Mozart vs. Haydn - wer ist der interessantere Komponist ?

  • Immerhin haben diejenigen, die das Solo-Klavierwerk von Mozart gegenüber dem von Haydn für weniger attraktiv oder substantiell halten, in Rudolf Buchbinder einen prominenten Fürsprecher. Zwar habe ich keine zitierfähigen Aussagen gefunden, in denen er sich explizit abwertend über Mozarts Klaviersonaten oder -variationen äußert, doch wird seine Reserviertheit gegenüber diesen Werken mit einer angeblich geringeren musikalischen Qualität begründet.


    Persönlich fühle ich mich jedenfalls auch stärker zu den Haydnschen Solowerken (einschließlich der frühen Divertimento-Sonaten) hingezogen. Das gilt entsprechend auch für die Klaviertrios und die Symphonien (mit Ausnahme einiger später und der letzten drei Mozart-Symphonien). Beim Oratorium liegt Haydn bei mir ebenfalls klar vor Mozart, mit Ausnahme des wundervollen, sehr frühen "Die Schuldigkeit des ersten Gebots" KV 35 von 1765 (siehe Empfehlung unten) und des späten "Davide penitente" KV 469 von 1785. Bei den Gattungen Klavierkonzert und Oper ist es andersherum. Beim Streichquartett bin ich mir noch unschlüssig. Ich warte auf das Erscheinen der 20-CD-Box mit dem London Haydn Quartet bei Hyperion.





    Wer Leid und Unrecht tut, der ist an seiner Seele der Arme.

    (Louis Spohr)

    Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft zeigt kein Gesicht.

    (Igor Levit)

  • Nabokov schrieb einmal in seinen "Vorlesungen über Russische Literatur", aus dem Gedächtnis zitiert: "Wer Turgenjew liest weiß, dass er Turgenjew liest. Wer Tolstoi liest aber liest, weil er nicht mehr aufhören kann."


    Haydn ist für mich Turgenjew, Mozart Tolstoi.


    Gutes Hören

    Christian Hasiewicz

    "...man darf also gespannt sein, ob eines Tages das Selbstmordattentat eines fanatischen Bruckner-Hörers seinem Wirken ein Ende setzen wird."



  • Ich gehe davon aus, daß mehrheitlich Mozart der Vorzug gegeben wird. Das liegt zum einen an den Opern, zum einen an den Instrumentalkonzerten,

    In Sachen sinfonien ist eine Entscheidung nicht zu treffen, beide sind erstklassig, wobei die frühen und mittleren Sinfonien Haydns interessanter wirken - auch dur ihre hohe Anzahl bedingt. Wir haben auch bei den Streichquartetten bei Haydn einen Vorsprung, was die Anzahl betrifft - aber alles in allem ist die Anzahl der Kammermusikfreunde doch eher marginal -womit wir bei der Unmöglichkeit einer Bewertung wangelangt wären. Die ist übrigens GENERELL unmöglich, wie ich schon im Eröffnungsbeitrag feststellte:

    Die Frage ist natürlich falsch gestellt, denn es müsste heissen: "Mozart vd. Haydn - welchen der beiden bevorzugt ihr persönlich - und warum"

    Über die Jahrhunderte/Jahrzehne hinweg hat sich die "allgemeine Einschätzung" indes mehrfach verschoben.


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • In der Tat war das eine interessante Diskussion zu einer Frage die man am Ende jedoch nicht beantworten kann. Trotzdem kamen einige interessante Anregungen und es hat Spaß gemacht diesen Thread zu verfolgen. Sehr amüsant finde ich die „Radikal-Mozartianer“ (hier, aber auch anderswo), die Mozart meilenweit über Haydn stellen und nicht ohne einen Seitenhieb auf Haydn (zu langweilig, zu brav usw.) auskommen. Mich wundert es immer ein wenig wenn ein bestimmtes Mozart Werk als haushoch überlegen in den Raum gestellt wird, ohne zu begründen warum dem eigentlich so ist. Es ist natürlich legitim, wenn einem ein Werk von Mozart weit besser gefällt als irgendeines von Haydn, wenn man aber behauptet das Mozart Werk ist besser als alles von Haydn, dann muss man das schon objektiv begründen können. „Gefallen“ ist meiner Meinung nach auch keine Konstante. Manchmal gefällt mir eine Sinfonie von Mozart besser als eine von Haydn, sonst würde ich sie nicht hören. Ob einem in einen gewissen Moment etwas gefällt, hängt meiner Meinung nach viel von der Stimmung ab, in der man gerade ist. Selbst der „radikalste“ Mozartianer wird ab und zu etwas abseits von Mozart brauchen.

    LG aus Wien.:hello:

  • Ich finde es insteressant, wenn Der Stellenwert der beiden an Hand der Klaviersonaten verglichen wird, denn die sind in der "allgemeinen Wahrnehmung" relativ bedeutungslos. Die späten Sinfonien betrachte ic als gleichwertig, bei den frühen hat Haydn die Nase vorn. Kammermusik ist -für die breite Masse (ich meine im Klassikbereich) eher ein Nebenschauplatz. Mozart punktet eindeutig mit seinen Opern, und seinen Konzerten.Haydn hat hier indes seine Oratorien gegenzusetzen.Werner Hitze hat völlig recht, wenn er Birnrn mit Kirschen vergleicht. Allerdings ziehe ich Birnen den Kirschen vor, wogegen ich bei den beiden titelgebenden Komponisten keine wirkliche Vorliebe habe.

    Wie gesagt: Der Thread ist eine liebe Spieleei, wie so mancher andere in diesem Forum...


    mfg aus Wien

    Alfred

    SPARE IN DER NOT - DA HAST DU ZEIT DAZU



  • Für einen fairen Vergleich der Sinfonien müsste man wohl die damals „geltenden Regeln“ anwenden: vermutlich hatte Haydn da die Nase deutlich vorn (etliche Live-Konzerte nebst begeisterten Berichten), Mozart ist ihm (wie viele) „nur“ nachgefolgt - wohl weniger erfolgreich, aber mit aus heutiger Sicht natürlich glänzenden Werken.

    Ist das HIP oder kann das weg?