Liszt - Années de Pelerinage

  • Ah, Danke! Ich sehe, dass Leslie Howard den Zyklus ALBUM D’UN VOYAGEUR im Rahmen seiner Gesamtaufnahme auch eingespielt hat. Bin sehr gespannt auf diese frühe Fassung, die ich bisher überhaupt nicht kannte 🤗

    Lieber Christian,


    die habe ich auch gesehen. :) Ist Vol. 20 (2 CDs). Fehlt mir aber auch!

    Die erwähnte, sehr eindringliche Brendel-Live-Aufnahme findet man in der Great Pianists-Serie (Vol. III) und auf den beiden Liszt-Sammelalben ARTIST‘S CHOICE.

    Da habe ich gerade geschaut: ist vorhanden, mal über den berühmten "kleinen Dienstweg" in meine Sammlung gewandert! ^^


    Liebe Grüße

    Holger

  • Lieber Holger,

    jetzt habe ich wieder so ungebührlich viel Zeit verstreichen lassen (der Semesterstart hat mich kalt erwischt, derzeit ist alles viel zeitaufwendiger geworden, heute Abend ist der erste Abend mit Musik seit drei Wochen... das kann ja kein Dauerzustand sein), aber ich setze mich daran, um unseren Austausch aufzugreifen. Ich komme leider erst morgen dazu, Piemontesi nochmal zu hören, ich hatte einige Notizen gemacht und das Heimweh als in meinen Ohren irgendwie richtige Klangfarbe abgespeichert, aber muss das einfach noch einmal hören.


    Hab auch herzlichen Dank, dass Du Bolets Rundfunkaufnahme noch einmal ins Spiel gebracht hast, die habe ich ewig nicht gehört.


    Zu den Übergängen zwischen der Frühfassung und der späteren gibt es einige interessante musikwissenschaftliche Abhandlungen, ist aber länger her, das ich mir das genau angesehen hatte.


    Morgen endlich wieder mehr Gehörtes, herzlich

    Jörn

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Lieber Jörn,


    lass Dur ruhig Zeit! Beruflich bin ich im Moment auch voll eingespannt und komme kaum zum Hören. Kannst Du Dich erinnern, was das für musikwissenschaftliche Abhandlungen waren? Ich habe auch einige, aber diese nicht! Mit Liszts Frühfassung habe ich mich merkwürdiger Weise einfach gar nicht beschäftigt bislang. :) :hello:


    Liebe Grüße

    Holger

  • So, nun komme ich - mit ein wenig Verspätung - zu den beiden letzten Werken des ersten Jahres. Dazu habe ich den Zyklus auch noch einmal von Beginn an gehört. Mal du pays gehört zu meinen Favoriten. Den schönen Ausführungen von Holger habe ich im Prinzip nichts hinzuzufügen, vielleicht ist es das überzeugendste Stück auf der CD (über die imO wunderbar gelungenen Légendes S175, hier no. 2 sollten wir uns vielleicht einmal gesondert austauschen?). Und da wir bei den unterschiedlichen Zyklen waren: Liszt hat dieses Stück nachträglich dem Album von 1842 hinzugefügt, dabei aber einen Lied-Stoff verarbeitete der ihm bereits länger bekannt war. Heimweh, Sehnsucht wieder dort zu sein, wo man sich zu Hause fühlt, während man in der Fremde ist. Es ist kein Zufall, dass Liszt dies in seinen Pilgerjahren über die Schweiz integrierte, lässt sich der Begriff doch erstmals ebendort nachweisen (im lat. wurde es morbus helveticus genannt). Piemontesi artikuliert bereits das erste e nicht im einem wirklichen forte, sondern, eher einem mezzoforte und gibt damit seiner Verständnis eine klare Richtung, die er in ein wahrhaft schmerzerfülltes Adagio dolente überführt. Hier habe ich das Gefühl, dass er genau den richtigen Ton trifft, das ist allerfeinste Anschlagskultur. Er setzt die Lento und Accelerando Passagen imO ganz bewusst gegeneinander ab, das "Zerfallen" des Gesamtstückes, auf das Holger zur recht hinwies, sehe ich als Ergebnis des Versuchs, ein Hin- und Hergerissensein in aller Deutlichkeit hervorzuheben, eben weil sich ein Gefühl des Heimwehs nicht organisch entwickelt, sondern eine Person hin und her werfen kann. Vielleicht strapaziere ich das hier aber auch zu sehr. Resignierend leise beendet Piemontesi eine wirkliche Sternstunde seiner Einspielung.


    Vielleicht vor dem Hintergrund, dass mich diese Interpretation absolut überzeugt hat, bin ich etwas nachsichtiger mit dem letzten, den Glocken von Genf. Sie höre als bewusst ruhig und friedlich aber ganz in einer wie auch immer gearteten Wirklichkeit angesiedelt, ohne Geheimnis, dafür mit sehr viel geradezu tröstender Ruhe. Ja, damit ist der Nocturne-Charakter nicht ganz eingefangen, als etwas störend empfinde ich die imO im Grunde zu lauten pp und ppp, hier verstehe ich nicht, warum diese expliziten Notation doch etwas übergangen werden. Besser gefällt mir das cantabile con moto, dem aber etwas mehr Bewegung vielleicht gut getan hätte. Das ff spielt Piemontesi mit somma passione, aber immer in dem ihm selbst gesteckten, engen Rahmen, das hätte noch gesteigert werden können, passt aber erneut zu seiner unglaublich kontrollierten Interpretation, die den gesamten Zyklus auszeichnet.


    Ja, was bleibt von einem solchen, sehr beherrschten Zyklus? Für mich der Eindruck eines Pianisten, der über alle Fertigkeiten verfügt, Liszt pianistisch auszuleuchten, aber den scharfen Kontrast vermeidet und dadurch einige Ecken doch im Dunkeln lässt. Das ist als Zyklus insgesamt für mich dennoch überzeugender als es manche der kritischen Bemerkungen zu einzelnen Stücken vielleicht vermuten ließen. Interessant finde ich, dass sich dieser Ansatz nur partiell auch für das folgende Deux Légendes S175 beobachten lässt, dass nicht mehr zum Zyklus gehört, aber auf der CD enthalten ist und von dem ich regelrecht begeistert bin, vor allem, weil Piemontesi sich gegen Ende in gewisser Weise freispielt: das ist großartig gespielt. Würde ich diese Einspielung empfehlen, wenn man eine Einspielung der Années kaufen möchte? Ich denke, da gäbe ich anderen den Vorzug (Berman sicherlich!), aber ich bin einfach verrückt nach Liszt und dankbar, dass meine Sammlung um einen schlüssigen, durchdachten Zyklus bereichert wurde.


    Mit abendlichen Grüßen

    Jörn

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • So, nun komme ich - mit ein wenig Verspätung - zu den beiden letzten Werken des ersten Jahres. Dazu habe ich den Zyklus auch noch einmal von Beginn an gehört. Mal du pays gehört zu meinen Favoriten. Den schönen Ausführungen von Holger habe ich im Prinzip nichts hinzuzufügen, vielleicht ist es das überzeugendste Stück auf der CD (über die imO wunderbar gelungenen Légendes S175, hier no. 2 sollten wir uns vielleicht einmal gesondert austauschen?). Und da wir bei den unterschiedlichen Zyklen waren: Liszt hat dieses Stück nachträglich dem Album von 1842 hinzugefügt, dabei aber einen Lied-Stoff verarbeitete der ihm bereits länger bekannt war. Heimweh, Sehnsucht wieder dort zu sein, wo man sich zu Hause fühlt, während man in der Fremde ist. Es ist kein Zufall, dass Liszt dies in seinen Pilgerjahren über die Schweiz integrierte, lässt sich der Begriff doch erstmals ebendort nachweisen (im lat. wurde es morbus helveticus genannt). Piemontesi artikuliert bereits das erste e nicht im einem wirklichen forte, sondern, eher einem mezzoforte und gibt damit seiner Verständnis eine klare Richtung, die er in ein wahrhaft schmerzerfülltes Adagio dolente überführt. Hier habe ich das Gefühl, dass er genau den richtigen Ton trifft, das ist allerfeinste Anschlagskultur. Er setzt die Lento und Accelerando Passagen imO ganz bewusst gegeneinander ab, das "Zerfallen" des Gesamtstückes, auf das Holger zur recht hinwies, sehe ich als Ergebnis des Versuchs, ein Hin- und Hergerissensein in aller Deutlichkeit hervorzuheben, eben weil sich ein Gefühl des Heimwehs nicht organisch entwickelt, sondern eine Person hin und her werfen kann. Vielleicht strapaziere ich das hier aber auch zu sehr. Resignierend leise beendet Piemontesi eine wirkliche Sternstunde seiner Einspielung.

    Lieber Jörn,


    herzlichen Dank für Deine schönen Ausführungen, denen ich nur zustimmen kann - das mit der lateinischen Bedeutung wusste ich gar nicht! Du hast natürlich Recht - gerade bei diesem Stück muss der Interpret nicht unbedingt ein klassisches Form-Einheitsideal erfüllen. Und die Legende werde ich mir auch noch zu Gemüte führen, so dass wir uns darüber austauschen können.


    Ich hätte gedacht, ich hätte meine Ausführungen zur Reihenfolge Eglogue - Le mal du pays hier im Thread eingestellt. Habe ich aber nicht, wie ich beim Durchsehen gestern festgestellen musste. Anhand des von Liszt eingefügten literarischen Textes von Senancour lässt sie sich letztlich verstehen. In der Pause eines Konzertes in der Bielefelder Oetker-Halle vor einigen Jahren habe ich mich darüber mit (der wirklich sehr sympathischen) Ranja Schirmer unterhalten (sie spielte damals das 5. Beethoven-Konzert), die auch ein sehr schönes Booklet zu ihrer Aufnahme der "Annees..." gemacht hat. Ihr war das erstaunlich für mich gar nicht präsent!


    Meine Ausführungen von der Festplatte (eine Einführung zu dem Zyklus) :) :


    VII. Eglogue (Hirtenweise)


    Motto (Byron):


    Der Morgen ist wieder aufgestanden, der taufrische Morgen

    Mit dem Atem von allem Weihrauch, und den Wangen voll von Blüten

    Lachend die Wolken hinweg mit spielerischer Verachtung

    Und lebend als enthalte die Erde kein Grab!


    Eine schlichte Hirtenidylle im Anklang an Vergil, welche sich an der erfüllten Gegenwart berauscht – mit der Taufrische eines neuen Morgens die existenziellen Nachtzweifel aus Vallée d´Oberman vergessen macht, wie die Auferstehung von den Toten des Nihilismus.


    Darauf folgt ein literarisches Bild – zwei Seiten über den romantischen Ausdruck, ein Auszug aus Sénancours Briefroman Oberman. Darüber wird noch zu sprechen sein. Hier zeigt sich die romantische Idee der Einheit aller Künste: Das Reisetagebuch enthält nicht nur Reisebilder zum Hören, sondern auch zum Lesen. Der Titel ist „De l´expression romantique et du ranz-des-vaches“ (Über den Ausdruck des Romantischen und den Kühreihen“) und platziert zwischen Stück Nr. 7 („Eglogue“) und Nr. 8 („Le mal du pays“)..


    Der Kühreihen ist ein Schweizer Hirtenlied (Küher ist auf Schweizerdeutsch der Kuhhirte) mit großer Bedeutung für die nationale Identität. Nachlesen darüber kann man etwa hier:


    https://www.swissinfo.ch/ger/ranz-des-vaches/7687958


    Der Text ist wirklich wunderbar – es gibt wohl kaum ein schöneres literarisches Beispiel für eine wahrlich grandiose Naturschilderung der Alpenlandschaft, deren Ausgangspunkt Rousseaus Kultur- und Gesellschaftskritik ist, der Versuch, die „Natur“ wiederzufinden, weswegen der Text durchsetzt ist mit einer Reflexion über die romantische Empfindung in der Einsamkeit der Natur, welche die Gesellschaft vergessen hat, die Rolle von Sehen und Gehör und letztlich über die Musik. Sénancour geht hier im übrigen kritisch ein auf Rousseaus Artikel über den „Ranz-des-vaches“ in seinem berühmten Dictionaire de la musique.


    Der Bezug zur „klingenden“ Musik wird klar letztlich vom Schluss des Textes her, einer Anmerkung, wo Sénancour den Liedtext einer solchen Egloge, wie ihn das Schweizer Küherlied darstellt, wiedergibt (ich habe mir die Mühe gemacht, den Text komplett zu übersetzen!):


    „Eine von dieser Art komponierter Eglogen, sagt man, aus Appenzel, in deutscher Sprache, endet ungefähr auf diese Art: „Tiefe Abgeschiedenheiten, vergessene Ruhe! O Frieden der Menschen und der Gegenden; ach, Frieden der Täler und der Seen! Unabhängige Hirten, ungebildete Familien, naive Bräuche! Gebt unseren Herzen die Ruhe der Sennhütten und die Entsagung unter dem strengen Himmel. Ungezähmte Berge! Kalter Zufluchtsort! Letzter Rastplatz einer freien und einfachen Seele!““


    Liszts „Eglogue“ sucht also nach einem solchen „Asyl“ (Zufluchtsort) der Seele, nach den Verwirrungen der Skepsis und des Nihilismus in Valée d`Oberman, wo die geplagte Seele endlich Ruhe findet. Und die Therapie heißt: Entsagung – sich mit dem Einfachen, den elementaren Bedürfnissen zufrieden geben und darüber den Weltschmerz vergessen.


    Nun stellt sich aber die Frage: Warum hat Liszt denn diesen Text nicht seiner „Eglogue“ vorangestellt, sondern ihn nachfolgen lassen? Auch darauf gibt es bei Sénancour eine Antwort. Sénancour schreibt nämlich – in seiner Diskussion von Rousseaus Artikel – dem Kühreihen die Fähigkeit zu, ein solches ursprüngliches Naturerlebnis wachzurufen, wieder zum Leben zu erwecken und kritisiert Rousseau, wenn er das bestreitet. Immer dann, wenn wir ein solches Hirtenlied hören, versetzt uns das quasi zurück in eine solche erhabene Alpenlandschaft und alle Bilder und Empfindungen dieses Naturerlebnisses kehren auf diese Weise in unserer Erinnerung zurück. Liszt vollzieht also damit, dass er Sénancours Beschreibung der Alpenlandschaft auf seine „Eglogue“ folgen lässt.


    Sénancour schreibt über den Kühreihen, dass er nicht nur Erinnerungen weckt, sondern „Kummer bereitet“ (il peint). Rousseau bezieht sich in seinem Artikel u.a. darauf, dass der Kühreihen beim Militär verboten ist bei Androhung der Todesstrafe, ihn zu singen, eben wegen dieser kummervollen Wirkung, welche die Soldaten entmutigt und zum Desertieren antreibt. Dazu:


    http://de.wikipedia.org/wiki/Kuhreihen


    Der Arzt Johannes Hofer (s.o.! den Artikel) in seiner Beschreibung der Schweizerkrankheit von 1688 diagnostiziert bereits diesen Effekt des Kühreihens und Johann Scheuchzer äußert sich 1718, dass der „Ranz-des-vaches“ bei den Soldaten la maladie du Pais hervorruft, also „Heimweh“.


    Von daher wird nun klar, warum Liszt auf das Stück Nr. 7 „Eglogue“, den darauf folgenden großen Text-Auszug aus „Oberman“ dann schließlich als Nr. 8 „Le mal du pays“ folgen lässt! Die Egloge, das Schweizer Melkerlied und das Heimweh – eine eindeutige Assoziationskette!


    (Ende Einfügung)


    Vielleicht vor dem Hintergrund, dass mich diese Interpretation absolut überzeugt hat, bin ich etwas nachsichtiger mit dem letzten, den Glocken von Genf. Sie höre als bewusst ruhig und friedlich aber ganz in einer wie auch immer gearteten Wirklichkeit angesiedelt, ohne Geheimnis, dafür mit sehr viel geradezu tröstender Ruhe. Ja, damit ist der Nocturne-Charakter nicht ganz eingefangen, als etwas störend empfinde ich die imO im Grunde zu lauten pp und ppp, hier verstehe ich nicht, warum diese expliziten Notation doch etwas übergangen werden. Besser gefällt mir das cantabile con moto, dem aber etwas mehr Bewegung vielleicht gut getan hätte. Das ff spielt Piemontesi mit somma passione, aber immer in dem ihm selbst gesteckten, engen Rahmen, das hätte noch gesteigert werden können, passt aber erneut zu seiner unglaublich kontrollierten Interpretation, die den gesamten Zyklus auszeichnet.

    Beim Durchsehen des Threads gestern ist mir aufgefallen, dass ich bei Aldo Ciccolini ganz genau denselben Eindruck hatte und auch bei Korstick. Bei Ciccolini gefiel mir auch das "Heimweh" sehr gut - und danach wirken dann die Glocken von Genf zu vordergründig (Beitrag 21):


    Liszt - Années de Pelerinage


    Demnach scheint das ein Interpretationsproblem zu sein, was auch andere namhafte Interpreten haben!


    Ja, was bleibt von einem solchen, sehr beherrschten Zyklus? Für mich der Eindruck eines Pianisten, der über alle Fertigkeiten verfügt, Liszt pianistisch auszuleuchten, aber den scharfen Kontrast vermeidet und dadurch einige Ecken doch im Dunkeln lässt. Das ist als Zyklus insgesamt für mich dennoch überzeugender als es manche der kritischen Bemerkungen zu einzelnen Stücken vielleicht vermuten ließen. Interessant finde ich, dass sich dieser Ansatz nur partiell auch für das folgende Deux Légendes S175 beobachten lässt, dass nicht mehr zum Zyklus gehört, aber auf der CD enthalten ist und von dem ich regelrecht begeistert bin, vor allem, weil Piemontesi sich gegen Ende in gewisser Weise freispielt: das ist großartig gespielt. Würde ich diese Einspielung empfehlen, wenn man eine Einspielung der Années kaufen möchte? Ich denke, da gäbe ich anderen den Vorzug (Berman sicherlich!), aber ich bin einfach verrückt nach Liszt und dankbar, dass meine Sammlung um einen schlüssigen, durchdachten Zyklus bereichert wurde.

    Das finde ich sehr treffend zusammengefasst, lieber Jörn! Da denke ich ganz genauso. Ich würde sagen, ich führe mir die Legende zu Gemüte und sehe mir den Film an auf der beigefügten DVD. Dann würde ich sagen schauen wir, was wir danach weiter machen. Wir sind ja wieder so weit "durch" mit einer Aufnahme.


    Nur noch ein Nachtrag: Ich finde die Nelson Freires sehr eigene Interpretation von Au lac du Wallenstadt wirklich bemerkenswert. Bei ihm ist die Melodie so eine Art Beruhigung und Beschwichtigung (Bezug zu den Consolations, "Tröstungen", die Freire in diesem Programm der Aufnahme auch spielt) der leicht unruhigen Bassfigur. Freire lässt es da untergründig brodeln, so, als sei der Schlachtendonner des ersten Stückes in die Tiefe des ruhigen Sees gleichsam abgetaucht. Eine sehr poetische, interessante Lesart, finde ich! :hello:


    Einen schönen Sonntag wünschend mit herzlichen Grüßen

    Holger


  • Gestern habe ich mir die DVD angeschaut, die Dokumentation von Bruno Monsaingeon. Es beginnt mit schönen Bildern aus den Schweizer Alpen und dazu wird der Beginn der Stücke von einem Blechbläserensemble gespielt. Piemontesi startet mit einer Erläuterung auf Italienisch - wie der Namen vermuten lässt stammt er aus der italienischen Schweiz. Doch dann die Überraschung - seine Erklärung von Vallee d´Oberman fährt er fort in perfektem Französisch - offenbar ist er als Schweizer zwei- oder dreisprachig aufgewachsen. Was er zu Vallee d´Oberman sagt - für ihn das interessanteste Stück des Zyklus - gefällt mir sehr gut. Treffend erklärt er dort die Thementransformation, die Verwandlung des expressiven Seufzermotivs in alle möglichen Charaktere. Seine Filmeinspielung gefällt mir fast noch besser als die reine Tonaufnahme. Das Thema ist homogener und der Ausdruck noch unmittelbarer. expressiver. Schön auch die Kamera bei Orage, die kurz seine Füße zeigt, die nur schnell das Pedal antippen. Das erklärt den trockenen Klang. Eine weitere positive Überraschung ist dann seine ausführliche Besprechung des Schlussstücks, der Glocken von Genf. Zunächst bewegt er die große Glocke in Genf und erzählt die Anekdote, dass ihn als kleinem Kind die Glocken zugleich erschreckt und fasziniert haben. Weil er die Glocken hörte, begann er mit dem Klavierspielen. Dann spielt er in Genf auch den Beginn des Stücks auf der Tastatur eines Glockenspiels. Jetzt versteht man, warum die Glocken auf dem Klavier so wenig Pianissimo bei ihm klingen. Er will offenbar den sehr präsenten Klang des Glockenspiels nachahmen. Glocken können einfach nicht Pianissimo angeschlagen werden! Wirklich sympathisch, seine Vorstellung! Er ist offenbar ein angenehmer Mensch! Ein schöner Film - nicht allzu tiefgründig, aber sehr sehenswert! :)


    (Die Legende habe ich mir noch nicht angehört, das werde ich aber bei der nächsten Gelegenheit machen!)


    Ich hätte auch schon einen Vorschlag, lieber Jörn, dass wir mit Piemontesis Aufnahme des 2. Bandes (Italien I) fortfahren und dann bei den einzelnen Stücken die "Referenzen" (Berman, Bolet, Brendel und ausgesuchte interessante Einzelaufnahmen Anderer bei den Einzelstücken) zum Vergleich heranziehen. Auch da ist ein Film dabei. Der ist natürlich besonders interessant, wenn er zu den Lokalitäten in Italien reist. Zuvor werde ich die klassische Aufnahme von Band 1 (Suisse) von Jerome Rose durchhören und meine Eindrücke wiedergeben. Was meinst Du? :)



    Liebe Grüße

    Holger

  • Jetzt habe ich mir auch die 3 CDs umfassende Kassette des Zyklus A.d.P. mit Lazar Berman zusenden lassen und - ich bin tief beeindruckt von seiner Klavierkunst. Ich kannte ihn schon seit ca. 1984 live, wonach ich die erste LP erworben hatte. Und später von seiner Milestones- Kassette.


    Liszt habe ich in Jahrzehnten als Virtuosen wahrgenommen, sowohl vordergründig in seinen Stücken als auch in seinen musikalischen Programmen als Komponist, vielleicht als Trendsetter ab 1832 plus. Seine Titel lösten in mir manchmal fast ablehnende Gefühle aus. Beispielhaft für damals waren "Funerailles" und "Au bord d`une source" von Horowitz. Vermutlich verstand ich einfach noch nicht manche Titel, z.B. waren mir die "Funerailles" damals zu fremd und vielleicht auch unheimlich. Dagegen die unmittelbar auf den Funerailles- Komplex folgende "Au bord d`une source" eine Erlösung davon und filigranes, bildhaft mir erscheinendes Melodie- und Figurenspiel.


    Jetzt höre ich von L. Berman in der 3er DGG- Kassette in "...source" die führenden Mittelstimmen, gänzlich ohne Pedal. Fast ein Wunder, wie das klingt, so fliessend, Ton für Ton singend, klar, weich, non legato trotzdem aneinander gebunden. Flatternd und fein plätschernd wie eben die winzigen Wellen kurz nach der Quelle so sind.


    Ich freue mich, in diesem Thead die historisch bekränzenden Worte, teils als wörtliche Poesie, einfach so zu mitbekommen. Dankeschön.

    Ich hoffe, einiges im Thread Geäusserte in meine musikalischen Erfahrungen einfliessen lassen zu können. Und bin ganz Publikum. ;)^^8)

  • Lieber Damiro,


    das freut mich sehr! Bei mir war es so, dass ich in meiner Jugendzeit durch Bermans LP-Cassette Liszt als Ernst zu nehmenden Komponisten überhaupt entdeckt habe. Ich war so fasziniert von der Aufnahme, dass ich einige Stücke unbedingt selber spielen wollte und es auch gemacht habe. Daraus ist eine wirkliche "Liebesbeziehung" zu diesem Werk entstanden bis heute! Gestern habe ich den 1. Band mit Jerome Rose gehört - darüber schriebe ich nachher noch! :):hello:


    Einen schönen Sonntag wünschend

    Holger

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    Im November 2018 gab Jerome Rose eine Meisterklasse an der Musikhochschule Münster, wo er auch ein Konzert spielte. Bei dieser Gelegenheit lernte ich den sehr sympathischen und aufgeschlossenen 80jährigen persönlich kennen. Jerome Rose ist als Liszt-Interpret eine Berühmtheit, wobei er, wie seine Freunde und Schüler wissen, am liebsten Schumann und Beethoven spielt. Sein Beethoven damals überraschte mich: Die Sonate op. 109 spielte er mit einer unglaublichen Klarheit und Schlüssigkeit und geradezu aufrüttelnden Sorgfalt. Was sein Spiel auszeichnet ist eine Mischung, die ihn ganz persönlich auszeichnet: Klangschönheit gepaart mit einem überragenden Formsinn und der Fähigkeit, den Klaviersatz mit einer geradezu röntgenologischen Durchsichtigkeit darzubieten, so dass man jede Einzelstimme quasi-polyphon verfolgen kann. Keine Frage - seine Beethoven CD mit den Sonaten op. 109, op. 110 und op. 111 musste ich unbedingt haben und habe sie mir nach dem Konzert auch gleich gekauft! :)


    Seine Aufnahme der Annees de Pelerinage erhielt, als sie erschien, den Grand Prix du Disque der Franz Liszt Society. Und ich muss nach dem Hören von Bd 1 Suisse sagen: absolut zu Recht! Sie gibt dem Hörer das "gewisse Etwas mehr", was sie über die inzwischen doch schon zahlreichen guten und sehr guten Aufnahmen heraushebt zu einer Referenz. Dass Jerome Rose ein geborener Liszt-Spieler ist, macht er schon in der den Zyklus eröffnenden Tells-Legende klar. Da verbindet sich Notentexttreue mit poetischer Inspiration und Freizügigkeit. Niemand anders spielt die Eröffnung und auch den Schluss so getragen und choralhaft. Und es spricht für sein überragendes Form- und Sinnverständnis der Musik, dass er den Hymnus nach dem Schlachtendonner im Mittelteil hymnisch-leidenschaftlich nimmt, hier also die choralhaften Töne unterdrückt und so die Einheit im Wechsel der Töne aufscheinen lässt: der Choral hat das erste und letzte Wort. Au lac du Wallenstadt spielt er sacht fließend mit viel Sinn für den rhythmischen Puls. Auch das ist sehr eigen - aber schlicht und einfach schlüssig. Und warum ein solcher Interpretationsansatz für dieses Stück im Rahmen des Zyklus Sinn hat, das macht dann die folgende Pastorale deutlich. Jerome Rose nimmt sich die Freiheit, die Pastorale wie auch die Eglogue quasi im Zeitlupentempo vorzuführen (die Tempobezeichnungen sind Vivace und Allegretto von moto). Das Verrückte ist aber, dass dies völlig schlüssig wirkt und von geradezu aufregender Wirkung ist. Einzig Arturo Benedetti Michelangeli hat es sich erlaubt, die Eglogue derart langsam als einen Moment des absolut Schönen zu präsentieren, wo sich die ungeheure seelische Komplexität hinter vermeintlicher Naturnaivität enthüllt: das Kunstschöne als Wahrheit des Naturschönen. Bei Jerome Rose werden die beiden Stücke mit schlichter Schönheit vorgetragen zu Momenten der Traum-Versunkenheit. Auch damit wird das "Dialektische" bei Liszt deutlich, einer Naivität, die - höchst sentimentalisch - keine ist, eine Realität, die sich so als das enthüllt, was sie ist: poetische Fiktion. Und es ist aufregend, wie man in diesem langsamen Tempo bei Jerome Rose die Stimmen mit ihren Harmoniewechseln glasklar präsentiert bekommt als einen Schönklang, der purifiziert, statt die Sinne zu vernebeln. Um so eindrucksvoller gelingt dann der Kontrast zum auf die Pastorale folgenden Wasserstück mit seiner aus der Stille heraussprudelnden fließenden Bewegung. Auch hier versteht es Jerome Rose, den rhythmischen Puls hörbar zu machen: ein "analytisches" Spiel aber ohne jeden "erhobenen Zeigefinger" - Romantik mit klassischer Klarheit vorgetragen. In Orage zeigt der Altmeister, über welche grandiose Fingertechnik er verfügt. Es gib keine manuelle Höchstschwierigkeit, die er nicht mit souveräner Leichtigkeit meistert. Vallee d´Oberman ist eine interpretatorische Meisterleistung! Jerome Rose führt hier exemplarisch vor, wie man sentimentalische Komplexität und Zerrissenheit und das Auskosten seelischer und pianistischer Extreme ohne jeglichen vordergründigen Tastenzirkus offenbaren kann. Hier müsste man sich in eine Einzelbesprechung vertiefen. Eindrucksvoll, wie er den Schluss des Rezitativo-Teils in Gedankenversunkenheit breit ausklingen lässt und auch dem apotheotischen Schluss seine tragische Nachdenklichkeit nicht nimmt. Nach der traumversunkenen Eglogue folgt ein energisch aufschreiendes "Heimweh", das bei Jerome Rose zu einem Vorboten des musikalischen Expressionismus wird. Rose zeigt alle Stimmungswechsel - und trotzdem verliert das Stück seine Einheit eines "klassischen" Musikstücks nicht. Man kann diese scheinbar unmögliche Balance also doch hinbekommen! ;) Und die abschließenden Glocken von Genf habe ich noch sie so klar und "analytisch" gespielt gehört - und trotzdem in keiner Weise neusachlich unterkühlt. Rose gelingt es, die Glocken zu Beginn zugleich glockenklar und geheimnisvoll klingen zu lassen und die hymnischen Höhepunkte mit dem nötigen Pathos auszustatten. Da kann man nur sagen: Überragend! Diese Interpretation lädt zum sorgfältigen Nachhören geradezu ein. Schade, dass die oben abgebildete Vox-Box vergriffen ist! Für Freunde dieses zentralen Liszt-Zyklus ist sie für meinen Geschmack jedenfalls ein absolutes "Muss!"! :) :) :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • Heute Morgen war die Aufnahme bei

    Amazon gebraucht noch recht günstig verfügbar - jetzt ist mir wohl jemand zuvorgekommen.


    So kann‘s gehen, wenn hier kenntnisreich rezensiert wird!

    Viele Grüße, Christian

  • Heute Morgen war die Aufnahme bei

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    Viele Grüße, Christian

    Lieber Christian,


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    Liebe Grüße

    Holger

  • Schade, dass die oben abgebildete Vox-Box vergriffen ist! Für Freunde dieses zentralen Liszt-Zyklus ist sie für meinen Geschmack jedenfalls ein absolutes "Muss!"! :) :) :)

    Habe gerade entdeckt, dass ich die LP-Box besitze.:)

    Dann werde ich die mal in den nächsten Tagen anhören.

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    Lieber Lutz,


    das ist ja eine schöne Überraschung! Dann bin ich gespannt auf Deine Eindrücke! :) :hello:


    Schöne Grüße

    Holger