Teodor Currentzis, Exzentriker aus Griechenland

  • Mahler ist eine der peinlichsten Erscheinungen der Musikgeschichte".

    Warum muss ich jetzt bei dieser Äußerung "Celis" bloß an diese Sache "Gott ist tot!" (Nietzsche) - "Nietzsche ist tot!" (Gott) denken? :hahahaha:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • Hallo!


    Am vergangenen Freitag erlebte ich mein zweites Konzert des SWR Sinfonieorchesters unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Teodor Currentzis.


    Programm:


    George Crumb: Ancient Voices of Children

    Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 4


    "Acient Voices" - ein zeitgenössisches Werk, das Georg Crumb 1970 auf Texte von Federico Garcia Lorca schrieb, war für mich im wahrsten Sinn des Wortes "Neue Musik". Die Bühne war nur über die Beleuchtung auf der Bühne für die jeweiligen Protagonisten leicht erhellt. Das kleine Ensemble wurde von Currentzis geleitet, die Hauptprotagonisten waren Sophia Burgos (Sopran) und Johannes Rempp (Knabensopran). Während einer Art "freiem Bewusstseinsstrom" (Programmheft) wurde der Hörer zusätzlich visuell durch Fotos von Kindern in Kriegssituationen animiert. Das Stück zu beschreiben erscheint mir sehr schwierig, daher stelle ich den Link eines anderen Ensembles ein:


    Georg Crumb - Ancient Voices of Children


    Mit Sicherheit eine sehr gewöhnungsbedürftige Musik, auf die man sich in vielleicht besonderem Maße einlassen muss. Das Stuttgarter Publikum war dazu bereit und hat die Aufführung anschließend entsprechend gewürdigt.


    Nach der Pause Mahlers 4te. Ich war äußerst gespannt, nach der hervorragenden Dritten nun einen weiteren "Currentzis-Mahler" zu erleben. Solistin war Christina Gansch (Sopran).


    Ich war wiederum fasziniert von dem Zusammenwirken von Orchester und Dirigenten. Er scheint mit jeder Bewegung, mit jeder Geste oder Mimik auszudrücken: "Ich bin begeistert von dem was Ihr spielt" und unterstreicht es, indem er auch vor großen Bewegungen nicht zurückschreckt.


    Gradmesser war für mich der herrliche dritte Satz. Tage zuvor hatte ich mir zur Vorbereitung eine für mich sehr gelungene Aufführung des NDR Sinfonieorchesters unter Christof Eschenbach aus dem Jahr 2010 (Eröffnungskonzert des Schleswig Holstein Festivals) angeschaut und angehört. Schon hier war ich ergriffen von der Tiefe der Darbietung dieses Satzes, zumal die Ergriffenheit Eschenbachs sichtbar war. Entsprechend gespannt war ich auf diesen Abend.


    Ich kann mir nicht vorstellen, dass es möglich ist, diesem Satz mehr emotinale Tiefe zu verleihen, als es dem SWR SO gelungen ist. Beweis dafür ist, dass in diesen zwanzig Minuten annähernd Nullk Räuspern oder Husten zu vernehmen war. Das Publikum war schlichtweg zu gebannt.


    Der Abend schloss sich hinsichtlich meiner und der Begeisterung des Stuttgarter Pblikums nahtlos an das Erleben der Dritten Sinfonie an.


    Am Ende des Konzertes wies der Maestro darauf hin, man möge doch noch etwas trinken un anschließend zurück kommen. Es würde dann noch etwas musiziert.


    Als Dreingabe hörten wir ebenfalls ein Stück von George Crumb: Vox Balaenae für 3 maskierte Spieler (Flöte, Violoncello und Klavier).


    Ich hoffe, noch viele derartige Abende erleben zu dürfen.


    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Hier kann man sich das ganze Konzert anhören!


    Currentzis dirigiert Crumb und Mahler 4


    LG Fiesco


    PS: Ich kann mich WoKa's Rezension voll anschließen, und bekomme noch immer eine Gänsehaut allein schon beim nur lesen:!:

    Leider konnte ich Currentzis netter Aufforderung nicht nachkommen, da meine Mitnahme Gelegenheit zurück musste! :(

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Ergänzend vielleicht Teodor Currentzis probt Mahlers Vierte. Ich selber als Hamburger habe das Konzert nicht erlebt, dafür vor einigen Monaten das Gastspiel in der Elbphilharmonie mit Schnittkes Violakonzert und Tschaikowskis 5ter. - Großes Kino!


    An alle Konzertbesucher hier die Frage, wie sich Frau Gansch, die ja bis vor kurzem noch Ensemblemitglied der Hamburger Staatsoper gewesen ist, geschlagen hat?

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

  • An alle Konzertbesucher hier die Frage, wie sich Frau Gansch, die ja bis vor kurzem noch Ensemblemitglied der Hamburger Staatsoper gewesen ist, geschlagen hat?

    Also ich fand den von ihr gesungen Finalsatz ganz hervorragend, meine erste Begegnung mit dieser sympathischen Sängerin (es gab im Vorfeld ein Interview mit ihr).

    mfg

    lutgra

  • Mahlers Dritte mit Currentzis hat mir übrigens auch gefallen, nur so ganz nebenbei...

    Und auch noch ganz nebenbei, Currrentzis scheint einen Reserve-Dirigentenstock zu haben, den er plötzlich zu zeigen braucht :-)


    Spannend, dass mit Teodor Currentzis inzwischen ein Enfant terrible einem Radioorchester wie dem SWR vorsteht. Sein Multimedia-Projekt Dau, das in Berlin nicht gezeigt wurde, nun aber in Paris aufgeführt wird, verstörte die Kritik. Jürgen König findet das Projekt im Deutschlandfunk einfach nur „peinlich bis hochstaplerisch“, und Igor Torony-Lalic vom Spectator schreibt: „Das einzig halbwegs Spannende für einen Musikkritiker ist, dass es das erigierte Glied von Teodor Currentzis zu sehen gab. Nun, ich habe Haitinks Dödel noch nie gesehen, oder Rattles oder Toscaninis. Wenigstens das war neu. Etwas, das man auf der Liste abhaken kann.

    (Crescendo, Magazin für Klassische Musik)


    Aber brauchen wir so was??

  • Zitat

    Aber brauchen wir so was??

    Mit 120prozentiger Sicherheit nicht. Ein großer Musiker wird er wohl sein, wenn auch nicht unumstritten. Ein großer Narzisst ist Currentzis auf jeden Fall.


    Im Übrigen könnte das auch griechischer Humor sein. Man kennt die entsprechenden Figürchen und ein Bekannter von mir, der aus Athen stammt, schilderte mir einst begeistert die Länge des Organs bei seinem wenige Monate alten Nachwuchs.


    :)Wolfgang

  • Spannend, dass mit Teodor Currentzis inzwischen ein Enfant terrible einem Radioorchester wie dem SWR vorsteht. Sein Multimedia-Projekt Dau, das in Berlin nicht gezeigt wurde, nun aber in Paris aufgeführt wird, verstörte die Kritik. Jürgen König findet das Projekt im Deutschlandfunk einfach nur „peinlich bis hochstaplerisch“, und Igor Torony-Lalic vom Spectator schreibt: „Das einzig halbwegs Spannende für einen Musikkritiker ist, dass es das erigierte Glied von Teodor Currentzis zu sehen gab. Nun, ich habe Haitinks Dödel noch nie gesehen, oder Rattles oder Toscaninis. Wenigstens das war neu. Etwas, das man auf der Liste abhaken kann.

    (Crescendo, Magazin für Klassische Musik)


    Aber brauchen wir so was??

    Wer auch immer "wir" sind, und was genau mit dem "so was" gemeint ist: Um mir ein Urteil zu bilden, wollte ich das Projekt dringend besuchen, anstatt einfach die Meinung von Kulturjournalisten zu übernehmen. Zumal die oben verlinkten Artikel keine Einhelligkeit verbreiten: Jörn Florian Fuchs von der "Wiener Zeitung" konnte "Dau" offenbar nach einer gewissen Zeit der Irritation, Enttäuschung und Desorientierung durchaus interessante Seiten abgewinnen.

  • Beitrag von La Roche ()

    Dieser Beitrag wurde vom Autor gelöscht ().