Große russische Oper in der Hamburgischen Staatsoper: Fürst Igor (Alexander Borodin) am 30.04.14

  • Diese Oper von Wagnerausmaß (Nettospielzeit mehr als 3 Std.) bot mehreren Sängerinnen und Sängern Gelegenheit,
    ihr Können zu zeigen, 6 Personen mit tragenden Rollen und drei Nebenfiguren mussten gut besetzt sein. Und das waren
    sie. Der Bariton Andrzej Dobber sang den Igor mit bewährt großer Stimme, als seine Partnerin war die junge, in Russland
    ausgebildete Sopranistin Veronika Dzhioeva engagiert. Sie sang mit schöner, dunkel gefärbter Mittellage und großer
    (allenfalls in der Höhe ganz leicht schwächelnder) dramatischer Stimme die anspruchsvolle Partie der Fürstin Jaroslawna.
    Von Typ und Stimme her erinnerte sie mich an Maria Guleghina. Der Gegenpart des Fürsten Igor war eigentlich weniger
    der ihn im Feldzug gegen den Khan vertretende Fürst Galitzky, der von dem zuverlässigen, aber nicht so sehr
    charismatischen Bass Tigran Martirossian gesungen wurde, sondern der mit immer noch mächtiger und glanzvoller
    Stimme auftrumpfende Bass Paata Burchuladze (Khan Kontschak), über ein mittlerweile stärker ausgeprägtes Vibrato
    ließ sich hinweghören. Dessen Tochter Kontschakowna wurde aufhorchend schön und mit flexibler Stimmführung von der
    Mezzosopranistin Cristina Damian gesungen. Ihr zur Seite stand als Liebhaber der junge Tenor Dovlet Nurgeldiyev;
    er verfügt über eine offene, leicht metallisch silbern klingende, glänzende Stimme mit schöner Höhe, wurde aber leider
    noch manchmal vom Orchester zugedeckt. Die Nebenpartien waren sämtlichst gut besetzt, heraus­heben möchte ich
    den durchschlagskräftigen Bassbariton von Levente Pall (Skula). Die tadellos spie­lenden Philharmoniker Hamburg
    wurden von Christian Arming geleitet.


    In dem Stück geht es um einen russischen Fürsten, der gegen einen Khan in den Krieg zieht, in dessen Gefangenschaft
    gerät und am Ende (dramaturgisch holpert das) flieht und zu Frau und Volk zurück­kehrt. Währenddessen hatte sein
    Nachfolger versucht, die Macht an sich zu reißen. Eingebettet ist eine Liebesgeschichte zwischen dem gefangenen
    Sohn des Fürsten Igor und der Tochter des Khans. Das ganze wird immer wieder von Ballettmusiken unterbrochen.
    Am bekanntesten sind die Polo­wetzer Tänze geworden, mit denen der Khan seinen Gefangenen aufheitern will. Für
    diesen Part standen ca. 30 Schülerinnen und Schüler der Ballettschule Hamburg auf der Bühne. Die Ausstattung der
    Oper ist aufwendig, es gibt viel zu sehen, von einer vergoldeten Reiterstatue, die brennende Burg des Fürsten Igor, dem
    Stacheldrahtverhau des Gefangenenlagers, zusätzlich zu banalen politischen Anspielungen (Pussy Riot). In dem Stück
    wird geschossen, geschändet und gemordet, meiner Meinung nach zu stark und zu plakativ in den Vordergrund der
    Inszenierung gerückt. Es gibt aber auch sehr schöne stimmungsvolle Momente sowie aufwendige Kostüme, die
    offenbar diversen Jahrhunderten der russischen Geschichte entnommen wurden.


    Das Haus war trotz der durch die Bank hervorragenden Besetzung, dem großen bühnentechnischen Aufwand und der
    Vielzahl von Choristen und Tänzern nicht gut gefüllt. Vielleicht lag das auch an dem schönen Wetter und am „Tanz in den
    Mai“. Mir scheint aber, dass der Opernbesuch generell bei Aufführungen, die nicht La Boheme oder La Traviata heißen,
    nachlässt, es sei denn, jemand wie Anna Netrebko u.ä. wird angekündigt.

  • Lieber Michael
    Vielen dank für den Hinweis, ich habe den Bericht mit Freude gelesen. Es ist schon interessant, wie sehr sich die Beurteilungen manchmal
    decken. Herr Martirossian ist ein zuverlässiger und guter Sänger, trotzdem erwartet man von der Rolle immer etwas mehr als das von ihm
    Gebotene. Er erinnert mich an Harald Stamm, der ebenfalls immer gut gesungen hat. Martirossian ist ja noch jung, und die tiefen
    Männerstimmen haben ja immer Zeit, um sich zu entwickeln. Franz Grundheber hat sich ja auch erst im Laufe der Jahrzehnte zu
    einem der weltbesten Baritone entwickelt. Bei dem 62jährigen Paata Burchuladze (Reclams Lexikon der Opernwelt 1998, im Internet wird
    er um mehrere Jahre jünger angeben) wundert mich eigentlich sein ausgeprägtes Vibrato (was Grundheber trotz seiner 76 Jahre
    nicht hat). Darstellerische Präsenz und Stimmkraft sowie Stimmglanz im Forte sind bei ihm aber immer noch beeindruckend.
    Es ist nur schade, dass diese schöne und sängerisch hochkarätige Aufführung der Borodin-Oper kein volles Haus findet. Selten
    bekommt man für sein Geld in der Oper soviel Musik und Gesang, hier auch noch Tanz, geboten. Leider war gestern die vorerst letzte
    Aufführung gewesen.

  • Herr Martirossian ist ein zuverlässiger und guter Sänger, trotzdem erwartet man von der Rolle immer etwas mehr als das von ihm
    Gebotene. Er erinnert mich an Harald Stamm, der ebenfalls immer gut gesungen hat.

    Na ja, diesen Vergleich finde ich Stamm gegenüber jetzt etwas unfair, der schon die weit bedeutendere Lebensleistung vorzuweisen hat und manchmal ganz herausragend war - selbst erlebt, 1997 als Gurnemanz in Essen! :rolleyes:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • Lieber Stimmenliebhaber, iIch möchte keinen falschen Eindruck hinterlassen. Harald Stamm
    wird von mir hochgeschätzt. Ich habe ihn fast 100mal in der hamburgischen Staatsoper gehört,
    zwar nicht als Gurnemanz (da sangen Talvela, Kurt Moll und die letzten Jahre Peter Rose),
    aber zu seinen Anfangszeiten als Titurel. Harald Stamm hat nie enttäuscht, er war immer ein
    Gewinn für das Ensemble. Es gab herausragende Leistungen, an die ich mich auch erinnere.
    Einmal als Philipp II 1985, 1991 als Großinquisitor, auch als Orest und natürlich als Ferrando
    (Troubadour). Er sagte meiner Erinnerung nach nie ab und verfügte zudem über gute Nerven
    [Bei einer Don Carlos Aufführung 1975 (Ruggiero Raimondo, Bruno Prevedi, Sherill Milnes, Katia
    Ricciarelli u.a.) ersang er sich einen persönlichen Erfolg, indem er den kurzfristig erkrankten
    Raimondi als Philipp ersetzte. Im Vorfeld hatte schon Domingo den Posa zurückgegeben.
    Es hatte damals in der Oper einen Sturm der Entrüstung gegeben, als vor dem Vorhang die
    Absage Raimondis bekannt gegeben wurde; Kurt Moll (den man als Philipp gern gehört hätte)
    wollte den Phillip nicht singen und sprang für Stamm als Großinquisitor ein. Stamm wechselte
    also „stehenden Fußes“ vom Großinquisitor zum Philipp, und dass bei der sehr angespannten
    Publikumsstimmung
    ].

  • Herr Martirossian ist ein zuverlässiger und guter Sänger, trotzdem erwartet man von der Rolle immer etwas mehr als das von ihm
    Gebotene.


    Ja, so geht es mir jedesmal, wenn ich ihn höre (z.B. auch als Mephisto oder Philip). Andererseits ist er mit knapp mitte der 40er für einen Bass ja noch recht jung. Eventuell entwickelt sich die Stimme noch und vielleicht sollte er überlegen, vermehrt vorerst noch an etwas kleineren Bühnen zu singen. Und auch, wenn die Zeiten, als die Hamburgische Staatsoper noch mit den Herren Moll und Stamm (für mich unvergeßlich sein Gobrias in der legendären Kupfer-Inszenierung des Belshazzar) gesegnet war, vorbei sind, sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben ;)


    Es ist nur schade, dass diese schöne und sängerisch hochkarätige Aufführung der Borodin-Oper kein volles Haus findet. Selten bekommt man für sein Geld in der Oper soviel Musik und Gesang, hier auch noch Tanz, geboten. Leider war gestern die vorerst letzte Aufführung gewesen.


    Tja, da ist es in Hamburg wohl nicht anders, als an anderen Häusern: Wenn man von dem ohnehin recht kleinen Anteil an Personen, die überhaupt ein Opernhaus betreten, nochmals diejenigen abzieht, die sich "nur" in das Standardrepertoire wagen, bleibt leider nicht mehr viel. Und wenn ich mir am 10.Mai zum zweiten Male Reimanns Lear anschauen werde, ist im Prinzip wohl freie Platzwahl angesagt ... :untertauch: