Belcanto-Tenorsensation aus Mexiko - Javier Camarena

  • [timg]http://upload.wikimedia.org/wi…ier_Camarena,_tenor.JPG;l[/timg]Javier Camarena wurde am 26. März 1976 in Veracruz in Mexiko geboren. Nach einem Musikstudium an der Universität Guanajuato gewann er im Jahr 2004 den ersten Preis beim Gesangswettbewerb Carlo Morelli in Mexiko. Im gleichen Jahr debütierte Camarena als Tonio in Donizetti’s La fille du regiment am Palacio de Bellas Artes in Mexiko City. In der Folge sang er dort Belmonte, Nemorino, Ernesto und Dorvil in Rossini’s La scala di seta.


    Seit 2007 gehört der mexikanische Tenor zum Ensemble des Opernhauses Zürich und gestaltete dort Partien wie Belfiore, Belmonte und Ferrando in den Mozart-Opern La finta giardiniera, Die Entführung aus dem Serail bzw. Cosi fan tutte, Fileno in Haydn’s La fedeltà premiata, Nadir in Bizet’s Les pecheurs de perles oder Fenton in Verdi’s Falstaff. Camarena hat sich besonders als hervorragender Belcanto-Tenor erwiesen und feierte als Rossini-Spezialist mit Rollen wie Lindoro in L’italiana in Algeri, Osiride in Mosé in Egitto, Rodrigo in Otello und in der Titelrolle in Le Comte Ory besonders große Erfolge. Seine Paraderolle ist der Graf Almaviva in Rossini's Il barbiere di Siviglia, mit der er wahre Triumphe feiert. Aber auch der Almaviva in Paisiello’s Oper gehört zu seinem Repertoire.


    Inzwischen tritt Camarena an allen bedeutenden Opernhäusern der Welt auf. An der Wiener Staatsoper wurde er vom Publikum als Almaviva und Lindoro gefeiert (beide Partien wird er im Frühjahr 2015 erneut an der Wiener Staatsoper präsentieren), in Paris war er ebenfalls Almaviva und Lindoro und trat dort zudem in den Tenorpartien von La sonnambula, La donna del lago und La Cenerentola auf. 2012 debütierte er bei den Salzburger Festspielen.
    Er gastierte in Barcelona, Madrid, Brüssel, Köln, Dresden oder München.
    Mit dem Conte Almaviva debütierte er auch an der New Yorker MET und der San Francisco Opera.
    Als erst dritter Tenor in der Geschichte der MET musste er an diesem Haus eine Arie wiederholen. In den Cenerentola-Vorstellungen am 25. und 28. April 2014 erzwang das begeisterte MET-Publikum eine Wiederholung von „Dolce speranza“.


    Javier Camarena gilt heute als der größte Konkurrent Juan Diego Florez‘ im Belcanto-Fach. Im Vergleich zu Florez verfügt Camarena über das männlichere, kräftigere Timbre.
    Francisco Araiza ist sein Gesangslehrer.



    Absolut großartig die Arie des Tonio mit ihren neun hohen Cs aus "Die Regimentstochter"




    oder La donna e mobile




    Im Juli 2014 erschien seine erste Solo-CD "Recitales". Auch einige DVDs sind inzwischen erschienen. So ist er zum Beispiel einer der Tenöre in Rossini's Otello an der Seite von Cecilia Bartoli. Ebenfalls mit Bartoli ist Le Comte Ory erschienen.






    Gregor

  • Tenorsensation ist in diesem Fall wirklich nicht übertrieben. Der Mann hat neben einer überragenden Stimme und Humor auch noch etwas, das man heute allzugern als der Vergangenheit zugehörig betrachten möchte, weil so gut wie nicht mehr existent: CHARISMA. Ein Glücksfall für die Opernwelt. Mein Tonträger- und Video-Budget wird also 2015 leider nicht saniert werden können.....


    mit freundlcihen Grüßen aus Wien
    Alfred

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  • Eigentlich wollte ich mich ja skeptisch zu dem Superlativ in der Thread-Überschrift äußern.


    Aber wenn sogar Alfred ihn bestätigt, werde sogar ich als eigentlich-ja nicht-Opern-CD-Fan-der-nur-die-gängigen-Arien-gerne-hört-und-sonst-nur-ab-und-zu-mal-eine-live-guckt neugierig. Das macht Lust, in die von Gregor vorgestellte CD mal reinzuhören.

  • Danke Gregor für die Eröffnung dieses Threads über Javier Camarena.


    Ich verfolge seine Karriere seit er 2007 in Zürich engagiert wurde. Vor einigen Jahren gab es eine Übertragung von "La Sonnambula" auf medici.tv mit ihm an der Seite von Natalie Dessay. Schon damals hat er mich sehr beeindruckt.


    :hello:


    Jolanthe


  • Aber wenn sogar Alfred ihn bestätigt, werde sogar ich als eigentlich-ja nicht-Opern-CD-Fan-der-nur-die-gängigen-Arien-gerne-hört-und-sonst-nur-ab-und-zu-mal-eine-live-guckt neugierig.


    Nun, dazu sei gesagt, dass es sich dabei um keine typische Opernarien-CD handelt. Camarena singt hier Lieder von Donizetti und Bellini sowie mexikanische Lieder.



    Danke Gregor für die Eröffnung dieses Threads über Javier Camarena.


    Ich verfolge seine Karriere seit er 2007 in Zürich engagiert wurde. Vor einigen Jahren gab es eine Übertragung von "La Sonnambula" auf medici.tv mit ihm an der Seite von Natalie Dessay. Schon damals hat er mich sehr beeindruckt.


    War das wirklich mit der Dessay und nicht doch mit der Bartoli? ?(


    An der Wiener Staatsoper wird Camarena im März im Barbier und im April in der Italiana singen. Für beides habe ich schon Karten. :)
    Da Alfred ja auch so begeistert ist, hoffe ich doch für ihn, dass er sich auch auf den Weg in die Staatsoper machen wird. ;)


    Gregor

  • Ich habe eben einige Beispiele seiner Sangskusnt auf Youtube bewundern können und glaube, dass er mit dem richtigen Management noch weit kommen kann. Seine Stimme scheint zur Zeit keiner wie auch immer gearteten Beschränkung unterworfen, ist rund und von natürlicher Klangfärbung, und- er hat Humor!!


    Liebe Grüße


    Willi :D

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Seine Stimme scheint zur Zeit keiner wie auch immer gearteten Beschränkung unterworfen


    Das scheint in der Tat so zu sein. Bei Youtube habe ich zufällig entdeckt, dass Camarena bei seinen Konzerten auch schon mal Nessun Dorma singt. Das erwartet man ja nicht unbedingt von einem Sänger der (derzeit) ausschließlich Belcanto-Partien singt. Und er macht das wirklich hervorragend.
    Hier zeigt sich wohl sehr deutlich der große Unterschied zu Florez, der sich ja den Belcanto-Thron inzwischen mit Camarena teilen muss. Von Florez möchte man Nessun Dorma wohl nicht hören. Dieser ist ja schon mit dem Rigoletto-Herzog heillos überfordert.


    Auf die weitere Entwicklung Camarena's darf man wirklich gespannt sein.
    Ein großartiger Tenor.





    Gregor

  • Danke, lieber Gregor, dass Du diesem vielversprechenden Tenor einen Thread eröffnet hast.
    Ich habe ihn bisher nur einmal gehört, als Roberto in Maria Stuarda. Das ist natürlich eine Partie, in der man nicht viel gewinnen kann, aber leicht schlecht aussehen und überanstrengt klingen kann. Javier Camarena machte gute Figur und konnte sich mit seiner klangvollen Stimme und seiner sicheren Technik auch gut neben den Damen behaupten. Und das will was heissen, denn das waren immerhin Joyce diDonato und Silvia Tro Santafé!
    Um wirklich ein fundiertes Urteil über ihn abgeben zu können, müsste ich doch erst mal in einer größeren und anspruchsvolleren Partie hören.
    Eine Gelegenheit dafür wäre ja schon bald in München, aber der Don Ramiro in Cenerentola ist ja nun auch nicht die Partie, für die man extra an die Isar reist!
    Bedenken will ich's: wer weiss was ich tu?


    Beste Grüße


    Caruso41

  • Erstaunlich finde ich angesichts seiner Qualitäten, dass es erst eine einzige CD von ihm gibt - halten gewisse Verantwortliche da einen Tiefschlaf? Oder macht er sich bewusst rar? Schade - so oder so!

  • Zitat

    Erstaunlich finde ich angesichts seiner Qualitäten, dass es erst eine einzige CD von ihm gibt


    Na ja- aber dafür gibts zum etw gleichen Preis diverse Opern auf BlueRay disc (oder alternativ auf 2 DVDs)
    Da kommt man in den optischen Genuss einer Regiearbeit, die man eigentlich gar nicht sehen wollte. "Die Entführung aus dem Serail" aus einem Flugzeughangar, (!!!) wo die Akustik ja bekannt gut ist - und die Optik perfekt zu dieser "Türkenoper" (Originalton Mozart) passt. Somit sind die gezeigten Videoaufzeichnungen KEINE Empfehlungen von mir, lediglich eine Bemerkung, daß es einige Aufnahmen mit Camarena gibt.
    Schriebe ich meine Bemerkungen zu diversen Regisseuren, dann wäre ich morgen wieder in der Zeitung....... :P




    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

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  • Um wirklich ein fundiertes Urteil über ihn abgeben zu können, müsste ich doch erst mal in einer größeren und anspruchsvolleren Partie hören.
    Eine Gelegenheit dafür wäre ja schon bald in München, aber der Don Ramiro in Cenerentola ist ja nun auch nicht die Partie, für die man extra an die Isar reist!
    Bedenken will ich's: wer weiss was ich tu?


    Sorry, Caruso, für die späte Antwort, aber ich war eine Woche nicht hier. Ich freue mich schon auf Camarena’s Almaviva und seinen Lindoro in Wien und kann danach gerne, wenn gewünscht, meine Eindrücke schildern. Vielleicht hast du ja demnächst auch die Möglichkeit ihn live in einer seiner Paraderollen zu sehen.
    Im Sommer singt er ja auch den Almaviva in der Arena in Verona.


    Und selbst den Don Ramiro macht er sicher zum Ereignis, wie der folgende Mitschnitt eines Konzertes von 2014 beweist. In einem der youtube-Kommentare heißt es ganz richtig "Notable not just for the full throated incredible top C and D, but also listen to the use of the dynamic, diminuendi, crescendi, and interpretative skills. Not just fireworks - but artistry of the most sublime type."




    Erstaunlich finde ich angesichts seiner Qualitäten, dass es erst eine einzige CD von ihm gibt - halten gewisse Verantwortliche da einen Tiefschlaf? Oder macht er sich bewusst rar? Schade - so oder so!


    Nun, eine zweite Recital-CD mit dem Titel "Serenata" ist inzwischen erschienen.


    Gregor

  • Javier Camarena über neue Partien und Traumrollen:


    In einem Interview erzählte Camarena, dass er wahrscheinlich einige dramatischere Werke von Rossini ausprobieren wird.
    "Der Guglielmo Tell wird irgendwann kommen. Auch Semiramide. Ich glaube Rossini's Opera Seria wird für mich funktionieren".


    Aber auch bei Donizetti und Bellini kommen neue Partien.
    "In den nächsten vier Jahren möchte ich mehr in das lyrische Belcanto-Fach wechseln. Der Elvino ist einfach befriedigender wenn die Stimme ein bißchen mehr Gewicht hat".


    Er probiert gerade Lucia di Lammermoor aus.


    Nach zehnjähriger Pause wird er wieder den Tonio aus La fille du regiment in sein Repertoire aufnehmen und die Partie in Madrid und somit erstmals in Europa singen.
    Auch der Arturo in Bellini's I Puritani wird kommen. Andere Belcanto-Partien, die er gerne ausprobieren möchte, sind Donizetti's Roberto Devereux und der Pollione in Bellini's Norma.


    Camarena spricht auch von seinem Interesse einige Verdi-Partien ausprobieren zu wollen.
    "Ich bin angetan von der Idee eines Duca in Rigoletto oder eines Alfredo in La Traviata. Ich weiß, dass ich das kann. Aber ich warte noch."
    "Was den Don Carlo betrifft, werde ich definitv abwarten wie sich meine Stimme entwickelt."


    Mozart ist schon immer ein Teil von Camarena's Repertoire gewesen und er erwähnte, dass der Don Ottavio in Don Giovanni kommen wird. Eine Zauberflöte hält Camarena für nicht sehr wahrscheinlich.
    "Ich weiß, dass ich den Tamino singen könnte, aber diesen identifiziere ich mit der Stimme von Fritz Wunderlich. Eine gehaltvolle, runde Stimme, die den Schlag für die Rolle hat, und ich denke, ich würde nach diesem Ton suchen, wenn ich die Rolle singen will. Das wäre nicht ich."


    Der Tenor ist aber auch daran interessiert sich etwas aus dem Französischen Repertoire zu erarbeiten.
    "Vielleicht Massenet, die Manon".
    Den Werther versieht er eher mit einem großen Fragezeichen.
    "Ich mag Werther, den Charakter und die Musik. Ein Traum."
    Er erklärt, dass das Orchester dicht und schwer ist, und dass er die Rolle vielleicht in acht bis zehn Jahren ausprobieren könnte.


    Auch Delibes' Lakmé möchte er singen.


    Doch welche sind Camarena's Traumrollen?
    "Rodolfo und Cavaradossi sind meine Traumrollen. Ich würde so gerne den Rodolfo singen, aber zuerst muss ich den Duca schaffen und eine französische Partie. Wenn ich diese Rollen sicher schaffe, dann werde ich einen Rodolfo singen. Aber nur wenn ich diesen Anforderungen gerecht werde. Wenn das nicht gelingt, dann werde ich vielleicht ein Experiment wie Alfredo Kraus wagen. Er sang die Partie einmal, sagte, dass sie nichts für seine Stimme sei und zog weiter."
    "Was den Cavaradossi betrifft, bin ich mir bewusst, dass ich ihn vielleicht niemals in meinem Leben singen werde. Ich liebe den Charakter. Ich liebe die Musik und E lucevan le stelle ist eine der größten Arien die jemals geschrieben wurde. Das ist eines jener Stücke, das mich wirklich trifft. Ich mag die Idee dieser intensiven Liebe in deinem Leben. Vielleicht werde ich die Arie in Konzerten singen wenn ich älter bin. Aber ich weiß nicht, ob mir diese Rolle jemals passieren wird."



    Gregor

  • Lieber Gregor,


    hab vielmals Dank, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, dieses Interview zu refereieren!
    Sehr interessante Aussichten!
    Beeindruckend finde ich ja, wie klug er seine (derzeitigen) Grenzen einschätzt!
    Man kann nur hoffen, dass er so lange wie möglich auf Puccini verzichtet. Nur den Rinuccio kann er sich gefahrlos zumuten.
    Viele unterschätzen ja, wie strapaziös es ist, gegen das Puccini-Orchester anzusingen und dann noch mit den langen Melodiebögen!
    Auch Wunderlich war klug genug, das nur im Studio zu machen!


    Beste Grüße
    Caruso41

  • Der Threadtitel verspricht eine Tenorsensation!


    Hier ist sie besonders eindrucksvoll zu hören:


    Javier Camarena mit Laras 'Granada' auf der AIDS-Gala 2015 in der Deutschen Oper Berlin!




    Das Orchester der Deutschen Oper Berlin spielt unter Donald Runnicles!
    Na, wenn das nicht gefällt!!


    Viel Spaß!!!


    Caruso41

  • NOCH ist Camarena an der Züricher Oper zu bewundern.


    Als ich unlängst sein Granada hörte, hat es mich umgehauen. Endlich mal wieder ein Tenor, der dieses Bravourstück richtig gut singen kann. :hail:

  • Hat jemand am vergangenen Freitag den Don Pasquale live aus der MET gehört? Javier Camarena hat einen sensationellen Ernesto gesungen. Die Kritiken überschlagen sich vor Begeisterung. Das Ende seiner Arie "Povero Ernesto" krönte er mit einem hohen D! Richtig, kein C. Das war ein D. Ovationen vom MET-Publikum. :jubel:


    Die MET hat viele Pläne mit Camarena. So wird er nächste Saison als Almaviva in Rossini's Il barbiere di Siviglia und als Arturo in Bellini's I Puritani auftreten.
    In der darauffolgenden Saison soll er in Rossini's Semiramide dabei sein.


    Camarena ist inzwischen der absolute Lieblings-Belcanto-Tenor der New Yorker und in mehreren Artikeln wird er gar als König des hohen D's gefeiert!


    So auch in dieser Rezension, in der es unter anderem heißt: "But this run of Don Pasquale is certainly worth seeing for Camarena. You're hearing a tenor in his prime singing a role that he was born to sing with a voice that can only have been a gift from God."


    http://poisonivywalloftext.blo…rena-king-of-high-ds.html



    Gregor

  • [timg]http://www.operanews.com/uploa…renalg812.jpg;l;360;400;*[/timg]Javier Camarena hat am vergangenen Samstag erneut MET-Geschichte geschrieben! Zum zweiten Mal (nach La cenerentola im Jahr 2014) hat er in einer Don Pasquale-Vorstellung nach Ovationen für "Povero Ernesto" (mit hohem D!) die Arie wiederholt. Die Presse ist voll davon, denn Zugaben an der MET sind doch eigentlich unüblich.
    Camarena zeigte sich überwältigt und dankte dem Publikum inzwischen auch auf seiner FB-Seite.


    Die Superlative für Camarena gehen nicht aus. Nachdem ihm bescheinigt wurde Florez vom Belcanto-Thron gestoßen zu haben, hat er nach "König des Belcanto" nun neue Spitznamen wie "Mr. Encore" oder "Der König des Bis" erhalten. :)


    Wer die Radioübertragung der Matinee-Vorstellung am Samstag abend nicht gehört hat, kann den Mitschnitt auch im Netz nachhören.


    Bei ABC-News erschien der folgende Artikel:


    http://abcnews.go.com/Entertai…tropolitan-opera-37606823



    Gregor

  • Zum zweiten Mal (nach La cenerentola im Jahr 2014) hat er in einer Don Pasquale-Vorstellung nach Ovationen für "Povero Ernesto" (mit hohem D!) die Arie wiederholt.


    Lieber Gregor!


    Zwar habe ich keine Partitur zur Hand, aber nach meiner Erinnerung müsste der Ton am Ende der Arie ein Des gewesen sein (kein D).
    Wie auch immer, der Ton war herrlich. Ich habe die ganze Aufführung am Radio gehört und muss sagen: wegen Camarena hat sich das wirklich gelohnt. Eine sehr schöne Leistung.
    Ansonsten würde ich gleichwohl nicht unterschreiben, dass nun Camarena der Belcanto-König sei. Im Schattieren und Modulieren von Ton und Phrase, im Legatosingen, beim Messa di voce, in den Appoggiaturen und Portamenti sind ihm andere durchaus zumindest ebenbürtig. Aber Camerena ist auch wohl von seinen Anlagen her eher ein Tenor, der sich schon bald nicht mehr auf das Belconto-Fach konzentrieren sondern eher im Zwischenfach reüssieren wird.


    Freuen wir uns darauf!


    Caruso41

  • Nachdem ihm bescheinigt wurde Florez vom Belcanto-Thron gestoßen zu haben

    Wer hat ihm das denn bescheinigt? Meines Erachtens ist Juan Diego Flórez seinem Kollegen immer noch ein wenig voraus: Flórez' Stimme und seine Höhe haben bislang nichts von jener Silbrigkeit, Geschmeidigkeit und Höhenbrillanz eingebüßt, die den Sänger berühmt machten - solange er im Belcanto-Fach bleibt. Im Zwischenfach sieht das schon anders aus. Ich tue mich generell schwer mit Aussagen wie: "vom Belcanto-Thron stürzen", "weltbester Tenor", "Ritter vom hohen D" usw.

    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


    "Non datemi consigli che so sbagliare da solo".
    ("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
    Giuseppe di Stefano

  • Zwar habe ich keine Partitur zur Hand, aber nach meiner Erinnerung müsste der Ton am Ende der Arie ein Des gewesen sein (kein D).

    Hallo Caruso,


    da liegst Du richtig. "abc-news" schrieb vom D-flat, also dem Des.


    Gruß
    Manfred

    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


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    ("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
    Giuseppe di Stefano

  • Hab die Übertragung von Don Pasquale am Samstage auch gehört und war restlos begeistert. Man muss aber auch sagen, das nicht nur Javier Camerana hervorragend war, sondern auch die anderen Sänger und der Dirigent Mauricio Bennini. Und was das Zwischenfach betrifft, da würde ich noch vorsichtig sein. Das das nicht so einfach ist sieht man an Juan Diego Florez der mich weder mit seinem Rigoletto Herzog noch mit seinem Edgardo begeistertet hat, da man deutlich gehört hat das die hohen Töne ihm doch viel Mühe bereitet haben. Nachhören kann man die Übertragung zum Beispiel auf Lyric fm Irland oder BBC Radio 3.

  • Darf ich mal eine ganz naive Frage stellen? Wenn in der Partitur ein Des steht, warum ist es dann so sensationell, wenn der Tenor ein solches Des auch singt? Es sei denn, das Des stehe außerhalb des Stimmumfangs von fast allen Tenören. Dann wäre allerdings der Komponist zu tadeln, eine Tonhöhe notiert zu haben, die nur in Ausnahmefällen überhaupt gesungen werden kann.

  • Darf ich mal eine ganz naive Frage stellen? Wenn in der Partitur ein Des steht, warum ist es dann so sensationell, wenn der Tenor ein solches Des auch singt? Es sei denn, das Des stehe außerhalb des Stimmumfangs von fast allen Tenören. Dann wäre allerdings der Komponist zu tadeln, eine Tonhöhe notiert zu haben, die nur in Ausnahmefällen überhaupt gesungen werden kann.

    Lieber Bertarido,


    früher - also auch noch zu Zeiten der Uraufführung des "Don Pasquale" von Donizetti (1843) wurden die komponierten hohen Töne (C, Cis/Des, D) von den Tenören meist im Falsett gesungen, also in einer kunstvollen Mischung der Register unter Dominanz der Kopfstimme. Wenige Jahre zuvor (1837) hatte der französische Tenor Gilbert-Louis Duprez bei seinem Debüt an der Pariser Oper in Rossinis "Wilhelm Tell" erstmals ein hohes C mit der Bruststimme intoniert.


    Dass man die Tenöre klassifizierte (tenore di grazia, lirico, lirico-spinto oder dramatico) geschah wieder viel später. Beispielsweise waren diese "Tenorfächer" in Deutschland bis kurz nach dem ersten Weltkrieg nahezu unbekannt. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es eine Reihe von Tenören, die den Belcanto-Gesang wieder aufgriffen (z. B. Cesare Valletti, Luigi Alva u. a.), denen fehlte aber die Vollhöhe (z. B. das Brust-C). Tenöre, die dann später sicher das C, Cis/Des und D erreichten, hatten sich nicht mehr dem verzierten Gesang verschrieben (z. B. Gedda u. Raimondi). Die große Ausnahme bildete vielleicht Alfredo Kraus. Schließlich erfuhr die Belcanto-Oper dann in den 1980ern ihre Renaissance: Rockwell Blake, Raúl Giménez, Gregory Kunde u. a. waren es, die die verzierte Musik Rossinis, Donizettis und Bellinis singen konnten und die exponierten Spitzentöne mit der Brust sangen. In den letzten Jahren folgten dann beispielsweise Javier Camarena und Juan Diego Flórez.


    Heute ist es vermutlich undenkbar, dass ein Tenor ein hohes Des im Falsett singt ...

    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


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    Giuseppe di Stefano

  • Lieber Manfred, sehr interessant, vielen Dank.


    Heute ist es vermutlich undenkbar, dass ein Tenor ein hohes Des im Falsett singt ...


    In Zeiten der historisch informierten Aufführungspraxis wäre es doch gar nicht abwegig, Belcanto-Opern einmal so aufzuführen, wie sie damals geklungen haben.

  • In Zeiten der historisch informierten Aufführungspraxis wäre es doch gar nicht abwegig, Belcanto-Opern einmal so aufzuführen, wie sie damals geklungen haben.

    Das stimmt. Aber durch die veränderte Gesangstechnik zählt für die Tenöre heute selbst ein Des zu den Tönen, die mit Dominanz des Brustregisters gesungen werden. Alles andere gilt als "unmännlich". Aber immerhin haben wir heute wieder Sängerinnen und Sänger, die diese wunderschöne Musik aufführen können. Vielleicht noch eines: als Luciano Pavarotti in den 1970ern einmal in Bellinis "I Puritani" das notierte hohe F (!!!) in "Credeasi misera" mit der Kopfstimme sang, erntete er nicht die besten Kriitken ("unmännlich", "eunuchal" sei der Ton gewesen), ein Ton, der eigentlich außerhalb der Reichweite eines jeden Tenors liegt. Heute wird er zwar von einigen Tenören wieder gesungen, aber in schlanker Fassung mit der voix mixte, einer geschickten Mischung aus Brust- und Kopfstimme.

    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


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    Giuseppe di Stefano

  • So, und jetzt höre ich mir Javier Camarena an.


    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


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    Giuseppe di Stefano

  • Ich habe dieses Thema vor einiger Zeit schon mal angeschnitten, es ist dann aber wieder im Sande verlaufen:


    Oper im Originalklang
    Liebe Opern- und Stimmenfreunde!


    Angeregt durch die Aufnahme von " A te, o cara" in der Interpretation von Alain Vanzo, die gerade in einem anderen Thread kurz vorgestellt wurde und die ich persönlich sehr schätze, treibt mich wieder mal eine Frage um, die ich mir schon lange stelle. So wie Vanzo diese Arie singt, wurde sie wahrscheinlich auch von Rubini bei der Uraufführung der "Puritani" gesungen, denn hohe Töne wurden zur Zeit von Rossini, Bellini und auch des frühen Donizetti mit der Kopfstimme bzw. der voix mixte gesungen. Nun ist man ja auf der Suche nach dem Originalklang schon viele Wege gegangen. Man spielt auf historischen bzw. nachgebauten Instrumenten, man verzichtet auf Vibrato, es werden Appogiaturen und Verzierungen angebracht, Kastratenrollen werden mit Countertenören besetzt, und an alles das haben wir uns gewöhnt und schätzen es sogar. Nur bei Tenorrollen der frühromantischen italienischen Opern verstößt man permanent dagegen, indem alle hohen Töne mit der Bruststimme herausgeschmettert werden, angeblich, weil das Publikum sich nicht daran gewöhnen könne, wenn diese in der beschriebenen Art gesungen werden. (Nebenbei - was die Regie angeht, fragt ja auch keiner, ob sich das Publikum an das gewöhnen kann, was einem so vorgesetzt wird). Einen Tenor wie Florez würde Rossini trotz dessen Koloraturfähigkeit sicherlich nicht akzeptiert haben, bekanntlich verabscheute er das hohe C mit der Bruststimme. Übrigens würde es natürlich auch allen Sängern dieses Repertoires helfen, wenn man die Orchesterstimmung auf das damals übliche Niveau herunterfahren würde. Das würde so manche Transposition überflüssig machen. Warum versucht man also nicht einmal, eine Oper von Rossini oder Bellini im kompletten "Originalklang" zu singen und zu spielen?


    Es würde mich mal interessieren, wie andere an diesem Opernrepertoire interessierte Forianer zu dieser Frage stehen. (Kleine Nebenfrage: Wie verlinke ich einen Thread?)

    Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

  • Warum versucht man also nicht einmal, eine Oper von Rossini oder Bellini im kompletten "Originalklang" zu singen und zu spielen?


    Es würde mich mal interessieren, wie andere an diesem Opernrepertoire interessierte Forianer zu dieser Frage stehen. (Kleine Nebenfrage: Wie verlinke ich einen Thread?)


    Ich würde das sehr begrüßen. Es bedarf sicher immer einiger Mühen, sich gegen lang etablierte Konventionen und Hörgewohnheiten durchzusetzen, und erste Versuche dieser Art würden wahrscheinlich bei vielen auf Ablehnung stoßen. Aber als Harnoncourt Bach und Mozart zum ersten Mal "historisch informiert" aufgeführt hat, gab es ja auch viel Ablehnung, und heute ist das Standard.