Baltische Symphonien

  • Durch die unerfreulichen politischen Vorgänge an Europas Ostgrenzen sind auch die baltischen Staaten wieder ins Zentrum unseres Interesses gerückt. Und da Musik ja durchaus völkerverbindend ist, wird es vielleicht Zeit, sich dieser Musik etwas näher zu widmen. Zwei, drei Namen aus dieser Ecke sind zwar inzwischen relativ bekannt, Eduard Tubin etwa, Arvo Pärt und Peteris Vasks, aber da gibt es noch viel, viel mehr.


    Estland (Estonia):


    Heino Eller, Boris Parsadanian, Arvo Pärt, Jaan Rääts, Kaljo Raid, Lepo Sumera, Eimo Tamberg, Eduard Tubin


    Lettland (Latvia):


    Peteris Barisons, Janis Ivanovs, Adolfs Skulte, Peteris Vasks, Jazeps Vitols


    Litauen (Lithuania):


    Osvaldas Balkauskas, Vytautas Barkauskas, Mikolajus Ciurlionis, Leopold Godowsky, Onute Narbutaite


    um nur mal ein paar Namen zu nennen.


    Viele haben Symphonien geschrieben, Janis Ivanovs z.B. ganze 21 (!). In unregelmäßigen Abständen sollen hier besonders gelungene vorgestellt werden.

  • Janis Ivanovs (1906-1983) ist mit 21 Symphonien vermutlich der bedeutendste lettische Symphoniker des 20. Jahrhunderts. Ausgehend von einer national geprägten spätromantischen Tonsprache, die Einflüsse von Tschaikovsky, Rachmaninoff und Sibelius zeigt, entwickelt er unter Einbeziehung des Impressionismus einen individuellen Stil. In späteren Zeiten bezog er unterschiedliche Entwicklungen des 20. Jahrhunderts bis hin zu Expressionismus und Dodekaphonie ein. Wie viele seiner Zeitgenossen wurden auch ihm 1948 "formalistische Tendenzen" unterstellt, woraufhin er einige Zeit gemässigtere Werke produzierte, die versuchten, Vorgaben des sozialistischen Realismus zu erfüllen. Nach Stalins Tod setzte er seinen vorab eingeschlagenen Weg fort.


    An Selbstbewusstsein mangelt es nicht :D


    Die Mehrzahl - wenn nicht alle - der 21 Symphonien wurden eingespielt, allerdings viele noch zur Zeit des guten alten Vinyls. Und viele harren nach wie vor eines Transfers auf CD, zumindest findet man sie auf dem westlichen Markt nicht. Die Werbepartner bieten einige Einspielungen an, auf Campion und Marco Polo/Naxos. Viele der fehlenden Aufnahmen lassen sich im Internet als mehr oder weniger legalen download lokalisieren.


  • Beide Symphonien entstanden in den 30er Jahren und zeigen Ivanovs als Spätromantiker in der Nachfolge Tschaikowsky's und der mächtigen Fünf. Wer diese und Rachmaninoff mag dem wird vor allem die halbstündige 2. Symphonie sehr zusagen, melodiös und schwungvoll bringt sie alles mit, was eine Symphonie so braucht incl. origineller musikalischer Themen. Die 1. Symphonie ist sehr kurz (13 min) also eher eine symphonische Dichtung, aber nicht minder interessant.


    Die Aufnahmen sind älteren Datums aber sicher authentisch.



  • Boris Parsadanian (1925-1997) war ein estnischer Komponist armenischer Abstammung, der in Tallinn bei Heino Eller sein Handwerk erlernte. Er schrieb u.a. 11 Symphonien, von denen m.W. aber nur 3 bisher verfügbar sind. Eine Generation jünger als Dimitri Schostakowitsch war er offensichtlich von dessen Musik derart beeindruckt, dass seine erste Symphonie von 1958 als perfekte Stilkopie des Meisters erscheint und im Tonfall am ehesten dessen 8. Symphonie entspricht. Gute Stilkopien können auch ein Hörgewinn sein und wenn diese Symphonie von DSCH wäre, wäre es nicht seine schlechteste.
    Jewgenij Svetlanov ist natürlich auch genau der richtige Dirigent für so etwas und insofern kann man diese CD nur allen Freunden dieser Art von Musik empfehlen. Beim deutschen Werbepartner findet man diese CD nicht, allerdings beim internationalen für vergleichsweise wenig Geld.


  • Ist schon "doll" lieber Lutgra, was Du alles ausgräbst.


    Von Boris Parisadanian war ich auch von seiner Sinfonie Nr.2 "Martyros Saryan" op.6 (1961) beeindruckt; zumal auch diese Zweite meinen Liebling Schostakowitsch deutlich durchscheinen lässt (ohne auch nur ansatzweise in übermoderne ungeniessbare Abgründe abzutauchen).
    Die Aufnahme befindet sich auf CD7 in der Swetlanow-10CD-Box (Brillant); von 1966 und klingt aussergewöhnlich sauber für das Aufnahmejahr. Bei Swetlanow ist dieses Werk auch in den genau richtigen Händen.
    ** Die Sinfonie Nr.2 hat normale 4Sätze mit eine Gesamtspieldauer von ~43Minuten.



    Brillant, 1966 (Parisadanian), ADD


    Boris Parisadanian wurde in Armenien geboren, studierte im Armeinischen Kulturinstitut in Moskau - und ging dann 1950 erst als Geiger der Gnessin Schule nach Estland und studierte weiter Komposition am Tallin Konservatorium. Von daher gilt er natürlich als Estnischer Komponist, der aus Armenien stammt.
    Die von Dir abgebildete CD der Sinfonie Nr.1 hat mein Interesse - leider ist nicht mal der Komponist bei den amazonen gelistet.


    Aus Estland kenne ich sonst nur Eduard Tubin und Avo Pärt. Ich wünschte Swetlanow hätte sich Tubin auch angenommen - aber man kann als Dirigent nicht alles abdecken, bei der Repertoirevielfalt, die er ohnehin schon drauf hatte.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • 1948 bekam Ivanovs wie viele andere Musiker Ärger, seine 4. und 5. Symphonie wurden als formalistisch gebrandmarkt. Als Reaktion hierauf komponierte Ivanovs seine 6. als Natursymphonie über die lettgalische Landschaft seiner Heimat. Tonsprachlich ist er dabei zwar an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgekehrt, dies aber derart überzeugend, dass ihm hier ein wunderbares Werk gelungen ist, dass jeden Pomp und sozialistischen Kitsch vermissen lässt. Leider exisiert nur eine Aufahme im Netz, die klingt aber hervorragend. Leonid Vigners dirigiert das Lettische National SO.


    cpo übernehmen Sie! :D

  • Die zweite Symphonie der litauischen Komponistin Onute Narbutaite ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass man auch im 21. Jahrhundert noch eindrucksvolle Symphonien schreiben kann. Das 2-sätzige 36-Minuten dauernde Werk ist auf der einen Seite sehr eigenständig, bezieht aber immer wieder Reminiszenzen an frühere Komponisten mit ein. Da begegnen einem entfernte Erinnerungen an Wagner, an Debussy und Ravel, aber auch an Pettersson und Rautavaara. Dieses Werk reiht sich somit in zwar anders klingende, aber doch vergleichbare Werke von Sumera bis Vasks ein. Eine Musik, auf die man sich einlassen muss, die aber diese Auseinandersetzung lohnt. Der geforderte Neupreis beim Werbepartner ist natürlich indiskutabel, aber zwei Gebraucht-Anbieter bieten diese CD über den Werbepartner für unter 10 € an. Also Zulangen bevor es zu spät ist.

  • Boris Parsadanians farbige 7. Symphonie entstand 1980 und ist dem Landsmann Aram Khatchaturian gewidmet, der kurz zuvor verstorben war. An dessen Musik erinnert das 22-minütige einsätzige Werk aber weniger, ich höre eher Einflüsse von Schostakowitsch, Schnittke und vor allem Andrei Eshpai, an dessen fabelhafte 4. Symphonie mich hier vieles erinnert. Da geht die Post z.T. richtig ab, verstärkt durch Schlagzeugexzesse und vermutlich vom Band eingespielten archaisch anmutenden Männerchorgesängen. Vielleicht nicht die subtilste aller Kompositionen, aber sehr effektvoll. Ein Exemplar gibt es am Fluss für wenig Geld.


  • Ein Exemplar gibt es am Fluss für wenig Geld.

    Danke Lutgra, für den heissen TIPP.

    Das Exemplar habe ich mir gerade gesichert - das dürfte genau "meine Musik" sein !

    Ich kenne und habe nur die Parsadanian - Sinfonie Nr.2 mit Swetlanow in der Brillant-10CD-Box - siehe Beitrag 5. Nach dem Hören hatte ich seinerzeit gleich nachgesehen, was von Parsadanian an CD-Repertoire verfügbar ist .... leider noch weit weniger als von Eshpai.

    Gruß aus Bonn, Wolfgang

  • Ich erinnere mich daran, daß ein Tamino einmal den Komponisten Peteris Barisons vorgestellt hatte. Dessen 2. Sinfonie, entstanden wohl Ende der 1930-er Jahre (bei youtube hörbar) mit dem Titel "Romantische" kann manches Ohr erfreuen, besonders der langsame Satz spricht mich an, auch wenn mitunter der Eindruck von Filmmusik nicht zu leugnen ist. Aber da ist Melodie im Überfluß, keine Atonalität (was sich mit dem Begriff "Romatik" schlecht verbinden läßt), eine Musik, die ich auch im Konzertsaal anhören würde. Nur wer soll welchen Dirigenten davon überzeugen.


    Herzlichst La Roche

    Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!

  • Boris Parsadanian: Sinfonien Nr.2 und 7


    Durch Lutgras Beitrag 8 bin ich erneut auf Boris Parsadanian (14. Mai 1925 in Kislowodsk - 14. Mai 1997 in Tallinn ) aufmerksam geworden, dessen Sinfonie Nr.2 Martyros Saryan op.6, ich aus meiner Brillant-Swetlanow-10CD-Box bereits gut kenne und schätze.


    Die Sinfonie Nr.7 (1980) besteht aus einem Satz (Dauer = 22.29) und ist ein erhebender Nachgesang auf den 1978 verstorbenen Freund und Komponisten kollegen Aram Khatchaturian. Am Anfang der Sinfonie steht ein atmosphärisch klingender Männerchor mit dem die Sinfonie auch wiedr beschliesst. Dazwischen finden sich zwei packende aufbäumende Passagen, bei denen rhythmisch präsentes Schlagzeug nihct zu kurz kommt. Sehr moderne eigenständige Klänge, aber nicht direkt atonal, sehr ergreifend.

    *** So findet sich auch hier wieder in unseren Breiten vollkommen unbekanntes aber fabelhaftes und musikalisch wertvolles Nischenrepertoire.


    Die Sinfonie Nr.2 von 1961 wirkt noch wesentlich klassischer und hat 4 Sätze. Trägt aber auch schon Parsadanians Handschrift.

    :angel:Tolle Musik, die mich an die Beiden hochgeschätzten Schostakowitsch und Eshpai erinnert.



    Das Orchester des Estnischen Rundfunks / Peeter Lilje sind mit Herzblut dabei !


      

    ANTES, 1988, DDD

    Gruß aus Bonn, Wolfgang