Dialog („Gespräche“) der Karmeliterinnen (Francis Poulenc), Wiederaufnahme in der Hamburgischen Staatsoper, 22.02.2015, eine beeindruckende und berührende Aufführung

  • Eine beeindruckende Aufführung von selten erlebter Geschlossenheit: Es wäre nicht richtig, hier die verschiedenen Sparten des Abends gegeneinander aufzuwiegen. Simone Young gewann den Philharmonikern Hamburg berührende Töne ab, Die Sängerinnen (und wenigen Sänger) boten allesamt ein hohes Niveau, Bühnenbild (Raimund Bauer), Kostüme (Andrea Schmidt-Futterer), Licht (Olaf Fresse) und Inszenierung Nikolaus Lehnhoff) ergänzten die musikalische Seite des Abends kongenial.


    Um was geht es in diesem vor und während der französischen Revolution von 1789 spielenden Drama: Eine angstgeplagte Adelstochter (Blanche: Liana Aleksanyan) erbittet vom Vater (Le Marquis de la Force: Wolfgang Schöne), offenbar gegen den Widerstand des Bruders (Chevalier de la Force: Dovlet Nurgeldiyev), ein Leben im Kloster. Nur dort glaubt sie, innere Ruhe zu finden. Die schwerkranke Priorin (Madame de Croissy: Amanda Roocroft) bereitet Blanche auf das harte Klosterleben vor; sie stellt Blanche unter den Schutz von Mutter Marie (Katja Pieweck). Blanche freundet sich mit der jungen Mitschwester Constance (Mélissa Petit) an. Die Priorin selbst wird sterbend von Ängsten und Zweifeln zerfressen. Nicht Mutter Marie, wie von den Schwestern gewünscht, sondern Madame Lidoine (Ricarda Merbeth) tritt die Nachfolge als Priorin an. Unter der jakobinischen Herrschaft wird das Kloster aufgelöst, die Nonnen ihrer Gewänder beraubt und schließlich unter der Anklage der Verschwörung und Konspiration zum Tode verurteilt. Mutter Marie entscheidet sich zur Flucht und nimmt Blanche mit. Vor der Guillotine schließt sich Blanche wieder ihren Mitschwestern an, das auf sie herabsausende Fallbeil schließt die Oper.


    Das Bühnenbild besteht aus einem einzigen, durch zahlreiche flache Lisenen (säulenartige Leisten) senkrecht begrenzten Raum. Zwischen den Lisenen befinden sich hohe milchglasartig verschlossene Zwischenräume, die Fenster simulieren oder auch als Türen dienen. Die vertikale Struktur wird auf dem Boden des Raums durch zahlreiche in der Höhe versenkbare Balken (die u.a. alsKirchenbänke dienen) aufgenommen. Die einzelnen Szenen der Oper werden durch eine schräg von vorn unten nach hinten oben projizierte graue Lichtwand getrennt. Am Ende gerät der zum Publikum hin offene Saal zur Gefängniszelle, indem auch vorn Lisenen nach oben fahren. Auf die zwischen den Lisenen verbliebenen Zwischenräume bewegen sich schließlich die Nonnen zu, bis kurz vor dem Erreichen des Randes eine schwarze Wand wie ein Fallbeil jeweils zwischen den Lisenen nacheinander auf jede Märtyrerin niedersaust: Ein sehr starkes, kaum zu ertragendes Schlussbild.


    Bei diesem um Angst und Tod kreisenden Thema mag man nicht jubeln. Stattdessen gab es viel Beifall und anerkennende Kommentare des mit dem Thema offenbar zum Teil überraschten Publikums (beim Hinausgehen zu hören). Wenngleich es die Leistungen der anderen Sängerinnen und Sänger nicht schmälern soll, gefielen mir die Ensemblemitglieder Katja Pieweck und Dovlet Nurgeldiyev stimmlich am besten. Wolfgang Schöne wurde nach Ende des Beifalls für sein 40jähriges Bühnenjubiläum (er singt seit der Saison 1974/75 immer wieder in Hamburg) von Simone Young geehrt. Das zeichnet Frau Young als Intendantin aus, sie bindet das Publikum ein, ehrt Sängerinnen und Sänger immer wieder auf der offenen Bühne und stellt(e) jedes Jahr vor Weihnachten neue Ensemblemitglieder vor. Wir werden sie vermissen, als Intendantin und als Dirigentin (Nachfolger wird ab der nächsten Saison Kent Nagano, allerdings nicht als Intendant). Der "Dialog der Karmeliterinnen" wird am 25. und 28. Februar sowie am 3. März wiederholt.

  • Lieber Ralf,


    bevor ich mir am kommenden Samstag selber ein Bild von der Aufführung machen werde, sei zum einen für Deinen Bericht bedankt und zum anderen auf diese DVD aufmerksam gemacht:


  • Das ist in der Tat ein beeindruckendes Stück, das erstaunlicherweise den Regisseuren so gut wie immer gelingt.


    Ich möchte hier eine Frage zur Partitur stellen: in allen Aufführungen, die ich gehört habe, klangen die herabsausenden Schläge des Fallbeils genau gleich (irgendwie nach Holz), daher nehme ich an, dass es eine Partiturvorschrift für dieses "Instrument" gibt. Aber welche?

    Die Basis sprach zum Überbau/ du bist ja heut schon wieder blau. / Da sprach der Überbau zur Basis:/ Waaasis? (Neue Frankfurter Schule).