"Frauenzimmer" -Das Frauenbild in Mozart-Opern

  • Liebe Forianer


    Schon ein altes Sprichwort sagt: Ein Thread kommt selten allen :P
    So auch hier. Dieser wurde inspiriert, durch das Thema: "Die Zauberflöte- ein Machwerk", wo unter anderem auch darüber nachgedacht wurde, ob die Zauberflöte ein "frauenfeindliches" BIld biete, oder ob das dort gezeichete Frauenbild dem damaligen"Stand der Zeit" entspräche. Kurz wurde dort auch noch ein Vergleich mit den Frauengestalten des "Figaro" bemüht und - zack war der Geistesblitz auch schon geboren, in einem Speziellen Thread die einzelen wichtigeren weiblichen Charaktäre aus Mozarts Opern einer Analyse zu unterziehen.


    Hier interessiert vor allem die Frage: Wie "rechtlos" waren die Frauen zu Mozarts Zeiten wirklich ?
    Hört man heutige "fortschrittliche" Stimmen, so gewinn man ja wirklich den Eindruck, de armen Frauen wären damals lediglich rechtlose unterdrückte Geschöpfe.
    Indes bieten die Frauengestalten in Mozarts Opern ein anderes, differenzierteres BIld, wo beispielsweise die getreue Constanze ihren geliebten Belmonte ohrfeigt, als er sie (sehr subtil) der Untreue verdächtigt. Da wäre dann noch die mächtige böse Königin der Nacht zu erwähnen. Despina die listige, boshafte, nicht zu vergessen - aber ich möchte nicht vorgreifen:


    Der Faden kann gesponnen werden :P


    LG


    aus Wien


    Alfred

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  • Hallo


    war es nicht das Blondchen, das ihrem Pedrillo mal kräftig eine runtergehaut hat? Ich denke Konstanze mit ihrem schwachen feigen Herzen hätte sich das nicht getraut, Blonde ist wohl impulsiver.


    Nun, wie auch bei den Männern zeichnet Mozart auch bei den Frauen sehr differenzierte Charakterbilder mit allen ihm zu Gebote stehenden Tricks.


    Bin leider für die Da-Ponte-Opern kein Experte, da sollen mal andere ran.


    Die Königin der Nacht ist wohl die interessanteste Frau in der Zauberflöte (Kunststück :D ), weil sie sowohl die treusorgende Mutter als auch die hinterlistige rachsüchtige Furie in sich vereint. Sie ist also weder nur gut noch nur böse, genau wie ja auch ihr Gegenpart Sarastro.


    Konstanze und Pamina finde ich relativ ähnlich, beide verwöhnte Prinzessinen, die gern in Selbstmitleid zerfließen und auf Rettung durch einen starken Mann hoffen. (Konstanze hat natürlich auch ihren großen, starken Moment bei "Martern aller Arten")


    Da ist Blondchen doch schon wesentlich bodenständiger, schlagfertiger und tatkräftiger, eine sehr sympathische, komische Opern-Figur.


    Gruß, flo, der jetzt an die echten Mozart Fachmänner übergibt

    "Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik"


    Wise Guys 2000

  • Dies Bildnis ist bezaubernd schön, wie noch kein Auge je gesehn...


    hihi...


    Etwas Wind darf ich da aus den Segeln nehmen: Denn Mozart bzw. seine Librettisten haben die Männerwelt ebenfalls - und teilweise ganz schön artig - durch den Kakao gezogen. Hier gibt es vergleichsweise dann Tolpatsche, Dummköpfe, Hinterhältige, Feiglinge usw... nicht gerade das, was im 18. Jahrhundert einen Mann ausmachte [heute vielleicht schon eher... :stumm: ].


    Aber - frei nach Joachim Fernau - sprechen wir über Frauenzimmer:


    Zunächsteinmal wirken heute Begrifflichkeiten wie "Weib" bzw. "Weiber" und "Frauenzimmer" eher befremdlich, gar abwertend. Das war im 18. JH so nicht der Fall. Als Beispiel kann man ruhig die "echte" Constanze heranziehen, wobei hier möglicher Weise durchaus Parallelen zur Constance aus der "Entführung" gezogen werden können, aber nicht jetzt. Mozart liebte und verehrte sein Weib, wie allein aus den liebenswerten Briefanreden erkennbar ist: "liebstes bestes Weibchen" [8./9. und 14.10.1791] oder "liebstes, Bestes HerzensWeibchen!" [3. Juli 1791]. Der Begriff "Herzensweibchen" wurde auch in der Zauberflöte verwendet - stellt sich die Frage: Was war zuerst da? Die Henne oder das Ei?


    Rührselig der Brief aus 1782:


    Guten Morgen, liebes Weibchen! Ich wünsche, dass Du gut geschlafen habest, dass Dich nichts gestört habe, dass Du nicht zu jäh aufstehst, dass Du Dich nicht erkältest, nicht bückst, nicht streckst, Dich mit Deinem Dienstboten nicht erzürnst, im nächsten Zimmer nicht über die Schwelle fällst. Spare häusslichen Verdruss, bis ich zurückkomme. Dass nur Dir Nichts geschieht! [...]


    Von Zettelchen dieser Art wird es sicherlich mehrere gegeben haben.


    Auch um schöne Garnierungen für die Baronin Martha Elisabeth von Waldstätten war er nicht verlegen:


    Allerliebste, Allerbeste, Allerschönste, Vergoldete, Versilberte und Verzuckerte Wertheste und schätzbarste Gnädige Frau Baronin! [2. Oktober 1782]


    Und gegenüber seinem Vater schreckt er nicht zurück, sein Herzensweibchen anzupreisen:


    Nun aber wer ist der Gegenstand meiner Liebe? [...] doch nicht eine Weberische? - Ja eine Weberische - aber nicht Josepha - nicht Sophie - sondern Constanza; die Mittelste. - Ich habe in keiner famille solche ungleichheit der gemüther angetroffen wie in dieser. - die Älteste ist eine faule, grobe, falsche Personn, die es dick hinter den ohren hat. - die Langin ist eine falsche, schlechtdenkende Personn, und eine Coquette. - die Jüngste - ist noch zu jung um etwas seyn zu können. [...] die Mittelste aber, nemlich meine gute, liebe konstanze ist - die Marterin darunter, und eben deswegen vielleicht die gutherzigste, geschickteste, und mit einem worte die beste darunter. [...] Sie ist nicht hässlich, aber auch nichts weniger als schön. - ihre ganze schönheit besteht, in zwey kleinen schwarzen augen, und in einen schönen Wachsthum. sie hat keinen Witz, aber gesunden Menschenverstand genug, um ihre Pflichten als eine frau und Mutter erfüllen zu können [...]


    An diesem Brief, finde ich, zeigt sich wie sehr sich Mozart allein mit den Charakteren von Personen beschäftigt, wie wichtig ihm Charaktere sind. Das spiegelt sich entsprechend verfeinert durch seine Musik in den Opern wieder. Auch zeigt dieser Brief deutlich die Anforderungen, die zumindest die ältere Generation an Frauen stellten. Sicherlich hat Mozart - seinem Vater gegenüber oft einer der größten Lügner, gleich nach Münchhausen - hier die "Pflichten als Frau und Mutter" besonders herausgestellt. Auch scheint dem "Menschenverstand" einer Frau eine größere Bedeutung zuzukommen, als man annehmen mag.


    Für mich sind die Darstellungen der Weiber und/oder Frauenzimmer in Mozarts Opern nichts als Charaktere, sicherlich keine Diskriminierung des weiblichen Geschlechtes. Selbiges trifft für mich auch auf die Männerwelt zu. Sicherlich findet die Charakterisierung durch eine gehörige Portion Übertreibung und auch Witz statt, was auch im Theater unbedingt notwendig ist - genauso, wie man Schminke "zu dick aufträgt", damit sie auch noch in den hinteren Reihen erkannt werden kann.


    Soviel zum Anfang.


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Original von pianoflo
    Hallo


    war es nicht das Blondchen, das ihrem Pedrillo mal kräftig eine runtergehaut hat? Ich denke Konstanze mit ihrem schwachen feigen Herzen hätte sich das nicht getraut, Blonde ist wohl impulsiver.


    Beides falsch...


    Belmonte bekommt von Blondchen mit den Worten "Da nimm die Antwort drauf!" ein paar gescheuert. Blonchen nimmt diese Handlung quasi als Freundschaftsdienst für die zu tiefst durch die Äußerungen Belmontes erschütterte Constanze vor.


    :hello:

  • Und noch immer nicht ganz richtig (d.h., es war schon einmal richtig).


    Ich zitiere aus dem Textbuch:


    PEDRILLO (zu Blonde)
    Hat nicht Osmin etwan,
    Wie man fast glauben kann
    Sein Recht als Herr probieret
    Und bei dir exerzieret?
    Dann wär's ein schlechter Kauf!


    BLONDE (zu Pedrillo)
    Da nimm die Antwort drauf
    (gibt dem Pedrillo eine Ohrfeige)


    PEDRILLO (hält sich die Wang)
    Nun bin ich aufgeklärt!

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo pianoflo


    Zitat

    ... Ich denke Konstanze mit ihrem schwachen feigen Herzen hätte sich das nicht getraut, Blonde ist wohl impulsiver.


    Wo hast du das her? Immerhin hat Konstanze mehrere Monate lang zwar passiven, aber immerhin doch Widerstand gegen den Serail-Herren geleistet. Dies war bei aller Friedfertigkeit des Bassa Selim kein ungefährliches Vorgehen. Als er dann die Dinge beschleunigen will, bekommt er in der Martern-Arie eine Antwort, die an Tollkühnheit grenzt. Konstanze ist von der Erziehung her an äußere Zurückhaltung gewohnt, aber dies überdeckt nur die eigentliche charakterstarke Persönlichkeit.
    Blonde ist ein ganz anderer Typ, aktiv, extrovertiert, unabhängig - nicht umsonst ist als gebürtige Engländerin eingeführt!



    Zitat

    Die Königin der Nacht ist wohl die interessanteste Frau in der Zauberflöte (...), weil sie sowohl die treusorgende Mutter als auch die hinterlistige rachsüchtige Furie in sich vereint.


    Auch darüber kann man diskutieren. Die treusorgende Mutter sehe ich nicht, bzw. kaufe ich ihr nicht ab. Denn wie sie mit ihrer Tochter umspringt, hört sich so gar nicht nach liebender Mutter an. Sie ist für mich eher die kühl kalkulierende Politikerin, die alle Leute nach ihrem Nutzen einspannt und sich immer so gibt, wie es für sie in der jeweiligen Situation am günstigsten ist...



    Zitat

    Konstanze und Pamina finde ich relativ ähnlich, beide verwöhnte Prinzessinen, die gern in Selbstmitleid zerfließen und auf Rettung durch einen starken Mann hoffen.


    Ich wundere mich, dass noch kein kollektiver Aufschrei unserer weiblichen Mitglieder erfolgte! (Vielleicht haben sie es nur noch nicht gelesen ;) )


    Konstanze haben wir schon gehabt. Wie schaut es nun mit Pamina aus? Die hat gerade ein Kidnapping hinter sich, musste die Drangsalierungen ihres Wächters Monostatos über sich ergehen lassen und ist schon wieder zusammen mit Papageno auf der Flucht. Während Papageno aber ziemlich verzweifelt ist, richtet Pamina ihn moralisch auf! Auch als die beiden dann doch geschnappt und Sarastro vorgeführt werden, bekennt sie erhobenen Hauptes offen ihren Fluchtversuch.


    Im zweiten Akt geht die Welt für sie zu Bruch. Erst die völlig unverständliche Abkehr ihres Geliebten und dann der Mordauftrag ihrer Mutter mit der Drohung, verstoßen zu werden (treusorgende Mutter?).
    Allein gelassen und zwischen alle Fronten geraten kann ich zumindest ihr ihre Verzweiflung nachfühlen...


    Zuletzt sollten wir nicht vergessen, dass Sarastro sie aus einem besonderen Grund entführen ließ. Sie war in seinen Augen die würdige zukünftige Königin des Sonnenreichs! Und sie hat die in sie gesetzten Erwartungen glänzend erfüllt und dann auch gemeinsam mit Tamino alle Prüfungen bestanden (was ich sehr bemerkenswert finde, denn Frauen waren doch bei der Freimaurerei nicht zugelassen, oder? Mozart gesteht Pamina eine für damalige Verhältnisse ganz ungewöhnliche Bedeutung zu).

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Hallo


    Also der "kollektive Aufschrei" kommt bestimmt - schon der von mir gewählte Threadtitiel "Frauenzimmer" sollte den verursachen und Aufmerksamkeit erregen ;)


    Ich möchte an dieser Stelle auch etwas zum Thema Blondchen beitragen
    (Achtung ich zitiere aus dem Gedächnis, wo ich grade bin, hab ich keine Unterlagen)


    Osmin: "O Engländer, seid Ihr nicht Toren - Ihr lasst Euren Weibern den Willen.


    Blonde: "Ein Mädchen zur Freiheit geboren......


    oder:


    Osmin (zu Blonde):


    Nur Ruhe ich will je gern gehen -
    bevor Du mir Schläge erteilst


    All das - im 18. Jahrhundert - wo die Frauen angeblich völlig rechtlos waren - unterdrückt - und gar nicht emanzipiert.


    Blonde dürfte überhaupt schlagkäftige Argumente zur Hand gehabt haben. Auch wenn sie Belmonte abwatscht, ist das ein DOPPELTER Tabubruch: Sie ohrfeigt einen Mann, und was noch schlimmer zählt, einen der gesellschaftlich weit ober ihr steht.- Man muß hier immer im Auge behalten, zu welcher Zeit das Werk geschrieben wurde, bzw spielt.


    weitere Beispiele werden folgen


    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

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  • Salut,


    der Begriff "Frauenzimmer" ist zunächst einmal wörtlich zu nehmen. Es handelt[e] sich nämlich tatsächlich um das Zimmer einer Frau - und zwar einer adeligen! Man bezeichnete im 15./16. JH die Gemächer der Hausherrin als "Frauenzimmer", allmählich nannte man auch die Bediensteten beiderlei Geschlechts als "Frauenzimmer": Hofmeister, Edelknaben, Zofen, DienerInnen usw... :P


    Die Hofdamen zogen die Lebensform in Frauenzimmern teilweise ganz gerne vor - dort waren sie abgeschottet und frei. Frauenzimmer waren übrigens beheizt, sehr angenehm. [Ja, schöne Stilblüte]


    Um die Mitte des. 19. JHs kursierte folgende Moritat:


    Sabinchen war ein Frauenzimmer,
    gar hold und tugendhaft.
    Sie lebte treu und redlich
    immer bei ihrer Dienstherrschaft.


    Da kam aus Treuenbrietzen
    ein junger Mann daher,
    der wollte gern Sabinchen besitzen
    und war ein Schuhmacher.


    Sein Geld hat er versoffen,
    in Branntwein und in Bier.
    Da kam er zu Sabinchen geloffen
    und wollte welches von ihr.


    Sie konnte ihm keines geben,
    drum stahl sie auf der Stell,
    von ihrer sauberen Dienstherrschaft,
    zwei silberne Blechlöffel.


    Doch schon nach sieben Wochen,
    da kam der Diebstahl raus.
    Da warf man das Sabinchen
    mit Schande aus dem Haus.


    Sie klagt's ihm mit Gewissensbissen,
    ihr ist das Herz so schwer.
    Doch jetzt will nichts mehr von ihr wissen
    der Treuenbrietzener.


    O, du verfluchter Schuster,
    Du rabenschwarzer Hund!
    Da nimmt er gleich sein Rasiermesser
    und schneid't ihr ab den Schlund.


    Das Blut himmelaufwärts spritzte,
    Sabinchen sank um und um.
    Der treulose Schuster aus Treuenbrietzen,
    der stand um sie herum


    In einem düst'ren Keller,
    bei Wasser und bei Brot,
    da hat er endlich eingestanden
    die schaurige Moritat.


    Am Galgen war der Treuenbrietzener
    gehängt durch seinen Strick.
    Dazu hat ihn gebracht die Untreu
    und auch die falsche Tück.


    Und die Moral von der Geschicht:
    Trau' keinem Schuster nicht!
    Denn der Krug geht so lang zu Wasser,
    bis ihm der Henkel abbricht!


    Eigentlich ist in dem Zusammenhang nur die erste Strophe von Bedeuung. Auch von Mozart selbst gibt es noch einen Vierzeiler: "Ein Frauenzimmer und ein Bier..." - ich kiregs aber jetzt nicht zusammen.


    Schönen Tag
    Ulli

  • Hallo Alfred


    Zitat

    Auch wenn sie Belmonte abwatscht, ist das ein DOPPELTER Tabubruch: Sie ohrfeigt einen Mann, und was noch schlimmer zählt, einen der gesellschaftlich weit ober ihr steht.- Man muß hier immer im Auge behalten, zu welcher Zeit das Werk geschrieben wurde, bzw spielt.


    Ich habe eigentlich mit dem Textbuchausschnitt nachgewiesen, dass die Blondchen-Watschn für Belmonte Fiktion ist...

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • Salut,


    heute Nacht machte ich mich ob der ungeklärten Frage der Ohrfeige auf den weiten Weg von meinem Cockpit im Obergeschoß hinab ins Wohnzimmer zur NMA und schaute in der Partitur nach: Dort stand EINDEUTIG Belmonte Lostados als Empfänger der Ohrfeige, sonst hätte ich es kaum behauptet. Offensichtlich war über Nacht ein böser Geist* unterwegs, der die Geschichte – um mir eins auszuwischen – umschrieb: Heute morgen stand dort EINDEUTIG Pedrillo.


    :angel:


    LG
    Ulli



    *Möglicherweise jener, welcher auch unter dem Namen „Weingeist“ bekannt ist. :D


    Sorry... [aua]

  • Hallo,



    Das Lied haben wir als Kinder auf Ausflügen mit der Schulklasse gesungen. Dabei stamme ich gar nicht aus dem 19. Jahrhundert, soooo alt bin ich noch nicht :D


    Sophia

  • Salut,


    naja - es werden ja heute auch noch andere Werke des 19. JHs - auch wesentlich ältere - gesungen und gespielt. Niemand hat daraus bisher auf das Alter der Ausführenden geschlossen...


    :P


    Ulli

  • Zum einen ist zwar klar, dass Frauen im 18. Jhd. tatsächlich weitgehend "rechtlos" waren, aber das traf ja auch auf große Teile der männlichen Bevölkerung zu, wenn man allgemeines Wahlrecht oder gleiche Rechte damit meint (Selbst in den "demokratischen" Vereinigten Staaten erhielten Frauen das Wahlrecht erst nach dem 1. WK). Frauen wurden bei den meisten Rechtsgeschäften durch Väter oder Ehemänner vertreten.
    Andererseits gab es ja auch regierende Fürstinnen wie Maria Theresia (oder die Zarin Katharina u.a.) und der Einfluß einiger Frauen, besonders der Mätressen, auf die Regierenden ist legendär.


    Vor diesem Hintergrund scheinen etliche Textstellen und weibliche Charaktere durchaus emanzipatorisch; die explizite Auseinandersetzung zwischen Blonde und Osmin wurde ja schon zitiert. Es gibt allerdings eine gewisse Komödientradition der verkehrten Welt, in der regelmäßig die Diener die Herren und die Frauen die Männer übertölpeln ("Der Diener zweier Herren", "Die Magd als Herrin" usw.). Darüber gehen Mozart und Da Ponte z.B. im Figaro m.E. noch hinaus, obwohl Susanna, also die weibliche Dienerin, die intelligenteste und sympathischste Figur sein dürfte und der Graf die unsympathischste, ist keiner davor gefeit, gelackmeiert zu werden.


    Die Singspiele kann man wohl durchaus als ein Plädoyer für ein bürgerliches Ideal der Ehe als Verbindung von (in den damaligen Grenzen) gleichberechtigten Partnern sehen: Keine auf dynastischen Überlegungen basierende adlige Klüngelei, auch kein einseitiges Anschmachten eines unnahbaren Partners. In der Entführung sind diese Verhältnisse allerdings noch utopisch: die meisten Beziehungen sind gestört. Der Bassa verzichtet auf offenen Zwang, schreckt aber nicht vor Psychoterror zurück, das Verhältnis von Konstanze und dem eifersüchtigen blasierten Belmonte scheint auch sehr fragil. Blonde schreibt den Männern allerdings ins Stammbuch wie sie es bei einer Partnerwahl unter gleichberechtigten anstellen sollen ("Mit Zärtlichkeit und Schmeicheln" usw.).
    In der Zauberflöte, trotz der misogynen Äußerungen der Priester, wird eine solche gleichberechtigte Verbindung im Duett von Pamina und Papageno verherrlicht und für Tamino und Pamina Realität. Man beachte wie hier erotische ("die süßen Triebe") und emotionale ("ein gutes Herze") Ergebenheit mit der moralischen Verpflichtung verknüpft werden ("der Weiber erste Pflicht").
    (Erinnert mich tatsächlich etwas an die wenig später entstandene Romane von Austen: Die Frauen befinden sich zwar formalrechtlich noch in starker Abhängigkeit von männlichen Familienangehörigen, aber sie fordern ihr Mitspracherecht bei der Partnerwahl als auch Liebe und Achtung des Zukünftigen und kriegen es mit Witz und Intelligenz meist auch hin)


    Die PaPonte-Opern sind sicher ein anderer Fall. In Don Giovanni und Cosi herrschen kaputte emotionale und erotische Beziehungen vor, was kein Wunder ist, da die Oper ja gerade solche Verwicklungen zum Thema haben. Figaro ist komplexer: obwohl letzlich weder Adel noch Dienerschaft, Männer noch Frauen ungeschoren davon kommen, kann man das Stück wohl einmal als gegen Adelsprivilegien und Zwangsverhältnisse gerichtet sehen und entsprechend schließen, dass in einer gleichberechtigen Gesellschaft kein Intrigen notwendig sein würden, um glückliche Partnerschaften zu stiften.
    Man kann es aber (weniger eindimensional) als eine Darstellung der unvermeidlichen Fragilität von Liebesverhältnissen, egal in welcher Gesellschaft, sehen, eben weil die Akteure eigentlich schon gleichberechtigt agieren. Der Graf nimmt sich sein "Herrenrecht" ja nicht mit Gewalt, er hat es als aufgeklärter Regent sogar abgeschafft, sondern hofft, Susanna zu verführen, weil er der Gräfin überdrüssig ist usw.


    Wenn diese grobe Einordnung stimmt, kann man also durchaus von einer "Gleichberechtigung" der Geschlechter in den 5 großen Mozart-Opern ausgehen, wobei die Singspiele deutlicher für eine (utopische?) gelungene Verbindung gleichwertiger Partner plädieren, während die DaPonte-Opern mehr emotional-erotischen Wirrungen nachspüren.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Ulli
    heute Nacht machte ich mich ob der ungeklärten Frage der Ohrfeige auf den weiten Weg von meinem Cockpit im Obergeschoß hinab ins Wohnzimmer zur NMA und schaute in der Partitur nach: Dort stand EINDEUTIG Belmonte Lostados als Empfänger der Ohrfeige, sonst hätte ich es kaum behauptet. Offensichtlich war über Nacht ein böser Geist* unterwegs, der die Geschichte – um mir eins auszuwischen – umschrieb: Heute morgen stand dort EINDEUTIG Pedrillo.


    Was insofern paßt, da in Komischen Opern angeblich prinzipiell derjenige die Ohrfeige erhält, der neben dem steht, der sie eigentlich kriegen sollte... :D


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
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    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Figaro ist komplexer: obwohl letzlich weder Adel noch Dienerschaft, Männer noch Frauen ungeschoren davon kommen, kann man das Stück wohl einmal als gegen Adelsprivilegien und Zwangsverhältnisse gerichtet sehen [...]


    Kaiser Joseph II. würde sich im Grab herumdrehen... :D

  • Zitat

    Original von Ulli


    Kaiser Joseph II. würde sich im Grab herumdrehen... :D


    Immerhin ist es durch die Zensur gegangen...
    Im Gegenteil, Joseph hat so weit ich weiß fast alle Kirchen- und soviele Adelsprivilegien wie er durchsetzen konnte, abgeschafft. Vermutlich um mehr macht in Händen des Kaisers zu konzentrieren und nicht ständig gegen den Adel anregieren zu müssen. Dabei hat er sich allerdings physisch aufgerieben und ist recht früh gestorben ;(
    Gewiß kein Zufall, dass der Revolutionssympathisant Beethoven eines seiner ersten größeren Werk zum Tod Josephs schrieb...


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Obwohl wir hier nicht direkt am Thema sind:
    Die eigentliche Vorlage "Le mariage de Figaro ou la folle journe" von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais wurde in Wien von Kaiser Joseph II verboten.
    Der hinterlistige Lorenzo da Ponte will aber eine Oper daraus mache. Er verspricht das Libetto Mozart, der bis zum Letzten Augenblich fürchtet, es werde letzlich Salieri erhalten.
    Da Ponte verspricht dem Kaiser persönlich, das Stück werde nach Umarbeitung durch seine Hand völlig entpolitisiert sein und nichts mehr enthalten daß den Kaiser in Unruhe versetzten könnte. Das Werlk entrinnt der Zensur, aber adelige Kreise intrigieren so lange, bis die Oper nach einigen Aufführungen, trotz ihres guten Erfolges, von Spielplan verschwindet...


    Zum eigentlichen Thema: Inszenierungen, sie müssen nicht unbedingt modernsein, vermögen scheinbar den Eindruck einer Oper totoal verändern. In der neuen Pariser Inszenierung mit Rene Jacobs am Pult
    (Fernsehübertragung) hat der Graf IMO jede Würde und jeden Überblick verloren, er ist nur mehr ein Spielball seiner Dienerschaft und seiner Frau. Allein schon die verschlagenen Gesichter der Mädchen, die dem Grafen ein Ständchen bringen sprechen Bände. Man weiß sofort wer hier das Sagen hat... :stumm: :D


    Beste Grüße aus Wien
    Alfred

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  • N´Abend,


    Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Obwohl wir hier nicht direkt am Thema sind:
    Die eigentliche Vorlage "Le mariage de Figaro ou la folle journe" von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais wurde in Wien von Kaiser Joseph II verboten.


    War das nicht so, daß das Stück von Beaumarchais (Schauspiel) verboten war, der Figaro (Oper) aber erlaubt war, weil im Schauspiel das `niedere Volk` saß und durch den Fall des Aristokraten so vielleicht auf dumme Gedanken kommen konnte?? Ich meine mal gelesen zu haben, daß das auch eine Rolle spielte. Unabhängig von der Entschärfung des Stoffes durch daPonte.


    Grüße
    Sophia

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt


    Das Werlk entrinnt der Zensur, aber adelige Kreise intrigieren so lange, bis die Oper nach einigen Aufführungen, trotz ihres guten Erfolges, von Spielplan verschwindet...


    Die Intrigen hätte man sich sparen können, denn:


    Zitat

    Original ebenfalls von Alfred_Schmidt


    Als die Oper [Doktor und Apotheker von Carl Ditters von Dittersdorf] am 11. Juli 1786 in Wien uraufgeführt wurde, übertraf der Erfolg jenen der wenige Wochen vorher uraufgeführten "Hochzeit des Figaro" von Mozart !!........


    ...der Figaro wurde schlichtweg von Dittersdorfs "Doktor und Apotheker" überrollt und verdrängt.


    Da Ponte beschreibt das Zustandekommens der "Verschwörung" wie folgt [damit ist auch Sophias Anfrage zum Teil gelöst]:


    Ich dachte noch bei mir über die Wahl des Sujets nach, die ich zwei so entgegengesetzten Taltenten wie Martini [Martín y Soler] und Mozart übergeben wollte, [...] Als ich mich eines Tages mit ihm [Mozart] unterhielt, fragte er mich, ob ich nicht eine Oper nach Beaumarchais' 'Hochzeit des Figaro' schreiben könne. Der Vorschlag gefiel mir, und der Erfolg war schnell und allgemein. Kurz vorher war das Stück Beaumarchais' auf Befehl des Kaisers, als in einem unmoralischen Stil geschrieben, verboten worden. Wie konnte man es von neuem in Vorschlag bringen? Der Baron von Wetzlar bot mir in gewohnter Großmut einen anständigen Preis für mein Gedicht an; er versicherte mir, dass er, falls es in Wien verboten würde, es über sich nehmen wolle, es in London oder Frankreich zur Aufführung zu bringen. Ich nahme jedoch diesen Vorschlag nicht an, sondern machte mich im stillen in der Erwartung eines günstigen Augenblicks ans Werk, um es dem Intendanten oder dem Kaiser selbst, falls ich den Mut dazu haben würde, vorzulegen. Martini war der einzige, den ich in mein Vertrauen zog, und er war aus Achtung vor Mozart hochherzig genug, mir Zeit zur Vollendung meines Stückes zu lassen, bevor ich mich mit seinigem beschäftigte; nach sechs Wochen war alles beendigt. Mozarts guter Stern wollte, dass ein günstiger Augenblick sich darbot und mir gestattete, mein Manuskript direkt dem Kaiser vorzulegen.


    'Was?' sagte Joseph zu mir, 'Sie wissen, dass Mozart, wie tüchtig auch immer in der Instrumentalmusik, doch nichts für den Gesang geschrieben hat, mit Ausnahme eines einzigen Stückes, das keine große Bedeutung hat.'


    'Ich selbst', erwiderte ich schüchtern, 'würde ohne die Gnade des Kaisers auch nur ein Drama in Wien geschrieben haben.'


    'Wohl wahr, aber ich habe dieses Stück von Figaro der deutschen Schauspielergesellschaft untersagt.'


    'Ich weiß es, allein bei Umformung der Komödie zu einer Oper habe ich ganze Szenen weggelassen, andere gekürzt und mich hauptsächlich beflissen, alles daraus verschwinden zu lassen, was den Anstand und den guten Geschmack verletzen könnte; kurz, ich habe ein Werk daraus gemacht, das eines THeaters würdig ist, welches Seine Majestät mit Höchstihrem Schutze beehrt. Was die Musik anbelangt, so gleicht sie, soweit ich sie beurteilen kann, einem Meisterwerk.'


    'Gut denn, ich verlasse mich auf Ihren Geschmack und Ihre Umsicht; geben Sie die Partitur zum Abschreiben.'


    [Lorenzo Da Ponte: "Mein abenteuerliches Leben"]


    Soweit da Ponte, der unmittelbar darauffolgend bei Mozart war und ihn mit der Partitur zum Kaiser schickte. Er leistete Folge und spielte dem Kaiser einige Teile der Oper vor, die den Kaiser entzückten. Das Werk hatte einen außerordentlichen Erfolg, natürlich gab es Neider wie Rosenberg oder Casti - wohl auch Soler [Martini], welchen es nicht an Worten ermangelte, das Werk zu verkleinern und herabzusetzen...


    Nun genug der ausschweifenden Ausschweifungen.


    Beste GRüße
    Ulli

  • Salut,


    also gut, dann werde ich mal "aggressiv" :D


    "Bewahret euch vor Weibertücken ..."


    "Ein Weib tut wenig, plaudert viel. Du, Jüngling, glaubst dem Zungenspiel?"


    "Ein Mann muss eure Herzen leiten, denn ohne ihn pflegt jedes Weib aus seinem Wirkungskreis zu schreiten."


    Und wen es ganz brennend interessiert:


    CORINNA LEMM-MIRSCHEL


    Ein Weib tut wenig, plaudert viel.
    Das Frauenbild in der literarischen Rezeption
    der Opern W. A. Mozarts und seiner Librettisten

    Ein Beitrag zur Geschlechterforschung


    Peter Lang [ISBN 3-631-53608-9],
    Frankfurt am Main 2003, 56,50 €


    :hello:

  • Hallo,


    Von der Zauberflöte sind wir ja irgendwann einmals ausgegangen.
    Sie wird gern als Beispiel herangezogen, daß die Gesellschaft zu Zeiten Mozarts frauenfeindlich war.


    Ich habe ja schon begonnen das zu demontieren (Despina ist übrigens noch kaum analysiert worden )


    Man kann, entsprechend betont, die Aussagen der Priester und des Sarastro Clans durchaus auch als Sprüche einer blasierten Hohlen Glaubensgemeinschaft betrachten, die in sagenhafter Dummheit alles nachplappert, was ihr Guru verkündet.


    An manchen Stellen der Oper kann ich mich persönlich des Eindrucks nicht erwehren, daß vieles als Parodie gedacht ist......


    So gesehen wäre die Oper an sich auch nicht frauenfeindlich.., sondern ein Zerrbild eines selbstgefälligen Männerbundes. Die Stimmen wollten ja nie verstummen, die Freimaurer hätten diese Oper als Verrat ihrer Ideale betrachtet.....


    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

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  • Salut,


    Josef Tutsch schreibt in scienzz:


    Immerhin scheint, dass dieser Lebensentwurf dem entspricht, was die späte Aufklärung – Beispiel: Schikaneder – tatsächlich als "naturgegeben" angesehen hat. [...]


    Allerdings halte ich nicht viel auf Tutsch:


    Der vermeintliche Bruch in Schikaneders Libretto erscheint damit als "genialer Trick" -


    Gut erkannt!


    :jubel:


    aber:


    – wobei immerhin zu fragen wäre, ob soviel "Wissenssoziologie" diesem Librettisten eigentlich zuzutrauen ist.


    Sicherlich mehr als Ihnen, Herr Tutsch! :kotz:


    :hello:

  • Salut,


    wieder zum Thema, diesmal quasi "life":


    Bei den Proben zu einer Don-Giovanni-Aufführung wollte es Mozart
    einfach nicht gelingen, der Sängerin der Zerline einen überzeugenden
    Schrei der Empörung auf Giovannis Avancen hin zu entlocken. So
    schlich er sich von hinten an sie heran und fasste sie im
    entsprechenden Moment um die Taille. Sie schrie entsetzt auf.
    Darauf Mozart "So schreit ein unschuldiges Mädchen, dessen Tugend
    bedroht ist".


    :D


    LG
    Ulli

  • Zitat

    Original von Alfred Schmidt


    (Despina ist übrigens noch kaum analysiert worden )


    Dann fange ich mal an!


    Salut,


    Den beiden bekannten Liebespaaren in Cosí fan tutte steht das "Paar" Don Alfnoso/Despina gegenüber. Ein Zyniker und dessen Helferin. Despina ist eine Zofe, doch nicht menschlich wie Susanna [Figaro]; vielleicht steckt in Despina das Wort "spina" = Stachel, Dorn... !?


    :hello:


    Ulli

  • Hallo Ulli,


    Du kommst bestimmt irgendwann mal wieder zur "Tamino-Familie" :]


    Zitat

    Original von Ulli
    vielleicht steckt in Despina das Wort "spina" = Stachel, Dorn... !?


    ... denn das ist mir schon länger ein Dorn im Auge ;). Auch auf die Gefahr hin, daß nun einiges Wiederholung ist (wie im Cosi-Thread): die Namen der Mitwirkenden wurden von Natosevic im einzelnen erklärt und ich meine mich schwach zu erinnern, daß sie Despina genau wie Du auch ansatzweise erklärt hat. Trotzdem war mir dies nicht wichtig genug zu merken da diese Synonyme m.E. nicht wirklcih zur Aufklärung des Inhaltes beitragen.


    Despina kann man als `Dorn` betrachten, weil sie in den Frauen den `Dorn` sät, daß es auch noch andere Männer gibt als die beiden Verlobten. Despina und Alfonso halte ich nur bedingt für Komplizen. Erstens weil sie aus vollkommen verschiedenen Lebensanschauungen handeln, zweitens weil Despina sich von Alfonso auch betrogen vorkommt am Ende. Um es mit den Worten von Hans Joachim Kreutzer, von dem mir ein Aufsatz vorliegt, zu sagen:


    "Despinas Taktik der Melancholievermeidung besteht in weiltkluger Anleitung zum Genuß des Augenblicks. Don Alfonso hingegen entwirft mit seiner Strategie einen sinnstiftenden Rahmen: Er setzt das Spiel als Lehrstück in Gang; das Verführungsspiel von List und Betrug ist in seinen Händen ein Erziehungsinstrument."


    Ob Despina mit ihrem Leben wirklich glücklich ist sei mal dahingestelt. Zumindest meine ich doch, in ihrer Arie No. 19 "Una donna a quindici anni" in der Musik zu den ersten Zeilen Wehmut über Ihr Wissen zu hören.


    Viele Grüße
    Sophia

  • Zumindest beim "Figaro" kann von Frauenfeindlichkeit keine Rede sein. Auch wenn das Libretto gegenüber der Vorlage drastisch entschärft wurde, wird doch deutlich gegen mehrere Konventionen verstoßen.


    So ist Susanna die mit einigem Abstand cleverste Person der Oper - eine wohl völlig unzeitgemäße Rolle (eigentlich eine emanzipierte Frau der Gegenwart) für damalige Opern. Zudem reißt sie die Gräfin aus dem Selbstmitleid, worauf diese sich ihrer Vergangenheit (Rosina!) erinnert und ihren Gatten öffentlich richtig ausrutschen lässt. Das Verzeihen am Ende ist eigentlich der Gipfel der Revanche. Das Gärtnerstöchterlein kassiert den flatterhaften Pagen bevor der wirklich kapiert wie ihm geschieht und Marzellina knallt ein - (deshalb?) leider oft gestrichenes - geradezu feministisches Pamphlet auf die Opernbühne; wohl zur Sicherheit wurde dieser Text einer Schreckschraube und nicht Susanna oder der Gräfin zugewiesen.


    Die Männer kommen da deutlich schlechter weg. Selbst der eigentlich gewitzte Figaro erweist sich im entscheidenden Moment als selbstmitleidiger, eifersüchtiger Pfau. Der Rest der Männerwelt ist triebgesteuert oder intrigant.


    Meiner Ansicht nach resultiert der (Irr)Glaube an die Frauenfeindlichkeit Mozarts aus einer ahistorischen Wortbeurteilung und aus der Aufführungspraxis. Je mehr ich diese Opern in musikalischen Zuckerguss und szenischen Puderperücken-Kitsch hülle, nehme ich den Rollen Charakter und Schärfe. Damit rücken zwangsläufig Frauen in die Kategorie "lieblich, harmlos, mädchenhaft".


    Fazit: Die Beurteilung von Frauenrollen korrespondiert mit der szenischen Ausgestaltung der Männerrollen. Wenn Figaro zum dominierenden Helden gemacht wird, bleibt für Susanna als aktive und intelligente Frau kaum Platz.
    (Beispiel aus einer anderen Oper: Nur wenn man Daland in Wagners "Holländer" als gierigen Kaufmann zeigt, bekommt man wirklich mit, dass er seine Tochter glatt verhöckert und später anpreist wie ein Pferd - ja , das mag damals normal gewesen sein, frauenfeindlich ist es aber trotzdem).

  • Zitat

    "Hallo Ulli
    Du kommst bestimmt irgendwann mal wieder zur "Tamino-Familie"


    Zitat

    Er IST in der Tamino Familie - er braucht lediglich eine Pause - Seine Rückkehr ist verenbar, er hat mich extra gebeten, von meiner Absicht, Eine Thread Serie über Mozart-Zeitgenossen während seiner Abwesenheit zu starten, Abstand zu nehmen, bzw sie aufzuschieben bis er wieder dran teilnehmen kann. Ausserdem ist einsehr langer Artikel über Mozart (chronologisch strukturiert) - mit HinblicK auf das MozartJahr in Arbeit


    Zum Thema, ich glaube es ist offensichtlich, daß die Frauen durchaus ähnliche Rechte hatten wie heute - ich sprech in beiden Fällen von den REALEN Rechten - nicht von den Rechten am Papier.


    Siehe nur Osmin, zu dem Blondchen "Troll Dich" sagt und der sich, obwohl er meint, daß eine Sklavin rechtlos sei, seine Augen vor ihr in Sicherheit bringt und mit dem Satz "Nur Ruhe ich will ja gern gehen - bevor Du mir Schläge erteilst" die Bühne verlässt.


    Auch Konstanze beweist beachtliches Stehvermögen.


    Beim "Figaro" ist die Dominanz der Frauen besonders in der Pariser Inszenierung, die bei arte im TV übertragen wurde, herausgearbeitet.
    Allein die Gesichter der Mädchen die dem Grafen das Ständchen bringen
    strotzen vor Bosheit und Hinterlist. Der Graf macht in dieser Aufführung den Eindruck eines willen- und hilflosen Stoffels, ein Spielball in den Händen seiner Umgebung....


    Frauenfeindlichkeit orte ich sicher nicht bei Mozart - Lediglich in Schikaneders Zauberflöte



    Liebe Grüße aus Wien


    Alfred

    Ich bitte alle Mitglieder, die über 25 Beiträge verfasst haben und noch keinen AVATAR besitzen

    sich im Thread Baustelle Avatarpool neu einen auszusuchen und am Threadende (gaaaanz weit untenI zu bestellen

  • Zitat


    Hallo Ulli
    Du kommst bestimmt irgendwann mal wieder zur "Tamino-Familie"


    Da bin ich wieder :D


    Zitat


    Frauenfeindlichkeit orte ich sicher nicht bei Mozart - Lediglich in Schikaneders Zauberflöte


    [...] Ich hoffe nicht, liebste freundin, daß sie Jemals so ein leben führen wollten, wie sie, wenn sie auch nicht meine frau seyn wollen. - wenn sie schon dem triebe mitzumachen /: obwohl das mitmachten einer Mansperson nicht allzeit gutsteht, destoweniger einem frauenzimmer - :/ konnten sie aber ohnmöglich wiederstehen, so hätten sie im gitted Namen das Band genommen, und sich selbst die wande gemessen /: so wie es noch alle frauenzimmer von Ehre in meiner gegenwart in dergleichen fälle gethan haben :/ und sich nicht von einem chapeau /: - ich - ich - würde es niemalen in beyseyn anderer - ihnen gethan haben - ich würde ihnen selbst das Band gereicht haben. - destoweniger also von einem fremden - der mich gar nichts angeht. - doch das ist vorbey. - und ein kleines geständnüss ihrer dortmaligen etwas unüberlegten aufführung würde alles wieder gut gemacht haben. und - wenn sie es nicht übel nehmen, liebste freundin,- noch gut machen. - daraus sehen sie, wie sehr ich sie liebe.


    Er hat sie dann doch geheyrathet. :D


    Frauenfeindlich finde ich die Zauberflöte übrigens nicht. Sie - die Frauen - werden ein wenig aufgezogen - das brauchen sie manchmal, auch noch nach 215 Jahren. :stumm:


    Wenn Mann es dann zu weit getrieben hat, schreibt Mann soetwas wie oben.


    :hello:


    Cordialement
    Ulli

  • Hallo,
    ich habe als Neuling soeben diesen Thread entdeckt und kann es mir nun nicht verkneifen, auch meinen Senf dazuzugeben, frei nach dem Motto: "Keiner versteht die Frauen wirklich, aber wir reden wenigstens drüber und tun so als ob." :D


    Ganz grundsätzlich gesagt, scheint mir Mozart sehr gut erkannt zu haben, dass Frauen de jure zwar sehr stark in ihren Rechten eingeschränkt und unterprivilegiert waren, dies de facto aber durch andere Formen der Macht (über die Manner und die Familie) wieder ausgeglichen haben, so dass alles halbwegs wieder ins Lot kam.


    Mozart war ja sicher nicht dumm, und er besaß auch ausreichend psychologisches Gespür und Einfühlungsvermögen um auch hinter die Kulissen vordergründig scheinbar klarer Machtstrukturen blicken zu können und sie in seinen Opern dann auch transparenter werden zu lassen.


    Ein paar Worte zur Zauberflöte, weil sie ja angeblich die frauenfeindlichste von allen ist:
    Meiner Meinung nach bezieht sich das in erster Linie nur auf wenige Textstellen, die Ulli bereits zitiert hat. Bereits die Handlung an sich bietet ein anderes Bild. Wer besiegt denn wirklich ganz am Anfang den Drachen? Das sind die drei Damen, nicht etwa der Prinz, der ohne sie bestenfalls Drachenfutter abgegeben hätte. Überhaupt ist er die ganze Oper lang nicht der aktivste, hauptsächlich irrt er mehr oder wenig orientierungslos durch die Gegend, stänkert beim Sprecher ein wenig herum und kann sich nur dank der Flöte halbwegs über Wasser halten. Immerhin hat er dann beim Marsch durch Feuer und Wasser seinen starken Moment, aber da geht ja auch Pamina an seiner Seite.


    Ähnlich ist auch Papagena die treibende Kraft in der Beziehung zu Papageno, und es heißt ja auch explizit an einer Stelle:"Hinweg! Noch ist er Deiner nicht würdig." Und ich denke, dass gerade an diesem Pärchen wie auch an anderen Stellen seiner Opern mehr oder weniger direkt deutlich wird, dass Mozart und einige seiner Textdichter die Männer eher für das schwächere Geschlecht halten, bzw deutlich machen, wie sehr wir auf die holde Weiblichkeit angewiesen sind, um stark zu sein.


    Das kommt vielleicht nicht immer so deutlich heraus wie bei Don Giovanni, der ja wörtlich sagt, dass er die Frauen dringender braucht als das Brot zum Essen oder die Luft zum Atmen, aber in diese Richtung geht es bei einigen, sogar beim Grafen, der seine Rosina ja wahrlich nicht sehr liebevoll behandelt, angesichts des drohenden Verlustes aber dann doch aufwacht. Hinter seinem Gepolter steckt massive Panik und Verlustangst, anders wäre sein "Contessa perdona!" nicht zu erklären.


    Was mir grundsätzlich an Mozarts Frauengestalten auffällt: In einigen Opern spielen Frauen auf sehr unterschiedlichen sozialen Ebenen, also Konstanze<->Blondchen, Donna Anna/Elvira<->Zerline, Gräfin<->Susanne, Pamina<->Papagena, Dorabella/Fiordiligi<->Despinetta...


    Beide Arten sind jeweils sehr unterschiedlich charakterisisert, auf der einen Seite die hohen "edlen" Gefühle, die Contenance, während es auf der anderen etwas lebhafter, spontaner, ungezwungener und handfester zugeht. Es sind also Blondchen und Susanna, die die Ohrfeigen austeilen, nicht die hohen Damen, die müssen dann doch zu subtileren Mitteln greifen.


    In Cosi fan tutte treibt Despinetta die Handlung mindestens ebenso voran wie Don Alfonso und im Grunde ist sie es, die die Fäden in der Hand hält. Da ist also nichts mit schwacher Frau, "schwach" sind in dem Falle mal wieder die betrügenden und dadurch selbst betrogenen Männer, denen es sehr schwer fällt, sich einzugestehen, dass sie für ihre Geliebten alles andere als unersetzlich sind.


    Apropos "schwache" Frau: In dem Zusammenhang finde ich es ganz interessant, dass die Szene aus Don Giovanni, in der Zerlina Leporello mit einer Pistole bedroht und fesselt, fast immer rausgestrichen wird. Das Thema rührte wohl zu sehr an die Urängste der Männer oder wurde als vulgär/frivol/obszön empfunden, keine Ahnung, ich habe noch nichts über die Hintergründe gelesen. Ist aber wohl auch besser so, heutige Regisseure würden die Szene bestimmt in einem Folterkeller spielen lassen und Zerlina als Domina auftreten lassen, das hat die Oper wirklich nicht verdient. :D


    Und über Don Giovanni kommen wir auch zu meiner liebsten Frauengestalt in sämtlichen Opern Mozarts: Don Elvira. Ich bin mir wohl bewusst, dass viele sie als lebende Witzfigur sehen, wie sie dem unverbesserlichen Herzensbrecher immer noch nachläuft, obwohl er ihr doch sehr deutlich zu verstehen gab - und das mehrmals - dass er sie nicht liebt. Und sie hätte wohl auch erkennen müssen, dass ein kranker Mensch wie er gar nicht zur Liebe fähig ist, sie also nie geliebt hat, dennoch siegt bei ihr immer wieder die Hoffnung über den Stolz und sie deutet jedes noch so kleine Signal als Zeichen seiner Liebe und Bereitschaft, zu ihr zurückzukehren. Diese Art von Realitätsverlust soll es ja umgekehrt bei Männern auch geben. :D


    Man kann also wirklich nicht sagen, dass sie eine besonders "starke" oder souveräne Frau sei, diese Don Elvira, aber gerade das macht sie in meinen Augen so menschlich. Menschlich gerade im Vergleich zu Donna Anna, die auf mich genauso hart und steinern wirkt wie das Standbild ihres Vaters oder die ziemlich kaltblütige und berechnende Zerlina, der ich die naive Unschuld vom Lande keineswegs abnehme, dazu agiert sie zu eiskalt und berechnend. Erkennbar unter anderem an der Art, wie sie Masetto um den Finger wickelt, der Kerl ist ihr einfach nicht gewachsen. :D


    Aber okay, so hat eben jeder seine Lieblinge und Vorlieben. Und wir Männer können nur hoffen, dass wir noch möglichst lange die Illusion aufrecht erhalten können, das stärkere Geschlecht zu sein, Mozart jedenfalls wird uns darin kaum bestärken können. :D


    Kurt

  • Zitat

    ich habe als Neuling soeben diesen Thread entdeckt


    vergiß die Bezeichnung, jeder von uns hat einmal angefangen...
    - ein toller Beitrag!




    Zitat

    In Cosi fan tutte treibt Despinetta die Handlung mindestens ebenso voran wie Don Alfonso und im Grunde ist sie es, die die Fäden in der Hand hält.


    aber am Schluß der Oper wird sie von Alfonso ganz unfair reingelegt, ohne die Gelegenheit zu haben, diesem die Meinung zu sagen, oder sich zu rechtfertigen. Daß sie anschließend wahrscheinlich von den Schwestern entlassen wird, ist IMo klar - die Verliererin des Stücks.
    ich finde auch die Möglichkeit einer Versöhnung der zwei Paare absurd. Wer läßt sich schon so auf die Probe stellen?

    Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
    (frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)