Teodor Currentzis, Exzentriker aus Griechenland

  • Hallo!


    Ich habe gestern in der Digital Concerthall Mahlers 3te unter der Leitung von Gustavo Dudamel angeschaut und angehört. Heute dasselbe (nach meinem Liveeindruck in der Liederhalle): Mit Freunden die Aufnahme von Currentzis mit den Stuttgartern bei mir zuhause. Hätte ich die Currentzis - Aufführung nicht gesehen gehabt, wäre ich mit Dudamel wohl zufrieden gewesen. So direkt hintereinander liegen jedoch Welten in der Tiefe der Interpretation. In beiden Aufführungen war Gerhild Romberger die Solistin des "Oh Mensch gib Acht". Während es bei den Berlinern wie ein Orchesterlied dargeboten war, ist es faszinierend zu erleben, wie Currentzis eine Sphäre schafft, aus der dieser tiefgründige Text wie aus einem Nebel auftaucht.


    Das Konzert ist noch immer in den ARD-Mediatheken (bzw. SWR2) abrufbar.


    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Deine Einschätzung, lieber WoKa, deckt sich weitgehend mit meinem Beitrag 112. Ich hatte große Vorbehalte zu Currentzis, aber die 3. Mahler hat mich restlos begeistert. Wenn der Mann weiter so macht, werde ich noch Fan von ihm!!


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Kann nicht verstehen, wie dieser Currentzis dermassen gehypt wird. Alleine seine (hochgepriesene!) CD mit Tschaikowsky's "Pathétique" ist eine plumpe Frechheit. Sein Mozart ist einfach extrem anders, wie als würde er sich bemühen, nur das nicht zu tun, was seine (grösseren) Kollegen vor ihm getan hatten. Es geht nämlich nicht darum, wenn man ein Werk interpretiert, dass man es als Interpret besser wissen soll, sondern, dass man den Komponisten und die Noten seiner Partitur absorbiert und ernst- und respektvoll künstlerisch wiedergibt. Currentzis schmeisst sein Zeug oft wild vor sich hin bevor er es ernsthaft studiert hat. Die heutige oberflächliche konsumrasende Generation fliegt leichter auf einen solchen Schwindel ein, aber diese Art Stars sind allgemein kurzlebig. Derjenige, der es besser weiss, ist halt immer noch der Komponist - sorry and please!

    Mozart-Kenner wie Harnoncourt wird es vermutlich keine weiteren geben. Intellektualität, profunde Musikkenntnisse und allgemeinkulturelles hohes Niveau werden heute nicht mehr verlangt. Viele Dirigenten, die heute herumjetten, finden auch keine Zeit mehr, um ihr Repertoire zu lernen und es zu assimilieren wie man es sollte.

    Auch Vladimir Jurowski, ein weiterer Gehypter, sollte aufpassen: Wir hatten in der Zürcher Oper eine Produktion von Schrekers "Gezeichneten" mit ihm, die laut, gefühllos und plump; gottlob hat er nicht alle Vorstellungen dirigiert, denn Giedré Slekyté, die zweimal dirigierte, war sensibler. Das hat man gleich im Orchester gespürt. Geschweige denn die 30-minütigen vielen lieblosen, unlogischen und unprofessionellen Strichen, die er genehmigte. Und Regisseur Barry Kosky (der keine Ahnung von diesem Stück hat und den Premierenapplaus in einem Stalin-Shirt gekleidet empfang) hatte noch die Frechheit während der Premierefreier herum zu erzählen, dass Jurowski Schreker besser verstehen würde als Ingo Metzmacher! In Interviews hatte Jurowski bereits im Voraus gesagt, Schreker sei halt kein Zemlinksy, kein Korngold - und somit war auch die Intendanz und die Dramaturgie-Abteilung einverstanden...

    Die Neue Zürcher Zeitung meinte dazu:

    "Es wirft zudem ein bedenkliches Licht auf den Dirigenten Jurowski, der als designierter Nachfolger Kirill Petrenkos im Amt des Generalmusikdirektors der Bayerischen Staatsoper ab 2021 dem für kühne Regiekonzepte bekannten Intendanten Serge Dorny weit mehr Eigengewicht und ein Beharren auf künstlerischer Integrität entgegensetzen müsste, soll die Musik dort nicht, wie hier in Zürich, gründlich unter die Räder kommen."

    Zu den Mozart-Requiem-Exzentrikern gehört übrigens auch Nikolai Golovanov - der ebenfalls eine packende, doch diskutable "Pathétique" aufgenommen hat. 1948, nach deren Aufführung in Moskau, gab es ernsthafte Diskussionen über den Sinn von "persönlich interpretierter" Musik - aber da lebte Stalin noch...

  • Ich glaube, lieber adriano, jetzt traut sich keiner, Dir zu widersprechen. Deine fachliche Kompetenz würde laienhafte Meinungen zerpflücken können. Allerdings würde mich als "Bauchversteher" schon interessieren, wie Du die Interpretation von Mahlers 3. sehen würdest.

    Ich gestehe, bis zu dieser TV-Übertragung sehr kritisch zu Currentzis gestanden zu haben, dieser TV-"Event" mir aber gezeigt hat, daß er sich nicht nur durch seine schrillen Auftritte einen Namen machen kann.


    Herzlichst La Roche


    PS Siehe dazu meine Beiträge 47, 54, 103, 107 und 112 in diesem Thread. Und.... ich bin kein Musiker. Ich habe Chemie studiert!!

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Ich glaube, lieber adriano, jetzt traut sich keiner, Dir zu widersprechen. Deine fachliche Kompetenz würde laienhafte Meinungen zerpflücken können.

    Nun ja, ich habe Currentzis Ende letzten Jahres, genauer am 19.12.2018 zum ersten Mal live erlebt: Zusammen mit dem SWR Sinfonieorchester, dessen Chefdirigent er seit dieser Saison ist, und einem formidablen Antoine Tamestit gab es in der Elbphilharmonie das Violakonzert von Alfred Schnittke und im zweiten Teil Tschaikowskis 5te; beides gelang meiner laienhaften Meinung nach ganz ausgezeichnet. Beispielsweise die Symphonie deutlich weniger auf den Effekt getrimmt, als ich es erwartet hätte. Die Interpretation war klar strukturiert und hatte insgesamt einen erzählerischen Duktus. - Jedenfalls war ich von Currentzis Zugriff eher angenehm überrascht und freue mich auf den April, wenn ich ihn zusammen mit seinem Ensemble MusicAeterna und Verdis Missa da Requiem hören werde.

  • Lieber La Roche

    Man soll sich nur trauen, mir zu widersprechen :-)

    Meine Meinung ist nicht diejenige eines Profis und ich bin stets sehr undiplomatisch in Sachen Meinungsäusserungen! Ich hab (gottseidank!) nicht einmal einen Konservatoriums-Abschluss. Musik habe ich auf eine viel persönlichere, eigene, erlebnisreichere Art studiert. Ich äussere mich oft sehr kritisch gegenüber anderer Dirigenten (und auch Sängern, denn ich hatte eine Sänger-Ausbildung) weil ich nichts zu befürchten habe. Dagegen bin ich - wenigstens auf dem Papier - ein Amateur :-) Aber eben, ich studiere meine Partituren mit Respekt und besitze eine grosse Allgemeinkultur, dazu spreche ich fliessend 4 Sprachen. Mit vielen Dirigenten konnte ich nicht einmal über Literatur oder Filme diskutieren. Einer, in Zürich, durfte "Pelléas und Mélisande" dirigieren, er kannte das Original-Theaterstück nicht und sprach kein Wort Französisch. Und das muss man bei "Pelléas" können, denn während des Dirigierens muss man den Text mitsprechen, nur so kriegt man die richtige Organik. Dies ist nur ein Beispiel aus meiner Einstellung.

  • Lieber adriano,


    sei nicht so bescheiden. Immerhin widmet Dir Wikipedia eine eigene Seite!! Das haben wenige hier geschafft, im Forum!


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Beitrag von La Roche ()

    Dieser Beitrag wurde vom Autor aus folgendem Grund gelöscht: Ich habe es nicht nötig, mich von einem Bertarido als erfolglosen Neidhammel bezeichnen zu lassen. ().
  • @ La Roche

    Bertarido, der meinte wohl mich!

    Verbitterung schon, doch nur über die Art, wie heutzutage Musik gemacht wird, aber sicher keinen Neid. Und so erfolglos (wenigstens als CD-Dirigent) bin ich denn auch wieder nicht. Ich fühle mich nicht da um Erfolge zu ernten (die ja in meinem Fall nur aus Komplimente seitens Musikliebhabern und guten Rezensionen bestehen) sondern denen die Musik zu bringen, die bisher andere nicht getan haben :-)

    Zu meiner Verteidigung möchte ich noch hinzufügen, dass, wenn der Betreffende meine anderen Tamino-Beträge kennen würde, würde er merken, dass ich viele Dirigenten auch lobpreise - was sich ja mit Neid nicht vereinbaren lässt :-)

    Und ich habe - im Vergleich zu vielen anderen Mitgliedern, auch den Mut, mit meinem Namen so wie er ist, und nicht unter einem Pseudo aufzutreten. Ein Pseudo hat es viel leichter, jemanden anonym zu beleidigen oder zu krirtisieren :-)

  • @ La Roche

    Bertarido, der meinte wohl mich!

    Verbitterung schon, doch nur über die Art, wie heutzutage Musik gemacht wird, aber sicher keinen Neid. Und so erfolglos (wenigstens als CD-Dirigent) bin ich denn auch wieder nicht. Ich fühle mich nicht da um Erfolge zu ernten (die ja in meinem Fall nur aus Komplimente seitens Musikliebhabern und guten Rezensionen bestehen) sondern denen die Musik zu bringen, die bisher andere nicht getan haben :-)

    Zu meiner Verteidigung möchte ich noch hinzufügen, dass, wenn der Betreffende meine anderen Tamino-Beträge kennen würde, würde er merken, dass ich viele Dirigenten auch lobpreise - was sich ja mit Neid nicht vereinbaren lässt :-)

    Und ich habe - im Vergleich zu vielen anderen Mitgliedern, auch den Mut, mit meinem Namen so wie er ist, und nicht unter einem Pseudo aufzutreten. Ein Pseudo hat es viel leichter, jemanden anonym zu beleidigen oder zu krirtisieren :-)

    Das mag sein, deshalb versuche ich hier auch, mit polemisierender Kritik vorsichtig zu sein.

    Andererseits: Mir gefällt deine Kritik unter persönlichem Namen bislang auch noch nicht, weil du eine Reihe von Unterstellungen in den Raum wirfst, ohne sie zu belegen. Z.B. dass Currentzis seine Partituren nicht ausreichend studiert: Woher weißt du das?

    Ich gestehe, dass ich deiner Antwort mit großer Skepsis entgegensehe.


    Neulich im Radio habe ich etwas von Rameau unter Currentzis' Leitung gehört: Das war von der Phrasierung und Klanggestaltung her schlicht ganz besonders intensiv und unmittelbar faszinierend. Es hörte sich überhaupt nicht ansatzweise geschlampt an, nach "Schwindel" (auch dieser Ausdruck ärgert mich) schon gar nicht.

  • Was ich für Kritiken lesen muss, die mich betreffen, das müsste man auch beweisen, doch es wird nicht getan und auch von niemandem verlangt :-)

    Lieber Adriano, wir sind hier ja nicht vor Gericht. Und du hättest mir oder anderen sicherlich nichts beweisen müssen. Ist es wirklich so schwer zu verstehen, was ich mir bezüglich Currentzis gewünscht hätte? Gerade auch vor dem Hintergrund, dass du doch anscheinend selbst nur zu gut weißt, wie das ist, wenn man von unbegründeter Kritik betroffen ist?

  • @ Betrarido

    Meine Kritik an Kosky und an Jurowski zur Sache "Die Gezeichneten" in Zürich lässt sich durch mehrere Rezensionen belegen, die sich leicht im Internet finden lassen - falls man mir nicht glaubt. Es sind keine Unterstellungen. Und schliesslich war ich anwesend, zusammen mit meinen Freunden Peter Pachl und Christopher Hailey. Dann erzählt Kosky während der Premierenfeier noch herum, dass Jurowski Schreker besser verstehen würde als Ingo Metzmacher! Das einzig Gute an dieser Inszenierung waren die Sänger und das Orchester. Meine persönliche detaillierte Kritik würde noch schlimmer ausfallen als diejenigen der Presse aus der Schweiz und aus Deutschland (u.a. von Peter Pachl), die ich nachträglich konsultiert habe. Aber ich bin kein Profi-Kritiker, bloss Einer der sich seit vielen Jahren intensiv mit Schreker beschäftigt.

    @ Leiermann

    Was ich in meinem gestrigen längeren Posting über Currentzis schreibe finde ich klar und "self-explanatory" genug. Natürlich kenne ich die betreffenden Partituren sehr gut. Beim Lesen anderer Themen hier drin finde ich vielfach Ähnliches, das nicht weiter im Detail bewiesen werden musste! Und, was ich hier behaupte, da bin ich sicher nicht der Einzige (Amateur-Kritiker, übrigens, wie vermutlich Ihr fast alle auch)!