Dieses Lied nimmt sich mit seinem klanglich überaus zarten, impressionistischen Charakter in dem Umfeld, in das Hugo Wolf es in seinem Goethe-Opus gestellt hat, seltsam fremd, ja fast verloren aus. Erst die kompositorisch bewusst grob gestrickten „Frech und froh“-Lieder, und dann – nach „Beherzigung“ und dem unbedarft heiter-humoristischen „Epiphaniasfest“ – eben dieses, das in überaus zarten Klangbildern die Situation am Vorabend eines Heiligenfestes einfängt, dabei den Raum des Pianissimo an keiner Stelle verlässt und sich partiell sogar ins dreifache Piano zurücknimmt. Und unmittelbar darauf folgt mit dem Titel „Genialisch Treiben“ dann wieder ein Lied von der Kategorie „musikalische Derbheit“, bei dem man als Hörer ein wahres dynamisches Wechselbad durchläuft.
Was, so frage ich mich bei diesem Goethe-Band - im Unterschied zum Mörike-Band – mag Wolf wohl zu dieser Anordnung der einzelnen Lieder bewogen haben? Der chronologische Aspekt ihrer Genese kann es nicht gewesen sein. „St. Nepomuks Vorabend“ entstand zwar einen Tag nach „Frech und froh I“, nämlich am 15. November 1888, aber dazwischen hat Wolf ja nun die fast drei Monate später entstandene zweite Version von „Frech und froh“, das Lied „Beherzigung“, komponiert im März 1887 und „Epiphanias“ geschoben, das am 27. Dezember 1888 entstand.
Ich sehe nur ein Motiv für diese Anordnung der Lieder – und das scheint mir typisch für den ganzen Goethe-Band zu sein: Hugo Wolf wollte die wahrlich spektakuläre Breite des lyrischen Schaffens von Goethe – und damit auch das seines musikalischen Interpreten – in möglichst wirkungsmächtiger, das heißt kontrastiver Weise vorführen.
Und das ist ihm ja wohl auch gelungen!
