Die Musik Franz Schuberts im Urteil von Interpreten und Komponisten

  • Wenn Musiker über Franz Schuberts Werke sprechen, höre und lese ich immer eine Hochachtung und tiefes Verehrung für seine Kunst.


    Zufällig bin ich auf Youtube auf die Äusserung des Pianisten Arthur Rubinstein gestossen, die er zum Streichquintett C-Dur gemacht hat. Sucht auf YouTube diesen Ausschnitt, denn die Rechteinhaber haben die Wiedergabe ausserhalb Youtubs untersagt.
    .


  • Lieber Moderato,


    leicht machen Deine Angaben ja nun nicht gerade, das entsprechende Zitat zu finden.
    Wie wäre ein link?


    Ich fand das Video eben - Dir überlasse ich aber dennoch, wenigstens so konkret zu werden, den Pfad einzustellen.
    Oder soll es so sein, dass jede Schubert-Begeisterung irgendwie unkonkret bleiben muss und nicht verifizierbar?
    Finden im Nirgendwo?


    Hilf also bitte!
    Herzliche Grüße,
    Mike

  • Ich halte es ebenfalls für nicht ideal, einen thread mit einem vagen Verweis auf youtube zu starten.
    Ich schlage stattdessen vor: Entweder kurz schriftlich zusammenzufassen, was Rubinstein (der übrigens nur eine einzige Schubert-Sonate (öffentlich) gespielt hat) vorträgt. (Das scheint mir am besten.)
    Oder den youtube-link ohne Einbettung des Films, also link in Anführungszeichen setzen, teilen, sodass man ihn kopieren und dann den Film bei youtube anschauen kann.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Lieber Melanie, lieber Johannes Roehl


    Gerne komme ich der Bitte nach.


    Gibt man die Worte >YouTube Rubinstein, Streichquintett< bei Google ein, findet man zu den Worten Arthur Rubinsteins und sieht seine totale Hingabe beim Hören dieser Musik.



    Ich bin mir sicher, lieber Melante, dass die Schubert-Begeisterung nicht "irgendwie unkorrekt bleiben muss und nicht verifizierbar". Es gibt Aussagen vieler Musiker, verstorbene und lebende, die ihre Verehrung in Wort und Schrift belegen. Der Sinn dieses Threads ist es, solche Zeugnisse zu sammeln.


    lg moderato
    .


  • Einer der ersten Bewunderer Franz Schuberts Musik war Robert Schumann (1810-1856).


    Der Komponist suchte 1839 in Wien die Gräber Beethovens und Schuberts auf. Schumann konnte Ferdinand Schubert dazu bewegen, die Partitur der Grossen C-dur Sinfonie an die Direktion der Gewandhauskonzerte in Leipzig zu senden. Breitkopf & Härtel druckte später die Partitur. In einem Essay in der Neuen Zeitschrift für Musik, setzte sich Schumann für das Werk ein.
    Hier der Link, der zum Originaltext führt. Das berühmte Zitat der "himmlischen Längen", das oft verstümmelt wiedergegeben wird, findet sich im Abschnitt >III,201<


    http://www.koelnklavier.de/quellen/schumann/kr080.html


    Anmerkung: Mit Rührung habe ich Schumanns Schlussbemerkung gelesen, wo er beschreibt, dass er auf dem Grabe Beethovens eine Stahldeder fand, und wie er sie zum Schreiben bei besonderen Anlässen, eben dieses erwähnten Essays, benutzte.
    .


  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Ist Rubinstein im wahrsten Sinne des Wortes von der Schönheit der Musik Schuberts ergriffen, gibt es noch einen anderen Grund, weshalb man die Werke des Komponisten bewundern kann.


    Der Pianist Eduard Erdmann (1896-1958) und der Komponist Ernst Krenek (1900-1991) trafen sich ab 1920 in Berlin zu intensiven Studien von Schubert Liedern. Krenek schreibt in "Erinnerungen an einen Freund":


    "Wie Erdmann über Musik sprach, war mir vollständig neu, aber ich war anscheinend innerlich bereit für diese Wendung, so daß ich seine Anschauungsweise sogleich mit Begeisterung übernahm. Hier wurde über Musik und vor allem Komposition ganz sachlich gesprochen, ohne Mystifikation oder dumpfe und vage Instinkthörigkeit, als über eine Sache, die vom Menschen gemacht und kontrolliert wird und deren technische Voraussetzungen definiert werden können und müssen. Dabei wurde sie aber auch nicht zum bloßen Handwerk degradiert, als ob sie nur bescheidene Gebrauchsartikel zu erzeugen vermöchte, sondern hohe intellektuelle Ansprüche wurden stets betont.
    Diese mir so neue Einstellung wurde mir sehr bald ebenso überraschend wie schlagend an den Liedern von Franz Schubert demonstriert. Erdmann muß aus irgendwelchen Bemerkungen entnommen haben, daß ich von Schubert keine Ahnung hatte, und er unterwarf mich mit ebensoviel Geduld wie Begeisterung einem veritablen Kursus, in dem wir an manchem langen Nachmittag und Abend Hunderte von Schuberts Liedern durchnahmen. Man kann sagen, daß Erdmann dabei sein sensitives und brillantes Klavierspiel mit einer angenehmen hohen Baritonstimme begleitete, deren Mangel an Volumen und konventioneller Tonschönheit durch kristallklare Intonation, intelligente Phrasierung und exakte Artikulation mehr als aufgewogen wurde. Da ich bis dahin gelernt hatte, die Bedeutung von Liedern nur danach zu bemessen, wie weit es dem Komponisten gelungen war, den Gefühlsgehalt des Textes musikalisch 'auszudrücken', wobei der zwar 'genial begabte, aber wirklich primitive' Schubert dem raffinierten Hugo Wolf nicht das Wasser reichen konnte, war ich zunächst schockiert, als Erdmann mir erklärte, daß die Beziehung zum Text höchstens von sekundärer Bedeutung sei, daß er selbst beim Studium dieser Lieder auf die Worte gar nicht achte, daß dieses oder jenes Lied ebenso schön wäre, wenn die Singstimme auf einem Horn geblasen würde - daß es auf ganz andere Dinge ankäme, wie: Ausbalancieren unsymmetrischer Periodenglieder durch harmonische Rückungen oder Verschiebung von Akzenten, Störung und Wiederherstellung des metrischen Gleichgewichts durch Varianten in Dynamik, Textur und Registerlage, und viele andere solche, scheinbar rein 'technische' Details. Ich entwickelte nicht nur eine bis heute andauernde tiefreichende Affinität zu Schuberts Werken, sondern entdeckte auch eine ganz neue musikalische Welt. Durch diesen Schubert-Lehrgang hat Eduard Erdmann auf mein musikalisches Denken einen entscheidenden und permanenten Einfluß ausgeübt.
    Ein direktes Ergebnis unserer Schubert-Studien war Erdmanns Anregung, Schuberts unvollendete C-Dur-Sonate für ihn 'fertig zu komponieren', da er dieses ihm nahestehende Werk als ein Ganzes in sein Repertoire aufnehmen wollte. In der engen freundschaftlichen Beziehung, die sich damals zwischen uns schnell entwickelte und bis zu Neds vorzeitigem Ableben fortdauerte, war sein Pianistentum freilich stets von untergeordneter Bedeutung. Was uns verband, war unser zentrales Interesse an der Komposition von Musik, nicht an ihrer Aufführung."


    Aufschlussreich ist für mich, dass Musiker vom Range eines Eduard Erdmann und Ernst Krenek sich intensiv mit der Kompositionstechnik Schuberts anhand der Lieder auseinandersetzen. Die beiden Musiker bewunderten und verehrten die Kunst Schuberts Zitat "ohne Mystifikation oder dumpfe und vage Instinkthörigkeit, als über eine Sache, die vom Menschen gemacht und kontrolliert wird und deren technische Voraussetzungen definiert werden können und müssen".
    .


  • Ich stieß kürzlich bei der Lektüre auf ein Zitat, das ich hier gern einbringen würde


    Friedrich Nietzsche bemerkte über Franz Schubert
    "Franz Schubert, ein geringerer Artist als die andern großen Musiker, hatte doch von Allen den größten Erfahrungsreichtum an Musik. Er verschwendete ihn mit voller Hand und aus gütigem Herzen: sodaß die Musiker noch ein paar Jahrhunderte an seinen Gedanken und Einfällen zu zehren haben werden. In seinen Werken haben wir einen Schatz von unverbrauchten Erfindungen. Andere werden ihre Größe im Verbrauchen haben. Dürfte man Beethoven den idealen Zuhörer eines Spielmannes nennen, so hätte Schubert darauf ein Anrecht, selber der ideale Spielmann zu heißen." (Der Wanderer und sein Schatten, 155).


    In einem Punkt würde ich recht geben, zehren konnte die Musik von Schubert noch sehr lange, auf einen Spielmann wüsste ich ihn ungern reduziert.


    Beste Grüße
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Letzthin im Autoradio ertönte ein Werk, das mir sofort auffiel. Es war ein Satz aus Soirée de Vienne für Klavier S. 427 von Franz Liszt. Darin verarbeitet er Tänze Franz Schuberts. Ich erinnerte mich an den Thread und ich nahm mir vor nachzuschauen, wie sich der ungarische Komponisten mit dem Wiener musikalisch auseinandergesetzt hatte.


    In der Gesamtaufnahme des Klavierwerkes von Leslie Howard sind den Schubert-Transkriptionen 10 Scheiben der 99 CD gewidmet. Damit ist er im 19. Jahrhundert einer der ersten Komponisten, die einen Bezug zu Franz Schubert geschaffen haben und so ihrem Komponistenkollegen ihre Verehrung bewiesen haben.




  • Damit ist er im 19. Jahrhundert einer der ersten Komponisten, die einen Bezug zu Franz Schubert geschaffen haben und so ihrem Komponistenkollegen ihre Verehrung bewiesen haben.

    Was ist mit Schumanns 1. Sinfonie?

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Jonathan Nott hat mit den Bamberger Symphonikern zwei CDs mit Werken von Komponisten des 20./21. Jahrhunderts veröffentlicht, die sich mit Franz Schubert auseinandersetzen.


    Widmann: Lied für Orchester

    Rihm: Skizze über Schubert für 9 Streicher & Klavier "Erscheinung"

    Mantovani: Mit Ausdruck für Klarinette & Orchester

    Schnebel: Schubert-Phantasie für Orchester



    Berio: Rendering für Orchester

    Reiman: Metamorphosen über ein Menuett von Schubert (D. 600) für 10 Instrumente

    Henze: Der Erlkönig

    Zender: Schubert-Chöre Nr. 1-4

    Schwertsik: Epilog zu Rosamunde op. 33


  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Banner Strizzi
  • Franz Liszt. Darin verarbeitet er Tänze Franz Schuberts.

    Nicht bloß Lieder, auch die „ungerische Melodie“ bzw. das Divertissement D818 gleich mehrfach.; wem „himmlische Längen“ noch nicht genug sind, greife zu Liszts höllischen Eskapaden:



    Ich meine, es gibt drei Versionen davon.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Außerdem:



    Franz Liszt (1811-1886)

    Drei Märsche nach Franz Schubert S363

    nach D886 Nr. 1, D819 Nr. 5 & D818

    Wandererfantasie nach Franz Schubert S366

    für Clavier und Orchester


    Gottlieb Wallisch, Hammerflügel Johann Baptist Streicher, 1851
    Sammlung Gerd Hecher, Wien


    Orchester der Wiener Akademie
    Martin Haselböck


    Was Liszt da dem Schubert entlockt (nicht, daß er im Original schlecht wäre), ist einfach zauberhaft!


    Im Marsch D886 Nr. 1 höre ich in dieser Version etwas, das mich an Beethovens Siebte oder Schuberts Siebte (vollendete) erinnert - im Original von Schubert wurde ich dessen so nicht gewahr. Der e-moll-Marsch, im Original ebenfalls für clavierhändig komponiert, ist in Liszts Orchesterfassung ebenso wunderbar eine Mischung aus Mozarts KV 456 Satz 2 und Beethovens op. 26 Satz 3. Und die Wandererfantasie mutiert tatsächlich zu einem Schubertischen Clavierkonzert.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Franz Liszt. Darin verarbeitet er Tänze Franz Schuberts. Ich erinnerte mich an den Thread und ich nahm mir vor nachzuschauen, wie sich der ungarische Komponisten

    "Franz Liszt. Darin verarbeitet er Tänze Franz Schuberts. ......wie sich der ungarische Komponist....."


    Sorry, aber Liszt gilt als Österreicher, geboren in Raiding, Komitat Ödenburg, Kaiserreich Österreich-Ungarn.

    Raiding ist heute eine Gemeinde im Bezirk Oberpullendorf, Bundesland Burgenland, Österreich.

    Man kann ihn als relativierend als "Österreich-Ungar" bezeichnen.

  • Sorry, aber Liszt gilt als Österreicher, geboren in Raiding, Komitat Ödenburg, Kaiserreich Österreich-Ungarn.

    Damals Königreich Ungarn.


    Zitat von Wikipedia

    „der weltberühmte Klaviervirtuose, der von deutschen Eltern herstammend zufällig in Ungarn das Licht der Welt erblickte“

    Deswegen heißt er auch Liszt Ferencz und nicht Franz List. So deutsch (im heutigen Sinne) waren Liszts Eltern allerdings nicht, wie behauptet wird:


    Zitat

    Er [Adam List; Liszts Vater, *16.12.1776 in Nemesvölgy] wurde als zweites Kind des Ehepaares Georg Adam List und Barbara Schlesak geboren. Diese stammten aus Ragendorf (heute Rajka, Ungarn) bzw. Karlburg (heute Rusovce, Slowakei).


    Zitat von Dto.

    Von ungarischen Autoren wird gelegentlich die Schreibweise Ferenc gebraucht. Liszts Vorname ist aber in seinem ungarischen Pass von 1874 (abgebildet in Óváry: Ferenc Liszt. S. 29) als Ferencz registriert, so dass dieser Schreibweise der Vorzug zu geben ist.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Ich finde solche nationalen Zuordnungen, mal abseits dass sie nur den Zweck einer Etikette, Schablone erfüllen, sind eine komplexe, vielschichtige Angelegenheit die nach meiner Sicht zu diskutieren nicht lohnen. Das ist zudem in einigen Fällen nicht so einfach, denn welches Kriterium setzt man dafür an? Nach damaligen, nach heutigen Grenzziehungen, nach kulturellen Regionen, nach der Muttersprache, nach der Herkunft der Eltern oder noch weiter zurück? Liszt ist sowieso ein besonders komplexer Fall da er quasi in einer kulturell länderübergreifenden deutschsprachigen Region geboren wurde (Deutsch-Westungarn/Burgenland), ähnlich wie etwa das Baskenland (Spanien/Frankreich) heute oder das damalige Tirol zu Habsburger-Zeiten dessen südlicher Teil nach dem 1. Weltkrieg Italien zugesprochen wurde. Obwohl er kein Ungarisch konnte hat er sich dennoch angeblich bei bestimmten Anlässen als Ungare bezeichnet und sein Großteil seines Lebens lebte er obendrein in anderen Ländern. Frankreich soll er mal (soweit ich mich erinnere) als sein Vaterland bezeichnet haben. Was haben etwa Mahler, Korngold, Dvořák, Smetana gemeinsam? Sie wären heute alle Tschechen, aber nur zwei von ihnen gelten heute als solche. Das zeigt dass die Sache nicht immer so einfach ist. Und meiner Ansicht nach ist es auch vollkommen egal. Das ändert nichts an deren Musik und sind Debatten die mit Nationalstolz und Patriotismus gefüllt sind (und wenn da immer wieder manche Deutsche behaupten Mozart wäre in Wahrheit Deutscher gewesen, zeugt das nur von historischer Unkenntnis da der deutsche Nationalstaat erst 1871 entstand und das damalige Fürsterzbistum Salzburg für sich gesehen autonom war)


    Aber zum eigentlichen Thema:


    Wenn es um Bearbeitungen geht denke ich sofort an die Vervollständigungen seiner hinterlassenen Skizzen. Ich wollte mich dazu mal in dem anderen Thread zu D 936A ausführlicher äußern, eigentlich nur zu diesen Skizzen, da es für mich einen großen Unterschied ausmacht ob ein Komponist etwas mit Absicht nicht weiter verfolgen wollte (wie offensichtlich etwa bei D 729, D 708A oder D 615) oder aufgrund seines Ablebens einfach nicht konnte. Sicher kann man auch hier spekulieren, ob es nicht auch hier zu einer kompletten Verwerfung gekommen wäre, aber zumindest bleibt hier die Frage offen ob es im Sinne des Komponisten sein könnte. Deshalb finde ich die Vervollständigung von Weingartner bei D 729 höchstens interessant aber tendenziell eher unnötig, fragwürdig. Es würde zu dem Skizzen-Thread besser passen aber da ich dort nur nach ausführlicherer Beschäftigung schreiben würde (und das aus Zeitgründen in naher Zukunft nicht erfolgen wird) erwähne ich hier nur mal die Bearbeitung von Luciano Berio "Rendering"



    Die Stärken dieser Bearbeitung sind: Die Schubert-Stellen können mich weitaus mehr überzeugen als die Vervollständigungen von etwa Newbould oder Gülke, zudem vermittelt sie durch die Unterbrechnungen eine gewisse Fragilität und Unsicherheit die gut zu der Ausgangssituation passt: was hätte Schubert noch ergänzt, was verworfen oder etwas abgeändert? Und Berio spielt darauf auch mit groben Gedanken des Skizzenmaterials um sie in seine (musikalische) Welt zu holen. Doch das kann man eben auch kritisch sehen. Vermutlich sollte das weniger als möglichst authentische Vervollständigung verstanden werden sondern als ein eigenes Werk dass sich auf Schubertskizzen und -fragmente bezieht und ich vermute Berio wollte dies bewusst ergänzen um die Erwartungshaltung etwas rauszunehmen. Doch dieser schon sehr harte Kontrast muss nicht jedem gefallen, so wie es einem nicht gefallen muss wenn jemand etwas im Stile von Goethe schreiben will und dazwischen Donald Duck Comics einbaut.

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Ich finde solche nationalen Zuordnungen, mal abseits dass sie nur den Zweck einer Etikette

    Alles andere ist primär, hätte ein berühmter Fußballer dazu gesagt.

    Es ist tatsächlich eine Randnotiz, aber man kann es ja kurz thematisieren, ohne große Diskussionen auszulösen.

  • Kaiserreich Österreich-Ungarn

    Als Liszt 1811 geboren wurde, hieß der Staat Kaisertum Österreich (bzw. genau genommen Kaiserthum Oesterreich). Als er 1886 starb, Österreichisch-Ungarische Monarchie (informell Österreich-Ungarn). Das Königreich Ungarn, in dem Raiding lag, war in Liszts Geburtsjahr Teil eines Einheitsstaats, in Liszts Sterbejahr Teil einer Realunion (seit 1867). Ein "Kaiserreich Österreich", geschweige denn ein "Kaiserreich Österreich-Ungarn", gab es nie.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Als Liszt 1811 geboren wurde, hieß der Staat Kaisertum Österreich (bzw. genau genommen Kaiserthum Oesterreich). Als er 1886 starb, Österreichisch-Ungarische Monarchie (informell Österreich-Ungarn). Das Königreich Ungarn, in dem Raiding lag, war in Liszts Geburtsjahr Teil eines Einheitsstaats, in Liszts Sterbejahr Teil einer Realunion (seit 1867). Ein "Kaiserreich Österreich", geschweige denn ein "Kaiserreich Österreich-Ungarn", gab es nie.

    Die Frage ist: was geht hier vor? Liszt hatte einen ungarischen Pass. Für mich ist es damit ebenso klar wie bei Mozart, der von Geburts wegen weder Österreicher noch Deutscher war.

    Nicht zu sehr herumpitzeln.

    Ich finde das interessant; man kann das Themenfremde ja in einen separaten Thread überführen.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Luciano Berio "Rendering"

    Den gerenderten Schubert musste ich in einem Konzert (Mahler VII, Bonn, Dennis Russell Davies, letztes Jahrtausend) einmal anhören. Die Existenzberechtigung von Berios Werk beruht zum Glück darauf, daß er nicht den Versuch unternahm, ein Werk Schubert zu vollenden, sondern Schubertmaterial bearbeitete resp. dafür verwendete, ein eigenes Werk daraus zu machen. Gefallen hat mir das - im Gegensatz zur geschätzten „Zenderreise“ - überhaupt nicht.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner
  • Banner Strizzi
  • Die Frage ist: was geht hier vor? Liszt hatte einen ungarischen Pass. Für mich ist es damit ebenso klar wie bei Mozart, der von Geburts wegen weder Österreicher noch Deutscher war.

    Von der "Staatsbürgerschaft" her wäre das im Falle von Mozart - da erzähle ich Dir gewiss nichts Neues - salzburg(er)isch, da das Erzstift Salzburg bis 1803 ja ein eigenes Staatswesen war. In einem erweiterten, explizit nicht modernen Sinne aber schon auch deutsch, wenn man bedenkt, dass das Heilige Römische Reich im 18. Jahrhundert umgangssprachlich auch schon mal "Deutsches Reich" geheißen wurde (staatsrechtlich freilich nicht gleichzusetzen mit jenem von 1871). Am wenigsten m.E. jedenfalls österreichisch, weil das zu Mozarts Lebzeiten streng genommen sogar nur das Erzherzogtum Österreich unter und ob der Enns (Nieder- und Oberösterreich) meint, noch nicht mal die Herzogtümer Steier(mark) und Kärnten.


    Bei Liszt ist das auf seine Weise genauso interessant. Ungarisch scheint er erst spät, in den 1870er Jahren, erlernt zu haben. War er am ehesten ein "Deutschungar"? Das Königreich Ungarn war auf seine Eigenstaatlichkeit stolz, bis 1804 auch nur in Personalunion verbunden mit den restlichen habsburgischen Territorien, die der Kaiser von Wien aus regierte. Dem Joseph II. nahmen sie sehr übel, dass er sich in ihrem Lande nicht mit der Stephanskrone krönen ließ. Dass sich die Ungarn kurz nach Gründung des Kaisertums Österreich (eben 1804) dann primär als "Österreicher" begriffen hätten, kann gewiss verneint werden.

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Bei Liszt ist das auf seine Weise genauso interessant. Ungarisch scheint er erst spät, in den 1870er Jahren, erlernt zu haben.

    Naja, ich kenne Deutsche, die bis heute kein Deutsch (richtig) können. :untertauch:

    Fakt ist, daß Liszts Vater sich noch List schrieb, der Name wurde also „eingeungart“ (dito der Vorname Ferencz) und - wie erwähnt, Liszt besaß einen ungarischen Pass.

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Es gibt insofern tatsächlich gute Gründe, Liszt als Ungarn anzusehen. Weltbürger war er gleichwohl auch (nannte er nicht mal Frankreich seine wahre Heimat?).


    Um die Brücke zu Schubert zu schlagen, um den es hier eigentlich gehen soll. 1797 im Erzherzogtum Österreich unter der Enns geboren, 1828 im Kaisertum Österreich gestorben, insofern politisch gewiss Österreicher. Kulturell aber schon auch Deutscher (wiederum im Sinne von vor 1871). Das hören viele Österreicher heute ungern, aber noch Franz Joseph I. meinte gegenüber Napoleon III. wie selbstverständlich: "Ich bin ein deutscher Fürst".

    »Das ist sehr groß, ganz toll! Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein.«

    – Goethe über den Kopfsatz der 5. Sinfonie von Beethoven

  • Bei Schubert ist das einfach: der war Wiener (so ganz stimmt das natürlich auch wieder nicht). Ich glaube, damit können alle leben.

    8-)

    „Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.“
    (F. Chopin an Tytus)

  • Bei Schubert ist das einfach: der war Wiener (so ganz stimmt das natürlich auch wieder nicht). Ich glaube, damit können alle leben.

    8-)

    Gäbe es überhaupt irgendeinen Komponisten der tatsächlich im "Wien" (heutiges Zentrum) vor der Eingemeindung der Vororte von Kaiser Franz Joseph I. geboren wurde? Solche Fragen in der Kategorie "unnützes Wissen" stellt man am Besten einer KI und diese antwortete, ja, Georg Christoph Wagenseil (1715 - 1777)


    Georg Christoph Wagenseil Wikipedia


    Georg Christoph Wagenseil - der bedeutendste Vertreter der Wiener Vorklassik (Tamino)


    Doch diese Info ist noch mit Vorsicht zu genießen, da GPT zunächst auch Carl Ditters von Dittersdorf nannte, dieser aber nachweislich im heutigen 6. Bezirk (damals Laimgrube) geboren wurde. Da sich der "Lichtentaler" ja so oft im Zentrum aufhielt und dort auch mehrere Male ein Quartier hatte (u.a. wie hier schon bei D 947 thematisiert bei der Tuchlauben, übrigens 2 x, oder auch bei der Spiegelgasse und Bäckerstraße) kann man ihn ruhigen Gewissens als Wiener bezeichnen. ;) Ich habe übrigens bei GPT reklamiert, es solle auch noch mal bei Wagenseil eine konkrete Adresse recherchieren, fand aber nichts, dafür aber einen anderen Komponist: Johann (von) Herbeck 1831 im Haus Fleischmarkt 14 geboren (es scheint noch keinen Tamino-Thread über ihn zu geben)


    Herbeck entdeckte Schuberts "Unvollendete" (gott sei Dank, dass wir hier nicht ganz in Off-Topic abgleiten :D) welche er 1865 in der Wiener Hofburg zur Uraufführung brachte. Er komponierte u.a. 4 Sinfonien und 6 Messen.



    Das heutige Haus (Fleischmarkt 14) ist der Nachfolgebau (von 1898/99). Im vorhergehenden Gebäude ist auch am 14. Februar 1741 Johann Joseph Fux gestorben. Für die Freunde der visuellen Präsentation: Ich hab jetzt kein eindeutiges Bild vom Originalgebäude gefunden. Es müsste auf diesem Bild das dritte von links sein. Das Foto ist von 1898 und es muss das Vorgängergebäude sein da der Nachfolgebau mehr Stockwerke hat (3 vs. 5) Das Gebäude links ist durch die markante Ecke und ihrer Fassade auch gut identifizierbar: Nr. 18 (noch heute in ähnlichem Zustand). Deshalb kann man hier auch gut die Nr.14 zuordnen.


    default.jpg

    Bildquelle: ÖNB https://onb.digital/result/113446BB; Pendl, Erwin;
    ich hab das jetzt nachträglich durch eine etwas bessere Bildqualität ersetzt, die beste Qualität bekommt man aber über diesen Link:

    Fleischmarkt (ÖNB)

    „Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

  • Tamino XBeethoven_Moedling Banner