Wesen und Eigenart der Liedkomposition Wolfs zeigen sich bei diesem Lied auf besonders eindrucksvolle Weise: Aus den sechs Versen Goethes wird ein dreiteiliges Lied, in dem die dichterische Aussage und die ihr zugrundliegenden lyrischen Bilder in Dimensionen erschlossen werden, die in diesem Gedicht so nicht explizit gemacht sind. Wolf hat mit musikalischen Mitteln dem evokativen Potential der lyrischen Dichtung in einer umfassenden Weise künstlerischen Ausdruck verliehen. Das geschieht mittels einer hochdifferenzierten melodischen Linie der Singstimme und einem Klaviersatz, der reich an Formen und harmonischen Modulationen ist. Das Erstaunliche ist dabei aber – und dies ist typisch für Hugo Wolf – , dass man diesen klanglichen Reichtum nicht als aufgesetzt, sondern als das musikalische Sich-selbst-Ausdrücken der lyrischen Sprache empfindet.
Das Lied steht in D-Dur, weist einen Zwölfachteltakt auf und ist mit der Anweisung „Sehr langsam und ruhig“ versehen. Das Vorspiel wirkt klanglich ambivalent. Es setzt mit einem chromatisch geprägten Akkord ein, bei dem sich ein „b“ in eine Quart aus „g“ und „cis“ drängt. Daraus entwickeln sich aber in zwei Fallbewegungen rein diatonische Akkorde. Das ist eine Art klanglicher Hinweis auf die Ambivalenz der Aussage des ganzen Liedes, die sich zwischen den Sphären Tod und Geborgenheit im naturverbundenen Grab entfaltet.
Schon der erste Teil, der die beiden ersten Verse umfasst, lässt diese Ambivalenz von Trauer und Trost auf klanglich beeindruckende Weise vernehmen. Die einzelnen Melodiezeilen sind so angelegt, dass die Vokallinie nach einem Terz- oder Quartsprung bei reiner Dur-Harmonisierung zunächst auf einer tonalen Ebene verbleibt, am Ende dann aber (bei den Worten „blüht“ und „schlingen“) einen verminderten Sekundfall macht, der mit einer Rückung in verminderte oder Moll-Harmonik verbunden ist. Es kommt also ein leichter Ton von Bitternis in die an sich lieblich wirkende Melodik. Und das gilt auch für den Klaviersatz, denn die Fallbewegung von Terzen, die jeweils am Ende der ersten beiden Melodiezeilen erklingt, ist in Moll harmonisiert. Anders ist dies bei den Bildern vom „Turtelchen“ und vom „Grillchen“. Hier sind es aufsteigende Dur-Akkorde, die den Nachklang der melodischen Linie der Singstimme bilden.
Mit den Worten „Welch ein Grab ist hier“ kommt ein neuer Ton in das Lied. An die Stelle von Anmut tritt Ernst in die Melodik und den Klaviersatz. Dieser besteht nun aus gehaltenen Akkorden, die durch die immanente Bewegung von Achteln strukturiert und moduliert werden. Klangliche Zierelemente, wie man sie bei den Naturbildern des ersten Teils vernahm, gibt es nicht mehr: Das „Grab“ gibt hier den Ton an. Die melodische Linie der Singstimme bewegt sich zunächst auf einer tonalen Ebene in tiefer Lage, und sie fällt von dieser sogar in Sekundschritten noch weiter ab, bevor, ausgelöst durch das Wort „Leben“ am Ende des dritten Verses, wieder eine gewisse Lebhaftigkeit und eine Tendenz zum Aufstieg in sie kommen. In raschen Schritten bewegt sie sich zu einem hohen „d“ hinauf, und dieses wird nun im Wert von fast einer ganzen Note gehalten. Es liegt eine lange melodische Dehnung auf dem Wort „Leben“, die deshalb musikalisch so überaus expressiv ist, weil sich derweilen in den akkordischen Bewegungen des Klaviersatzes eine Vorhaltmodulation nach dem Muster von Wagners „Tristan“ ereignet. Der Wagner-Verehrer Wolf lässt hier seinen kompositorischen Neigungen freien Lauf, und das Wort „Leben“ entfaltet wahrlich großes klangliches Leben.
Klanglich faszinierend ist auch die kompositorische Gestaltung der nun folgenden Aussagen des lyrischen Textes. Bei dem Wort „geziert“ mach die melodische Linie der Singstimme einen aus einem kleinen Sekundfall hervorgehenden Quartsprung. Und während der Dehnung, die auf der zweiten Silbe des Wortes liegt, ereignet sich im Klaviersatz in Gestalt von Achtelbewegungen über Akkorden im Bass eine in einen chromatischen Akkord mündende harmonische Modulation. Die Worte „es ist“ werden auf einem Ton deklamiert, einem „gis“ in mittlerer Lage. Eine Viertelpause folgt, die eine Erwartungshaltung erzeugt. Und dann folgt eine bedeutungsschwer wirkende, vom Pianissimo ins dreifache Piano übergehende Deklamation der Worte „Anakreons Ruh“. Die melodische Linie macht einen Terzsprung, hält auf einem „h in mittlerer Lage lange inne und fällt dann um eine Sexte auf en tiefes „d“ herab, auf dem sie mit einer Dehnung auf dem Wort Grab verbleibt. Der Klaviersatz her derweilen zu C-Dur hin moduliert und ist auf diese Weise auch zur harmonischen Ruhe gekommen.
Mit den Anfangsworten des letzten Verspaares („Frühling, Sommer und Herbst...“) fühlt man sich zum Liedanfang zurückgeführt, dies aber in ambivalenter Weise. Zarte und liebliche Klanglichkeit herrschen als Grundton, aber wie versöhnt wirkende sanfte Klage artikuliert sich darüber. Der Grund dafür liegt in der Wiederkehr des Klaviersatzes des ersten Teils. Wolf hat ihn – mit Ausnahme des letzten Takts der melodischen Linie – unverändert zur Grundlage dieses Liedteils gemacht. Aber die Melodik ist nun eine andere. Ihr wohnt nun eine Falltendenz inne, der sie in ruhigen Schritten folgt, - als zöge sie das an, was da unter dem Hügel geschützt ruht. Nur bei den Worten „genoß der glückliche Dichter“ gibt es noch einmal einen melodischen Sprung in höhere Lage und ein kurzes Verweilen dort in lebhaft silbengetreuer Deklamation. Dann aber folgen der Fall hinab zum tiefen „d“ bei dem Wort „Winter“, der Sextsprung zu dem Wort „endlich“ der diesem einen deutlichen Akzent verleiht, und das langsame Herabsteigen zum Grundton beim letzten Wort, - „geschützt“.
Die melodische Linie der Singstimme hat zur Ruhe des Grabes gefunden, und im Nachspiel von langsam absinkenden Achtel-Triolen klingt auch das Lied im dreifachen Piano aus.
Es ist eines der großen Goethe-Lieder Wolfs.
(Das Gedicht und der zugehörige Kommentar finden sich am Ende der vorangehenden Seite)
