Der besondere Liederabend

  • Hallo Karl Georg!


    Vielen Dank, dass Du uns an diesen Vorstellungen teilhaben lässt. Die Auftritte haben mir Bereiche des Kunstliedes "vor Ohren" geführt, die mir bisher unbekannt waren.


    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Zum Abschluss - Das Lied - International Song Competition 2019 in Heidelberg


    Es waren erlebnisreiche Tage in Heidelberg, die von Mittwoch bis zum Sonntag reichten, nur am Samstag war keine Veranstaltung. Am einfachsten ist es, die Sache objektiv buchhalterisch zu betrachten: Insgesamt wurden an diesen Tagen 195 Lieder zu Gehör gebracht.

    Während in der ersten Runde drei Lieder in einem Zeitrahmen von 15 Minuten zu singen waren, forderte die Jury in der folgenden Runde vier Lieder, die in einem Zeitfenster von 20 Minuten zu präsentieren waren. Im Finale mit nunmehr nur noch sieben Duos, stand jedem Paar eine halbe Stunde zur Verfügung; in diesem Zeitraum durfte das Programm frei gestaltet werden. Da Lieder in der Länge sehr unterschiedlich sind, bewegte sich deren Anzahl zwischen acht und elf.

    Beim Komponisten-Ranking hatte Hugo Wolf mit 15 Liedern die Nase vorn; es folgten Johannes Brahms 12, Wilhelm Killmayer 11, Claude Debussy 9, Maurice Ravel 9, Charles Ives 8.


    Man darf erfreut feststellen, dass das Niveau dieses Wettbewerbs sehr hoch war, das schreibe ich zwar in aller Regel immer, aber das hat absolut nichts mit permanenter Lobhudelei zu tun, sondern resultiert einfach aus der Verpflichtung Tatsachen zu berichten.


    Beim Programm von Nicola Hillebrand & Alexander Fleischer - aber natürlich auch bei den anderen Paaren - kann man ganz deutlich die Bandbreite der Final-Vorträge sehen. So bot zum Beispiel Frau Hillebrand mit ihren beiden Eingangsstücken von Killmayers »Schön-Rohtraut« und vor allem natürlich mit »Petit air«, Stimmakrobatik par Excellence, um dann mit dem kontemplativen »Kaddish« von Ravel zu enden.


    »Wir haben zwei Tauben im Garten, ein Taubenpärchen ...« - ein 1993 von Wilhelm Killmayer vertonter Text nach Peter Härtling (von 9 Liedern das 6.) zog sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltungstage und tauchte immer mal wieder auf, im Finale hatten gleich drei Paare das kleine Liedchen im Repertoire - immer wenn die Sängerin oder der Sänger die ersten Worte dieses Textes sang, ging ein verhaltenes Lächeln durchs Publikum; die Witwe des Komponisten, Martina Killmayer, war übrigens anwesend.

    Für diese relativ jungen Musiker ist es von eminenter Bedeutung, dass sich auch Talentscouts und wichtige Konzertagenten im Publikum befanden. Wie bereits erwähnt errang Nicola Hillebrand den ersten Preis, der nicht nur mit 15.000 Euro Preisgeld, sondern auch mit mehreren Konzertauftritten bei renommierten Konzertveranstaltern und Musikfestivals sowie einer professionellen Rundfunk-Produktion durch den SWR2 verbunden ist. Weil die Duos in der Bewertung so eng beieinander lagen, hatte die Jury beschlossen den zweiten Preis von 10.000 Euro zu teilen, dafür kamen dann die 25-jährige Mezzosopranistin Yajie Zhang und der 26-jährige Bariton Konstantin Krimmel infrage. Der 3. Preis von 5.000 Euro ging an den 25-jährigen Bariton Michael Rakotoarivony. Den Förderpreis in Höhe von 2.500 Euro erhielt der 26.-jährige Bass-Bariton Jeeyoung Lim. Der 29-jährige Pianist Matthew Fletcher wurde als bester Pianist des Wettbewerbs ausgezeichnet und mit 5.000 Euro belohnt.


    Man muss aber noch etwas zu Konstantin Krimmel sagen, weil dieser noch zusätzlich vom Publikum - per Stimmzettel unmittelbar nach dem Konzert - für seine Leistung zum »Besten« gekürt wurde. Der Publikumspreis ist mit 2.000 Euro dotiert.

    Eigentlich hätte es der Stimmzettel nicht bedurft - nachdem er im Finale seine acht Lieder zusammen mit der engagiert begleitenden Doriana Tchakarova vorgetragen hatte, brach ein Jubel der Begeisterung los. Die Präsens des Sängers erweckte den Eindruck als würde ihm das Theater gehören ...

    Für den Teilnehmer vieler Veranstaltungen dieser Art ist jedoch immer wieder festzustellen, dass das Erlebnis vor Ort in der Videodokumentation nur zum Teil wiedergegeben werden kann. Dennoch soll versucht werden, Krimmels Darbietung vom Sonntag hier einzustellen. Eine ganz kurze Erläuterung zur Person des Sängers:

    Er wurde in Ulm geboren und studierte an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Er gewann unter anderem den 1. Internationalen Helmut-Deutsch Liedwettbewerb, den Rising Stars Grand Prix (International Music Competition) Berlin 2018, den 1. Internationalen Haydn-Wettbewerb für klassisches Lied und Arie sowie den Lied-Sonderpreis für die beste Interpretation eines deutschen Liedes des internationalen DEBUT Klassik-Gesangswettbewerbs.



    Das Programm des Duos Konstantin Krimmel & Doriana Tchakarova war beim Finale so gestaltet:

    Ives: Songs my möther taught me

    Killmayer: An ein Taubenpaar

    Ravel: Chanson romanesque (Don Quichotte á Dulcinée)

    Ravel: Chanson épique (Don Quichotte á Dulcinée)

    Ravel: Chanson á boire (Don Quichotte á Dulcinée)

    Wolf: Zur Warnung (Mörike-Lieder)

    Killmayer: Auf ein Selbstbildnis von Carl Philipp Fohr (Härtling-Lieder)

    Wolf: Der Feuerreiter (Mörike-Lieder)

  • Man muss aber noch etwas zu Konstantin Krimmel sagen

    und fairerweise natürlich auch etwas zur Mezzosopranistin Yajie Zhang und ihr im Finale vorgetragenes Programm, denn sie stand ja zusammen mit dem Kollegen Krimmel nach Ansicht der Jury auf der gleichen Stufe. Man kann sich das Video zwar auch bei YouTube auf den Bildschirm holen, aber dann könnte doch die eine oder andere Frage nach den gesungenen Lied-Titeln auftauchen ...



    Das Programm des Duos Yajie Zhang & Young Hwan Jung war beim Finale so gestaltet:

    Brahms: Der Jäger op. 95

    Brahms: Feldeinsamkeit op. 86, 2

    Ives: Autumn

    Killmayer: wissen (YAMIN) (Härtling-Lieder)

    Debussy: Romance (Deux Romances)

    Ravel: Sur I´herbe (Douze chants avec accompagnement de piano)

    Ravel: Vocalise-Etude en Forme de Habanera

    Wolf: Mignon: Kennst du das Land? (Goethe-Lieder)


    Auch hier wird einmal mehr deutlich, dass im Wettbewerb eigentlich zu viele Komponisten als Pflichtprogramm vorgegeben waren, um in der Wettbewerbssprache zu bleiben: »less is more« ... ; aber das hatten die Auslober auch schon erkannt, denn Thomas Quasthoff kündigte in seinen Abschlussworten an, dass es 2021 voraussichtlich weniger Komponisten sein werden.

  • Hallo!


    Faszinierend finde ich, wie intensiv und konzentriert Doriana Tchakarova den Gesang von Konstantin Krimmel verfolgt, immer bereit, ihm zu folgen. Ich denke, so muss Liedbegleitung sein.


    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

    Einmal editiert, zuletzt von Wolfgang Kaercher ()

  • Lieber hart,


    danke für Deinen ausführlichen Bericht über diesen Wettbewerb. Ich bin erst am Sonntag Mittag überhaupt auf das live-streaming des Wettbewerbs gestoßen, als ich nach Neuigkeiten über Konstantin Krimmel googelte. Ich habe ihn vor einigen Wochen im Thread „Neue Stimmen“ vorgestellt, nachdem ich seine Videos vom Bundeswettbewerb Gesang gesehen hatte. Mich hat die Lebendigkeit seiner Interpretationen sofort für ihn eingenommen. Das Du das jetzt anscheinend ähnlich siehst freut mich.

    Leider konnte ich nicht das ganze Finale sehen, ich bin erst ab dem vierten Beitrag eingestiegen. Mittlerweile habe ich mir das Video der Siegerin angehört und kann den Gewinn des Wettbewerbs nachvollziehen. Nicht ganz gelingt mir das beim 2. Preis für Yajie Zhang. Eine Vokalise als Beitrag in einem Lied-Wettbewerb finde ich unpassend und auch sonst blieb sie mir nicht nachdrücklich in Erinnerung.


    Viele Grüße

    Boismortier

  • Lieber Boismortier,

    natürlich juriert man da klammheimlich mit und macht sich auch entsprechende Notizen. So sah ich zum Beispiel Grace Durham durchaus mit vorne drin, dann war sie bei den letzten sieben nicht mehr dabei und man zweifelt etwas an der eigenen Sachkenntnis ...

    Aber - man weiß eben nicht, welche Vorgaben sich die Jury zur Beurteilung gibt: die Stimme an sich, Noten- und Textgenauigkeit, Habitus beim Auftritt ... wie ist die Gewichtung?

    Ob in der hintersten Ecke des Hinterkopfes noch mitschwingt, dass die/der zu Beurteilende bereits die Wettbewerbe XYZ gewonnen hat, wissen die Mitglieder einer solchen Jury wohl selbst nicht zu sagen. Die zum Teil staunenswerten Darbietungen der Duos lagen mitunter so eng beisammen, dass ich zu meiner Sitznachbarin sagte, man sollte einen Ball besorgen und das per Elfmeterschießen entscheiden ...

  • Der etwas andere »Liederabend« - Gesang, Klavier und Lesung


    Zwei bekannte Stimmen hatten sich anlässlich der SWR SCHWETZINGER FESTSPIELE am 9. Mai 2019 hier hören lassen; die Sopranistin Christiane Karg und der Bass-Bariton Thomas Quasthoff, letzterer allerdings »nur« lesend. Christiane Karg wurde von Justus Zeyen am Klavier begleitet, der schon seit 1994 mit Quasthoff zusammenarbeitet. Die Veranstaltung fand im Mozartsaal statt, der etwa 320 Leuten Platz bietet. Das Programm war mit dem Titel »Belles Amours - Louise de Vilmorin« überschrieben und Louise Vilmorin gewidmet, die zu den bedeutenden Salonnieres des mittleren 20. Jahrhunderts gehörte.


    Zunächst erzählte Thomas Quasthoff das bewegte Leben der Louise de Vilmorin, die sich vom kränklichen Kind zur vielbeachteten Salondame emporgeschwungen hatte. Louises Familie war vermögend und genoss einen Lebensstil eigener Couleur; Louises Bruder war zum Beispiel aus einem Liebesverhältnis von Louises Mutter mit dem 18-jährigen König Alfons III. von Spanien hervorgegangen. Louise trat mit einer Menge Bildung ausgestattet ins Erwachsenenleben, sprach mehrere Sprachen und studierte schwerpunktmäßig französische Literatur. Noch in der Studienzeit taucht der erste Liebhaber auf - heute ein berühmter Name, damals ein armer Schlucker - Antonie de Saint-Exupéry. Der Familie Vilmorin war diese Verbindung nicht genehm und die Verlobung wurde wieder gelöst, und Louise heiratete mit 23 einen reichen amerikanischen Makler, mit dem sie nach Las Vegas zog. Natürlich blieb es nicht bei einer Eheschließung; es folgte noch ein ungarischer Graf und Playboy, von dem sich die Salondame 1934 scheiden ließ, dann hatte sie schließlich erkannt, dass es nicht immer eines Trauscheins bedarf, wenn man den Mann wechselt ... - dies alles kann man im Detail in allen möglichen Publikationen nachlesen, es sollen hier nur noch einige Namen aus dem Freundeskreis von Louise de Vilmorin genannt werden: André Malraux, der sie zum Schreiben animierte, Jean Cocteau, Anaïs Nin, Françoise Sagan, Coco Chanel, Maria Callas ... und Max Ophüls, der 1953 ihren berühmtesten Roman »Madame de…« verfilmte. Unter dem Titel »Die Liebe ihres Lebens« kam dieser Film auch in die deutschen Kinos.


    Ein Name, der an diesem Abend sehr wichtig war, wurde noch nicht genannt: Francis Poulenc, dessen Muse Louise de Vilmorin war; er hatte sie 1934 über Jean Cocteau kennengelernt und war begeisterter Leser ihrer Gedichte. Die meisten Lieder des Abends waren von Poulenc. Noch ehe Madame Vilmorin1939 ihren ersten Poesieband veröffentlichte, komponierte Poulenc 1937 drei Gedichte von Louise Vilmorin, danach noch zwei weitere Liederzyklen nach Versen der Dichterin.


    Der andere musikalische Teil gehörte der 1903 geborenen französischen Komponistin Claude Arrieu, die fast gleichaltrig mit Louise de Vilmorin war und als Komponistin nicht die Popularität ihres älteren Kollegen Poulenc erreichte. Durch ihre Mutter, einer Pianistin, hatte Claude Arrieu eine sehr systematische musikalische Ausbildung hinter sich gebracht. So gewann sie auch 1932 den ersten Preis des Pariser Conservatoire im Fach Komposition. Durch ihre Zusammenarbeit mit Perre Schaeffer, einem »Ingenieur-Komponisten«, wirkte sie weit in die neue Zeit hinein und gilt als eine Pionierin der Radiokultur.


    Ohne den Pianisten und Vorleser zu »diskriminieren«, muss man feststellen, dass die Hauptlast des Abends bei Christiane Karg lag. Für Leser, welche die Sängerin nicht schon längst kennen, sei sie hier in Kurzform vorgestellt:


    Christiane Karg erhielt ihre Gesangsausbildung am Salzburger Mozarteum, wo sie auch ihren Master Lied / Oratorium und den Abschluss im Fach Oper/Musiktheater absolvierte; als besondere Anerkennung gab es die Lilli-Lehmann-Medaille, die seit 1916 jährlich an junge, talentierte Musikerinnen verliehen wird.

    Die Künstlerin debütierte im Sommer 2006 bei den Salzburger Festspielen und erhielt seitdem als Opern- und Konzertsängerin international Anerkennung. Ab 2008 war sie Ensemblemitglied der Frankfurter Oper. 2009 wurde sie von der Zeitschrift Opernwelt zur Nachwuchskünstlerin des Jahres gewählt.

    Im Oktober 2010 erhielt sie darüber hinaus den renommierten Musikpreis »Echo Klassik«. Inzwischen liegen eine Menge CD-Einspielungen von ihr vor. Auch auf den ganz großen internationalen Bühnen, wie zum Beispiel Wiener Staatsoper, Royal Opera House Covent Garden, Mailänder Scala, Metropolitan Oper New York ... war ihre »Silberstimme« schon zu hören.


    Ich hatte Christiane Karg zum letzten Mal im Sommer 2014 in ihrem Heimatort Feuchtwangen - ebenfalls mit einem »gemischten« Programm - gehört, wo sie ebenso französische Lieder - damals von Maurice Ravel und Charles Koechlin - sang. In einem Interview sagte sie einmal: »Zudem singe ich auch noch etwas französisch», das ist wohl etwas Understatement, denn da ist ja 2017 die CD »Parfüm« erschienen, wo sie Ravel, Debussy, Koechlin, Duparc und Benjamin Brittens »Quatre chansons françaises« singt.


    In Schwetzingen hatte die Sängerin zwar den Notenständer vor sich stehen, erweckte jedoch nie den Eindruck, dass sie da etwa etwas ablesen müsste, der Vortrag war im Gesamten souverän und es war für Christiane Karg und Justus Zeyen bestimmt ein Vorteil, dass ihnen ab und an mal eine Pause vergönnt war, wenn Thomas Quasthoff den lesenden Part übernahm. Wie eingangs bereits erwähnt, zunächst aus der Biografie von Louise de Vilmorin, dann aus Romanen und Briefen der das Blau so sehr liebenden Dichterin.

    Die Texte der vorgetragenen Lieder standen den Zuhörern in einem umfangreichen und informativen Programmheft in deutscher Übersetzung zur Verfügung, sogar in Fettdruck und damit auch bei reduzierter Beleuchtung lesbar. Etwas reduziert gestaltete sich auch der Pausenapplaus - frenetisch klingt anders, aber als sich die drei Künstler am Schluss verneigten, war das dann doch eine herzliche Begeisterung geworden, den sich die drei Protagonisten redlich verdient hatten.

    Wenn man so etwas einstudiert, muss sich das auch irgendwie amortisieren, deshalb ist dieses Programm in den nächsten Tagen auch anderswo zu erleben: Am 12. Mai in Essen und am 14. Mai in Detmold. Für jedermann ist der Schwetzinger Konzertabend in »SWR2 am Samstag, 18. Mai von 20:03-22:00 Uhr im Radio zu hören


    Das Programm des Abends


    Lesung

    »Je t’aime pours toujours, ce soir«

    Leben und Lieben der Louise de Vilmorin


    Francis Poulenc 1899-1963

    Trois poèmes de Louise de Vilmorin

    Le Garçon de Liège

    Au-delà

    Aux officiers de la garde blanche


    Claude Arrieu 1903-1990

    Poèmes de Louise de Vilmorin

    A l’envers de ma porte

    Attendez le prochain bateau

    Amour

    J’ai la tout dans mon jeu

    L’Inconnu


    Lesung

    Auszüge aus den Romanen »Madame de ...« und »Liebesgeschichte«


    Francis Poulenc

    Métamorphoses

    Reine de mouettes

    C’est ainsi que tu es

    Paganini


    P A U S E


    Claude Arrieu

    Fête


    Lesung

    Auszug aus dem Roman »Belles Amours«


    Claude Arrieu

    »Le Sable du Sablier« cycle de mélodies sur des poémes de Louise de Vilmorin

    Adieux

    Le Géranium

    La fête publique

    Oh! Mes amours


    Lesung

    »Eine Liebe zu Dritt«- Auszüge aus Briefen von Duff und Diana Cooper und Louise de Vilmorin


    Francis Poulenc

    Fiançailles pour rire

    La dame d’André

    Dans l’herbe

    Il vole

    Mon cadavre est doux comme un gant

    Violon

    Fleurs


    Lesung

    Der Tod der Louise de Vilmorin

  • Christian Elsner singt die »Winterreise« bei den SWR SCHWETZINGER FESTSPIELE 2019


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    Ein Stimmungsbild nach dem Konzertabend


    Wenn man einen Liederabend besucht, dann hat so ein Abend eine Vorgeschichte, was bedeutet, dass der Einzelne mit ganz eigenen Erwartungen da hingeht und auch ganz eigene Eindrücke mit nach Hause nimmt. Objektiv kann eigentlich nur festgestellt werden, dass es sich um einen Zyklus von 24 Liedern handelt, der vom Sänger an diesem Abend in 73 Minuten vorgetragen wurden, und Christian Elsner in der Tenor-Stimmlage sang, ganz so wie sich das Franz Schubert gedacht hatte. Der Saal war rappelvoll - dieser umgangssprachliche Begriff scheint hier angebracht -, auch an den Podiumsseiten waren Stühle beigestellt worden.


    Christian Elsner ist für den Berichterstatter dergestalt ein »alter Bekannter«, dass Anfang der 1990er Jahre eine Lieder-CD dieses Sängers gekauft wurde, die so gefiel, dass ich mir im April 1997 eine Nacht um die Ohren schlug, um den aufstrebenden Tenor im 300 Kilometer entfernten Köln hören zu können. Christian Elsner sang im großen Sendesaal des WDR im offiziellen Programm 14 Schubert-Lieder; damals wurde er von Hartmut Höll am Klavier begleitet. In den Jahren danach erwarb ich alle Lieder-CDs des Sängers, wobei zu erwähnen ist, dass das nicht allzu viele sind. Elsner macht schon mal auch ausgefallenere Sachen wie beispielsweise eine »Winterreise« mit Streichquartett, worüber man geteilter Meinung sein kann, aber Vielseitigkeit ist eben ein besonderes Merkmal des Künstlers.


    Christian Elsner hatte noch eine gründliche Ausbildung bei dem legendären Martin Gründler in Frankfurt/M. genossen und sich zusammen mit dem nicht weniger legendären Dietrich Fischer-Dieskau Schumanns Eichendorff-Liederkreis op. 39, sowie Lieder von Gustav Mahler erarbeitet. Man lernt immer noch dazu, nie hätte ich nach dem Liederabend 1997 in Köln gedacht, dass mir der Sänger als Siegmund oder Parsifal auf der Opernbühne begegnen könnte; vermutlich erfolgte der Stimmwechsel im Jahr 2007. Berührungen zu Wagner gab es aber schon viel früher, nämlich 1989; da gewann Elsner den Franz-Völker-Preis der Stadt Neu-Isenburg, Franz Völker war ja ein ganz vorzüglicher Wagner-Tenor.

    Heute erklärt Christian Elsner seine sängerische Tätigkeit so: 50 Prozent Konzertsänger, 30 Prozent Lieder, 20 Prozent Oper.

    Seit 2006 hatte Elsner eine Professur für Gesang an der Hochschule für Musik in Würzburg, ab 2017 ist er in gleicher Position an der Hochschule Karlsruhe tätig, wo er mit etwas Bammel - nach eigener Aussage - sein Antrittskonzert gab, am Flügel begleitet von Professor Hartmut Höll. Das Konzert war sehr erfolgreich!


    Nun betrat ein Hüne von Gestalt das Podest des Mozartsaals im Schwetzinger Schlosspark, man war gespannt; der Sänger steht etwa siebzig Minuten »ungeschützt« da oben, 22 Jahre waren seit dem letzten Live-Erlebnis vergangen ... Als Christian Elsner den ersten Ton formte war man schon beeindruckt, weil sofort deutlich wurde was Kunstgesang bedeutet. In seinen jungen Sängerjahren - es war 1995 in Feldkirch - sagte Elsner noch, dass er um Werke wie die »Winterreise« einen großen Bogen mache, weil er damit nicht zu früh anfangen wollte; Peter Schreier hielt es ja genauso. Inzwischen ist Elsner 53 Jahre alt geworden und traut sich die »Winterreise« längst zu.


    »Schöngesang« bot Elsner an diesem Abend nicht, der Wanderbursche war recht grimmig und frustriert und brachte das recht deutlich stimmlich zum Ausdruck, wobei das Minenspiel das Gehörte noch unterstrich, ohne dass der Sänger dabei etwa übertrieb.

    Nach dem »stürmischen Morgen« wurde der Wanderer merklich ruhiger und in sich gekehrt, wobei man sich »Das Wirtshaus« noch etwas lyrischer vorstellen könnte. »Die Nebensonnen« boten noch einen fast ariosen Einschub, dann resignierte der Wanderer ...


    Christian Elsner hatte sich sichtlich physisch verausgabt, wenn man nur fünf Meter weit weg ist, kann man dies beurteilen, das war eine Mordsleistung! Nach den bei »Winterreise«-Aufführungen üblichen stillen Sekunden mischten sich in den laut aufbrausenden Beifall auch Bravorufe.
    Seit den ersten Schubertliedern vor 22 Jahren ist die Stimme dunkler und schwerer geworden, Wagner ging nicht spurlos vorüber. Das letzte Live-Erlebnis mit diesem Werk hatte ich vor vier Monaten in Stuttgart, wo der Pianist dieses Abends, Gerold Huber, den Bassisten Günther Groissböck begleitete - man vergleicht ... ein »besser« oder »schlechter« kann es da eigentlich nicht geben, aber es ist zu bemerken, dass ein Tenor eben von Natur aus mehr Farben auf der Palette hat. Natürlich hört man sich da unmittelbar nach dem Konzert Elsners »Winterreise-Stimme« von 2002 nochmal an; klar, sie klang lyrischer. Es war ein Abend, der in Erinnerung bleibt, aber es ist zu vermuten, dass das »Nur-Hören« am Radio nicht unerheblich vom direkten Erlebnis im Konzertsaal abweicht - man darf also gespannt sein, was da aus den Lautsprechern kommt.

    Die Aufzeichnung dieses Abends kann im Rundfunk am Mittwoch, 29. Mai 2019 in der Zeit von 20:03 bis 22:00 Uhr in SWR2 gehört werden.


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    Etwas gewöhnungsbedürftig ist, dass in den meisten Verlautbarungen zu dieser Veranstaltung von »Die Winterreise« die Rede war und der eigentliche Titel des Werkes, nämlich »Winterreise«, erst im Programmheft des Abends auftaucht.

  • Also ein besonderer Liederabend wird es am Sonntag, 6. Oktober 2019 nicht sein, aber mit Sicherheit eine besondere Lied-Matinee um 11:00 Uhr im Opernhaus Stuttgart. Anlass ist die achte Preisverleihung der Hugo-Wolf-Medaille, welche im Zwei-Jahre-Turnus stattfindet. In diesem Jahr geht der Preis an Gundula Janowitz, eine Sängerin, die man im Tamino-Klassikforum wohl nicht vorstellen muss ...

    Im Rahmen dieser Preisverleihung wird man Juliane Banse und Benjamin Appl hören, die von Wolfram Rieger, dem Preisträger von 2017, am Klavier begleitet werden. Die Laudatio hält der Musikpublizist Wilhelm Sinkovicz.

  • Liedermatinée in der neuen TAUBERPHILHARMONIE zu Weikersheim am Sonntag, 11. August 2019

    Konstantin Krimmel und Doriana Tchakarova bezaubern ihr Publikum


    Ausnahmsweise soll hier zunächst einmal ganz kurz auf den Veranstaltungsort dieser Liedermatinée eingegangen werden, denn man darf davon ausgehen, dass dies wohl für die meisten Leser Neuland ist. Das Bauschild steht noch und im hinteren Teil des Außenbereichs wird fleißig gearbeitet - es war die erste Liedveranstaltung in dem Gebäude.


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    Historisches und Modernes in Weikersheim

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    TauberPhilharmonie? Da werden einige Musikfreunde doch stutzen und fragen ob dieses Konzerthaus nach dem berühmten Tenor Richard Tauber benannt wurde, aber es gibt auch Assoziationen zur Elbphilharmonie in Hamburg, ein Begriff, der über viele Jahre - vor allem der langen Bauzeit und der Kosten wegen - praktisch jedem Zeitungsleser nahegebracht wurde. An der Tauber - das ist ein 130 Kilometer langes Flüsschen, welches direkt am Konzerthaus vorbeifließt und bei Wertheim in den Main mündet - war man in Sachen verbrauchter Bauzeit und Kosten weit sparsamer als an der Elbe. Die Bauzeit betrug so um die zwei Jahre und die Baukosten werden mit knapp 15 Millionen Euro angegeben. Weikersheim hat etwas mehr als 7000 Einwohner und seit Jahrhunderten ein beachtliches Renaissanceschloss mit sehenswertem Garten. Aber man verfügt hier auch über eine gewisse Musiktradition, denn die Musik ist mit »Jeunesse Musicales Deutschland« hier schon viele Jahre zu Hause.


    In dieser nagelneuen TauberPhilharmonie, welche über einen großen, repräsentativen Konzertsaal mit 650 Plätzen und einem kleineren, den Wittenstein-Saal, mit 200 Plätzen verfügt, fand diese Liedermatinée statt, natürlich im kleinen Saal, wie sich das fast am Rande versteht ... den Begriff Matinée muss man nicht unbedingt wörtlich nehmen, das Lieder-Konzert begann um 16:00 Uhr. In den hinteren Reihen hätten noch einige Musikfreunde Platz gefunden, und da wären vermutlich auch noch einige von weiter her gekommen, wenn sie den Wissensstand des Berichterstatters gehabt hätten, der das Paar vom International Song Competition 2019 in Heidelberg her kannte und deshalb eine zweistündige Anfahrt nicht scheute.


    Das Publikum saß gespannt in dem etwas steril wirkendenden Raum und harrte der Dinge, als ein Mann im buntkarierten Hemd erfolglos an der Einstellung der Saalbeleuchtung herumhantierte; während man den vermeintlichen Hausmeister noch seiner Sonntagsarbeit wegen bedauerte, erklomm dieser rasch das Podium, um eloquent und fachkundig die einzelnen Liedblöcke zu erklären, es war der Intendant der TauberPhilharmonie persönlich, der letztendlich Fachkompetenz vom HEIDELBERGER FRÜHLING mitbrachte, Johannes Mnich.


    Die Programmfolge:


    Carl Loewe (1796-1869)

    Tom der Reimer op. 135a

    Die Uhr op. 123 Nr. 5

    Erlkönig op. 1 Nr. 3

    Odins Meeresritt op. 118


    Die ersten beiden, sehr bekannten Stücke, sang Krimmel solide und Frau Tchakarova war eine aufmerksame Begleiterin, wie das oft so schön formuliert wird ...

    Aber Loewes »Erlkönig» - der ja oft mit dem von Schubert verglichen wird, und diesen Vergleich nicht zu scheuen braucht - wurde von Krimmel so wunderbar und eindrücklich erzählt, dass man das hier nicht wirklich schildern kann, das war ganz große und ergreifende Interpretationskunst. Der Sänger schloss den Loewe-Block mit »Odins Meeresritt« ab. Dieses »Hättet Ihr Flügel, so glaubt´ ich´s gern«, um nur mal einen winzigen Teilbereich herauszugreifen, war so eine typische Krimmel-Gestaltung, wo er wegen des vermeintlichen Sprücheklopfers, der noch eben mal rasch nach Norwegen mochte, ein unnachahmliches Lachen andeutet, das nicht in den Noten steht, aber dem Zuhörer ein sehr plastisches Bild dieses nächtlichen Vorgangs vermittelt; und wenn sich dann - O Wunder - das viel zu kleine Hufeisen ausdehnt kann Krimmel das auch durch entsprechendes Stimmvolumen darstellen. Es folgten nun vier Lieder von Loewes Zeitgenossen Franz Schubert.


    Franz Schubert (1797-1828)

    Fahrt zum Hades D 526

    Die Hoffnung D 251

    Der Kreuzzug D 932

    Gruppe aus dem Tartarus D 583


    Hier hatten die beiden Protagonisten von der Darbietung sehr bekannter Schubert-Lieder Abstand genommen und überwiegend Nachdenkliches zu Gehör gebracht. Ob der Pausenbeifall deshalb etwas spärlich ausfiel? Die Künstler hatten die Tür schon einen Spalt zum wieder Rauskommen geöffnet, da ebbte der Beifall ab, für mich absolut unverständlich, aber wahrscheinlich erforderte diese Liedauswahl etwas mehr Sachverstand, der nicht in ausreichendem Maße vorhanden war.


    Nach der Pause:


    Bei der Fortsetzung des Programms übernahm der Sänger selbst die einführenden Worte zu den nun folgenden vier Liedern russischer Komponisten. Dargeboten wurde:


    Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow (1844-1908)

    Oktava op. 45 Nr. 3

    Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840-1893)

    Tod op. 57 Nr. 5

    Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow (1873-1943)

    In der stillen Nacht op. 4 Nr. 3

    Michail Iwanowitsch Glinka (1804-1857)

    Bolero


    An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass das gesamte Programm auf einem beidseitig bedruckten DIN A6 Blatt Platz fand und die Zuhörer, soweit sie nicht des Russischen mächtig waren, somit keinen Zugang zum deutschen Text hatten, also sich an den einführenden Worten des Vortragenden orientieren mussten.


    Nach diesen vier russischen Liedern kamen wieder zwei Kompositionen zum Zuge, wo man eigentlich keinen Text vorliegen haben muss, denn Krimmels Wortdeutlichkeit ließ keine Wünsche offen.


    Franz Schubert (1797-1828)

    Der Zwerg D 771

    Der Wanderer D 493


    Allzu oft hört man die Ballade »Der Zwerg« im Konzertsaal nicht, aber wenn, dann kann der Interpret diese Geschichte von Matthäus von Collin recht dramatisch gestalten, die so idyllisch beginnt und mit sanfter Brutalität endet. Und da ist in Krimmel wieder der Erzähler gefragt, und er bringt es fertig, diesen schauerromantischen Kriminalfall so zu erzählen, dass man mit im Boot ist. »Der Wanderer«, eines der bekannteren Schubert-Lieder, dessen Schlusszeile: »Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück« oft zitiert wird, bildete den Abschluss der insgesamt sechs Schubert-Lieder des Nachmittags, bei dem letzten Wort »Glück« vermisste man allerdings den tiefen Ton.


    Zum Ende der nachmittäglichen Matinée wurden noch drei Lieder von Hugo Wolf angeboten, wobei Johannes Mnich, der wieder in diesen Lied-Block einführte, das besondere Verhältnis, welches Wolf zum Wort hatte und wie genau er komponierte erklärte, und erzählte auch etwas über das angespannte Verhältnis von Wolf zu Brahms. Diese jeweils einführenden Worte kamen für das Publikum recht lebendig rüber und waren für die ausführenden Künstler sicher gleichzeitig auch eine willkommene Atempause.


    Hugo Wolf (1860-1903)

    Anakreons Grab

    Gebet

    Feuerreiter


    Der »Feuerreiter« stand wohlüberlegt am Schluss des Ganzen, denn Krimmel konnte da alle Register seines Könnens ziehen, aber Intendant Mnich, selbst ausgebildeter Pianist, hatte in seiner Vorrede explizit darauf hingewiesen, dass hier die Pianistin eigentlich die Hauptlast des Vortrags zu tragen hatte und dies eine wahnsinnig schwere Aufgabe sei. Während Doriana Tchakarova bisher mit den Noten alleine zurecht kam, assistierte nun Johannes Mnich als Umblätterer, weil die Pianistin wirklich viel zu tun hatte, aber Bariton und Klavier brachten das schwierige Stück gut über die Bühne, sodass Mörike, der eine Zeit lang unweit der TauberPhilharmonie gewohnt hatte, vermutlich seine helle Freude daran gehabt hätte.


    Der mickrige Pausenbeifall war vergessen, der Jubel allgemein und mit Bravo-Rufen garniert; eine Zugabe war fällig und wurde von Krimmel angesagt und erklärt. Es handelte sich um ein Stück, das Wolseley Charles (1889-1962) im Jahre1926 mit dem Titel »The Green-Eyed Dragon« komponierte, der Text stammt von Greatrex Newmann. Das Lied ist an sich sehr bekannt, allerdings nicht unbedingt im Rahmen von Kunstliedern; es kann als lustiges oder Angst machendes Lied gesehen werden; es hat mit einem König, einer Prinzessin, einem furchterregenden Drachen und einem Polizisten zu tun.


    Im Saal herrschte nun rundum gute Stimmung und die Phonstärke des Beifalls machte einen weiteren Einsatz des Künstler-Duos erforderlich. Konstantin Krimmel überlegte laut, was man denn da noch abschließend bringen könnte und hatte auch gleich die Lösung parat; ein von Michael Haydn (1737-1806) im Jahre 1802 vertontes Lied, Michael war der Bruder des weit berühmteren Joseph Haydn. Der Titel dieses Stückes: »Der couragierte Schneidergesell«. Was nun geschah, gehört zu den Ereignissen, die man mit Recht als unbeschreiblich bezeichnet, nur mit Stimme allein ist so etwas nicht zu machen - bravo! Konstantin Krimmel!


    Die Fränkischen Nachrichten überschrieben ihren Konzertbericht mit »Große Stimme, enorme Ausstrahlung«, dem kann man sich getrost anschließen und hoffen, dieses harmonisch zusammenarbeitende Konzertduo noch öfter zu hören.


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  • Eine Lied-Matinee zu Ehren von Gundula Janowitz im Opernhaus, Staatstheater Stuttgart


    In einer Matinee in der Staatsoper Stuttgart wurde am Sonntag, 6. Oktober 2019, zum 8. Male die Hugo-Wolf-Medaille für herausragende Verdienste um das Kunstlied verliehen.

    Zur Gestaltung des musikalischen Rahmens hatte man die Sopranistin Juliane Banse und den Bariton Benjamin Appl eingeladen, die von dem altbewährten Pianisten Wolfram Rieger begleitet wurden. Die Laudatio hatte man dem Musikwissenschaftler und Journalisten Dr. Wilhelm Sinkovicz anvertraut.


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    Ein würdiger Rahmen für die Hommage an Gundula Janowitz


    Zur Hommage für Gundula Janowitz traten zwei Interpreten auf, die ich von Heidelberg her kannte, Juliane Banse leider nur in der stummen Rolle einer Jurorin beim diesjährigen Lied-Wettbewerb »Das Lied« in Heidelberg. Juliane Banse stammt aus dem »Ländle«, ist aber als Künstlerin geografisch weit darüber hinaus gekommen. Ihre Kindheit verbrachte sie in Zürich und hatte schon früh Kontakte zum Opernhaus Zürich, wo sie Ballettunterricht nahm. Schon mit 15 wurde sie in Gesang unterrichtet, was für die junge Frau dann die Basis zum Studium bei den Mezzosopranistinnen Brigitte Fassbaender und Daphne Evangelatos in München war. Bereits mit zwanzig Jahren debütierte sie als Pamina in der »Zauberflöte« an der Komischen Oper Berlin und sang danach an bedeutenden Veranstaltungsorten in Europa. Ihr USA-Debüt gab sie 1995 mit Mahlers zweiter Sinfonie. Neben ihren zahlreichen Opernrollen pflegt sie auch den Liedgesang und ist seit dem Wintersemester 2016/17 als Gesangsprofessorin an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf tätig.


    Benjamin Appls Stimme hörte ich erstmals 2012 anlässlich eines Meisterkurses von Thomas Hampson, wo er einer der acht Stipendiatinnen und Stipendiaten war. Man hörte sofort, dass hier eine gute Stimme am Werden ist, bei den Damen war es damals Diana Haller, die im gleichen Kurs aufhorchen ließ.

    Erste sängerische Gehversuche machte der junge Benjamin bei den Regensburger Domspatzen, denn Regensburg ist seine Geburtsstadt. Nach seinem Stimmbruch nahm Benjamin Appl Gesangsunterricht und wirkte in Oratorien mit; war aber etwas im Zweifel, ob seine Fähigkeiten ausreichen, um an einer Musikhochschule aufgenommen zu werden. Also sicherte er sich zunächst ab und absolvierte eine Ausbildung zum Bankkaufmann und ein Studium der Betriebswirtschaftslehre, welches er abschloss.

    Danach studierte er an der Hochschule für Musik und Theater in München; und an der Bayerischen Theaterakademie war Edith Wiens seine Lehrerin. Aber kaum war er da, folgte er Frau Wiens an die Julliard School nach New York. Der erstklassige Gesangslehrer Rudolf Piernay (ein Berliner), der an der Guildhall Schoolof Music in London lehrte, war der Grund für die Übersiedlung Appls nach London, wo er derzeit seinen Lebensmittelpunkt sieht. In Dietrich Fischer-Dieskau hatte er einen weiteren großen Förderer, der ihm viele Türen öffnete und ihn oft in seinen Meisterkursen als eine Art Überraschungsgast präsentierte. Benjamin Appl kann von sich sagen, dass er der letzte Schüler dieses großen Liedsängers war. Verbrieft ist dies durch Julia Varady, die zugegen war, wenn der junge Mann den Meister in Berg am Starnberger See besuchte. In New York sang Benjamin Appl vor wenigen Monaten alle drei Lieder-Zyklen Schuberts, man durfte gespannt sein was er aus Brahms und Hugo Wolf macht, kleine Kostproben gab er bereits auf seiner CD »Heimat« und ist auch sonst sowohl im Konzertsaal als auch auf Tonträgern sehr präsent.


    Wolfram Rieger stammt aus Waldsassen in der Oberpfalz und hat nicht nur im Elternhaus Klavierunterricht erhalten, sondern ist zur weiteren pianistischen Ausbildung ins 130 Kilometer entfernte Regensburg gefahren. Heute konzertiert er fast auf der ganzen Welt und wurde vor zwei Jahren selbst mit der Hugo-Wolf-Medaille zusammen mit Thomas Hampson ausgezeichnet. Er hat schon eine Menge berühmter Interpreten begleitet und wirkt nun schon seit vielen Jahren bei den Meisterkursen und Liederabenden des »Heidelberger Frühling« maßgebend mit. Er kennt die Konzertsäle der Welt. Bei den Feierlichkeiten 2017 saß er schon in der Stuttgarter Oper am Klavier und nun begleitete er Juliane Banse und Benjamin Appl. Neben seiner Konzerttätigkeit hat Wolfram Rieger bereits seit 1998 eine Professur für Liedgestaltung an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.


    Das Programm der Lied-Matinee

    Zunächst geschah gar nichts und es herrschte eine fast gespenstisch anmutende, irgendwie unnatürliche Ruhe, wie sie ein altgedienter Konzertbesucher so nicht in Erinnerung hat ... aber dann öffnete sich doch das Seitentürchen und Juliane Banse erschien.

    Im Programm erklangen Kompositionen von Johannes Brahms, Robert Schumann und Hugo Wolf. Zunächst sang Juliane Banse drei Brahms-Lieder, denen noch ein Duett hinzugefügt wurde. Danach übernahm Benjamin Appl die Solistenrolle und brachte drei Lieder von Robert Schumann zu Gehör. Der Schumann-Block wurde dann ebenfalls mit einem Duett abgeschlossen.


    Johannes Brahms (1833-1897)

    Ständchen op. 106/1

    Die Mainacht op. 43/2

    Unbewegte laue Luft op. 57/8

    Vergebliches Ständchen op. 84/4 (Duett)


    Robert Schumann (1810-1856)

    Frühlingsfahrt op. 45/2

    Meine Rose op. 90/2

    Belsatzar op. 57

    Unterm Fenster op. 34/3 (Duett)


    Nach diesen acht Vorträgen war den Künstlern eine Pause gegönnt und der Vorsitzende der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie, Prof. Dr. Hansjörg Bäzner, begrüßte Gäste und Ehrengäste. Danach folgte die hörenswerte Laudatio von Dr. Wilhelm Sinkovicz, der es fertig brachte tiefschürfende Sachkunde humorvoll und unprätentiös zu vermitteln, es war ein Genuss ihm zuzuhören und am Beifall konnte der Referent deutlich hören, dass er gefallen hatte.


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    Gundula Janowitz mit dem Laudator Dr.Wilhelm Sinkovicz


    Danach folgte der Akt der Ehrung. Wie oft mag die zweifache Kammersängerin schon geehrt worden sein? Ihre Lebensleistung hier darzustellen wäre müßig, man kann das Staunenswerte ihrer mehr als drei Jahrzehnte währenden Bühnentätigkeit in vielen Publikationen nachlesen. Dinge, die normalerweise nicht im Musiklexikon stehen, findet man in einem Gespräch, das im Programmheft abgedruckt ist:

    Beide Eltern unterstützten Gundula in ihrem Bestreben Sängerin zu werden. Der Vater starb drei Wochen nach ihrem Probesingen am Konservatorium und der sie weiter unterstützenden Mutter war es nicht vergönnt ihre 22-jährige Tochter noch in ihren Anfängen an der Wiener Staatsoper zu erleben.

    Schließlich trat die Geehrte mit einem wohlvorbereiteten Manuskript ans Rednerpult und bekannte, dass auswendig Singen für sie kein Problem sei, aber dass sie ihre Dankesworte lieber lesend abstatten wollte; am Schluss zitierte sie den bekannten Liedtext: »Du holde Kunst, ich danke dir dafür«. Das Publikum feierte Gundula Janowitz mit Standing Ovations.


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    Die Sängerin mit der Auszeichnung


    Zum musikalischen Abschluss mussten natürlich noch Lieder von Hugo Wolf gesungen werden, eigentlich eine Selbstverständlichkeit in diesem Rahmen. So wurde das musikalische Programm in der Weise fortgesetzt, dass sich die beiden Vortragenden die ausgewählten 16 Lieder teilten und im Wechsel sangen. Benjamin Appl begann mit »Ein Ständchen zu bringen« und Juliane Banse endete mit »Ich hab in Penna einen Liebsten wohnen«.


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    Die drei ausführenden Künstler


    Hugo Wolf (1860-1903)

    aus: »Italienisches Liederbuch«

    Ein Ständchen zu bringen

    Mein Liebster singt am Haus im Mondenscheine

    Heut Nacht erhob ich mich

    O wär dein Haus durchsichtig wie Glas

    Gesegnet sei, durch den die Welt entstund

    Gesegnet sei das Grün und wer es trägt

    Ihr seid die Allerschönste weit und breit

    Du denkst mit einem Fädchen mich zu fangen

    Geselle, woll´n wir uns in Kutten hüllen

    Verschling´ der Abgrund meines Liebsten Hütte

    Hoffärtig seid Ihr, schönes Kind

    Du sagst mir, dass ich keine Fürstin sei

    Sterb´ ich, so hüllt in Blumen meine Glieder

    Nun lass uns Frieden schließen

    Wir haben beide lange Zeit geschwiegen

    Ich hab in Penna einen Liebsten wohnen


    Gesamteindruck der musikalischen Darbietungen

    Juliane Banse musste ja einen guten Auftritt haben, denn die von ihr gesungenen drei Brahmslieder sind beim Publikum wohlbekannt. Nach der unbewegten lauen Luft kam Bewegung in die Szene, als der Bariton von der gegenüberliegenden Bühnenseite überraschend heranstürmte und man das erste Duett zu hören bekam.

    Danach war Benjamin Appl an der Reihe, um sich als Solist vorzustellen; er wählte drei Schumann-Stücke aus, darunter als fulminanten Schlusspunkt die Ballade »Belsatzar«, was ihm wohlverdienten Beifall einbrachte. Nach diesem Liedblock gab es das Duett »Unterm Fenster«

    War es Absicht, Hugo Wolf in eine gewisse Distanz zu Johannes Brahms zu bringen? Die beiden konnten ja nicht so gut miteinander. Also kamen die schlichten, kleinen Lieder, welche im Ursprung aus Volksliedern hervorgingen, als letzte musikalische Darbietung dran. Wolfs »Italienisches Liederbuch« hat den Umfang von 46 Gedichten, die vom Lobpreis der Verliebtheit und Schönheit bis zu Spott- und Streitgesängen sowie bitteren Klagen reichen. Es ist der längste Lied-Zyklus überhaupt, der, führt man ihn ganz auf, etwa eineinhalb Stunden in Anspruch nimmt und deshalb relativ selten zur Aufführung kommt. An Studioaufnahmen gibt es dagegen ein zahlreiches Angebot. Für die Stuttgarter Matinee hatte man aus dem Zyklus 16 passende Lieder ausgewählt, wobei die Texte im Programmheft mitgelesen werden konnten. Im letzten Lied »Ich hab in Penna einen Liebsten wohnen«, schlüpfte Juliane Banse in die Rolle eines weiblichen Don Giovanni, denn wie aus dem Text hervorgeht, war es nämlich nicht nur einer in Penna ...

    Zum Ende der Liedvorträge wurde artig applaudiert und als man meinte es sei Schluss, tat sich noch einmal das Seitentürchen auf - Wolfram Rieger suchte in den Notenblättern, dann hörte man nochmals »Unterm Fenster«. Hier waren erfahrene Liedinterpreten zugange; Benjamin Appl kann man inzwischen hinzuzählen. Allerdings war ich überrascht - im Vergleich zu 2012 - einer, zumindest an diesem Morgen, relativ dunkel gefärbten Bariton-Stimme zu begegnen.


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    Von links nach rechts sind zu sehen:

    Prof.Dr. Hansjörg Bäzner, Wolfram Rieger, Juliane Banse, Gundula Janowitz, Benjamin Appl, Dr. Wilhelm Sinkovicz, Dr. Cornelia Weidner.


    Alle Fotos: Reiner Pfisterer

























  • Lieber hart, nun ist es so, als sei man selbst dabei gewesen. Gundula Janowitz ist mir als Sängerin nach wie vor sehr nahe. Ich danke Dir sehr für Deinen anschaulichen Bericht, der neben der Bewertung der musikalischen Substanz auch die Schilderung von äußeren Umständen nicht ganz ausspart. Was mir immer sehr gut gefällt, Du steuerst auch Details zu den dargebotenen Werken bei. Den Weg von Benjamin Appl hab auch ich verfolgt. Mein Eindruck ist, dass diese Karriere nicht so richtig in Gang kommt.

    ... man durfte gespannt sein was er aus Brahms und Hugo Wolf macht, kleine Kostproben gab er bereits auf seiner CD »Heimat« und ist auch sonst sowohl im Konzertsaal als auch auf Tonträgern sehr präsent.


    Brahms mit ihm kann man auch auf dieser CD hören:



    Vollkommen hingerissen war ich davon allerdings nicht.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Der etwas andere Liederabend - am Samstag, 30. November 2019 in Mannheim


    Eigentlich dachte ich, dass diese Reihe von Liederabenden im Werkhaus des Mannheimer Nationaltheaters längst »gestorben« sind, weil man davon schon lange, lange nichts mehr gehört hatte. In etwas anderer Form ist diese Reihe nun wieder erstanden. Der Bösendorfer stand nun nicht mehr zwischen Bandsägen, sondern im wahrsten Wortsinn auf höherer Ebene, nämlich im oberen Geschoss, in der Dekorationswerkstatt. Angekündigt war das Ganze als »Musiksalon // Lied« mit dem Titel BRITISCHER LIEDERABEND.


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    Der Konzertflügel steht nicht mehr zwischen Bandsägen ...


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    Von links nach rechts: Gábor Bartinai, Dominic Barberi, Cristopher Diffey


    Programm


    Farewell to Arms (1945) - Gerold Finzi (1901-1956)


    Songs of Travel (Zyklus, 1904) - Ralph Vaughan-Williams (1872-1958)


    On This Island (Zyklus, 1937) - Benjamin Britten (1913-1976)


    The Seal Man (1925) - Rebecca Clarke (1886-1979)


    If Thou Wilt Ease Thine Heart (1942) - Benjamin Britten (1913-1976)


    Cradle Song (1942) - Benjamin Britten (1913-1976)


    When You´re Feeling Like Expressing Your Affection (1936) - Benjamin Britten (1913-1976)


    Im wenig aufwendig produzierten Programmheft, welches jedoch kostenlos zur Verfügung stand, fand man eine sehr gut gemachte Einführung und alle Liedtexte in deutscher Sprache. Zudem bot die Dramaturgin des Nationaltheaters, Ruth-Maria Zapf, zu den verschiedenen Liedblöcken eine mit vielen Informationen gespickte Einführung.


    Dieser Liederabend kam nicht aus dem Nichts, sondern war als flankierende Maßnahme zur Aufführung der Britten-Oper »Peter Grimes« gedacht, die im Großen Haus des Nationaltheaters aufgeführt wird.


    Die Sänger des Abends waren der Tenor Christopher Diffey und der Bassist Dominic Barberi; beide Sänger wurden von Gábor Bartinai am Klavier begleitet. Beide Vokalisten konnten sich der Muttersprache bedienen. Christopher Diffey wurde 1981 in Melbourne geboren, debütierte in der Spielzeit 2015/16 in Deutschland und gehört seit 2016 zum Ensemble des Nationaltheaters Mannheim. Dominic Barberi wurde in England geboren und gehört seit 2018/19 zum Solistenensemble des Nationaltheaters.

    Gábor Bartinai stammt aus Budapest, war zuletzt Solokorrepetitor an der Wiener Staatsoper und ist jetzt am Mannheimer Haus Studienleiter.


    Im Zentrum dieses Liederabends standen zwei Liederzyklen: »Songs of Travel« von Ralph Vaughan-Williams und »On This Island« von Benjamin Britten»
    Die »Songs of Travel« werden oft als die britische »Winterreise« bezeichnet, weil .sie viele Themen, wie Wandern, Trennung und Einsamkeit gemeinsam haben;
    der englische Zyklus hat jedoch mit nur neun Liedern einen weit geringeren Umfang als Schuberts »Winterreise« und ist auch nicht ganz so düster in der Stimmung. Ralph Vaughan-Williams komponierte diese Lieder zwischen 1901 und 1904 und waren sein erster wesentlicher Beitrag zum Genre Kunstlied, aber er selbst hatte diesen Zyklus übrigens nie im Zusammenhang gehört, wie er heute gesungen wird.

    Als Benjamin Britten seinen ersten Liederzyklus schrieb, war er gerade mal 24 Jahre alt, hatte aber als Komponist schon einige Meriten erworben. »On This Island« entstand 1937, angeregt durch den mit ihm befreundeten Dichter W. H. Auden. Britten verehrte die Kunst Purcells und war ein Anhänger des Volkliedes, was in diesen Liedern zum Ausdruck kommt.


    Zum Beginn des Abends bot Christopher Diffey ein Stück, das der Komponist Gerald Finzi unter dem Eindruck zweier grässlicher Weltkriege schrieb; im ersten Weltkrieg war sein Kompositionslehrer umgekommen und den nächsten Krieg hatte Finzi auch miterlebt. So entstand sein pazifistisches Stück »Farewell to Arms«, dessen Text von zwei Autoren stammt und irgendwie an Spitzwegs »Friede im Lande« erinnert. Da heißt es im Text zum Beispiel: »Der Helm wird jetzt zum Bienenstock« oder: »Zahme Kaninchen werden sich in unseren eisernen Kanonen vermehren«.


    Dominic Barberi brachte nun mit profundem und wohltönendem Bass die neun Lieder von Ralph Vaughan-Williams zu Gehör:

    The Vagabond (Der Vagabund) / Let Beauty awake (Lassdie Schönheit erwachen) / The roadside fire (Das Feuer am Wegesrand) / Youth and love (Jugend und Liebe) / In dreams (In Träumen) / The infinite shining heavens (Die unendlich leuchtenden Himmel) / Whiter must I wander? (Wohin soll ich mich wenden?) / Bright is the ring of words (Hell ist der Klang der Worte) / I have trod the upward and the downward slope (Ich bin die Hänge hinauf- und hinabgetrottet)


    Weil dieser Zyklus mit der »Winterreise« verglichen wurde, sei der Text des neunten und letzten Liedes, welches mit Abstand das kürzeste des Zyklus´ ist, hier in der Übersetzung eingestellt:


    »Ich bin die Hänge hinauf und hinabgetrottet,

    ich habe die vergangenen Tage durchgestanden und ertragen;

    angefüllt mit Sehnsucht habe ich aller Hoffnung Lebewohl gesagt;

    ich habe gelebt und geliebt und nun die Tür hinter mit geschlossen«.


    Benjamin Brittens »On This Island« sang Tenor Christopher Diffey, und natürlich musste man dabei an Peter Pears denken, der in der Entstehungszeit dieses Zyklus ins Leben von Britten tat. Der Zyklus besteht aus fünf Liedern:


    Let the florid music praise (Blumige Musik soll preisen) / Now the leaves are falling fast (Die Blätter fall´n nun rasch vom Baum) / Seascape (Seelandschaft) / Nocturne / As it is, plenty (Wie es ist, reichlich)


    Nun kam auch die englische Komponistin Rebecca Clarke zu Ehren, man hatte ihr Lied »The Seal man« (Der Robben-Mann) ausgewählt; die Story handelt von einem Mädchen, das von spontaner Liebe zu einem des Weges kommenden Robben-Mannes so gepackt wird, dass es die Mutter verlässt, ihm folgt und dann im Meer ertrinkt.

    Rebecca Clarke gilt als wichtige englische Komponistin, obwohl es von ihr nur etwa hundert Kompositionen gibt, von denen wiederum nur zwanzig zu ihren Lebzeiten im Druck erschienen. Im Übrigen war sie auch eine ausgezeichnete Solo-Bratschistin.


    Anschließend standen noch drei Lieder von Benjamin Britten auf dem Programm, die oben bereits genannt sind; das in der Programmfolge letztgenannte Stück »When You´re Feeling Like Expressing Your Affection«, thematisiert die Möglichkeit, je nach Lust und Laune nach Paris, Berlin oder Moskau zu telefonieren; Britten hatte es auf der Rückreise aus Amerika komponiert und stand unter dem Eindruck der neuen Möglichkeiten des Telefonierens über große Entfernungen.


    Das war ein flottes Stück zum Abschluss, welches seine erheiternde Wirkung beim zahlreich erschienenen Publikum nicht verfehlte. Diese Heiterkeit erfuhr noch eine Steigerung, als die zwei Sänger, diesmal mit einer zusätzlichen Fliege dekoriert, zur obligaten Zugabe erschienen. Alles in allem war das ein recht belehrender Abend, weil man die englischen Kunstlieder doch nicht so flüssig drauf hat, wie dies bei deutschem Liedgut der Fall ist.



  • Rastlose Liebe

    Ein Liederabend mit Nikola Hillebrand und Alexander Fleischer am 15. Dezember 2019 im Kleinen Haus des Nationaltheaters Mannheim.


    Nikola Hillebrand wurde in Recklinghausen geboren und ist in München aufgewachsen und besuchte dort auch die Hochschule für Musik und Theater. Schon während ihres Studiums gastierte sie am Theater in Bonn. 2015 gab sie als Blondchen in »Die Entführung aus dem Serail« ihr Debüt in Glyndebourne. 2017 debütierte sie an der Bayerischen Staatsoper München mit der Rolle der Azema in Rossinis »Semiramide«. Seit der Spielzeit 2016/2017 ist sie Ensemblemitglied beim Nationaltheater Mannheim.

    Alexander Fleischer wurde im thüringischen Altenburg geboren und studierte an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin und konnte als Liedbegleiter einiges Renommee erwerben. An der Hochschule für Musik in Würzburg ist Alexander Fleischer seit 2015 Dozent für Liedbegleitung, und unterrichtet in diesem Fachbereich auch eine Liedklasse an der Musikhochschule in Mannheim.


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    Beiden Künstlern begegnete man in der Vergangenheit immer wieder in Meisterklassen und Wettbewerben im Genre Lied, so auch in Februar des Jahres beim International Song Competition »Das Lied« in Heidelberg, wo man Nicola Hillebrand und Alexander Fleischer über mehrere Tage hinweg mit Liedern von Johannes Brahms, Hugo Wolf, Claude Debussy, Maurice Ravel, Charles Ives und Wilhelm Killmayer hören konnte, also mit breitem Spektrum.

    Beim International Song Competition 2019 ersang sich Nikola Hillebrand gegen sehr starke Konkurrenz den ersten Preis; mit diesen Bildern im Kopf saß man nun erwartungsvoll im Kleinen Haus des Nationaltheaters und hatte folgendes Programm vor sich:


    Franz Schubert (1797-1828)

    Lachen und Weinen

    Der Winterabend

    Lied der Suleika


    Johannes Brahms (1833-1897)

    Ständchen

    Da unten im Tale

    Schwesterlein, Schwesterlein

    Wie komm ich denn zur Tür herein

    Die Trauernde

    Mädchenlied


    Pause


    Hugo Wolf (1860-1903)

    Nixe Binsenfuß

    An eine Äolsharfe

    Erstes Liebeslied eines Mädchens

    Das verlassene Mägdlein

    Die Spröde

    Elfenlied


    Franz Schubert (1797-1828)

    Romanze aus »Rosamunde«

    Heimliches Lieben

    Lied der Delphine aus »Lacrimas«


    Es nötigt immer wieder großen Respekt ab, wenn sich Künstler einer solchen Aufgabe stellen, um ohne Netzt und doppelten Boden ihre erarbeiteten Kunstwerke auszubreiten. Wohlweislich hatte man das große Parkett abgetrennt und nur 14 Reihen freigehalten, was einem Liederabend immer guttut, weil damit ein intimer Rahmen gegeben ist. Man kann diese Veranstaltung als gut besucht bezeichnen.


    Im Text des Programmheftes wurde darauf hingewiesen, dass die beiden Künstler ein ganz neues Programm aus der Blütezeit des deutschsprachigen Kunstliedes zusammengestellt haben.

    Im Heft waren alle Liedtexte abgedruckt und die Beleuchtung war so abgestimmt, dass einerseits ein intimer Rahmen gewahrt blieb, aber andererseits auch Mitlesen möglich war. Aber man brauchte da nicht mitlesen, weil die Wortdeutlichkeit von Nikola Hillebrand bestechend war, was bei einem Sopran nicht in jedem Falle selbstverständlich ist.


    Drei Schubert-Lieder standen am Anfang des Abends, wobei es sich um »normale« Kunstlieder nach Texten von Friedrich Rückert, Karl Gottfried Ritter von Leitner und Marianne von Willemer handelte. Am Schluss des offiziellen Programms standen dann Schubert-Stücke der etwas anderen Art: Die Romanze »Der Vollmond strahlt«, aus dem Schauspiel »Rosamunde«, nach einem Text von Wilhelmina von Chérzy, vielleicht etwas zu schön, aber trotzdem an diesem Abend schön und warm gesungen. Auch das Lied der Delphine, nach einem Text von Christian Wilhelm von Schütz, stammt aus einem Schauspiel.


    Zwischen diesen beiden Schubert- Liedgruppen waren zunächst Lieder von Johannes Brahms und dann von Hugo Wolf zu hören. Bei Brahms hatte das Volkslied in veredelter Form Priorität und die Sängerin war hier, wo es im Text oft um Mädchenprobleme ging, voll in ihrem Element und verstand es Kunst und Schlichtheit miteinander zu vereinen.


    Fünf der insgesamt sechs vorgetragenen Hugo Wolf-Lieder, waren nach Texten von Eduard Mörike komponiert, nur »Die Spröde« war von Goethe. Gerade bei diesen Liedern sollte man betonen, dass Alexander Fleischer mehr war als »ein aufmerksamer Begleiter«, wie es oft formuliert wird. Auch hier gilt wieder, dass jedes Individuum anders hört, der Vortrag »An eine Äolsharfe« gehörte für mich zu den Höhepunkten des Abends.


    Mit herzlichem Beifall bedankte sich das Publikum, wohlwissend, dass, wenn nicht gerade die »Winterreise« gesungen wird, eine oder mehrere Zugaben erwartet werden können. Und so geschah es dann auch, Frau Hillebrand sagte an, dass sie bei Schubert bleibt und sang »Die Männer sind mechant« (D 866), ein erst 1828 komponiertes Lied; für »mechant« lassen sich ja verschiedene negative Begriffe einsetzen, man fand es lustig.

    Danach wurde angesagt, dass jetzt etwas gänzlich anderes gesungen werde, und das war dann in der Tat auch so: Kaddish (Deux mélodies hébraïques) von Maurice Ravel, der es 1914 auf Anregung des russischen Opernsängers Alvina-Alvi komponierte. Kaddisch kommt aus dem Aramäischen und bedeutet heilig. Natürlich kannte ich dieses ergreifende Stück, Nikola Hillebrand hatte es auch im Februar beim Heidelberger Wettbewerb vorgetragen.

    Der Vortrag war so schön, so edel, dass man in Formulierungsschwierigkeiten kommt, nicht alles lässt sich beschreiben. Ähnlich wie am Ende der »Winterreise«, stellt sich dann die Frage - wer unterbricht die andächtige Stille und klatscht zuerst? Natürlich fand sich jemand, die Künstler wollen ja auch ihren verdienten Lohn.


    Genau hier hätte dieser Liederabend sein Ende haben müssen, hatte er aber nicht, es wurde weiter geklatscht, so dass von Hugo Wolf »Ich hab´ in Penna einen Liebsten wohnen« folgte, was wie die Faust aufs Auge passte. Als dann noch einmal »Zugabe« gerufen wurde, ertönte zum wirklichen Schluss, »Rastlose Liebe«.

  • Das Wunder von Blaibach


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    Das außergewöhnliche Konzerthaus von außen

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    Der Konzertsaal


    Zugegeben, die Überschrift ist vom Bayerischen Rundfunk geklaut, auch viele andere Medien haben schon unter dieser Headline berichtet. Man kann hier keinen Konzertbericht geben, ohne etwas über die Entstehung dieses nun seit September 2014 bestehenden Konzertsaals zu sagen. Wer mehr wissen möchte, als das was hier nur kurz angerissen wird, kann sich den etwa 45 Minuten dauernden Film des BR anschauen.


    Die Gemeinde Blaibach liegt etwa zwanzig Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt und hat knapp 2000 Einwohner; nach Regensburg sind es ca. 80 Kilometer, nach Cham 15; die Landschaft nennt sich Oberpfalz. In Blaibach ging es ursprünglich darum eine neue Ortsmitte zu schaffen; der Münchner Architekt Peter Heimerl gab den Anstoß und kniete sich mächtig in die Planung hinein, kein Mensch dachte auch nur im Traum daran einen Konzertsaal zu bauen.


    Aber dann, wie Zieten aus dem Busch, betraten zwei Menschen die dörfliche Szene: Der Bariton Thomas Eduard Bauer und seine Frau, die Pianistin Uta Hielscher. Während des gemeinsamen Rundgangs durch den Ort fiel, beim Anblick eines halbverfallenen Gebäudes, erstmals der Begriff »Konzertsaal«.
    Bauer sicherte zu, dass er für die nächsten 25 Jahre unentgeltlich für gutes Programm und die Unterhaltungskosten aufkommt. Somit konnte Architekt Heimerl diese Idee aufgreifen und seine heute so viel gerühmte umgekippte »Schuhschachtel« dann mitten ins Dorf setzen, was natürlich zunächst keine allgemeine Begeisterung auslöste, aber dann später als Architektur-Highlight von Blaibach aus in alle Welt strahlte und mit Preisen überschüttet wurde. Der Architekt sagt, dass es aus akustischen Gründen eine Schachtel sein sollte, es sei hierfür die beste Grundform und die Schachtel sei gekippt worden, weil es einen Höhensprung in der Topografie gab.


    Die Optik und Gestaltung des Innenraumes entstand aus Vorgaben der beratenden Akustiker, die der Architekt nicht wesentlich veränderte, diese Faltung des Innenraumes ist also aus rein akustischen Gründen entstanden. Dass man den Baustoff Beton (es handelt sich um einen speziell hergestellten Leichtbeton) eher mit Kälte und scheppernder Akustik assoziiert ist ein Vorurteil. Es wird argumentiert, dass man früher viel Holz und Holzverkleidungen verwendet habe, weil man mit diesem Baustoff viel nachjustieren konnte, man sei dann durch das »Trial & Error«-Verfahren zum Ziel gelangt. Heute kann das eben durch entsprechende Berechnungen im Voraus abgeklärt werden. Akustiker sagen, dass ein Großteil der Akustik Einbildung sei.


    Keine Einbildung ist, dass sich zwischen den aufgefalteten Betonstrukturen und unter den Sitzbänken versteckte Schallabsorber befinden, die den Raumklang im gesamten Frequenzspektrum optimieren. Es gab keinerlei Beanstandungen als dieses Klangwunder mit Haydns »Schöpfung« am 12. September 2014 eröffnet wurde.


    Die Leute, die hier sitzen, kommen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Erwartungen; ich fuhr die 390 Kilometer, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, mal wieder das so gut aufeinander abgestimmte Duo Krimmel / Tchakova zu hören und diesen inzwischen weltberühmten Konzertsaal zu erleben. Im Februar 2019 konnte man die beiden beim International Song Competition in Heidelberg erleben, wo sie sich Runde um Runde vorankämpften und Konstantin Krimmel vom Publikum auf den ersten Platz gewählt wurde. Auch bei ihrem Auftritt in der Tauberphilharmonie im August letzten Jahres konnten sie Begeisterung entfachen.

    Nun saß man da und sah auf dem Programm, dass neben Schubert, Loewe, Ravel und Wolf auch noch Killmayer gesungen werden sollte; beim Heidelberger Wettbewerb mussten damals alle Teilnehmer etwas von Wilhelm Killmayer singen, man war gespannt, was sie wohl ausgewählt haben ... aha, »An ein Taubenpaar« war dabei.


    Das Programm in Blaibach:


    Franz Schubert (1797-1828)
    Lieder von Friedrich Schiller


    An den Frühling - D 823
    Der Jüngling am Bache - D 638
    Sehnsucht - D123
    Die Götter Griechenlands - D 677
    Gruppe aus dem Tartarus - D 583
    Hektors Abschied - D 312


    Carl Loewe (1796-1869)

    Erlkönig (Johann Wolfgang von Goethe)
    Herr Oluf (Des Knaben Wunderhorn)
    Odins Meeresritt (Alois Schreiber)


    - P A U S E -


    Wilhelm Killmayer (1927-2017)
    aus »Neun Liedern nach Gedichten von Peter Härtling«

    1. Wissen
    4. Die Mörsinger Pappel
    6. An ein Taubenpaar
    7. Murmelverse
    9. Auf ein Selbstbildnis von Carl Philipp Fohr


    Hugo Wolf (1860-1903)

    Harfenspieler I+II+III (Johann Wolfgang von Goethe)


    Maurice Ravel (1875-1937)

    Drei Lieder »Don Quichotte á Dulcinée«

    1. Chanson Romanesque
    2. Chanson épique
    3. Chanson á boire


    Hugo Wolf (1860-1903)

    Eduard Mörike


    Zur Warnung
    Selbstgeständnis
    Abschied


    Zugaben:


    Michael Haydn (1737-1806)
    Der couragierte Schneidergesell


    Wolseley Charles (1889-1962)
    The Green-Eyed Dragon (Greatrex Newmann)

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    Konstantin Krimmel und Doriana Tchakarova am 7. Februar 2020 im Konzerthaus Blaibach


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    Es war ein Preisträgerkonzert des DTKV - DEUTSCHER TONKÜNSTLER VERBAND


    Das Konzerthaus Blaibach sollte sich das Tamino-Klassikforum zum Vorbild nehmen, denn hier wird natürlich selbstverständlich die Pianistin Doriana Tchakarova genannt, welche man auf dem Programmzettel vergeblich sucht, eine Ungehörigkeit ohnegleichen; die Zeiten sind längst vorbei, dass man Pianisten versteckt, wie das Gerald Moore noch widerfahren ist. Bei den großen Liedwettbewerben in Heidelberg, Stuttgart und anderswo, wird immer darauf hingewiesen, dass hier ein Duo auftritt. Vermutlich habe ich alle großen Liedbegleiter schon gehört und beobachtet, aber die Einheit von Krimmel und Tchakarova ist - zumindest aus meinem Blickwinkel - eher ein Verschmelzen als ein Begleiten, man kann das nicht stark genug betonen.


    Am Anfang der sechs Schubert-Lieder stand zwar ein Frühlingslied, aber der ließ in dieser rauen Gegend noch auf sich warten. Eine Dame nannte bei ihren einführenden Worten die Unwägbarkeiten des Wetters auch als Grund, warum nicht alle Plätze - entgegen sonstiger Praxis - besetzt waren. En Herr vom DTKV sprach bei seinem kurzen Statement davon, dass Konstantin Krimmel ein zweiter Dietrich Fischer-Dieskau sei, da fragt man sich dann, was das soll ... - das strebt er auch gar nicht an, seine bisherigen Preise hat er durch seine eigene Persönlichkeit errungen und vor fast genau einem Jahr war er in Heidelberg beim International Song Competition zum unangefochtenen Publikumsliebling geworden.


    Auch an diesem Abend gab der Sänger zwischen den Liedvorträgen immer mal wieder Erklärungen zu den einzelnen Liedgruppen ab und wies darauf hin, dass sie versucht hätten jedem Komponisten einen bestimmten Dichter zuzuordnen, was nur bei den drei Loewe-Balladen nicht gelungen sei. Nur ganz am Anfang schien das Klavier etwas zu laut, was sich jedoch rasch einpendelte. Bei den griechischen Liedern zeigte Krimmel mächtig Stimme.


    Bei den Loewe-Balladen war der Erzähler Krimmel so richtig in seinem Element, das ist einer der Interpreten, die man live erleben muss oder sollte. Der Mann versteht es einfach Geschichten zu erzählen und das was er singt auch mit sparsamen Gesten - manchmal auch pointiert - zu unterstreichen, wobei da nichts zum Klamauk verkommt oder überzogen wirkt. Mit allem ergreifenden Ernst wurde Loewes Version des »Erlkönig« plastisch vorgetragen, die sich vor der weit bekannteren Schubert-Komposition bezüglich der kompositorischen Qualität nicht verstecken braucht. Dem folgte die gruselige Story vom Herrn Oluf, die fast nahtlos in die Geschichte vom Schmied auf Helgoland überging; ich kannte ja die Art des Vortrags - er hatte das auch im letzten August in Weikersheim gesungen. Da ist der Zuhörer mittendrin in dieser Helgoländer Schmiede, als Odin mit seinem Rappen heran gerauscht kommt und vom Schmied ob seiner großspurigen Reisepläne belächelt wird. Der Pausenapplaus war außergewöhnlich stark.


    Danach folgte eine Auswahl aus »Neun Lieder«, die Wilhelm Killmayer nach Texten von Peter Härtling für Mezzosopran und Klavier komponiert hatte. Auch zu diesen Liedern gab Krimmel einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Texte und nahm die Gelegenheit wahr, um Frau Killmayer, die Witwe des Komponisten, zu begrüßen.

    Für mich waren diese Killmayer-Lieder alte Bekannte, denn beim Heidelberger International Song Competition war den Wettbewerbsteilnehmern aufgegeben, Killmayer-Lieder vorzutragen. »An ein Taubenpaar« erzeugte damals immer ein hörbares Lächeln im Saal, wenn eine Gesangsstimme dieses Lied zum x-ten Male anstimmte, das ja nicht zum geläufigen Liedrepertoire gehört. Auch bei diesen sechs relativ kurzen Liedern war Zusammenarbeit von Singstimme und Klavier wohltuend sensibel.


    Nun wurden drei Lieder von Hugo Wolf im Verbund vorgetragen, also:

    I. Wer sich der Einsamkeit ergibt

    II. An die Türen will ich schleichen

    III. Wer nie sein Brot mit Tränen aß


    In der hier gewählten Vortragsart wirkten diese drei Lieder mit ihren Vor- und Nachspielen wie ein zusammenhängendes Band, wozu die auf dem Programm nicht aufgeführte Pianistin Wesentliches beitrug.


    Erstmals tauchte nun an diesem Abend eine fremde Sprache auf, Krimmel erzählte einiges über Don Quijote und Sancho Panza, erwähnte jedoch Ravell mit keiner Silbe. Dieser kleine Liederzyklus, der in etwa sieben Minuten gesungen werden kann, besteht aus drei voneinander unabhängigen Stücken zu denen Paul Morand den Text lieferte. Der Zyklus entstand zwischen 1932 und 1933, als Ravel unfallbedingt geschädigt war, gegen Ende seines kompositorischen Schaffens.


    Zum offiziellen Abschluss des Liederabends hatte das Duo drei Lieder von Hugo Wolf ausgewählt, welche dem komödiantischen Talent von Konstantin Krimmel sehr entgegenkamen und mit Eduard Mörike als Autor von drei Texten, gibt es bei Wolf auch keine Schwierigkeiten. Bei der »Warnung« hatte Doriana Tchakarova etwa eine Minute am Klavier alleine zu tun, bis der Bariton mit der Erklärung seiner Katerstimmung begann. Das ganz kurze »Selbstgeständnis« sorgt mit seinen Schlussworten auch stets für Heiterkeit, die sich noch erheblich steigert wenn der Rezensent verabschiedet wird; auch Krimmel ließ dem kritischen Besucher keine Chance und verhehlte seine Schadendfreude nicht; da ist Heiterkeit und Beifall garantiert, egal wer singt, das war an diesem Abend nicht anders.


    Der Beifall war erheblich, und er war ehrlich verdient, nach einem solchen Abend geht man beglückt und zufrieden nach Hause, aber natürlich forderte die Lautstärke des Beifalls auch Zugaben heraus; zweimal ließen sich die Künstler noch bitten und es kam, wie es kommen musste, Michael Haydn wurde angesagt - »Der couragierte Schneidergesell«, eine Glanznummer Krimmels, die ihm so schnell niemand nachmacht.
    Und auch das bewährte Lied »The Green-Eyed Dragon«, dieses pädagogisch fragwürdige Stück, wurde - nach vorheriger Inhaltsangabe des Sängers - zu Gehör gebracht, wobei noch zusätzliches Drachengefauche vom Klavier kam. Gerne hätte man vor Begeisterung und als Dank an den Abend noch weiter geklatscht, aber wenn das nach der Forderung einer weiteren Zugabe aussieht, hat man Hemmungen. Nach Konzertende konnte man noch die Noten von Loewes »Die Uhr« auf dem Konzertflügel liegen sehen ... vielleicht hatten die beiden Interpreten das für den »Notfall« noch in petto ...


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    Die Noten des letzten Stückes: »The Green-Eyed Dragon«




    .

     

  • Hallo und guten Tag lieber Hart,

    Triefend vor Neid;), bedanke ich mich für deinen lesenswerten und sehr ausführlichen Bericht. Hätte mir auch gefallen, war mir zu weit zum fahren.

    MfG Wilfried

  • Ein interessanter Liederabend in einer seltsamen Umgebung. Ich frage mich, ob ich mich nicht bedrükt gefühlt hätte. Unter solchen Umständen kann man ja durch die Musik auch befreit werden. Ton und Raum sind für mich nie Gegensätze gewesen. Konstantin Krimmel also. Beneidenswert. Ich verfolge die Karriere dieses jungen Sänger seit einiger Zeit, kenne ihn aber nur von diversen Dokumenten. In dem von Freund Caruso gestarteten und über lange Zeit vorbildlich zur Ehre des Forums gepflegten Neue-Stimmen-Tread spielte er bereits eine vergleichsweise große Rolle.



    Mit seiner Lieder-CD hat er sich nach meinem Eindruck in die vorderste Reihe gestellt. Als Loewe-Jünger sehe ich mit Freide, dass er sich hier wie da für diesen Komponisten verwendet. Loewe liegt ihm sehr, zumal er ungemein deutlich singt. Für Balladen ist das unerlässlich. Eine große Begabung, von der gewiss noch viel zu hören sein wird.

    Herr Oluf (Des Knaben Wunderhorn)

    Möchtest Du, geschätzter hart, nochmal die als Zitat eingebrachtete Titelerweiterung prüfen? Dieser "Herr Oluf" geht auf Herder zurück und nicht auf "Des Kaben Wunderhorn". Angesichts Deines schönen Berichts ist das aber eine Petitesse, und ich geniere mich fast, sie vorgebracht zu haben.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Lieber Rüdiger,
    jetzt wird es schwierig ...

    Natürlich wird zu diesem Titel in der Literatur Johann Gottfried von Herder genannt. Auf meinem Programmzettel steht aber: »Herr Oluf (Knabenwunderhorn)«, da habe ich dann einfach noch routinemäßig das Wort »Des« vorne dran gesetzt. Auf Deinen Einwand hin habe ich nun das Buch »Des Knaben Wunderhorn« aus dem Regal geholt und finde auf Seite 256: »Herr Olof.« als Überschrift, ich habe mich da nicht vertippt, statt des »u«, steht hier ein »o« und darunter, »Fliegendes Blat.« (wiederum kein Tippfehler). Das Buch ist mit März 2011 datiert.


    Zur Raumwirkung: Obwohl ich aufgrund meiner Herkunft die meisten Liederabende im Rokoko-Ambiente gehört habe, begeistert mich dieser Raum, weil ich schon immer auch ein Faible für gute moderne Architektur hatte. Da ist mehr Beglückung als Bedrückung und von Kälte keine Spur. Und noch was Praktisches: Meine Frau sagte, dass sie hier besser gesessen habe als in der Elbphilharmonie ...

    ...

  • Lieber Rüdiger,
    jetzt wird es schwierig ...

    Natürlich wird zu diesem Titel in der Literatur Johann Gottfried von Herder genannt. Auf meinem Programmzettel steht aber: »Herr Oluf (Knabenwunderhorn)«, da habe ich dann einfach noch routinemäßig das Wort »Des« vorne dran gesetzt. Auf Deinen Einwand hin habe ich nun das Buch »Des Knaben Wunderhorn« aus dem Regal geholt und finde auf Seite 256: »Herr Olof.« als Überschrift, ich habe mich da nicht vertippt, statt des »u«, steht hier ein »o« und darunter, »Fliegendes Blat.« (wiederum kein Tippfehler). Das Buch ist mit März 2011 datiert.


    Lieber Karl Georg, bei Herder findet sich die Ballade im IV., den Nordischen Liedern gewidmetem Buch der "Stimmen der Völker". Dort heißt sie übrigens "Erlkönigs Tochter" - zumindest in meiner Ausgabe, die von 1869 stammt. In einer Anmerkung teilt Herder mit, dass ihm die Ballade aus dem so genannten Kjaempeviser, das ist wohl eine dänische Sammlung (genau weiß ich das nicht), "von anderer Hand" zugekommen sei. Im Text selbst ist von Herrn Oluf die Rede. Wie die Ballade mit dem Titel "Herr Olof", die offensichtlich derselben Quelle entstammt, in "Des Knaben Wunderhorn" gelangte, weiß ich nicht. Ein "fliegendes Blat"? Immerhin war Herder mit seiner Sammlung deutlich früher an die Öffentlichkeit gelangt als Brentano und Arnim. Vergleicht man nun beide Texte, finden sich trotz überwältigender Übereinstimmung gewisse Unterschiede. Wir können die gern bei Gelegenheit herausstellen. Wenn ich nichts übersehen habe, benutzt Loewe Wort für Wort Herder. Deshalb wird in der mir zur Verfügung stehenden Literatur - darunter das Werkverzeichnis - Herder als Quelle genannt. Auch Max Runze (1849-1931), der erste Herausgeber der Lieder und Balladen von Loewe, bezieht sich auf Herder.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Der Frühling will kommen, der Frühling, meine Freud´...


    Nikola Hillebrand sang heute in einer Matineé am Nationaltheater Mannheim


    So ein richtiger Liederabend konnte es nicht sein, weil er Sonntagmorgens um elf stattfand, und ob »Der Hirt auf dem Felsen« als Lied gelten darf, wäre auch noch zu diskutieren; es ist weder Lied noch Arie, man kann es als »musikalische Szene« bezeichnen.


    Immer wenn kein allzu großer Publikumsandrang zu erwarten ist, finden Veranstaltungen am Nationaltheater Mannheim nicht in den eigentlichen Theaterräumen statt, man sucht sich außerhalb ein Plätzchen; dieses Mal war es das obere Foyer.
    In der Reihe »Musiksalon« war am 8. März Franz Schuberts »Der Hirt auf dem Felsen« und Johannes Brahms´ »Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier a-Moll op.114» und das »Klarinettenquintett h-Moll op. 115« angeboten.


    Die hier ausgewählten Werke haben die Gemeinsamkeit, dass sie am Ende des Schaffens dieser beiden Komponisten standen. Alle diese Stücke entstanden durch Anregungen von Interpreten; »Der Hirt auf dem Felsen« war sogar eine regelrechte Auftragsarbeit.
    Brahms´ Klarinettenkonzerte entstanden relativ spät, nämlich im Sommer 1891, weil er in dem Klarinettisten Richard Mühlfeld von der Meininger Hofkapelle einen Musiker entdeckt hatte, der ihn begeisterte.


    Entsprechend dem Thread-Thema soll hier nur auf den Schubert-Beitrag eingegangen werden. »Der Hirt auf dem Felsen« gilt natürlich immer - vor allem seiner relativ seltenen Aufführung wegen - als besondere Attraktion, weil das Stück in einem »normalen« Liederabend nicht angeboten wird. Attraktiv war auch Nikola Hillebrand, ein Ensemblemitglied des Nationaltheaters, die in diesem Thread keine Unbekannte mehr ist und bei der man nicht zu befürchten hatte, dass ihr Sopran den Felsen nicht erklimmen könnte, ging sie doch vor einem Jahr als strahlende Siegerin aus einem hochkarätigen internationalen Liedwettbewerb in Heidelberg hervor.


    Aber das Stück heißt doch »Der Hirt auf dem Felsen«, darf man daraus einfach eine Hirtin machen? Ja, man darf!
    Als Franz Schubert dieses Werk im Oktober 1828 vollendete, hatte sich die Vorgeschichte etwas in die Länge gezogen, denn schon im Dezember 1824 hatte die berühmte österreichische Opernsängerin Anna Pauline Milder-Hauptmann, die an der Hofoper Berlin engagiert war, Schubert angeschrieben, wobei sie zum Ausdruck brachte, wie sehr sie seine Lieder schätzt. Schubert übersandte ihr dann einige Lieder, darunter »Suleika«, wofür sich die Sängerin bedankt, aber zu bedenken gibt, »daß man all diese unendlichen Schönheiten nicht dem Publikum vorsingen kann, indem die Menge leider nur Ohrenschmaus haben will«. Unter diesem Aspekt erneuert sie ihre Bitte um »eine für die Singstimme brillantere Musik«, in der »man mehrere Empfindungen darstellen kann«. Aber Schubert hat keine Eile, während andere Komponisten eifrig am Schreiben für diese berühmte Stimme waren. Zunächst blieben weitere Mahnungen der Sopranistin erfolglos, aber schließlich konnte Anna Milder-Hauptmann brieflich einem Freund vermelden, dass ihr Schubert eine »Idilische deutsche Scene« versprochen habe.
    Schubert Gedanken kreisten in dieser Zeit um seine Oper »Graf von Gleichen« und er spielte mit dem Gedanken, dass die brillante Sängerin vielleicht in seiner neuen Oper mitwirken könnte. Vom Auftrag bis zur Erledigung waren immerhin drei Jahre vergangen, offenbar hatte ihn eine Glanznummer im italienischen Stil nicht gereizt.
    Um »mehrere Empfindungen« unterzubringen, wurden nicht nur Texte des altbewährten Wilhelm Müller herangezogen, im Mittelteil kommt auch Karl August Varnhagen von Ense zu Wort.


    Nachdem Schubert am 19. November 1828 gestorben war, blieb es dem Bruder Ferdinand Schubert vorbehalten, der Sängerin im September 1829 eine Abschrift zukommen zu lassen; die Kopie ist mit dem 2. September 1829 datiert und es ist notiert, dass das Werk Herrn Vogel zur Übersendung an Mad. Milder in Berlin übergeben wurde. Am 10. Februar 1830 sang Anna Milder-Hauptmann »Der Hirt auf dem Felsen« im Schwarzhäupterhaus zu Riga.


    Bei der Mannheimer Matineé wich man vom ausgedruckten Programm insofern ab, dass der »Hirt auf dem Felsen« nicht mehr am Anfang stand, sondern in die Mitte der beiden Brahms-Stücke platziert wurde, was eine gute Entscheidung war.


    Wie immer, gilt auch hier, dass jeder anders hört, was zum Beispiel auch etwas mit den bisher gemachten Hörerfahrungen zu tun hat; für mich war das dergestalt eine Uraufführung, dass ich das »Hirtenstück« erstmals live von einer Frauenstimme hörte, die bisherigen Live-Erfahrungen waren mit Daniel Behle in Schwetzingen und Christoph Prégardien in Duisburg.


    Als Nikola Hillebrand sich über »Der Berghirt« von Wilhelm Müller einsang kam die Stimme recht bald auf Betriebstemperatur und beeindruckte bei Varnhagens »Nächtlicher Schall« durch ganz herrliche Nuancierungen, die zu Herzen gingen. Im dritten Teil, dessen Text wieder von Wilhelm Müller stammte, wurden »Liebesgedanken« besungen, wo der Sopran so richtig Stimme zeigen konnte.


    »Immer wenn kein allzu großer Publikumsandrang zu erwarten ist«, steht oben geschrieben, was natürlich einer Relativierung bedarf. Wenn man das mit einem festlichen Opernabend vergleicht, dann waren wenige Leute da. Wenn man das Genre berücksichtigt, waren es relativ viele, mehr als achtzig Stühle waren besetzt, man darf deshalb von einer gut besuchten Veranstaltung sprechen und unten an der Garderobe hörte man nur lobende Worte über das Gebotene, was oben schon durch langanhaltenden herzlichen Applaus zum Ausdruck gebracht wurde.


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    Dass der an sich wichtige Klarinettist hier nicht im Bilde zu sehen ist, liegt an den eingeschränkten Möglichkeiten des Fotografen.


    Die ausführenden Künstler des Schubert-Beitrages waren:
    Nikola Hillebrand, Sopran
    Patrick Koch, Klarinette
    Julia Anna Koch, Klavier

  • Aber das Stück heißt doch »Der Hirt auf dem Felsen«, darf man daraus einfach eine Hirtin machen? Ja, man darf!

    Gewiss darf man. Da stimme ich Dir zu, geschätzter hart. Ich habe das Lied noch nie live gehlört. Aber ich kenne natürlich die diversen, von Frauen gesungenen Aufnahmen. Hier Gundula Janowitz:




    Die Vortragende wird schließlich nicht selbst zur Hirtin. Wäre das so, müsste der Titel nach neuer Korrektheit wohl "Hirt*in auf dem Felsen" heißen. Davor behüte uns Gott. Das schreibe ich ungeachtet der Tatsache, dass heute Weltfrauentag ist und ich größten Respekt vor Frauen hege. Ich bin aber stets dafür, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu betonen statt sie zu verwischen. Wohl wissen, dass dies eine altmodische Haltung ist.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • »An die ferne Geliebte«

    auf dem Musikfrachter BTHVN2020


    Corona soll auch in diesem Thread dokumentiert werden, denn natürlich handelt es sich um einen ganz besonderen Liederabend, einen ganz ausgefallenen sozusagen, einen auf den auch passt, dass er ins Wasser gefallen ist.


    Im vorigen Bericht wurde von einem Liederabend der Reihe »Musiksalon« berichtet, in dessen Rahmen »Der Hirt auf dem Felsen« aufgeführt wurde, im Programmheft wurde bereits auf die folgende Veranstaltung hingewiesen, welche heute Abend in besonderem Ambiente stattfinden sollte. Aber nun wird nur kurz berichtet werden, was gewesen wäre wenn ...


    Das Virus hat ja seinen eigenen »Corona-Thread«, wo praktisch schon alles geschrieben wurde, also ist es vielleicht nicht ganz sinnlos, die schlimmen Gedanken etwas abzulenken.


    Da gibt es das fünfzig Jahre alte Frachtschiff »MS Jenny«, welches am 12. März 2020 in Bonn von Nike Wagner auf den Namen »BTHVN2020« getauft wurde und dann auf die Reise geschickt werden sollte. Die vorgesehene Reiseroute war: Bonn, Koblenz, Mannheim, Heidelberg, Mainz, Frankfurt, Miltenberg, Regensburg, Passau, Linz, Krems und Wien, wo das Schiff dann am 19. April festmachen sollte.


    Der Raum, in welchem früher Kohle und Erz lagerte, ist zu einem 600 Quadratmeter großen Veranstaltungssaal umgebaut worden. Malte Boecker, der Geschäftsführer der Beethoven Jubiläumsgesellschaft, wollte mit dieser Idee »junges und diverses Publikum ansprechen und die Bedeutung Beethovens für die Gegenwart und Zukunft ausloten«. Ein Ticket hatte ich bereits in der Hoffnung erworben, zumindest als »Diverser« an Bord gehen zu dürfen. Das Schiff war auch optisch auf eine junge Zielgruppe ausgerichtet, man hätte es durchaus auch mit einem Kasperltheater assoziieren können.


    Am heutigen 19. März wäre das Schiff in Mannheim am Stephanienufer gelegen. Auf dem Programm stand der älteste und erste Liederzyklus überhaupt, die sechs Beethoven-Lieder, die von Raphael Wittmer, einem Tenor des Mannheimer Nationaltheaters, gesungen worden wären.


    Recht bald kam jedoch die Mitteilung: »Aufgrund der aktuellen Corona-Entwicklung wird der BTHVN2020 Musikfrachter seine Tour nach Wien nicht aufnehmen. Alle Veranstaltungen mit Publikumsverkehr sind ab sofort eingestellt«.


    Anmerkung:
    Unter diesen Umständen war es nicht möglich eigene Fotos zu machen, wer sich für den Musikdampfer Interessiert, findet dazu eine Menge Bilder im Internet.