Wagner Biographie?

  • Ich würde gern eine Wagner-Biographie lesen. Kann hier jemand eine empfehlen oder von einer abraten?
    Ich würde eine bevorzugen, die Lesbarkeit vor Faktenflut setzt.

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Hallo Klaus, nach wie vor ist für mich das Buch von Martin Gregor-Dellin eine gute Empfelung:


    Es gibt seit dem ersten Erscheinen dieses Werke zwar eine Fülle neuer Bücher zum Thema. Einige davon habe ich gelesen. Die Materialfülle und Solidität von Gregor-Dellin fand ich darin nicht.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Ich habe jetzt das Buch von Gregor-Dellin gelesen: Klar, eine Fülle von Daten, Informationen und Geschichten. Und klar, ein solches Buch ist interessant, weil es eine interessante Lebensgeschichte erzählt. Und der Autor ist auch ohne Zweifel mit einigem schriftstellerischem Talent gesegnet, alles lässt sich also sehr flott und unterhaltsam lesen.
    Aber meiner Meinung nach will Gregor-Dellin zu viel. Er hält zu viele Hintergrundinformationen für notwendig zum Verständnis und dann informiert er uns eben über die politische, gesellschaflische und was weiß ich für Tatbestände, die sicherlich auch wirklich interessant sind, aber eben manchmal einfach zu weit führen und uns ab und zu auch regelrecht von der Hauptperson wegführen. Auch setzt er manchmal einfach zu viel voraus: Prominente dieser Zeit waren mir oft schlicht völlig unbekannt. Dieser ausschweifende Stil führte dann andererseits dazu, dass der Hauptstrang oft lückenhaft wirkte. Da passte der ganze Wagner einfach nicht mehr ins Werk - das geht natürlich nicht! Ein Beispiel: Mir persönlich war es wichtig zu erfahren, wie es zu den "Wagnertuben" kam; leider tauchen die überhaupt nicht auf. Die Kinder der Wagners sind schattenhaft und unvollständig beschrieben. Da bleibt es bei der lapidaren Erklärung, Wagner habe sie geliebt. Wie hat Wagner von anderer Musik erfahren? Hat er sich Klavierauszüge besorgt und sich vorgespielt? Man erfährt es nicht . Dafür wird Nietzsche streckenweise plötzlich zum Protagonisten, was zwar auch interessant ist, aber doch ein wenig vom Thema abschweift.


    Das war jetzt sehr viel Kritik für ein Buch, das mir sehr gut gefallen hat, das mir viele neue und interessante Informationen gegeben hat und mich noch einmal ganz zu Wagner geführt hat und bewirkt, dass ich seitdem wieder viel von ihm gehört habe.

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Hallo Klaus, weil ich Dir das Buch seinerzeit empfohlen hatte, möchte ich Dir gern auf Deinen Beitrag antworten. Ich bin der Meinung, dass vieles von dem, was Du kritisierst, durchaus Stärken des Buches sind. Die Einordnung Wagners in seine Zeit braucht auch eine gewisse Ausführlichkeit. Das erkennst Du ja durchaus an. Ich kann Deine Einwände nachvollziehen und verstehen. Die Wagner-Literatur füllt Bibliotheken. Es gibt - die genaue Zahl, die sich auch ständig ändert, habe ich vergessen - tausende Titel. Fest steht, dass über keinen anderen Komponisten so viel geschrieben wurde wie über Wagner. Ih habe auch irgendwo gelesen, wie es zu den "Wagnertuben" kam. Nur wo, weiß ich nicht mehr. Sehr viel Persönliches aus dem Alltagsleben findest Du in Frau Cosimas Tagebüchern. Eine Fundgrube vom allem, was die Bayreuther Festspiele angeht, ist dieses neue Werk:



    Mir ist kein Buch bekannt, in dem ALLES drinsteht. Sich mit Wagner zu beschäftigen, kann zur Lebensaufgabe werden.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Lieber Rheingold!
    da hast du natürlich in allen Punkten recht.
    Aber die Erwartungshaltung bei so einem 800-Seiten-Schinken ist natürlich auch sehr hoch.
    Und Deine Empfehlung war, ich hoffe, das wurde bei meinem Text deutlich, gut.

    ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

  • Gregor-Dellin war halt der erste, der neu auftauchende Quellen wie die Cosima-Tagebücher nutzen konnte und ja auch genüsslich ausgeschlachtet hat. Gleichzeitig hat er einen ironisch-kritischen Blick auf die Person Richard Wagner - das finde ich auch gut so. Es war keine Ikonographie wie frühere Biographien und die kritische Distanz ist sogar größer als bei manchem später erschienenem Buch. Beide Faktoren sichern meines Erachtens dieser Biographie einen besonderen Rang. Gregor-Dellin unterschied zwischen Person und Werk, das fällt heute manchen wieder zunehmend schwerer als ihm, die verdammen oder verklären dann das eine mit dem anderen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Kennt eigentlich jemand von Euch die Wagner-Biografie von Curt von Westernhagen? Die lief mir mal vor längerer Zeit für ein...zwei Euro übern Weg. Und steht seitdem ungelesen im Bücherregal.

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Kennt eigentlich jemand von Euch die Wagner-Biografie von Curt von Westernhagen? Die lief mir mal vor längerer Zeit für ein...zwei Euro übern Weg. Und steht seitdem ungelesen im Bücherregal.

    Ist das nicht der von Knaur's Konzertführer, wo die mittleren Mahler-Sinfonien nicht mal erwähnt werden?
    Nein, ich kenne diese Biographie nicht und glaube allerdings auch nicht, dass das ein großer Verlust ist, sondern rechne mit wagnerianischer Ikonographie.


    (Kann mich aber natürlich auch irren.)

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Ein bemerkenswerter Satz von Ulrich Drüner, Verfasser einer der besten Wagner-Biografien der jüngeren Zeit:


    Zitat

    Für Wagner entscheidet man sich offenbar nicht, er widerfährt einem

  • Ein bemerkenswerter Satz von Ulrich Drüner, Verfasser einer der besten Wagner-Biografien der jüngeren Zeit:


    Wenn ich so darüber nachdenke, finde ich den Satz weniger bemerkenswert, als eher ein wenig wohlfeil und vielleicht sogar etwas 80er ... Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, das Wagner bzw. seine Musik oder seine Texte mir "wiederfahren" wären. Im Gegenteil waren mir insbesondere seine Textbücher zu Anfang eher außerordentlich suspekt - von seinen philosophischen bzw. politischen Auslassungen mal ganz abgesehen. Zugegeben, die Musik hat mir schon immer sehr gefallen, wenngleich mir auch hier ein richtiges Erweckungserlebis im Sinne von "Er widerfährt mir!" vollkommen abgeht. Die Erkenntnis, dass seine Operntexte nicht nur "alliteratives Geschwurbel" sind, sondern in Teilen durchaus literarische Qualitäten haben, kam erst viel später. - Insofern sollte Herr Drüner nicht zu schnell (vielleicht aus seiner eigenen Erfahrung heraus) verallgemeinern.

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

  • Von der Logik her ist der Satz für einen Nichtbetroffenen schwer widerlegbar.


    Aber alleine die Tatsache, dass es Nichtbetroffene gibt, widerlegt zumindest, dass es sich um eine offenbare Sache handelt :hello:

    mfG Michael


    Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.