Gotteshäuser als Aufnahmestudios ?

  • Salut,


    radagast brachte mich gerade auf die Idee zu diesem Thread - ich hoffe, es gibt ihn noch nicht:


    Der Thread ist im Prinzip zweiteilig:


    Teil A


    Welche Gotteshäuser [Kathedralen/Münster/Dome &ct.] haltet Ihr für geeignet, um dort Konzerte zu geben bzw. Tonaufnahmen zu machen, welche weniger? Welche Aufnahmen aus welchen "heiligen Hallen" schätzt Ihr besonders?


    Teil B


    Sollten Aufnahmen geistlicher Werke grundsätzlich in Gotteshäusern oder eher in Studios gemacht werden?



    Ich habe mich selbst bis jetzt nur periphär damit beschäftigt, daher meine Ansichten zu einem späteren Zeitpunkt.


    :hello:

  • Hallo, Ulli!


    Bevor ich den thread in die Allgemeinen Klassikthemen verschiebe, nun eine Antwort zu Frage A:


    Das Verdi-Requiem in der Klosterkirche Eberbach war ein unvergeßliches Erlebnis! :jubel:
    Die Akustik war wider Erwarten toll!


    Zu B: Haben die Berliner Philharmoniker, bevor sie eine Philharmonie hatten, nicht häufiger Werke in einer Berliner Kirche aufgenommen, nicht nur Vokales, sondern auch Instrumentales?


    Viele Grüße,
    Pius.

  • ja, genau, da muß ich Pius beipflichten:


    die Berliner Philharmoniker habe über MEHRERE JAHRZEHNTE vorzügliche Aufnahmen in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem aufgenommen.
    Daß da so atheistische Werke wie Tristan und Isolde dabei waren, stört mich persönlich nicht, wobei das eigentlich schon ein gewisses Problem wäre (für diejenigen, die das zu verantworten haben)


    Mich würde die Architektur dieser Kirche schon sehr interessieren, obwohl im booklet dieser Aufnahme einige Eindrücke des Innenraums vermittelt werden:


  • Wo sollte das Problem liegen, wenn in einer Kirche Aufnahmen gemacht werden?
    viele Kirchen sind tagsüber versperrt - der Hinweis mit den betenden Gläubigen ist eine banale Ausrede - die 3 Opferkerzchen, die angezündet werden...
    Und nachts? was spricht dagegen, außer verständnislose geistliche Herren?


    Weiß nicht, warum die Kirche diese Einnahmequelle ablehnen sollte

    Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
    (frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

  • Die ETERNA hat die Paul-Gerhard-Kirche in Leipzig als Studio genutzt, heute nimmt MDG da u.a. das Leipziger Streichquartett auf. Ein weiterer bekannter Aufnahmeraum ist St.Martin-in-the-Fields, da sind tatsächlich viele Aufnahmen der Academy-of-St.Martin-in-the-Fields entstanden. Die Schostakowitsch-Einspielungen des Rubio-Quartets (bei Brilliant) sind ebenfalls in einer Kirche entstanden (in Holland).


    Es kommt wohl in erster Linie auf die akustische Beschaffenheit des Raumes an, erst in zweiter Linie darauf, ob nun ein sakraler Raum besser zu einem sakralen Werk passt...


    Bei vielen Kirchen dürfte es aber Probleme mit den schallharten und darum stark reflektierenden Flächen geben, also Böden und Wänden aus Stein.


    Nebenbei: Es kommt gar nicht so selten vor, dass man Nebengeräusche auf Aufnahmen hört. Zum Beispiel U-Bahnen.


    Freundliche Grüße


    Heinz

  • Zitat

    Nebenbei: Es kommt gar nicht so selten vor, dass man Nebengeräusche auf Aufnahmen hört. Zum Beispiel U-Bahnen.


    Bekanntes "Problem" z.B. in den Abbey Road Studios... =)

  • Aufnahmen wurden damals von den Berliner Philharmonikern
    in der Jesu Christi Kirche gemacht für die Deutsche Grammophon Gesellschaft.
    Dort ist die legendäre Aufnahme mit der "Zauberflöte" unter Karl Böhm entstanden,(auch die Mozart Sinfonien) ebenso Aufnahmen unter Karajan, Jochum, Leitner u.v.a.


    In der Grunewaldkirche wurde für Electrola aufgenommen u.a.
    "Der Freischütz" mit Elisabeth Grümmer und Rudolf Schock.
    (Gesamtaufnahme in 4 Tagen)


    Es gab damals keine Aufnahmestudios, so wurde je nach Plattenfirmen in
    diesen Kirchen aufgenommen.


    Der Konzertsaal der Hochschule für Musik war der Saal für die Konzerte der Berliner und untauglich für Aufnahmen.Übrigens
    als Probernraum diente damals ein Gemeindesaal der Berliner Gemeinde in Dahlem.
    Bis dann die Philharmonie fertig war!

  • Hallo,
    eine sehr große Anzahl von Einspielungen britischer Labels(vor allem von EMI und Chandos) wurden und werden in Kirchen gemacht, z.Bspl. der All Saints Church in Tooting.


    Diese Kirche ist sehr hallig und für die Musiker ist es dort müham, sich gegenseitig zu hören.


    Trotzdem sind die Aufnahmeresultate dort sehr gut und klingen auch nicht übermäßig verwaschen, es sei denn, es wird nachträglich noch mit Hall manipuliert.


    Ein negatives Beispiel für eine solche Methode sind für mich die dort von Chandos aufgenommenen "Winter Legends" für Klavier und Orchester von Bax.
    Auf dieser Aufnahme herrscht nur noch Klangbrei, alles geht in einer riesigen Hallsuppe unter.


    Gruß,
    Michael


    P.S.Zu den Nebengeräuschen noch etwas.
    Die Kingsway Hall(leider mittlerweile abgerissen)in London war jahrzehntelang einer der beliebtesten Aufnahmeorte vor allem für DECCA und Lyrita, aber natürlich auch für EMI(Boult mit Vaughan Williams Sinfonien zum Beispiel)


    Die Akustik muß hervorragend gewesen sein, trotzdem gab es dort ein Problem.
    Direkt unter dem Sall führte eine U-Bahnstrecke durch und es war unumgänglich, vor allem in der Rush-hour ,daß ein tieffrequentes Rumpeln auf den Aufnahmen zu hören war.


    Wer die LP hat, kann es ganz deutlich zum Beispiel auf der Lyrita-Aufnahme der 7.Sinfonie von Bax(etwa im letzten drittel des ersten Satzes)hören.


    Mich stört das nicht, ich freue mich sogar darauf, irgendwie macht es eine solche Studioproduktion menschlicher.


    Von den Abbey-Road Studios ist mir ein solches Problem allerdings nicht bekannt.


  • Aufnahmestudios für Opernaufnahmen (und anderen großen Besetzungen) wird es auch heute nicht geben. Da muss man immer in eine geeignete Lokalität ausweichen. Manche geeignete Konzertsäle haben schon fix reservierte Räumlichkeiten für das Aufnahmeequipment, die nicht nur von Plattenfirmen für Plattenaufnahmen, sondern ansonsten vom Rundfunk für Mitschnitte und Übertragungen verwendet werden. Kirchen werden wegen günstiger Akustik und/oder wegen der vielleicht geringeren Kosten für Aufnahmen verwendet.

  • Salut,


    ich habe jetzt [wissentlich] mehrere Kammermusikeinspielungen, welche in Kirchen aufgezeichnet wurden, ich nenne nur eine bekanntere:


    [jpc]5043657 [/jpc]


    Luigi Boccherini
    Klavierquintette
    Les Adieux


    aufgenommen in der Evangelischen Kirche in Honrath.


    Ich empfinde den obligatorischen Hall als ziemlich widerwärtig, er ruft in mir ungute Gefühle hervor - überschattet in diesem Falle die Musik aber nicht. Das Ganze erhält so einen "geistlichen Beigeschmack", den ich als absolut fehl am Platze empfinde. Wenn ich geistliche Musik hören mag, dann wähle ich Oratoiren, Messen und dergleichen.


    Ich finde, Kammermusik sollte nicht in einem Gotteshaus aufgezeichnet werden. Oratorien, Messen und dergl. wohl schon.


    Liebe Grüße
    Ulli

  • Hallo, Ulli!



    Tja, ich empfinde das überhaupt nicht so. Es ist eine meiner Lieblingsaufnahmen, so wie sie ist IMO perfekt.


    Auch diese von mir sehr geschätzten Aufnahmen sind größtenteils in diversen Kirchen entstanden:



    Viele Grüße,
    Pius.

  • Salut!


    Die Interpretation als solche gefällt mir ja auch sehr gut - nur die Art der Aufnahme passt m. E. gar nicht: Kammermusik findet im intimen kleinen, Kreis statt - nun kann man natürlich dagegenhalten, dass "ein Gespräch mit Gott" in der Kirche ein ebensolcher ist. Aber es ist nicht zwingend Intention dieser Musik. Ich möchte dies aber nicht auf diese hohe Ebene hieven. Kammermusik sollte schon in einem kleinen Redoutensaal oder in einem Studio aufgezeichnet werden, da mich der Hall enorm stört.


    Liebe Grüße
    Ulli