Wolfgang Schneiderhan - ein großer Geiger

  • Trotzdem finde ich es traurig, daß er selbst in diesem Forum, das doch in Wien beheimatet ist, so wenig Resonanz findet.

    Ich denke, daß man das Meiste von ihm bereits im Plattenschrank (CD Regal) stehen hat - und daß er nicht polarisiert

    Vielleich noch eine Anmerkung zu "seinen" Kadenzen mit den Pauken: Sie sind eigentlich nicht von ihm, sondern er hat die Kadenzen von Beethoven, die dieser für die Klavierversion des Violinkonzerts geschrieben hat, auf das originale Violinkonzert übertragen. Ganz wenige Noten musst er ändern, damit die Anpassung funktioniert, er sei aber sehr skrupolös dabei vorgegangen...


    mfg aus Wien

    Alfred

    Die Hauptaufgabe eines guten Forenbetreibers ist: AN ALLEM SCHULD ZU SEIN

    Tut er das nicht, dann ist er eigentlich überflüssig....


  • Vieles gehört doch auch dorthin......Irmgard Seefried :!:


    Bei vielen dieser Künstlergemeinschaften fragte ich mich schon immer, wer hat von wem profitiert! ;)


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • noch eine Anmerkung zu "seinen" Kadenzen mit den Pauken: Sie sind eigentlich nicht von ihm, sondern er hat die Kadenzen von Beethoven, die dieser für die Klavierversion des Violinkonzerts geschrieben hat

    Lieber Alfred,


    ich bezweifle nicht, daß der große Künstler Wolfgang Schneiderhan unendlich viel Mühe und Arbeit in seine Umarbeitung der Beethoven'schen Klavierkadenzen gesteckt hat, doch so recht konnte ich mich nie damit anfreunden, obwohl einige seiner Kollegen diese Bearbeitung ebenfalls übernommen haben, so u.a. Ulf Hoelscher, wie hier zu hören ist:


    Violinkonzert Op. 61


    Trotzdem ziehen die meisten Geiger die Kadenzen von Kreisler bzw. Joachim vor, wobei mir persönlich die letztgenannte, die Schneiderhan auch in seiner Mono-Einspielung von 1953 verwendet, am besten gefällt.

    Der verstorbene Münchner Kritiker Joachim Kaiser hat zu Schneiderhans Experiment, nachdem er seine Interpretation des Beethoven-Konzerts (mit Jochum, DGG) als "delikat" gepriesen hat, einmal wie folgt Stellung genommen: ".... in einem möchte ich Schneiderhan aber widersprechen: Er hat sich die Kadenzen, die Beethoven für die selten aufgeführte Klavierfassung schrieb, vorgenommen und daraus Violinkadenzen gemacht. Das Ergebnis klingt grotesk. (.....) Wenn aus Beethovens Klavierkadenzen merkwürdige Geigenexperimente herausgeholt werden, die Beethovens Zustimmung wohl kaum gefunden hätten - das scheint selbst einem so bedeutenden Künstler wie Wolfgang Schneiderhan statthaft."

    Nun bin ich kein ausgebildeter Musiker und kann Kaisers Einwände kaum nachvollziehen, aber nach wie vor stehe ich Schneiderhans Experiment skeptisch gegenüber und bleibe lieber bei den traditionellen Kadenzen von Kreisler, Joachim, oder auch Heifetz/Auer. Letztendlich entscheidet aber der persönliche Geschmack, und den sollte man sich von keinem noch so renommierten Kritiker nehmen lassen.


    LG Nemorino


    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Ich konnte mich mit dem Violinton dieser Aufnahmen nie anfreunden. Die Interpretationen waren in der eher strengen "klassischen" Haltung oft durchaus überzeugend, aber dieser etwas scharfe, eher dünne Ton, mag sein, dass es auch am Alter der Aufnahmen gelegen hat.



    Die Violinsonaten von Beethoven mit Schneiderhan und Seemann haben ein Refurbishment erfahren.



    Wenn die DGG hier Ähnliches vollbracht hat, wie bei Michelangeli, könnte das Klangbild deutlich angenehmer sein.


    Was aber wohl dem damaligen Klangempfinden geschuldet ist, ist die Priorität der Violinstimme und damit auch das leichte Anheben dieses Instrumentes, was wirklich etwas unnatürlich herüberkommt.

  • Ich muß hier festhalten, daß es genau dieser kristallklare schlanke Violinton war, der mich begeisterte.

    Es handelte sich dabei übrigens nicht um eine "technische Unzulänglichkeit" sondern um den europäischen (ider deutschen ?) Zeitgeschmak, eine gewisse Klangphilosophie, die DGG vertrat. In übertriebener Weise finden wir dies auch bei Philips. Und deshalb wundert es mich, daß mal letztere nun unter dem Label "DECCA" vertreibt, welches eher für einen runden, leicht fülligen Klang bekannt ist....

    Ich habe seinerzit (in der LP Ära) Aufnahmen des Klanges wegen auch nach dem Label eingekauft. Damals verfügte jede Firma über einen Sttab von Technikern und ein bestimmtes Equipment, das den Klang maßgeblich beeinflusste. Ich hörte in meinen Einstiegsphase fast ausschließlich Aufnahmen der Deutschen Grammophon Gesellschaft....


    mfg aus Wien

    Alfred

    Die Hauptaufgabe eines guten Forenbetreibers ist: AN ALLEM SCHULD ZU SEIN

    Tut er das nicht, dann ist er eigentlich überflüssig....


  • Die Sonaten kenne ich nicht; ich bezog mich auf die box mit den weitgehend mono-Aufnahmen bekannter violinkonzerte. Ist halt auch fast alles Repertoire, das entweder reichlich vorhanden ist oder mich nicht so stark interessiert. Einzelnes wie das Konzert von Martin habe ich in anderer Zusammenstellung.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich muß hier festhalten, daß es genau dieser kristallklare schlanke Violinton war, der mich begeisterte.

    Das empfinde ich ebenso, vor allem bei den Mono-Aufnahmen der DGG aus den 1950er Jahren (Beispiele: Wolfgang Schneiderhan: Mendelssohn Violinkonzert (RIAS Symphonie-Orchester Berlin, Dir.: Ferenc Fricsay) und Bruch: Violinkonzert (mit den Bamberger Symphonikern, Dirigent: Ferdinand Leitner). Oder Schneiderhans Mono-Aufnahmen der Mozart-Konzerte Nr. 4 (Berliner Philharmoniker, Hans Rosbaud, 1956) und Nr. 5 (Wiener Symphoniker, Ferdinand Leitner, 1952), auf dieser CD zu hören:

    Violinkonzerte 4,5/Streichquartett KV 428


    Ganz schlanke Bogenführung, großartige "Begleitung".


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Da ich weder Klavier noch Violine spielen kann, sind für mich die Auslassungen von Joachim Kaiser über die Bearbeitung von Beethovens Klavier-Kadenzen für seine Adaption des Violinkonzertes (op. 61a) nicht nachvollziehbar. Ich wiederhole hier ab gerne noch den Wortlaut, vielleicht gibt es Taminos, die Kaisers Einwände möglicherweise nachempfinden können:

    "Die Pointe der Beethovenschen Klavierkadenzen besteht in einer programmatischen Zweistimmigkeit. Die linke Hand spielt beispielsweise das charakteristische Sechzehntelmotiv des Satzes, während die rechte schwierig-große Passagen herunterdonnert. Die linke Hand spielt die den ganzen ersten Satz bestimmenden, viermal wiederholten Akkorde, während die recht sich darüber chromatisch ergeht. Schneiderhan hat sich aus der Geigenaffäre ziehen wollen, indem er, was bei Beethoven zusammen erscheint, zeitlich auseinanderlegte. Also: ein Takt Passage der rechten Hand (die ohne das Hauptmotiv der linken sinnlos klingt), dann einen Takt linke Hand, aber die rechte schweigt. Auf diese Weise könnte ein Sologeiger natürlich jede Klaviersonate, nur eben auseinandergezogen, spielen. Doch mit Beethovens Intentionen hat das nichts zu tun. Das pianistische Gewebe ist an leere (und nicht einmal sauber spielbare) Violinlinien verraten."

    Wie gesagt, mir fehlt jedes Fachwissen, diese Einwendungen richtig oder falsch zu finden, ich urteile allein nach meinem Geschmack, und da ziehe ich die traditionellen Kadenzen vor. Das mag auch mit eingefahrenen Hörgewohnheiten zu tun haben, das will ich gar nicht bestreiten.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • In den Jahren 1967/68 hat Wolfgang Schneiderhan für die Deutsche Grammophon Mozarts Gesamtwerk für Violine und Orchester aufgenommen, unter Mitwirkung der Berliner Philharmoniker. In dieser repräsentativen Aufmachung wurde die Erstausgabe vorgelegt:

    120705573127.jpg

    Im Gegensatz zu früheren Einzelaufnahmen wirkte Schneiderhan hier auch als Dirigent.


    Leider hat diese Edition wohl nicht genügend Furore gemacht, denn sie verschwand ziemlich rasch vom Markt und wurde später nur noch in Einzelausgaben vermarktet. Wahrscheinlich war die internationale Konkurrenz mit Oistrach, Stern und Menuhin zu groß. Künstlerische Gründe können jedenfalls nicht ausschlaggebend gewesen sein.


    Später erschienen die Konzerte auch auf CD, in dieser Billig-Ausgabe in der "eloquence"-Reihe:


    Violinkonzerte 1-5 / Violin Concertos 1-5 By Mozart (Composer),,Wolfgang Schneiderhan (Performer) (2007-08-21)


    Auch hier ist wieder sein schlanker, sauberer Violinton zu bewundern.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).