Jonas Kaufmann als Werther, ein Opernbericht aus New York (28.2.2014)

  • Wir waren für wenige Tage in New York und nahmen die Gelegenheit war, die beiden Opernhäuser der Stadt
    zu besuchen. Gestern, am 27.2.14 eilten wir bei minus 13 Grad und eiskaltem Wind in das Koch-Theater, der
    Spielstätte der New York City Opera. Das Haus fasst ca. 2.500 Plätze, von denen aus man gut sehen kann.
    Wir saßen in der 18 Reihe im Parkett seitlich (ca. 45 Euro die Karte) und folgten einem gemischten Ballettabend.
    Oper wird offenbar nicht mehr gespielt. Für heute, den 28.2.14, hatten wir im Internet zwei Karten für die seitlich
    neben dem Kochtheater liegende Metropolitan Oper bestellt. Das Haus bietet Platz für etwa 4.000 Zuschauer,
    so dass man auf den bezahlbaren Plätzen im Oberrang (Family Circle) so weit von der Bühne entfernt ist, dass
    sich die Sänger kaum noch unterscheiden lassen. Ein Grundübel in beiden Häusern war, dass es fast keine
    Garderoben gibt bzw. dass alle Besucher ihre dicken Wintermäntel mit in die engen Reihen nehmen und diese
    dann möglichst auffällig irgendwohin quetschen. Das von außen eher klein wirkende Gebäude der Metropolitan
    Oper öffnet sich nach Innen zu einem hohen , über alle Ränge offenen Foyer, welches in Rot und Gold gehalten
    ist und durch geschwungene Treppen erschlossen wird. Der Zuschauerraum ist mit 5 Rängen riesig, allein in
    den Oberrang passen so viele Zuschauer, wie insgesamt in ein deutsches Stadttheater.


    Es gab Werther von Jules Massenet, eine Oper, die ich bisher nicht kannte (den Goethetext und damit den
    groben Inhalt schon). Wie würde ich das Stück beschreiben, am ehesten als lyrische Szenen für Tenor und
    Mezzosopran; die übrigen Partien sind vom Komponisten nicht sehr bedacht worden. Das Orchester hatte
    Wagnerausmaße. Um es vorweg zu sagen, Jonas Kaufmann sang traumhaft, zum Niederknien. Im Gegensatz
    zu seinem zuletzt von mir mit Missfallen bedachten Manrico (Troubadour) in München konnte er hier als Werther
    die Schönheit und Vielfarbigkeit seiner Stimme voll zum Ausdruck bringen. Auch die emotionalen Ausbrüche in dem
    mit Bruststimme gesungenen hohen Frequenzbereich gelangen ihm überzeugend. Kaufmann wurde ideal durch
    Sophie Koch
    als Charlotte ergänzt, deren schöne Stimme gut in den Oberrang trug. Es ist schon ein Wunder mit
    dem Operngesang, man sieht die Sängerin kaum, so weit weg ist sie vom eigenen Sitzplatz, und doch erreicht
    ihre ausgebildete Stimme ausreichend das Ohr des Hörers.


    Natürlich ist das Hören bei dieser Weite und Höhe des Hause nicht mit zum Beispiel der Hamburgischen Staatsoper
    im 4. Rang zu vergleich, das Haus ist weniger als halb so groß, der physikalisch bedingte Verlust an Dezibel daher
    weniger ausgeprägt. D.h., um den vollen Kunstgenuss zu erreichen, sollte man ggf. in New York tiefer in die Tasche
    greifen. Die Preise sind dann allerdings gesalzen, sie gingen heute Abend bis umgerechnet ca. 300 Euro.


    Zum Bühnenbild und zur Regie: Ich habe seit Jahren nicht eine so schöne, auf die Handlung abgestimmte
    Inszenierung gesehen. Die erste wichtige Szene spielte in einem Garten, der durch filmische Überblendung in
    einen Ballsaal überführt werden konnte. Überhaupt wurde viel mit filmischen Mitteln gearbeitet, um die dem Stück
    zugrunde liegende hochromantische Handlung zu verdeutlichen. Nach der Pause las Charlotte die an sie gerichteten
    Liebesbriefe in einer eher großbürgerlichen Bibliothek (ihr Mann Albert hatte es offenbar zu ganz erheblichem Wohlstand
    gebracht), die Todesszene fand in einem kleinen Guckkastenzimmer in dem größeren Guckkasten einer Straße statt,
    Werther schoss sich knallend in die Brust und Blut spritzte gegen die rückwärtige Wand. Eigentlich wäre er tot, sang
    dann aber noch mit der herbeieilenden Charlotte schöne Duette. Aber so ist ja Oper. Auch die bereits erstochene
    und tote Gilda (Rigoletto) rafft sich zum Schluss ja noch einmal mit zu ihren schönsten Tönen auf. Wer wollte das missen.


    Dirigiert hat Alain Altinoglu, die Sophie sang (mir etwas zu soubrettenhaftig) Lisette Oropesa, den Albert David Bizic
    (kräftig und schönstimmig, aber vom Umfang der Rolle her nicht genug, um mit dem anderen „Bariton“ stimmlich
    konkurrieren zu müssen), für die Produktion der vor 10 Tagen gestarteten Oper zeichnete Richard Eyre verantwortlich.
    Kleine Randbemerkungen zum Abschluss: Kaufmann erhielt (finde ich immer befremdlich) leichten Auftrittsapplaus,
    der Schlussbeifall war herzlich, bei Kaufmann und Koch jubelnd, insgesamt aber kurz. Bereits nach Fallen des Vorhangs
    fingen viele an, sich bereits in den Reihen umständlich ihre Mäntel anzuziehen und ihre Handys nach neuen Mails abzufragen.