Verdi Don Carlo am 25.10. 2017 in der Pariser Oper

  • Am Mittwoch Abend war ich zum ersten Mal in der Bastille Oper in Paris und habe mir Don Carlo angeschaut. Die Inszenierung von Krazysztof Warlikowski war noch hilfloser als die Aida Inszenierung aus Salzburg. Warum musste Eboli in einem Fechtanzug ihre Schleierarie singen ? Wahrscheinlich will uns der Regisseur damit sagen, daß sie innerlich mit sich kämpft, ob die Affäre mt dem König richtig ist und sie ein schlechtes Gewissen hat. So einen langweiligen Autodafe Akt habe ich noch nicht gesehen, den dort passierte überhaupt nichts. Die Kostüme waren schick anzusehen. Herr Kaufmann sah aus, als ober er zum Tennis oder Golf spielen verabredet war. Als ein hervorragender Verdi Dirigent erwies sich Philippe Jordan der einen wirkliches Feingespür für die Partitur hat und die Sänger nie mit dem Orcheser übetönt. Bei den Sängern war Jonas Kaufmann der Schwachpunkt des Abends. Sein Tenor klingt kehlig und auch in den hohen Lagen klingt er angestrengt . Dafür waren die drei Bässe ganz stark. Ildar Abdazakov war nicht nur körperlich ein beeindruckender Philippe II . Er verfügt über einen tiefen Bass und ist auch ein sehr guter Darsteller. Großartig auch der Großinquisitor gesungen von Dimitry Belosselsliy , vor dem man mit seinem imponierenden tiefem Bass Angst haben muss und der auch diie nötige Autorität ausstrahlt. Sehr gut war auch der Mönch gesunngen von Krzysztof Baczyk. Eine Klasse für sich war Lodovico Tezier der den Posa gesungen hat, mit seinem kräftvollem Bariton, Sonja Yoncheva war eine beeindruckende Elisabeth die auch ihre Arie ganz wunderbar gesungen hat. Sängerin des Abends war aber Elena Garanca mit ihrem voluminösen Mezzosopran als Eboli. Es gab viel Zwischenapplaus und am Ende gab es einen minutenlangen Beifallsorkan und alle Sänger wurden mt Bravos gefeiert.

  • Glückwunsch, lieber Rodolfo, dass Du zum ersten Mal in der Bastille warst. Hast Du es genossen?
    Ich habe die Aufführung am Radio gehört. Die Sänger würde ich ähnlich beurteilen wie Du.
    Beste Grüße
    Caruso41

  • Meine Meinung hatte ich ja schon im Fernsehthread geschrieben, und ich bin hocherfreut, gesanglich die gleichen Einschätzungen getroffen zu haben wie rodolfo und caruso. Ich wäre schon gerne mal in der Pariser Oper, egal ob in der Bastille-Oper oder im Palais Garnier. Wenn die Bühnenhandlung zu sehr abdriftet, kann man das Auge umherschweifen lassen und dennoch den Gesang live erleben. Tezier hat sich ungeheuerlich positiv entwickelt.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Tezier hat sich ungeheuerlich positiv entwickelt.


    Lieber La Roche!
    In der französischen Fassung des Werkes ist Ludovic Tézier eine hervorragende Besetzung für den Rodrigue.
    In der italienischen Fassung gerät er doch an Grenzen! Aber für das italienische Fach gibt es gegenwärtig leider wenige, die als Rodrigo höhere Ansprüche erfüllen! Das ist bei Luna und Don Carlo de Vargas noch ärger!
    Da können wir froh sein, dass inzwischen wieder die französische Fassung des Don Carlos gespielt wird!


    Beste Grüße


    Caruso41

  • lieber caruso41,


    vor etwa 15 Jahren habe ich Herrn Tezier live in einer konzertanten Andre Chenier im Gewandhaus erlebt, schon da hatte er mir gefallen. Seine Stimme klang jugendlich, frisch, aber die Höhe und Kraft, die er jetzt im Don Carlos gezeigt hat, die hatte er damals noch nicht. Er müßte in Leipzig anfang 30 gewesen sein, jetzt ist er wohl 49. Und auch wenn meine Erinnerung nach 15 Jahren nicht mehr jede Einzelheit reproduziert, wäre seine Stimme als Gerard wohl jetzt noch geeigneter. Gerard ist schon eine tolle Rolle. Die schauspielerischen Leistungen von Tezier in Leipzig kann ich nicht beurteilen, es war ja konzertant (übrigens sang Robert Dean Smith den Andre Chenier, er hatte es schwer gegen ein nicht immer gezügeltes Orchester. Es war das MDR-Sinfonieorchester unter Luisi, dessen Stärke die leisen Töne wohl nie waren),
    aber seine Zerissenheit darzustellen wäre schon interessant gewesen. Immerhin muß er seinen Freund zu Tode verurteilen, auch wenn er weiß, daß dieses Urteil kein gerechtes Urteil ist.


    Im Pariser Carlos hat er mir eigentlich rundum gefallen, auch wenn ich nur ca. 2/3 der Aufführung gesehen habe. Musikalisch war es schon gut. Aber Du weißt, daß mir der wie ein Tennisspieler gekleidete Infant und viele andere Sachen nicht gefallen haben. Ich hätte sicher öfter das Haus bewundert, um mich vom Bühnengeschehen abzulenken. Vielleicht habe ich die Chance, Ludovic Tezier in Dresden oder in Leipzig noch einmal zu bewundern.


    Ich glaube, ihn auch in Dresden als Scarpia gesehen zu haben. Die alten Programme liegen zu weit weg. Wenn ja, habe ich keine gute Erinnerung an diese Rolle. Diese Rolle singt er im März 2018 in der Semperoper wieder, Thielemann dirigiert, aber bei mir klappen diese Termine nicht.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Als ein hervorragender Verdi Dirigent erwies sich Philippe Jordan der einen wirkliches Feingespür für die Partitur hat und die Sänger nie mit dem Orcheser übetönt.


    Diese Einschätzung finde ich interessant. In der TV-Übertragung und am Radio hat mich Jordan überhaupt nicht überzeugt. Ich empfand ihn ziemlich mau und vermisste die dunklen und geheimnisumwitterten Farben. Alles war so klar und eindeutig.

  • Defizite gibt es, mehr oder weniger, immer.
    Ich habe den Pariser Carlos von Anfang bis Ende gesehen. Die einzigen größeren Defizite, die mich gestört haben, sind bei der Regie zu suchen: Albernheiten in der Personenregie (einschließlich Pferd), die trostlos leere Bühne etc.
    Für die Sänger stimme ich dem Versprechen des Generaldirektors zu: Er hat für jede Partie die möglichst optimale Besetzung gesucht - und meiner Meinung nach auch gefunden. Zu kritisieren gibt es immer etwas, aber im Ganzen hat es musikalisch gestimmt (auch im Orchester). Wenn man die Augen schließt, kann man die Aufführung mit Genuss hören - meint Sixtus.

  • In der französischen Fassung des Werkes ist Ludovic Tézier eine hervorragende Besetzung für den Rodrigue.
    In der italienischen Fassung gerät er doch an Grenzen!


    Lieber Caruso, wenn Du die Frage eines Laien gestattest: Warum stellt die italienische Fassung andere Anforderungen an den Sänger als die französische?

  • In der französischen Fassung sollte die Sprache französisch sein, in der italienischen Fassung wohl italienisch. Tanzen brauchte Tezier in keiner Fassung, auch nicht in der französischen.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Da ich den Bericht erst jetzt gelesen habe und in der Aufführung am 22.10.17 gewesen bin (die gleichzeitig im Fernsehen gesendet wurde), füge ich gerne noch meinen Bericht an:


    Musikalisch war es ein ganz großer Abend! Für mich war es seit meinem ersten Carlos im Jahr 1992 die erste Live-Begegnung mit einer französischen Fassung. Auch wenn ich der Sprache mächtig bin gefällt mir die Oper auf italienisch gesungen besser, weil pointierter und dramaturgisch wuchtiger. Sie klingt auf Französisch irgendwie weichgespült. Das mag aber auch an meinen Hörgewohnheiten liegen. Über die großartigen Sänger schreibe ich in der Reihenfolge der Beifallsskala. Den größten Jubel erhielt verdientermaßen Elina Garanca, die sowohl vokal als auch darstellerisch aus dem Vollen schöpfen konnte und die Rolle so vielschichtig wie selten erlebt gestaltet hat. Bei den Herren entfiel der meiste Beifall auf den Ludovic Tézier, dessen Posa ein Ohrenschmauß war. Mit Sonya Yoncheva hatte ich auch in der dritten Rolle meine Probleme. Sicherlich singt sie die Elisabeth sehr gut. Sicherlich dürfte es schwer sein, eine ähnlich gute Rollenvertreterin (von Harteros einmal abgesehen) zu finden. Irgendwo habe ich etwas von "sinnlichem Flimmern in ihrer Stimme" gelesen. Genau das kommt bei mir jedoch nicht an. Das leichte Flackern in der Höhe täuscht vielmehr darüber hinweg, dass sie keine Bögen singen kann.

    Sehr positiv überrascht war ich von Jonas Kaufmann in der Titelpartie, der sich nicht geschont hat und für die Fernsehübertragung alles gegeben hat. Bei Ildar Abdrazakov stimmte als König das Gesamtpaket. Die Stimme könnte vielleicht ein wenig durchschlagskräftiger sein. Dmitry Belosselskiy gab zwar einen bedrohlichen Großinquisitor, stimmlich fehlte es jedoch insbesondere in der Tiefe an Substanz, so dass sein Vortrag deutlich hinter seinen Kollegen zurückblieb.


    Philippe Jordan zeigte mit teilweise sehr schnellen Tempi, warum ihn die Wiener Staatsoper als neuen Chef verpflichtet hat. Er wurde wie ein Pop-Star gefeiert und dirigierte packend und souverän. Ich weiß nicht, ob man das in der Übertragung gehört hat: irgendwann hat es mal mächtig im Orchestergraben gescheppert. Schuld war ein heruntergerutschtes Notenpult, das die Noten abgeworfen hat. Die Reise nach Paris hat sich in jedem Fall gelohnt!