Alfredo Kraus, Grandseigneur der Tenöre

  • Lieber 'Caruso41',


    die von Dir gezeigte „Don Giovanni“-Aufnahme – der Mitschnitt eines Live-Konzerts der RAI Rom vom 12. 5. 1970 - ist ja recht enttäuschend und alle vier der genannten Protagonisten sind in anderen Aufnahmen ihrer Partien eindrucksvoller zu hören, Alfredo Kraus z. B. in den Salzburger Mitschnitten von 1968 und 1969 unter Herbert von Karajan.


    In die „Cosi fan tutte“-Produktion ist Kraus bekanntlich kurzfristig für Fritz Wunderlich, der den erkrankten Luigi Alva ersetzen sollte, eingesprungen. Doch Wunderlich, der den 'Ferrando' schon seit Jahren erfolgreich – aber stets nur in deutscher Sprache – gesungen hatte, glaubte mit einer nur in einer Woche gelernten italienischsprachigen Interpretation vor Karl Böhm nicht bestehen zu können und sagte ab. Kraus hatte diese Skrupel nicht, obwohl er m. W. diese Partie noch nie vorher gesungen hatte. Übrigens ist der Tenor aus Gran Canaria noch in zwei weiteren Aufnahmen kurzfristig eingesetzt worden: 1983 in Gounods „Roméo et Juliette“ (neben Catherine Malfitano, Gino Quillico und José van Dam unter Michel Plasson bei 'EMI') als Ersatz für Neil Shicoff und 1992 in „La Traviata“, wo er neben Kiri Te Kanawa und Dmitri Hvorostovsky unter dem Dirigat von Zubin Mehta an Stelle von José Carreras sang ('Philips').


    Ich habe auch die 'Carillon'-Schallplatte (CAL-7), aufgenommen von 'Montilla' 1960 (Dirigent: Mario Cordone), mit der 'Bildnisarie' aus der „Zauberflöte“ in deutscher Sprache - der Vater des Sängers stammte aus Wien und in Konzerten im Wiener Musikverein hat Alfredo Kraus später auch Klavierlieder von Schubert und Strauss in deutsch gesungen, wovon es Mitschnitte gibt. Das "Perlenfischer"-Duett stammt aus dem Kölner Fernseh-Konzert des WDR vom 24. 8. 1969, über das ich schon im "Kerstin-Meyer-Thread" geschrieben habe; Kraus sang hier noch die Romanze des 'Nadir' aus derselben Oper sowie - nur für den Hörfunk - die erste Arie des 'Don Ottavio' aus dem "Don Giovanni" und die Arie des 'Ernesto' aus "Don Pasquale" (Dirigent: Alberto Erede). Übrigens hat er auch in zwei großen spanischen Filmen die Hauptrolle gespielt: „Gayarre“ (1959) über den berühmten Tenor Julián Gayarre aus dem 19. Jahrhundert – auch José Carreras verkörperte ihn 1986 auf der Leinwand - und in „El Vagabundo y la Estrella“ (1967) sogar eine Doppelrolle. Manchmal gab Alfredo Kraus sein Autogramm quer über die Stirn seines Konterfeis mit der hintersinnigen Begründung, dass „bei einem Tenor im Hirn noch am meisten Platz ist.“


    Allerdings muss ich gestehen, dass ich – wie bei vielen anderen prominenten Sängern auch – seine frühen, hauptsächlich in Spanien entstandenen, Aufnahmen den späteren vorziehe. Da ist er noch relativ unbekümmert und die helle, sofort identifizierbare Stimme klingt jugendlich, leicht und locker. Um seine Solo-Aufnahmen ab ca. 1975 habe ich – mit Ausnahme der sehr späten 'Philips'-CD von 1994 - einen Bogen gemacht und viele seiner Opern-Gesamtaufnahmen aus dieser Zeit habe ich entweder aus Interesse an der entsprechenden Oper (z. B. „La muette de Portici“ oder „La jolie fille de Perth“) oder wegen der anderen Mitwirkenden (beispielsweise „La Favorita“ mit Shirley Verrett oder Fiorenza Cossotto, „Don Pasquale“ mit Beverly Sills, „La Traviata“ mit Renata Scotto, „Manon“ mit Ileana Cotrubas, „Werther“ mit Tatiana Troyanos oder "Lakmé" mit Ruth Welting) gekauft. Ich fand, dass die nasale Färbung seines – schon immer sehr 'speziellen' – Tenors stark zugenommen hatte und (wohlgemerkt, für mein Empfinden!) die Stimme trocken und spröde geworden war und die Höhe einen leicht 'greinenden' Beiklang bekommen hatte. (Ich weiß jetzt schon, wer sich da herausgefordert fühlt. Aber bekanntlich hört jedes Ohr anders und die Beurteilung von Stimmen ist eine höchst individuelle Angelegenheit!) Ich habe mich darüber mit anderen Stimmfetischisten – darunter auch Harald Kral – mehrfach ausgetauscht und sie kamen alle zu einer ähnlichen Einschätzung. An seiner Stimmbeherrschung, Phrasierungskunst und der stilistischen Sicherheit gibt es nichts zu kritisieren. (Es gab 1993 beim WDR eine sehr schöne 85minütige TV-Dokumentation über Alfredo Kraus.)


    Meine schönsten Aufnahmen von und mit Alfredo Kraus sind neben einigen frühen Recitals mit Arien und Folklore-Liedern seine ebenfalls frühen Schallplatten (von Firmen wie 'Hispavox' und 'Montilla' oder von seinem eigenen Label 'Carillon'), auf denen er in den außerhalb Spaniens so sträflich vernachlässigten Zarzuelas singt. Ich nenne nachfolgend die Zarzuela-Aufnahmen mit seiner Mitwirkung; von den mit * gekennzeichneten Werken habe ich Schallplatten:


    ARRIETA: Marina (Carillon* und Valois)

    BRETÓN: La Verbena de la Paloma (Carillon*)

    CHAPI: La Tempestad (Montilla) – La Revoltosa (Carillon*) – La Bruja (Columbia*)

    GUERRERO: El Huésped del Sevillano (Carillon)

    SERRANO: La Dolorosa (Carillon*)

    SOROZÁBAL: Katiusha (Hispavox*) – Black, el Payaso (Hispavox) – La Tabernera del puerto (Hispavox)

    VIVES: Dona Francisquita (Montilla*, Carillon und Valois) – La Generala (Montilla*) – Bohemios (Carillon*)


    Abschließend noch ein Kommentar zu der „Don Pasquale“-Sendung gestern in den 'Nightly Opera Live Streams' aus der Metropolitan Opera. Wenn die Inszenierung als 'langweilig' bezeichnet wird, sollte man berücksichtigen, dass die Intention des englischen Regisseurs John Dexter war, diese der Tradition der italienischen 'Commedia dell'arte' entstammende Oper in der Art einer 'Oscar-Wilde-Komödie' zu inszenieren. Hierzu Beverly Sills in der „Opera News“ vom 20. 1. 1979: „He wanted us to bring that British comic understatement to the Met's Victorian settings of the opera. This dry, sophisticated sense of humor enables the four characters to play 'Pasquale' as drawing-room comedy. Without unnecessary slapstick, the audience pays attention to the characterizations.“ (In der Premiere dieses „Don Pasquale“ am 7. 12. 1978 sang übrigens Nicolai Gedda den 'Ernesto', auch er kein 'Youngster'. Mich haben eher die unorthodoxen Tempi des Dirigenten Nicola Rescigno gestört. Leider war die Bild- und Tonqualität dieses 40 Jahre alten Videos sehr schlecht, gemessen an den anderen, in den letzten Wochen von der Met im Internet gezeigten Opernaufführungen aus derselben Zeit.)


    Carlo

  • Lieber Carlo!

    die von Dir gezeigte „Don Giovanni“-Aufnahme – der Mitschnitt eines Live-Konzerts der RAI Rom vom 12. 5. 1970 - ist ja recht enttäuschend und alle vier der genannten Protagonisten sind in anderen Aufnahmen ihrer Partien eindrucksvoller zu hören, Alfredo Kraus z. B. in den Salzburger Mitschnitten von 1968 und 1969 unter Herbert von Karajan.

    Da bin ich ganz Deiner Meinung! Ich habe seinerzeit die Aufführung in Salzburg mit Kraus gehört. Auf CD konnte ich sie aber nicht finden. (Weil ich ein Cover der Salzburger Aufführung nicht einstellen konnte, habe ich die Aufnahme aus Rom eingestellt, die ich zwar mal gehört hatte aber die nicht in meiner Sammlung ist.) Zum Glück habe ich die Salzburger Aufführung auf reel-to-reel-Tape:

    Zitat von Caruso41

    Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni

    Don Giovanni: Nicolai Ghiaurov; Donna Anna: Gundula Janowitz; Donna Elvira: Teresa Zylis-Gara; Zerlina: Mirelli Freni; Don Ottavio: Alfredo Kraus; Masetto: Rolando Panerai; Leporello: Geraint Evans; Il Commendatore: Martti Talvela

    Salzburger Festspiele 26. Juli 1968 . Wiener Philharmoniker und Chor der Wiener Staatsoper, Herbert von Karajan.

    Auch ich bin im übrigen der Meinung, dass es einfach am genussvollsten ist, Alfredo Kraus mit Zarzuelas zu hören. Aber das hatte ich ja bereits geschrieben!


    Beste Grüße


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Am 10.September sind es 21 Jahre her seit Alfredo Kraus gestorben ist.

    Gerade vor kurzem ist auf youtube ein recht guter Mitschnitt eines Werther von 1992 erschienen.