Wenn auf der Opernbühne gebetet wird...

  • Inspiriert duch das Kapitel "Stimmen von oben" in Eckhard Henscheids Buch "Verdi ist der Mozart Wagners" nun folgendes Thema: Gebete in der Oper.


    Henscheid schreibt neckisch: "Muß man die Herren Komponisten nochmals an Goethe erinnern: "In der Oper soll man nicht beten!" Es ist zum Katholischwerden!!!"


    "Die Stimme von oben" ist zwar auch einen Thread wert, aber fangen wir mal mit der Stimme von unten nach oben an.


    In Opern (bishin zu Berg und Janacek und natürlich noch weiter darüber hinaus) wird gelegentlich sehr wirkungsvoll und rührig gebetet. Man meint, das erklärte Ziel der Komponisten mit ihren Gebeten sei nicht vornehmlich die Erweckung religiöser Gefühle beim Hörer sondern an dessen Tränensäcke zu apellieren...


    Was sind für Euch die schönsten, innigsten, zartesten Gebete auf der Opernbühne? Es können aber auch absichtlich "schreckliche Gebete" genannt werden, wie das zynische, bedrohliche "Te Deum", das der Tyrann Scarpia in Tosca anstimmen lässt.


    Mein Favorit ist Desdemonas rührendes "Ave Maria" am Ende von Verdis Otello!


    Aber ich habe da noch einiges auf Lager.


    Gruß, Markus

  • Ich bin der Ansicht, dass in der Oper zu wenig gebetet wird.
    Hätte Carmen, anstatt sich die Karten legen zu lassen, gebetet, wäre sie vielleicht von José nicht ermordert worden, die Oper wäre beim
    ersten Anlauf nicht durchgefallen und Bizet nicht so früh gestorben.

  • Mein Lieblings-Operngebet ist das Salve regina der Jenufa im zweiten Akt, wie überhaupt ihr ganzer Monolog und eigentlich die ganze Oper sehr sehr schön sind. =)

  • na das läuft ja schleppend an hier...


    Ein weiteres Lieblingsgebet befindet sich in Mascagnis Cavaleria Rusticana:


    Die feine Dorfgemeinschaft singt ihr österliches Regina coeli auf dem Weg zur bzw. in der Kirche, und Santuzza, die ausgeschlossene, steigt dann mit ein und setzt ihre Stimme krönend über den Gesang der Gemeinde. (ist übrigens auch eine Stell für den Thread "die Orgel gibt sich die Ehre", da sie hier auch mitmischt.)
    Für diese zwar leicht kitschelnde aber enorm opernwirksame Stelle suche ich immer noch die beste Einspielung. Von meinen drei Aufnahmen befriedigt mich Karajans Einspielung (DG ADD) am ehesten.

  • Hallo, Thomas Bernhard,


    da Du dich über mangelnden Zuspruch beklagst, also hier noch ein paar
    spontane Einfälle:



    Die Tannhäuser-Elisabeth betet: Allmächtige Jungfrau hör mein Flehen...


    Die Amneris betet im Tempel, bevor die Aida mit der Nil-Arie loslegt.


    In den meisten Sandalen-Opern gibt es Tempelszenen, in denen
    der Librettist theologischen Müll angehäuft hat. Götter haben die Angewohntheit, ständigt beleidigt zu sein, und dann muss beschwichtigt werden. :O


    Oder die Himmelsmächte vollbrachten etwas Gutes, dann wird gedankt


    In vielen Fällen werden Gottheiten einfach nur angeplärrt:
    Allmächtiger Ptah, Schöpfer der Welt, Ah... :kotz:


    :angel:


  • :jubel: :jubel: :jubel:


    Damit hätten wir sie dann aber auch wirklich ALLE...


    :D :D :D


    Ulli

    Ewigkeit ist ein angemessener Zeitrahmen, Perfektion zu erreichen.
    (unbekannt)

  • Zauberflöte: O Isis und Osiris
    Freischütz: Leise, leise fromme Weise, aber auch schon der Chor am Ende des ersten Aktes hat Choral-/gebetsähnlichen Charakter


    vielleicht kein Gebet aber eine Art magische Invokation: "Wäääälse, Wälse"...


    In jeder zweiten Barockoper gibt es Ausbrüche a la Numi! stelle! giusto ciel!
    Das ist aber vielleicht eher wie man heute "Du lieber Himmel! Herrschaftszeiten! benutzt... :D


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo!!!


    Ich bin wieder da!!! Also ich finde, dass das Gebet des Boris Godunow in der gleichnamigen Oper von MUSSORGSKIJ des schönste Gebet in der Oper überhaupt ist.


    Auch wenn manche mit der russischen Sprache nicht soviel anfangen können, ist es doch ein einfühlsames Gebet.


    Besonders gut finde ich Boris Christoff, obwohl die Aufnahme ein bissl gescholten wurde. Auch Pirogov ist nicht zu vergessen.


    Mfg Joschi

  • Hallo zusammen,


    selten aufgeführt,doch absolut ein Highlight ist das Gebet des Rienzi aus Wagners gleichnamiger Oper.Jeder Sänger,der sich ins "Deutsche Heldenfach" vortraut,hat dieses Stück in seinem Repertoire.

    Freundliche Grüße Siegfried

  • Zwar nicht auf der Opernbühne und auch keine Gebete im eigentlichen Sinne, doch wer sich für Klang gewordene Gebete interessiert, möge sich die Rosenkranz-Sonaten für Violine und Basso continuo von Heinrich Ignaz Franz (von?) Biber anhören. Der Herr Hofkapellmeister des Erzbischofs von Salzburg hat in der vorbachischen Zeit 15 Rosenkranzgebete überhaus virtuos und anspruchsvoll vertont (vgl. meinen Beitrag im Biber-Thread).

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  • Hallo zusammen,


    heute hörte ich auf SWR4 die Hymne aus Alessandro Stradella von Friedrich von Flotow.
    Nach einem längeren accompagnato-Rezitativ "Wie freundlich strahlt der Tag" singt der Komponist Alessandro Stradella in der Oper die sehr schöne Hymne "Jungfrau Maria,himmlisch Verklärte,hohe Madonna,Mutter des Herrn..."


    Bekannte Aufnahmen dieses Stücks sind gesungen von Rudolf Schock,Josef Traxel und Peter Seiffert.

    Freundliche Grüße Siegfried

  • In Verdis 'La Forza del Destino' wird sogar reichlich gebetet.
    Besonders innig: 4. Akt, 2. Szene: Pace, Pace, mio Dio
    Auch sehr schön: 2Akt, 2. und 3. Scene


    Liebe Grüße
    Bernd Hemmersbach (hemmi)

  • Das Sterbegebet der Margarethe.
    Der Abendsegen von Hänsel und Gretel
    Das Gebet der Gänsemagd in Königskinder.
    Musettas Stoßgebet an die heilige Jungfrau.
    Rusalkas Abschiedsgesang.
    Agathes Morgengebet im Freischütz.



    Mein Favorit ist die Margarethe und die Rusalka!

  • Das Gebet aus dem 3. Akt der "Maria Stuarda" (Donizetti) - zählt auch zu meinen Gänsehautstellen und zu meinen liebsten Chorszenen. Die einzige Oper, in welcher der Chor IMMER Szenenapplaus bekommt!
    lg Severina :hello:

  • Die Oper kenne ich ja noch gar nicht. Spielen die die bei Euch? Welche Aufnahme kannst Du empfehlen? Und sag Sevi, ist die von Dir im Klassikpannenthread erwähnte Margarethe in Wien noch alt?
    LG,
    Knuspi

  • Zitat

    Original von Knusperhexe
    Die Oper kenne ich ja noch gar nicht. Spielen die die bei Euch? Welche Aufnahme kannst Du empfehlen? Und sag Sevi, ist die von Dir im Klassikpannenthread erwähnte Margarethe in Wien noch alt?
    LG,
    Knuspi


    Hallo Knuspi, leider steht die "Maria Stuarda" seit Jahren nicht mehr auf unserem Spielplan, dabei liebe ich sie so. Herrliche Melodien, Dramatik pur (Wenn sich Agnes Baltsa und die Gruberova als Elisabeth und Maria befetzen) - einfach :lips: Hach, und du wärst wegen der Kostüme ins Schwärmen geraten, die waren sowas von schön!
    Ich besitze die Aufnahme des Münchner RUndfunkorchesters unter Giuseppe Patane mit Baltsa, Gruberova, Araiza, wobei das eine echte "Primadonnenoper" ist, der Tenor ist eine ziemlich undankbare Partie und außerdem "sauschwer" zu singen.
    Unsere "Margarethe" ist die unsägliche Ken-Russel-Inszenierung mit Margarethe als Nonne - ich hab schon einmal darüber gelästert. Also absolut KEINE Referenzaufnahme, auch musikalisch nicht. X( Falls du von der WSO "alte" Inszenierungen suchst, so musst du auf die mit Domingo zurückgreifen (Carmen, Andrea Chenier.....) oder die bezaubernde Ponnelle-"Manon". Übrigens habe ich unlängst in der "Bühne" gelesen, dass von der Hamburger Staatsoper eine ganze DVD-Reihe mit historischen Aufführungen herausgekommen ist!
    lg SEvi :hello:

  • Ach ja, ich erinnere mich. Sorry, hatte ich schon ganz verdrängt. danke, Sevi. Ohweia, wir sind völlig OT. Aber eins noch: Die Maria Stuard hole ich mir!!!!! Danke für den Tipp!!!! Ich liebe diese Geschichte und wusste gar nichts von der Oper :O :O :O

  • Himmlsch und ganz oben auf meiner Liste: Das Gebet der Maria di Rohan aus gleichnamiger Oper von Donizetti:" Havvi un dio" :jubel:
    Und natürlich Toscas: Vissi d'arte, das ist eindeutig auch ein Gebet.
    Desdemona ist natürlich schwer zu übertreffen......
    Nicht zu vergessen: "Casta diva" aus der Norma- oder Iphigenies Anruf an Diana "O toi qui prolongeas mes jours" aus Glucks Iphigenie.


    F.Q. :angel:

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  • Eine meiner Lieblingsopern enthält zwei Gebete:


    Karl Amadeus Hartmann: Simplicius Simplicissimus



    enthält zwei Gebete. Zu Beginn des zweiten Teiles singt der Einsiedel "Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall". Am Ende des zweiten Teils steht das Duett "So geht das schnöde Leben hin".


    Eine Oper, die entgegen ihrer Bedeutung viel zu selten auf der Bühne zu sehen ist. GottseiDank habe ich zu der obigen CD auch noch einen Mitschnitt der Stuttgarter Inszenierung.


    LG Peter

  • hallo,


    auch in komischen Opern wird manchmal gebetet.


    Zum Beispiel in einer meiner Lieblingsopern, "FRA DIAVOLO" von Daniel Francois Esprit Auger: Zerline zieht sich aus, umins Bett zu gehen ("Striptease in der Oper"). Anschließend betet sie zur Nacht, wobei sie von Banditen beobachtet wird, die sie umbringen wollen. Als das Messer schon gezückt ist, kommen Zerline im Halbschlaf noch ein paar Zeilen Ihres Nachtgebetes über die Lippen, was die - nicht ganz hartgesottenen - Banditen davon abhält, ihr mörderisches Werk zu vollenden.

    Harald


    Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
    (Vinícius de Moraes)

  • Am Ende des ersten Aktes von Tosca singt der Chor ein Te Deum und die schöne Stimme vom Himmel in Don Carlos sollte man auch nicht vergessen. Die geht als Gebet allemal durch.


    Gruß
    Rosenkavalier

  • Zitat

    In den meisten Sandalen-Opern gibt es Tempelszenen, in denen
    der Librettist theologischen Müll angehäuft hat. Götter haben die Angewohntheit, ständigt beleidigt zu sein, und dann muss beschwichtigt werden. :O


    Oder die Himmelsmächte vollbrachten etwas Gutes, dann wird gedankt


    In vielen Fällen werden Gottheiten einfach nur angeplärrt:
    Allmächtiger Ptah, Schöpfer der Welt, Ah... :kotz:


    ich weiß zwar nicht ob es sinnvoll ist auf die "Ergüsse" eleminierter Mitglieder einzugehen, aber diese Aussage kann ich unmöglich unkommentiert stehen lassen, da sie vor Dummheit nur so strotzt.


    Mit "Sandalen Opern" wird hier wohl die Opera Seria angesprochen, ... soll das witzig sein ?


    Das Götter entweder beschwichtigt werden müssen oder beleidigt sind, entspricht der griechisch / römischen Mythologie (aber anhand des Ausfalls des Verfasser scheint dieser davon noch nie etwas mitbekommen zu haben).



    Diese Sakralen Szenen waren damals äußerst beliebt und da die Kirche es in dieser Zeit nicht gestattete wirkliche kirchliche Zeremonien im Theater zu zeigen, war dies die einzige Möglichkeit.
    Man denke nur daran welchen Unmut "Tartuffe" von Molière ausgelöst hat.


    Sowohl in den frz. Barockopern von Lully, Campra oder Rameau (um nur die 3 berühmtesten Vertreter dieser Gattung zu nennen) gibt es hervorragende Sakrale Szenen, die von den Librettisten auch äußerst unterhaltsam umgesetzt wurden.


    In den italienischen Opern findet man soetwas ohnehin eher selten.


    Besonders gelungene Szenen:


    Die Feierlichkeiten zur Anbetung der Göttin Juno in Persée von Lully


    oder die berühmte, grandiose Szene des Mars in Cadmus et Hermione von Lully




    Wie man also zu einem solchen Urteil kommen kann ist mir persönlich schleierhaft, bzw. zeigt es nur "wieviel" Ahnung und Geschmack der Eleminierte besaß.


    [SIZE=7]eigentlich bedauernswert der Engelbert[/SIZE] :stumm::angel:

  • Sehr reizvoll und interessant ist der Gesang der drei Muezzine


    aus: "Der Barbier von Bagdad" von Peter Cornelius:


    "Allah ist groß und Mahomed ist sein Prophet!"


    :hello:Herbert.

    Tutto nel mondo è burla.

  • Auch das gehört hierher, wenn auch ein anderer Zweck verfolgt wird:


    Giuseppe Verdi
    »OTELLO«
    Credo des Jago aus dem 2. Akt
    Vanne; la tua meta già vedo – Credo in un dio crudel
    (Geh nur; deinen Weg seh ich vor mir – Ich glaube an einen grausamen Gott)

    Freundliche Grüße Siegfried

  • .. aus dem gerade gehörten Tannhäuser möchte ich noch zwei Gebetsszenen ergänzen, nachdem die "Allmächtge Jungfrau" der Elisabeth schon genannt wurde:


    Das Finale des 2. Akts - angefangen mit dem von Tenören gefürchteten "Erbarm dich mein..." des Tannhäuser (ein Stoßgebet, das so ähnlich in der Ostkirche auch als Jesus- oder Herzensgebet bekannt ist). In der Folgeszene beten Elisabeth, Tannhäuser und der Pilgerchor.


    Der Einzug der Pilger im 3. Akt ist auch ein Gebet...


    :angel:


    Elisabeth

  • Hallo Taminos,


    neulich erst entdeckt und davon hin und weg begeistert:


    Die Kathrin von Korngold:


    Das Gebet an Maria am Ende des ersten Aktes.


    Ich liebe Korngold und war heilfroh, daß cpo einen nicht ganz neuen Live-Mitschnitt veröffentlicht hat:


    Melanie Diener, David Rendall, Robert Hayward,
    Lillian Watson, Della Jones, BBC Singers,
    BBC Concert Orchestra, Martyn Brabbins
    3 CDs
    EUR 19,99
    Preis inkl. MwSt, ggf. zzgl. Versandkosten (Details hier)


    (Bitte um Nachsicht, aber ich kann wohl noch keine Bilder kopieren und einfügen. Oder muß man dazu in den erweiterten Editor?)


    Ist meines Wissens die einzige auf CD erhältliche Aufnahme.


    Dann wäre da noch das Gebet der Suor Angelica nach Ihrem letztlich erfolgreichen Suizidversuch.


    LG Ulmo

    SINE IRA ET STUDIO (Tacitus)

  • Zitat

    Original von Ulmo


    (Bitte um Nachsicht, aber ich kann wohl noch keine Bilder kopieren und einfügen. Oder muß man dazu in den erweiterten Editor?)


    Hallo Ulmo,


    hier findest Du Hilfe, und die meisten Bilder von CD-Aufnahmen hier im Forum sind zugleich links zu einem unserer Werbepartner.


    Einen schönen Tag!


    Elisabeth

  • In der wirren un d nachgerade antimusikalischen Salzburger Inszenierung Philipp Stölzls ( Carnival in Toyland - Stölzls Benvenuto Cellini in Salzburg) dürfte es kaum jemand gemerkt haben, aber zu Beginn des zweiten Aktes von Berlioz' BENVENUTO CELLINI gibt es ein Gebet von unerwarteter Schlichtheit und großer Schönheit. Zwei Soprane (Cellinis geliebte Teresa und sein Gehilfe Ascanio) bitten am Morgen des Aschermittwoch nach dem tödlich geendeten Tumult des vorangegangenen Karnevalsabends die Jungfrau Maria ("Sainte vierge Maria") darum, dass sie ihnen Cellini wohlbehalten zurückgeben möge.


    Übrigens auch eine Oper voller Anregungen für die Recherche von Ensemblegesang


    :hello: Rideamus

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