Der besondere Liederabend

  • Hallo Karl Georg!


    Vielen Dank, dass Du uns an diesen Vorstellungen teilhaben lässt. Die Auftritte haben mir Bereiche des Kunstliedes "vor Ohren" geführt, die mir bisher unbekannt waren.


    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Zum Abschluss - Das Lied - International Song Competition 2019 in Heidelberg


    Es waren erlebnisreiche Tage in Heidelberg, die von Mittwoch bis zum Sonntag reichten, nur am Samstag war keine Veranstaltung. Am einfachsten ist es, die Sache objektiv buchhalterisch zu betrachten: Insgesamt wurden an diesen Tagen 195 Lieder zu Gehör gebracht.

    Während in der ersten Runde drei Lieder in einem Zeitrahmen von 15 Minuten zu singen waren, forderte die Jury in der folgenden Runde vier Lieder, die in einem Zeitfenster von 20 Minuten zu präsentieren waren. Im Finale mit nunmehr nur noch sieben Duos, stand jedem Paar eine halbe Stunde zur Verfügung; in diesem Zeitraum durfte das Programm frei gestaltet werden. Da Lieder in der Länge sehr unterschiedlich sind, bewegte sich deren Anzahl zwischen acht und elf.

    Beim Komponisten-Ranking hatte Hugo Wolf mit 15 Liedern die Nase vorn; es folgten Johannes Brahms 12, Wilhelm Killmayer 11, Claude Debussy 9, Maurice Ravel 9, Charles Ives 8.


    Man darf erfreut feststellen, dass das Niveau dieses Wettbewerbs sehr hoch war, das schreibe ich zwar in aller Regel immer, aber das hat absolut nichts mit permanenter Lobhudelei zu tun, sondern resultiert einfach aus der Verpflichtung Tatsachen zu berichten.


    Beim Programm von Nicola Hillebrand & Alexander Fleischer - aber natürlich auch bei den anderen Paaren - kann man ganz deutlich die Bandbreite der Final-Vorträge sehen. So bot zum Beispiel Frau Hillebrand mit ihren beiden Eingangsstücken von Killmayers »Schön-Rohtraut« und vor allem natürlich mit »Petit air«, Stimmakrobatik par Excellence, um dann mit dem kontemplativen »Kaddish« von Ravel zu enden.


    »Wir haben zwei Tauben im Garten, ein Taubenpärchen ...« - ein 1993 von Wilhelm Killmayer vertonter Text nach Peter Härtling (von 9 Liedern das 6.) zog sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltungstage und tauchte immer mal wieder auf, im Finale hatten gleich drei Paare das kleine Liedchen im Repertoire - immer wenn die Sängerin oder der Sänger die ersten Worte dieses Textes sang, ging ein verhaltenes Lächeln durchs Publikum; die Witwe des Komponisten, Martina Killmayer, war übrigens anwesend.

    Für diese relativ jungen Musiker ist es von eminenter Bedeutung, dass sich auch Talentscouts und wichtige Konzertagenten im Publikum befanden. Wie bereits erwähnt errang Nicola Hillebrand den ersten Preis, der nicht nur mit 15.000 Euro Preisgeld, sondern auch mit mehreren Konzertauftritten bei renommierten Konzertveranstaltern und Musikfestivals sowie einer professionellen Rundfunk-Produktion durch den SWR2 verbunden ist. Weil die Duos in der Bewertung so eng beieinander lagen, hatte die Jury beschlossen den zweiten Preis von 10.000 Euro zu teilen, dafür kamen dann die 25-jährige Mezzosopranistin Yajie Zhang und der 26-jährige Bariton Konstantin Krimmel infrage. Der 3. Preis von 5.000 Euro ging an den 25-jährigen Bariton Michael Rakotoarivony. Den Förderpreis in Höhe von 2.500 Euro erhielt der 26.-jährige Bass-Bariton Jeeyoung Lim. Der 29-jährige Pianist Matthew Fletcher wurde als bester Pianist des Wettbewerbs ausgezeichnet und mit 5.000 Euro belohnt.


    Man muss aber noch etwas zu Konstantin Krimmel sagen, weil dieser noch zusätzlich vom Publikum - per Stimmzettel unmittelbar nach dem Konzert - für seine Leistung zum »Besten« gekürt wurde. Der Publikumspreis ist mit 2.000 Euro dotiert.

    Eigentlich hätte es der Stimmzettel nicht bedurft - nachdem er im Finale seine acht Lieder zusammen mit der engagiert begleitenden Doriana Tchakarova vorgetragen hatte, brach ein Jubel der Begeisterung los. Die Präsens des Sängers erweckte den Eindruck als würde ihm das Theater gehören ...

    Für den Teilnehmer vieler Veranstaltungen dieser Art ist jedoch immer wieder festzustellen, dass das Erlebnis vor Ort in der Videodokumentation nur zum Teil wiedergegeben werden kann. Dennoch soll versucht werden, Krimmels Darbietung vom Sonntag hier einzustellen. Eine ganz kurze Erläuterung zur Person des Sängers:

    Er wurde in Ulm geboren und studierte an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Er gewann unter anderem den 1. Internationalen Helmut-Deutsch Liedwettbewerb, den Rising Stars Grand Prix (International Music Competition) Berlin 2018, den 1. Internationalen Haydn-Wettbewerb für klassisches Lied und Arie sowie den Lied-Sonderpreis für die beste Interpretation eines deutschen Liedes des internationalen DEBUT Klassik-Gesangswettbewerbs.



    Das Programm des Duos Konstantin Krimmel & Doriana Tchakarova war beim Finale so gestaltet:

    Ives: Songs my möther taught me

    Killmayer: An ein Taubenpaar

    Ravel: Chanson romanesque (Don Quichotte á Dulcinée)

    Ravel: Chanson épique (Don Quichotte á Dulcinée)

    Ravel: Chanson á boire (Don Quichotte á Dulcinée)

    Wolf: Zur Warnung (Mörike-Lieder)

    Killmayer: Auf ein Selbstbildnis von Carl Philipp Fohr (Härtling-Lieder)

    Wolf: Der Feuerreiter (Mörike-Lieder)

  • Man muss aber noch etwas zu Konstantin Krimmel sagen

    und fairerweise natürlich auch etwas zur Mezzosopranistin Yajie Zhang und ihr im Finale vorgetragenes Programm, denn sie stand ja zusammen mit dem Kollegen Krimmel nach Ansicht der Jury auf der gleichen Stufe. Man kann sich das Video zwar auch bei YouTube auf den Bildschirm holen, aber dann könnte doch die eine oder andere Frage nach den gesungenen Lied-Titeln auftauchen ...



    Das Programm des Duos Yajie Zhang & Young Hwan Jung war beim Finale so gestaltet:

    Brahms: Der Jäger op. 95

    Brahms: Feldeinsamkeit op. 86, 2

    Ives: Autumn

    Killmayer: wissen (YAMIN) (Härtling-Lieder)

    Debussy: Romance (Deux Romances)

    Ravel: Sur I´herbe (Douze chants avec accompagnement de piano)

    Ravel: Vocalise-Etude en Forme de Habanera

    Wolf: Mignon: Kennst du das Land? (Goethe-Lieder)


    Auch hier wird einmal mehr deutlich, dass im Wettbewerb eigentlich zu viele Komponisten als Pflichtprogramm vorgegeben waren, um in der Wettbewerbssprache zu bleiben: »less is more« ... ; aber das hatten die Auslober auch schon erkannt, denn Thomas Quasthoff kündigte in seinen Abschlussworten an, dass es 2021 voraussichtlich weniger Komponisten sein werden.

  • Hallo!


    Faszinierend finde ich, wie intensiv und konzentriert Doriana Tchakarova den Gesang von Konstantin Krimmel verfolgt, immer bereit, ihm zu folgen. Ich denke, so muss Liedbegleitung sein.


    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

    Einmal editiert, zuletzt von WoKa ()

  • Lieber hart,


    danke für Deinen ausführlichen Bericht über diesen Wettbewerb. Ich bin erst am Sonntag Mittag überhaupt auf das live-streaming des Wettbewerbs gestoßen, als ich nach Neuigkeiten über Konstantin Krimmel googelte. Ich habe ihn vor einigen Wochen im Thread „Neue Stimmen“ vorgestellt, nachdem ich seine Videos vom Bundeswettbewerb Gesang gesehen hatte. Mich hat die Lebendigkeit seiner Interpretationen sofort für ihn eingenommen. Das Du das jetzt anscheinend ähnlich siehst freut mich.

    Leider konnte ich nicht das ganze Finale sehen, ich bin erst ab dem vierten Beitrag eingestiegen. Mittlerweile habe ich mir das Video der Siegerin angehört und kann den Gewinn des Wettbewerbs nachvollziehen. Nicht ganz gelingt mir das beim 2. Preis für Yajie Zhang. Eine Vokalise als Beitrag in einem Lied-Wettbewerb finde ich unpassend und auch sonst blieb sie mir nicht nachdrücklich in Erinnerung.


    Viele Grüße

    Boismortier

  • Lieber Boismortier,

    natürlich juriert man da klammheimlich mit und macht sich auch entsprechende Notizen. So sah ich zum Beispiel Grace Durham durchaus mit vorne drin, dann war sie bei den letzten sieben nicht mehr dabei und man zweifelt etwas an der eigenen Sachkenntnis ...

    Aber - man weiß eben nicht, welche Vorgaben sich die Jury zur Beurteilung gibt: die Stimme an sich, Noten- und Textgenauigkeit, Habitus beim Auftritt ... wie ist die Gewichtung?

    Ob in der hintersten Ecke des Hinterkopfes noch mitschwingt, dass die/der zu Beurteilende bereits die Wettbewerbe XYZ gewonnen hat, wissen die Mitglieder einer solchen Jury wohl selbst nicht zu sagen. Die zum Teil staunenswerten Darbietungen der Duos lagen mitunter so eng beisammen, dass ich zu meiner Sitznachbarin sagte, man sollte einen Ball besorgen und das per Elfmeterschießen entscheiden ...