Adressat und Ort sind aber letztlich in diesem Fall identisch, wobei ja Ort als Wort nicht genannt ist: von Einem zu dem Andern (Menschen).
Zyklus der Verzweiflung - Schuberts Winterreise
Alfred_Schmidt · 1.018 Beiträge · letzte Antwort von Dr. Holger Kaletha
1.018 Beiträge
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Die Liebe liebt das Wandern,
Gott hat sie so gemacht -
Von einem Ort zu dem andern -
Fein Liebchen, gute Nacht!Liebe ist ein intentionales Gefühl. Man liebt nicht einfach "ins Leere" hinein, sondern liebt etwas oder jemanden. Sei es das eigene Selbst, die Erinnerung an eine verstorbene Person, die Natur, eine Idee oder das Leben an sich. Ohne diesen Bezugspunkt – diesen Adressaten – gäbe es das Gefühl in diesem Moment gar nicht. Der Adressat kann sich ändern, aber der Ort?
Was also soll der Sinn des Satzes sein „Die Liebe hat einen Ortswechsel vorgenommen.“
Ja. Die Liebe ist intentional.
Intentionalität ist nach Edmund Husserl die Struktur des Bewusstseins, dass es "Bewusstsein von etwas" ist. Dieses "Etwas" kann ein Gegenstand sein im engeren Sinne (ein Ding), ein Sachverhalt, eine Person, aber auch eine Bewegung oder eine Existenzweise. Ich kann das Schwimmen lieben oder das Fahrradfahren oder das Wandern. Zu diesen intentionalen Gegenständen (im weiten Sinne) gehört, sofern sie Bewegungen sind, dass sie einen Ortswechsel vollziehen. Also nicht die Liebe bewegt sich, sondern der intentionale Gegenstand bewegt sich, auf den sich die Liebe bezieht. Letztlich ist das aber metaphorisch. Mit der Liebe, die das Wandern liebt, ist die Freiheitsliebe gemeint und der Kontext ist der Konflikt von Individuum und Gesellschaft. Daher erklärt sich auch die merkwürdige Rede "wandert vom einen zu dem anderen". Weil die Freiheitsliebe des Individuums gemeint ist, ist nicht nur der Ort gemeint, sondern auch das, was sich an dem Ort befindet: das Haus, die Gesellschaft mit den Mitgliedern der Gesellschaft. Der Wanderer will insofern frei bleiben, als er seine Individualität behalten will, die sich nicht vergesellschaften kann und das auch nicht will. Als Fremder bleibt er ein Gast - der Fremde ist der Gast, der bleibt. Dieser Gast-Status in der Gesellschaft, den er nie los wird, ist sein Leiden und zugleich seine Freiheit. Er bleibt von ihr unabhängig, indem er sein Nichtvergesellschaftetsein immer behält, das sich nie vergesellschaften lässt. Das ist der emanzipatorische Sinn der Figur des Fremden in der Winterreise, der sich darin zeigt, dass seine Liebe das Wandern liebt.

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Er weiß nun, dass sie kein "treues Frauenbild" sein kann, nicht, weil sie in der individuellen Beziehung nicht treu gewesen wäre (das wäre als Inhalt einer so hochrangigen Dichtung auch platt und banal), sondern weil sie auf Dauer ihm in ihrer individuellen Liebe nicht treu sein kann
Es ist nicht „platt und banal“, von einem Menschen, den man liebt, abgewiesen zu werden. Und schon gar nicht ist diese Thematik zu „platt und banal“ für eine hochrangige Dichtung. Viele Meisterwerke der Weltliteratur und der Lyrik leben gerade von dieser Thematik und der Darstellung der damit verbundenen existenziellen Krisen. Zwei literarische Hauptwerke des 20. Jh. verhandeln das Thema in vielen Facetten (Ulysses, Recherche), die Lyrik ist voll davon. Platt und banal???
Es war schon in der "Müllerin" so, dass Holger Kaletha die Bedeutung des grünen Jäger als „Liebeskomödie“ (!?) abgetan hat. Das geht am Werk vorbei, offenbar weil für einen Philosophen die Untreue einer Frau oder das Weiterwandern ihre Liebe "platt und banal" sind? Für das lyrische Ich löst aber gerade diese Ablehnung - in beiden Zyklen - eine geradezu vernichtende Entwicklung aus. Und in beiden Zyklen spielt es übrigens eine Rolle, dass das lyrische Ich sich was anderes erträumt hat:Er hätte es eben eher durchschauen können - darin gründet der empfundene Hohn und die Schmach; denn er hat es nicht erkannt
...dass sie ihm einen anderen vorgezogen hat.
„Das erste Lied des Zyklus - Gute Nacht - berichtet real vom Abschied, davon, dass man den Sänger gewaltsam vertreiben würde, wollte er noch langer bleiben.
Er verläßt die Stadt, verläßt »fein Liebchen«, das - wie man allerdings erst im folgenden Lied erfährt - nun eine bessere Partie gefunden hat. Das Lied steht in d-Moll, der Tonart der Schwermut und Resignation.“
(Dürr, Feil: Schubert, Stuttgart 1991)
Auch die Tonart widerspricht einem "emanzipatorischen" Aufbruch des Ichs in der Winterreise. Die Stimmung ist von Beginn an eine völlig andere.
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„Das erste Lied des Zyklus - Gute Nacht - berichtet real vom Abschied, davon, dass man den Sänger gewaltsam vertreiben würde, wollte er noch langer bleiben.
Er verläßt die Stadt, verläßt »fein Liebchen«, das - wie man allerdings erst im folgenden Lied erfährt - nun eine bessere Partie gefunden hat. Das Lied steht in d-Moll, der Tonart der Schwermut und Resignation.“
(Dürr, Feil: Schubert, Stuttgart 1991)
Auch die Tonart widerspricht einem "emanzipatorischen" Aufbruch des Ichs in der Winterreise. Die Stimmung ist von Beginn an eine völlig andere.
Ja, weder Müllers Text noch Schuberts Musik bringe ich mit etwas "Emanzipatorischem" zusammen. Das lyrische Ich "kann (...) / Nicht wählen mit der Zeit" seines Aufbruchs und "Muss" nun in der Nacht bei Kälte und Schnee von äußeren Umständen gezwungen mühsam den Weg suchen. Der einzige Anflug von Selbstbestimmung ist der, seiner Vertreibung zuvorzukommen.
Ein Mittel Schuberts, das drückende Gewicht des d-Moll nochmals zu steigern, ist die im wahrsten Sinne "entrückte" D-Dur-Passage "Will dich im Traum nicht stören". Das Ich rückt gedanklich von der unmittelbaren Situation ab und gibt sich offenbar weiterhin bestehenden zärtlichen Gefühlen für seine Verflossene hin. Auch in nachfolgenden Gedichten ist sie ja noch sein "Liebchen". Die Realität holt ihn aber kurz darauf ein, und dieser Moment ist von Schubert schön und grausam zugleich komponiert. Der letzte Vers "An dich hab ich gedacht" (Hat Schubert hier eigentlich eine Inversion zu verantworten?) wird zunächst noch im liebevollen D-Dur gesungen und direkt danach in der Variante d-Moll, welche durch den tonalen Umschlag nun umso desaströser wirkt.
Mit Blick auf das anschließende "Die Wetterfahne" frage ich mich, was im Herzen des "Liebchens" passiert ist. Klar scheint mir, dass das Ich auch eine Abwendung durch sie selbst ertragen muss - hin zu einem anderen Mann. Es waren also nicht etwa nur Vater oder Eltern, die gegen die erste Verbindung gewirkt haben. Ansonsten ergäbe die Anspielung auf die (ausgebliebene) Treue für mich keinen Sinn. Allerdings gibt es da halt den Hinweis auf den Reichtum im letzten Vers. Hat der im Hause wehende "Wind" hier womöglich etwas ins Herz des "Liebchens" gesät, das die aus moderner Sicht "wahre Liebe" korrumpiert? Hat der nun Abgewiesene vielleicht sogar das Empfinden, er ließe eine Frau zurück, die noch zärtliche Gefühle für ihn hat?
Letzteres ist wohl eine Leerstelle, die nicht und schon gar nicht mit Anspruch auf allgemeine Gültigkeit ausgefüllt werden muss / kann. Mir kam sie in den Kopf wegen der nach wie vor vorhanden Zärtlichkeit, die das Ich der untreuen Frau gegenüber aufzubringen in der Lage ist. Aber: Was soll man denn danach überhaupt noch fragen, da sie nun "eine reiche Braut" ist. Sein Schmerz (pointierter: er selbst) ist im Haus kein Thema mehr.
Angehört habe ich mir "Gute Nacht" eben von Gerhaher und Quasthoff - bei Letzterem wurde nach unten transponiert. Ich fand beide überzeugend.
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Erst einmal: Weil ich in der Lage bin, Texte selber und selbständig zu interpretieren, brauche ich mich nicht darauf zu beschränken zu zitieren, was es alles in der Sekundärliteratur für Meinungen gibt und die dann auch noch für bare Münze zu nehmen, weil es ja Autoritäten sind. Das habe ich ganz einfach nicht nötig.
Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit:
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.Was der Fremde als Wandererfigur und Außenseiter der Gesellschaft nicht kann, ist das, was jedes Mitglied der Gesellschaft kann, nämlich Beginn und Ziel der Reise "mit der Zeit" zu wählen. Der Bauer reist zum Markt zu der Zeit, wenn er das Getreide geerntet hat, der Kaufmann reist nach Amsterdam, um Baumwolle einzukaufen z.B., wenn er erfahren hat, das eine Lieferung dort angekommen ist, die er ersteigern will. Dagegen muss der Fremde, der keine solche gesellschaftliche Rolle hat, weil er kein Mitglied der Gesellschaft ist, selber bestimmen, wann er die Reise beginnt und wohin sie geht. Das ist nicht durch gesellschaftliche Ziele und Zwecke vorbestimmt. In dieser Hinsicht hat er im Gegensatz zu den Mitgliedern der Gesellschaft, die sich an äußeren Zwängen orientieren müssen (Erntezeit und äußere Umstände wie die Lieferung von Waren), eine Autonomie in der Wahl, welche diese nicht besitzen. Er weist sich seinen Weg selbst. Das ist emanzipatorisch, aber resultiert aus seiner sozialen Außenseiterposition eines Parias. Er hat auch den Stolz, der daraus resultiert, die Gesellschaft zu verachten.
Es ist allerdings hilfreich, einen Unterschied zu kennen, der Intentionalitätstheoretikern wie mir geläufig ist, nämlich die Unterscheidung zwischen einer Intention und ihrer Erfüllung. Sich ausschließlich selber den Weg weisen zu wollen, ist erst einmal nur eine Intention, ein emanzipatorisches Interesse - aber noch lange nicht seine Erfüllung. Die Tragödie des Wanderers ist sein Nichtvergesellschaftetsein. Das Nichtvergesellschaftetsein und das Vergesellschaftetsein gehören aber notwendig zusammen. Die Tragödie des Wanderers ist, dass sich das Emanzipatorische als Intention nur erfüllt, wenn er sich vergesellschaften können würde. Das ist ihm aber grundsätzlich verweht. Er kann nicht anders als auf seiner Position des Nichtvergesellschaftetseins beharren. Damit ist das emanzipatorische Interesse nicht erfüllbar und die Geschichte endet tragisch für ihn. Diese Tragödie kann man aber nicht verstehen, wenn man einfach leugnet und verleugnet, dass es das Emanzipatorische als Motiv in der Winterreise gibt. Das ist abwegig und führt nur dazu, dass man nicht versteht, worum es geht.
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Weil ich in der Lage bin, Texte selber und selbständig zu interpretieren, brauche ich mich nicht darauf zu beschränken zu zitieren, was es alles in der Sekundärliteratur für Meinungen gibt und die dann auch noch für bahre Münze zu nehmen, weil es ja Autoritäten sind.
Wer ständig philosophische Autoritäten für die eigene Argumentation bemüht (auf zuweilen ausuferende Art), könnte in diesem Fall einen kurzen Blick auf die Autoritäten in der Musikwissenschaft riskieren. Zudem ist eine Aussage wie "weil sie auf Dauer ihm in ihrer individuellen Liebe nicht treu sein kann" durch nichts im Lied belegt. Das ist keine Interpretation, sondern eine offenbar von philosophischer Lektüre geleitete Spekulation. Wobei der Text wunderbare reale Anhaltspunkte gibt, die hier auch benannt worden sind.
Die Lektürevoraussetzungen sind eben suboptimal, wenn man eines der zentralen Themen der Weltliteratur und damit auch des Liedgesangs, den Verlust eines geliebten Menschen an einen anderen, für „platt und banal“ hält. Damit stimmt dann schon der ganze Rahmen nicht. Und wenn die komplette Forschung abermals - wie auch schon bei der Müllerin - anderer Meinung ist, dann sollte man vielleicht doch einmal… aber ich spare mir den Rest.
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Hallo Christian!
Die Winterreise gibt nicht den leisesten Hinweis auf einen Nebenbuhler. Damit sind auch deine Lektürevoraussetzungen mehr als suboptimal.
Deine Gleichung Treue vs. Untreue (id est Treue zu einem Dritten) übersieht das entscheidende, weil Gemeinte. Der Wanderer ist ein ungeeigneter Heiratskandidat (im Horizont von Mädchenliebe und mütterlich avisierter Ehe). Aus bloßer Liebe folgt offenbar Einsamkeit,
Du hättest für deine Argumentation große Schwierigkeiten, das "Mädchen" als konkreten Liebesgegenstand auszubauen. Die Winterreise ist eines der gefühlskältesten Textkonglomerate der Romantik. Ist die Andeutung eines Clichés ein glaubhafter Kontext, ein Gegenüber als Geliebte zu entfalten?
Je abstrakter das Objekt der Passion gerät, desto befangener bleibt der Passionierte in seiner egozentrischen Passion. Eine Liebe, die dem Ich bloß den Abgrund des Selbst eröffnet, dringt nicht einmal zum Du, dem erweiterten Horizont eines verbundenen Wesens vor. "Das Mädchen sprach von Liebe" behauptet ja nicht einmal, daß der Protagonist etwas wie Liebe empfunden hätte.
Vielleicht macht dich dein Erfahrungshorizont glauben, es werde hier eine Geschichte erzählt, die in deinen Gefühlen Platz hat. Auf die karge Syntax bezogen, bleibt die Winterreise verstörend.
Thorsten -
Die Winterreise gibt nicht den leisesten Hinweis auf einen Nebenbuhler.
Und was ist mit der „reichen Braut“? Das impliziert einen anderen Mann - eine bessere Partie -, auch wenn er nicht direkt genannt wird, oder? Auf was hast du denn mit „Hohn und Schmach“ weiter oben sonst angespielt?
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Und was ist mit der „reichen Braut“? Das impliziert einen anderen Mann, auch wenn er nicht genannt wird, oder?
Die Braut ist reich, wenn es der Vater ist, oder?
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Nennt man eine Frau auch ohne Bräutigam „Braut“? Den Hinweis auf den reichen Vater finde ich aber gut, es wurde hier ja auch schon gesagt, dass ein solcher keine Rolle spiele. Bostridge hat da eine andere Rechnung aufgemacht.
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Nennt man eine Frau auch ohne Bräutigam „Braut“?
Umgangssprachlich - heutzutage - schon; damals sicher nicht (wenn dann nur im Konjunktiv II). Da aber die Mutter gar von Eh' sprach ... passt das schon.
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Wenn er nicht von selbst gegangen wäre, hätte man ihn aus dem Haus vertrieben. Zusammen mit der reichen Braut sind das recht konkrete Signale. Im Rückblick des zweiten Lieds spricht dann auch viel dafür, dass die Liebe des Mädchens weitergewandert ist, aber es ist gewiss der Reiz des Textes, dass das in der Schwebe bleibt. Auch die von Holger genannte Unmöglichkeit der Vergesellschaftung des lyrischen Ichs ist sicherlich treffend. Aber eine emanzipatorische Bewegung höre ich hier nicht.
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Wenn er nicht von selbst gegangen wäre, hätte man ihn aus dem Haus vertrieben. Zusammen mit der reichen Braut sind das recht konkrete Signale. Im Rückblick des zweiten Lieds spricht dann auch viel dafür, dass die Liebe des Mädchens weitergewandert ist, aber es ist gewiss der Reiz des Textes, dass das in der Schwebe bleibt.
Ich wüsste auch nicht, warum die Frau eine Braut sein sollte, wenn es keinen Bräutigam gibt. Und was ist denn mit der zweiten Strophe der "Wetterfahne"?
Er hätt’ es ehr bemerken sollen,
Des Hauses aufgestecktes Schild,
So hätt’ er nimmer suchen wollen
Im Haus’ ein treues Frauenbild.Für mich ergibt der letzte Vers nur Sinn, wenn die Frau nicht treu geblieben ist. Warum sonst sollte das Attribut Erwähnung finden? Es korrespondiert doch geradezu sinnbildlich mit des Mannes Vorstellung vom "spielenden" Wind, dessen Launen sowohl die Fahne auf dem Dach als auch die "Herzen" im Haus ausgeliefert sind.
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Den Hinweis auf den reichen Vater finde ich aber gut, es wurde hier ja auch schon gesagt, dass ein solcher keine Rolle spiele. Bostridge hat da eine andere Rechnung aufgemacht.
Es war alles ganz anders:
Wie aus neuesten aufgefundenen Schriftstücken hervorgeht, hatte „die Braut“ gar keinen Vater, sie war Halbwaise. Allerdings hatte sie einen Onkel, der sich in dem Sommer der Liebe auf einer langen und sehr erfolgreichen Geschäftsreise befand. Dem wurde zugetragen, dass seine Nichte sich in einen Wandergesellen verliebt hatte. Noch ehe er wieder im Städtchen angekommen war, drohte er schon, seine Nichte zu enterben, wenn sie sich seinem Wunsch, den Geschäftsfreund XYZ zu heiraten, widersetzen würde. Um das nicht zu riskieren, musste der Wandergeselle leider abgewiesen werden.
Ockhams Razor besagt, dass man unter mehreren konkurrierenden Erklärungen für dasselbe Phänomen diejenige mit den wenigsten Annahmen oder Variablen bevorzugen sollte. Dies wäre hier eindeutig diejenige Interpretation, die mit gar keinem hinzugedichteten Verwandten auskommt.
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Liebe Freunde,
wir wollen uns doch noch einmal das entscheidende Verspaar auf der Zunge zergehen lassen:
Das Mädchen sprach von Liebe,
die Mutter gar von Eh`
Ich zitiere mal Heine:
Sie saßen und tranken am Teetisch
und sprachen von Liebe viel.
Euer Roman ist zu Ende, wo ihr ihn beginnen laßt. Die Liebe ist objektseitig ein Gerede, die Brautschaft inbegriffen. Das evoziert die Fremdheit des Wanderers. "Die Liebe liebt das Wandern" ist ein Bekenntnis des Protagonisten, und zwar zur unbürgerlichen Promiskuität. Die Erkenntnisse sind nicht neu (Niklas Luhmann, Liebe als Passion). Aber sie werden hier dem romantischen Liebesideal aufgepropft.
Ihr Kind ist eine reiche Braut - diese Brautschaft ist eine taxonomische, eine perspektivische Mésaillance. Erst der "Leiermann" wird die soziale Gegenposition beziehen (wie Schumanns "Spielmann"). Das alles spricht stark für die Minderwertigkeitsgefühle des Protagonisten - die Erhöhung des Objekts. Gebannt in einen Turm der Unerreichbarkeit, wird dem "Mädchen" kampflos ein Terrain überlassen, von dem sich außerhalb der Phantastik der Innenwelt des Wanderers gar kein Gebrauch machen läßt.
Thorsten -
Dies wäre hier eindeutig diejenige Interpretation, die mit gar keinem hinzugedichteten Verwandten auskommt.
Nicht hinzugedichtet, denn die Braut ist reich und der Gesell geht, bevor er vertrieben wird. Beides evoziert den Vater. Einem suggestiven Text wird man diese Ebene zugestehen können.
Aber es lohnt nicht darauf rumzureiten.
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Aber es lohnt nicht darauf rumzureiten
warum nicht? Geht es um eine schlüssige Textinterpretation oder um freies assoziiren?
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Was ich bezüglich Winterreise im Forum vermisst habe, ist der soziokulturelle Hintergrund, der Kontext. Analysen und Interpretationen gibt es ja schon einige in mehreren threads. Vielleicht wirst du da fündig. Du bist ja auch neu hier und deswegen empfehle ich das umfangreiche Kunstliedforum.
Auch aus diesem Grund habe auf Bostridge verwiesen, weil ich dessen Lektüre bereichernder finde als Text-Interpretationsfragen (so spannend diese manchmal auch sind). -
Analysen und Interpretationen gibt es ja schon einige in mehreren threads. Vielleicht wirst du da fündig.
na, das klingt ja schon wie ein Rauswurf, aber auch der ist ja Thema der letzten Woche in diesem Thread.
Mir scheint, dass das Interesse in diesem Thread sich außerordentlich intensiv mit Hermeneutik beschäftigt, siehe die Frage nach "geht er, weil er frei sein will, oder geht er, weil die Liebe..." etc.
Genz allgemein scheint ja von Interesse zu sein: Was passiert da eigentlich in oder auf der "Winterreise"?
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Das ist schon eine spannende Frage, weil der Text, wie Farinelli oben treffend sagt, recht verstörend ist. Aber mich persönlich interessiert eben der Kontext mehr. Deswegen bin ich ja auch am allenfalls im Hintergrund spürbaren, aber im Text tatsächlich nicht existenten Brautvater hängen geblieben - eben weil er für den Wiener Ehe-Consensus eine Rolle spielt. Und dieser Consensus war im Umfeld von Schubert schon ein Thema.
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Aber mich persönlich interessiert eben der Kontext mehr. Deswegen bin ich ja auch am allenfalls im Hintergrund spürbaren, aber im Text tatsächlich nicht existenten Brautvater hängen geblieben
das verstehe ich ja durchaus, es sollte ja auch nur ein Beispiel dafür sein, dass man mit sogenannten "ad-hoc-Annahmen" sparsam umgehen sollte, weil man sonst in ein Labyrinth gerät, aus dem man nicht mehr herauskommt. Solch ein Labyrinth tut sich auf, wenn man den Wanderer aus Freiheitsliebe, aus Unabhängigkeitsdrang weggehen lässt. Die darauf folgenden Gedichte wie "Die Post" oder "Rückblick" lassen sich dann überhaupt nicht mehr sinnvoll verstehen.
Also - nichts gegen den Kontext, aber bitte bei einer konsistenten Interpretation bleiben.
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Ich möchte gerne dafür werben, eine Diskussion wie diese nicht zu hoch zu hängen. Hier hat bislang niemand eine konsistente Interpretation (es ist noch nicht einmal Konsens, ob es nun um Müller oder um Schubert / Müller geht) vorgelegt, und das wird auch in Zukunft niemand tun. Wer sich dazu berufen fühlt, soll doch gerne einen wissenschaftlichen Standards genügenden Artikel an geeigneter Stelle publizieren oder gar ein Buch verfassen.
In einem Faden wie diesem behalte ich mir vor, meine Verstehensansätze einzustellen und auf andere Verstehensansätze einzugehen - in der Hoffnung, dass sich mein und unser Verständnis erweitert. Um mehr kann es m.E. kaum gehen. Und weil ich das so sehe, ist es mir auch völlig wurscht, wenn jemand versucht, eine Dichtung von den Füßen auf den Kopf zu stellen, und ich bin völlig entspannt, wenn ich merke, dass es eben z.B. mehrere divergierende Lesarten des Textes gibt, obwohl ich längst nicht alles konsistent finde. Ich halte mich an die Überlegungen, die mir relevant und überzeugend erscheinen. erwarte aber nie und nimmer, hier eine "konsistente Interpretation" zu lesen. Das hier ist für mich ein im besten Falle engagierter, vielleicht sogar punktuell geistvoller Gedankenaustausch.
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Solch ein Labyrinth tut sich auf, wenn man den Wanderer aus Freiheitsliebe, aus Unabhängigkeitsdrang weggehen lässt.
Das ist leider nicht das, was ich meine. Gerade bei diesem Text, wenn man ihn wirklich in seiner Tiefe verstehen will, kommt man nicht aus ohne Philosophie. Philosophie ist, ein Zeitalter in seinen Gedanken zu erfassen. Man kann das auch den Zeitgeist nennen. Was waren die Ideen dieses Zeitalters, die es bewegt haben und die sich in der Literatur und Philosophie widerspiegeln?
Es gibt in diesem Text das Freiheitsmotiv, das es richtig zu verstehen gilt. Den Hinweis darauf, worum es geht, findet man z.B. bei dem französischen Soziologen Emile Durkheim. Durkheim sagt, dass das 19. Jhd. durch die "Emanzipation des Individuums" gekennzeichnet ist. Und genau dafür ist Müllers Winterreise ein bedeutendes Beispiel. Die Individualität wurde zwar bereits im 18. Jhd. entdeckt in der sogenannten Empfindsamkeit und dem "Sturm und Drang". Doch im 18. Jhd. hat die Individualität noch keinen wirklichen Eigenwert. Den bekommt sie erst im 19. Jhd. Worum nämlich die Individuen im 18. Jhd. kämpfen, das ist immer ein höheres Allgemeines, es sind die allgemeinen Ideen wie die der französischen Revolution Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Davon zeugen Schillers Dramen z.B. Auch das Emanzipatorische ist schon eine beherrschende Idee im 18. Jhd., nur geht es nicht um die Emanzipation des Individuums. Das zeigt sich im Deutschen Idealismus, der eine Freiheitsphilosophie ist. Bei J.G. Fichte oder G. W. F. Hegel ist die Entdeckung der Freiheit des Subjekts in eine Anerkennungstheorie eingebettet. Bei Fichte ist es die Dialektik der Aufforderung und Anerkennung und bei Hegel die Dialektik der Anerkennung. Deshalb ist die Freiheitstheorie des Idealismus auch eine Gesellschaftstheorie: durch die wechselseitige Anerkennung der Freiheiten konstituiert sich überhaupt erst die Gesellschaft. Entsprechend wird die Emanzipation "gesellschaftlich" verstanden: Es geht um die bürgerliche Emanzipation, die Emanzipation der Frauen, die Judenemanzipation usw. usw. Da dreht sich alles immer um allgemeine Ideen wie die der Freiheit und Gleichheit, die für alle Menschen in gleicher Weise gelten und die das emanzipatorische Interesse mit seinen gesellschaftspolitischen Forderungen bestimmen.
Wenn der Fremde in der Winterreise dagegen sagt, ich bestimme die Ziele meiner Wanderung selbst, dann tut er das als auf sich selbst vereinzeltes Individuum. Was er da betont, ist seine Selbstbestimmung. Doch anders als im idealistischen Zeitalter der Aufklärung des 18. Jhd. ist die Einbettung dieser emanzipatorischen Idee der Selbstbestimmung in eine gesellschaftskonstituierende Anerkennung weggefallen. Der Fremde betont seine Freiheit als einer, der von der Gesellschaft gerade nicht anerkannt wird und der auch die Gesellschaft nicht anerkennt, sondern von der Außenseiterposition eines Fremden aus, die er behauptet, betrachtet. Das ist zugleich sein Stolz und sein Leiden. Er leidet daran, kein Mitglied der Gesellschaft sein zu können, weswegen seine Liebe scheitert, die in seinem Zeitalter eben eine bürgerlich-gesellschaftliche ist und nur sein kann. Aber zugleich ist er auch stolz auf seine individuelle Freiheit, die die Gesellschaft verachtet. Es gibt in der romantischen Literatur nicht zufällig die Faszination für Paria-Gestalten, wie etwa bei Nikolaus Lenau, im Lied Die drei Zigeuner, das Franz Liszt vertont hat:
An den Kleidern trugen die drei
Löcher und bunte Flicken,
Aber sie boten trotzig frei
Spott den Erdengeschicken.Dreifach haben sie mir gezeigt,
Wenn das Leben uns nachtet,
Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt
Und es dreimal verachtet.Die Weltverachtung der Zigeuner ist hier natürlich die des Dichters, die er zum Ausdruck bringt. Die Zigeuner sind eine Projektion seiner Verachtung der erstarrten Gesellschaft der Restaurationszeit. In der Winterreise zeigt sich genau dieses Motiv im Lied Im Dorfe z.B., wo der Wanderer genau diesen trotzig freien "Spott den Erdengeschicken" zeigt: Ich will mit den verlogenen Träumen dieser Ewig-Gestrigen, die da in ihren Häusern schlafen, nichts zu tun haben. Die Position des Fremden als Paria-Gestalt ist zutiefst ambivalent: Einerseits leidet er an seiner Außenseiterposition, weil sie sein existenzielles Scheitern, gerade in der Suche nach Liebe, bedeutet und geht daran letztlich zugrunde. Zugleich ist sie sein Stolz. Er weiß sich als emanzipiertes Individuum der Gesellschaft gegenüber, die er verachtet, überlegen.
Man kann nun sagen: Das ist alles philosophische Theorie, die nichts zu sagen hat, weil Philosophie nichts mit dem Leben zu tun hat, sondern nur abstrakte Theorie ist so etwas nur für wissenschaftliche Publikationen, die nur Wissenschaftler interessieren. Das ist leider nicht meine Auffassung. Für mich ist Philosophie mit dem Leben identisch, wie übrigens für die meisten romantischen Dichter und Komponisten auch. Deswegen werde ich hier auch weiterhin vehement gegen jede Form der Geistfeindlichkeit und Philosophiefeindlichkeit mit allen Ressentiments, die darin stecken, anschreiben und energisch meine philosophische Position vertreten. Ich halte nämlich die Philosophiefeindlichkeit und Bildungsverachtung unseres Zeitalters für eine einzige Dummheit. Und der Dummheit überlasse ich nicht das Feld.

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Du solltest mal versuchen, Deine philosophischen Schubert-Lektüren in einem Fachorgan unterzubringen. Da gibt es doch einige. Bei Deinem Hintergrund sollte das eigentlich auch Dein Anspruch sein. Soweit ich sehe, findet dergleichen aber nicht statt. Warum nicht? Ohne eine Auseinandersetzung mit der Musikwissenschaft wird das vermutlich aber auch nicht gelingen.
Bis auf den Hinweis auf die "Vergesellschaftung“hat mich bisher wenig überzeugt von diesen philosophischen Lektüren, es werden Ebenen drübergestülpt, die wenig mit dem Text zu tun haben, wie zum Beispiel hier:
Er weiß nun, dass sie kein "treues Frauenbild" sein kann, nicht, weil sie in der individuellen Beziehung nicht treu gewesen wäre (das wäre als Inhalt einer so hochrangigen Dichtung auch platt und banal), sondern weil sie auf Dauer ihm in ihrer individuellen Liebe nicht treu sein kann, selbst wenn sie es wollte, weil sie eben Mitglied der Gesellschaft ist und bleibt und standesgemäß heiraten muss. Da wird sie dann die Gesellschaft, die Familie, "bearbeiten" psychologisch auch: Du kannst ihn und darfst ihn nicht heiraten! Daran scheitert ihre individuelle Liebe notwendig, weil sie nur eine vergesellschaftete Liebe sein kann.
Diese Lektüre ist schon deshalb problematisch, weil dem philosophischen Interpreten die im zweiten Lied thematisierte Untreue der Braut zu "platt und banal" ist, letztlich also zu 'dumm' - wie alle Rezipienten, die keine Philosophen sind. Also muss der philosophische Interpret dafür eine andere Erklärung finden, die reichlich fantasiert wirkt.
Richlich absurd wird es an einer anderen Stelle. Hier wird die "philosophische Lektüre" dann vollends zur Farce:
Er entschuldigt sich, dass seine Liebe der Wanderung gilt und er sie verlassen muss. Und er sorgt sich darum, dass sie nicht aufwacht, denn dann würde sie ihm eine Szene machen: Warum gehst du?
Ein philosophischer Hintergrund mag für das anspruchsvolle, dunkle Werk durchaus erleuchtend sein. Aber alle anderen, die dem nicht folgen, als dumm darzustellen, ist dann doch reichlich vermessen.
Letztlich zählt nur die Qualität der Argumente, und wenn man das Werk nur mit Hilfe der Philosophie verstehen würde, dann würden vermutlich die meisten Sänger und Pianisten, die keine Philosophen sind, das Werk nicht verstehen und auch nicht angemessen interpretieren können.
Spätestens hier zeigt sich, dass dieses Agument auf allzu tönernen Füßen steht.
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der Dummheit überlasse ich nicht das Feld.
Letztlich zählt nur die Qualität der Argumente
d’accord!
Natürlich kann der biographische Hintergrund interessant sein, er kann aber auch in eine Sackgasse führen, denn wie schon gesagt, es ist immer gut, Autor und lyrisches Ich zu unterscheiden. Wilhelm Müller muss nicht zwangsläufig den Mainstream seiner Zeit verarbeitet haben, er kann ganz andere Motive gehabt haben, um nach „Die schöne Müllerin“, in der er den Protagonisten in einem Bach (!) ertränkt, jetzt im zweiten Zyklus „Die Winterreise“ zwar wieder unglückliche Liebe zu verarbeiten, anstelle des Suizid aber eine Emanzipation und einen Neuanfang zu dichten.
Man kann „Gute Nacht“ tatsächlich als Flucht vor der festen Bindung interpretieren, nur wird der hermeneutische Aufwand bei der Interpretation der nächsten 23 Gedichte immer größer. Der Wanderer hängt an seiner Verflossenen, er wünscht sie sich bis „Letzte Hoffnung“ immer wieder zurück und erst in „Die Nebensonnen“ wünscht er sie „Anderen“ an den Hals, sollen die mal unter ihren „glühenden Augen“ leiden.
Noch etwas Allgemeines:
Die Meinung, in diesem Thread ginge es nicht um fundierte Kenntnisse, sondern um Meinungen, mag für die vergangenen 22 Jahre gegolten haben. Wir haben aber seit kurzem eine andere Situation: Künstliche Intelligenz (KI) ist in der Welt. Tausende von Schülern googlen „Die Winterreise“ und werden mit Interpretationen versorgt und dabei wie zwangsläufig auf Belegseiten geführt, die zu 90% „Tamino“ heißen. „Tamino“ ist in dieser Hinsicht ein Goldstandard geworden, dem man auch gerecht werden sollte, sonst wird es im Lichte dieser Öffentlichkeit irgendwann peinlich.
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Natürlich kann der biographische Hintergrund interessant sein, er kann aber auch in eine Sackgasse führen, denn wie schon gesagt, es ist immer gut, Autor und lyrisches Ich zu unterscheiden.
Der biographische Hintergrund ist ersteinmal nur für die Entstehungsgeschichte relevant (und interessant), die selbst noch keinen Einfluß hinsichtlich der Deutungshoheit auf das Werk selbst haben muss. Wenn das dann tatsächlich so ist; vielmehr: sein sollte, daß dies für die Deutung relevant ist, dann wird es kompliziert, da sie dann nicht mehr neutral bzw. allgemein ist (was vom Autor in diesem Falle kaum beabsichtigt sein könnte). Zum Beispiel die „Deutung“ der a-moll-Claviersonate und e-moll-Violinsonate bei Mozart (Tod der Mutter) vs. Musikalischer Spaß (Tod von Leopold M.) - ich halte so etwas für sehr gewagt.
Zur „Wetterfahne“ passt, was Dr. Gunther Schmidt (Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Begründer des hypnosystemischen Ansatzes) im Gespräch mit Matze Hielscher meint: „Es scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein, die Verantwortung dafür, daß das Ersehnte nicht erreicht wurde, jemandem zuzuschreiben. Die Selbstzuschreibung impliziert unbewusste Hoffnung: 'Wenn ich es richtig gemacht hätte, wäre das Gewünschte eingetreten' (Sehnsuchtsphantasie). Man wird (dadurch) in gewisser Weise wieder zum Handelnden über die Schuld. Für Menschen ist es die vielleicht unangenehmste Sache überhaupt, wenn man sich ohnmächtig fühlt. Wenn man sich aber die Schuld gibt, ist man immerhin noch der Ankläger und damit ist man (wieder) in einer handlungsfähigen Position“ - ich finde, daß dies hier sehr zutreffend beschrieben ist und auch bereits für „Gute Nacht“ durchaus erhellend ist.
Die „reiche Braut“ erklingt seltsamer- und sicher ironischer Weise in Dur! Gesungen wird mit stolzer und überzeugter Brust in den höchsten Tönen. Das Nachspiel des Claviers zieht die Schablone (besser: den Filter) vor dem Sichtfenster wieder fort und spielt ohne Modulation wieder a-moll, zeigt gnadenlos die Realität und versinkt leise in den Tiefen.
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[gelöscht wegen persönlicher Angriffe] astewes als mod
Letztlich zählt nur die Qualität der Argumente, und wenn man das Werk nur mit Hilfe der Philosophie verstehen würde, dann würden vermutlich die meisten Sänger und Pianisten, die keine Philosophen sind, das Werk nicht verstehen und auch nicht angemessen interpretieren können.
Spätestens hier zeigt sich, dass dieses Agument auf allzu tönernen Füßen steht.
Man muss kein Fachphilosoph sein, um einen Sinn für die philosophische Dimension von Literatur, Kunst und Musik zu haben. Das haben viele Künstler, die besten sowieso. Philosophisch ist, den Blick für das Wesentliche zu haben und zu behalten auch in der unendlichen Vieldimensionalität der Deutungsmöglichkeiten und nicht mangels dieses Blicks dann Autoritäten zu zitieren, die anstelle dessen die Wahrheit verbürgen sollen.
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Der Wanderer hängt an seiner Verflossenen, er wünscht sie sich bis „Letzte Hoffnung“ immer wieder zurück und erst in „Die Nebensonnen“ wünscht er sie „Anderen“ an den Hals, sollen die mal unter ihren „glühenden Augen“ leiden.
Schöne Lektüre, finde ich! Auch wenn in ‚Nebensonnen’ nichts von „leiden“ steht, aber der Duktus geht in diese Richtung („Schaut Anderen doch in‘s Angesicht!“).
Bostridge macht darauf aufmerksam, dass das Phänomen der Nebensonnen bereits Mitte des 17Jhs. physikalisch erklärt worden war, was aber wieder in Vergessenhet geraten ist. Zu Müllers und Schuberts Zeiten gab es also keine Erklärung, was das Phänomen für die Romantiker um so faszinierender machte. Erst 1845 wurde dann eine komplette Theorie aufgestellt. Erwähnenswert finde ich auch Bostrides Hinweis, dass - wie auch bei den Eisblumen und den Irrlichtern - das Universum des Wanderers in der Schwebe bleibt zwischen dem Realen und dem Imaginären, zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen. -
Bostridge macht darauf aufmerksam, dass das Phänomen der Nebensonnen bereits Mitte des 17Jhs. physikalisch erklärt worden war, was aber wieder in Vergessenhet geraten ist. Zu Müllers und Schuberts Zeiten gab es also keine Erklärung, was das Phänomen für die Romantiker um so faszinierender machte.
Warum ist es in Vergessenheit geraten? Dijon hat außer Senf auch noch den Physiker Edme Mariotte hervorgebracht, der in seinem 1681 erschienenem Buch "De La Nature des Couleurs" ab Seite 486 das Phänomen der Nebensonnen erklärt. Es sind Erscheinungen durch Lichtbrechung an Eiskristallen. Ich finde, dass diese Erklärung sich doch gut mit dem Bild des Trügerischen in der Liebe verträgt. Sie sind eben kalt, nur Phänomene und unterscheiden sich von der Sonne selbst
Zum nachlesen:
https://books.google.de/books/…tml?hl=fr&id=y10O12JjHskC -
Bostridges einmalig knappe und durchschlagende Interpretation der drei Sonnen ist ein Highlight in seinem ganzen Buch. Nichts mehr von herbeiphantasierten „Glaube-Liebe-Hoffnung“ Metaphern, nein kurz und knapp: Nur Augen können „schauen“.
Dass unser Wanderer seiner Verflossenen nichts Schlechtes wünscht, sondern einfach nur „Anderen“ das Gleiche, was ihm widerfahren ist, zeigt einmal mehr, dass er ihr trotz all seiner Leiden und Enttäuschungen nicht böse ist. Aber er kämpft eben auch nicht um sie.
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