liegen in der Nüchternheit, der Unsentimentalität und nicht zuletzt auch in der oft für die Zeit und überhaupt außerordentlichen Transparenz des Klangs, auch wenn das vielleicht den "Klangzauber" etwas einschränken mag.

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • Die von Johannes vorgebrachten Einschränkungen sind sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Noch Anfang der 60er Jahre gibt es einige Beispiele für relativ gesehen gar nicht so langsame Aufnahmen. Der Schnitt mag um 1965 angesetzt werden, wobei es Ausreißer davor und danach gibt. Die Adagios hat Klemperer noch in seinen allerletzten Aufnahmen vergleichsweise zügig dirigiert. Fast schon kurios ist dies etwa in seiner Aufnahme der "Pathétique" von Tschaikowskij, wo jeder Satz bis auf den dritten ziemlich flott daherkommt, der dritte mit "Allegro molto vivace" umschriebene hingegen so langsam wie sonst nirgendwo. Die Aufnahme ist trotzdem toll.


    Die Frage ist ja auch, ob sich Monumentalität einzig durch langsame Geschwindigkeit ausdrückt. Ich glaube mitnichten. Beispiel: Klemperers Aufnahme der 25. Symphonie von Mozart (1956) ist sehr forsch und doch monumental.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Das Problem ist, wenn man "monumental" hauptsächlich mit breiten Tempi assoziiert oder begründet, dies auf einen erheblichen Teil von Klemperers Interpretationen gar nicht zutrifft.
    (Nicht auf Brahms, auf Mahler und Bruckner nur im Falle einiger sehr später Aufnahmen, sonst ist hier eher das Gegenteil der Fall, auf Mozart und Beethoven häufiger, aber auch nicht durchgehend, auch Schuberts "Unvollendete" ist eher auf der flüssigen Seite)
    Also hängt die angebliche "Monumentalität" nicht nur daran, oder es ist kein passender Ausdruck zur Charakterisierung. Was macht denn zB Mozarts kleine g-moll "monumental"? ;)

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  • Gerade die kleine g-moll Sinfonie wird von Klemperer alles andere als wuchtig oder monumental gespielt. Klemp ist ausgesprochen zügig unterwegs (das Umgekehrte hatte ich vor vielen Jahren beim Kauf der LP's erwartet). Diese Zügigeit fällt besonders im Vergleich mit einer frühen mono-Aufnahme des Werkes unter Georg Solti (damals noch nicht "Sir") auf (die allerdings auf zwei Seiten einer 25-cm-LP passen musste und daher ohne die WH auskommen muss). Insgesamt war Klemperes Mozart meiner damaligen Wahrnehmung von Mozart fast schon eine Art Kulturschock angesicht der Direktheit, mit der in diesen Aufnahmen musiziert wird.


    Monumentalität würde ich auf seine Aufnahme von Bruckners 8. in Anspruch nehmen. Klemperer selbst schrieb damals für den Klappentext, dass das Werk Längen enthielte, die er der Verständlichkeit halber ausgelassen habe. Will heißen dass er Striche vorgenommen hat. Angesichts der eingeschränkten Laufzeit einer LP-Seite vermute ich allerdings eher, dass der vierte Satz, hätte er den samt der gestrichenen Stellen gespielt, nicht mehr auf eine Plattenseite gepasst hätte (was das betrifft ist die Erfindung der CD wirklich hilfreich. Früher wäre die einzige Alternative zur LP, die nicht permanent umgedreht werden musste, das Spulentonband gewesen, die es ja auch bespielt zu kaufen gab). Seine Aufnahmen der vierten müsste ich im Sinne dieses Themas einmal nachhören: Klemp hat die Sinfonie mono für VOX (in Deutschland Pantheon) aufgenommen und stereo für die EMI. Von heute aus zurückerinnert war mir tatsächlich die ältere mono-Aufnahme die sympathischere, weil sie in der Tat zügiger war, was besonders dem vierten Satz gut bekommen ist. Aber das muss ich noch einmal nachhören.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

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  • Ich habe über Klemperers Mozartbild nachgedacht und mich gefragt, wie man es denn Beschreiben könnte: Ist "monumental" der richtige Ausdruck? In gewisser Hinsicht schon - aber andrerseits ist sein Mozart auch nicht unbeweglich, bzw starr. Wirft man Klemperer vor, daß er Mozart "in Beethovennähe" rückt, so stimmt das auch nur bedingt - er rückt Mozart in die Nähe eines "gigantischen" Beethovenbildes, das allerdings in gewisser Hinsicht auch ein Symbol einer Epoche war - gewissermaßen eine Projektion ("Der Titan") die heute auch schon hinterfragt wird. Ich würde sagen, Klemperer dirigiert einen "bedeutenden" Mozart, was an sich keine Tempofrage sein muß - wohl aber sein kann. Ich habe Klemperers Mozart - sowohl die Sinfonien, als auch das was ich an Opern von ihm kenne - niemals als "Fehlinterpretation" gedeutet, sondern als andere Spielart , gewissermaßen eine alternative Sichtweise. Bei Beethoven dürfte ja seine Lesart ohnedies einem Gutteil der Klassikhörer entgegenkommen.
    ich halte Klemperer für zeitlos - niemals jedoch für "antiquiert" - Andere Generationen mögen das anders sehen - es tangiert mich nicht.


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    Alfred

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  • Ich höre mir gerade die Studioaufnahme von Mozarts 25. Symphonie anlässlich unserer Diskussion erneut an. Ja, sie ist zügig (das habe ich weiter oben mit "forsch" eigentlich auch gemeint), aber trotzdem klingt sie für mich "groß", "bedeutend" (bin da ganz bei Alfred). Das ist insofern keine Frage des Tempos. Die Interpretation hat etwas Zeitloses, insofern eben doch wieder wie ein Monument, das die Zeiten überdauert. Die Spielzeiten: 6:43 - 3:51 - 3:40 - 5:07.


    Es soll übrigens noch eine ganz späte Aufnahme dieses Werkes mit dem Jerusalem Symphony Orchestra vom 22. Juni 1971 geben. Leider habe ich keine Ahnung, wie man da rankommen soll. Ich vermute aber, dass sich das Tempo im Vergleich zu der 15 Jahre älteren Aufnahme stark verlangsamt hat.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ich habe von Klemperer nur eine Aufnahme, den Don Giovanni mit Nicolai Ghiaurov. Diese Aufnahme ist komplett inkorrekt, wenn man sie etwa mit der Siepi-Aufnahme vergleicht (Siepi habe ich in Wien live als Giovanni und Figaro erlebt) oder mit Aufnahmen der historischen Aufführungspraxis. Trotzdem ist es meine Lieblingsaufnahme. Nirgendwo sonst gibt es eine solche Wucht, eine solche Tragik, eine solche körperlich spürbare Spannung. Was René Jacobs theoretisch einfordert, den Giovanni als großen Verbrecher und Versager, als tragische Figur darzustellen: er schafft es nicht, mit seinen Sängern das zu verwirklichen. Aber Klemperer schafft es. Vor allem die Schlussszene mit Komtur, Elvira, Giovanni und Leporello: in allen Aufnahmen und in allen Aufführungen habe ich nie etwas Vergleichbares gehört. Dieser Giovanni rückt für mich damit in den Kreis einer Oper von Janacek, der man nicht gleichgültig gegenüber sein kann.

    In keiner Gegenwart kann gewusst werden, wie sie hätte anders werden können, als sie geworden ist (Jörg Maurer).

  • ... Das ist insofern keine Frage des Tempos. Die Interpretation hat etwas Zeitloses, insofern eben doch wieder wie ein Monument, das die Zeiten überdauert. Die Spielzeiten: 6:43 - 3:51 - 3:40 - 5:07.


    Um nicht falsch verstanden zu werden: der seinerzeitige "Kulturschock" bestand bei der Klemperer-Aufnahme der Sinonien darin, dass dem Mozart die "Galanterie" ausgetrieben war. Das war für mich damals ein Novum (liegt knapp 30 Jahre zurück). Und durchaus spannend. Ich wäre nicht auf die Idee verfallen, diesen Mozart als einen Irrtum zu betrachten, im Gegenteil: das habe ich als sehr bereichernden Zugang empfunden.


    Was wir ein weniger deutlicher fassen sollten ist de Begriff "Monumentalität". Gerade mit der Aufnahme der kleinen g-moll Sinfonie verbinde ich nichts Monumentales. Die Sätze 1 und 3 sind zwar sehr aufbegehrend, fordernd, 2 und 4 hingegen wieder durchaus von Zartheit (Andante) und Eleganz (Allegro) gepägt. Daran kratzt auch Klemp nicht. Eher würde mir bei Klemperers Mozart bei den Sinfonien im Allgemeinen und bei der kleinen g-moll der Begriff "Entschlackung" einfallen.


    Meinst Du mit Monumentalität die Erhöhung eines Werkes zum Monument im Sinne der Versteinerung eines bewegten Bildes (Lessings Begriff des "fruchtbaren Augenblickes" dabei folgend) oder die spezifische zeitlose Qualtität der Aufnahme im Sinne der Aufnahme als Denkmal?


    Ich will damit nicht wortklauberisch sein, möchte aber auch an Dir nicht vorbeireden, zumal wir wohle beide die Begeisterung für Otto Klemperer teilen (gilt bei mir besonders für seinen Offenbarungs-Bruckner).


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  • Ich glaube, ein Problem ist bei all den Versuchen, den bekannteren Aufnahmen von Künstleren aus der Generation Klemperers einen besonderen "Zeitstil" zuzuschreiben, folgendes: Gerade bei Klemperer wurden die bekanntesten Aufnahmen von jemandem gemacht, der über 70 war und über 4 Jahrzehnte Karriere hinter sich hatte. In den 1920ern und 30ern war Klemperer bekanntlich einer der wesentlichen Dirigenten für damals zeitgenössische Musik (u.a. an der "Kroll-Oper"). Was auch immer seinen Stil ausmachen mag, er war vermutlich schon Jahrzehnte vor seinen EMI-Aufnahmen ab den späten 1950ern geprägt. Dass das kein "Zeitstil" war, wird offensichtlich, wenn man zB mit Toscanini oder Furtwängler vergleicht. Die bilden ja stilistisch beinahe ein gleichseitiges Dreieck.


    Deswegen ist es auch wenig aussagekräftig, zu behaupten, "monumentaler" Beethoven (Bruckner, Brahms etc.) hätte eben einem Zeitgeschmack entsprochen. Denn wenn man mit monumental breite Tempi und wuchtigen Klang meint, ist Toscanini nicht monumental, wenn man eher nüchternen Zugang und stetige Tempi meint, ist Furtwängler nicht "monumental" usw.
    Obwohl ich viele Aufnahmen Klemperers sehr schätze, ist er meinem Eindruck nach nicht besonders flexibel beim Eingehen auf spezifische Besonderheiten unterschiedlicher Komponisten. Es stimmt zwar für viele Interpreten, dass sie alles in einem ähnlichen Stil dirigieren, aber der späte Klemperer ist schon ein extremer Fall.
    (Man vergleiche zB mal Furtwänglers Haydn (Sinfonie 88) mit seinem Beethoven: Der Haydn ist erheblich "klassischer" dirigiert, ohne die Extreme, die man oft bei seinen Beethoven-Interpretationen findet.)
    Daher kann ich verstehen, dass man zB seinen Mozart (u. teils auch Haydn) zu wenig elegant, zu wuchtig etc. findet. (Mir gefällt das teilweise gerade gut, weil ich den Porzellanpuppen-Mozart nicht leiden kann, teilweise ist es aber auch zu klobig.)
    Ich kenne von den Opernaufnahmen nur den Fidelio, der fraglos eine außerordentlich gute Aufnahme ist, aber selbst bei dieser wenig opernhaften Oper bleibt für mich das Theatralische oft etwas auf der Strecke (was freilich ein Problem vieler Studio-Aufnahmen ist). In einem englischsprachigen Forum meinte mal jemand, Klemperers Zauberflöte klänge eher wie eine Messe, worauf jemand entgegnete: ja, wie eine Totenmesse... Verdi oder Bizet mit Klemperer kann man sich wohl nur schwer vorstellen.

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  • Mahlers "Das Lied von der Erde" hat Klemperer 2 mal aufgenommen:


    Die erste Aufnahme stammt von 1951 in Wien


    mit Anton Dermota, Elsa Cavelti und den Wiener Symphonikern


    Die einzelnen Abschnitte und Zeiten:


    1 Das Trinklied vom Jammer der Erde 7:01
    2 Der Einsame in Herbst 9:03
    3 Von der Jugend 3:17
    4 Von der Schönheit 6:26
    5 Der Trunkene im Frühling 4:06
    6 Der Abschied 22:34


    Gesamtspieldauer: 52:27


    Hier wurde das Werk von beiden Sängern und vom Orchester sehr lyrisch, doch in flottem Tempo angegangen. Das Jugendlied Nr.3 klingt aus Dermotas Mund beinahe wie ein Operettenschlager. Stimmschön auch die Schweizer Mezzosopranistin Elsa Cavelti. Aber monumental?


    Ab 1964 entstand dann in London folgende Aufnahme:


    mit Fritz Wunderlich, Christa Ludwig und dem Philharmonia Orchestra London


    Die einzelnen Abschnitte und Zeiten hier:


    1 Das Trinklied Vom Jammer Der Erde 8:07
    2 Der Einsame Im Herbst 10:11
    3 Von Der Jugend 3:43
    4 Von Der Schönheit 7:47
    5 Der Trunkene Im Frühling 4:44
    6 Der Abschied 29:33


    Gesamtspieldauer:1:04:02


    Für mich DIE Referenzaufnahme dieses Werkes. Sie hat ihren Siegeszug durch die Welt angetreten. Jeder kennt sie.
    In Japan werden damit Höchstpreise erzielt.


    Ein Beispiel zeitloser Monumentalität von Werk und ausführenden Künstlern. :angel:

  • Sollte "Der Abschied" in der 1951er Aufnahme ungekürzt sein (ich habe die irgendwo, aber vermutlich höchstens einmal gehört), ist das wohl auch eines der schnellsten Aufnahmen dieses Stücks überhaupt.
    Selbst die 15 Jahre später Aufnahme ist im ersten Lied noch deutlich zügiger als viele andere, sonst normale und nur in "Von der Schönheit" etwas langsam. Was aber hauptsächlich den Mittelteil betrifft, bei dem die Pferde vielleicht ein bißchen zu wuchtig dahergaloppieren...

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  • Meinst Du mit Monumentalität die Erhöhung eines Werkes zum Monument im Sinne der Versteinerung eines bewegten Bildes (Lessings Begriff des "fruchtbaren Augenblickes" dabei folgend) oder die spezifische zeitlose Qualtität der Aufnahme im Sinne der Aufnahme als Denkmal?


    Ich will damit nicht wortklauberisch sein, möchte aber auch an Dir nicht vorbeireden, zumal wir wohle beide die Begeisterung für Otto Klemperer teilen (gilt bei mir besonders für seinen Offenbarungs-Bruckner).


    Lieber Thomas,


    danke für Deine Ausführungen.


    Ich meinte damit das spezifisch Zeitlose in diesem Zusammenhang.


    Monumental im Sinne von gigantisch trifft wohl in erster Linie auf die (ganz) späten Aufnahmen von Klemperer zu. Womit wir bei einem weiteren Beispiel wären:


    Dieses am 30. Mai 1969 im Herkulessaal der Münchner Residenz stattgefundene und glücklicherweise für die Ewigkeit dokumentierte Konzert mit Beethovens 4. und 5. Symphonie könnte geradezu als idealtypisch für den Monumentalstil Klemperers stehen. Mir sind keine gewaltigeren Interpretationen dieser beiden Werke bekannt. Sowohl die Vierte (13:58 - 11:35 - 6:58 - 8:43) als auch die Fünfte (7:41 - 12:11 - 6:52 - 11:04) (ohne Wiederholungen gespielt) stellen m. E. Gipfelpunkte der Diskographie dar. Noch sehr viel deutlicher als in den Studioaufnahmen kommt hier der Titan Beethoven zum Vorschein. Die Orchester- wie auch die Klangqualität ist in Anbetracht des Alters hervorragend.


    Mit diesen Aufnahmen verbinde ich zudem mein persönliches "Klemperer-Erweckungserlebnis". Ich weiß noch, dass ich früher gar kein großer Fan dieses Dirigenten war (heute nicht nachvollziehbar). Durch Zufall gelangte ich mal an diese Aufnahmen, wollte eigentlich nur kurz in die Fünfte reinhören. Bereits nach wengen Augenblicken völlig gebannt, konnte ich nicht anders, als mir das ganze Werk anzuhören. Und was war das für eine Offenbarung. So wuchtig hört man den berühmten Beginn nirgendwo, so geheimnisvoll-mysteriös leitet niemand vom Scherzo zum Finale über, so gewaltig entlädt sich dieses nirgends. Kurzum: Die Aufnahme für die einsame Insel.


    Liebe Grüße
    Joseph
    :hello:

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Klemperer nahm die 40. Symphonie von Mozart einige Male auf. Am berühmtesten wurde wohl die EMI-Studioaufnahme von 1956 (8:41 - 8:56 - 4:14 - 5:10) (mit Wiederholung im Kopfsatz). Es gibt eine weitere Studioaufnahme von 1962, die meist das Nachsehen hatte und in der er die Wiederholung im Kopfsatz auslässt (6:39 - 8:59 - 4:23 - 5:18). Wie man sieht, veränderten sich die Tempi nur höchst marginal. Anhand von vergleichbaren, etwa zur selben Zeit entstandenen Aufnahmen wird ersichtlich, dass Klemperer nicht um soviel langsamer ist: Böhm mit Berliner Philharmonikern (8:25 - 8:00 - 4:44 - 5:02) etwa ist nur im Andante um einiges flotter.


    Im November 1970 gab Klemperer mit seinem New Philharmonia Orchestra ein Konzert in der Royal Festival Hall, in welchem das Werk abermals gespielt wurde (zusammen mit dem 25. Klavierkonzert mit Alfred Brendel). Die Tempi änderten sich hier nun deutlich merkbar, besonders in den beiden ersten Sätzen: 9:59 - 10:00 - 4:41 - 5:45. Die Grundstruktur änderte sich nur wenig, doch nahm die Wuchtigkeit m. E. doch deutlich zu. Klingt etwa der Kopfsatz 1956 noch nicht so bedeutungsschwer, so meint man 1970 schon fast das Klopfen des Komturs in der berühmten Einleitung zu vernehmen. Überhaupt nahm die tendenziell bereits 1956 vorhandene Beethoven-Nähe noch deutlich zu. Zumindest mein persönlicher Eindruck ist indes, dass diese Aufnahme nicht langsam oder gar langweilig wirkt. Das Orchester spielt hörbar engagiert und liefert somit neuerlich den Beweis, dass auch der 85jährige Klemperer noch durchaus in der Lage war, seinen Klangkörper auch unter Live-Bedingungen zusammenzuhalten. Ein wichtiges Dokument für den späten Stil Klemperers, welches eine technisch aufbereitete Neuveröffentlichung, etwa beim verdienstvollen Label Testament, wert wäre.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid


  • In dieser Ausgabe ist die Tonqualität deutlich besser, insofern eine Kaufempfehlung auf jeden Fall wert.


    Die Aufnahmen der 40. Symphonie sowie des 25. Klavierkonzerts (die ebenfalls aufgeführte 25. Symphonie wurde leider nicht mitgeschnitten) widerlegen eindrucksvoll, dass der alte Klemperer das Orchester am Ende seiner Dirigentenlaufbahn nicht mehr im Griff gehabt hätte. Die Symphonie ist einfach noch langsamer geworden als in den früheren Aufnahmen, das Klavierkonzert sogar geringfügig schneller als die Studioaufnahme mit Barenboim von 1967.


    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Eine Woche vor der in Beitrag 16 genannten Aufnahme der 4. und 5. Symphonie von Beethoven, nämlich am 23. Mai 1969, gab Klemperer mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein Mendelssohn-Konzert: Es wurden die 3. Symphonie, die "Hebriden"-Ouvertüre sowie "Ein Sommernachtstraum" gespielt (letztere beiden wurden scheinbar nicht von EMI veröffentlicht). Sowohl die "Schottische" als auch die Ouvertüre sind wahrlich in einem Monumentalstil dargeboten (den "Sommernachtstraum" kenne ich leider nicht, wird aber wohl in dieselbe Richtung gehen).


    Spielzeiten: 16:46 - 5:43 - 11:18 - 11:00


    Im Vergleich zur "offiziellen" Philharmonia-Aufnahme (1960) wurde Klemperer nochmal langsamer, erzielt m. E. aber eine wiederum unglaubliche Intensität. Bemerkenswert ist die Finalcoda, die er selbst arrangiert hat, scheinbar aber nach Mendelssohns eigenen Vorlagen. Der Komponist war, soviel ich weiß, selber nicht wirklich zufrieden mit der Coda. Klemperers Version klingt düsterer und insofern wohl wirklich "schottischer". Ich muss nach einem Vergleichshören sagen, dass mir die 1969er Lösung noch besser gefällt.


    Hier noch der Link zu der genannten "Hebriden"-Ouvertüre vom selben Tag:


    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Solange ich auf der Suche bin nach dem Wesen der Musik, solange komme ich an Klemperer nicht vorbei.
    All die Attribute wie graniten, eisern, monumental....
    Eigentlich wohl nur Abbild seiner Suche, seiner lebenslangen- und nahen.
    Sein später Beethoven-Zyklus ist all das, was die Attribute ihm "anhängen", aber doch noch viel mehr.
    Die Mahler-Neunte aus Jerusalem von 1970 ist langsam, aber bewegt ist sie doch.
    Monumental nirgends, eher ausgehört in Details, die man sonst nie hört.
    Sein Mozart in Jerusalem von 1970 dem ganz ähnlich.
    Transparent und oft rasant wirkend obwohl er objektiv langsam ist.


    Passt zum Spiegel-Artikel mit Barenboim "Wenn Monster weinen".
    Tempo ist eine eher nebensächliche Frage, weil sich Zeit einfach nicht wirklich fassen lässt.


    Viele unserer Urteile sind überschattet von Aussagen Walter Legges.
    Klemperer das Orchester nicht im Griff? Man siehe den späten Zyklus Beethoven! Unorthodox sicher, Legges Aussage aber, Klemp würde ein piano nicht kennen, wird sofort widerlegt.
    So oft "wedelt" er ab und verlangt Zwischentöne.
    Das zu erreichen, fordert ihm oft sichtbar Kräfte ab, die ihm nicht mehr zur Verfügung stehen.
    Sein Bonmot aber: "Da sitzt der Pianist, hier sitze ich. Aber wo sitzt Beethoven?" unterstreicht sein Ringen.


    Ohne seine Platten, seine Mitschnitte, wüsste ich heute weitaus weniger von Musik und wäre so viel ärmer.
    Szell allein kann seine Lesart nicht ersetzen - und schon gar nicht die der Jetset-Dirigenten.
    Ja, er ist ein Gigant!
    In dem, was er sagt. Wie er es sagt, darüber kann man streiten oder es einfach respektieren.
    Unsere Kleinlichkeit wird er überleben.


    Herzliche Grüße,
    Mike

  • Otto Klemperer, der Dirigenten-Gigant des 20. Jahrhunderts, wurde am 14. Mai 1885 geboren und starb am 6. Juli 1973. Zu seinem Geburtstag habe ich die Box mit den Mozartopern ausgesucht:



    Heute ist sein 130. Geburtstag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Heute ist Otto Klemperers Todestag, zu dem ich diese mir sehr teuere Box aus meiner Sammlung ausgesucht habe:



    Heute ist sein 42. Todestag.



    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Hallo,


    mir war ganz entfallen, daß Klemperers Todesdatum (6.7.) und Mahlers Geburtstag (7.7.) nur einen Tag auseinanderliegen!


    Hier noch eine Literaturempfehlung:


    Eva Weissweiler: Otto Klemperer. Ein deutsch-jüdisches Künstlerleben; Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-04179-8


    Viele Grüße


    J.Schneider

  • Otto Klemperer ist auch meiner liebsten Dirigenten, dem ich viele wunderbare Interpretationen verdanke, aber auch einige, mit denen ich nicht so viel anfangen. Es sind fast ausschließlich Aufnahmen, die Klemperer in den späten 60ern oder Anfang der 70er aufnahm. Seine Schumann Sinfonien, abgesehen von der 4., die früher aufgenommen wurde als die anderen, empfinde ich als "bleischwer"

    Lieber Norbert,


    zunächst einmal einen schönen Pfingstsonntag!


    Es ist sicher richtig, daß Klemperers Kräfte und Konzentration ab ca. Mitte der 60er Jahre rapide abnahmen, und trotzdem hat er auch in dieser Zeit noch Tondokumente hinterlassen, die berühren und beglücken. Ich denke da vor allem an die Mitschnitte aus München, mit den Beethoven-Sinfonien Nr. 4 & 5 und den Mendelssohn-Sinfonien Nr. 3 u. 4. Natürlich sind das keine Standard-Interpretationen, die man als einzige und endgültige empfehlen könnte, aber sie zeugen noch immer von einer großen Künstlerpersönlichkeit und geben Einblicke in die Werke, die einem anderwärts verschlossen bleiben.

    Ganz davon abgesehen, ist es für mich ein Zeichen von Größe und Charakterstärke, daß dieser Mann, der 1933 mit Schimpf und Schande von den Nazis aus Deutschland vertrieben wurde (dabei hatte er noch kurz zuvor wegen seiner künstlerischen Verdienste die Beethoven-Medaille aus der Hand des Reichspräsidenten von Hindenburg verliehen bekommen), schon kurz nach Beendigung des Krieges, allerdings nur als Gast, wieder in seine alte Heimat zurückkehrte und Konzerte gab. Viele Mitschnitte aus Berlin, Köln, München etc. geben davon Zeugnis. Besonders hervorheben möchte ich die diversen Aufzeichnungen aus Köln (1950er Jahre, mit dem WDR-Orchester).


    Der Schumann-Zyklus von EMI war ja eigentlich gar nicht als GA geplant. Klemperer hatte 1960, noch unter der Regie von Walter Legge, die Vierte aufgenommen. Die anderen Sinfonien folgten in den Jahren 1965 (Nr. 1), 1968 (Nr. 2) und 1969 (die "Rheinische").

    Ich stimme Dir zu, wenn Du die Vierte von 1960 hervorhebst, aber ich höre auch die anderen in seiner Auslegung sehr gerne. Sie sind so völlig aus dem Rahmen des üblichen, die Frühlingssinfonie bleibt bei ihm den zarten Farben, dem geheimnisvollen Wachsen der Natur einiges schuldig, dafür bricht bei ihm der Frühling mit elementarer Gewalt aus und treibt den Winter mit Vehemenz vor sich her. Ich denke da immer an die Beschreibungen der Gräfin Dönhoff oder von Arno Surminski, die den plötzlichen, über Nacht hereinbrechenden Frühlingsbeginn in Ostpreußen so anschaulich geschildert haben.

    Die zweite scheint mir am problematischsten zu sein, aber immerhin gelingt Klemperer eine wunderbare, ausdrucksvolle Auslegung des 3. Satzes "Adagio espressivo". Schöner kann man das nicht machen.

    Und die 3. Sinfonie, die als letzte aufgenommen wurde, hat IMO ebenfalls großartige Momente, z.B. die monumentale Introduktion des Kopfsatzes, und vor allem gefällt mir der 4. Satz "Feierlich" ganz besonders. Die erhabene Prachtentfaltung der darin nachempfundenen Kardinalserhebung im Kölner Dom kommt bei ihm ganz einzigartig zum Ausdruck.

    Mahlers Nr. 7 ist fast die einzige Studio-Einspielung Klemperers, die ich nicht habe. Zu Mahler habe ich bis heute nur einen sehr begrenzten Zugang gefunden (besitze aber Klemperers Aufnahmen von Nr. 2, 4 u. 9.

    Bruckner 8: da kenne ich keine Aufnahme mit Klemperer, und bei Nr. 9 ziehe ich Schuricht (EMI) und Karajan (DGG, 1966) vor. Klemperer ist da ein wenig starr.


    Eigentlich gehört dieser Beitrag hier gar nicht hin, aber ich wußte nicht, wie ich in einem Klemperer-Thread auf Deinen Beitrag #191 dirket Bezug hätte nehmen können. Deshalb meine Bitte an die Moderation um Verschiebung nach dort, am besten in "OTTO KLEMPER - ZEITLOSE MONUMENTALITÄT". Danke im voraus.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Der Schumann-Zyklus von EMI war ja eigentlich gar nicht als GA geplant. Klemperer hatte 1960, noch unter der Regie von Walter Legge, die Vierte aufgenommen. Die anderen Sinfonien folgten in den Jahren 1965 (Nr. 1), 1968 (Nr. 2) und 1969 (die "Rheinische").

    Ich stimme Dir zu, wenn Du die Vierte von 1960 hervorhebst, aber ich höre auch die anderen in seiner Auslegung sehr gerne.

    Ich auch, lieber Nemorino! Die 7. Mahler von ihm habe ich auch nicht. Genau die würde mich aber interessieren! Die 4. gerade im Vergleich mit Mengelberg ist mir ein bisschen zu ernst und streng für eine Humoreske. Aber Elisabeth Schwarzkopf ist natürlich sehr hörenswert und auf ihre Weise unglaublich - obwohl sie das Lied vom himmlischen Leben alles andere als unschuldig singt, wie es eigentlich sein soll! Unverzichtbar von ihm ist natürlich das Lied von der Erde mit Fritz Wunderlich und Christa Ludwig.


    Liebe Grüße

    Holger

  • Otto Klemperers Aufnahme der 7. Sinfonie fällt insbesondere durch unglaublich langsame Tempi auf: 27.47, 22.08, 10.28, 15.42 und 24.15. Im Vergleich dazu Rafael Kubelik (Audite): 19.48, 15.27, 9.23, 11.53 und 16.27.


    Ich habe sie sehr lange nicht mehr gehört, aber als sehr problematisch in Erinnerung, eben wegen der extremen Tempi.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Bruckner 8: da kenne ich keine Aufnahme mit Klemperer

    Lieber Norbert,


    zunächst vielen Dank für die Überleitung des Beitrags hierher.

    Natürlich gibt es eine Bruckner 8 mit Klemperer, ich habe das heute früh mit der Mahler 8 verwechselt, sorry! Aber ich habe auch Bruckners Achte nicht mit Klemperer, sondern nur die Nr. 4 bis 7 und die Neunte. Warum Bruckners "schwerster Brocken" fehlt, kann ich jetzt nicht sagen. Die Siebente war übrigens meine erste Bruckner-Aufnahme überhaupt, sie hat mich geprägt und ist bis heute meine liebste geblieben.


    Um noch einmal auf Schumann zu kommen: Es gibt auch eine schöne Einspielung des Klavierkonzerts mit der ungarischen Pianistin Annie Fischer (Aufnahme: 1960/62, Abbey Road Studios, London), mit der Klemperer eng befreundet war. Leider gibt es meine Ausgabe nicht mehr, sie war gekoppelt mit der Sinfonie von Franck. Es gab sie u.a. auch gekoppelt mit der "Frühlingssinfonie" bzw. dem Liszt-Konzert Nr. 1 auf Einzel-CDs.


    Vielleicht kommt hierdurch der Klemperer-Thread, der nun schon vier Jahre ruht, noch einmal in Bewegung. Als besondere Anregung möchte ich hier ein Buch vorstellen, das als Einblick in das Leben des großen Dirigenten hervorragend geeignet ist und gleichzeitig als Kompendium der Zeitgeschichte dienen kann:

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    Es enthält eine riesige Auswahl von Briefen Otto Klemperers und umfaßt den Zeitraum von 1906 bis zu seinem Todesjahr 1973.

    Die insgesamt 426 Briefe (auf rd. 630 Seiten) wurden von seiner Tochter Lotte ausgewählt und zur Veröffentlichung freigegeben. Neben den Briefen an seine Frau und Kinder sind es Schreiben an Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, wie Richard Strauss, Furtwängler, Ernst Krenek, Arnold Schönberg, Walter Legge, Wieland Wagner ….

    Sehr gut läßt sich der Seelenzustand des Dirigenten nach seiner Ausweisung aus Deutschland (ich flog aus Deutschland, aber nicht mit dem Flugzeug) erkennen, auch seine zwiespältigen Gefühle dem Land und seinen Bürgern gegenüber nach dem Ende der Naziherrschaft.

    Das Buch ist nicht ganz billig, aber höchst interessant und aufschlußreich. Es gibt Einblick in mancherlei Vorgänge, die wohl kaum öffentlich bekannt wurden, wie z.B. Furtwänglers kalte Zurückweisung einer Bitte Klemperers, ihm nach dem Krieg zu Auftritten in Deutschland zu verhelfen. Dabei waren die beiden vor dem Beginn der Nazizeit gut bekannt gewesen.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Lieber Norbert,


    zunächst einmal einen schönen Pfingstsonntag!


    Es ist sicher richtig, daß Klemperers Kräfte und Konzentration ab ca. Mitte der 60er Jahre rapide abnahmen, und trotzdem hat er auch in dieser Zeit noch Tondokumente hinterlassen, die berühren und beglücken. Ich denke da vor allem an die Mitschnitte aus München, mit den Beethoven-Sinfonien Nr. 4 & 5 und den Mendelssohn-Sinfonien Nr. 3 u. 4. Natürlich sind das keine Standard-Interpretationen, die man als einzige und endgültige empfehlen könnte, aber sie zeugen noch immer von einer großen Künstlerpersönlichkeit und geben Einblicke in die Werke, die einem anderwärts verschlossen bleiben.

    Es stimmt, lieber Nemorino, dass die Aufnahmen aus der Reihe "the Klemperer legacy" zum Teil hervorragende (damalige) Neuveröffentlichungen herausbrachten. Für mich sind es insbesondere die Konzertmitschnitte von Mahlers 2. (vom 29.1.1965 mit Heather Harper und Janet Baker als Solistinnen) und die von Schuberts 8. Sinfonie (vom 1.4.1966), die als exemplarische Interpretation zu nennen sind.


    Mendelssohns 3. Sinfonie ist in sofern einzigartig, weil Klemperer in dem Konzert seine eigene Schlusscoda im Finalsatz spielte. Er lehnte den von Mendelssohn komponierten Schluss als "absonderlich" und "laut" ab und komponierte seine eigene Version, basierend auf den Noten Mendelssohns.


    Zitat

    Der Schumann-Zyklus von EMI war ja eigentlich gar nicht als GA geplant. Klemperer hatte 1960, noch unter der Regie von Walter Legge, die Vierte aufgenommen. Die anderen Sinfonien folgten in den Jahren 1965 (Nr. 1), 1968 (Nr. 2) und 1969 (die "Rheinische").

    Ich stimme Dir zu, wenn Du die Vierte von 1960 hervorhebst, aber ich höre auch die anderen in seiner Auslegung sehr gerne. Sie sind so völlig aus dem Rahmen des üblichen, die Frühlingssinfonie bleibt bei ihm den zarten Farben, dem geheimnisvollen Wachsen der Natur einiges schuldig, dafür bricht bei ihm der Frühling mit elementarer Gewalt aus und treibt den Winter mit Vehemenz vor sich her. Ich denke da immer an die Beschreibungen der Gräfin Dönhoff oder von Arno Surminski, die den plötzlichen, über Nacht hereinbrechenden Frühlingsbeginn in Ostpreußen so anschaulich geschildert haben.

    Die zweite scheint mir am problematischsten zu sein, aber immerhin gelingt Klemperer eine wunderbare, ausdrucksvolle Auslegung des 3. Satzes "Adagio espressivo". Schöner kann man das nicht machen.

    Und die 3. Sinfonie, die als letzte aufgenommen wurde, hat IMO ebenfalls großartige Momente, z.B. die monumentale Introduktion des Kopfsatzes, und vor allem gefällt mir der 4. Satz "Feierlich" ganz besonders. Die erhabene Prachtentfaltung der darin nachempfundenen Kardinalserhebung im Kölner Dom kommt bei ihm ganz einzigartig zum Ausdruck.


    Es sind insbesondere die für mich als "bleischwer" empfundenen Tempi, die mich an den ersten drei Schumann Sinfonien stören. In ihnen liegt ein deutlicher Bruch zur früher aufgenommenen 4. Sinfonie, die ich wegen des straffen Zugriffs sehr schätze.


    Klemperer litt an der bipolaren Störung, war also manisch depressiv. Dem Beiheft zu dieser Box



    ist zu entnehmen, dass er im Herbst 1958 einen seiner "manischen Schübe", wie es dort heißt, hatte. Ich weiß nicht, wie lange dieser anhielt und wie weit sich seine Psyche in den letzten Lebensjahren veränderte, aber es ist für mich eine deutliche Veränderung in der Tempogestaltung der dirigierten Werke und eine Änderung im "Ausdrucksgehalt" feststellbar. Das deckt sich mit dem, was Du mit


    Zitat

    Bruckner 8: da kenne ich keine Aufnahme mit Klemperer, und bei Nr. 9 ziehe ich Schuricht (EMI) und Karajan (DGG, 1966) vor. Klemperer ist da ein wenig starr.


    bezeichnest. Zur 8. Sinfonie ist anzumerken, dass sie im Oktober/November 1970 aufgenommen wurde und Kürzungen im Finalsatz um igs. 141 Takte enthielt. Was Du bei der 9. Sinfonie (Februar 1970) als "ein wenig starr" beschreibst, sehe ich genau so. Es ist eine "schematische" Darstellung, keine "fließende", wie bei den Sinfonien 4 oder 6. Die Sinfonie wirkt kalt, ausdruckslos auf mich.


    Das alles schmälert nicht den immensen Wert, den Klemperer für mich hat. Es gibt herausragende Aufnahmen in Hülle und Fülle, aber eben auch ein paar problematische aus den letzten Lebensjahren.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Man ist ja heute weniger als noch in den 1990ern an die EMI-Studioaufnahmen gebunden, da auch ältere Funkaufnahmen aus den 1950ern aus diversen Quellen (zB "Documents"box, evtl. auch weniger "graue") zur Verfügung stehen. Klanglich natürlich oft etwas schlechter, gibt es hier eine sehr energische Bruckner 8. vom WDR. Die Studioaufnahmen der 4., 6. und 7. sind aber jedenfalls auch sehr gut.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)