Die "Hungarian Connection" - Wer war der Beste?

Felix Meritis · 35 Beiträge · letzte Antwort von Melante

35 Beiträge
  • Alle dirigierten sie Beethoven und Mahler, aber Bruckner wäre mir von Reiner und Doráti nicht bekannt.


    Ich lese gerade die sehr lesenswerte Biografie von Fritz Reiner: Maestro & Martinet. Ich bin gerade bei seinen ersten Jahren in USA als Chefdirigent des Cincinatti SO (ab 1924). Folgende Musikwerke hat er dort u.a. dirigiert: Mahler 2, 4 und 7, Bruckner 4, 7, 8 und 9, Tschaikovsky 1, 2, 4, 5 und 6, Musik von Roger Sessions, Henry Hadley, Ernest Bloch, Leo Weiner, Milhaud, Honegger, Busoni, Weil, fast alles von Gershwin z.T. mit dem Komponisten als Solisten und, und, und. D.h. wir kennen leider nur einen kleinen Ausschnitt aus seinem sehr umfangreichen Repertoire, schade. ;(

  • Das ist ein Effekt, der bei gar nicht so wenigen Dirigenten, die hauptsächlich gegen Ende ihres Lebens Plattenaufnahmen gemacht haben oder deren "Spätaufnahmen" die mit Abstand präsentesten sind, der Fall. Von Reiner gibt es ja gar nicht so wenig, aber die RCA-Aufnahmen sind doch recht eng auf seinerzeit gängiges Orchesterrepertoire fokussiert.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Meinem Eindruck nach ist Ormandy, von dem ich kaum eine Aufnahme kenne, von den genannten derjenige, bei dem die Diskrepanz zwischen seinem Ruf zu Lebzeiten in den USA und der heutigen Präsenz sowohl auf dem Plattenmarkt wie zB auch hier im Forum am stärksten ist. Über Jahrzehnte waren Ormandy und der "Philadelphia Sound" eine Marke wie in Deutschland Karajan/Berlin, mit einem auf orchestralem Gebiet eher noch breiteren Repertoire, wenn auch den Schwerpunkten eher in Spätromantik und klassischer Moderne.


    Dieser Eindruck ist sicherlich zutreffend, und im Grunde genommen ist das ziemlich erstaunlich. Zu LP-Zeiten war Ormandy ganz klar einer der am meistaufgenommenen und am besten vertretenen US-Dirigenten.


    Der Beginn der CD-Ära fiel fast zeitgleich mit seinem Rücktritt als Musikdirektor in Philadelphia (1980) und seinem gesundheitlich bedingten Abschied von der Bühne (1984) statt. Vielleicht war man plötzlich nicht mehr so sehr an Ormandy interessiert, weil sein Nachfolger Riccardo Muti einen gänzlich anderen Dirigententypen verkörperte und in den 80er Jahren ja auch so einiges mit dem Philadelphia Orchestra einspielte, etwa einen Beethoven-Zyklus, dem man keine Konkurrenz durch den des Vorgängers machen wollte. Tatsächlich ist Ormandys Beethoven-Zyklus bis heute nur als Import lieferbar.


    Ganz allmählich scheint sich die weitgehende Absenz Ormandys seit Beginn der digitalen Ära wieder etwas zu bessern. Sony brachte in den letzten Jahren immerhin drei große Boxen heraus, eine vierte mit Sibelius folgt Ende dieses Monats:




    Dann gibt es natürlich noch einen anderen Erklärungsversuch dafür, wieso Reiner, Szell, Solti und sogar Doráti heute präsenter sind. Schon bei seiner Berufung zum Nachfolger von Stokowski im Jahre 1936 gab es Unkenrufe. Stokowskis Abschied zog sich dann über sage und schreibe fünf Jahre hin. Als Stokowski 1960 als Gastdirigent zurückkehrte, jubelten Fachpresse und Publikum gleichermaßen. Es gab den Sager: "Gibt Ormandy ein großartiges Konzert, erhält Stokowski den Applaus". Für viele war Ormandy immer nur der Stokowski-Nachfolger und dessen Platzhalter, der gefälligst den "Philadelphia Sound" erhalten sollte.


    Ein mir bekannter Musiker, der 1975 noch als Aushilfeviolinist unter Stokowski selbst gespielt hatte, meinte zumindest, dass er Ormandy für einen zweit- oder gar drittklassigen Dirigenten erachte, der das von Stokowski aufgebaute Weltklasseniveau des Philadelphia Orchestra zwar etwa zwanzig Jahre lang halten konnte, doch während der zweiten Hälfte seiner endlos erscheinenden Amtszeit habe das Orchester allmählich den Anschluss verloren und sei von den anderen amerikanischen Spitzenorchestern überholt worden. Dies würde wohl auch den starken Bruch seit Muti erklären. Celibidache war übrigens ganz ähnlicher Meinung, als er bei einem USA-Besuch 1984 sagte: "Wie konnte denn ein solch mittelmäßiger Dirigent Stokowski nachfolgen?"

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Ich habe noch einen relativ unbekannten Ungarn, will ihn aber trotzdem nennen:



    Das sind nur die Gesamtaufnahmen aus meiner Sammlung + Humperdinck :D , dazu kommen noch diverse Einzelaufnahmen wie Fidelio, Deutsches Requiem, Matthäus-Passion, h-moll-Messe u. a. Mich wundert nur, dass ich hier noch nichts von ihm gelesen habe.


    Gibt es noch einen Universelleren?


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

    Einmal editiert, zuletzt von William B.A. ()

  • ..das ich hier Szell in den Focus rücken würde, wird nicht wundern.
    Die Frage aber, wer "der Beste" gewesen könne, wage ich dennoch nicht zu beantworten.


    Fricsay gehört für mich auf jeden Fall in die Nennung, auch wenn er so erstaunlich unflexibel mit dem Klang verfährt.


    Dorati als Haydn-Spezialist macht mir Kummer: nur weil einer alles einspielt, ist er kein Spezialist.


    Ormandy pflegt den Stokowski-Klang weiter.
    Und Reiner ist Reiner. Hart und diktatorisch.


    In der Handhabung der Mittel sind alle sich nah.
    Vielleicht liegt das an der Ausbildung, die Strenge und Struktur bevorzugt?
    Am besten nachvollziehbar über die Pianistenschule, die über...zu Rados zu Kocsis und Schiff führt um Ranki zu vernachlässigen.


    Aus meiner Sicht sind die Dirigenten dieser Schule geprägt von Objektivismus.
    Jeder der Genannten setzt das anders um: Ormandy folgt Stoki, Reiner folgt Strenge; Solti folgt dem Temperament.
    Fricsay...ach ja....hätte ein großartiger Dirigent werden können, hätte er länger gelebt.
    Ferencik blieb in Ungarn und gilt dort als der wichtigste ungarische Dirigent.


    Da gibt es noch Ferenc Szekeres, Vilmos Tatrai, Janos Rolla....oft "nur" Konzertmeister. Von Sandor Végh ganz zu schweigen.


    Letztlich sind sie alle "Vollblüter" und haben die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts geprägt.
    Szell ist Pianist und Dirigent und hat in seiner Jugend die Zeit damit verbracht, Bläsern im Probenraum zuzuhören.
    Zur Ausnahme will ich ihn nicht machen. Eher zu dem, was er sein wollte: Musiker.

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