Verdi Giovanna D'arco Premiere an der Scala

  • Hat eigentlich keine die gestrige Saisoneröffnung der Scala auf Arte gesehen? Ich war absolut zufrieden mit den Sängern, dem Dirigat und der Inszenierung. Und wann kann man diese Oper schon mal auf einer Opernbühne sehen.

  • Nachdem ich mir nun die Scala-Premiere von gestern angesehen und angehört habe, hier ein paar Anmerkungen:
    Die gesamte Besetzung und auch das Dirigat haben mich absolut überzeugt. Die Netrebko, (die bedauerlicherweise ihre figürlichen Probleme nicht in den Griff bekonmt; Sorry), ist heute stimmlich auf dem Gipfel ihrer Kunst angelangt. Sie kann die Stimme fluten lassen und wird nie schrill, bis in die Spitzentöne gelingen ihr wunderschöne Piani. Auch ihr Partner Francesco Meli, der nach italienischen Tageszeitungen der heute führende Belcantist sei, lässt in dieser Partie im Gegensatz zum Salzburger Troubadour keine Wünsche offen; das Orchester und der Chor der Scala unter Chailly haben die Partitur offensichtlich gründlich erarbeitet, die Präzision bei diesem selten gespielten Werk ist geradezu erstaunlich.
    Es bleibt die Regie:
    Je nun, es lâsst sich immerhin konstatieren, dass keine Nuditäten und andere Geschmackslosigkeiten auf der Bühne zu sehen sind. Andererseits wimmelt es nur so von Abstrusitâten, wie dass z.B. der dritte Akt nur in einem Zimmer statt auf dem Schlachtfeld endet, dass Giovannas Scheiterhaufen aus Wohnzimmermobiliar besteht usw., usw.. Aber alle Bilder sind aesthetisch, was heute schon viel ist und letztlich: Bei einem derart dümmlichen Libretto dürfte es sehr schwer sein, es so auf die Bühne zu bringen, dass der Zuschauer die Handlung und die nicht erklärbare Wandlung des Vaters von Giovanna nachvollziehen kann.
    Kurz: das Ganze ist keine Sternstunde geworden, nicht zuletzt dadurch, dass Verdis Werk zu seinen schwächsten gehört.

  • dass Giovannas Scheiterhaufen aus Wohnzimmermobiliar besteht

    Moment mal: Verdis Johanna endet überhaupt nicht auf dem Scheiterhaufen, sondern wird im Kampf verletzt und stirbt dann an ihren Verwundungen. In einer "werktreuen" GIOVANNA D'ARCO darf es also gar keinen Scheiterhaufen geben!



    dass Verdis Werk zu seinen schwächsten gehört.

    Musikalisch finde ich es gar nicht so schwach, kenne es ziemlich gut. Dass es so weit von Schillers "Jungfrau" entfernt ist, wurde damals von seinen Zeitgenossen nicht als Problem angesehen, später schon. Ist es eins?

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • In dieser Inszenierung wird sie an einem umgedrehten Kreuz auf einen imaginâren Scheiterhaufen gestellt, von dem sie dann von ihrem Vater nach Erkennen ihrer "Sendung" wieder befreit wird und die "Schlacht" erlebt sie dann in seinen Armen.
    Übrigens empfinde auch ich die Musik als weit gelungener, als das Libretto, was ja bei Verdi bei den meisten seiner Opern der Fall ist.

  • Ich glaube selbst Gerhard würde die Inszenierung nicht als Verunstaltungstheater bezeichnen. Die Idee mit den Wänden fand ich sehr gut gemacht. Sehr gut fand ich den Bariton der kurzfristig für Carlos Alvarez eingesprungen ist. Anna Netrebko würde ich zur Zeit sogar die Elsa im Lohengrin zutrauen. Herr Chailly hat das Stück schon in den 80 Jahren in Bologna mit Susan Dunn in der Titelpartie dirigiert. Nur leider hat man fast gar nichts mehr von ihr gehört und gesehen. Von mit aus hätte das Stück noch eine halbe Stunde länger gehen können.

  • Musikalisch sicherlich eine Sternstunde, angefangen mit dem Orchester unter Riccardo Chailly und dem Mailänder Opernchor über Anna Netrebko als Johanna, Francesco Meli als König bis hin zu Devid Cecceroni, der als Einspringer wirklich sein Bestes gab. Ich kann auch keinesfalls sagen, dass es sich bei dieser Oper, die ich schon viele Jahre auf CD mit Montserrat Caballé, Placido Domingo und Sherill Milnes und auch schon länger in der gelungenen Inszenierung von Werner Herzog aus Bologna, ebenfalls unter der musikalischen Leitung von Riccardo Chailly besitze, zu den schwächsten Verdis gehört.
    Die szenische Umsetzung konnte ich an vielen Stellen nicht als gelungen ansehen und hätte manchmal lieber den Bildschirm abgeschaltet, um mich nicht von der Musik abzulenken. Zwar war die Idee durchaus passabel, die Giovanna als Fiebertraum einer Jungfrau zu inszenieren. Das hätte ich als gelungen ansehen können, wenn diese Jungfrau nach der ersten Szene in die echte Handlung eingestiegen wäre. Aber alles in dem öden Schlafzimmer mit einem Bett, das hin und wieder als Sitzgelegenheit für die Protagonisten diente und ein paar modernen Möbeln (z.B. einem Sessel ohne Beine) spielen zu lassen wirkte auf mich auf die Dauer öde und langweilig. Die einzige Abwechslung war, dass diese Möbel später umgeworfen herumlagen.
    Und vieles passte daher auch nicht zum gesungenen Text und wirkte daher unglaubwürdig. Davon abgesehen erschien mir manches als kitschig: Der in Bronze getauchte König, der später auch auf einem bronzenen Pferd aus dem Bühnenboden emportaucht. Die im Libretto vorgesehenen Stimmen der bösen und guten Geister hätten mir ohne die dummen Erscheinungen genügt. Dann in der Szene vor der Kathedrale die hinzugefügte Jesuserscheinung mit dem Kreuz. Oder die Art Scheiterhaufen (der nach Libretto überhaupt nicht existiert) aus einem umgedrehten Kreuz und einem wilden Haufen aus zusammengeworfenen Möbeln. und nicht nur in der Sterbeszene fand dann das von den Gegnern konventioneller Inszenierungen immer wieder als Gegenargument gebrauchte "Rampensingen" mit starren Figuren und dem Chor auf der Empore statt.
    Ich will nicht sagen, dass die Inszenierung "verunstaltet" war, denn die Regie hat wenigstens die Handlung beibehalten. Aber insgesamt konnte ich dieser "Giovanna" - außer dem musikalischen Teil - nicht viel abgewinnen.
    Im Vergleich zu der Werner-Herzog-Inszenierung schneidet sie für mich eher schlecht ab und ich werde sie daher wieder löschen.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Da ich die Übertragung aus Mailand auch gehört habe, möchte ich ganz kurz meine Eindrücke mitteilen.


    Zunächst zum Werk: ob das nun ein eher schwächeres Werk ist oder nicht, lasse ich mal dahingestellt. Es ist noch allemal Verdi und es gibt viele wundervolle Musik, die zu hören sich lohnt!
    Wenn diese Musik so hinreißend aufgeführt wird wie an diesem Abend unter der Leitung von Riccardo Chailly, dann ist es letztlich gleichgültig, ob hier Verdi ganz auf der Höhe ist, die wir von ihm erwarten oder nicht.
    Also: Chailly, sein Orchester und der Chor waren für mich der eine große Trumpf!


    Der andere war ganz ohne Zweifel Anna Netrebko! Die herrlich reiche und wundervoll timbrierte Stimme ist einfach ein Genuß und wenn sie so gut durch alle Lagen und in allen Dynamikgraden geführt wird, wie an diesem Abend, dann bleibt für mich kaum ein Wunsch offen. Auch in der Gestaltung der Partie hat sie mich überzeugt, weil sie in den lyrischen Passagen sehr innig und empfindsam singen kann und auch die Kraft und die Emphase für die dramatischen Passagen hat. Höchst beeindruckend das warme Leuchten dieses Soprans in eigentlich jeder Lage!
    Ich bin froh, dass ich die Aufführung miteschnitten habe und so öfter noch mal hören kann.


    Dass die Herren nicht auf dem gleichen Niveau waren, habe ich allerdings schon sehr bedauert.
    Francesco Meli ist ein Sänger, der die höchst undankbare Partie des Königs verlässlich singt - aber nicht mehr!
    Die Engländer würden sagen er sei serviceable.
    Wenn man denn mal gehört hat, wie der noch ziemlich junge Bergonzi die Partie gesungen hat, dann ist der Unterschied doch schon sehr groß!


    Den eingesprungenen Bariton würde ich nun wirklich nicht mehr als serviceable bezeichnen. Das war - zumindest mir - für eine Premiere an der Scala zu wenig. Aber bitte: wo bekommt man für die Partie einen Ersatz, wenn der verpflichtete Sänger kurzfristig ausfällt? Immerhin hat Devid Cecceroni die Aufführung mitgetragen. Man kann ja nicht jeden Bariton an Rolando Panerai messen.


    "Zitat rodolfo39:
    Und wann kann man diese Oper schon mal auf einer Opernbühne sehen. "


    Man konnte in der Saison 2013/14 das Werk in Bielefeld in einer durchaus sehenswerten und vor allem höchst hörenswerten Aufführung erleben!
    Und da - in Ostwestfalen!!! - gab es einen Bariton, der dem Herren Ceccerini allemal und in jeder Hinsicht überlegen war: der junge Bulgare Evgueniy Alexiev!
    Eine prachtvolle und ausgesprochen klangschöne Baritonstimme, die dem zwiespältigen Charakter dieser Vaterfigur und den widerstreitenden Gefühlen eindrucksvoll Klangprofil geben konnte.
    In Bielefeld gab es übrigens für die Partie der Giovanna gleich zwei Sängerinnen, die beide eher leichtere Stimmen haben aber Ihre Sache sehr gut gemacht haben: Netta Or und Astrid Kessler! Ich habe beide gehört, aber der Grund, dass ich zweimal hingefahren bin, war Evgueniy Alexiev!


    Beste Grüße


    Caruso41

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Eine "nette" Zusatzinformation: Nach der Zeitung Republica soll Chailly von der szenischen Umsetzung nicht gerade begeistert gewesen sein. Nach der Vorstellung hat ihm der Regisseur gratuliert, um ihn anschliessend in grosser Lautstärke als Al und Stück Scheisse zu titulieren.
    Ein wahrlich tolles Beispiel von Kinderstube! Es ist nicht erstaunlich, dass darauf Chailly nicht an der Premierenfeier auftauchte....
    Eigentlich gehört dieser Beitrag in einen RT- Thread, denn für mich offenbart dieses Benehmen, wie sehr sich manche Regisseure als die Herren der Bühne empfinden und gleichzeitig die ausübenden Künstler als Sklaven, denen sie keinerlei Respekt entgegenbringen.

  • Es war zu bedauern, dass Carlos Alvarez aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Sein Ersatz hat seine Sache sehr ordentlich gemacht, mehr aber auch nicht. Meli war guter Durchschnitt, aber allein Anna Netrebko war es wert diese Giovanna D´Arco zu hören und zu sehen.


    :hello:
    Jolanthe

  • Für alle, die es verpasst haben:



    Ich lade es mir gerade mit dem Free YouTube Downloader runter (falls es irgendwann wieder weg ist) und schaue es mir später an.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Danke für Eure Berichte und Kommentare. Ich konnte die Übertragung nicht sehen und das Herunterladen übersteigt meine Computerfähigkeiten bei weitem. Da jedoch kenntnisreiche Mitglieder der Opernfraktion berichteten ist wenigstens ein Eindruck und Stimmungsbild der Oper, die ich vor Jahren einmal hörte, bei mir angekommen. Danke.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Ich lade es mir gerade mit dem Free YouTube Downloader runter (falls es irgendwann wieder weg ist) und schaue es mir später an.


    Kleiner Tipp: Schau Dir mal "MediathekView" an (Google ist Dein Freund). Damit hast Du bequemen Zugriff auf die Online-Mediatheken der öffentlich-rechtlichen inkl. Download sogar in HD-Qualität, sofern angeboten. Ich habe die Giovanna D'arco auch dort heruntergeladen. - Auch praktisch, wenn man mal den letzten Tatort verpasst hat :hello:

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.

  • Eine "nette" Zusatzinformation: Nach der Zeitung Republica soll Chailly von der szenischen Umsetzung nicht gerade begeistert gewesen sein. Nach der Vorstellung hat ihm der Regisseur gratuliert, um ihn anschliessend in grosser Lautstärke als Al und Stück Scheisse zu titulieren.
    Ein wahrlich tolles Beispiel von Kinderstube! Es ist nicht erstaunlich, dass darauf Chailly nicht an der Premierenfeier auftauchte....
    Eigentlich gehört dieser Beitrag in einen RT- Thread, denn für mich offenbart dieses Benehmen, wie sehr sich manche Regisseure als die Herren der Bühne empfinden und gleichzeitig die ausübenden Künstler als Sklaven, denen sie keinerlei Respekt entgegenbringen.


    Hier noch einige Zusatzinformationen zu dem von Marcel angesprochenen Zwischenfall:


    http://diepresse.com/home/kult…ink=/home/kultur/index.do


    Interessant sind auch die Leserkommentare zu diesem Artikel - wieder lauter Leute, die eben nicht verstehen, was wahre Kunst ist, sondern schlicht und einfach Opern lieben...


    PS. Ich habe mir die Optik in der Arte Mediathek erspart und lieber die Radioübertragung auf NDR Kultur gehört. Die Musik und auch die sängerischen Leistungen waren sehr hörenswert.

    Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)


  • Aus dem Artikel:


    "Die Rolle von Regie und Musikdirektor sollte klar sein. Jeder sollte seine Arbeit machen, es dürfte keine Interferenzen geben", meinte Leiser laut der Mailänder Tageszeitung "Il Giornale" am Donnerstag.


    Dem kann ich vollauf zustimmen. Es ist ebensowenig Aufgabe des Dirigenten, sich in die Inszenierung einzumischen, wie es dem Regisseur zukommt, die musikalische Interpretation beeinflussen zu wollen. Sollte Chailly dies nicht respektiert haben, kann ich die Verärgerung des Regisseurs verstehen, wenngleich ich öffentliche Beschimpfungen nicht gutheiße.


    Ideal ist es natürlich, wenn Regisseur und Dirigent Hand in Hand arbeiten und Verständnis und Sympathie für die Arbeit des jeweils anderen haben.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Es ist ebensowenig Aufgabe des Dirigenten, sich in die Inszenierung einzumischen, wie es dem Regisseur zukommt, die musikalische Interpretation beeinflussen zu wollen. Sollte Chailly dies nicht respektiert haben, kann ich die Verärgerung des Regisseurs verstehen, wenngleich ich öffentliche Beschimpfungen nicht gutheißen.


    Immer unter der Voraussetzung, dass beispielsweise durch die Aufstellung des Chors oder der Solisten die Arbeit des musikalischen Leiters nicht verunmöglicht wird.

  • Immer unter der Voraussetzung, dass beispielsweise durch die Aufstellung des Chors oder der Solisten die Arbeit des musikalischen Leiters nicht verunmöglicht wird.


    Einverstanden, in solchen Fällen muss man miteinander reden und Kompromisse finden. Die werden natürlich erschwert, wenn es grundlegende künstlerische Differenzen oder gar persönliche Animositäten gibt.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Ideal ist es natürlich, wenn Regisseur und Dirigent Hand in Hand arbeiten und Verständnis und Sympathie für die Arbeit des jeweils anderen haben.


    Und dann tatsächlich freundschaftlich-harmonisch auch die Arbeit des anderen beeinflussen, denn so deutlich trennbar sind musikalische und szenische Seite nicht, m.joho hat bereits mit einem konkreten Beispiel darauf hingewiesen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

  • Es ist ebensowenig Aufgabe des Dirigenten, sich in die Inszenierung einzumischen, wie es dem Regisseur zukommt, die musikalische Interpretation beeinflussen zu wollen.


    Einmischen – nein. Aber eigentlich würde ich es als selbstverständlich ansehen, dass Dirigent und Regisseur an einem Strang ziehen sollten. Wenn es richtig wäre, dass musikalische und szenische Interpretation gegeneinander arbeiten, dann würde das für mich bedeuten, dass beide nicht viel miteinander zu tun haben. Dabei hielt ich die Oper bisher immer für ein Gesamtkunstwerk.

  • Schön wäre es! Das hat schon vor Jahrzehnten bei Knappertsbusch und Wieland Wagner eher schlecht als recht funktioniert!

  • Bezeichnend sind für mich vor allem die Kommentare der Leser zu dem Verhalten heutiger Regisseure. Kein einziger, der die Umänderung und Verstümmelung der Meisterwerke gut heißt.
    Nun war die Inszenierung zwar nicht gut, wenngleich sie wenigstens die Handlung nach Libretto beibehielt, aber wenn man den Artikel liest, waren wohl noch weit schlimmere Szenen vorgesehen und die Regie musste vermutlich wegen der vorhergehenden Auseinandersetzungen einige Beschränkungen ihrer verrückten Ideen hinnehmen. Deshalb reagierte diese auch mit Ausdrücken weit unter der Gürtellinie und sicher auch aus Neid über die großartige musikalische Leistung, die die Oper gerettet hat (wie das Publikum beim Erscheinen der Regisseure reagiert hat, konnte man im Fernsehen leider nicht mitbekommen, weil Annette wieder mal alles zerredet hat).
    Wer nur die Radioübertragung gehört hat, kann zufrieden sein. Denn szenisch hat er nichts versäumt, im Gegenteil!


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Regietheater ist die Menge der Inszenierungen von Leuten, die nicht Regie führen können. (Zitat Prof. Christian Lehmann)

  • Schön wäre es! Das hat schon vor Jahrzehnten bei Knappertsbusch und Wieland Wagner eher schlecht als recht funktioniert!


    Es fehlt der wirkungsmächtige Dirigent, der mal ordentlich auf den Tisch haut. Der Kna würde den Tisch heutzutage wohl sogar zertrümmern. Und selbst Wieland Wagner müsste sich im Grabe umdrehen bei den Ergüssen, die wir mittlerweile tagtäglich vorgesetzt bekommen.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Bezeichnend sind für mich vor allem die Kommentare der Leser zu dem Verhalten heutiger Regisseure. Kein einziger, der die Umänderung und Verstümmelung der Meisterwerke gut heißt.


    Die Kommentare von acht Lesern einer bürgerlich-konservativen österreichischen Zeitung stellen wohl kaum ein repräsentatives Meinungsbild dar.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Die Kommentare von acht Lesern einer bürgerlich-konservativen österreichischen Zeitung stellen wohl kaum ein repräsentatives Meinungsbild dar.


    Und selbst wenn, so hätte das in Bezug auf die künstlerische Qualität überhaupt nichts zu bedeuten.

  • Und noch eine Inaugurazione! - Zu seinem Antritt im Jahr 2015 hatte der neue Musikdirektor Riccardo Chailly mit Verdis Giovanna d'Arco nicht unbedingt auf die sprichwörtlich "sichere Bank" gesetzt, aber mit Netrebko und Meli in den leading roles war das Risiko wohl überschaubar. Ich jedenfalls kannte das Werk bisher lediglich dem Namen nach und bin ehrlich gesagt sehr überrascht, welche Möglichkeiten das wohl eher mediokre Libretto doch für eine zeitgemäße Interpretation liefert: Sieht man einmal davon ab, dass wohl schon Schillers Trauserspiel Die Jungfrau von Orléans wenig mit den historischen Tatsachen gemein hatte und dies noch viel mehr für Verdis Oper bzw. Soleras Textbuch gelten dürfte, wird hier - nicht nur zwischen den Zeilen - immerhin die die (mindestens) seelische Vergewaltigung einer jungen Frau durch eine relegiös-moralisch-fundamentalistische Gesellschaft verhandelt. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, in den Motiven und Handlungen Giacomos, des Vaters der Giovanna das zu Erkennen, was man heute in den Medien euphemistisch als "Ehrenmord" bezeichnet. Auch Carlo VII, der zu Beginn noch feige Krone und Schwert ablegt, sieht in Giovanna kaum das Objekt wahrer Liebe, sondern lediglich ein probates Mittel, die eigene Macht zu erhalten.

    Vor diesem Hintergrund wird auch der u.a. in Beitrag #13 thematisierte Konflikt zwischen dem Regie-Duo Caurier/Leiser auf der einen und Chailly auf der anderen Seite wieder interessant. In dem verlinkten Presseartikel heißt es nebulös, "Der Musikdirektor habe sich gegen sexuell explizite Szenen hartnäckig gewehrt, auf die das Regieduo gepocht hatte.". Worum mag es da konkret gegangen sein? Kommt es beispielsweise am Ende des ersten Aktes, nachdem Giovanna ihre Liebe zu Carlo gestanden hat, zu einer Vergewaltigung? Ist Giovanna zu Beginn des zweiten Aktes tatsächlich noch Jungfrau? Liegt hier der tiefere Grund, warum sie auf die Fragen ihres Vaters stumm bleibt?

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs, eine Behauptung noch kein Argument und ein Argument noch kein Beweis.