Ella Flesch - Phantom der Oper


  • Wer sich intensiver mit Richard Wagner und der Geschichte seiner Werke auf Tonträgern beschäftigt, stößt irgendwann auf den Namen Ella Flesch.


    Triff ihn, Siegmund!
    Traue dem Schwert
    “ …


    Zu Ross, dass ich dich rette!“


    Diese zwölf Worte der Brünnhilde aus dem Finale des zweiten Aufzug der „Walküre“, aufgenommen am 26. Juni 1935 im Musikvereinssal zu Wien, haben sie auf eine seltsame Weise berühmt gemacht. Seither geistert die Flesch wie ein Phantom durch die einschlägigen historischen Annalen. In Berlin sollte – die Quellen sind nicht ganz eindeutig – Anfang der 1930er Jahre die erste Gesamtaufnahme der „Walküre“ unter der Leitung von Bruno Walter produziert werden mit Frida Leider (Brünnhilde), Lotte Lehmann (Sieglinde), Lauritz Melchior (Siegmund), Margarete Klose (Fricka) und Friedrich Schorr bzw. Rudolf Bockelmann als Wotan. Daraus wurde nichts, weil die Nationalsozialisten Walter vertrieben, die Lehmann daraufhin ihre Mitwirkung absagte und auch Emanuel List, der als Hunding angesetzt war, Berlin Richtung Wien verließ. List war Jude, genauso wie Walter. Das Vorhaben wurde nach Wien verlegt. Komplett ist aber lediglich der erste Aufzug zustande gekommen, der zu einer der berühmtesten Wagner-Einspielungen werden sollte. Aus dem zweiten Aufzug sind lediglich die Szenen zwischen Siegmund und Sieglinde sowie der Schlussteil eingespielt worden, ebenfalls mit Walter am Pult der Wiener Philharmoniker. Als Brünnhilde wurde für ihren kurzen Einwurf nunmehr Ella Flesch, die an der Staatsoper engagiert war, hinzugezogen sowie Alfred Jerger als Wotan. Eine Fortsetzung ließen die politischen Verhältnisse nicht zu. Vollendet wurde der zweite Aufzug dann in Berlin mit dem Orchester der Staatsoper unter Bruno Seidler-Winkler. Zum Ensemble kam Marta Fuchs als Brünnhilde und die schon erwähnte Klose hinzu, Jerger wurde durch den aufstrebenden Hans Hotter ersetzt. Das ist in aller Kürze die Geschichte dieser Produktion.


    Nach dem großen Erfolg des ersten Aufzuges hatte die EMI auch den gestückelten zweiten zunächst gesondert auf einer CD herausgebracht. Da schon bei der Produktion Kürzungen durch Seidler-Winkler in den Wotan-Monologen vorgenommen wurden, war jetzt nur noch ein kleiner Schnitt in der Überleitungsmusik von der dritten zur vierten Szene nötig, um die Aufnahme auf einer CD unterzubringen. Naxos hat später den ersten und den zweiten Aufzug in einem Album zusammengefügt. Hier die jeweiligen Ausgaben:



    Ella Flesch stammt aus Budapest, wo sie am 16. Juni 1900 geboren wurde und ihre Ausbildung begann, die sie in Wien fortsetzte. Dort debütierte sie 1922 als Aida an der Staatsoper. Sie kehrte auch später, als sie in Leipzig, Brünn, Graz und Basel engagiert war, immer wieder nach Wien zurück, wo sie große und auch kleinere Partien übernahm. In Wien sang sie Madeleine, Troubadour-Leonore, Rosalinde, Valentine, Minnie, Senta, Donna Anna und Octavian, aber auch die Aufseherin in "Elektra", die 3. Norn in der "Götterdämmerung" und ein Blumenmädchen im "Parsifal". In der umfangreichen Edition „Wiener Staatsoper live“ des Labels Koch/Schwann tauchte sie mit einer ganz kurzen Szene als Octavian im Finale des “Rosenkavalier“ unter Hans Knappertsbusch vom September 1936 und als Gerhilde in einem Ausschnitt einer von Bruno Walter am 13. Oktober 1936 dirigierten „Walküre“ auf. Bereits vor Ende des Zweiten Weltkrieges wanderte sie in die USA aus und trat auch an der Metropolitan Opera in New York u.a. als Sieglinde und Santuzza auf. Nach Beendigung ihrer Karriere wirkte sie als Gesangspädagogin. Ella Flesch starb am 6. Juni 1957 in New York.


    Es grüßt Rheingold1876


    "Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden." Walter Legge (1906-1979), britischer Musikproduzent