Michael Korstick


  • Gerade ist seine Einsspielung der "Diabelli-Variationen" erschienen und bei der Gelegenheit ist mir aufgefallen, dass Michael Korstick noch keinen Thread besitzt.


    Die Karriere von Michael Korstick ist ungewöhnlich. 1955 geboren gewinnt er im Alter von 11 Jahren den ersten Preis bei "Jugend musiziert". 1976 geht Michael Korstick nach New York an die Juillard School. Unter seinen amerikanischen Kollegen erwirbt er sich bald den Spitznamen "Dr. Beethoven". Eigentlich alle Voraussetzungen für eine steile Karriere. Jahre des unermüdlichen Konzertierens folgen. Eines seiner großen Idole ist Emil Gilels.


    Seine erste CD veröffentlicht Michael Korstick mit 43 Jahren. Eine Gesamteinspielung der 32 Klaviersonaten Beethovens ist im Entstehen.


    Welche seiner Aufnahmen schätzt Ihr besonders?




    Herzliche Grüße,:hello:


    Christian

  • hallo,


    da bisher niemand diesen thread bereicherte, werde ich etwas schreiben (weiß aber nicht, ob es eine bereicherung ist). ich kenne mit ihm zwei cds. die beethoven-sonaten op. 109-111, die h-moll sonate liszts kombiniert mit schumanns carnaval. alles vorzügliche interpretationen. makellose technik, durchaus sonorer ton. was mir etwas fehlt, ist eine gewisse freiheit in der phrasierung und variation im anschlag. aber insgesamt weltklasse-niveau.


    gruß, siamak

  • Hallo,


    nun habe ich einigemale Korsticks Aufnahme von Schuberts D960 gehört.
    Wie AcomA bereits schreibt spielt Korstick auf sehr hohem Niveau aber leider fehlt mir bei der Schubert Sonate etwas ganz entscheidendes: Der Spannungsbogen. Viel zu sehr wird hier auf Kosten der Spannung und des Spielflusses wert auf die Gestalltung von Einzelheiten wert gelegt.
    Schade eigentlich. Mal sehen was ich noch so von ihm zu hören bekomme.

  • Lieber Richard, lieber Siamak,


    Korsticks Interpretation von D 960 kenne ich nicht. Bei den Beethoven-Interpretationen Korsticks ist der Mangel eines Spannungsbogen für mich nicht feststellbar- das gilt sowohl für op. 53 wie für op. 106 oder auch die Diabelli Variationen des Pianisten. Gerade die Diabelli Variationen wirken wie aus aus einem Guss. Wobei natürlich zu konstatieren ist, dass Schubert von einem Pianisten andere Qualitäten als Beethoven verlangt, insofern hinkt der Vergleich zugegebenermaßen etwas.


    Herzliche Grüße,


    Christian

  • Caesar73 ,


    habe mir eben nochmals Korsticks Aufnahme der Beethoven Sonate op.53 angehört.
    Gerade gestern hatte ich mir intensiv die Gilels Aufnahme der DG angehört und muß sagen, daß Gilels im Gegensatz zu Korstick IMO eine gesamtheitliche Darstellung aufzeigt und voll Kraft und Spannung spielt wo bei Korstick "nur" nette erstklassige Differenzierung im Anschlag übrig bleibt!


    Soweit meine aktuelle Sicht der Dinge! So richtig anfreunden kann ich mich mit seinen Aufnahmen nicht.......

  • Hallo Caesar73


    Zitat

    Gerade die Diabelli Variationen wirken wie aus aus einem Guss.


    Polemisch geantwortet könnte man meinen: Genau das ist ihr Problem. Ich kenne kein anderes Klavierstück mit einem derartigen Variantenreichtum, mit einer derartigen Fülle an Stimmungen. Es ist eine Art Kurzfassung der Beethovenschen Klaviersonaten, wie in einem Kaleidoskop wird man in kurzer Zeit durch das Weite Land Beethovenscher Klavierkunst geführt. Und Korsticks Version ist mir in ihrer Konzentriertheit etwas zu kompakt, zu geschlossen, zu ernsthaft. Der Schalk, der in einigen Variationen steckt, kommt bei ihm gar nicht zum Zug.
    Ich empfehle Schnabel zum Vergleich, nicht so perfekt gespielt, aber deutlich facettenreicher.

  • Zitat

    Original von Richard


    Soweit meine aktuelle Sicht der Dinge! So richtig anfreunden kann ich mich mit seinen Aufnahmen nicht.......


    Richard


    Mußt Du ja auch nicht. Es wäre auch wirklich absolut langweilig, wenn uns allen nur die gleichen Pianisten gefallen würden. Das ist eben Geschmacksfrage. Giles schätze ich sonst ebenfalls sehr, aber gerade "seine" Waldsteinsonate hat mich nicht so sehr überzeugt- wobei es allerdings schon eine Weile her ist seit ich sie gehört habe.


    Theophilus


    Du hast natürlich recht, Schnabels Interpretation gehört definitiv in den Olymp. Gerade die Strenge von Korstick, sein Formbewusstsein sprechen mich ausgesprochen an, aber ansonsten gilt auch hier das obengesagte. Suum cuique.


    Herzliche Grüße,


    Christian

  • Angeregt durch diesen Thread habe ich mir ebenfalls Korstick noch einmal angehört, die hochgelobte HK von Beethoven.
    Weder das "richtige" Irrsinnstempo im 1. Satz noch das extrem langsame Zeitmaß im Adagio sprechen mich an.
    In den schnellen Sätzen ist der vorherrschende Eindruck: Sportlichkeit,
    im langsamen eben nur Langsamkeit, mehr nicht.
    Wenn es in dieser Langsamkeit ja noch etwas zu entdecken gäbe, ließe ich mich ja gerne überzeugen. Aber da ist nicht mehr - jedenfalls nicht für meine Ohren und mein Verständnis.


    Für mich bleibt es dabei: sicher ein sehr guter Pianist.
    Aber den Rummel um ihn kann ich nicht ganz nachvollziehen.


    Für mich bleibt bei der HK Pollini das Maß der Dinge.

  • Hallo CRC,


    ich bin richtig erleichtert, dass ich mit meiner Meinung nicht alleine dastehe. Auf mich wirkt diese CD, als hätte ein Witzbold von Tontechniker die Sonatensätze aus verschiedenen Interpretationen zusammengewürfelt.
    Eine Klaviersonate besteht zwar aus grundsätzlich eigenständigen Sätzen, aber es ist doch ein Werk und der Interpret sollte meines Erachtens danach trachten, eine höhere Einheit zustande zu bringen.


    Nach Anhören dieser CD habe ich den Eindruck, Korstick mangle es an einem übergreifenden Formbewusstsein (das wäre vielleicht auch eine Antwort auf sagitts Aussage "Was Solomon kann, wird von einem Michael Korstick schon lange geleistet"; das stimmt eben einfach nicht). Er sieht sich die Sache von zu großer Nähe an, es fehlt der Zusammenhalt der einzelnen Teile.


    Seine Diabelli-Variationen, die ja den Anfang eines kompletten Zyklus bei Oehms darstellen sollen, leiden nicht unter diesem Phänomen, sie sind dafür leider etwas zu "ernsthaft" geraten.

  • Zitat

    Original von CRC
    Für mich bleibt es dabei: sicher ein sehr guter Pianist.
    Aber den Rummel um ihn kann ich nicht ganz nachvollziehen.


    Lieber CRC,


    vielleicht liegt das ja daran, dass sich derzeit vergleichsweise wenige Pianisten an op. 106 versuchen- während es vor einigen Jahrzehnten noch zum guten Ton gehörte sich an der Hammerklaviersonate zu versuchen. Insofern fallen dann die wenigen Interpreten die dieses Bergmassiv in Angriff nehmen einfach stärker auf.


    Grundsätzlich kann man natürlich über Korsticks Intepretation streiten- ob sie beispielsweise Solomon erreicht? Möchte ich jetzt so nicht entscheiden.


    Herzliche GRüße,


    Christian

  • Ich kenne von Korstick noch nichts, aber die Diabelli-Variationen scheinen ja in den letzten Jahren zum Pflichtstück avanciert zu sein, allein an jüngeren Pianisten fallen mir sofort Perl, Mustonen und Anderszewski ein. Gibt es da eine Erklärung für?


    Ich habe übrigens nicht den Eindruck,. das op. 106 in früheren Zeiten ein häufiger aufgeführtes oder eingespieltes Stück gewesen. Die allermeisten Aufnahmen dürften damals wie heute Teil von Gesamtaufnahmen sein, oder?


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Ich habe übrigens nicht den Eindruck,. das op. 106 in früheren Zeiten ein häufiger aufgeführtes oder eingespieltes Stück gewesen. Die allermeisten Aufnahmen dürften damals wie heute Teil von Gesamtaufnahmen sein, oder?


    Spontan hätte ich gesagt, dass sich op. 106 heute bei den Pianisten weniger großer Beliebtheit erfreut, müsste das aber mal überprüfen.


    Herzliche Grüße,


    Christian

  • Hallo JR


    Zitat

    Ich habe übrigens nicht den Eindruck,. das op. 106 in früheren Zeiten ein häufiger aufgeführtes oder eingespieltes Stück gewesen. Die allermeisten Aufnahmen dürften damals wie heute Teil von Gesamtaufnahmen sein, oder?


    Nicht unbedingt, Gesamtaufnahmen der Beethoven-Sonaten waren früher eigentlich ausschließlich den Spezialisten im deutschen Fach vorbehalten, und meistens Langzeitprojekte (Gieseking starb sogar im Laufe seiner Gesamteinspielung). Pianisten wie Rubinstein, Horowitz, Richter, Serkin, Michelangeli, Berman, Gould etc. haben nie eine Beethoven-Gesamtaufnahme in Angriff genommen, ihn aber sehr wohl gespielt und aufgenommen, wenn auch oft nur eine kleine Auswahl.

  • Zitat

    Original von Theophilus


    Nicht unbedingt, Gesamtaufnahmen der Beethoven-Sonaten waren früher eigentlich ausschließlich den Spezialisten im deutschen Fach vorbehalten, und meistens Langzeitprojekte (Gieseking starb sogar im Laufe seiner Gesamteinspielung). Pianisten wie Rubinstein, Horowitz, Richter, Serkin, Michelangeli, Berman, Gould etc. haben nie eine Beethoven-Gesamtaufnahme in Angriff genommen, ihn aber sehr wohl gespielt und aufgenommen, wenn auch oft nur eine kleine Auswahl.


    Ich bezog mich selbstverständlich nur auf op.106; ich würde nie behaupten, die meisten Aufnahmen der Mondscheinsonste oder Appassionata seien im Rahmen von Gesamteinspielungen entstanden, ziemlich sicher aber die meisten von op. 14,2, op. 54 oder op. 49 :D
    Von den von Dir aufgezählten Pianisten gibt es AFAIK nur von Serkin ein "offizielles" op. 106 (von Gould eine Funkaufnahme, von Richter wohl auch Mitschnitte). Es gibt noch ein paar Aufnahmen nur der späten Sonaten (Pollini, Rosen, Solomon?), aber als Beethoven-Recital-Platte dürfte eine Kombination aus Pathetique, Mondschein, Appassionata, Waldstein, Les Adieux und vielleicht noch op.2,3, op. 10,3 und op. 26 schon jeher wie auch heute noch das Häufigste gewesen sein.
    Daher bezweifle ich Christians Vermutung bzgl. op. 106 bis konkrete Belege dafür auftauchen...


    Viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)


  • Bin mir diesbezüglich auch nicht sicher- aber bei Gelegenheit werde ich mal versuchen die These zu überprüfen.


    Herzliche Grüße,


    Christian

  • Hallo liebe TamonianerInnen


    Uns sagen nicht alle seiner ausserordentlichen Interpretationen zu. Die manchmal etwas ausserhalb des Gewohnten stehen.


    Seine Schubert Interpretation der Sonate D960 sagt uns jedoch zu.
    Michael Korstick versteht es Schuberts Sonaten zu spielen und den möglichen Seelenzustand der Musik zu treffen. Ein lyrisches Spiel mit zumTeil gewagten schnellen manchmal sehr langsamen Stellen differenziert und persönlich vorgetragen. Leicht mit tollen Nuancen und Akzenturierungen.
    Viel mehr Mühe haben wir mit der Interpretation der Hammerklaviersonate op. 106 von Beethoven. Da zerfällt in unseren Augen im langsamen Satz das Stück durch die extreme Dehnung der Tempi.
    Trotz den unterschiedlichen Resultaten sind wir sehr gespannt auf seine kommenden Beethoveneinspielungen.


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Zitat

    Original von romeo&julia
    Viel mehr Mühe haben wir mit der Interpretation der Hammerklaviersonate op. 106 von Beethoven. Da zerfällt in unseren Augen im langsamen Satz das Stück durch die extreme Dehnung der Tempi.
    Trotz den unterschiedlichen Resultaten sind wir sehr gespannt auf seine kommenden Beethoveneinspielungen.


    Vielleicht sollten wir die Diskussion in den entsprechenden Thread zu op. 106 verlagern? Die Beobachtung zu den Tempi Korsticks wurde hier jetzt schon mehrfach gemacht. Nur- einige der bedeutendsten Interpretationen- mir kommen da spontan Arrau und Solomon in den Sinn - sind in den Temporelationen ähnlich, insbesondere was den langsamen Satz angeht. Und hier entsteht keineswegs der Eindruck, dass die Sonate in einzelne Blöcke auseinander fällt. Bemerkenswert.


    Herzliche Grüße,


    Christian

  • Gestern zur späten Stunde habe ich mir nochmals Korstiks Aufnahme von Schuberts D960 angehört.
    Meine bisherigen Eindrücke kann ich nur bestätigen. Irgendwie klingt es auf (Welt)klasseniveau irgendwie langweilig.
    Das bewegt mich einfach nicht, da schalte ich emotional und folglich geistig einfach irgendwann ab.


    Irgendwie klingt es wie ein Klavierschüler, der voll konzentriert auf die technischen Hindernisse ist, als eine über die Technik "erhabener" Gestallter.

  • Hallo
    ich habe vorgestern die Aufnahme mit der Waldstein - und der Hammerklaviersonate erstanden. Bis jetzt habe ich erst die "Waldstein"
    gehört, aber ich fühle mich gezwungen schon jetzt hier drüber zu schreiben:



    Ich habe persönlich den Eindruck, die Lesart eines aussergewöhnlichen Pianisten vor mir zu haben, sehr eigenwillig - aber nicht aufgesetzt eigenwillig, alles in sich klingt schlüssig -anders als gewohnt, aber das ist ja der Reiz der Sache.
    Es ist schwierig die Interpretation zu beschreiben, weil vile Faktoren vorkommen. Zum einen ein gewisser nervöser Unterton, der jedoch ausgezeichnet zum Werk passt, zum andern eine gewisse Art von Introvertiertheit - die dann allerdings durch besonders dramatische Ausbrüche noch besonders in Kontast gestellt wird.


    Ich habe mir ursprünglich vorgenommen, NICHT zu vergleichen - und hab es dann schließlich dich getan: Die berühmt Gulda-Aufnahme - Korstick kann ihr aus meiner Sicht durchaus Paroli bieten -ist etwas vordergründiger, extrovertierter und "dicker".


    Fast hätte ich vergessen zu sagen, daß Korstick äusserst klar und durchsichti, je gelegentlich schlank spielt - was den Kontrast zu den grollenden Passagen noch betont.


    Fazit: Meine erst Korstick-Aufnahme - Aber bestimmt nicht meine letzte


    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

  • Liebe Beethoven-Freunde,


    es gibt eine gute Gelegenheit, diesen Thread aus der Versenkung zu holen:


    Am 15. September soll der erste Teil des geplanten Beethoven-Zyklus von Michael Korstick erscheinen, Korstick geht, wie András Schiff chronologisch vor, spielt also auf seiner ersten CD die drei Sonaten op. 2 ein. Ich bin schon sehr gespannt, vielleicht geht es Euch genauso:



    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian



    Die Moderation hat den Link eingebaut, der es ermöglicht
    die Sampletracks von jpc zu hören: Einfach nur auf das
    Cover der Cd klicken.....
    MOD 001 Alfred

  • Hallo!


    Zitat

    Original von romeo&julia
    Viel mehr Mühe haben wir mit der Interpretation der Hammerklaviersonate op. 106 von Beethoven. Da zerfällt in unseren Augen im langsamen Satz das Stück durch die extreme Dehnung der Tempi.


    Sorry, Christian, mir geht es mit diesem überdehnten dritten Satz ähnlich. Ich fühle mich "lost in adagio". Nun ist der dritte Satz aus op. 106 wahrlich nicht der schlimmste musikalische Ort, um sich zu verlieren - aber Sinn der Sache ist es dennoch nicht. Bei den anderen Sätzen frage ich mich, wo der große Fortschritt gegenüber Schnabel sein soll (außer daß Korstick die Töne trifft). Ich mag Schnabels Gehetze nicht so arg, und bei Korstick geht es mir freilich ähnlich. Was soll dieser Extremismus?
    Die op. 53 auf der CD mag ich schon mehr, aber auch da - im Vergleich zu Schnabel...


    Dennoch warte ich ganz gespannt auf op. 27 Nr. 2 mit Korstick. Das könnte ein Volltreffer sein.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Hallo,


    seit dem letzten Beitrag zu Michael Korstick sind inzwischen die beiden Bände mit frühen Beethoven-Sonaten (Nr. 1-3, 4, 9, 10 und 12) erschienen sowie eine Aufnahme aller Werke für Klavier und Orchester von Darius Milhaud mit dem SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern unter Alun Francis (bei "cpo").


    Korstick nimmt bereits den frühen Beethoven ernst wie kaum ein Anderer. Er meidet Tempoextreme nicht und nutzt die Dynamik des modernen Flügels. Bei ihm hat das Klavier auch die Charakteristik eines Schlaginstruments.


    Ich weiß aus vielen Diskussionen, dass Korsticks Spiel nicht jedermanns Sache ist, es ist eine ganz eigenartige Mischung: objektivierend und textgenau, dabei aber seltsamerweise sehr persönlich und ohne Vorbilder. Ich persönlich kann mich dem Sog, der davon ausgeht, nicht entziehen und finde die Aufnahmen überwältigend.
    Ich glaube zwar ganz allgemein nicht, dass es "die besten Interpretationen" gibt. Die CDs, wie auch die schon etwas älteren mit den späten Klaviersonaten und den Diabelli-Variationen gehören aber bestimmt zum Kreis der Spitzenaufnahmen. (Als Vergleichsbasis habe ich Arrau, Gilels, Goode und Gulda im Schrank.)


    Mit den Beethoven-Aufnahmen im Ohr glaubt man fast nicht, dass die Milhaud-Aufnahmen (fünf Konzerte und ein paar andere Stücke) vom selben Pianisten stammen: das Spiel ist farbig und brillant, auch das Orchester, von dem ich vorher nie etwas gehört hatte, ist große Klasse. Und die Werke sind - glaube ich - ohnehin eine gute "Einstiegsdroge" für jemanden, der sich auf Musik des 20. Jahrhunderts einlassen will. Allerdings: ich persönlich kenne keine anderen Interpretationen. Gibt es empfehlenswerte Alternativen? - ich würde gerne vergleichen.


    Beste Grüße
    Pylades

  • Zitat

    Original von Pylades
    Hallo,


    seit dem letzten Beitrag zu Michael Korstick sind inzwischen die beiden Bände mit frühen Beethoven-Sonaten (Nr. 1-3, 4, 9, 10 und 12) erschienen sowie eine Aufnahme aller Werke für Klavier und Orchester von Darius Milhaud mit dem SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern unter Alun Francis (bei "cpo";).


    Korstick nimmt bereits den frühen Beethoven ernst wie kaum ein Anderer. Er meidet Tempoextreme nicht und nutzt die Dynamik des modernen Flügels. Bei ihm hat das Klavier auch die Charakteristik eines Schlaginstruments.


    Lieber Pylades,


    ein schöner erster Beitrag!


    Korstick gehört inzwischen zu meinen "Hauspianisten"- seine Milhaud-Aufnahme habe ich auf der Liste aber noch nicht gekauft, das wird sich wohl nach Deinem Posting ändern. Auf Korsticks neue Beethoven-CD bin ich schon sehr sehr gespannt. Die Sonaten opp. 2 haben mir ebenso gut gefallen wie Brautigams auf dem Fortepiano- beiden ist eine beeindruckende Radikalität eigen.


    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

  • Hallo,



    aufgrund von Reklame in der FAZ hatte ich mir3 CD gekauft:
    Op. 53 und 106,
    Op. 109, 110, 111,
    Diabelli-Variationen


    Beim Anhören habe ich mich gefragt, ob mein Gehör vielleicht schon im Laufe der Zeit gelitten hat. Ich hatte den Eindruck, ich würde im Konzertsaal in der 23. Reihe sitzen, alles war flau, bei allen 3 CD.


    Wie ich das immer mache, habe ich mir dazu vermerkt:
    Op. 53 1.+3. Satz ab und an eine interessanten Stelle, dazwischen virtuoses Herunterrasseln.
    Op. 106: 1.+2. Satz sehr virtuos und schnell, kann man akzeptieren. 3. Satz viel zu langsam, man verliert den Faden, 4. Satz exzellent.
    Op. 110: Berührt einen nicht, besonders die Schlußfuge ohne Seele, 2. Satz heruntergerasselt.
    Op. 111, wie eine Etüde, gefühllos.
    Diabelli:ruppig und laut. die einzelnen Variationen nicht anklickbar, Nr. 14 endendendlos.Der taube Beethoven hätte es vielleicht so undifferenziert gespielt. Vielleicht hat sich Korstick das so vorgestellt.


    So, und dann kam die Ankündigung, daß Korstick im Kammermusiksaal des Beethovenhauses am 17.12.06 nicht nur die Beethovenschen Variationen spielt, sondern auch ausgesuchte der anderen Komponisten.
    Das war für mich schon so verlockend, daß ich hingegangen bin.


    ALSO: Dieser riesige Mann saß wie zusammengeklappt vor der Taststur.
    Spielte unglaublich hart und laut. Ein paar wenige lyrische Momente.


    Ein Kritiker , dessen Urteil ich immer geschätzt habe, schrieb dann in der Zeitung, daß Korstick die Liszt´sche Variation in der Luft zerrissen habe,
    daß er u nglaubliche Steigeru ngen bringe, die er dem Hörer an den Kopf knalle, aber mit großer Übersicht
    Zeitweise hatte ich Angst um den Teuren Flügel, denn bei einer Zugabe knallte der die Hände von etwa 1/2 m Höhe auf die Tastatur.
    So etrwas habe ich noch nicht geseshen.
    Ich bin nach Haus geschlichen und habe den Eindruck dieses Abends mit Sokoliovs Diabelli ausradiert


    Was viel heißt bei meiner Überspielwut. auf dem iPod findet er sich nicht wieder.


    Meine Erklärung, warum das Ganze auf den CD so flau klingt: Der Tontechniker mußte das Ganze auf erträgliche Lautstärke herunterpegeln, dabei gingen die Feinheiten verloren.


    So, nun erwarte ich die Reaktionen der Korstick-Fans :untertauch:

  • Liebe Stabia,


    Zitat

    Diabelli:ruppig und laut. die einzelnen Variationen nicht anklickbar, Nr. 14 endendendlos.Der taube Beethoven hätte es vielleicht so undifferenziert gespielt. Vielleicht hat sich Korstick das so vorgestellt.


    Das die einzelnen Variationen nicht anspielbar sind, ist eine bewusste Entscheidung Korsticks gewesen: Der Hörer soll sich auf das ganze Werk einlassen, die Variationen als einen kreativen Prozess auffassen. Als undifferenziert empfinde ich die Diabelli-Variationen in der Interpretation Korsticks (und auch das Spiel Korsticks im Allgemeinen) eigentlich nicht. Aber ich habe die Aufnahme jetzt eine Weile nicht mehr gehört- ich frische meine Höreindrücke einmal auf und gebe dann meine Eindrücke wieder.


    Eines aber schon mal vorab: Korstick kann durchaus mehr als nur mit brachialer Gewalt den Flügel zu malträtieren :D


    Ich kann ja verstehen, dass Dir die Lust auf Korsticks´ Beethoven nach Deinen Erfahrungen ein wenig vergangen ist (:D) aber höre doch einfach mal im Plattengeschäft in seine Einspielung der Sonaten opp. 2: Dort gehören insbesondere die langsamen Sätze zu den Höhepunkten der Aufnahme, die ich auch im Ganzen sehr gelungen finde.


    Seine neueste Beethoven-Einspielung (op. 7, op. 14/1 und 2, op. 26) habe ich heute das erste Mal gehört. Eine differenziertere Beschreibung dann ein anderes Mal. Für´s erste: Korstick geht hier mit den dynamischen Vorschriften Beethovens nicht besonders freizügig um. Die Tempi sind mit denen Ronald Brautigams (und bei op. 7 mit Angela Hewitt) vergleichbar. Für mich ebenso gelungen wie die ersten drei Sonaten.


    Über die Tempo-Entscheidung im Adagio der Hammerklaviersonate kann man diskutieren. Aber Korstick ist ja nicht der einzige, der hier ein extrem langsames Tempo wählt- aus dem Stand fallen mir da noch Solomon und Arrau ein. Und den Satz in diesem Tempo zu nehmen und zu vermeiden dass er dem Interpreten unter der Hand zerbröselt ist durchaus eine Kunst für sich. Im Thread zu Opus 106 haben wir die Frage auch ausführlich erörtert. Der Thread würde sich sicher freuen wiederbelebt zu werden: Guckst du hier.


    Zu der Milhaud-Aufnahme kann ich nichts sagen, da ich die CD selbst nicht kenne.


    Was den Klang der älteren Aufnahmen angeht: Einen substanziellen Qualitätsunterschied in derAufnahmetechnik zwischen den Einspielungen bei Ars Musici und den bei Oehms entstandenen Produktionen höre ich nicht heraus. Insbesondere bei op. 53 und op. 106 erscheint mir das Klavier sehr direkt aufgenommen.


    Herzliche Grüße,:hello::hello:



    Christian

  • Danke für die ausführliche Antwort.
    Werde Deinen Rat befolgen und in die neuen Korstick-Produktionen hineinhören. Brautigam kann auf seinem Hammerklavier von Natur aus nicht so hämmern, aber tempomäßig gibt es schon Übereinstimmungen.


    Ich finde es wahnsinnig interessant, sich mit den verschiedenen Interpretationen zu beschäftigen. Während einer sehr langen Zeitspanne meines Lebens lehnte ich den Starkult kategorisch ab. Wahrscheinlich wirkte das Theater um Karajan und Callas damals so abstoßend auf mich. Schade nur, das die Qualitäten dahinter nicht wahrgenommen wurden.Das Geld, verschiedene Einspielungen zu kaufen, war auch nicht da.
    Aber man kann ja auch dazulernen.
    Und das mache ich jetzt. Das Lesen bei Tamino hilft da weiter


    Gruß :yes: