Dr. Pingel´s musikalische Perlen vor Bach

  • Bei "Greensleeves" handelt es sich um eine alte englische Volkslied-Melodie. Sie stammt vermutlich aus dem 16. Jahrhundert, keinesfalls aber später. Die Legende, daß die Komposition von Heinrich VIII von England persönlich stammt, hat sich als nicht haltbar erwiesen. Verschiedene Texte sind überliefert. Ditto zahlreiche Versionen und Bearbeitungen bis in unsere Zeit. Ein Evergreen gewissermaßen...



    mfg aus Wien
    Alfred

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  • Für mich ist der folgende Choral einer der schönsten, die es gibt:



    Und in der hier gebotenen Interpretation aus San Diego gefällt er mir ganz besonders.


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Andreas Scholl singt. Den Text kann man anhand der Noten verfolgen.



    "Wie schön leuchtet der Morgenstern" ist mir seit meiner Kindheit einer der vertrautesten Choräle überhaupt. Man staunt übrigens immer wieder, wieviel große musikalische Kunst ein evangelisches Gesangbuch enthält.

    Es steht dir frei, dir über dies und das keine Meinung zu bilden und so deiner Seele die Unruhe zu ersparen (Marc Aurel)

  • Es sind natürlich auch viele davon in katholische Gesangbüchern enthalten, auch dieses. Im damaligen "Laudate", vom damaligen Bischof Michael Keller, der mich auch gefirmt hat, herausgebracht, habe ich es wie viele andere Lieder auch, die aus der evangelischen Kirche kamen, immer wieder begeistert gesungen:



    (Dies ist eine Abbildung des Exemplars aus dem Bistum Augsburg, in dem aber auch das Kernrpertioire, also aucvh dieses Lied, enthalten sein sollte.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ein Rückblick auf meine jugendliche Chorgesangsphase (es sind 55 Jahre inzwischen vergangen): Während einer Wochenend-Chorfreizeit, die selbstverständlich mit viel Übungen verbracht wurde, trotzdem aber sehr viel Spaß gemacht hat, haben wir seinerzeit ein lustiges Lied von Orlando di Lasso eingeübt. Ich möchte es hier einstellen - zufällig bei und mit den Tölzern gefunden:



    Hort zu ein neus Gedicht von Nasen zugericht,
    der sein sehr viel und gnug, ein jeder will mit fug
    damit sein in dem Gsellenspiel, ein schöne Nasen haben will;
    dem soll man sie lassen zu ruh, es seind noch ander Nasen gnug.


    Krade, krumpe, pucklete, einbogne, murrete,
    dicke, breite, spitzet, maset, schrammet, gflickte,
    dreiecket und knollet, vierecket und drollet,
    gschneitzte, rotzig, butzig, gstumpfet, kumpfet, ruesig,
    driefend, blietzend, schnoflent, schnaufend, schnarchend, schnopffent,
    frostblaue, brennrote, zucket, frade, zschlagne, zkratzte, zbißne, zschnidne, zhackte,
    zrißne, blocket, hacket, zincket, muncket, pflunschet, stincket, gleisset,
    wimbret, hogret, vol engering, knopret, ebne, schelche, flache, ein krußblane,
    weiche Nasen wie die Affennasen drat mit klaffen und ander noch vil mehr,
    die wir nit zählen her, wir haben der genueg, nun höret weiter zu!


    So findt man gülden, silberen, messing, zinnen, küpfferen, stählin, eisen,
    steinen, beinen, hirnen, hültzen, wäxen, gschnitzte, goßne, gfrorne, gmalte Nasen,
    lange, kurtze, große, weite, hohe, nidere Nasen,
    Fleischnasen, Fischnasen, altfränkisch Nasen, gantz Nasen, schön Nasen, sauber Nasen,
    wohlgformet Nasen, gar allerlei Nasen mit Knoden und fasen.


    Der gwinnen will den Kranz, König werden am Nasen-Tanz,
    der kumb bis Sonntag frueh gen Gimpelsbrunn darzu.


    :D

    .


    MUSIKWANDERER


  • Von Heinrich Isaac (um 1450-1517) stammt die Musik zum berühmten Abschiedslied "Innsbruck ich muss dich lassen". Und getreu dem Motto Luthers, dass weltliche Melodien auch für Choräle verwendet werden sollten ("Warum soll der Teufel alle diese schönen Melodien behalten?" soll er, nach Philipp Melanchthon, geäußert haben), wurde sie (die Melodie) für viele Choräle verwandt (und sind noch immer im Evangelischen Gesangbuch enthalten):


    O Welt, sieh hier dein Leben
    In allen meinen Taten
    Herr, höre, Herr, erhöre
    Nun ruhen alle Wälder
    Nun sich der Tag geendet
    Die Herrlichkeit der Erden
    O heilge Seelenspeise
    Herr Gott, lass dich erbarmen


    Auch Johann Sebastian Bach hat die Musik in seiner Matthäus- und der Johannespassion („Ich bin’s, ich sollte büßen“; „Wer hat dich so geschlagen“) und seiner Kantate "In allen meinen Taten" verwendet.


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Wie man vielleicht schon bemerkt hat, kommen von mir oft fröhliche Melodien und Tänze- Der Tourdion war ein Springtanz der Renaissance.



    mfg aus Wien
    Alfred

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  • Fröhliches, in diesem Fall von Ludwig Senfl (1486[?]-1543), und in einer Interpretation, die das Satirisch-Ironische gut herüberbringt (das Standbild sollte man einfach negieren, dafür den kurzen Text mitlesen):



    Es wollt ein Frau zum Weine gahn, Herorimatori
    sie wollt den Mann nit mit ihr lan,
    Guretsch guretschguritzima retsch
    Herorimatori!


    Wollst du mich dann nit zechen lan, Herorimatori
    so wollt ich zu einem andern gahn,
    Guretsch guretschguritzima retsch
    Herorimatori!


    Der Mann muß jetzt sein Narr im Haus, Herorimatori
    die Frau lebt Tag und Nacht in Saus,
    Guretsch guretschguritzima retsch
    Herorimatori!


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Das "Stabat Mater" von Palestrina ist eine seiner schönsten Kompositionen; ich habe sie oft gesungen. Es ist geschrieben für zwei Chöre, die meist getrennt singen, sich aber an den Höhepunkten vereinigen. Die relative Kompliziertheit der Polyphonie findet sich hier nicht.



    Das Vokalensemble aus Kopenhagen macht seine Sache sehr gut, sie singen wie aus einem Guss. Die kleine Besetzung ist dem Stück angemessen. Es fließt wie ein kleiner lebendiger Bach.

    Es steht dir frei, dir über dies und das keine Meinung zu bilden und so deiner Seele die Unruhe zu ersparen (Marc Aurel)

  • Diese Aufnahme zeigt das Stück in stärkerer Besetzung, ohne Qualitätseinbuße. Praktisch ist, dass man die Noten mitlesen kann.



    Ich würde diese Aufnahme mit einem schönen Fluss in einem deutschen Mittelgebirge vergleichen.

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  • Vor Jahren hat die Cappella Sistina mal in Deutschland gastiert; der WDR hatte es aufgenommen. Nach 5 Minuten habe ich entsetzt abgeschaltet. Ich denke mal, dass es in Deutschland 500 Chöre, die das besser machen, gibt.



    Man weiß nicht, welcher Chor von beiden der schlechtere ist. An der Aufnahmetechnik wird es auch ein wenig liegen.

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  • Aus: La Calisto. Einen Kommentar braucht diese wunderbare Musik nicht.


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  • Ohne Kommentar. Oder doch: sind die Arien im Weihnachtsoratorium schöner als die hier, gesungen von Nuria Rial und Hana Blazikova?


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  • Leider auch hier wieder die frustrierende Suche bei YouTube nach wirklich guten Aufnahmen. Es gibt schwache und passable, meine Lieblingsaufnahme von "Pro Cantione Antiqua" war nicht dabei, aber "The Sixteen" ist adäquater Ersatz.



    Dieser Psalm ist Ps. 137 und heißt nach Luther: "An den Wassern von Babylon saßen wir und weinten, wenn wir an Zion (=Jerusalem) gedachten. Unsere Harfen hingen wir in die Weiden..."
    Dieser Psalm ist ein Klassiker der Renaissance-Komponisten, die Victoria-Motette ist eine der schönsten. Die historische Situation ist die: Israel war gespalten in zwei Reiche, das Nordreich Israel, das 711 von den Assyrern erobert wurde, und das Südreich Juda, das sein Ende 589 v.Chr. fand, wobei vor allem die Oberschicht ins Exil nach Babylon musste, wo sie dann diese Lieder sangen.

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  • Jetzt bin ich doch fündig geworden nach meinem Lieblingsensemble. In ihm vereinten sich die Stars der englischen Countertenöre, wie z.B. James Bowman, Paul Esswood, Kevin Smith, Timolthy Penrose. Näher an die ursprüngliche Art der Werke von Tomàs Luis de Victoria kann man nicht kommen, denn damals sangen nur die Männer in den Chören an den großen Kathedralen Spaniens. Dieses Ensemble gibt es nicht mehr, aber die Aufnahmen sind alle erhalten und taufrisch. Die schönste Sammlung der spanischen Musik ist diese hier:


    Es steht dir frei, dir über dies und das keine Meinung zu bilden und so deiner Seele die Unruhe zu ersparen (Marc Aurel)

  • Nach dem doppelchörigen Stück "Salve Regina" hier ein weiteres Meisterwerk von Victoria, gesungen von "Pro cantione Antiqua", die auch hier nur mit Männerstimmen besetzt ist. Eines der überragenden geistlichen Motetten der gesamten Chorliteratur (sonst hätte ich das schon nicht etwa 100x gehört).


    Es steht dir frei, dir über dies und das keine Meinung zu bilden und so deiner Seele die Unruhe zu ersparen (Marc Aurel)


  • Custer la Rue singt hier "The Pretty Maid Milking her Cow " irgendwie erinnert mich der Gesamteindruck an Joan Baez.....


    mfg aus Wien
    Alfred

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  • Ich finde es sehr erfrischend, wenn nach dem ernsten Victoria die heiteren Perlen hier eingestellt werden. Und mit Joan Baez: das stimmt, das klingt wirklich so!

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  • Nikolaus Zangius (um 1570 in Woltersdorf geboren und 1619 in Berlin gestorben; 1597 wirkte er als Kapellmeister am bischöflich-fürstlichen Hof in Iburg, wechselte 1599 nach Danzig, wurde dort 1602 Kapellmeister, musste aber noch im gleichen Jahre vor der Pest nach Prag fliehen, wo er als Hofdiener des Kaisers arbeitete; 1607 kehrte er nach Danzig zurück, war dann von 1612 bis 1619 Hofkapellmeister in Berlin) war möglicherweise mal in Kölle und hat dabei - ebenso möglicherweise - auch den Alter Markt besucht. Seine dort gesammelten Eindrücke hat der Komponist musikalisch verarbeitet:



    Es singt übrigens das Collegium Vocale Köln unter der Leitung von Wolfgang Fromme.


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Persönlich ("") finde ich, daß die Auswahl der Stücke in diesem Thread gelegentlich an den im Eröffnungsbeitrag erklärten Intentionen vorbeigeht, nämlich schöne Musik zu bringen, die an kein Hintergrundwissen gebunden ist.
    Da finde ich die massenhaft geistlichen Beiträge für viele doch ein wenig abschreckend.


    Als Kontrast dazu habe ich anspruchslose Fröhlichkeit gesucht, gefunden und eingestellt.
    Das folgende Stück namens "Dindirindin" stammt von etwa 1500 und wurde von einem gewissen Herrn "Anonym" komponiert, dessen Werke sich über Jahrhunderte hinweg ziehen. Interessanterweise ist es bisheute in zahlreichen Versionen erhalten geblieben...



    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

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  • Was hilft gegen postfaktisches Denken? Fakten. Die habe ich anlässlich des Alfredschen Diktums der massenhaften geistlichen Musik überprüft. Und siehe da, 22 weltlichen Werken stehen in diesem Thema 15 geistliche gegenüber. Dazu sollte man wissen, dass praktisch alle großen Komponisten weltliche Werke eher nebenbei verfasst haben. Victoria z.B. hat nur geistliche Werke geschaffen. Über die Qualität will ich mich hier nicht auslassen, das muss man immer am Einzelfall entscheiden.
    Dass ich eine Vorliebe habe für geistliche Chormusik, liegt halt an meiner musikalischen Sozialisation.
    Zu einfach sollen die Werke durchaus nicht sein, das kann man hier unseren Taminos durchaus zumuten.
    Wenn ihr den Auftrag hättet, Mozart schnell zu verstehen, würdet ihr ja auch nicht zuerst die kleine Nachtmusik oder das Dorfmusikantensextett nehmen. Zuletzt: auch hier gilt - wie für alle gute Musik - oft hören.

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  • Ich kenne das von Alfred eingestellte DINDIRINDIN auch, habe es auf einer mp3-Datei und maßregele mich mal selber, weil ich es nicht eingestellt habe. Außerdem kann ich mit dem folgende Clip den weltlichen Anteil der Beispiele noch einmal erhöhen und etwas mehr als drei Minuten Hör- und Sehspass wünschen:



    Über William Brade (*1560 in England; †26. Februar 1630 in Hamburg) weiß Wikipedia, dass der englische Komponist, Gambenvirtuose und Geiger größtenteils im norddeutschen Raum tätig war. Brade kam wohl um 1594 aufs Festland und war bis 1596 war am Kopenhagener Hof des dänischen Königs Christian IV., danach am Brandenburgischen Hof in Berlin, von 1606 bis 1608 und von 1611 bis 1613 beim Grafen Ernst zu Holstein-Schaumburg auf Schloss Bückeburg tätig. Von 1608 bis 1610 sowie von 1613 bis 1615 wirkte er in der Hamburger Ratskapelle, danach wieder in Kopenhagen (1615 bis 1618 und 1620 bis 1622), Halle (1618 bis 1619) und Güstrow (1619 bis 1620), ab 1622 auf Schloss Gottorf und schließlich wieder in Berlin. Ich besitze nicht viel von seinen Werken, zudem sind sie auf mehrere CDs verteilt, aber was ich aus dieser gehobenen Unterhaltungsmusik immer heraushöre, ist unbändige Fröhlichkeit...


    :hello:

    .


    MUSIKWANDERER

  • Und ich musste erstmal googlen, was oder wer Joan Baez bedeutet bzw. ist...


    :untertauch:


    Mich hat ja sehr gewundert, dass Alfred Joan Baez kennt, und das offenbar so gut, dass er musikalische Vergleiche anstellen kann. Ein Interesse an dieser Ikone der amerikanischen Hippy- und Civil Rights-Bewegung hätte ich bei ihm zu allerletzt angenommen. :hahahaha:

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Ich kenne William Brade schon sehr lange von einer CD, die Jordi Savall mit Hesperion XX aufgenommen hat. Auch der Ausschnitt, den du bereit stellst, ist offensichtlich Jordi Savall. Ich erkenne ihn nämlich als den dirigierenden Gambisten ganz links. Brades Musik wird hier sehr virtuos und mit subtilem Tanz dargeboten.

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  • Zitat

    Mich hat ja sehr gewundert, dass Alfred Joan Baez kennt, und das offenbar so gut, dass er musikalische Vergleiche anstellen kann. Ein Interesse an dieser Ikone der amerikanischen Hippy- und Civil Rights-Bewegung hätte ich bei ihm zu allerletzt angenommen.


    Ja ich bin eben eine schillernde Persönlichkeit :jubel: (so wurde ich während eines Seminars einst öffentlich bezeichnet)
    Persönlich sehe ich mich eher als introvertierte graue Maus (graue Eminienz)


    Und weil wir bei Schillernden Persönlichkeiten sind - hier etwas von Dufay, das auch nicht gerade typisch für ihn ist....



    mfg aus Wien
    Alfred

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  • Irgendwie sind hier alle Links unkennlich gemacht worden!!

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  • Scheint wieder alles in Ordnung zu sein.
    Hier Monteverdis "Zefiro torna" mit Nruia Rial und Philippe Jaroussky und L´Arpeggiata.


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  • "Suzanne, un jour!"


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  • Hier in einer Aufnahme von "Ah, Robin" von William Cornish


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