Boris Tischtschenko (1939-2010)

  • Boris Tischtschenko wurde 1939 in Leningrad geboren und starb dort auch. Er entstammte einer ukrainischen Familie. Er studierte von 1954 bis 1957 Komposition bei Galina Ustwolskaja und Klavier an der Musikfachschule Leningrad. Von 1962 bis 1965 war er Assistent von Dmitri Schostakowitsch. Ab 1965 lehrte Tischtschenko selbst am Leningrader Konservatorium, zunächst theoretische Fächer, ab 1974 Komposition. Er hat neben seiner Lehrtätigkeit musikwissenschaftliche Schriften über Claudio Monteverdi, Franz Schubert und Dmitri Schostakowitsch verfasst. Nebenbei trat er auch als Pianist auf. 1978 wurde ihm der Glinka-Preis verliehen.


    Tischtschenko hat in den 1960er Jahren als einer der ersten sowjetischen Komponisten mit modernen Kompositionstechniken wie der Zwölftontechnik experimentiert, sein Personalstil ist aber vom Spätwerk Schostakowitschs beeinflusst. Dies zeigt sich vor allem in der Melodik, Rhythmik und Instrumentation. Seine Musik blieb der Tradition verpflichtet und ist weitestgehend tonal gehalten. Moderne Stilmittel wie extreme Dissonanzenanreicherung bis hin zur Clusterbildung, aber auch Einflüsse vom sowjetischem Jazz oder russischer Folklore sind in seinen Werken zu finden. Einen besonderen Akzent legte Tischtschenko auch auf komplexe Rhythmik, die an den Kulminationspunkten oft wild und sehr dominant ist.


    Tischtschenko hat in allen gängigen Genres komponiert, am bekanntesten dürften seine 8 nummerierten und 5 Dante-Symphonien, sowie Klavier-, Violin- und Cellokonzerte sein. In der Kammermusik hinterliess er 6 Streichquartette, die ich hier in naher Zukunft vorstellen werde wie auch einige seiner Orchesterwerke. Viele Einspielungen seiner Werke bietet der Werbepartner derzeit relativ günstig an.



  • Das erste Streichquartett schrieb Boris Tischtschenko 1957 - also als 18-jähriger - während seines Studiums am Leningrader Konservatorium, er hat es 1975 noch einmal überarbeitet. Das Werk besteht aus drei Sätzen und dauert nur ca. 12 min. Zwei langsame Sätze, ein Andante mesto und ein Lento umrahmen ein kurzes Allegro giocoso. Nicht ganz überraschend bewegt sich dieses Quartett - wie übrigens auch das 6. von 2008, in das ich schon hineingehört habe, und damit vermutlich auch die dazwischen komponierten - in der Klangwelt, in der sich auch die Quartette von Schostakowitsch und Weinberg bewegen. Das soll nicht heissen, dass es Stilkopien sind, aber die Klangwelt ist schon eine ähnliche. Die Musik ist vielleicht etwas weniger komplex und deshalb sogar leichter zu hören. In den langsamen Sätzen findet BT jedenfalls teils betörende Klänge.

  • Das zwei Jahre später entstandene 2. Streichquartett ist mit 40 min ein veritables Werk für dieses Genre. Und ein kleines Meisterwerk. Wieder wird die Klangwelt eines DSCH und Weinberg, aber auch eines frühen Bartok aufgespannt. Tischtschenko war offensichtlich ein begnadeter Melodiker und schöpft hier aus dem Vollen. Während das 1. und 3. Streichquartett vom legendären Taneyev Quartett eingespielt wurden, stammen die Aufnahmen dess 2. 5. und 6. offensichtlich von einem adhoc Ensemble. Sicher ist in beiden Fällen - was Spielkultur angeht - noch etwas Luft nach oben, aber die Stereo-Aufnahmen sind derzeit konkurrenzlos und mehr als willkommen.