Wiener Staatsoper - Don Giovanni, 16.6.2015

  • Nach längerer - gesundheitsbedingter - Absenz ist es mir wieder möglich Besprechungen von Aufführungen in Wien zu schreiben...


    Don Giovanni
    Wiener Staatsoper,
    16.6.2015


    Die Qualität der Mozartaufführungen an der Wiener Staatsoper erreicht – und das ist ja ein offenes Geheimnis – bei weitem nicht die Qualität von Wagner- oder Straussopern und teilweise waren die Mozartabende der letzten Jahre diesem ehrwürdigen Haus nicht würdig.


    Die zu besprechende Aufführung zählte aber eindeutig zu den besseren, was einem sehr engagiertem Sängerensemble zuzuschreiben ist. Die Inszenierung von Jean-Louis Martinoty wurde fast unisono verdammt, allerdings handelt es sich da um eine gefällige, schön anzusehende Produktion, die die Aspekte des „Dramma Giocoso“ herausfiltert. Besonders das Zusammenspiel zwischen Don Giovanni und seinem Alter Ego Leporello war sehr gut gelungen. Auch die „Höllenfahrt“ wusste zu beeindrucken, ebenso die Szene auf dem Friedhof.


    Cornelius Meister, ein Vertreter der jüngeren Dirigentengarde, sorgte besonders im ersten Akt für einen Klang, den man vom Wiener Staatsopernorchester nicht in diesem Ausmaß gewohnt ist. Ich hatte teilweise das Gefühl, dass ein HIP-Orchester im Graben sitzt, derartig „trocken“ wurde gespielt. Interessant ist, dass bei der Ouvertüre und im Finaledie Streicher ganz anders – sagen wir mal „wie gewohnt“ – klangen.


    Einen großen persönlichen Erfolg konnte Benjamin Bruns als Ottavio für sich buchen. „Dalla sua pace“ geriet zum absoluten Höhepunkt des Abends, der Applaus danach war länger als die Zustimmung für alle anderen Sänger zusammen. Die Entwicklung, die Bruns, seitdem er in Wien arbeitet, genommen hat, ist bemerkenswert. Seine ehemals rein lyrische Stimme hat einerseits an Volumen gewonnen, andererseits ist sie auch metallischer geworden. Meines Erachtens nach steht er langsam vor einem Fachwechsel. Es bleibt zu hoffen, dass er nichtsdestotrotz noch lange in Rollen wie Tamino oder Don Ottavio auftreten wird. Den Steuermann hat er ja schon gesungen, ich kann ihn mir auch gut als Lenski vorstellen…


    Paolo Bordogna war ursprünglich nicht als Leporello vorgesehen, eine Erkrankung eines Kollegen brachte den Bassbariton nach Wien. Man ist hier Leporellos gewohnt, die eine tiefere Stimme haben, allerdings machte er dieses Manko mit einem außerordentlich ambitionierten Spiel wett. Hier stand im wahrsten Sinne des Wortes ein Singschauspieler auf der Bühne, der teilweise schon etwas maniriert wirkte. Anhand von Bordogna wird einem aber erst bewusst, wie sehr sich die Anforderungen an Mitwirkende im letzten halben Jahrhundert geändert haben. Es wird heutzutage von SängerInnen einfach mehr erwartet als in der für viele Opernbesucher noch immer „guten alten Zeit“. Man versteht die Oper als Gesamtkunstwerk – und dieser Aspekt wird auch (endlich) von den Darstellern verlangt.


    Adam Plachetka hat sich in Wien den Status eines Publikumslieblings ersungen, und das zu Recht. Er ist ein ganz und gar prächtiger Don Giovanni – groß, ein austrainierter Körper und agil. Interessant ist, dass er bei den Rezitativen eher die Damen mit seiner Stimme umschmeichelt als wenn er singt – da fehlt mir doch noch ein wenig „dolce“. Nach einem ein wenig verhaltenem Beginn steigerte er sich immer mehr und legte wieder einmal eine Talentprobe ab – seine Entwicklung ist ja noch nicht zu Ende!


    Ebenfalls aus dem Ensemble wurde der Commendatore besetzt. Ryan Speedo Green war, sagen wir es einmal so, rollendeckend. In der Anfangsszene blass, fehlt ihm dann zum Schluss noch das Dämonische, das – wenn dementsprechend gesungen – einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. An diesem Abend war nur Leporello wirklich beeindruckt..


    Das Bauernpärchen zählte nicht zu meinen Favoriten. Besonders Tae-Joong Yang enttäuschte wieder. Er wird ja doch recht oft eingesetzt und konnte mich noch nie richtig überzeugen. Aber vielleicht liegt es an mir, dass ich mit diesem Sänger so überhaupt nichts anfangen kann. Als Masetto wünschte ich mir einen Bassbariton mit tiefer gelegener Stimme. Aida Garifullina bestach an diesem Abend mehr durch ihr durchaus ansprechendes Äußeres als durch ihren Gesang. Vielleicht ist sie einfach nicht der Typ für ein doch naives Bauernmädchen – mir ging auch da das etwas Schwärmerische ab, sie klang sehr trocken, ohne viel Emotion.


    Hibla Gerzmava ist als Donna Anna international gut im Geschäft und sie bewies, dass sie eine durchaus korrekte Interpretin der Rolle ist. Sie ist eine mehr dramatische Sängerin und hatte bei den Koloraturen von „Non mi dir“ einige unsaubere Stellen dabei, überzeugte aber in anderen Passagen. Es war keine Jahrhundertleistung, aber eine durchaus einem Repertoireabend angemessene Interpretation.


    Die von vielen Wienern ins Herz geschlossene Olga Beszmertna erwischte einen Kaltstart als Donna Elvira, steigerte sich aber von Minute zu Minute und wusste besonders im zweiten Akt dann sowohl sängerisch als auch schauspielerisch zu gefallen. Sie ist eine der besseren Interpretinnen der Elvira, die in den letzten Jahren an der Staatsoper aufgetreten sind.


    Alles in allem war es ein Abend, der durchaus ansprechend war. Bleibt zu hoffen, dass sich das Niveau von Mozart-Aufführungen in diesem Haus auf zumindest diesem Niveau stabilisieren kann – Luft nach oben gibt es genug!

  • Ich schließe mich an, lieber Dreamhunter! Dein Bericht ist lesenswert und zeugt von musikalischem Sachverstand. Werde den Sängern noch ein besonderes Augenmerk widmen. Herzlichen Dank!