Hugo Wolf und Goethe

Helmut Hofmann · 212 Beiträge · letzte Antwort von Helmut Hofmann

212 Beiträge
  • Es ist noch einiges nachzutragen. Da ich, wie ich gerade sehe, versäumt habe, durchgängig jeweils das Datum der Komposition der einzelnen Lieder anzugeben, sei jetzt wenigstens ein zusammenfassender Überblick nachgereicht.
    Von den 51 Goethe-Liedern entstanden 13 in Wien, und zwar zwischen dem 27. Oktober und dem 28. November 1888 (vermutlich im Haus des Wolf-Freundes Friedrich Eckstein). 37 Lieder wurden in der Zeit vom 9. Dezember 1888 bis zum 12. Februar 1889 im Landhaus der Familie Köchert (im Wiener Vorort Döbling) komponiert. Das Lied „Die Spröde“ ist, wie ich bereits anmerkte, ein „Nachzögling“: Es entstand am 21. Oktober 1889 in Perchtoldsdorf.


    Insgesamt acht seiner Goethe-Lieder hat Wolf orchestriert:
    „Der Rattenfänger“ (5.2.1890);
    „Mignon“ („Kennst du das Land“, zweimal: 1890 und 31.10.1893, weil die erste Partitur verlorengegangen war. Sie wurde später aber wiedergefunden);
    „Anakreons Grab“ (erste Fassung 1890 ist verloren, zweite Fassung 13.11.1893);
    „Ganymed“ (1890, ist leider verloren);
    „Prometheus“ (12. März 1890, 1902 publiziert);
    Die drei „Harfenspieler-Gesänge“ (2.-4.12.1890, 1904 publiziert);
    „Epiphanias“ (25.4.1894, blieb ein Fragment).

  • Wie im Falle von Mörike und Eichendorff war der literarische hochinteressierte und gebildete Hugo Wolf schon längst mit dem lyrischen Werk Goethes vertraut, bevor er sich in dieser intensiven Weise liedkompositorisch mit ihm auseinandersetzte und danach seinen entsprechenden „Band“ publizierte Und er hatte auch schon sehr früh einzelne Lieder auf Gedichte Goethes komponiert, mit fünfzehn Jahren nämlich.


    In den „Daten aus meinem Leben“ vermerkt er 1875:
    „Am Sonntag, den 11. April um halb 9 abends die Sonate angefangen, am 12ten Montag um dreiviertel 12 Uhr im Stadtpark geschrieben, um 5 Uhr bis ein Viertel auf 8 im Wald ober den Teichen geschrieben. Fortsetzung am 13. April Dienstag um 3 bis drei Viertel auf 5 Uhr. Freitag den 16. halb 12 bis halb 5 mit Unterbrechung; Fortsetzung abends beiläufig halb 9 bis halb 10. Am 29. April 5 Minuten über drei Viertel auf 5 Uhr Nachmittags.“


    Bei dem Opus 1 handelt es sich um eine (unvollendete) Klaviersonate, bei Opus 2 um „Variationen für Klavier“, und das Opus drei enthält Lieder. Darunter sind auf Goethe-Gedichte: „Sehnsucht“, „Der Fischer“, „Wanderlied“ und „Auf dem See“. Die beiden letzten Lieder wurden von Wolf auch für Chor gesetzt, sie sind aber verloren. Im Jahre 1876 entstanden „Erster Verlust“ (29.1.) und „Mai“ (25.4.), beide Bestandteile des Opus 9 (Wolf gebrauchte damals noch Opus-Ziffern. Das Lied „Mai“ ist unvollständig). Auf die Gedichte „Geistesgruß“ und „Mailied“ entstanden in diesem Jahr Männerchöre.


    Im Jahre 1878 komponierte Wolf das Lied „Gretchen vor dem Andachtsbild der mater dolorosa“, und 1887 schließlich entstand die Komposition „Wanderers Nachtlied“ („Der du von dem Himmel bist“), von der Fischer-Dieskau meint, sie übertreffe „die etwas hilflose Version“ Schuberts, „ebenso wie die parsifaleske von Liszt“. Im Thread „Schubert und Goethe“ wird auf diesen Aspekt eingegangen (Beitrag 79, vom 6.September 2013). Im Falle von Goethe – wie später auch bei Heinrich Heine – kann man den Eindruck gewinnen, dass Hugo Wolf von vornherein ein größeres, gleichsam zyklisches Liedwerk im Sinn hatte. Bei Heine kam er freilich über Ansätze dazu nicht hinaus.

  • 212 Beiträge