Franz Schubert, Klaviersonate Nr. 21 B-dur D.960, CD (DVD)-Rezensionen und Vergleiche (2017)

  • Ich muss ja auch im Hammerklaviersonaten-Thread weitermachen und habe jetzt mit Yes Nats Aufnahme von 1954 begonnen. Morgen bespreche ich noch das Adagio sostenuto und das Fugenfinale, und dann kommt als nächste Besprechung im Schubertthread die Aufnahme der Japanerin Nami Ejiri:

    vom Januar 2014 aus den Teldex-Studios in Berlin.

    Jetzt ist ja sowohl Gesangs- als auch Konzert-Pause, dann kann ich wieder mehr hören und schreiben.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Willi,


    hast Du diese CD hier?



    Badura-Skoda spielt hier die Sonate gleich dreimal ein auf drei verschiedenen Instrumenten zum Vergleichen: einem Hammerflügel von Graf von 1826, einem Bösendorfer von 1923 und einem Steinway von 2004. Das finde ich hoch spannend - und werde mir die Aufnahme besorgen! :)


    Liebe Grüße

    Holger

  • Auch wenn ich nicht gefragt wurde: ich besitze diese CD. Und finde sie faszinierend. Die unterschiedlichen Speilzeiten beim ersten Satzt sind auf das Weglassen der Wiederholung bei der Aufnahme auf dem Bösendorfer Flügel aus 1923 zurückzuführen. Persönlich schätze ich den Klang der alten Flügen sehr, weshalb mich die neuerliche Begenung mit dem alten Graf-Flügel sehr freut. Zu Steinway bin ich noch nicht gekommen. Auf alle Fälle ein lohnende Anschaffung und eine wertvolle Ergänzung zu einer D.960-Sammlung.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Lieber Holger,


    selbstverständlich kenne ich die CD und auch diese Box:


    Ich kenne somit alle fünf Aufnahmen Badura-Skodas der B-dur-Sonate und habe sie in den Beiträgen Nr. 68, 78, 85, 87 und 88 in diesem Thread besprochen.

    Es gibt, zumindest in meiner Sammlung, nur drei Pianisten, die die B-dur-Sonate fünfmal aufgenommen haben, die beiden Freunde Paul Badura-Skoda und Alfred Brendel und Swjatoslaw Richter.

    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es weltweit noch irgendeinen Pianisten gäbe, der die B-dur-Sonate ebenfalls fünfmal aufgenommen hätte. Das wüsste ich.

    Übrigens darf ich bei der Gelegenheit gleich mein Neuerwerbung vorstellen:

    51CoE66a4CL._AC_UY218_QL90_.jpg

    Der Salzburger Pianist Gilbert Schuchter hat sie wohl 1989 aufgenommen, und ich werde dieser Tage beginnen reinzuhören.

    Ich hatte Glück und konnte diese 12-CD-Box für 12,63 € erwerben. Darauf sind laut Booklet sämtliche (zumindest zweihändige) Klavierwerke Schuberts enthalten.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

    Einmal editiert, zuletzt von William B.A. ()

  • Ich kenne somit alle fünf Aufnahmen Badura-Skodas der B-dur-Sonate und habe sie in den Beiträgen Nr. 68, 78, 85, 87 und 88 in diesem Thread besprochen.

    Lieber Willi,


    da habe ich gerade mal nachgeschaut. Das liest sich ja ungemein spannend, was Du schreibst! :) Ich freue mich schon aufs Nachhören!


    Liebe Grüße aus der Hitze-Sauna in Münster

    Holger

  • Zitat von Dr. Holger Kaletha

    Liebe Grüße aus der Hitze-Sauna in Münster

    Holger

    39° im Schatten hatten wir aber in Coesfeld auch.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber William B.A.


    Was diesen Thread kennzeichnet, ist die auf Partiturkenntnisse beruhende sachliche Analyse der Interpretationen. der Pianisten.


    Es gelingt für den Hörer nachvollziehbar, die musikalischen und klavierspezifischen Unterschiede der Einspielungen zu verstehen. Was in die Bewertung einfliesst, mögen persönliche Kriterien sein. Sie werden aber stets in Bezug zueinander gesetzt und begründet.


    Das Hinter-den-Noten-Stehende, was Franz Schubert in seinen drei letzten Klaviersonaten, wozu D. 960 gehört, im kompositorischen Prozess eingeschrieben hat, ist letztlich in Worte nicht zu fassen. Es berührt unmittelbar.


    Dieses Geheimnis bildet jedoch die Motivation sich mit diesem Meisterwerk der B-Dur Sonate in dieser intensiven Weise auseinanderzusetzen.


    Dafür muss ich meinen grossen Respekt und Dank aussprechen.


    moderato

    .

    Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer


    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
    .

  • Den Namen Dr. Kaletha konnte ich nicht mehr in die Begrüssungsformel schreiben, weil nachträgliches Bearbeiten nicht mehr möglich ist. In meine Worte bist du ebenfalls eingeschlossen. Ich hole es mit diesem Beitrag nach.

    Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer


    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
    .

  • Den Namen Dr. Kaletha konnte ich nicht mehr in die Begrüssungsformel schreiben, weil nachträgliches Bearbeiten nicht mehr möglich ist. In meine Worte bist du ebenfalls eingeschlossen. Ich hole es mit diesem Beitrag nach.

    Vielen Dank, lieber Moderato! Dann überlege ich mir, meine parallele Kolumne zu starten! :)


    Schöne Grüße

    Holger

  • "Die Entwicklung des ersten Schlusses (Takt 113 - 121 der Exposition des Kopfsatzes) ist ein beispielloser expressiver Verlauf, zerrissen von Pausen und Fermaten, zusteuernd auf eine aberwitzige Fortissimo-Katastrophe (wilde Dissonanzen, , dann der unendlich lange Moll-Triller im tiefsten Baß, als "ffz" zu nehmen... Zu denken gibt es, daß noch bis in die jüngste Zeit viele Schubert-Spieler diesen unaussprechlich ausdrucksvollen ersten Schluss samt der zwingend vorgeschriebenen Repetition der Exposition einfach ausließen und somit den gezacktesten Verlauf der Sonate unterschlugen, weil sie es eilig hatten!" (Joachim Kaiser)


    Ich möchte mich herzlich bedanken für diesen Thread! Ich kann es kaum glauben, aber ich habe dies Sonate bisher immer ohne Wiederholung der Exposition gehört (zumeist von Brendel) und mir war nie bewusst, dass dabei 9 Takte von Schubert unterschlagen wurden - und was für Takte!

    Ich hatte mir vor Jahren mal einige Seiten der ersten Fassung dieser Sonate kopiert und jetzt gerade auf das Ende der Expostion und dem ergreifenden Beginn der Durchführung mein Augenmerk gerichtet. Dabei fällt auf, dass der dramatische 9-taktige Schluß ursprünglich nur 5 Takte umfasste! Und auch der klagende cis-moll Beginn der Durchführung war zunächst anders in der linken Hand (Triolen nach dem Muster der Schlußgruppe):

    http://gerdprengel.de/Schubert_B-Sonate_12.jpg


    Hier auch noch der Anfang der Sonate in der ursprünglichen Skizze:

    http://gerdprengel.de/Schubert_B-Sonate_11.jpg


    Gerd

    "When I was deep in poverty, you taught me how to give" Bob Dylan

  • Ich möchte mich herzlich bedanken für diesen Thread! Ich kann es kaum glauben, aber ich habe dies Sonate bisher immer ohne Wiederholung der Exposition gehört (zumeist von Brendel) und mir war nie bewusst, dass dabei 9 Takte von Schubert unterschlagen wurden - und was für Takte!

    Lieber Gerd,


    finde ich auch! Der Satz soll ja nicht in Melodieseligkeit ersaufen und seine dramatischen Züge verlieren. Es gibt in Chopins Klaviersonate h-moll Nr. 3 eine ganz ähnliche knorrige Passage vor der Expositionswiederholung - auch die platzt ins Belcanto herein. Da fährt man auch erschreckt vom Stuhl auf! ^^

    Ich hatte mir vor Jahren mal einige Seiten der ersten Fassung dieser Sonate kopiert und jetzt gerade auf das Ende der Expostion und dem ergreifenden Beginn der Durchführung mein Augenmerk gerichtet. Dabei fällt auf, dass der dramatische 9-taktige Schluß ursprünglich nur 5 Takte umfasste! Und auch der klagende cis-moll Beginn der Durchführung war zunächst anders in der linken Hand (Triolen nach dem Muster der Schlußgruppe):

    Allein schon graphisch ist das unglaublich - er muss sehr schnell geschrieben haben, Musik so, wie man einen Brief schreibt. Die verschiedenen Fassungen sind natürlich interessant! Da müsste man sich in der Tat näher damit beschäftigen! :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Gerd, was die Wiederholung der Exposition im Kopfsatz der B-dur-Sonate betrifft, so ist die Sache doch deutlicher, als man annehmen könnte. Ich habe gerade diese GA der Sonaten in meine Datenbank eingetragen:

    und sie in einem guten Gesamtzustand mit einem älteren Cover zu einem gerade lächerlichen Preis von unter 16 € erstanden. die nächste neue GA ist für 43 € zu haben. Doch diese GA enthält Schubert gesamtes Klavierwerk für zwei Hände.

    Insgesamt, um auf meinen Eingangssatz zurückzukommen, habe ich nun 124 verschiedene Aufnahmen der B-dur-Sonate, und davon sind 37 ohne Wiederholung der Exposition im Kopfsatz und 87 mit Wiederholung derselben.

    Drei Pianisten haben die B-dur-Sonate fünfmal aufgenommen, die beiden Freunde Alfred Brendel und Paul Badura-Skoda und Swjatoslaw Richter. Einer hat sie fünfmal ohne Wiederholung aufgenommen, Brendel, und einer fünfmal mit Wiederholung, Richter, und Badura-Skoda hat sie viermal mit Wiederholung aufgenommen und einmal ohne, um, wie er sagte, seinen Zuhörern zu zeigen, wie die Sonate ohne die Wiederholung sich darstellte. Er war nämlich entschieden für die Wiederholung.

    Ich bin auch entschieden für die Wiederholung, und zwar aus einem ähnlichen Grund, wie mir Gerhard Oppitz einmal in einem längeren persönlichen Gesrpäch erläuterte, nämlich dass diese berühmten Takte 117a bis 125a ein derart dramatischer Höhepunkt seien und von Schubert sicherlich so gewollt, dass man sie nicht unter den Tisch fallen lassen sollte.

    Brendel war ja dezidiert anderer Meinung, und ich akzeptiere selbstverständlich seine Meinung. Ich habe in der gerade beendeten Saison die B-dur-Sonate dreimal live gehört, im September 2018 in Bonn von Sir Andras Schiff, im Juni dieses Jahres in Mülheim von Marc-André Hamelin und im Juli in Bochum von Igor Levit. Alle drei haben antürlich mit Wiederholung gespielt.

    Als Nächstes werde ich in diesem Thread die Aufnahme der Japanerin Nami Ejiri besprechen, ich bin aber im Moment noch im Hammerklavier-Sonaten-Thread (Beethoven) mit der Aufnahme von Yves Nat beschäftigt. Wegen der Hitzewelle habe ich eine Pause eingelegt.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Franz Schubert, Klaviersonate Nr. 21 B-dur D.960

    Nami Ejiri, Klavier

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    Instrument: Steinway

    AD: 10.-12. 1. 2014, Berlin

    Spielzeiten: 22:48 - 10:36 - 4:28 -7:49 --- 45:41 min.;


    Da ich Nami Ejiri hier auch zum ersten Male bespreche, möchte ich sie kurz vorstellen:


    Nami Ejiri wurde 1973 in der Präfektur Tokyo in Japan als Kind einer Pianistin geboren. Die umfangreiche klassische Plattensammlung ihres Großvaters und der Klavierunterricht bei Takahiro Sonoda, der als Pianist u.a. mit Herbert von Karajan und Sergiu Celibidache zusammengearbeitet hatte, weckten in ihr schon als Dreijährige die Liebe zur europäischen Musik.

    An der Toho Gakuen School of Music in Tokyo studierte sie Klavier bei Prof. Yoshimi Tamaki und durfte als beste Absolventin aller japanischen Hochschulen vor der Kaiserlichen Familie von Japan spielen.

    Reisen zu Konzerten und Wettbewerben führten Nami Ejiri regelmäßig nach Europa und seit 1998 lebt sie in Deutschland, dem Kulturraum, dessen Musik sie besonders liebt. Im gleichen Jahr nahm sie ihr Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main bei Prof. Lev Natochenny auf und schloss dieses mit Auszeichnung ab.

    Seit 2006 hat die zweifache Mutter einen Lehrauftrag im Fach Klavier an der Musik Hochschule Frankfurt. Sie gibt Meisterkurse im In-und Ausland und ist darüber hinaus Jurymitglied bei verschiedenen Wettbewerben. Nami Ejiri ist Preisträgerin zahlreicher internationaler Klavierwettbewerbe. 2001gewann sie beim Wettbewerb Vianna da Motta, Portugal. Weitere Preise erhielt sie u.a. in Italien (Porrino, Pecar, Cantu, Casella), Österreich (Beethoven/Wien), Polen (Chopin/Warschau) und Japan (Tokyo International, Sonoda/Oita).

    Ihre Konzerte in der Alten Oper im Jahr 2009 und beim Kultursommer Nordhessen im Jahr 2012 wurden vom Hessischen Rundfunk (HR)übertragen.

    Weiteres kann man hier lesen: http://www.namiejiri.com/index.php/de/vita/vita-de


    Mami Ejiri wählt ein gemessenes Grundtempo, langsamer als die hier zum Vergleich herangezogenen Philippe Entremont und Marc André Hamelin. Außerdem spielt sie in einem veritablen Pianissimo und wählt auch die leichten dynamischen Bewegungen nicht so deutlich wie manche andere Pianistinnen oder Pianisten. Dennoch baut sie einen schönen Spannungsbogen auf, wie ich finde.

    Auch im dritten Thementeil der Verlängerung des Themas (Takt 20 bis 33) bleibt sie konstant bis zum Ende des Taktes 33 in dem tiefen Pianissimo, lässt dabei die langen Bögen wunderbarfließen und spielt dann in Takt 34/35 ein mitreißendes Crescendo, das sie gar nicht bis zum Fortissimo ausufern lassen muss, da sie ja aus dem tiefen Pianissimo kommt. Dieser Abschnitt gehört mit zum Exaktesten, was ich bisher an Interpretationen der B-dur-Sonate gehört habe, und er hat mich sehr stark berührt.

    Der vierte Teil des Themas mit dem Decrescendo und der anschließenden dynamischen Gegenbewegung schließt sich organisch an und endet in der Tat in einem Fortissimoakkord. Mit einem unglaublich ausdrucksvollen und dabei leisen Übergangstakt 48 in den Portatoachtel-Terzakkorden leitet sie ins fis-moll-Seitenthema über.

    Dieses introvertierte Klanggewebe, das sie nun aufbaut und in abermals gemessenem Tempo voranschreiten lässt, breitet sich, wie ich finde, ein faszinierender Klangzauber aus, der mich wieder an das alte Günter-Wand-Zitat denken lässt: "So- und nicht anders". Natürlich geht es auch anders, aber so ist es so schön!

    Und wie schön von selbst treten in der nun folgenden Achteltriolen-Sequenz (ab Takt 80 mit Auftakt) die moderaten dynamischen Bewegungen hervor, fließen den kurzen Achtelpausen mit ein (Takt 95 bis 97) und gleitet das Geschehen in die Schlussgruppe hinein.

    Im Gegensatz zu manch anderem nimmt sie jedoch hier die Achtel-Schlussakkorde in den Steigerungsfiguren in Takt 101, 103 und 105 ganz kurz, lässt sie nicht in die Pausen hinein schwingen, erzeugt so auch reizvolle temporale Kontraste.

    Und die Überleitung zu Wiederholung der Exposition, die sie selbstverständlich spielt, gehört mit zu den vehementesten die ich bisher gehört habe und hat nachvollziehbar seinen absoluten dynamischen Höhepunkt der ganzen Exposition eben in diesem ffz-Triller in Takt 124a.

    Ähnlich wie Valeriy Afanassjew führt auch sie die "komponierte Stille" der Pausenfermate in Takt 125 a

    sehr lang aus.

    Die Wiederholung der Exposition gerät m. E. ähnlich faszinierend wie die Exposition selber, sehr leise, aber absolut zielgerichtet mit einem faszinierenden Basstriller nahe dem ppp.

    Auch der dritte Teil mit der Variierung des Themas (Takt 20 bis 33) besticht ein weiteres Mal durch die genaue Ausführung des konstanten Pianissimo, in dem sie sich nicht durch die "innere Beschleunigung" zu einem verfrühten Crescendo hinreißen lässt. Und da reicht dann auch voll und ganz das Erreichen des Forte in Takt 35 auf der Vier, weil die Spannweite aus dem tiefen Pianissimo genauso groß ist, wie sie Schubert sich gedacht hat.

    Und auch die stärkeren dynamischen Bewegungen führt sie im vierten Thementeil, der Wiederholung des Themas mit überleitendem Decrescendo und anschließendem Crescendo genauso präzise aus wie zu Beginn.

    Dann führt sie wieder das latent melancholische fis-moll-Seitenthema ebenso berührend aus, wie sie es zuvor getan hat.

    Und durch das etwas langsamere Tempo kommt der klopfende tiefe Ton in jeder sich wiederholenden Sechzehntelfigur im Bass, wie ich finde, noch deutlicher und vor allem insistierender zur Geltung als bei "zu" schnellem Tempo, wo er als Teil einer großen virtuosen Bewegung kaum ins Gewicht fällt. Auch die letzte Sequenz des Seitenthemas, die Achteltriolen-Sequenz, ab Takt 80 mit Auftakt, erscheint mir in diesem von ihr vorgetragenen Tempo in Verbindung mit den sanften dynamischen Bewegungen mit der Anmut, die ihr innewohnt.

    Ein letztes Mal spielt sie die wunderbare Schlussgruppemit den gesteigerten dynamischen Kontrasten in der meist fließenden Bewegung. Auch sie begreift in der Wiederholung den ff-Takt 105 quasi als dynamische Spitze des Kopfsatzes.

    Was mir schon eher aufgefallen war, ist ihre sorgfältige Ausführung der Achtelpausen nach den Achtelnoten. Das kommt besonders deutlich im überleitenden Ritardando-Takt 117b, zur Durchführung hin, zum Tragen. Andere lassen die Achtel-Note auch ruhig mal über die Achtelpause hinweg schwingen.

    Sie gestaltet den ersten Teil der Durchführung im cis-Moll durchaus mit einer gewissen Schwere, was in ihrer gesamten Tempostruktur der melancholischen Stimmung durchaus angemessen ist, wie ich meine. Vor allem tritt dann die Aufhellung im zweiten, dem Achteltriolenteil, in einem stärkeren stimmungsmäßigen Kontrast hervor. Hier trägt sie auch den gestiegenen dynamischen Kontrasten Rechnung, vor allem in den nun ab Takt 135 folgenden Dynamikwechseln, Takt 137, in Takt 139 gedrängt usw., bis hin zu dem diesen Abschnitt beendenden Fortissimotakt 149, der dann in einem Abschwung mit den nun auftreten klopfenden Achteln trotz des Rückwechsels in B-dur auf den dynamischen Höhepunkt der Durchführung zuläuft. Diese klaren und insistierenden Achtel führt sie sehr prägnant aus. Die eigentliche Steigerung erlangt sie mit nur wenigen dynamischen Akzenten und spielt sie grandios in der steigenden dissonanten Wiederholung des Themas mit überleitendem Decrescendo und anschließendem Crescendo in der steigenden dissonanten Verdichtung aus.

    Auch in der anschließenden helleren Phrase mit den wechselnden Quint- und Sextakkorden behält sie diese etwas bedrückende Stimmung schön im Fokus, auch nach dem Oktavwechsel von Melodie und Begleitung, und lässt die bedrohlichen Basstriller ab Takt 186 fließend hinzutreten.

    Und erst nach dem dritten Anlauf kann sich das Thema, die Reprise schon im Blick in den nun langen Bögen im hohen Diskant und einer anschließenden wunderbaren Achtelabwärtsbewegung, durchsetzen, und die nun im Übergang im tiefen ppp befindlichen beiden Basstriller haben nun nichts Bedrohliches mehr an sich, auch und gerade nicht in der Interpretation Nami Ejiris.

    Wie aus einer höheren Sphäre lautlos herabgeschwebt, setzt nun die Reprise in Ejiris betörendem Spiel ein. Sie betont das überaus lyrische dieses wunderbaren Gesangs, dem jede Hast und Eile fremd ist.

    Wieder berührt mich ihr untrügliches Tempo- und Dynamikgefühl und lässt m. E. in der Gestaltung dieses dritten und vierten Thementeils keine Fragen offen, und der Hörer kann sich ganz an dem Ausdruck erfreuen.

    Auch das überaus lyrische Seitenthema, obzwar in fis-moll, lässt sie in dem gemessenen Tempo wieder auf das Ergreifendste singen. Wie wunderbar sind auch die Oktavierungen in den Oktavgängen des Diskant (ab Takt 289 mit Auftakt), dem sie wieder ab Takt 298 die sehr anrührende Achtel-Triolen-Sequenz folgen lässt, samt der Schlussgruppe, die sie wieder dynamisch sehr stark kontrastiert, und die wundersame Coda, mit der sie eine absolut meisterliche Leistung zum Abschluss bringt.


    Das Andante schließt sie in ebenfalls ruhigem schreitenden Tempo an, geringfügig schneller als Philipp Entremont und noch einmal gut 20 Sekunden langsamer als Marc André Hamelin. Auch hier ist wieder die präzise Gestaltung der Pausen, auch der Sechzehntelpausen in der tiefen Begleitfigur von Anfang an zu bewundern.

    Sehr schön ist ihre erste Steigerung (ab Takt 10 mit Auftakt), die noch Luft nach oben lässt, und sehr berührend die erste Durauflösung (Takt 14 bis 17). Dem schließt sie die zweite Steigerung an, kaum merklicher höherer Dynamik-Level und die anschließende wunderbare dynamische Gegenbewegung im zweifach ansetzenden Decrescendo (ab Takt 29 und ab Takt 34).

    Dafür umso deutlicher ihr weiterer Abstieg zum Piano Pianissimo in (Takt 37/38), hin zum Einsatz des wunderbaren choralartigen Seitensatzes bzw. Mittelteils.

    Dieser himmlische Hymnus ruft mir in ihrer Lesart sofort Schauer auf den Rücken, die gleiche Sorgfalt in Tempo- und Dynamikgestaltung wie in den entsprechenden Stellen in der Exposition des Hauptsatzes, die gleiche Ruhe und die gleiche exzellente Ausdrucksstärke.

    Da spürt man, wie sie nicht nur den Bogen weiter spannt vom melancholischen Hauptthema zum erfüllenden Seitenthema, sondern auch con Kopfsatz weiter über diesen quasi Mittelpunkt der ganzen Sonate.

    Auch die nächste Sequenz, Verlagerung des Themas um eine Oktave in den Diskant, atmet Ruhe, lotet gleichsam die musikalische Tiefe aus und verlängert den bei aller Ruhe unverändert vorhandenen Spannungsbogen, auch im Rücktausch der Oktaven ab Takt 59, der dann in den moderaten dynamischen Höhepunkt dieses Mittelteils führt, wo sie in der Tat auch in Takt 72 auf der Eins das Forte erreicht. Gleichzeitig bleibt der ruhige Schreitrhythmus im Bass erhalten, und in der letzten Sequenz fließt sie organisch in den neuerlichen Oktaventausch hinein, die nach kurzer moderater Steigerung in Takt 78 mit Auftakt ein betörendes Decrescendo zeitigt, das sie in den letzten beiden Takten auch in ein Diminuendo verwandelt.

    Als quasi Übergang setzt auch sie einen langen Generalpausen Takt wie Afanassjew.

    Dem schließt sie die Wiederholung des melancholischen Hauptthemas an, in dem die rhythmische Erweiterung der klopfenden Sechzehntel im Bass in ihrem moderaten Tempo auch zur Steigerung des unveränderbaren Voranschreitens der schicksalsträchtigen Musik wesentlich beiträgt. Hier intensiviert sie auch, wie viele andere Pianisten, die dynamische Steigerung (hier ab Takt 98).

    Sehr berührend gestaltet sie wieder die Durauflösung (Takt 103 bis 106). Auch die letzte Steigerung (ab Takt 114) spielt sie wieder deutlich, aber nicht noch dynamischer als vorher und schließt dann das Decrescendo zur Coda hin an.

    Und die Coda, die langsam in einem tiefen ppp ins Morendo versinkt, spielt sie atemberaubend.

    Ein überragend gespielter Satz!


    m Scherzo ist sie etwas langsamer als Entremont und deutlich langsamer als Hamelin. Dennoch kommt mir dieses Tempo durchaus passend vor, Rhythmus und dynamische Verläufe sind m. E. durchaus stimmig. Auch hier gefällt mir wieder ausnehmend, dass sie die dynamische Spannweite wiederum vom unteren Ende her denkt und diese "delicatezza" wirklich über das ganze Scherzo beibehält.

    Deutlich moderater im Tempo und mit geheimnisvoll synkopiertem Charakter der Sforzando-Piani spielt sie das Trio, wiederum ein großer Kontrast zum leichtfüßigen Scherzo.

    Natürlich schließt sie das Scherzo da capo ed infine la Coda an- Ein Genuss, dieses Scherzo zu hören!


    Im Finale ist sie etwas schneller als die zeitgleichen Hamelin und Entremont. Hier spielt sie den expositionsartigen ersten Themenauftritt dieses sowohl rondoähnlichen Satzes als auch strukturell eines Sonatensatzes in munterem Fluss, rhythmisch elegant und mit fließenden dynamischen Bewegungen, auch hier nicht überbordend.

    Im ersten Seitensatzauftritt (hier ab Takt 85) behält sie den hier mehr legato geprägten Fluss bei, dabei in vorzüglicher Manier die synkopierenden Achtel im Bass einzustreuen.

    Hier hält sie ähnlich wie Afanassjew die beiden Generalpausentakte 154/155 lange an.

    Den ersten durchführenden Abschnitt (hier ab Takt 156) spielt sie durchaus dynamisch hochstehend und erzeugt so einen veritablen dynamischen Kontrast zum lyrisch leisen Seitenthema, jedenfalls im ersten Abschnitt bis zum Decrescendo in Takt 184.

    Im zweiten, lyrischen Abschnitt mit den durchlaufenden Achteltriolen (ab Takt 185 bis Takt 223) spielt sie wieder im luftig-leichten Spiel wie zu Beginn.

    Dann im zweiten Themenauftritt mit vermeintlich reprisenhaften Beginn spielt sie dann wieder dynamisch hochstehender den hier durchführungshaftigen Abschnitt, und da langt sie durchaus zu.

    Auch die häufigen Dynamikwechsel ab Takt 268 mit Auftakt gelingen ihr vorzüglich, ebenso in den Sechzehntel-Tonleitern ab Takt 292 mit den kontrastierenden Oktavgängen im Bass, die sie mit einem berührenden Decrescendo abschließt, hin zum nächsten Themenauftritt (ab Takt 312) und dem Seitenthema (ab Takt 360). Auch hier "schließt sie wieder ab" mit zwei langen Generalpausentakten (hier Takt 428/29).

    Ein letztes Mal folgt der zweigeteilte Durchführungsabschnitt, zuerst dramatisch/non legato, dann (hier ab Takt 459) wieder lyrisch fließend, bevor ein letztes Mal das Thema, hier nur konzentriert auf den Beginn, mit dem wie eh und je ruhig ausschwingenden G-Akkord eingeleitet wird. Auch sie spielt diesen in den Wiederholungen (zuletzt Takt 505/503) zunehmend leiser.

    Dann schließt sie mit einer begeisternden Presto eine wirklich grandiose Interpretation ab.


    Liebe Grüße


    Willi :thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Es kommen noch einige Entdeckungen, lieber Holger, jedoch mit Eduard Erdmann als Nächstem einer der Altvorderen.


    Dir auch eine gute Nacht


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Hallo Willi,


    Eine so ausführliche Besprechung einer einzigen Aufnahme zu machen - und allein schon zu schreiben - ist ja schon eine fast unmenschliche Arbeit! Und dazu noch die zahlreichen täglichen Erinnerungen an Verstorbene und Geburtstag-Glückwünsche an lebende Musiker!! Wann machst Du das bloß alles, lieber Willi?? Du besuchst ja auch noch Konzerte und hast Auftritte mit dem Chor! Dein Pensum und Dein Engagement für die Musik ist wirklich bewundernswert! Ich muß schon zusehen, daß ich Zeit finde - meist nachts, um Deine Berichte in Ruhe zu lesen, was jedes Mal wieder spannend ist. NAMI EJIRI kommt ja bei Deiner Besprechung noch besser weg als so mancher berühmte Name! So werde ich mich auch mit dieser Pianistin einmal genauer beschäftigen müssen. Ich hörte sie schon einmal kurz mit CHOPIN und SCHUBERT's Impromptu op. 90 Nr 3, und dabei fällt mir schon einmal ihr unglaublich gefühlvolles, introvertiertes Spiel auf. Eine tolle Persönlichkeit!


    Deinen Bericht werde ich etwas später genau studieren.


    Viele Grüße, und mein ganz großes Kompliment zu Deiner Leistung!

    wok


    PS Vielleicht kommst Du ja auch irgend wann auch einmal zu der Besprechung von FRIEDRICH WÜHRER's Einspielung! Aber der Buchstabe "W" kommt bekanntlich ganz am Schluß!

  • Ich hörte sie schon einmal kurz mit CHOPIN und SCHUBERT's Impromptu op. 90 Nr 3, und dabei fällt mir schon einmal ihr unglaublich gefühlvolles, introvertiertes Spiel auf.

    Ja. lieber Wok. Das ist mir beim Reinhören auch aufgefallen. Das geht in Richtung Ushidas empfindsamem Spiel - nur noch ein bisschen weiter. :)


    Schöne Grüße

    Holger