Kirill Petrenko - designierter Chefdirigent der Berliner Philharmoniker

  • Nur weil einer eine Wagner-Oper grundsolide über die Bühne bringt, ist er noch lange kein herausragender Wagner-Dirigent.


    Von einer ist ja gar nicht die Rede, deer Bayreuther "Ring" hatte wie alle anderen auch vier Opern und "Tristan" gab's auch schon.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Zitat

    ch denke, das liegt u. a. auch daran, weil es nach wie vor so wenig Fassbares auf Tonkonserve gibt, worüber man beim Dirigenten Kirill Petrenko konkret diskutieren könnte. Keine einzige mir bekannte Aufnahme einer Symphonie von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Mendelssohn, Brahms oder Bruckner.


    aber ich finde, das ist doch schon Diskussionsgrundlage genug. Kein Label hat ihn je für interessant genug befunden, prägendes Mainstream-Repertoire mit ihm einzuspielen. Das sagt zwar über seine absoluten Qualitäten wenig aus, wohl aber über seine "Vermarktbarkeit". Weder Abbado noch Rattle - und sie waren schon VOR der Übernahme der Berliner Philharmoniker berühmt - haben es geschafft, den Nimbus eines Wilhelm Furtwängler oder Herbert von Karajan auch nur annähernd zu erreichen (allenfalls Celibidache hätte dies IMO - seiner charismatischen Persönlichkeit wegen - geschafft) und in der Gegenwart wäre nur (der schwierige ????) Christian Thielemann in Frage gekommen, wobei ich der Meinung bin, daß es für ihn persönlich besser ist, daß er nicht gewählt wurde. Darüber braucht er sich nicht zu grämen, Celibidache erging es ähnlich, Mozart wurde oft abgewiesen und Johann Sebastian Bach war zu Lebzeiten in Leipzig "dritte Wahl"...


    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Mir ist schon bekannt, dass Petrenko mehr von Wagner dirigiert hat. Seinen "Ring" kenne ich ja auch. Der ist ja auch nicht schlecht, aber wie gesagt: Ich sehe keinen Grund, wieso er so hervorstechen und sich von anderen Dirigenten abheben würde.


    Als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker wird ziemlich sicher irgendein Zyklus eines bedeutenden Komponisten unter Petrenko erscheinen. Ich habe nur keine Ahnung, was man da anvisieren wird. Beethoven wohl kaum, da kam doch jetzt erst etwas von Rattle heraus. Mozart ist wohl deutlich zu umfangreich für einen Start. Ich würde ja fast auf Brahms tippen, aber die Zeit wird es ohnehin zeigen. Am deutschen Repertoire wird Petrenko als Chefdirigent des wichtigsten deutschen Orchesters nicht vorbeikommen, auch wenn er dort bislang nichts Verwertbares vorgelegt hat.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Das sagt zwar über seine absoluten Qualitäten wenig aus, wohl aber über seine "Vermarktbarkeit".

    Ursächlich mag hier vor allem sein, dass er diesen Posten zu einem Zeitpunkt übernimmt, an dem die angeführten Vermarktungsstrategien einem deutlichen Wandel unterliegen. Die Berliner kochen zunehmend ihr eigenes Süppchen, mit einer Premium-Strategie des Eigenlabels. Ob das BPO künftig noch in nennenswertem Umfang auf anderen Labeln veröffentlicht, wage ich zu bezweifeln.



    Zitat

    Kein Label hat ihn je für interessant genug befunden, prägendes Mainstream-Repertoire mit ihm einzuspielen.

    Allerdings fallen mir nur wenige Beispiele ein, wo Mainstream-Repertoire mit aufstrebenden Künstlern eingespielt wird. ?( Zumindest bzw. vor allem bei den Majors.


    Um beim Beispiel Brahms zu bleiben: die letzten halbwegs aktuellen Zyklen mit "großen Orchestern" sind meiner Erinnerung nach diejenigen mit Rattle (EMI/Warner) bzw. Chailly (aus Leipzig; Decca). Da passiert einfach auch sehr wenig und daher ist es IMHO ein Stück unfair, Petrenko daraus einen "Vorwurf" basteln zu wollen.


    Viele Grüße
    Frank

  • Um beim Beispiel Brahms zu bleiben: die letzten halbwegs aktuellen Zyklen mit "großen Orchestern" sind meiner Erinnerung nach diejenigen mit Rattle (EMI/Warner) bzw. Chailly (aus Leipzig; Decca).


    Zuletzt, glaube ich, Thielemann/Staatskapelle bei DGG: Da finde ich zumindest die Symphonien und das Violinkonzert recht ansprechend. Die Klavierkonzerte mit Pollini wurden m.W. eher kritisch besprochen.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Allerdings würde ich Thielemann, mit seinen nunmehr 57 Jahren, keinesfalls mehr als "aufstrebenden Künstler" ansehen.
    Er ist immerhin rund 15 Jahre älter als Petrenko (der auch kein Jungspund mehr ist...)


    Kurz zu den Daten:


    Brahms/Rattle/Berlin: 2008
    Brahms/Chailly/Leipzig: 2011
    Brahms/Thielemann/Dresden: 2012/2013


    Viele Grüße
    Frank

  • Das ist ein schwieriges Thema...


    Ich bin eher im Zweifel, ob man den Auswurf an Aufnahmen mit der künstlerischen Qualität gleichsetzen sollte. Die Zeiten haben sich leider geändert. Deshalb sollte man Petrenkos Quantität der Aufnahmen nicht mit der z.B. von Karajan vergleichen. Ich möchte auch daran erinnern, dass es von Thielemann nicht so viele Aufnahmen gibt.


    Es kommt noch hinzu, dass Petrenko nicht viel gastiert. Somit kann man ihn zur Zeit fast nur in München erleben. Die Konzerte in Berlin und Wien waren da eher Ausnahmen. Ich bin gespannt, wie seine Tournee im Herbst mit dem Bayerischen Staatsorchester in der Presse bewertet wird. Ich hoffe aber auch, dass von diesen Konzerten einige Taminos berichten werden. Ich werde das Konzert im September in Berlin hören.

  • Die Zeiten haben sich leider geändert.


    Worauf bezieht sich dieser Einwurf?
    Ist es wirklich ein Mangel, dass aktuelle und lebende Künstler heute nicht mehr in diesem Übermaß dokumentiert werden?
    Mir scheint, weniger ist manchmal vielleicht mehr.
    Wenn man sich die "Großen, Alten" (weitgehend Ausgestorbenen... :untertauch: ) anschaut, dann ist von Ihnen in vielen Fällen beinahe das komplette Standardrepertoire, natürlich mit unterschiedlich Schwerpunkten, zu bekommen. HvK, Solti, Giulini, Davis, Haitink, Dorati, Böhm, Szell ... (nur ein paar) alle bieten sie bspw. Beethoven- und Brahms-Zyklen, teilweise mehrfach eingespielt.


    Die Plattenindustrie (nein, letztlich der goutierende Kunde!) hat den Tonträger in den letzten Jahren deutlich entwertet, sowohl was die Kaufpreise anbelangt, als auch was das "haben müssen von Dingen" angeht. Der Überfluss des Marktes tut ein Weiteres, den schließlich schiebt der Markt eine immer länger werdende Aufnahmehistorie von (zunehmend) sehr gut klingenden Einspielungen vor sich her.


    Viele Grüße
    Frank

  • Zitat

    Ich sehe keinen Grund, wieso er so hervorstechen und sich von anderen Dirigenten abheben würde.

    Das sehe ich auch so. Hätte ich einen meiner Favoriten genannt, so wäre vermutlich bemäkelt worden, daß er bis dato kein "Weltklasseorchester" dirigiert hat und zudem nicht international bekannt genug ist.
    Und nun DIESE Auswahl. Aus meiner Sicht war dies ein Gro0er Schritt der Berliner Philharmoniker in die Bedeutungslosigkeit. Aber sie liegen damit voll im Trend, folgen dem Beispiel zahlreicher Orchester, die einst einen prägenden Dirigenten als Aushängeschild hatten aber nun in den Alltag zurückgekehrt sind.. Ein interessantes Thema, dem ich einen Thread spendieren werde.



    Zitat

    Allerdings fallen mir nur wenige Beispiele ein, wo Mainstream-Repertoire mit aufstrebenden Künstlern eingespielt wird. ?( Zumindest bzw. vor allem bei den Majors.

    "aufstrebende" Künstler haben an der Spitze des zweitbesten :untertauch::stumm::hahahaha: Orchesters der Welt eigentlich nichts zu suchen., wobei es natürlich jedem Orchester überlassen ist, wie es seinen Niedergang gestalten will.


    Wer das für übertrieben hält, den erinnere ich an die Geschichte einer Opernaufführung (ich glaube es war in Salzburg), die eigentlich Herbert von Karajan hätte dirigieren sollen. Der Maestro war indes verkühl oder eher verstimmt und sagte sein Erscheinen kurtzfristig ab.
    Helmut Zilk bemühte sich um "Gleichwertigen" Ersatz. Den galubte er in Form des damaligen Operndirektors (Lorin Maazel) gefunden zu haben - und stolz präsentierte er das Ergebnis seines Krisenmanagements. ER war wie vom Blitz getroffen, als er erleben musste, daß dennoch viele Karten zurückgegeben wurden - denn Karajan war durch niemanden zu ersetzen......


    mfg aus Wien
    Alfred

    Interpreten SIND Sklaven !

  • Hallo Alfred,


    es sind eben nicht mehr viele etablierte Hochkaräter "am Markt", deren Einstellung als Chefdirigent nicht mit der Problematik einer ggf. kurzfristig wiederholten Neubesetzung "qua Ableben" verbunden gewesen wäre. Die Nachbesetzung eines Chefdirigenten ist ja keine Papst-Wahl... :untertauch:
    Thielemann (57), Chailly (63) und Gergiev (63) sind die einzigen IMHO noch nicht zu (!) alten Star-Dirigenten, die mir als Rattle-Nachfolger einfallen wollen...


    Dem Orchestern ging es scheinbar um eine wirklich langfristige Perspektive und vielleicht darum, wirklich Neues zu wagen, mit einer vergleichsweise unverbrauchten, dennoch überzeugenden Künstlerpersönlichkeit. Zu diesem Mut mag ich sie nur beglückwünschen und gleichzeitig wünsche ich ihnen und Petrenko, dass sie mit diesem Ansatz überzeugen und erfolgreich sind.


    Auch mit ihren Vermarktungsansätzen (eigenes Label, Digital Concert Hall) sind die Berliner meiner Ansicht nach auf dem vollkommen richtigen Weg.
    Das "weltbeste Orchester" wirkt damit verglichen auf mich zunehmend wie ein "Museumsbesuch". Eine Institution, die vorwiegend von ihrem Ruf und ihrer Geschichte lebt.


    Perspektivische Sorgen mache ich mir ehrlich gesagt mehr um die Wiener, als um die aus meiner Sicht nach vorne denkenden Berliner.



    Zitat

    Helmut Zilk bemühre sich um "Gleichwertigen" Ersatz. Den galubt er in Form des damaligen Operndirktors (Lorin Maazel) gefunden zu haben.- und stolz präsentierte er das Ergebnis seines Krisenmangements. ER war wie vom Blitz getroffen, als er erlben musste, daß dennoch viele Karten zurückgegeben wurden - denn Karajan war durch niemanden zu ersetzen......

    Bei dem ganzen Personenkult, der betrieben wird, nicht allein auf Karajan bezogen, zieht dieses Argument in keinster Weise. Es wird immer Hörer geben, die ihre Karten bei einem solchen Besetzungswechsel - auch auf hohem Niveau - zurückgeben.


    Viele Grüße
    Frank

  • Bei Deutschlandradio Kultur gab es an Silvester die Aufzeichnung eines früheren Silvesterkonzertes von Kirill Petrenko, das schlicht umwerfend war:



    Da ich nicht zu Hause war, hatte ich das Konzert aufgezeichnet.
    Gestern Abend habe ich es nun gehört. Einfach eine tolle Alternative zu der Walzer-Polka-Marsch-Seligkeit der Wiener Neujahrskonzerte!
    Vielleicht kann man das noch beim Sender in der Mediathek hören?
    Es lohnt ! ! !



    Gutes Neues Jahr


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!


  • Da war ich damals drin, wenn auch einen Tag später! :)


    Die Aufzeichnung bitte nicht entsorgen, wäre (nicht nur als Manzel- und Kowalski, sondern auch als Petrenko-Fan) sehr an einer Kopie interessiert! :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Oh weh, lieber Stimmenliebhaber, das habe ich nach dem Hören gleich gelöscht.
    Ich habe auf dem Festplattenrecorder nur wenig Speicherkapazität und deshalb lösche ich die Aufnahmen gleich, von denen ich mir keine CD machen will.


    Tut mir leid.
    Aber hast Du mal geschaut, ob der Sender das in seiner Mediathek hat?


    Liebe Grüße und die besten Wünsche für das Neue Jahr!


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Hm, Mist!


    Irgendwie habe ich jetzt selbst den Eindruck, dass ich da Mist gemacht habe. Wäre ja doch ein bemerkenswertes Dokument gewesen! Und vor allem ein herrliches musikalisches Vergnügen!


    Untröstlich
    Caruso41


    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Ich bin gespannt, wie seine Tournee im Herbst mit dem Bayerischen Staatsorchester in der Presse bewertet wird. Ich hoffe aber auch, dass von diesen Konzerten einige Taminos berichten werden. Ich werde das Konzert im September in Berlin hören.


    Nun ja, ich hätte gerne deinen Bericht hier gelesen. Ich konnte leider im September das Konzert in Berlin nicht wahrnehmen. Der "Tagesspiegel" hat eine interessante Rezension veröffentlicht:
    http://www.tagesspiegel.de/kul…nd-zugkraft/14553276.html
    Ich war überrascht von seiner Wahl als Philharmoniker-Chefdirigent. Und etwas schadenfroh, als Nelsons wenig später in Leipzig unterschrieb. Im März stellt sich Petrenko bei den Berliner Philharmonikern vor. Das hochpreisige Konzert an zwei Tagen mit Mozart und Tschaikowsky war sehr schnell ausverkauft. Man ist eben neugierig. Ich auch.
    :hello:

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • An Rande der Proben des kürzlich stattgefundenen Konzertes der Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko ist ein Interview aufgezeichnet worden, das ich ganz interessant fand. Insbesondere sein Bekenntnis zu einem emotionalen Zugang zur Musik entspricht sehr stark meinem eigenen Verständnis. Das Interview ist in der Digital Concert Hall frei verfügbar: http://www.digitalconcerthall.com/de/interview/23490-4

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • An Rande der Proben des kürzlich stattgefundenen Konzertes der Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko ist ein Interview aufgezeichnet worden, das ich ganz interessant fand. Insbesondere sein Bekenntnis zu einem emotionalen Zugang zur Musik entspricht sehr stark meinem eigenen Verständnis. Das Interview ist in der Digital Concert Hall frei verfügbar: http://www.digitalconcerthall.com/de/interview/23490-4

    Ich habe das Interview auch gesehen. Erstmal ist es schön, dass Petrenko in einwandfreiem Deutsch redet. Herr Simon Rattle hat es ja nicht nötig, deutsch zu sprechen, er ist ja auch erst rund 15 Jahre Chef in Berlin. Interessant ist, dass Petrenko es ablehnt, Interviews zu geben. Ob er das in der Medienstadt Berlin durchhalten kann? Jedenfalls gut, dass es dieses Interview erstmal gibt.
    :hello:

    Wenn schon nicht HIP, dann wenigstens TOP

  • Ich habe das Interview auch gesehen. Erstmal ist es schön, dass Petrenko in einwandfreiem Deutsch redet. Herr Simon Rattle hat es ja nicht nötig, deutsch zu sprechen, er ist ja auch erst rund 15 Jahre Chef in Berlin. Interessant ist, dass Petrenko es ablehnt, Interviews zu geben. Ob er das in der Medienstadt Berlin durchhalten kann? Jedenfalls gut, dass es dieses Interview erstmal gibt.


    Ich fand bemerkenswert, wie sehr sich Petrenko in diesem Interview geöffnet hat. Wie lange er diesem ersten Konzert nach seiner Bestellung entgegen gefiebert hat, dass er sich verschiedene Pläne zurechtgelegt hat je nach Reaktion des Orchesters, dass er unter dem Druck stand, seine Wahl nun auch zu rechtfertigen, wie wichtig ihm die Zuneigung des Orchesters ist: das sind ja durchaus Blößen und Einblicke in sein Seelenleben, die es bei einem Medienprofi wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Wahrscheinlich liegt es Petrenko nicht, irgendwelche oberflächlichen Allgemeinplätze von sich zu geben, was ja auch zu seinem Bekenntnis passt, dass er Musik nicht aus einer Distanz heraus machen kann, sondern immer emotional involviert ist (bei der "Pathetique" hat man es ihm auch angesehen). Dann verstehe ich auch, dass er nicht gerne Interviews gibt, denn zu oft und zu vielen gegenüber möchte man sicher nicht so viel von sich preisgeben. Aber ganz wird er wahrscheinlich nicht um einen stärkeren Kontakt zu den Medien herumkommen, wenn er erst einmal in Berlin ist.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Da ich das Sonder-Konzert am Donnerstag der letzten Woche in Berlin gehört habe, will ich doch zumindest kurz meinen Eindruck wiedergeben.
    Noch vor dem Auftritt von Petrenko gab es in der überfüllten Philharmonie Gelegenheit für einige bemerkenswerte Beobachtungen. Irgendwie war das Publikum merkwürdig unsicher und erwartungsvoll zugleich. Man wollte das Besondere und wusste wohl nicht recht, was das denn sein könnte. Die Philharmoniker auf dem Podium waren ungewöhnlich konzentriert. Man konnte ihre Anspannung geradezu mit Händen greifen.
    Der Begrüßungsapplaus für Petrenko war demonstrativ und kräftig aber nicht eigentlich euphorisch oder ein herzliches Willkommen.


    Als erstes Werk spielte Petrenko Mozarts Haffner-Sinfonie. Wer seine wunderbar entspannten Mozartaufführungen an der Komischen Oper noch erlebt hatte und eine natürlich fließende Aufführung erwartete, wurde durch eine Interpretation überrascht, die angespannt und grüblerisch, zunächst fast verkrampft wirkte.
    Da wurden die Töne und die Gesten skrupulös modelliert. Es gibt zum Glück keine Effekt- und Sensationshascherei in jedem Takt wie etwa bei Currentzis aber auch kein gelöstes Fließen. Immer wieder sind fein ziselierte Details zu hören, werden die Verhakungen der Stimmen herausgearbeitet, Strukturen durchleuchtet und Geheimnisse gesucht und entschlüsselt. Der Klang ist erstaunlich dunkel, dicht und voll! Nach den anfänglichen Verkrampfungen auch wundervoll ausbalanciert. Fast zwanghaft jedoch meidet Petrenko alles, was vordergründig als Schönheit, Grazie, Liebreiz gelten mag. Er sucht verschlüsselte Botschaften, Wunder - vielleicht auch Wahrheiten in der Partitur. Und: der findet auch welche. Das sind dann große Augenblicke für die im Publikum, die mit der Sinfonie vertrauter sind. Ob die anderen auf ihre Kosten kommen, vermag ich nicht zu sagen. Immerhin waren zumindest der dritte und vor allem der vierte Satz sehr intensiv und leidenschaftlich. Das sicherte begeisterten Applaus. Ein sich Hingeben oder Verschenken gab es allerdings nicht, Dionysisches ist Petrenkos Sache nicht.


    Darum war denn auch John Adams "The Wound-Dresses" auch so eindrücklich und bewegend.


    Nach Mozart und John Adams gab es Tschaikowskis sechste Sinfonie. Auch hier eine bemerkenswerte Konzentration auf die Partitur! Espressivo-Rausch gab es so wenig wie Sentimentalität und Larmoyanz. Dafür eine erstaunliche Klarheit und Stärke des Ausdrucks, der im ersten Satz etwa eine geradezu niederschmetternde apokalyptische Energie entfaltete.
    Aber dem Seitenthema verweigert Petrenko auch jedes Aufblühen, gar seliges Schwelgen! Die Schönheit ist glasklar und etwas spröde, irgendwie zerbrechlich. Auch dem zweiten Satz gönnt er nicht den üblicherweise erwarteten Glanz, die Anmut und heitere Unbeschwertheit. Es herrschen elegische Farben, die etwas von Flüchtigkeit und Vergänglichkeit haben. Was dann aber kommt, ist schlicht umwerfend: Das Ineinander von Scherzo und Marsch (dritter Satz) führt er nicht als brillante Orchesterdressur vor sondern als einen Totentanz und Höllensturz von einer Unentrinnbarkeit und Urgewalt, die einem den Atem verschlägt! Dem folgt - nach einer langen, langen Pause der Totenstille - das Lamentoso über die Vergänglichkeit alles Irdischen: so ernsthaft und dicht wie ich es noch kaum gehört habe. Ein grandioser, nicht enden wollender immer fahler schimmernder Abgesang ins Nichts.....


    Danach gab es begeisterte Ovationen, die auch etwas darüber ausdrückten, dass man im Laufe des Konzertes gezweifelt hatte und erst überzeugt werden musste, dass die Philharmoniker absolut die richtige Wahl betroffen haben!


    Ganz anders das Konzert am Samstag drauf im Konzerthaus.
    Auch das RSOBerlin stellte sich unter seiner designierten Chefdirigenten vor: Vladimir Jurowski! Da musste nichts bewiesen und erarbeitet werden. Mozarts Maurerische Trauermusik, Arvo Pärts Vierte Sinfonie und Mozarts Requiem! Drei großartig stimmige Aufführungen! Darüber auch noch zu berichten, versage ich mir. Aber eines möchte ich doch feststellen: Es könnte gut sein, dass Jurowski schon längst das Berliner Publikum ganz für sich gewonnen hat, wenn Petrenko in zwei Spielzeiten erst anfängt!


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Ich finde, daß Kirill Petrenko ein außergewöhnlicher, wenn nicht sogar einmaliger, Tchaikovsky-Dirigent ist.
    Zwar habe ich das Konzert mit den Berliner Philharmonikern leider nicht hören können, aber als er letzten Herbst eine kleine Tournee mit "seinem" Bayerischen Staatsorchester unternommen hatte und dabei auch in der Frankfurter Alten Oper Station machte (ich glaube, es war das letzte Tourneekonzert), legte er hier eine Fünfte Tchaikovsky hin, die ich so absolut nicht erwartet hatte. Ein derart risikofreudiges Stuhlkantenmusizieren, das eine fast unerträgliche Getriebenheit in der Musik offenlegte, wie ich sie so bislang nur von Ferenc Fricsay (1949, Berliner Philharmoniker) und von Dmitri Mitropoulos (1954, New York Philharmonic) kannte.
    Also, das war schlichtweg einmalig, was er hier hinlegte. Und wenn ich sage, daß ich ab da keine Lust mehr hatte, mir dieses Werk noch live mit anderen Dirigenten anzuhören, dann stimmt das vollkommen, denn dieses Konzert war die absolute Erfüllung meiner Tchaikovsky 5-Wunschträume. Hoffentlich erscheint da irgendwie mal ein Mitschnitt von (vermutlich dann aus München).

  • Lieber Caruso, vielen Dank für Deine Konzert-Eindrücke, die die von timmiju im anderen Thread auf schönste ergänzen. Ich habe das Konzert leider nur in der Digital Concert Hall sehen können, hatte aber ganz ähnlich Eindrücke. Abgesehen allerdings von dem Adams-Stück, das ich musikalisch eher seicht fand. Und auf den Seitenhieb gegen den von mir gerade als Mozart-Interpret hochgeschätzten Currentzis gehe ich hier lieber nicht ein, denn um den geht es hier ja nicht.


    Aber eines möchte ich doch feststellen: Es könnte gut sein, dass Jurowski schon längst das Berliner Publikum ganz für sich gewonnen hat, wenn Petrenko in zwei Spielzeiten erst anfängt!


    Aber wäre das schlimm? Es ist doch wunderbar, wenn in einer Stadt viele großartige Künstler am Werke sind und man als Klassik-Liebhaber die Auswahl hat. Neben den Berliner Philharmonikern und dem RSO Berlin gibt es da ja auch noch das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, wo im Herbst Robin Ticciati seinen Posten als Chefdirigent antritt, von dem man auch einiges erwarten darf. Und das zu Unrecht oft übersehene Konzerthausorchester, das mit Iván Fischer auch keinen ganz Unbekannten als Chefdirigent hat. Und dann natürlich noch die Staatskapelle Berlin mit Daniel Barenboim. Wahrhaft paradiesische Verhältnisse in der deutschen Hauptstadt! Ich sehe hier weniger eine Konkurrenz um das Publikum, an dem es auch wegen der vielen Touristen gerade bei den Berliner Philharmonikern niemals mangeln wird, als eine gegenseitige Befruchtung.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Warum braucht es einen Stardirigenten, einen Maestro?


    Einzig wirkliches Übel in der Musik ist die Routine.


    Was sollte ein Dirigent also können?


    Die Konzentration herstellen bzw. aufrechterhalten und den Musikern möglichst Freiräume lassen.


    Den Rest macht die Musik, das Werk selbst.

  • Die Konzentration herstellen bzw. aufrechterhalten und den Musikern möglichst Freiräume lassen.


    Den Rest macht die Musik, das Werk selbst.

    Klingt wie eine Beschreibung des grandiosen "Pathetique"-Dirigats, das ich vor etwa 5 Jahren von Thielemann mit den Berliner Philharmonikern erleben durfte. :jubel:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Zitat

    Das halte ich für einen ganz großen Irrtum - von selbst ensteht da gar nichts.


    Natürlich, Einüben und Dirigieren ist gesetzt, ich halte nur nichts von Überpräsenz in dieser Funktion.

  • ...... Es ist doch wunderbar, wenn in einer Stadt viele großartige Künstler am Werke sind und man als Klassik-Liebhaber die Auswahl hat. Neben den Berliner Philharmonikern und dem RSO Berlin gibt es da ja auch noch das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, wo im Herbst Robin Ticciati seinen Posten als Chefdirigent antritt, von dem man auch einiges erwarten darf. Und das zu Unrecht oft übersehene Konzerthausorchester, das mit Iván Fischer auch keinen ganz Unbekannten als Chefdirigent hat. Und dann natürlich noch die Staatskapelle Berlin mit Daniel Barenboim. Wahrhaft paradiesische Verhältnisse in der deutschen Hauptstadt!


    Volle Zustimmung, lieber Bertarido!


    Und vergiß Donald Runnicles nicht. Ich habe gerade einen höchst eindrucksvollen "Tod in Venedig" (Britten) von ihm gehört.
    Allerdings Ivan Fischer wird ja demnächst Berlin verlassen. Ich bedauere das sehr! Über seine Nachfolge ist wohl noch nicht entschieden.


    Beste Grüße


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Wahrhaft paradiesische Verhältnisse in der deutschen Hauptstadt!


    Wenn nicht gerade eine riesige Goldmünze für ein paar Millionen Euro aus dem Museum gestohlen wird wie in einem ganz schlechten Film, ist die Kunst wirklich das einzige, was Berlin zur Zierde gereicht. :D


    Gruß Rheingold, Berliner

    Rheingold 1876

  • Wenn nicht gerade eine riesige Goldmünze für ein paar Millionen Euro aus dem Museum gestohlen wird wie in einem ganz schlechten Film,


    Lieber Rheingold, es gibt ja sehr gute Filme über spektakuläre Museums-Diebstähle, aber leider reicht die Realität in diesem Fall nicht an die filmischen Vorbilder heran. :thumbdown: Zum Glück gehört unter den zahlreichen Berliner Kunstschätzen diese Goldmünze zu denen, deren Verlust sich noch relativ leicht verschmerzen lässt.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Zum Glück gehört unter den zahlreichen Berliner Kunstschätzen diese Goldmünze zu denen, deren Verlust sich noch relativ leicht verschmerzen lässt.


    Schön ist die Münze nicht. Und überflüssig dazu. Auch wenn ich ein Fan der Queen bin, schließe ich mich dieser Auffassung an. ;) In diese Richtung wird wohl auch hier in Berlin gedacht, denn die Berichterstattung ist meist von einer gewissen Heiterkeit umrankt. Der Millionen-Verlust spielt nach meinem Eindruck dabei die geringste Rilke. So eine Haltung kann sich nur eine Stadt erlauben, die es gewohnt ist, fremdes Geld mit vollen Händen auszugeben.


    LG Rheingold

    Rheingold 1876